Gesellschaft, Glaube, Theologie

Papst, Islam und Terrorismus – und die Demut der Sünder

Moritz Breckner ist nicht überzeugt. In einem Kommentar schreibt vier Punkte auf, die als als die Gründe angibt, wieso Papst Franz sich irren soll.

Aber von Anfang: Papst Franziskus hat beim Weltjugendtag vergangene Woche in Krakau mehrfach vom „Terrorismus“ gesprochen, nicht aber von einem „islamischen Terrorismus“. Darauf angesprochen entgegnete er, „es ist nicht richtg und nicht wahr, daßder Islam gewalttätig ist“. Zwar präsentiere der IS sich wie ein islamischer Staat und sei gewalttätig, aber das gelte eben nicht für alle Muslime. Ebenso wie die Gewalttaten von getauften Katholiken, die es ja auch gebe, nicht auf die katholische Konfession übertragen werden können.

Dies überzeugt nun Moritz Breckner vom pro Medienmagazin nicht, die Überschriften seiner Punkte lauten:

  1. Die Motivation der Täter
  2. Rückhalt in der Religion
  3. Die Quantität
  4. Die Qualität

Mich überzeugt wiederum Breckners Argumentation nicht. Daher folgt hier nun ein Kommentar des Kommentars.

Die Motivation der Täter

Der Absatz besteht aus zwei Sätzen. Im Ersten geht es darum, daß ein Christ, der seine Schwiegermutter ermordet, mache das nicht aus religiösen Gründen heraus.

Das mag stimmen, gilt aber ebenso für muslimische Schwiegermuttermörder. Das Problem mit Daesh ist ja nun nicht, daß sie möglichst viele Schwiegermütter ermorden würden, sondern daß sie allgemein zu Gewalt und Terror greifen um ihre Macht zu sichern und dabei über Berge von Leichen gehen. Vor allem auch Berge von Nichtschwiegermüttern.

Doch was ist die Motivation für diese Gewaltexzesse von Daesh? Im Grunde: Machterhalt. Oder Machtgewinn. Es geht zunächst um politische Macht, die Beherrschung eines gewissen Territoriums. Mittelbar spielt dann auch die Außenwerbung eine Rolle. Ich vermute, daß hier das Ziel der Anschläge in Europa liegt: Die nichtmuslimischen Europäer gegen alle Muslime aufhetzen, damit diese isoliert werden und sich nach Syrien aufmachen, um das Territorium von Daesh zu verteidigen.

Bei den letzten Anschlägen spielte ja offenbar auch immer die Isolation, die Hoffnungslosigkeit der Täter eine Rolle. So arbeitet Daesh, und jeder, der in der Folge Muslime ausgrenzt, handelt so, wie Daesh das will und spielt ihnen in die Hände.

Im zweiten Satz behauptet Breckner, daß für gewalttätige Christen ihre Religion für die Straftaten keine Rolle spielt – im Gegensatz zu den Muslimen.

Ich führe diese Aussage auf eine gewisse Betriebsblindheit zurück: Es gab und gibt durchaus immer wieder Christen, die Gewalt durch die Religion rechtfertigen. Bekannt sind historische Beispiele wie Kreuzzüge (Dschihad zur Erlangung des Paradies?), Hexen- und Ketzerverbrennungen (noch heute gibt es in Afrika christliche Gemeinden, die zu Hexenjagden auf sogenannte Hexenkinder aufrufen!), Religions- und Kolonialkriege bis hin zu den Weltkriegen des letzten Jahrhunderts: Immer wieder „Gott mit uns“, „Gott strafe England“ und dergleichen mehr. Gott – der christliche Gott mußte immer wieder herhalten für alle möglichen Gewalttaten. Auch Sklaverei und Rassendiskriminierung. Letztere bis ins letzte Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts sogar staatlich aufrechterhalten in Südafrika.

Aber auch Gewalt gegen Ehefrauen und Kinder wird immer wieder christlich verbrämt (das Weib sei dem Manne untertan, wer mit der Rute spart, liebt seinen Sohn nicht). Mir geht es hier nicht um korrekte Bibelauslegung (die kommt im nächsten Punkt), sondern darum, was ist und was war: Gewalt im Namen der Religion, im Christentum wie im Islam, immer wieder und immer noch. Seien wir als Christen wahrhaftig, halten wir uns an Jesu Gebot und achten wir vor allem auf den Balken in unserem Auge. Ich verstehe den Papst so, daß er dies tun will. Mir will nicht in den Kopf, wie man als Protestant, der sich an der Bibel orientieren will, daran Kritik äußern kann.

