Theologie

Evangeliumsverkündigung und Islamfreundlichkeit

Ulrich Kasparick hat einen Artikel geschrieben, indem er idea für deren Handeln kritisiet und fordert, daß die EKD idea nicht weiter finanziell unterstützen soll.

Zu dem Artikel hat ein Kommentator „Wga“ folgendes geschrieben:

Als Christ erwarte ich nicht, dass die EKD einen interreligiösen Dialog macht, linke Positionen vertritt, sondern klar das Evangelium des Auferstandenen verkündet: CHRISTUS ALLEIN. Wie soll man da islamfreundlich sein? Der Islam ist eine antichristliche Religion, die mit Christus NICHTS gemeinsam hat. Die Erlösung erfolgt ausschließlich durch das was Jesus am Kreuz getan hat.

Ich muß Wga zugestehen, daß er oder sie im Konfirmationsunterricht aufgepasst hat: Die Erlösung erfolgt durch Christus, durch das, was Christus am Kreuz getan hat, nämlich die Welt geliebt und zwar so sehr, daß Er nicht zurückgeschlagen hat, sich nicht gewehrt hat, sondern lieber den Tod auf sich nahm als die Welt dafür zu bestrafen, daß sie Gott ermordete.

Allerdings kann man Wga denke ich ein wenig dafür kritisieren, das nicht ganz durchdacht zu haben, was Christus da gemacht hat und was daraus folgert. Als Seine Jünger sollen wir Ihm nämlich nachfolgen und unser Kreuz auch auf uns nehmen. Sprich: Wir sollen Liebe üben und nicht zurückschlagen. Das fällt schwer, das wissen wir alle, und wer meinen Blog länger liest weiß, daß ich auch oft austeile, daß ich auch über die Grenze zwischen Bekennen der Wahrheit (soweit man sie erkannt zu haben glaubt) und Angreifen der Gegenposition hinausschieße.

Aber ist ist halt auch so, daß Verkündigung des Evangeliums des Auferstandenen nicht nur bedeutet, andächtig aufs Kreuz zu schauen, sondern daß zur Verkündigung auch unser Tun dazugehört. Wir sollen nicht nur reden, wir sollen auch tun. Und jetzt „tut“ die EKD wie viele landeskirchliche und auch andere Gemeinden interreligiösen Dialog.

Wga fragt, wie man als Christ, der das Evangelium verkündigt, islamfreundlich sein kann. Nun, ich denke man kann nicht nur, man muß, wenn man verkündigen will, freundlich sein. Nicht nur den Muslimen gegenüber, sondern auch allen anderen Menschen gegenüber. Dialog und Islamfreundlichkeit bedeutet ja nicht, daß man die eigene Position verläßt. In einen Dialog kann man nur treten, wenn man die eigene Position kennt. Wenn man sie nicht kennt, muß man vorm Dialog freilich Angst haben, weil man ja nicht weiß, wieso man seine Position hat, so daß man auch plötzlich eine andere POsition bekommen könnte und Muslim werden könnte… es gibt sicher Menschen, denen das Angst macht.

Dialog bedeutet lediglich, daß man sich austauscht darüber, was der je andere glaubt. So daß man nicht auf BILD und idea angewiesen ist. Dann findet man vielleicht auch herraus, daß der Islam mitnichten antichristlich ist, sondern daß es im Islam unter den Muslimen eine ziemliche Hochachtung auch für den christlichen Glauben gibt. Das wird aus den Nachrichten freilich nicht klar, weil es dort immer um irgendwelche Spinner mit Sprengstoffgürteln geht. Man versetze sich einmal in die Lage eines Muslim, der keine Christen kennt und in den Nachrichten nur von Leuten wie Breivik hört, oder von Bush, der einen „Kreuzzug“ machen wollte und ein Land angriff, weil dort angeblich Massenvernichtungswaffen sein sollten, mit dem Ergebnis, daß heute alles noch viel schlimmer ist als unter Saddam. Und Bush meinte dann auch noch, Gott hätte ihm gesagt, das zu tun…

Dialog kann solche falschen Bilder vermeiden helfen und zum Frieden beitragen. Insofern ist der Dialog mit dem Islam und auch allen anderen Religionen genau das, was Wga fordert: Verkündigung des Evangeliums, indem nämlich gezeigt wird: Christen sind nicht gewalttätig, sie reden mit den Menschen und nehmen sie als Menschen wahr, nicht als Stereotypen.

Damit erlösen wir zwar nicht die Muslime, aber Erlösung kann sowieso nur durch Gott geschehen. Aber wir schließen Kontakte, vielleicht sogar Freundschaften, und falls sich irgend ein Muslim entscheiden sollte, zu konvertieren, hat man direkt chon den Kontakt und kann helfen. (umgekehrt natürlich genauso)

Wga schreibt weiter unten:

Was soll da an Gemeinsamkeiten möglich sein. Wer das propagiert hat den seligmachenden Glauben, den auch die Kirchenväter vekündet haben, verlassen.

Es gibt viele Gemeinsamkeiten. Die Muslime kennen die meisten der biblischen Personen und ihre Geschichten. Natürlich haben sie keinen seligmachenden Glauben nach christlichem Verständnis, sie sind ja keine Christen. Aber man verläßt ja nicht den Glauben, wenn man ins Gespräch kommt. Gerade die Kirchenväter haben doch immer wieder das Gespräch zum heidnischen Umfeld gesucht, um eben das Christentum zu erklären. Nichts anderes tun Christen doch im interreligiösen Dialog. Und zum Erklären gehört auch das Zuhören, sonst ist es ja sinnlos. Ergo hat der, der den interregligiösen Dialog führt, den Glauben der Kirchenväter gerade nicht verlassen, sondern steht in dessen Tradition.

Allerdings wundert es mich, daß gerade ein Evangelikaler sich auf die Kirchenväter zu stützen versucht. War da nicht mal was mit allein die Schrift?

Ach, eins noch:

Die Evangelikalen sind auch die, die in Einheit mit allen Konfessionen und quer durch die Kirchengeschichte an der gemeinsamen Haltung gegenüber unbiblischer Lehren bezüglich Gender und Homosexualität festhalten. Die paar Liberalen, die da was ändern, können nicht sagen, dass sie kirchengeschichtlich in Einheit mit den Vätern und allen Konfessionen stehen, nicht mal mit den Leuten in ihren eigenen Konfessionen können sie da behaupten, sie hätten eine Einheit.

Luther hatte am Anfang auch keine Einheit. Mit (fast) niemandem. Ist die Rechtfertigung aus dem Glauben deshalb plötzlich falsch?

Netzfunde

Netzfunde

Gestern war letzter Urlaubstag und ich hab nochmal die religiösen Blogs, die ich so lese, zum Thema Flüchtlinge durchsucht. Mir ist dabei sicher der eine oder andere durchgeschlüpft, aber ich fand es schon interessant, daß ich die meisten Artikel bei einem einzigen Blogger gefunden hab, nämlich bei Volker Schnitzler.

Er geht darauf ein, welchen Stellenwert die Flüchtlinge in der katholischen Blogoezese so haben und wie viel ausführlicher blonde Bikinischönheiten diskutiert werden.

Da scheint die Blogoezese kein gutes Bild abzugeben, aber wenn ich mir die christliche Bloggercommunity durchsehe, dann sind dort, mit Ausnahme der hier erschienenen Artikel, nur diese zwei zum Flüchtlingsthema in den letzten Tagen erschienen (liebe Mitblogger, da können wir doch mehr!):

Viktor nimmt Ps 12, 2 zum Anlaß, darüber nachzudenken, ob die Flüchtlinge immer nur als Problem oder Herausforderung gesehen werden müssen, oder ob wir sie nicht auch als Prüfung verstehen können.

Daniela schreibt im zweiten Artikel, daß Angst vorm Islam oder einer Islamisierung unbiblisch ist und, ja, sie hat Recht. Die Kirche (= Gemeinschaft der Heiligen) wird nicht überwunden werden, wenn Gott für uns ist, wer kann gegen uns sein. Wer Angst vorm Islam hat, kann sich schlecht zum christlichen Abendland zählen.

