Gesellschaft

Kirche und Politik

Friedrich Wilhelm Graf, Professor der evangelischen Theologie in München, hat ein Interview gegeben, in dem er die Kirchen kritisiert hat. Diesmal ging es nicht um die Verweiblichung der Kirche oder einen Kuschelgott, sondern um die politischen Äußerungen von Kirchenleuten.

Der epd zitiert Graf folgendermaßen:

Das geistliche Amt macht keineswegs politisch klüger oder kompetenter als andere Rollen in der pluralistischen Gesellschaft.

Damit hat er Recht. Wo ich aber etwas stutze ist, wenn der epd ebenfalls schreibt, nach Graf sollten sich die Kirchen auf religiöse Sinndeutung und Riten zur heilsamen Unterbrechung des Alltags konzentrieren. Man müßte das ganze Interview mal lesen, aber ich habe es nicht zur Hand. So wie sich mir die Sache jetzt darstellt, bin ich ein wenig stutzig.

Es hört sich fast so an, als wolle Graf die Kirche auf ein wenig Eiapoppeia reduzieren, ein bißchen Opium fürs Volk, wenn man so will, damit das Volk sich gut fühlt.

In früheren Verlautbarungen (siehe Link) fand er das noch verkehrt, deshalb bin ich etwas zurückhaltend, ob ich ihn richtig verstehe.

Fakt ist doch, daß die Kirche zuerst und vor allem die Aufgabe hat, das Evangelium zu verkünden. Man kann das als geistliche Aufgabe verstehen, aber sie ist doch nicht unpolitisch! Die Gesellschaft, in der Jesus lebte, scheint mir das auch so verstanden zu haben, sonst wäre Er wohl kaum als politischer Aufrührer hingerichtet worden. Jedenfalls gab es diese Deutung recht bald, wie die Rede vom König der Juden in den Evangelien nahelegt.

Fakt ist aber auch, daß selbst wenn ein Bischof (oder auch ein Pfarrer) nicht politisch klüger ist als andere, er dennoch eine Verantwortung hat, mit der er umgehen muß. Und dazu gehört, nicht zu schweigen, wenn Probleme ausgemacht werden. Sicherlich können Bischof und Pfarrer sich irren, aber ebenso geht es doch auch Politikern, die mal eben in ganz andere Ressorts wechseln können, je nachdem, wo der Parteienproporz ihre Arbeit gerade benötigt. Oder wie ist es mit Journalisten, die zunehmend weniger Zeit haben, Artikel gründlich zu recherchieren udn die immer mehr den Eindruck vermitteln (wenigstens mir), daß vor allem voneinander abgeschrieben wird und man lediglich sich selbst verstärkt.

Nehmen wir als Beispiel die Flüchtlingsproblematik. Da sind Menschen, die ihr Leben riskieren, um nach Europa zu kommen. Manche fliehen vor Krieg, manche hoffen auch eine wirtschaftlich bessere Zukunft und womöglich sind auch Abenteurer dabei. Wie dem auch sei: Viele dieser Menschen kommen bei dem Versuch um, die Küste Europas zu erreichen, und wenn sie doch herkommen, steht ihnen oftmals ein Leben eingepfercht im Lager auf Lampedusa bevor. Sicherlich besser als in irgend einem Bürgerkrieg zu verrecken, aber ist es wirklich gut? Wenn Kirchen hier den Finger in die Wunde legen und darauf aufmerksam machen, daß hier ein wirkliches und echtes und dramatisches Problem vorliegt, kann ich daran nichts Verkehrtes erkennen. Hat Amos zum Elend seiner Landsleute geschwiegen?

Gleiches gilt für den Aufreger vor ein paar Jahren, als Käßmann ihr „nichts ist gut in Afghanistan“ losließ. Hatte sie Unrecht? Hat das Militär die Situation tatsächlich verbessert? Fürchten wir nicht, daß die Taliban wieder die Macht übernehmen, wenn die internationalen Truppen abgezogen werden?

Probleme müssen angesprochen werden, wenn sie auftauchen. Und Kirchenleute haben oftmals eine gewisse Freiheit, die andere Akteure im politischen Feld nicht haben: Politiker wollen wiedergewählt werden, Journalisten wollen ihre Zeitungen verkaufen. Kirchenleute leben von der Kirchensteuer, sind beamtet und vom Broterwerb freigestellt. Sie können freier sagen, was sie denken, als andere, und sie haben die Bühne dazu. Dies nicht zu nutzen wäre IMHO viel schlimmer. Denn dann hätten sie etwas tun können und taten es nicht.

