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Volkssouveränität

Bei Twitter stieß ich auf folgendes Bild:

Bild wurde hier entdeckt.

Es stehen sich zwei Aussagen von zwei Bundespräsidenten gegenüber:

Präsident Heinemann wird wie folgt zitiert:

„Die Grundlage der Demokratie ist die Volkssouveränität und nicht die Herrschaftsgewalt eines obrigkeitlichen Staates. Nicht der Bürger steht im Gehorsamsverhältnis zur Regierung, sondern die Regierung ist dem Bürger im Rahmen der Gesetze verantwortlich für ihr Handeln. Der Bürger hat das Recht und die Pflicht, die Regierung zur Ordnung zu rufen, wenn er glaubt, dass sie demokratische Rechte missachtet.“

Eine Quelle ist für das Zitat nicht angegeben. Auch eine schnelle Internetrecherche brachte mir hier keine weitergehende Auskunft, allerdings gibt es keinen Grund anzunehmen, Heinemann hätte das nicht gesagt. Die Aussage deckt sich grob mit dem, was man an Aussagen von einem Bundespräsidenten erwartet.

Inhaltlich ist ihr zuzustimmen: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus, von daher stehen auch die Bürger, also die Angehörigen des Volkes, hier in der Verantwortung. Er kann durch öffentlichen Diskurs die Regierung zur Ordnung rufen, und das ist wichtig. Was der Bürger nicht kann, ist die Regierung bei Mißfallen direkt abzusetzen. Die Ordnung unseres Staates sieht vor, daß der Bürger per Wahl Einfluß auf die Zusammensetzung des Parlaments, also der Legislative nimmt. Die Regierung bestimmt er so nur mittelbar über seinen Einfluß auf die Zusammensetzung des Parlaments und über den öffentlichen Diskurs, also das von Heinemann geforderte Zur-Ordnung-rufen.

Und ebenso, wie der Bürger natürlich in keinem Gehorsamsverhältnis zur Regierung steht, ist er natürlich zum Gesetzesgehorsam gegen die von der Legislative beschlossenen Gesetze verpflichtet – gerade dann auch, wenn er diesen nicht zustimmt.

Das ist nun die eine Seite des Bildes. Auf der anderen Seite sehen wir den amtierenden Bundespräsidenten Gauck. Zu lesen ist dort:

Die Bevölkerung ist im Moment das Problem.

Mir fiel zuerst auf, dass dieser Satz im Gegensatz zu dem von Heinemann nicht in Anführungszeichen steht und fragte nach, ob Gauck das vielleicht gar nicht gesagt habe. Daraufhin schickte man mir folgendes Video:
https://www.youtube.com/watch?v=6wEFa9MR2-A&feature=youtu.be

Gauck wird darin zu Europa befragt und zur Ablehnung der europäischen Idee durch viele Menschen. Es geht um die Frage, wie man in der Zivilgesellschaft für die europäische Idee wieder erfolgreich werben könnte. In diesem Zusammenhang sagt Gauck, nicht die Eliten seien das Problem, sondern die Bevölkerungen (Plural!).

Dem kurzen Ausschnitt ist durchaus zu entnehmen, daß es nicht darum ging, das Volk in irgend einer Art und Weise zu bevormunden, sondern darum, zu problematisieren, wie ein gesellschaftlicher Diskurs zu gestalten wäre, der die europäische Idee stärkt.

Dass es gesellschaftliche Diskurse gibt und geben soll gehört zur Demokratie wie die Volkssouveränität. Ohne einen gesellschaftlichen Diskurs kann sich kein Bürger eine Meinung bilden und damit kann er auch kaum eine begründete Wahl treffen, da er uninformiert ist. Der uninformierte Bürger ist dann dazu gezwungen, sich an seine Vorurteile zu halten bei den Wahlen, da diese ohne Diskurs nicht hinterfragt werden können.

Das Perfide an dieser Bild-Zitat-Zusammenstellung ist vor allem, daß Dinge zusammengeworfen werden, die nicht zusammen gehören. Es wird suggeriert, Gauck würde als Vertreter der Regierung mit seiner Aussage das tun, was Heinemann als undemokratisch kritisiert.

Nur ist der Bundespräsident weder ein Teil der Regierung, noch repräsentiert er sie. Er repräsentiert den deutschen Staat und es ist Teil seiner Aufgabe, zivilgesellschaftliche Diskurse zu führen und anzustoßen. Wenn er sich also Gedanken dazu macht, wie die europäische Idee wieder gestärkt werden kann und dabei problematisiert, welche gesellschaftlichen Gruppen besonders angesprochen werden müssten, tut er genau das, was die Voraussetzung für Heinemanns Forderung ist. Denn wie gesagt: Ohne gesellschaftlichen Diskurs kommt es zur Entmündigung des Volkes und zur Stärkung von Vorurteilen, die ganz schnell auch in der Abschaffung der Demokratie enden kann.