Was mich wieder zu Volker und seinem nächsten Artikel führt: Er zitiert Bischof Oster, und da der Text so wunderbar klar und eindeutig und richtig ist, den der Bischof da auf seine Facebook Seite geschrieben hat, zitier ich den gleich nochmal:

Im Blick auf Berichte über Gewalt gegen Flüchtlinge möchte ich sehr deutlich in Erinnerung rufen: Unser Glaube lässt keinerlei Möglichkeit, Fremdenfeindlichkeit auch nur irgendwie zu rechtfertigen! Schon gar nicht gegen Menschen in Not. Es gibt auch keinerlei Möglichkeit einer Allianz von christlichem Glauben und ausgrenzendem Nationalismus. Man darf sein Land lieben, selbstverständlich. Aber man darf aus seinem Land nicht fremde Menschen in Not vertreiben wollen und sich dabei womöglich noch auf die Erhaltung des „christlichen Abendlandes“ berufen. Das ist ein Widerspruch in sich!

Klar, deutlich, richtig und wahre Lehre. Hier wird deutlich, daß alle Christen ganz nah beieinander sind, auch wenn wir in eher nebensächlichen Fragen von Amt und Sexualethik verschiedener Meinung sind! Die Höchste ist die Liebe!

Und dann hat Volker, das paßt jetzt nicht ganz zur Flüchtlingsthematik, ganz gut zusammengefaßt, wie das Böse funktioniert. Könnte man hier von Satans Masterplan sprechen? Ich sehe diese Wirkweise auch überall. Und sie ist es, die wir bekämpfen müssen, wenn wir für das Gute eintreten.

Wolfgang hat, ja was ist das, ein Gedicht? Jedenfalls hat er es geschrieben, und er hat irgendwo Recht. Mit Nazis abgeben bringt (meist?) nichts. Allerdings, irgendwie muß man wohl reagieren. In seinem Update beschreibt er, wie das in seiner Nachbarschaft passiert, wo plötzlich Menschen ganz verschiedener politischer Richtungen an einem Strang ziehen.

Da kann Satan masterplanen, wie er will. Gott ist stärker, und muß am Ende der Sieger bleiben, wie Luther schon schrieb:

das Feld muß Er behalten / das Reich muß uns doch bleiben.

Und dann ist da noch der Artikel von Ralpe, bzw, er hat es rebloggt und noch zwei Links hinzugefügt. Es geht um Gottesdienste mit Flüchtlingen.

Kirche & Web 2.0, Technik, Theologie

Virtuelle Gemeinden? Tapfer sündigen im Internet?

Das Vikariat und die Vorbereitung zum ÖKT in Speyer fordern mich ein wenig, deshalb bin ich schon lange nicht mehr zum bloggen gekommen. Und beinahe hätte ich zwei interessante Artikel von Ralpe Reimann verpasst, die ich hier jetzt gerne aufgreifen möchte. Und das möchte ich gerne in umgekehrter Reihenfolge tun:

In zweiten Artikel „Eine virtuelle Kirche gibt es nicht, aber Online-Gemeinden schon“ reflektiert Ralpe die Frage, ob und inwieweit es Gemeinden online geben kann. Interessant finde ich, wie sehr die Konfessionalität hier eine Rolle spielt, was man dann auch in den Kommentaren sehen kann: Für die Lutheraner ist CA VII bindend, damit braucht Kirche neben der Wortverkündigug auch Sakramente und die gehen online nicht, also kann es keine Online-Gemeinden geben. Jedenfalls nicht für Lutheraner. Ralpe weist darauf hin, daß andere Konfessionen „Kirche“ anders definieren, aber das hilft den Lutheranern nicht. Und auch die Auslegung, dass es sich bei CA VII nicht um Ausschlußkriterien handelt, überzeugt offenbar nicht alle.

In der Pfalz werden wir ja nicht auf eine Bekenntnisschrift ordiniert, sondern allein auf die Heilige Schrift, was es mir immer etwas schwierig macht, diesen Konfessionalismus (ich meine das jetzt nicht abwertend) zu verstehen – ich mußte mich nie so existenziell mit den Bekenntnisschriften auseinandersetzen.

Von daher sind diese Diskussionen für mich dann immer auch etwas befremdlich, aber ich denke, sie führen auch am Wesentlichen vorbei. Denn Ralpe schreibt ja schon, daß die „Online-Gemeinden“ nicht in Konkurrenz zur Ortsgemeinde treten sollen. So wie es auch Gebetskreise, Diakonie und Seelsorge nicht sind.

Ich erinnerte mich beim Lesen an eine Schrift von Luther: „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“. Darin schreibt Luther (zitiert nach Projekt Gutenberg, was andres hab ich grad nicht zur Hand):

Und damit ichs noch klarer sage: wenn ein Häuflein frommer Christenlaien gefangen und in eine Wüstenei gesetzt würden, die nicht einen von einem Bischof geweihten Priester bei sich hätten, und würden allda der Sache eins, erwählten einen unter sich, er wäre verheiratet oder nicht, und beföhlen ihm das Amt: zu taufen, Messe zu halten, zu absolvieren und zu predigen, der wäre wahrhaftig ein Priester, als ob ihn alle Bischöfe und Päpste geweiht hätten. Daher kommts, daß in der Not ein jeglicher taufen und absolvieren kann, was nicht möglich wäre, wenn wir nicht alle Priester wären.

Luther geht es hierin um die Feststellung der Priesterschaft aller Gläubigen, aber ich denke, man kann die dargestellte Situation vielleicht doch übertragen. Ich denke an Länder, wo das Internet zwar verbreitet, das christliche Bekenntnis aber eine Gefahr für Leib und Leben bedeuten kann, wo vielleicht einzelne Christen im wahrsten Sinne des Wortes meilenweit vorneinander weg wohnen. Sicher werden sich die Glaubensgeschwister am Liebsten an einem gemeinsamen Ort in der Kohlenstoffwelt Gottesdienst feiern wollen, aber sie sind dazu womöglich nicht immer in der Lage. Hier ergeben „Online-Gemeinden“, welchen dogmatischen Status man ihnen auch immer geben mag, durchaus Sinn, auch wenn die Ortsgemeinde das Ziel ist. Ich glaube übrigens nicht, daß es Menschen gibt, die die Online-Gemeinde der Ortsgemeinde tatsächlich vorziehen würden, genausowenig wie es bei Verkündigung und Sakramentenverwaltung zum Chaos gekommen ist. Auch wenn alle es vom Prinzip her können bzw. dürfen, berufen die Kirchen trotzdem bestimmte Menschen dazu, dies auch zu tun.

Aber wie gesagt, ich finde die Diskussion ist viel zu wichtig, als sie nur dogmatisch zu führen um den jeweiligen Status, dem man dem, was da passiert, geben kann. Viel wichtiger finde ich, zu überlegen, wo die Chancen der „Online-Gemeinden“ liegen können.

Heiko Kuschel hat gerade von der Verscheibung der Gottesdienstzeit geschrieben. In dem Artikel geht er der Frage nach, ob eine Verschiebung des Zeitpunktes des sonntäglichen Gottesdienstes die Besucherzahlen steigen lassen können würde. Er ist da, wie ich ihn verstehe, skeptisch, und ich stimme ihm da zu.

Der „normale“ Gottesdienst am Sonntag morgen ist nicht sonderlich gut besucht, Sondergottesdienste dagegen, ob nun für Familien, für Biker, für einsame Herzen etc erfreuen sich offenbar größerer Beliebtheit. Da fühlen sich die Menschen offenbar angesprochen, oder sind zumindest neugierig. Man kann aber nicht nur noch Sondergottesdienste anbieten. Damit würde man statt einer Gemeinde von ganz verschiedenen Menschen plötzlich ganz viele Gemeinden mit recht einheitlichen Menschen, die alle ein Hobby teilen oder in einer ähnlichen Situation sind, haben. Das ist erstens für den Pfarrer viel Arbeit und hat zweitens auch nicht viel mit dem EINEN Leib zu tun, der wir doch sind…

Meine Vermutung wäre, daß „Online-Gemeinden“ (oder allgemein Online Aktivitäten von Kirchenmenschen oder Christen allgemein) ebenso wie Zielgruppengottesdienste niedrigschwellige Angebote sein können, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen.