Freilich stellt sich die Problematik, daß Kirchenleute auch falsch liegen können. Manche vertreten auch ziemlich haarsträubenden Unsinn. Das ist die Kehrseite, nicht nur der herausgehobenen Stellung der Kirchenleute in der Gesellschaft, sondern von Redefreiheit und freiheitlicher Demokratie überhaupt.

Falsche Propheten erkennt man daran, daß das, was sie prophezeiten, nicht eintrat. Mehr hatten die Leute in biblischen Zeiten auch nicht. Uns geht es ebenso. Das Problem der falschen Propheten besteht fort.

Ein anderes Beispiel. USA, 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Während eineige Afroamerikaner nach mehr Rechten und Freiheiten strebten, gab es weiße Gemeinden, die dem zwar im Grunde positiv gegenüber standen, die aber Mäßigung einforderten und auch darauf hinwiesen, daß die Kirche nur das Geistliche betrifft. Dagegen haben Pfarrer, Martin Luther King Jr. ist in Deutschland wohl der Bekannteste, immer auch in ihren Predigten auf die Bürgerrechtsbewegung und ihre Ziele Bezug genommen wie umgekehrt bei Demonstrationen auch immer christlich-biblisch argumentiert.

Ich kann mir vorstellen, daß es damals Menschen gab, die sich unschlüssig waren, ob das nun okay so war, Gott für diese eigentlich politischen Ziele in Anspruch zu nehmen. Heute sind wir wohl mehrheitlich der Auffassung, daß King und seine Mitstreiter tatsächlich auch die Sache Gottes betrieben, daß die Gleichberechtigung eine Forderung Gottes ist die auch in den Kirchen nicht verschwiegen werden darf.

Man kann den Bogen noch weiter zurück spannen in die Nazizeit und den Kirchenkampf damals (gerade auch was Röm 13 angeht).

Wenn jemand Unsinn redet, so kann man sich damt auseinandersetzen. Man kann sagen, oder schreiben: Herr Schneider, Frau Käßmann, Herr Graf, da haben sie Unsinn geredet. Und dann kann man im konstruktiven Streit gemeinsam zu einer besseren Position kommen.

Wichtig ist jedoch auch, daß die Kirchenleute ihre politischen Aussagen im Evangelium verankern. Das geht gerne einmal unter, was auch an den Medien liegen kann. Trotzdem habe ich den Eindruck, man kann das Evangelium und seine Rolle aus einer Rede Kings viel schwieriger herauskürzen als aus aktuellen Stellungnahmen von Kirchenleuten. Allerdings könnte ich es auch nicht besser machen.

In diesem Sinne, ein glückliches und erfolgreiches 2014.

Treibgut aus dem Netz

Netzfunde vom Mittwoch, den 11. Juli 2012

Christian hat noch weitere neun Klischees aufgeschrieben. Außerdem gibt es 10 Gegenmittel gegen christliche Clichés. (Wie schreibt man das jetzt eigentlich?)

Eric Djebe hat nen sehr guten Artikel über heiligen Zorn geschrieben.

Der Autor von Jesus und Mo hat heute Probleme, den Unterschied zwischen unmündigen Kindern und mündigen Erwachsenen zu verstehen. Oder ärgert er sich in ähnlicher Weise darüber, daß Eltern für ihre Kinder die Haarfrisur, die Kleider, die angemessenen Spielsachen, den angemessenen Freundeskreis aussuchen? Aber sobald es Religion ist, handelt es sich um schlimmste Unterdrückung, wie man sie selbst in der Steinzeit nie hatte…

Bei humanicum geht es heute um ESM/Fiskalpakt und um Zwangsarbeit. Außerdem geht es um die Abschaffung der Residenzpflicht für Asylanten und in welcher Weise der entsprechenden Petition „entsprochen“ wurde.

