Theologie

Die vielen und der Eine

Christen sind Atheisten bezüglich aller Götter bis auf einen. Atheisten gehen lediglich einen Schritt weiter.

So hört man immer wieer reden. Und es steht u befürchten, daß immer mehr Menschen meinen, an diesem Satz sei etwas dran, da vielen Menschen inzwischen die religiöse Bildung abgeht.

Um dem ein wenig entgegenzuwirken, möchte ich hier kurz umreißen, wieso das so nicht gesagt werden kann, und wo der Denkfehler liegt.

Was ist Schöpfung?

Die Frage sieht sehr einfach aus, ist aber durchaus tief, beziehungsweise führt in tiefe Tiefen. Dem Monotheisten ist Schöpfung alles das, was „ist“, genauer: was „gemacht ist“. Dazu gehören sowohl Gegenstände und Lebewesen, aber auch lediglich Denkbares wie Einhörner und Waldfeen. Gbe es sie, so wären sie Teil der Schöpfung, nicht jedoch dessen, was außerhalb der Schöpfung liegt. Dazu später mehr.

Die Schöpfung unterliegt weitgehend den gleichen Regeln. Geschöpfe sind prinzipiell in ihrer Macht beschränkt, wenn dazu auch in gewissen Weltbildern, die vielleicht fliegende Pastagerichte beinhalten, bestimmte magische Krafte gehören können. Diese Magie ist aber immer (jedenfalls sind mir keine Gegenbeispiele bekannt) in irgend einer Weise begrenzt. Einwohner der Schöpfung, die Geschöpfe also, können daher im Wettkampf miteinander stehen, und tun das auch oft. Die Mythologien sind voll davon, wie ein Gott versucht den anderen über’s Ohr zu hauen, und das ot auch schafft. Manchmal mischen auch Menschen mit. Diese Götter, die polytheistischen Götter, leben voll und ganz in der Schöpfung und stehen nicht außerhalb. Sie interagieren mit Menschen, unterliegend weitestgehend den gleichen Naturgesetzen und können im Zweifel von ihnen besiegt werden. Mitunter ist auch die Grenze zwischen Göttern und normalen Menschen gar nicht klar gezogen, und ein hin- und herwandern kommt öfter vor. Der Unterschied zu Superman, Spiderman oder dem unglaublichen Hulk liegt allein im Zeitraum der Popularität, und so wundert es auch nicht, daß es eine Zeichentrickserie über den Gott Thor gibt, in dem er rüberkommt wie ein ganz normaler Superheld.

So kann man ausgehend von der Nichtexistenz Supermans und Spidermans durchaus auf die Idee kommen, auch alle anderen Superhelden in Frage zu stellen, oder einfach aufhören, an ihre Existenz zu glauben. Und dann wird es auch mit dem eigentlichen Glauben schwer, dem es nicht um für-wahr-halten geht, sondern um Vertrauen.

Was gibt es außer der Schöpfung noch?

Wenn die Schöpfung schon alle „Märchengestalten“ wie Einhörner, Zeus und das FSM mit einschließt, was gibt es dann noch? Die Antwort ist eigentlich ganz leicht: Den Schöpfer. (und nein, der ist trotz grammatikalisch maskuliner Form weder Männlein noch weiblein noch Neutrum – das sind nämlich geschöpfliche Kategorien)

Was unterscheidet den Schöpfer nun von den Märchengestalten. Zuerst einmal, daß Er gar keine Gestalt hat, aber durchaus mal eine annehmen kann. Aufgepasst: Das beeutet nicht, daß Er zu den Wechselbälgern des Star Trek Universums gehört. Er wechselt die Form nicht, Er nimmt nur manchmal eine Form an. Oder wird in Texten so vorgestellt, als ob Er eine Form hätte. Der Schöpfer muß sich nicht materialisieren, kann es aber. Geschöpfe sind jedoch immer materialisiert gedacht, ob sie nun existieren oder nicht.