Der Rückhalt in der Religion

Jetzt mag jemand sagen: Ja aber, die islamische Religion fordert doch eben genau diese Machtentfaltung eines islamischen Staates, des Kalifats: Die Herrschaft über die ganze Welt, zu erringen durch den Heiligen Krieg, den Dschihad.

So in etwa argumentiert auch Breckner, auch schon im ersten Punkt. Ich frage mich da ja: Wie würde Beckner reagieren, wenn ein Muslim festlegen wollte, was INhalt des christlichen Glaubens ist?

Ich erlebe es immer wieder, daß vor allem konservative christliche Kreise festschreiben wollen, was Islam ist und wie die Lehre des Islam genau aussehe. Sollten das die Muslime nicht lieber selbst tun? Und wenn man auf sie hört, wenn man mal die Ohren öffnet, dann hört man immer wieder Distanzierungen vom Terror und Aussagen, daß das, was die Terroristen tun, in keinster Weise in Einklang mit dem Islam steht.

Breckner erwähnt das sechste Gebot: „Du sollst nicht töten“. Zwei Dinge tut er nicht:

  1. Obwohl er erwähnt, daß es im AT (nicht nur dort, man sehe in die Johannesapokalypse) brutale Verse gibt, vergißt er, daß der Koran an verschiedenen Stellen auch zur Hochachtung gegen Juden und Christen aufruft und festlegt, daß es im Glauben keinen Zwang gibt.
  2. Er bleibt nicht bei der theologischen Diskussion aufgrund der heiligen Texte, sondern wendet sich plötzlich der Realität zu, also dem konkreten Leben von Christen und Muslimen.

Dann meint er, daß eben Christen, auch die fundamentalistischen, keine Terroranschläge organisieren würden. Ich habe oben schon einige christliche Gewalteskapaden angesprochen. Hier fällt mir dann noch Breivik ein, der sich ja auch dezidiert auf das Christentum bezogen hat in seinem Wahn. Was mich wundert ist diese Argumentation von einem Christen zu hören. Ist es nicht so, daß wir Christen glauben, daß alle Menschen – auch wir – Sünder sind? Können wir da wirklich argumentieren, andere wären schlimmer als wir?

Gibt es nicht in den USA auch Anschläge auf Abtreibungskliniken? Freuten sich nicht viele Christen über den Tod Osama bin Ladens (eine Tatsache, die ich schon damals nicht begreifen konnte)? Fordern nicht vor allem auch konservative amerikansiche Christen, daß möglichst jeder überall eine Waffe tragen sollte, um gegen „den Terror“ gewappnet zu sein? Verbrämen sie das nicht religiös? Sind es nicht tausende wenn nicht sogar Millionen, die so denken?

Machen wir uns nicht etwas vor, wenn wir die Terrortoten der Islamisten dem Islam in die Schuhe schieben, die Toten des collateral damage, die unser christlich verbrämter Krieg gegen den Terror verursacht hat, aber nicht sehen wollen. Auch die Toten nicht, die durch christlich verbrämten Kapitalismus, Umweltzerstörung, Abschottung gegen Migration usf. verursacht werden. Wir alle sind Sünder. Wer angesichts dessen mit dem Finger auf andere zeigt (mit dem Ziel, sich als positiver darzustellen), muß sich fragen lassen, inwiefern er sich des eigenen Sünderseins wirlich bewußt ist.

Am Ende wendet sich Breckner wieder dem Koran zu, der das Töten Ungläubiger erlaube. Auch hier stellt sich wieder die Frage, ob ein Christ den Koran für Muslime verbindlich auslegen kann und in Zusammenhang damit die Frage, wieso so viele Muslime das eben gerade nicht tun? Sind sie keine wahren Muslime?

Da die große Mehrheit der Muslime keine Ungläubigen ermordet, sind es wohl alle keine echten Muslime. Wenn es aber keine echten Muslime sind, dann ist ihre angebliche Zustimmung zu solchen Gewalttaten kaum in der Religion begründet, sondern womöglich einfach darin, daß sie Sünder sind wie wir?

Die Quantität

Breckner verweist auf die Zahl der Toten und die umfangreichen Reaktionen der westlichen Staaten. Aber auch hier stellt sich die Frage: Ist das nicht eine sehr eigenwillige Betrachtungsweise: Daß die Nachrichten voll sind von den Anschlägen in Rouen und München statt von den Menschenrechtsverletzungen in Westpapua und Rußland, liegt nicht unbedingt daran, daß das schlimmer wäre. In Brasilien ist womöglich die Zika Fliege ein viel größeres Thema als der Terrorismus. Die angebliche Quantität ist gar keine, sondern lediglich eine Fokussierung. Indem wir uns auf die Terroristen und den Schaden, den sie anrichten, fokussieren, fangen wir schon an, nach ihren Regeln zu spielen. Denn das wollen sie ja: Aufmerksamkeit, um Angst schüren zu können. Statt dessen könnte man auch über die Löcher im sozialen System hierzuland berichten oder über die Zahl der Verkehrstoten.