Auch Erik Schüler schreibt von ESM und Fiskalpakt. Das scheint sowieso ein interessantes Thema zu sein, so ganz begriffen um was es da geht, hab ich nicht, aber ich informier mich auch immer seltener über sowas. Es gibt anderes zu tun nd wenn das Geld kaptt geht? Nun, ich hab eh kaum welches. Verlieren können nur die Großkopferten und diejenigen, die sich dahinsparen wollten…

Ein weiterer Artikel zum Thema Beschneidung hat Stephanie geschrieben. Ich glaub aber ich versteh nicht, auf was sie hinaus will.

Gerd Häfner äußert sich zur Berichterstattung bezüglich des neuen Jobs von Bischof Müller, der ja bekanntlich Nachnachfolger des aktuellen Papstes als „Oberinquisitor“ wurde.

Peter schreibt zu Sexualethik, Bischof Woelki und die „Therapierng homosexeller Neigungen“ in den USA.

Die Titanic hatte mal wieder ein böses Cover und diesmal war der Papst das Ziel. Das hat viele Reaktionen hervorgerufen. Zum Beispiel vom Herrn Alipius. Oder von Thomas, dessen Reaktion eher in die gegengesetzte Richtung neigt.

Warum die Redefreiheit nicht für Christen gilt, kann man bei Jason Hess nachlesen und Trevor Scott Barton hat nen Artikel über Heldentum geschrieben.

Uncategorized

Bloechle

Die Präimplantationsdiagnostik, die gestern durch den Bundestag zugelassen wurde, hat mich ja schon einige Male beschäftigt hier. Und eigentlich dachte ich auch, es sei dazu alles schon gesagt. Doch da sich Matthias Bloechle auf evangelisch.de nochmal zum Thema geäußert hat, und ich einfach das Mal nicht halten kann, wenn mich etwas ärgert, hier nochmal ein Artikel, hoffentlich dann der letzte.

Was ärgert mich denn nun an Bloechles Artikel?

Absurdität

Etwa diese Aussage hier:

Die absurde Situation, dass ein Embryo vor der Einnistung nicht auf genetische Erkrankungen untersucht werden durfte, derselbe Embryo nach der Einnistung aber doch, ist mit diesem Gesetz aufgehoben worden.

Meines Wissens nach war ja nicht die genetische Untersuchung des Embryos vor der Einnistung, die verboten war (oder eben auch nicht, weshalb ja neu entschieden werden mußte), sondern die Entscheidung über die Herbeiführung der Einnistung desselben aufgrund der Untersuchungsergebnisse. Und da ist es dann eben auch nicht so, daß die Unterschung nach der Einnistung das Gleiche ist: Während die Untersuchung vorher über die Einnistung des Embryos entscheidet, ist das im Nachhinein nicht mehr der Fall. Auch ist es im Nachhinein nicht legal, die Einnistung des Embryos rückgängig zu machen, auch wenn es unter bestimmten Bedingungen straffrei bleibt. Bloechle verschweigt also die Hälfe, vergleicht dann Äpfel mit Birnen und behaptet am Schluß, daß eine absurde Situation abgeschafft wurde. Ich sehe es etwas anders. Die Situation ist ja gerade absurd geworden: Macht ein Paar eine künstliche Befruchtung, kann es ohne illegal zu handeln, einen gesunden Embryo auswählen. Ist das Paar jedoch  in der Lage, ohne künstliche Befruchtung ein Kind zu bekommen, und stellt man einen schwerwiegenden genetischen Defekt fest, so ist zwar eine straffreie Abtreibung möglich, legal ist das Ganze aber nicht mehr. Der einzige Unterschied ist die Nidation des Embryos, und ich sehe beim besten Willen keine ontologische Veränderung kurz vor und kurz nach der Nidation beim Embryo. Kurz gesagt: Ich finde die jetztige Situation durchaus absurder.

Unrechtes Handeln

Mich ärgert auch das hier:

Es hatte bei den Betroffenen eine enorme psychische Auswirkung, dass ihnen im Heimatland eine mögliche hilfreiche Therapie vorenthalten wurde. Viele konnten das nicht verstehen und fühlten sich dadurch in die Nähe von unrechtem, ja strafrechtlich relevantem Handeln gerückt.