Die Parochialstruktur ist eigentlich eine geniale Sache, denn so haben wir an jedem Platz in Deutschland eine ganz klare Zuordnung, welcher Pfarrer in erster Linie zuständig ist. Wenn es online also um etwas geht, was eine lokale Gemeinde braucht, kann sofort nchgesehen werden, in wessen Zuständigkeit das fällt. Andererseits denken die Menschen nicht (mehr?) parochial. Ich sehe das bei mir selbst auch. Ich war in der Zeit meines Studiums der Gemeinde meines Heimatortes viel näher verbunden als den Gemeinden an den Studienorten. Trotzdem bin ich natürlich nicht jeden Sonntag quer durch Deutschland gefahren zum Gottesdienst. Den Gottesdienst habe ich dort besucht, wo ich gewohnt habe, Kontakte und christlichen Austausch habe ich aber in vielen Fällen, neben den Kommilitonen – als Theologiestudent ist man da vielleicht auch im Vorteil – über das Internet mit ganz verschiedenen Christen aus ganz verschiedenen Hintergründen und Ländern gehabt.

Ich denke also, man kann viel online machen, kann dort einen Teil seines spirituellen Lebens ausleben und trotzdem (oder gerade dann) in die Ortsgemeinden gehen und dort auch mitmachen. Ich denke, in Zukunft sind, auch wenn man mal so ein böses Wort wie Mission in den Mund nimmt, beide Strukturen wichtig, wobei meine Vermuntung ist, daß in der Parochie eine wichtige Rolle spielt, daß die Struktur da ist, während online die Privatperson wichtig wird. Ich spreche nicht mit jedem im Netz über mienen Glauben, aber der Pfarrer, der in meiner Ortsgemeinde predigt, ist erst einmal der Pfarrer, und das nehme ich auch so hin, egal, was ich sonst von ihm halte…

Jetzt hat Ralpe ja noch einen ersten Artikel vor dem jetzt lange ausgewälzten zweiten Artikel geschrieben: Sündige kräftig im #Neuland!

Ich habe mich ja vor Jahren schon von Facebook und Twitter zurückgezogen, weil ich einfach meine Daten dort nicht liegen haben wollte, deshalb bin ich beim Lesen des Artikels an der Aufforderung hängen geblieben, gerade dort hin zu gehen:

Wenn wir im Rheinland schwierige Fragen zu klären haben, zitieren wir gerne die Barmer Theologische Erklärung. These III der Barmer Theologischen Erklärung verortet die Kirche „mit ihrer Botschaft … mitten in der Welt der Sünde“, These VI bestimmt den Auftrag der Kirche darin, „an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.“ Volkskirche so verstanden, koppelt den Auftrag der Glaubenskommunikation daran, an alle Menschen gewiesen zu sein.

Dabei dürfen und müssen wir uns als Kirche auch in Netzwerke begeben, die uns nicht gefallen, um die Menschen zu erreichen, denen diese Netzwerke gefallen. Das heißt für mich: Auch wenn Facebook in der Welt der Sünde ist, hindert mich nichts, dort das Evangelium zu verkünden. Das schulden wir nämlich allem Volk. Wenn über 30 Millionen Deutsche auf Facebook kommunizieren, dann richten wir auch dort das Evangelium aus. Täten wir das nicht, zögen wir uns aus der sündigen Welt zurück und flüchteten uns ins Weltfremde hinter Kirchenmauern. Das aber ist nicht mein Bild von evangelischer Kirche. Bei aller Kritik an Facebook & Co: wir sind – so sehe ich das – von Gott auch in solche Netzwerke gestellt.

(Hervorhebung von mir)

Ich denke, Ralpe hat hier Recht und ich überlege, ob ich mich wieder bei Facebook und Twitter anmelden sollte, zögere aber. Immerhin hbe ich ein Red Matrix Konto und bin dort durchaus als Christ zu erkennen. Und in diese Ecke der Welt gehen wahrscheinlich noch weniger Kirchenleute als zu Facebook oder Twitter…

Was mir dabei wichtig ist: Ich kann zu Facebook und Twitter gehen, um dort die Menschen zu erreichen. Aber ich würde (wahrscheinlich vor allem wegen meiner Ablehnung dieser Dienste, aber die ist ja nicht unbegründet) ein großes Fragezeichen setzen wenn es darum geht, sich dort einzurichten (Macht euch nicht gemein mit der Welt un so…).

Ralpe spricht es an, der Datenschutz dort ist ein Problem und man sollte sich nicht den Anschein geben, als sähe man das nicht so oder wisse nicht darum. Krass ausgedrückt: Wenn man als Seelsorger auf St. Pauli auch mal in die Bordelle geht, um sich der Damen dort anzunehmen, muß man noch lange kein Kunde werden…

Deshalb denke ich, ist es wichtig, daß die Kirche sich hier auch engagiert und auf freie Alternativen aufmerksam macht oder zumindest zum Problembewußtsein beiträgt (das Thema hatte früher schon einmal).

Wie man den Spagat zwischen Verkündigen bei Facebook und Twitter und dem Nichteinrichten dort schaffen kann, ist mir noch nicht ganz klar. Nach der Lektüre von Ralpes Artikel würde ich es zumindest nicht ganz ausschließen, dort (wieder) aktiv zu werden – beruflich (und das ist dann wohl der Knackpunkt der das Nichtgelingen besiegelt). Konfirmandenarbeit oder ähnliches (vor ein paar Wochen hörte ich von einem Presbyterium, das sich per What’sApp abstimmt) würde ich aber wahrscheinlich, wenn überhaupt online unterstützt, nur über Dienste laufen lassen, die entweder von der Kirche oder von mir selbst gehostet werden (bzw wenn die Teilnehmer anderen Servern vertrauen und das Netzwerk Federation unterstützt, ist das auch okay).

Gesellschaft

Verantwortung

Ask not, what your country can do for you,ask what you can do for your country.

John Fitzgerald Kennedy
35. US-Präsident

Ich habe diesen Artikel ja schonmal angekündigt. Jetzt ist er dran. Damals schrieb ich, daß die Verantwortung die Grenze für die Toleranz bildet. Jeder Mensch toleriert nur das, was er verantworten kann. In einem älteren Artikel zitierte ich einen alten Lehrer von mir, der – IMHO zu Recht – die Verantwortung als Maßstab für die Freiheit nannte. Freiheit ist nur insofern gut, als daß eine ebenso große Verantwortung damit einhergeht.

Hier soll es nun um die Verantwortung gehen, und wie sie mit Freiheit und Toleranz interagiert.

Beim Nachdenken über diesen Artikel fiel mir auf, daß überall, wo von Freiheit die Rede ist, auch von Verantwortung gesprochen werden kann: Luther übernahm die Verantwortung für seine Ansichten und sein Handeln vor Gott und sprach damit der damaligen Kirchenhierarchie ab, bestimmte Dinge für ihn zu entscheiden. Die Eigenverantwortung vor Gott brachte ihn quasi dazu, Papst und Kaiser zu widersprechen, und das durchzuhalten.

Spätere Freiheitsbestrebungen kann man durchaus so verstehen, daß die Völker, die gegen ihre Monarchen aufbegehrten, die Verantwortung für ihre Staatsordnung selbst übernehmen wollten. Man versuchte so gesehen also, den Monarchen von seiner Verantwortung für das Land zu entbinden. In den meisten Fällen wohl aus dem Grund, weil die Monarchen ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden, sondern in die eigene Tasche wirtschafteten.

Kant weist mit seiner Definition der Aufklärung in eine ähnliche Richtung:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Er beschreibt die Unmündigkeit als Unvermögen, sich ohne Leitung durch andere des Verstandes zu bedienen. Man könnte wohl auch sagen: Man ist unmündig, wenn man nicht in der Lage ist, Verantwortung für sich, sein Denken und seine Taten zu übernehmen. Wenn Aufklärung die Freiheit des Menschen zum Ziel hat, dann gehört dazu auch, selbst Verantwortung zu übernehmen. Man könnte provokant formulieren:

Du willst Freiheit? Dann übernimm Verantwortung!

Doch bei Kant kann man auch eine andere Alternative raushören. Es ist nämlich durchaus die Möglichkeit gegeben, daß der Mensch keine Verantwortung übernimmt. Kant spricht einerseits von den Mutlosen, als auch vom Mangel an Verstand. Wer keinen Verstand hat, kann sich dessen nicht bedienen. Und wer, wieso auch immer, den Mut dazu nicht hat, ebenso.