Es ist eben nicht der Islam, der die Welt in Atem hält, sondern wir fangen an zu hyperventilieren, wenn wir „Islam“ hören. Wegen unserer Vorurteile. In Europa starben seit 1980 mehr Menschen durch rechten Terrorismus als durch islamistischen Terrorismus. Da ist die Angst komischer Weise deutlich kleiner. Warum nur? Weil man als Weißer meint, kein Opfer werden zu können? Man denke an das Oktoberfest!

Die Qualität

Fundamentalismus im Christentum und im Islam äußert sich unterschiedlich.

Das ist die Grundthese. Während die guten Christen beten und vielleicht mal Kritik üben wegen zu viel nackter Haut, würden Muslime schnell zur Gewalt greifen. Hier gibt es zwei Dinge zu bedenken:

  1. Der Begriff des Fundamentalismus kommt aus dem Christentum und beschrieb ursprünglich eine bestimmte Frömmigkeitsart desselben.
  2. Erst dann wurde der Begriff auf bestimmte Prägungen des Islam übertragen. Dabei mag die Ablehnung der fundamentalistischen Prägung des Christentums durch diejenigen, die den Begriff übertrugen eine Rolle gespielt haben, so daß auch im Islam mit dem Begriff Strömungen beschrieben werden, die einem aufgeklärten westlichen Menschen abstoßend erscheinen.

Von daher werden hier schon ein Stück weit Äpfel mit Birnen verglichen. Und dann ist es eben nicht so, daß christliche Fundamentalisten nicht zu Gewalt greifen würden. Gerade in den USA, wo der christliche Fundamentalismus stark ist, ist in diesen Reihen auch eine starke Unterstützung für Kriege gegen muslimische Staaten zu bemerken, außerdem die Neigung zu Waffenverherrlichung und teilweise auch Verherrlichung der Nation und des Militärs.

Christliche Fundamentalisten mögen ihre Frauen nicht in Burkas verhüllen, allerdings gibt es dort eigene Kopftuch-Formen. Die Haare zu verschleiern ist in einigen Gemeinschaften durchaus verbreitet.

Man kann eben nicht so einfach sagen, daß die Qualität von Zwang und Intoleranz im Christentum anders wären als im Islam. Man kann höchsten sagen, daß bei einem selbst oder im unmittelbaren Umfeld das nicht so extrem ist, wie man es sich bei anderen vorstellt oder erlebt hat. Aber das ist etwas ganz anderes.

Fazit

Im Fazit schreibt Breckner natürlich, daß der Papst sich hätte anders äußern müssen. Etwa daß Muslime sich auch sozial engagieren und eine Bereicherung sein können. Das tat der Papst aber nicht, und wie ich meine, mit gutem Grund.

Er wollte offenbar nicht sagen, daß Muslime irgendwie auch nette Menschen sein können. Solche Eiapoppeiareden werden sonst von konservativen christlichen Medien zu Recht kritisiert. Hier fordert man das nun ein: Lieber oberflächliche Schöne-Welt-Rhetorik, statt Bezeugung des Glaubens.

Denn das war es im Grunde, was der Papst tat: Er geiselte den Terrorismus, die Tat an sich, die Sünde. Aber er ließ sich nicht dazu herab, sich oder seine Gruppe als in irgend einer Art überlegen darzustellen. Der Papst ist hier nicht überheblich – wie Breckner es leider ist – sondern demütig.

Diese Demut aus dem Glauben heraus und im Bewußtsein um die eigene Sündhaftigkeit steht einem Christen nach meinem Dafürhalten viel besser zu Gesicht, als alle Triumphposen über die „verlorenen Heiden“.

Netzfunde

Netzfunde, 8. Dezember 2013

Wahlen gibt es erst mal keine, der Ausgang der letzten ist ja immer noch nicht ganz klar, aber ähnlich wie der Wahl-o-mat gibt es jetzt einen Cred-o-mat, und zwar beim Bayrischen Rundfunk aufm woran-glauben Blog. Allerdings ist das kein Tool zur Auswahlhilfe eines Glaubens, sondern dient eher der Vergegenwärtigung dessen, was man glaubt. Es gibt ja keinen Menschen, der gar nicht glauben würde, auch wenn es immer wieder Leute gibt, die meinen, sie könnten ihre Kinder „neutral“ aufziehen, damit die sich dann später „frei entscheiden“ könnten.