Was den Schöpfer noch unterscheidet ist, daß Er die Welt (d.h. die Schöpfung) gemacht hat ud nichts ist, was Er nicht gemacht hat. Er ist nicht einfach nur ein Super-Superheld, der die Kräfte aller anderen Superhelden in Potenz in sich vereinigt. Er ist derjenige mit der Macht, diesen Super-Superhelden entstehen zu lassen. Er befindet sich sozusagen auf der Metaebene.

Einschub: Existiert der Schöpfer eigentlich?

Atheisten mögen hier Morgenluft wittern, vor allem wenn ich jetzt schreibe, daß man diese Frage durchaus bejahen kann. Aber nicht so schnell: Die Frage ist nämlich, was mit „Sein“ oder „Existenz“ gemeint ist. Eigentlich kann man diese Begriffe nur auf Geschöpfe beziehen. Nichts ist oder existiert, was nicht vom Schöpfer gemacht ist. Da der Schöpfer sich nicht selbst gemacht hat, sondern schon immer war, kann Er also nicht „sein“. Trotzdem ist Er da. Und eigentlich bräuchte man dafür ein anderes Wort, um den Unterschied ausdrücken zu können. Was man sich klar machen muß ist: So lange mit Sein oder Existenz Vorstellungen verbunden sind, die in den Bereich der Schöpfung gehören, passen sie nicht auf den Schöpfer. Er ist „der ganz andere“. Zu diesen Vorstellungen gehört unter anderem auch die Form oder Gestalt.

Wie ist es denn nun mit dem Atheismus bezüglich aller Götter?

Es dürfte schon klar sein, wohin die Argumentation läuft. Die verschiedenen Götter, bezüglich deren wir Monotheisten angeblich Atheisten sind, sind keine Götter in dem Sinn, wie der Schöpfer es ist. Wir leugnen ihre Existenz so, wie wir die Existenz von Waldtrollen, Gartenfeen und Einhörnern leugnen. Dabei geht es um Gestalten, die innerhalb der gechöpflichen Welt gedacht sind, Gestalten, die Sein oder Existenz im geschöpflichen Sinn haben müßten, würden sie tatschlich existieren oder sein. Insofern sind wir hier den Atheisten nicht fern, die auch Elfen und Wassergeister ablehnen. Wo aber die Atheisten den Polytheisten näher sind ist dort, wo es um den Schöpfer geht. Sowohl Polytheisten wie auch Atheisten kennen diesen Bereich der Wirklichkeit gar nicht, wobei mir so ist, daß er in einigen polytheistischen Mythologien zumindest angedeutet wird. Von Atheisten wird er aber konsequent geleugnet, oder viel eher vielleicht: ausgeblendet. Darauf angesprochen kommen viele damit, daß sie eben alles Übernatürliche inklusive Himmel ablehnen, und ignorieren damit, daß es nicht um einen Himmel – eine durch und durch geschöpfliche Vorstellung – geht und eigentlich auch um nichts Übernatürliches. Atheisten können Götter nur so denken, wie die Polytheisten sie denken. Als besonders mächtige Wesen, die mit Menschen interagieren. Und viele Atheisten fügen hinzu, daß diese Wesen ihre Mächte dann nutzen, um die Menschen zu unterdrücken.

Um, wie die Atheisten andeuten wollen, als Monotheist Atheist bezüglich aller Götter, inklusive dem Einen, dem Schöpfer zu werden, müßten die Monotheisten sich einen Schritt zurückentwickeln und trotz Schöpfungsebene die Ebene des woher, die des Schöpfers, ausblenden. Das mag möglich sein, aber als Argument reicht nicht aus, auf Superman und den Waldschrat zu verweisen. Viel mehr müßte plausibel gemacht werden, daß das, was ist, nicht irgendwo her kommt, daß es schon immer war und auch durch nichts zusammengehalten wird. Die Konsequenz wäre, das Chaos anzunehmen, Ohne Naturgesetze, ohne Ordnung. Das tut nicht mal der verwegenste Atheist, denn so würde auch Wissenschaft, die ja Ordnung schafft (und damit dem Schöpfer durchaus nahe ist), nicht möglich sein.