Ich stelle mir die Frage, was mit solchen Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaft passiert? Einer Gesellschaft, die die Freiheit voraussetzt, und damit auch die Verantwortung? Muß es nicht zu Problemen kommen, wenn Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen, diese trotz allem aufgehalst bekommen? Muß es die Option geben, Freiheit (und damit auch Verantwortung) abzulehnen?

Ich meine, man kann niemandem Freiheit verordnen, denn dazu müßte derjenige auch die entsprechende Verantwortung übernehmen (können). Darin sehe ich auch einen Hauptgrund, wieso das mit dem Nationbuilding nach westlichem Muster sowohl im Irak als auch in Afghanistan schief gelaufen ist. Und auch in Ägypten spielt es wohl eine Rolle. Daneben gibt es noch die militärische Komponente, die in diesem Artikel zu kurz kommt. Denn Verantwortung zu übernehmen ist die eine Sache, sie zugesprochen zu bekommen eine andere.

Ich meine, man kann nur einzelnen Menschen anbieten, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Und sind es genug, die dies für sich entschieden haben, werden sie auch auf dem einen oder anderen Weg danach streben, die damit verbundenen Freiheiten in der Gesellschaft zu etablieren.

Je mehr ich drüber nachdenke ärgern mich diese absoluten Positionen: Entweder freie Gesellschaft oder Abhängigkeit vom Regime. Zumal es ja Menschen gibt, die durchaus in Abhängigkeit leben (müssen), weil sie keine Verantwortung übernehmen (können). Ich denke hier vor allem an Kinder (in verschiedenen Abstufungen nach Alter und Entwicklung), geistige Behinderungen und Komapatienten.

Als ich meine Examensarbeit schrieb, fiel mir auf, daß staatliches Bevormundungsdenken früher zu Kaisers Zeiten wohl auch im Sinne einer Fürsorge verstanden wurde. Man war der Ansicht, die Obrigkeit müsse die Verantwortung für das Volk (oder bestimmte Teile desselben) übernehmen. Ich konnte dem, bei aller Ablehnung, auch einen positiven Aspekt abgewinnen. Nämlich, daß niemand sich selbst überlassen werden sollte. Welch Unterschied zu heutigen Konservativen (ist die SPD auch konservativ?), die eigentlich liberal denkend den Menschen eine Eigenverantwortlichkeit verordnen wollen, weil der Staat seiner Verantwortung, die Renten zu zahlen, nicht nachkommen kann oder will.

Um nochmal zu den Freiheitsbestrebungen der Aufklärungszeit zurückzukommen: Die ergeben ja nur da Sinn, wo der Monarch die ihm verliehene Verantwortung mißbraucht. Der gute König sorgt für seine Untertanen. Tut er das nicht, hat er kein Recht mehr auf sein Amt, das in der Verantwortung begründet sein soll, nicht in der Selbstbereicherung. Da der Mensch die Selbstbereicherung mehr liebt als die Verantwortung, ist die Monarchie wie alle anderen absoluten Regierungsformen abzulehnen.

Übrigens: Meine Examensarbeit schrieb ich über Adolf Stoecker, der wohl auf ähnlichen Gedanken fußend sogar die Sozialdemokraten (wohlgemerkt die des 19. Jhd.) als Liberale bezeichnete.

Den Gegenpol zu diesen „Liberalen“ bildete dann etwa kirchliche Fürsorgearbeit, die sich der Menschen annahm, die Angenommenen dann aber auch bevormundete. Zum Glück sind wir heute davon weg. Naja, im Idealfall wenigstens.

Wo auf der einen Seite die Bevormundung das Problem ist, steht auf der anderen Seite die Überforderung.

Denn ohne selbst Verantwortung zu übernehmen ist man auch nicht frei. Man wird dann, je nach Kontext zum Stimmvieh oder zur Konsummasse. Umgekehrt gipfelt Verantwortung zu übernehmen, ohne die dazu nötige Freiheit zu haben, in Bevormundung und Unterdrückung.

Und während das erstere durchaus ein Problem unserer Gesellschaft ist (Stimmvieh läßt sich wunderbar von Meinungsführern dirigieren), ist das letzte eher ein Problem repressiver Staaten. Dieses Problem wurde historisch oft durch Freiheitskriege oder Revolutionen gelöst.

Ich frage mich, ob es eine Möglichkeit geben kann, daß Bürger Verantwortung (und damit bestimmte Freiheiten) abgeben können, indem sie sagen: „Ich kann das nicht, soll sich wer drum kümmern, der sich auskennt.“ Dann müßten sie mit den Konsequenzen leben. Es stellt sich wieder das Problem der Bevormundung. Mir scheint, daß sowohl die repräsentative Demokratie (nur wer sich aufstellen läßt kann gestalten, wenn er gewählt wird, reine Wähler nicht) als auch die Liquid Democracy Versuche sind, das Problem zu lösen. Ne direkte Demokratie scheint mir dagegen wieder in Richtung Aufdrängung einer womöglich nicht gewollten Freiheit zu gehen, aber das ist nur ein erster Eindruck.

Nachdem nun das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung weitgehend dargestellt ist, wie war das nochmal mit der Toleranz?

Dazu nochmal zu den Fürsten. Die tolerierten ja in ihrer Mehrheit nicht die Freiheitsbestrebungen ihrer Untertanen, unabhängig davon, ob diese nun Verantwortung übernahmen oder nicht.

Und das mußten die Fürsten selbst verantworten. Manche wanderten dafür auch auf die Guillotine. Heißt das nun, daß man Nazis marschieren lassen soll, weil sie sonst gewalttätig wären?

Nun ja, die Frage muß sich jeder selbst beantworten. Eine eindeutige ethische Antwort wird es wohl nicht geben. Wenn zwei Parteien für sich sowohl Verantwortung übernehmen als auch die damit verbundene Freiheit ausleben, kann dies zu ziemlichen Konflikten führen. Denn während die meisten Leute wohl davor zurückschrecken würden, die Verantwortung dafür zu übernehmen, daß bürgerliche Freiheiten wie das Versammlungsverbot ausgehölt werden, interessieren sich andere gar nicht für solche Freiheiten, ja heißen deren Aushöhlung vielleicht gut.

Es ist auch nur ne Scheinlösung, daß man die Freiheit der anderen respektieren soll und die eigene Freiheit an der Freiheit der anderen aufhört. Wenn ein Kind mit dem Feuer spielt, greife ich ein. Wenn derjenige, der (auch im übertragenen Sinn) mit dem Feuer spielt, dann denke ich, sollte ich auch eingreifen, seine Freiheit einschränken und die Verantwortung dafür übernehmen. Bonhoeffer beteiligte sich an der Planung eines Hitlerattentats. Er war sich dessen bewußt, daß das, was er tat, eigentlich falsch war, und tat es trotzdem, weil das andere falscher gewesen wäre. Er trug die Konsequenzen. Am 9. April 1945 wurde er im KZ Flossenbürg aufgehängt. Angeblich war der Lärm der Front schon zu hören.

Allgemein

Hallo Welt!

Nun ist es endlich so weit. Nach fast drei Jahren bei wordpress.com sind wir auf einen neuen Blog umgezogen. Gründe dafür gab und gibt es viele. Zum Beispiel die größere Gestaltungsfreiheit, wenn man selbst für alles verantwortlich ist. Andererseits, ich hätte nicht geglaubt, was für einen Aufwand das bedeuten kann. Aber nun ist es soweit.

Weiterhin wird es in unregelmäßigen Abständen die Netzfunde geben. Ebenso wie das Wort zum Tag. Und selbst die bisher kaum angenommene Möglichkeit, Gebetsanliegen zu formulieren wird es hier weiterhin geben, und zwar deutlich vereinfacht und auch anonymer.

Und wo wir von Anonymität sprechen: Der Traffic auf dem Blog wird per Piwik analysiert, wobei Do Not Track Einstellungen im Browser respektiert und die letzten beiden Bytes maskiert werden. Außerdem gibt es eine Opt-out Möglichkeit.