Sieht man mal von der moralischen Komponente des Begriffes ab, so ist „unrecht“ ein Adjektiv, das eine Diskrepanz zum geltenden Recht beschreibt. Und die Vornehmng einer PID in einem Land, in dem die PID verboten ist, ist unrecht und im Zweifel auch strafrechtlich relevant. Die Eltern fühlten sich also zu Recht in diese Nähe gerückt. Das Verfassungsgericht entscheid nach Bloechles Selbstanzeige, daß PID doch nicht Unrecht war. Aber bis dahin war es zweifelhaft und auch danach sah man die Notwedigkeit, per Gesetz eine klarere Situation zu schaffen. Damit dürfte die Nähe zum Unrecht gegeben sein, auch wenn die Sache selbst wegen einer Gesetzeslücke legal war.

Paternalismus

Er steigt damit ein, daß

[v]iele Gegner der PID […] dazu [neigen], Entscheidungen, welche unmittelbar nur auf das Leben der betroffenen Menschen Auswirkungen haben, durch ein strafrechtliches Verbot zu regeln. Hier werden Argumente vorgetragen, dass man die Frauen nicht einer belastenden Hormonbehandlung aussetzen dürfe, dass die Erfolgsaussichten einer künstlichen Befruchtung mit PID nur gering seien und dass die Geburt eines gesunden Kindes nicht garantiert werden könne.

Er spricht von Auswirkungen nr für die betroffenen Menschen und nennt dann auch nur solche. Allerdings hat die Entscheidung ja noch Auswirkungen auf andere. Durch die Zulassung der Selektion von menschlichem Leben hat das Ganze eben auch einen gesellschaftlichen Aspekt. Zu Recht gibt es Widerspruch, wenn Menschen, die im Koma liegen, der Stecker gezogen werden soll. Oder wenn Babies ohne Selbstbewußtsein das Lebensrecht abgesprochen wird. Und zwar unabhängig davon, ob es nun unsere Babies und Frende im Koma sind, oder gänzlich Unbekannte. Ansonsten könnte man vor dem Hintergrund noch mal besprechen, warum einige Drogen illegal sind, denn die schädigen ja ebenfalls nur diejenigen, die sie konsumieren…

Ansonsten hat er aber Recht, wenn er kritisiert, daß die Hormonbelastung für die werdenden Mütter als Gegenargment hergenommen wird. Abgesehen davon, daß dies ein Argument gegen künstliche Befruchtung an sich ist, und nicht gegen PID.

Privat zu beantwortende Frage

Doch sind sie Begründung genug, anderen Menschen andere Entscheidungen für ihr persönliches Leben zu untersagen? Sind die eigenen Gefühle zu diesem Thema ausreichende Begründung, anderen Menschen wesentliche Freiheitsrechte vorzuenthalten? Die Frage von Schwangerschaft und Kinderwunsch ist eine privat zu beantwortende Frage. Sie fällt unter das im Artikel 2 des Grundgesetzes verbriefte Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Der Staat darf keiner Frau vorschreiben, dass oder wann sie schwanger werden muß, ebenso wie er keiner Frau untersagen darf, schwanger zu werden.

Vorenthaltung von Freiheitsrechten führt er an. Allerdings, welche Freiheitsrechte meint er? Er führt Art. 2 GG an:

Artikel 2

… soweit er nicht die Rechte anderer verletzt nd nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt…

Verstößt die Selektion eines Embryos aufgrund der Gene gegen Rechte Anderer? Das sehe ich erst einmal nicht. Das Sittengesetz? Das ist von der Allgemeinheit und deren Einstellung abhängig und insofern mindestens fraglich. Und die verfassngsmäßige Ordnung? Ja, da sehe ich einen Punkt:

Unsere Verfassung, sprich das Grundgesetz, schützt in Artikel 1 die Würde des Menschen. Nun kann man sagen, dies sei ein hohler Begriff, aber es steht nn einmal da, also mß man es auch mit Inhalt füllen.

Sieht man es nun so, daß es der Würde des Menschen widerspricht, bei Menschenleben eine Wertigkeit einzuführen, dann würde das hier zutreffen. Denn die Selektion geschieht aufgrund von Fakten, die nicht anders bei geborenen, lebenden Menschen vorliegen und dort nicht zu einer Wertung führen dürfen. Folglich ist es nicht einsehbar, warum diese Fakten nun bei einem Embryo über Sein und Nichtsein entscheiden können.