Nachbemerkung:

Innerhalb des Schöpferbereichs kann es übrigens nicht mehrere Player geben, so ist auch der Christliche Gott trotz Trinität einer. Jede Gottesvorstellung, die in diesen Bereich gebracht wird, kann prinzipiell mit anderen Schöpfervortellungen identifiziert werden, auch wenn man in Details voneinander abweicht. So etwa beim jüdischen Jahwe, dem islamischen Allah und dem christlichen Gott. Ohne sich das Chaos (und zwar echtes Chaos, da kann man dann auch nicht mehr sagen, daß es Menschen, Häuser und Planeten gibt) einzuhandeln kann es hier keine nebeneinanderstehenden Alternativen geben, statt dessen wird miteinander identifiziert. Man ist sich einig, daß man über das Gleiche spricht, auch wenn man es verschieden ausdeutet.

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 17. Mai 2012 – Christi Himmelfahrt

Schaffet Recht dem Armen und der Waise und helft dem Elenden und Bedürftigen zum Recht. (Ps 82,3)

Heute ist Christi Himmelfahrt. Jesus verlässt die Jünger zum zweiten Mal, läßt sie zurück. Wo Er bisher selbst und direkt die Richtng vorgegeben hat, wo Er die Menschen heilte, zu ihnen ging, sich ihrer annahm, oder zumindest seine Jünger explizit dazu aussandte, sind sie jetzt ganz auf sich allein gestellt. Und da scheint das oben genannte Zitat wunderbar zu passen. Ein Auftrag, eine Maxime für die Zukunft: Kümmert Ech um diejenigen, die Hilfe benötigen.

Doch sieht man sich den ganzen Psalm an, wird schnell klar, daß es nicht die Menschen sind, die angesprochen werden:

„Ein Psalm Asafs.“ Gott steht in der Gottesgemeinde und ist Richter unter den Göttern.
»Wie lange wollt ihr unrecht richten und die Gottlosen vorziehen? „SELA“.
Schaffet Recht dem Armen und der Waise und helft dem Elenden und Bedürftigen zum Recht.
Errettet den Geringen und Armen und erlöst ihn aus der Gewalt der Gottlosen.«
Sie lassen sich nichts sagen und sehen nichts ein, sie tappen dahin im Finstern. Darum wanken alle Grundfesten der Erde.
»Wohl habe ich gesagt: Ihr seid Götter und allzumal Söhne des Höchsten;
aber ihr werdet sterben wie Menschen und wie ein Tyrann zugrunde gehen.«
Gott, mache dich auf und richte die Erde; denn du bist Erbherr über alle Heiden!

Der Auftrag kommt zwar von Gott, aber er richtet sich nicht an die Menschen, er richtet sich an die Götter.

Und das ist doch zuerst einmal überraschend: Welche Götter sollen das sein? Gibt es denn überhaupt Götter außer Gott? Wir Christen (und mit uns die Juden und Muslime) sind hier sehr schnell dabei, ein klares Nein auszusprechen, oder um es mit den Worten des islamischen Glaubensbekenntnisses zu sagen:

La ilaha illa ‚llahu – Es gibt keinen Gott außer Gott

So war das aber nicht immer. Der Monotheismus hat sich – nach allem was wir heute wissen – im letzten Jahrtausend vor Christus entwickelt. Dabei spielte vor allem die Situation der Babylonischen Gefangenschaft eine Rolle, und die Konfrontation der Hebräer mit all den babylonischen Göttern. Über den Monotheisms gelang es, am angestammten Gott – JHWH – festhalten zu können, trotz der militärischen Niederlage. Wo sonst der militärische Erfolg eines Volkes über das andere auch die gößere Macht des Nationalgottes bedeutete, hielt man hier trotz Niederlage an JHWH fest und deutete neu:

Nicht die Machtlosigkeit JHWHs ist schuld an der Niederlage, sondern die Verfehlungen des Volkes. JHWH wurde vom Judäischen Nationalgott zum Herrn über die ganze Welt. Zu dieser Zeit entstanden auch die Schöpfungsgeschichten der Bibel. Gleichzeitig wurden alle anderen Götter depotenziert, bis sie bei Deuterojesaja auf bloße Bilder reduziert waren.