Um den Neuanfang auch sichtbar zu machen, hat sich nicht nur die Blogadresse geändert, sondern auch der Name. Wieder ist es ein Kirchenlied, doch diesmal nicht Luther, sondern Klepper. Lied und Dichter werden in einem eigenen Artikel behandelt.

Der Blog ist übrigens auch per https ansurfbar. Allerdings ist das SSL Zertifikat selbstsigniert, es dürfte also zu einer Warnung im Browser kommen. Prinzipiell ist das kein Problem, die Verbindung ist verschlüsselt, nur kennt eben keine anerkannte Zertifizierungsstelle diese Domain.

Das war’s von meiner Seite, willkommen auf dem neuen Blog, denkt dran, Eure Links zu ändern und viel Spaß beim Lesen.

Artikel als Audiodatei

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Netzfunde vom Donnerstag, den 28. Februar 2013

Peter hat in der WA nen Lutherspruch ausgegraben, der ganz gut passt als Absage an allen Biblizismus. Nicht an den Buchstaben halten, sondern an den Geist!

Bei Get Religion geht es um die Frage, wieso der Papst immer so alt ist und um Reporter, die offensichtlich kaum Ahnung von Kirche haben und trotzdem alles schreiben können, was sie für richtig halten. Man stelle sich vor ein Journalist würde behaupten, das Bundespräsidentenamt würde ausgependelt. Lächerlich? Schon, aber was ist es dann, wenn einer schreibt, Katholiken würden an die Göttlichkeit des Papstes glauben? So, und bevor ich jetzt zum Rant über den Spiegel und die Glaubens- und Kirchenthemen darin ansetze, wechsle ich lieber das Thema.

Ein schöneres Thema findet sich bei Bigi, die davon schreibt, wie Gott ihr in ihrem Leben geholfen hat.

Um Hausverwaltungen, Camus und Nietzsche geht es bei „Die Wahrheit über die Wahrheit“.

Bei „Experimental Theology“ geht es um Martyns Kommentar zum Galaterbrief, wenn ich es richtig sehe gehört der zur Reihe Anchor Bible Commentary. Interessant ist, daß Martyn wohl den Fokus auf den Befreiungsaspekt des Kreuszesgeschehens lenkt, also weniger Gerechtigkeit durch Glauben, mehr Christus Victor. Hört sich jedenfalls interessant an.

Und ebenfalls bei „Experimental Theology“ gibt es ein Gebet des Ordens von Mutter Theresa.

Bei Lana geht es um den Feminismus, und während ich ihr in all ihren Punkten zustimmen kann, würde ich da weniger den Begriff des Feminismus gebrauchen. Denn Feminismus bedeutet für mich, daß ich als Mann Aggressor bin. Feminismus bedeutet für mich, daß ich IMMER Täter bin und die Frau IMMER Opfer. Feminismus bedeutet für mich, daß eine Alice Schwarzer die Wahl von Merkel gutheißt, aus dem einfachen Grund, daß Merkel keinen Penis hat. Solch ein Feminismus sricht mich nicht an und kann mich nicht ansprechen. Das ist jedoch das, was ich bisher am Meisten mit „Feminismus“ in Verbindung gebracht habe. Das, was Lana beschreibt, ist Gleichberechtigung oder Chancengleichheit, Gerechtigkeit. Und ich bin wie gesagt voll auf ihrer Seite. Aber den Begriff „Feminismus“ lehne ich ab. Da kann ich nicht mitgehen.

Bei Ameleo geht es um die Pfarrei-Initiative und einen fiktiven Antwortbrief. Ich fände so einen Brief auch erfrischend, nicht nur von katholischen Bischöfen. Sowas könnte durchaus auch als Ansatzpunkt gelten zur Stärkung des Priestertums der Gläubigen (wobei da dann die Katholiken wohl nicht mehr mitspielen können).

Bei „Fire and Rain“ kann man erfahren, daß es durchaus Stadtteile in Deutschland gibt, die Farbkonzepte für Neubaugebiete erarbeiten, aber keine Konzepte zur Kinderbetreuung.

Und Eric Djebe hat innerhalb seines Basisdiskurses Religion ne Reihe zu Wundern gestartet. Besonders den zweiten Teil finde ich interessant, in dem es darum geht, daß wir nicht mehr auf dem Stand der Wissenschaft sind, wenn wir davon ausgehen, daß die Welt wie ein großes Uhrwerk ist, das wir nur noch verstehen lernen müssen. Wahnsinnig spannend, und hoffentlich kommt da noch mehr, denn Erkenntnistheorie ist ein Gebiet, auf dem ich mich nicht sonderlich auskenne, das ich aber recht spannend finde, auch in Hinblick darauf, wie intellektuell redlich Glaube ist beziehungsweise nicht ist. Das mit der intellektuellen Redlichkeit ist ja ein gängiger Vorwurf atheistischer Missionare, bei dem ich schon länger vermute, daß die da nicht ganz richtig liegen, aber mir fehlt halt die Kenntnis, um den Finger in die Wunde zu legen.

Bei Joshua Tongol gibt es ein etwas längeres Video zur Frage wieso Jesus sterben mußte, Gottes Zorn und den Römerbrief. Und auch hier läuft es auf Christus Victor hinaus. Es feut mich, daß diese Kreuzesinterpretation scheinbar immer mehr um sich greift, denn ich halte sie einfach für richtiger als die Satisfaktionslehre. Das Video ist wie gesagt etwas länger und streift mehrere Themen, insgesamt aber durchaus wert sich anzusehen, falls man des Englischen mächtig ist.

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It’s not a bug, it’s a feature

Als ich vor kurzem vom (Anti-) Luther Flyer des IBKA (Innen / Außen) las, dachte ich zuerst: Oh, nein, nicht schon wieder. Das nervt.

Denn es ist doch wohl hinlänglich bekannt, was Luther zu Juden, Hexen und Behinderten dachte und schrieb. In diesen Dingen war er weitestgehend ein Kind seiner Zeit, mit all den widerlichen Begleiterscheinungen. Trotzdem werden professionelle Atheisten nicht müde, Bekanntes als Neuigkeit zu bezeichnen und immer wieder zu wiederholen. Natürlich nur, um aufzuklären. Versteht sich.

Jetzt ist ja bald, am 31. Oktober 2017, 500-jähriges Reformationsjubiläum, und die EKD leistet sich für diese Feier sogar eine eigene Luther-Botschafterin: Margot Käßmann.

Der Vorwurf von atheistischer Seite, daß Luther – trotz besseren Wissens – in Sonntagsreden glorifiziert wird und der „echte Luther“ (damit sind alle seine negativen Eigenschaften gemeint) dem Volk vorenthalten wird, richtet sich damit auch und vielleicht auch besonders an eben jene Frau Käßmann.

Jetzt könnte man das Krakeelen ignorieren – und viele denken vielleicht, das wäre das Beste – oder man geht darauf ein. Immerhin haben wir in der Kirche jede Menge gute Kirchenhistoriker, die recht fix noch viel mehr negative Lutherzitate auftun könnten. Diese könnte Käßmann dann in ihren „Sonntagsreden“ ganz plakativ vortragen. Würde sie damit ihren Job verfehlen, oder erschweren?

Ich meine nicht! Denn wir feiern nicht Luther, sondern die Reformation! Luther war – fromm ausgedrückt – ein Werkzeug Gottes. Und wie es so ist, wählt Gott gerne mal fragwürdige, schwache Menschen als Werkzeug. Hängt die Reformation denn ab von der Person Luther und ihren Eigenschaften, oder ist Luther nur der historische Akteur, durch den die Reformation geschah?

Die Reformation war immerhin der Sieg des persönlichen Gewissens über alle Staatsmacht. Sozusagen der Ausgang aus der Unmündigkeit, um mit Kant zu sprechen: Ein kleiner Mönch stand vor Kaiser und Reich und sagte erstmals: Nein, ich seh das anders, und ich werde so lange nicht widerrufen, wie Ihr mich nicht überzeugt. Trotz drohender Todesstrafe!

Man kann diesen Fakt nun so erzählen, daß hier ein großer Held allen Mächtigen die Stirn bot. Und das geschah ja auch oft und geschieht auch noch, wenn auch zum Glück seltener. Nur taugt eben Luther nicht ganz zur Lichtgestalt, denn wie gesagt: Als Kind seiner Zeit hatte er teilweise furchtbare Ansichten.