Heute hab ichs im Evangelischen Kirchenboten (Druckerzeugnis, daher kein Link diesmal) gelesen und fand es recht krass, wenn auch erfrischen. Michael Diener, der Präses des Gnaudauer Gemeinschaftsverbandes und ehrenamtlicher Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz hat dem pro Medienmagazin ein Interview gegeben. Das Interview hab ich nicht gelesen, das ist hinter einer Paywall, aber was ich in der Berichtserstattung darüber gelesen habe bzw was man bei youtube zu sehen bekommt… er hat sehr deutliche Worte gefunden. So warf er den Evangelikalen vor, eine Sündenhierarchie aufgebaut zu haben, bei der Fragen der Sexualität wichtiger seien als die Frage etwa nach den Flüchtlingen und ihrer Not. Das Interview gibt es in Ausschnitten bei youtube.
Ich bin selbst kein Evangelikaler, aber da sehe ich einen, der nach meinem Empfinden wichtige Probleme anspricht, die ich mit der evangelikalen Bewegung habe.

Eine andere Sache, die vor allem Evangelikalen, so mein Empfinden, wichtig ist, ist die Satisfaktionstheorie. Also die Theorie, daß Gott-Vater Seinen Sohn totschlagen mußte, um den Menschen ihre Sünden vergeben zu können, weil Er sonst Seine Ehre zu verletzt wäre, als daß Er vergeben könnte. Wer hier öfter liest weiß, daß ich damit auch meine Probleme hab. Ist halt ne recht späte Erfindung aus dem Hochmittelalter (genau: Thomas von Aquin). Peter hat sich dazu nun auch zu Wort gemeldet. Ich neige ja der von Aulen vorgeschlagenen Christus Victor Theorie zu, und letztens hab ich etwas über Abaelard gelesen das hörte sich auch ganz vernünftig an.Früher hoffte ich mal, Im Studium die Zeit zu finden, solche Fragen für mich zu klären. Es kam nicht dazu und wird es auch nicht mehr. Vielleicht später mal…

In Amerika gibt es ja so nen Slogan: Put the „Christ“ back in Christmas“, zu deutsch in etwa: Bringt Christus wieder ins Christfest. Es geht dabei wohl vor allem um „Probleme“ wie die Schreibweise Xmas, die wohl als säkular verstanden wird, wobei es sich bei dem X durchaus um ein Rho handeln könnte, also den Anfangsbuchstaben des Griechischen Christos, was dem deutschen CH entspricht, naja…
und dann gibt es ja auch das Problem mit „Happy Holidays“ was ja auch verschweigt, was wir diese Tage feiern – ganz böse. Wie kann man nur! Die Warrioress hat das ganze mal ziemlich treffend kommentiert:

How about putting Christ back in Christian?

Zu deutsch etwa:

Wie wärs, Christus zurückzubringen ins Christsein?

Die Stoßrichtung ähnelt vielleicht der Michael Dieners. Als Fazit steht bei der Warrioress: Wir haben den Kampf um Weihnachten in dem Moment verloren, als wir überzeugt waren, daß es ums Habenwollen geht.

Dann geraten nämlich diejenigen außer Sichtweite, die nichts haben. Die sind dann ja wie wir, wollen auch nur, und sind nicht besonders zu berücksichtigen…

Und noch zwei Artikel hab ich zu Armut und Reichtum, und zwar vom Tall Skinny Kiwi. Vorwürfen wie der, daß Arme Leute nur den ganzen Tag auf der faulen Haut lägenbegegnet er mit diesem Artikel, in dem er aus seinem Leben erzählt, das er in selbstgewählter relativer Armut führt.

In diesem Artikel schreibt er nochmal allgemein von Stereotypen.

Und dann ist ja Mandela gestorben. Bei der SZ gibt es nen interessanten Artikel zum Internet auf Halbmast. Demnach ist immer auch ein bißchen Selbstdarstellung bei den ganzen Tweets und Statusmeldungen bei Facebook et al, in denen es um den Tod bekannter Persönlichkeiten geht. Ich frag mich, ob das schlimm sein muß. Irgendwie betrifft der Tod ja auch einen selbst, auch wenn man denjenigen nicht kannte, er kann durchaus als Vorbild dienen und so auf einen wirken.

Nick Baines nimmt das zur Kenntnis und äußert die Hoffnung, daß die Leute Mandela nicht nur verehren, sondern ihm nachfolgen.

Und Markus Eichler hat auf seinem Blog nen Text aus der Bild-Zeitung, wo es um 7 Botschaften Mandelas geht, die bleiben werden. Ich bin skeptisch, ob die alle bleiben, ist wohl eher fromme Hoffnung. Wenn sein Einsatz für Versöhnung nach so viel Haß und Gewalt in Erinnerung bleibt (und hier und da vielleicht auch nachgeahmt wird), ist schon viel – sehr viel gewonnen.