Ja, ich sehe hier unsere verfassungsmäßige Ordnung tangiert, und zwar enorm. Dagegen wird immer wieder vorgebracht, daß die Embryonen keine ganzen Menschen wären. Was die Gegenseite allerdings nicht sagt ist, wann und warum ein Mensch als Mensch gilt. Die Frage ist sicherlich nicht einfach, aber ich halte die Verschmelzung von Samen- und Eizelle für einen klaren und sinnvollen Einschnitt.

Der Staat hat verstanden, dass er einer Frau die Entscheidung überlassen muß, ob sie schwanger bleiben will oder einen Abbruch der Schwangerschaft vornehmen lässt.

Nein! Eine Fra kann durchaus selbst entscheiden, ob sie schwanger werden will. Wenn sie aber schwanger ist, so genießt der Zellhaufen in ihrem Unterleib den Schutz des Staates. Er ist nicht auf Gedeih und Verderb der Frau ausgeliefert, auch wenn recht viel inzwischen straffrei bleibt (was im Prinzip ja auch nicht ganz so verkehrt ist).

Auch die Frage, ob eine Frau mit einem kranken und sie womöglich krank machenden Embryo schwanger werden will oder nicht, hat der Staat nicht zu entscheiden.

Die Frage besteht gar nicht, denn ohne PID weiß die Frau gar nicht, ob der Embryo krank ist oder macht. Allerdings hat der Staat die Pflicht, für den Schutz derjenigen zu sorgen, die sonst nicht geschützt werden und durch Individualinteressen bedroht sind.

Die Frau hat absolut die Freiheit, ein Kind zu bekommen. Und der Staat läßt es zu, daß zu diesem Zweck im Zweifel auch mehr Embryonen hergestellt werden, als man braucht, obwohl er eigentlich die Pflicht hat, die Embryonen zu schützen (wozu sonst ein Embryonenschutzgesetz?). Nun hat der Staat allerdings den Schtz der Embryonen komplett fallen lassen für den Fall, daß sie zum Zweck einer künstlichen Befruchtung hergestellt wurden und die Gefahr einer ernsthaften Erkrankung oder Totgeburt etc besteht.

Es ist doch absurd: Auf der einen Seite meint der Staat, qua Emrbyonenschutzgesetz, Abtreibungsrecht etc das werdende Kind zu schützen, andererseits fällt dies aber komplett flach, wenn bestimmte Bedingungen gelten.

Es steht zu befürchten, daß auch die liberale Fraktion in der bioethischen Debatte diese Absurdität bald bemerkt und nach entsprechenden Ausbesserungen der Gesetze ruft. So wie die straffreie Möglichkeit der Spätabtreibung nun als Argment für die PID benutzt wurde.

Martin Luther

Den Bock abgeschossen hat Bloechle aber meiner Meinung nach mit der Berufung af Luther:

Gerade der Protestantismus fußt auf der Gewissensentscheidung. Martin Luther stand 1521 vor dem Reichstag in Worms und sagte: “ ..mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, ich kann und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun.“ Die Einführung des eigenen Gewissens hat erst zu den modernen aufgeklärten Gesellschaften geführt, in denen wir heute leben dürfen. In Zeiten, wo das individuelle Gewissen nicht zählte, loderten die Scheiterhaufen!

Ich geb ihm da ja durchaus Recht, daß Luther am Anfang der Entwicklung des Individualismus und damit unserer neuzeitlichen, aufgeklärten Weltanschauung steht (zusammen mit anderen wie etwa Calvin oder Zwingli).

Allerdings brennen nicht nur da die Scheiterhaufen, wo der Individualismus nicht zählt. Wo er unbegrenzt ist, treibt auch der Individualismus sein Unwesen. Wer es nicht glaube mag sich in Winkel dieser Welt begeben, wo der jeweilige Gewaltherrscher ganz individuell dafür sorgt, daß andere Individuen nichts zu melden haben.

Luther forderte in Worms Redefreiheit. Die PID Befürworter fordern die Verproduktung des Kindes, inklusive Qualitätskontrolle. Und wenn bei der PID Fehler gemacht wurden? Gibt es dann eine Schadenersatzpflicht?

Luther forderte für sich eine Freiheit, die keinen anderen einschränkte. Das passt noch wunderbar zu Artikel 2 GG. Die PID aber verstößt dagegen, indem es zu einer Selektion des guten Lebens kommt und das Kind zm Produkt gemacht wird.