Doch auch heute noch und wahrscheinlich auch für die nächsten 500 Jahre dürfte die Berufung auf das eigene Gewissen als positiv angesehen werden. Hier war Luther, dieser Antijudaist und Hexenhetzer wahrhaftig, ehrlich. Zumindest in der Zeit,als er sich der wirksamen Protektion durch seinen Landesfürsten nicht ganz sicher sein konnte. Diese Wahrhaftigkeit, auch falls sie bei Luther nur dies eine Mal in Erscheinung getreten sein sollte, löste die Reformation aus – und ist auch ein Stück weit selbst die Reformation. Denn alle reformatorische Theologie geht davon aus, daß der Mensch selbst vor Gott steht und sich nicht durch Priester und Bischöfe vertreten lassen kann. Daß er selbst verantwortlich ist, daß er mündig ist und sein soll. Und das feiern wir am Reformationstag, weil wir es fürdie Wahrheit halten. Und zwar ganz unabhängig davon, wer diesem Denken aus welchen Gründen zum Durchbruch verholfen hatte.

Dies könnte Käßmann (und auch andere Theologen) vielleicht klarer herausstellen, wenn sie sich erst von Luther distanzieren, dann aber die Sache um so stärker betonen. Gott, um darauf zurückzukommen, suchte sich als Propheten oft schwache Menschen aus. Sie erhielten ihre Kraft alleine durch die Kraft ihrer Botschaft. Die Botschaft ist gut, der Mensch nicht zwingend. Daher haben wir Protestanten auch keine Heiligenverehrung. Und daher brauchen wir auch nicht den St. Martin von Wittenberg. Der Begriff „Luther-Botschafterin“ ist da eigentlich auch schlecht gewählt. Aber wenn er inhaltlich gut gefüllt wird, ist auch das kein Problem.

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 2.9.2012

Heute kommt zur Tageslosung noch eine Ergänzung aus dem Großen Katechismus von Luther dazu. Erstmal die Tageslosung:

Du sollst dir kein Gottesbild machen, in keinerlei Gestalt. 5. Mose, 5,8

Das führt zu der Frage, was unter „Gott“ verstanden wird. Luther schreibt dazu, was es heißt, einen Gott zu haben oder was Gott ist:

Worauf du nun (sage ich) dein Herz hängest und dich verlässest, das ist eigentlich dein Gott. (Martin Luther, Großer Katechismus, das 1. Gebot.)

Woran hänge ich mein Herz? Gibt es „Götterbilder“ in meinem Leben?

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Bloechle

Die Präimplantationsdiagnostik, die gestern durch den Bundestag zugelassen wurde, hat mich ja schon einige Male beschäftigt hier. Und eigentlich dachte ich auch, es sei dazu alles schon gesagt. Doch da sich Matthias Bloechle auf evangelisch.de nochmal zum Thema geäußert hat, und ich einfach das Mal nicht halten kann, wenn mich etwas ärgert, hier nochmal ein Artikel, hoffentlich dann der letzte.

Was ärgert mich denn nun an Bloechles Artikel?

Absurdität

Etwa diese Aussage hier:

Die absurde Situation, dass ein Embryo vor der Einnistung nicht auf genetische Erkrankungen untersucht werden durfte, derselbe Embryo nach der Einnistung aber doch, ist mit diesem Gesetz aufgehoben worden.

Meines Wissens nach war ja nicht die genetische Untersuchung des Embryos vor der Einnistung, die verboten war (oder eben auch nicht, weshalb ja neu entschieden werden mußte), sondern die Entscheidung über die Herbeiführung der Einnistung desselben aufgrund der Untersuchungsergebnisse. Und da ist es dann eben auch nicht so, daß die Unterschung nach der Einnistung das Gleiche ist: Während die Untersuchung vorher über die Einnistung des Embryos entscheidet, ist das im Nachhinein nicht mehr der Fall. Auch ist es im Nachhinein nicht legal, die Einnistung des Embryos rückgängig zu machen, auch wenn es unter bestimmten Bedingungen straffrei bleibt. Bloechle verschweigt also die Hälfe, vergleicht dann Äpfel mit Birnen und behaptet am Schluß, daß eine absurde Situation abgeschafft wurde. Ich sehe es etwas anders. Die Situation ist ja gerade absurd geworden: Macht ein Paar eine künstliche Befruchtung, kann es ohne illegal zu handeln, einen gesunden Embryo auswählen. Ist das Paar jedoch  in der Lage, ohne künstliche Befruchtung ein Kind zu bekommen, und stellt man einen schwerwiegenden genetischen Defekt fest, so ist zwar eine straffreie Abtreibung möglich, legal ist das Ganze aber nicht mehr. Der einzige Unterschied ist die Nidation des Embryos, und ich sehe beim besten Willen keine ontologische Veränderung kurz vor und kurz nach der Nidation beim Embryo. Kurz gesagt: Ich finde die jetztige Situation durchaus absurder.

Unrechtes Handeln

Mich ärgert auch das hier:

Es hatte bei den Betroffenen eine enorme psychische Auswirkung, dass ihnen im Heimatland eine mögliche hilfreiche Therapie vorenthalten wurde. Viele konnten das nicht verstehen und fühlten sich dadurch in die Nähe von unrechtem, ja strafrechtlich relevantem Handeln gerückt.

Sieht man mal von der moralischen Komponente des Begriffes ab, so ist „unrecht“ ein Adjektiv, das eine Diskrepanz zum geltenden Recht beschreibt. Und die Vornehmng einer PID in einem Land, in dem die PID verboten ist, ist unrecht und im Zweifel auch strafrechtlich relevant. Die Eltern fühlten sich also zu Recht in diese Nähe gerückt. Das Verfassungsgericht entscheid nach Bloechles Selbstanzeige, daß PID doch nicht Unrecht war. Aber bis dahin war es zweifelhaft und auch danach sah man die Notwedigkeit, per Gesetz eine klarere Situation zu schaffen. Damit dürfte die Nähe zum Unrecht gegeben sein, auch wenn die Sache selbst wegen einer Gesetzeslücke legal war.

Paternalismus

Er steigt damit ein, daß

[v]iele Gegner der PID […] dazu [neigen], Entscheidungen, welche unmittelbar nur auf das Leben der betroffenen Menschen Auswirkungen haben, durch ein strafrechtliches Verbot zu regeln. Hier werden Argumente vorgetragen, dass man die Frauen nicht einer belastenden Hormonbehandlung aussetzen dürfe, dass die Erfolgsaussichten einer künstlichen Befruchtung mit PID nur gering seien und dass die Geburt eines gesunden Kindes nicht garantiert werden könne.

Er spricht von Auswirkungen nr für die betroffenen Menschen und nennt dann auch nur solche. Allerdings hat die Entscheidung ja noch Auswirkungen auf andere. Durch die Zulassung der Selektion von menschlichem Leben hat das Ganze eben auch einen gesellschaftlichen Aspekt. Zu Recht gibt es Widerspruch, wenn Menschen, die im Koma liegen, der Stecker gezogen werden soll. Oder wenn Babies ohne Selbstbewußtsein das Lebensrecht abgesprochen wird. Und zwar unabhängig davon, ob es nun unsere Babies und Frende im Koma sind, oder gänzlich Unbekannte. Ansonsten könnte man vor dem Hintergrund noch mal besprechen, warum einige Drogen illegal sind, denn die schädigen ja ebenfalls nur diejenigen, die sie konsumieren…

Ansonsten hat er aber Recht, wenn er kritisiert, daß die Hormonbelastung für die werdenden Mütter als Gegenargment hergenommen wird. Abgesehen davon, daß dies ein Argument gegen künstliche Befruchtung an sich ist, und nicht gegen PID.

Privat zu beantwortende Frage

Doch sind sie Begründung genug, anderen Menschen andere Entscheidungen für ihr persönliches Leben zu untersagen? Sind die eigenen Gefühle zu diesem Thema ausreichende Begründung, anderen Menschen wesentliche Freiheitsrechte vorzuenthalten? Die Frage von Schwangerschaft und Kinderwunsch ist eine privat zu beantwortende Frage. Sie fällt unter das im Artikel 2 des Grundgesetzes verbriefte Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Der Staat darf keiner Frau vorschreiben, dass oder wann sie schwanger werden muß, ebenso wie er keiner Frau untersagen darf, schwanger zu werden.