Bei diesen und ähnlichen Texten akm es dazu, daß man ein anderes Verständnis von Gott gewann. Vom Nationalgott – wie es viele gab – kam man zum Schöpfergott, der allmählich alle anderen Götter verdrängte.

Unser Text scheint ebenfalls aus dieser Zeit zu kommen. Gott ist hier schon Richter unter den Göttern, steht also über ihnen. Er fordert sie, die anderen Götter auf, sich um die Armen und Schachen, die Bedürftigen zu kümmern. Schließlich kommt er aber zu dem Schluß, daß sie sich nichts sagen lassen, im Finstern tappen und zu Grunde gehen werden. Und so ist es ja auch geschehen. Man findet heute keine Anhänger Marduks mehr. Auch Aschera und Astarte sind as der Mode gekommen.

Aber was hat uns das heute noch zu sagen? Ein Text, der als Polemik gegen längst verschwundene Götter afgeschrieben wurde und sich bis heute erhalten hat?

Worauf du nun, sage ich, dein Herz hängst und verläßt, das ist eigentlich dein Gott.

So schreibt Luther im Großen Katechismus zur Auslegung des ersten Gebots. nd plötzlich wird das Ganze wieder toppaktuell. Die Götter heute heißen nicht mehr Marduk, Aschera oder Yam, sie heißen Fußball, Geld, und Eigenheim, Familie, Kabrio und Sommerurlaub, meinetwegen auch Fairness, Humanismus, Menschenrechte.

All diese Maximen können nach Luther als Gott aufgefasst werden. Je nachdem, ob man sein Herz daran hängt, oder eben nicht. Und ob sie den Armen Recht schaffen und die Elenden befreien ist auch heute Kriterium dafür, ob sie bleiben werden.

Jesus ist in den Himmel aufgefahren und schickte 10 Tage später den Heiligen Geist auf die Gemeinde herab. Wir sind nicht allein, nicht ganz auf uns gestellt, aber ein Stück weit. Wir müssen entscheiden, immer wieder neu, woran wir unser Herz hängen, an was wir uns ausrichten.

Sind unsere Maximen, ob sie nun Fußball, Menschenrechte oder Kabrio heißen mögen, derartig, daß sie Armen, Waisen und Entrechteten zu Gute kommen, dann sind sie in dem Fall identisch mit Gott, dann werden sie in dem Bereich bleiben. So können sich etwa viele Menschen, auch Arme und Entrechtete (aber nicht nur) über den Aufstiegihres Fußballvereins freuen. Hier würde ich vermuten, daß das Ewige und Göttliche bei der Sache in der Freude liegt, und nicht in der Sportart, die die Freude verursacht.

Ebenso können Fußball, Menschenrechte und Eigenheim aber auch negativ sein, die Armen weiterhin marginalisieren, wenn etwa die Europäische Menschenrechtskonvention die sozialen Menschenrechte ausblendet.

Es geht hier gar nicht um die Details, was gut ist und was schlecht, ob Kabrio besser oder schlechter ist als Humanismus, ob beides zusammen geht und dergleichen mehr. Das mß jeder für sich entscheiden.

Was bleibt ist jedoch die Anforderung, daß die Ärmsten nd Eledesten nicht marginalisiert werden, sondern ebenfalls versorgt sind. Ist dies der Fall, so folgt man der Anweisung Gottes, so hängt man sein Herz an Sein Gebot, ob es nun als Menschenrecht ausformuliert ist oder in anderer Weise. Marginalisiert man die Menschen weiter, und dabei ist es egal auf welche Weise, hängt man sein Herz an einen Götzen, der verschwinden wird, ob dieser Götze nun Marduk, Hedonismus oder Bibel heißt.

Laßt uns hoffen und beten, den richtigen Weg zu finden, die Götzen links liegen zu lassen und uns vorbehaltlos um die Bedürftigen zu kümmern.

Amen.