Gerade die evangelischen Christen in Deutschland sollten sich berufen fühlen, für die Freiheit der Gewissensentscheidung einzutreten, auch wenn sie sich die Entscheidung im Einzelfall nicht zu eigen machen können.

Gewissensfreiheit immer. Aber nur, wo keine anderen zu Schaden kommen. Was ist mit dem Fall, daß wirklich etwas schief läuft und ein behindertes Kind zur Welt kommt? Was, wenn die Eltern von Beginn an wußten, daß sie mit einem behinderten Kind nicht klarkommen würden? Was, wenn es dann doch da ist?

Ich finde, Schwangerschaft bedeutet auch Verantwortung, und zwar in der Art, daß man den Kindeswunsch hat oder nciht, aber nicht abhängig von einer Mindestlebensdauer oder dergleichen.

Aber wie auch immer: Der Bundestag hat entschieden, und wir haben uns daran zu halten. Die Demokratie kann eben auch die freiheitliche Grundordnung eines Rechtsstaates in Zweifel ziehen. Etwa wenn Abgeordnete sich durch unsinnige Gedankenexperimente beeindrucken lassen.

Ja, ich habe wieder einen Artikel geschrieben, indem ich kein Mitgefühl für die Lage der Eltern gezeigt habe. Das liegt aber eher daran, daß ich mich aufs Thema konzentriere, und die Emotionen der Eltern sind bei allem Mitgefühl kein Argument in der Sache, genausowenig wie die Gefühle der Opfer einer Straftat eine Rolle spielen, wenn ein Beschuldigter aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden muß. Gerade wenn die Opfer überzeugt sind, daß er es war, ist das furchtbar. Aber eben nicht zu ändern.

Uncategorized

Von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit

Ich hab grad ein Seminar belegt zu der Schrift Zwinglis mit dem Titel, den ich hier in der Überschrift genannt habe. Zwingli bezieht in dieser Schrift Stellung zu den gesellschaftspolitischen Fragen seiner Zeit. Es es die Zeit der Reformation, 1523, die Reformatoren haben gerade der kirchlichen Obrigkeit ihre Berechtigung abgesprochen und verschiedene Mißstände in der Gesellschaft angeprangert. Gleichzeitig formiert sich die Bewegung der Täufer, vor allem in der Schweiz, und ach in Deutschland bewegt man sich in Richtung Bauernkrieg.

Denn das Volk, nun bestärkt darin die Bibel selbst zu lesen und falsche Dogmen eigenständig zu entlarven, will Gerechtigkeit von den Fürsten, will nicht mehr unterdrückt werden.

In diese explosive Stimmung hinein schreibt Zwingli seine Schrift, und macht eine Differenzierung auf zwischen göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit. Die göttliche Gerechtigkeit ist die absolute Gerechtigkeit, unter der niemand leiden müßte, die alles betrifft und jede Verfehlung klar anzeigt.

Diese Gerechtigkeit ist vom Menschen nicht machbar. Kein Mensch kann sich zu 100% jederzeit daran halten. Hier kommt die Erbsündenlehre ins Spiel, aber darauf will ich hier nicht eingehen.

Obwohl kein Mensch die göttliche Gerechtigkeit einhalten kann und Gott auch gnädig ist (zumindest den Gläubigen gegenüber, noch so ein Thema, auf das ich hier nicht eingehen will), ist der Mensch doch schuldig, nach dieser Gerechtigkeit zu leben, beziehungsweise sich anzustrengen, es zu versuchen.

Dabei macht Zwingli eines klar: Richter über die Einhaltung der göttlichen Gerechtigkeit ist nur Gott alleine. Keine Obrigkeit kann sich anmaßen, darüber zu befinden. Dazu weiter unten mehr.

Teil der göttlichen Gerechtigkeit ist jedoch auch die menschliche Gerechtigkeit, über die die weltliche Obrigkeit, also die Landesfürsten bzw. Stadträte (Zwingli lebte ja in Zürich) zu wachen hatte. Aufgabe der weltlichen Obrigkeit ist dabei, für Ordnung zu sorgen, also zivilen Frieden. Bestrafung von Räubern und Mördern etc, Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit. Dieser Obrigkeit sei jeder Christ verpflichtet, Zwingli verweist auf Röm 13. Auflehnen gegen diese Obrigkeit ist dem Gläubigen untersagt, da jede Obrigkeit von Gott eingesetzt ist (eben Röm 13).