Vorenthaltung von Freiheitsrechten führt er an. Allerdings, welche Freiheitsrechte meint er? Er führt Art. 2 GG an:

Artikel 2

… soweit er nicht die Rechte anderer verletzt nd nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt…

Verstößt die Selektion eines Embryos aufgrund der Gene gegen Rechte Anderer? Das sehe ich erst einmal nicht. Das Sittengesetz? Das ist von der Allgemeinheit und deren Einstellung abhängig und insofern mindestens fraglich. Und die verfassngsmäßige Ordnung? Ja, da sehe ich einen Punkt:

Unsere Verfassung, sprich das Grundgesetz, schützt in Artikel 1 die Würde des Menschen. Nun kann man sagen, dies sei ein hohler Begriff, aber es steht nn einmal da, also mß man es auch mit Inhalt füllen.

Sieht man es nun so, daß es der Würde des Menschen widerspricht, bei Menschenleben eine Wertigkeit einzuführen, dann würde das hier zutreffen. Denn die Selektion geschieht aufgrund von Fakten, die nicht anders bei geborenen, lebenden Menschen vorliegen und dort nicht zu einer Wertung führen dürfen. Folglich ist es nicht einsehbar, warum diese Fakten nun bei einem Embryo über Sein und Nichtsein entscheiden können.

Ja, ich sehe hier unsere verfassungsmäßige Ordnung tangiert, und zwar enorm. Dagegen wird immer wieder vorgebracht, daß die Embryonen keine ganzen Menschen wären. Was die Gegenseite allerdings nicht sagt ist, wann und warum ein Mensch als Mensch gilt. Die Frage ist sicherlich nicht einfach, aber ich halte die Verschmelzung von Samen- und Eizelle für einen klaren und sinnvollen Einschnitt.

Der Staat hat verstanden, dass er einer Frau die Entscheidung überlassen muß, ob sie schwanger bleiben will oder einen Abbruch der Schwangerschaft vornehmen lässt.

Nein! Eine Fra kann durchaus selbst entscheiden, ob sie schwanger werden will. Wenn sie aber schwanger ist, so genießt der Zellhaufen in ihrem Unterleib den Schutz des Staates. Er ist nicht auf Gedeih und Verderb der Frau ausgeliefert, auch wenn recht viel inzwischen straffrei bleibt (was im Prinzip ja auch nicht ganz so verkehrt ist).

Auch die Frage, ob eine Frau mit einem kranken und sie womöglich krank machenden Embryo schwanger werden will oder nicht, hat der Staat nicht zu entscheiden.

Die Frage besteht gar nicht, denn ohne PID weiß die Frau gar nicht, ob der Embryo krank ist oder macht. Allerdings hat der Staat die Pflicht, für den Schutz derjenigen zu sorgen, die sonst nicht geschützt werden und durch Individualinteressen bedroht sind.

Die Frau hat absolut die Freiheit, ein Kind zu bekommen. Und der Staat läßt es zu, daß zu diesem Zweck im Zweifel auch mehr Embryonen hergestellt werden, als man braucht, obwohl er eigentlich die Pflicht hat, die Embryonen zu schützen (wozu sonst ein Embryonenschutzgesetz?). Nun hat der Staat allerdings den Schtz der Embryonen komplett fallen lassen für den Fall, daß sie zum Zweck einer künstlichen Befruchtung hergestellt wurden und die Gefahr einer ernsthaften Erkrankung oder Totgeburt etc besteht.

Es ist doch absurd: Auf der einen Seite meint der Staat, qua Emrbyonenschutzgesetz, Abtreibungsrecht etc das werdende Kind zu schützen, andererseits fällt dies aber komplett flach, wenn bestimmte Bedingungen gelten.

Es steht zu befürchten, daß auch die liberale Fraktion in der bioethischen Debatte diese Absurdität bald bemerkt und nach entsprechenden Ausbesserungen der Gesetze ruft. So wie die straffreie Möglichkeit der Spätabtreibung nun als Argment für die PID benutzt wurde.

Martin Luther

Den Bock abgeschossen hat Bloechle aber meiner Meinung nach mit der Berufung af Luther:

Gerade der Protestantismus fußt auf der Gewissensentscheidung. Martin Luther stand 1521 vor dem Reichstag in Worms und sagte: “ ..mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, ich kann und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun.“ Die Einführung des eigenen Gewissens hat erst zu den modernen aufgeklärten Gesellschaften geführt, in denen wir heute leben dürfen. In Zeiten, wo das individuelle Gewissen nicht zählte, loderten die Scheiterhaufen!

Ich geb ihm da ja durchaus Recht, daß Luther am Anfang der Entwicklung des Individualismus und damit unserer neuzeitlichen, aufgeklärten Weltanschauung steht (zusammen mit anderen wie etwa Calvin oder Zwingli).

Allerdings brennen nicht nur da die Scheiterhaufen, wo der Individualismus nicht zählt. Wo er unbegrenzt ist, treibt auch der Individualismus sein Unwesen. Wer es nicht glaube mag sich in Winkel dieser Welt begeben, wo der jeweilige Gewaltherrscher ganz individuell dafür sorgt, daß andere Individuen nichts zu melden haben.

Luther forderte in Worms Redefreiheit. Die PID Befürworter fordern die Verproduktung des Kindes, inklusive Qualitätskontrolle. Und wenn bei der PID Fehler gemacht wurden? Gibt es dann eine Schadenersatzpflicht?

Luther forderte für sich eine Freiheit, die keinen anderen einschränkte. Das passt noch wunderbar zu Artikel 2 GG. Die PID aber verstößt dagegen, indem es zu einer Selektion des guten Lebens kommt und das Kind zm Produkt gemacht wird.

Gerade die evangelischen Christen in Deutschland sollten sich berufen fühlen, für die Freiheit der Gewissensentscheidung einzutreten, auch wenn sie sich die Entscheidung im Einzelfall nicht zu eigen machen können.

Gewissensfreiheit immer. Aber nur, wo keine anderen zu Schaden kommen. Was ist mit dem Fall, daß wirklich etwas schief läuft und ein behindertes Kind zur Welt kommt? Was, wenn die Eltern von Beginn an wußten, daß sie mit einem behinderten Kind nicht klarkommen würden? Was, wenn es dann doch da ist?

Ich finde, Schwangerschaft bedeutet auch Verantwortung, und zwar in der Art, daß man den Kindeswunsch hat oder nciht, aber nicht abhängig von einer Mindestlebensdauer oder dergleichen.

Aber wie auch immer: Der Bundestag hat entschieden, und wir haben uns daran zu halten. Die Demokratie kann eben auch die freiheitliche Grundordnung eines Rechtsstaates in Zweifel ziehen. Etwa wenn Abgeordnete sich durch unsinnige Gedankenexperimente beeindrucken lassen.

Ja, ich habe wieder einen Artikel geschrieben, indem ich kein Mitgefühl für die Lage der Eltern gezeigt habe. Das liegt aber eher daran, daß ich mich aufs Thema konzentriere, und die Emotionen der Eltern sind bei allem Mitgefühl kein Argument in der Sache, genausowenig wie die Gefühle der Opfer einer Straftat eine Rolle spielen, wenn ein Beschuldigter aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden muß. Gerade wenn die Opfer überzeugt sind, daß er es war, ist das furchtbar. Aber eben nicht zu ändern.

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Eigentlich ein guter Protestant

Der Nachtwächter hat auf meine Polemik gegen Brights und Atheisten mit einem Glaubensbekenntnis geantwortet. Dieses Bekenntnis wiederum finde ich so interessant, daß ich nun, anstatt einen langen und ausführlichen Kommentar darunter zu setzen, mit diesem Artikel darauf eingehen will.

Zu sagen wäre noch, daß ich gerade nicht den Nachtwächter meinte mit meiner Polemik, auch wollte ich nicht kritisieren, daß sich Brights oder andere zu Gruppen zusammenfinden. Meine Kritik galt einer bei manchen Brights und Atheisten verbreiteten Hochmütigkeit, die sie gegenüber Religiösen an den Tag legen. Nun aber zum Bekenntnis:

Der Gedanke, den ich beim Lesen des Bekenntnisses hatte, war in etwa der: Eigentlich ein gut protestantisches Bekenntnis. Bis auf die Gottesfrage, aber hier ist der Protestantismus auch schon immer sehr weit gewesen (i.d.R. weiter als ich die Grenzen des Christentums fassen würde, aber das ohne jede Wertung und natürlich rein subjektiv).

Zum Beispiel die Leugnung des freien Willens:

und dass ich nicht an so etwas wie einen “freien Willen” des Menschen glaube. Wer mich liest, weiß das; und wer mich hört, kennt den Klang. Jede psychische Regung ist determiniert und wird erst im Nachhinnein rationalisiert. Daraus erhüpft ein besonderer Begriff von der Freiheit, die ich nur als eine Freiheit von Angst verstehen kann.

Das erinnert mich sehr stark an Calvin, der in seiner Lehre von der doppelten Prädestination auch einen Freiheitsmoment sah. Kein Papst oder sonstiger Priester konnte ihn von Gott trennen. Ähnlich war das auch schon bei Luther in der Schrift De Servo Arbitrio.

Der Nachtwächter lehnt die

Bücher, Traditionen, Überlieferungen in neurotisch zementierten und von gut bezahlten Verwaltern verwaltete Buchstaben

ab und setzt dagegen sein Leben und seine Lust. Ich meine verstanden zu haben: Seine Erfahrung. Und nichts anderes ist es eigentlich, was in all den Büchern und Traditionen der „organisierten Religion“ überliefert wird (Klar sehen das einige anders, und viele dieser Leute bezeichnen sich als Christen, was ich ihnen nicht absprechen kann, ohne in die no-true-scotsman Falle zu tappen. Allerdings sind auch diejenigen true scotsmen, die die Überlieferung eben als Überlieferung ansehen und nicht als unfehlbares Diktat vom Himmel). Es besteht, nach meinem Verständnis, alos kein signifikanter Unterschied zwischen dem Nachtwächter und (zumindest Teilen des) Protestantismus.

Der Nachtwächter spricht auch von einer Verantwortung, die er aufgrund seines Glaubens verspürt.

… Parareligion des Konsumismus, die sowohl direkten Abwehrzauber als auch narzißtische Allmachtsträume verkauft, um industriell erstellte Produkte zu verkaufen. Ich trete diesem Ansinnen entgegen, weil ich die Verantwortung habe, diesem Ansinnen entgegenzutreten.

Solche Verantwortung verspürt wohl jeder Mensch, der an etwas glaubt, und da jeder Mensch etwas glaubt (noch so ein Punkt, in dem ich dem Nachtwächter zustimme), sollte solch ein Verantwortungsgefühl bei jedem vorhanden sein. Bleibt die Frage, für was sich die Menschen verantwortlich fühlen. Ein fundamentalistischer Christ oder Muslim etwa kann die Verantwortung verspüren, die Welt vor einer (aus seiner Sicht schädlichen) Gottlosigkeit (wie man den Begriff auch immer füllt) zu reißen. Wie der Nachtwächter dem Konsumismus, den er persönlich als schädlich erlebt, entgegentritt, so tritt der religiöse Fundamentalist der Gottlosigkeit entgegen, der Kapitalist der Planwirtschaft (okay, der war platt) und der Kommunist der Unterdrückung der Arbeiterklasse (auch nicht viel besser, die Beispiele sollten aber aufzeigen können, was ich meine). Insofern sehe ich auch einen gewissen prinzipiellen Widerspruch zwischen der Verantwortung und dem Entgegentreten zu folgenden Sätzen des Nachtwächters:

Niemals mache ich meinen Glauben zu einem Zwang für andere Menschen, niemals leite ich daraus gesellschaftliche Forderungen und eine für alle Menschen verbindliche Moral ab, die auch gegen Andersgläubige durchgesetzt werden soll, niemals beanspruche ich, dass mein Glaube für andere Menschen verbindlich ist und setze diesen Anspruch mit irgendwelchen Zwangsmitteln durch.

Wie trete ich einer Sache entgegen, ohne Zwang anzuwenden? Wie ohne Forderungen zu formulieren? Mir ist schon klar, daß der Nachtwächter keine Kreuzzüge veranstaltet, und daß er sich bei seinem Eintreten gegen den Konsumismus auf das stützt, was er für gut hält und gegen das vorgeht, was er für schädlich hält. Doch nichts anderes dachten die Kreuzritter und die Selbstmordattentäter (ich spreche jetzt nicht von den Führern, die um des eigenen Machtkalküls Willen die Massen gegeneinander aufgehetzt habe, das ist ein anderes Problem), wenn auch diese zu deutlich gewalttätigeren Mitteln gegriffen haben als es der Nachtwächter wohl tat und tun wird. Im Recht wähnen und wähnten sich alle, jeder lebt in seinem eigenen „gutgekreisten Selbstbetrug“, und anders können wir auch nicht.

Ein letzter Punkt, der eine Nähe zum Protestantismus (reformierter Ausprägung) nahelegt ist der Ablehnung des „celestialen Brimboriums“. Deshalb gibt es in reformierten Kirchen in der Regel keine Bilder, und auf die Pfaffen wurde in der Reformation auch gescholten, am liebsten wohl von Luther, dem godfather der Beschimpfungen.

Daneben bringt er allerlei gute und wichtige Kirchenkritik (Schweigen der Kirchen angesichts verschiedener Entwicklungen – wobei ich höchstens von einer zu leisen Stimme sprechen könnte, was tatsächlich ein großes Problem ist), aber auch au meiner Sicht fragwürdige Vorwürfe (Bekenntniszwang bei kirchlichen Arbeitgebern. Welcher Parteisekretär verliert nicht den Posten, wenn er die Partei verlässt, auch wird nie der Vorwurf erhoben, daß kein Ausländer Bundeswehrsoldat werden kann). Das sind jedoch andere Themen, die extra erörtert werden müßten, und mit dem Bekenntnis an sich nichts zu tun haben.

Der Nachtwächter hat in seinem Bekenntnis sehr gut seinen Standpunk dargelegt. Ursprünglich dachte ich daran, ein eigenes Bekenntnis als Reaktion zu schreiben, allerdings wurde mir schnell klar, daß ich nicht zu einem so zusammenhängenden und schlüssigen Text gekommen wäre (dieser Text hier ist auch nicht gerade die Krone der Schreibkunst). Schon alleine daher zieh ich meinen Hut vor dem Nachtwächter, seiner Offenheit und seiner Schreibkunst.

Ich habe wie gesagt einige Gemeinsamkeiten zwischen dem Bekenntnis des Nachtwächters und meinem eigenen Bekenntnis (ich bezeichne mich als Protestanten) festzustellen gemeint. Allerdings möchte ich den Nachtwächter nicht als Protestanten vereinnahmen. Distanziert sich von Kirche und sonstigen Formen organisierter Religion, und ich respektiere das. Daher auch das „eigentlich“ im Titel dieses Beitrags. Doch wäre es mir manchmal lieber, mehr Nachtwächter im Protestantismus zu haben als denkfaule und verantwortungsscheue Fundamentalisten, die das Denken und die Verantwortung ihren Führern und Texten aufbürden, um später ihre Hände eventuell in Unschuld waschen zu können. Eigentlich eine sehr unprotestantische, ja unchristliche Einstellung. Nach meinem Dafürhalten. Trotzdem bezeichnen sich diese Leute als Christen, und ich muß das hinnehmen, so wie ich hinnehmen muß, daß Leute wie der Nachtwächter sich außerhalb der Kirche stellen, obwohl sie (nach meinem Dafürhalten) gut hineinpassen würden.

Und da ich niemanden vereinnahmen kann, noch jemandem das Christsein absprechen, muß ich mich damit abfinden, daß ich Gespräche, die ich gerne innerkirchlich führen würde (etwa über den überpersonalen Prozess) mit Außenstehenden, wenn überhaupt, führe, und Gespräche, die eigentlich in den Bereich der Abgrenzung gegen außen gehören, wie über den Kreationismus und die Vergötzung der Bibel, innerkirchlich stattfinden.

Mit fröhlichem Gruß an den Nachtwächter…. 😉