Neben der weltlichen Obrigkeit gibt es jedoch noch den Klerus, die Geistlichkeit. Dieser wird jede Obrigkeitsrolle abgesprochen. Wenn jemand Fürst sein will, so soll er sich nicht Verkünder und Bote nennen und den Titel Bischof führen, so schreibt er sinngemäß. Denn die Geistlichkeit hat für ihn eine ganz andere Rolle als das Schwert z führen.

Und darum geht es mir in diesem Beitrag: Mir scheint es, als führe Zwingli zum ersten Mal so etwas ein, wie eine Gewaltenteilung. Die Geistlichkeit hat nämlich die Aufgabe, zu verkündigen, und zwar das Gesetz Gottes aber auch das Evangelium. Nun spielt das Gesetz Gottes in vielen Fällen in das zivile Leben hinein. Die Forderung an die Armen zu denken kann durchaus eine Forderung an den Staat sein, also die weltliche Obrigkeit. Und wenn diese Forderung in der Kirche verkündigt wird, wird damit auch indirekt die weltliche Obrigkeit kritisiert. Man kennt diese Kritik der Politik von der Kanzel herab ja spätestens seit Margot Käßmann. Zwingli wäre damit wohl einverstanden gewesen, er spricht auch vom Wächteramt.

Und wie soll dich die weltliche Obrigkeit dazu verhalten? Sie soll nicht in die Verkündigung reinreden, weil das Gewissen nicht gezwungen werden darf. Man kennt das ja schon von Luther kurz vorher: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Aufgrund seines Gewissens und seiner Überzeugung hat er Kaiser und Papst widerstanden und mußte mit dem Tod rechnen. Trotzdem beugte er sein Gewissen nicht.

Ähnliches verlangt auch Zwingli: Die Obrigkeit soll sich aus dem Gewissen raushalten. Dieses betrifft den inneren Menschen und die göttliche Gerechtigkeit, darüber richtet Gott einmal. Verfehlungen auf diesem Gebiet sind eine Sache zwischen dem Menschen und Gott.

Der weltlichen Obrigkeit bleibt allein über den äußeren Menschen zu urteilen, also über seine Taten.

Ich glaube, in der Reformation wurde damit etwas eingeführt wie das, was wir heute die vierte Macht im Staat nennen: Die Presse, auch wenn es keine Presse war, sondern die freie Verkündigung. Sicher war diese Forderung Zwinglis nicht zwangsläufig durch die Obrigkeit gedeckt, aber der Gedanke scheint mir eine Grundlage zu sein für die später einsetzende Aufklärung, auf die Forderung nach dem Recht der freien Rede, das dann wiederum sicherlich auch gegen die inzwischen mit der Staatsgewalt wieder im Bündnis stehenden Kirche erkämpft werden mußte.

Jedoch finde ich diese Verneinung einer absoluten Obrigkeit, die auch über das Gewissen befinden kann, spannend. Auch wenn hier keine Gewaltenteilung in Exekutive, Legislative und Judikative gefordert wird, der Gedanke ist wohl noch etwas zu fern, die Macht der Obrigkeit wird zurückgedrängt, das Individuum bekommt ein Mindestmaß an Freiheit zugesprochen. Und all das begründet mit der Bibel, nicht mit irgend welchen Philosophen.

Gerade in der Hinsicht wäre es sicherlich einmal interessant nachzusehen, inwieweit Zwingli hier von der Idee her auf ältere Philosophen zurückgreift, er war ja immerhin Humanist und dürfte einen gewissen Kenntnisstand in diesem Bereich gehabt haben, und auch Luther, der ähnlich dachte, war wohl nicht ganz unwissend in Bezug auf die Philosophien, bezieht sich aber auch nach eigenem Verständnis allein auf die Schrift.

Mit diesem im Hinterkopf fällt es mir schwer anzunehmen, daß das Christentum so gar keinen Einfluß hatte auch die Entwicklung des modernen freiheitlichen Staates, wie dies immer wieder von atheistischer Seite behauptet wird. Aber das wird wohl ewig ein Streitthema bleiben. Die Behauptung eines von weltlichen Mächten freien und nur in Gott gebundenen Gewissens scheint mir zumindest ein großer geistesgeschichtlicher Wurf gewesen zu sein.