All dies geht einher mit einer Mißdeutung des Begriffes „Problem“. Der Begriff wird abwertend verstanden, obwohl er diese Bedeutung per se nicht hat. Er bezeichnet lediglich den Ansatzpunkt für das intendierte Ziel: Hier die Stärkung des europäischen Gedankens. Und Gauck hat ja nicht Unrecht: die Eliten sehen die Vorteile Europas, in den Bevölkerungen ist dies weniger der Fall, wie das Ergebnis der Brexit-Abstimmung kurz nach dem Interview ja belegt.

Aber mir geht es noch um etwas anderes, nämlich die Frage, ob in der ganzen Thematik nicht andere als Gauck die Volkssouveränität untergraben.

So habe ich den Eindruck, daß durch Bilddateien wie die obige der Diskurs unterbunden werden soll, indem man denjenigen mit anderen Ansichten zu disqualifizieren sucht. Gaucks Aussagen werden durch Suggestion, er sei Teil der Regierung (hergestellt durch das Heinemannzitat, das Bürger und Regierung einander gegenüberstellt) und gezieltes Falschverstehen seiner Aussage in der Art, als verlange er Gehorsam und würde sich nicht am zivilgesellschaftlichen Diskurs beteiligen.

Eine Unterbindung des Diskurses hat jedoch, wie oben dargestellt, den Effekt, die Volkssouveränität tatsächlich durch Entmündigung der Bürger zu untergraben. Diejenigen, die sich durch Erstellen und unkritisches Verbreiten solcher Bilder als Verteidiger der Volkssouveränität inszenieren, machen mit bei ihrer Zerstörung. Soweit sie das unbewußt tun besteht Hoffnung, sie umstimmen zu können.

Tun sie das gezielt, gehören sie in die Reihen der populistischen Lügner, die vor nichts zurückschrecken, um ihre (sicherlich gar nicht demokratischen) Gesellschaftsideale umzusetzen.

Commenting Media, Gesellschaft

Pädophile Massenhochzeit im Gaza-Streifen?

Im Moment hab ich wenig Zeit, es sind gerade Amtswochen, daher hatte ich gar keinen Artikel geplant. Dann sah ich dieses Bild:

Massenhochzeit in GazaEs handelt sich um ein Bild von einer Massenhochzeit in Gaza. Und es ist sehr verbreitet im Internet (siehe google Bildersuche – gibt es auch weniger bedenktliche Bildersuchen als google?).

Soweit, so gut. In Gaza gibt es also Massenhochzeiten. Die gibt es auch bei uns, und es gibt immer wieder Versuche, größere Massenhochzeiten auszurichten, um ins Guiness Buch der Rekorde zu kommen. Wie dem auch sei.

Das alles ist ja kein Aufreger. Der Aufreger liegt darin, dass auf den weitaus meisten Webseiten behauptet wird, die Mädchen in den weißen Kleidern seien die Bräute der daneben stehenden Männer. Die Seitenbetreiber leisten damit dem Vorurteil Vorschub, dass Muslime eine Neigung zu Pädophilie hätten, jedenfalls lassen sich viele der Artikel so verstehen.

Es handelt sich allerdings nicht um die Bräute. Und das entlarvt die ganzen Webseiten „besorgter Bürger“ und anderer geistiger Brandstifter als ganz üble Hetze.

Die Mädchen sind die Cousinen der Eheleute, die in der Zeremonie eine Rolle spielen. Die erwachsenen Bräute zeigen sich nicht derart in der Öffentlichkeit.

Leider aber geht die Wahrheit in der Masse an Falschinformationen und Hetzseiten ganz schnell unter, und man braucht schon ein gewisses Misstrauen und eine gewisse Ausdauer, um etwa auf diesen Artikel zu stoßen, der die Hintergründe beleuchtet. In dem Artikel ist dann auch ein Artikel eines Reporters verlinkt, der tatsächlich vor Ort war und bestätigt, daß die Mädchen nicht die Bräute sind.

Wir leben in Zeiten der Unaufrichtigkit, in der wir mit einem Wust von Lügen dazu gebracht werden sollen, unseren Auftrag als Christen, die Menschen zu lieben, zu vergessen und statt dessen zu hassen. Der Teufel ist der Vater der Lüge, und er nutzt sie, um seien Haß zu verbreiten und Gottes Reich zu bekämpfen.

Seien wir also misstrauisch, wo immer wir zu Haß und Verachtung gedrängt werden, durch Angstmacherei und Lügen.

Einer der häufigsten Sätze in der Bibel lautet: „Fürchte Dich nicht.“ Halten wir uns daran. Und halten wir an der Liebe fest!

Update: Ich stieß gerade auf diesen Artikel, der den oben verlinkten Artikel in einigen Details korrigiert. Interessant dabei finde ich zwei Dinge:

  1. Die ursprüngliche Falschmeldung kam von einem radikalen koptischen Blog (es gibt auch unter den verfolgten Christen der arabischen Länder Radikale, die zur Lüge greifen).
  2. Die Massenhochzeiten der Hamas sind ein soziales Projekt, das allen Menschen egal welcher Religion oder Nationalität offensteht. Mir stellt sich da die Frage, ob das nicht auch etwas für unsere Kirchen wäre. Ich habe den Eindruck, dass dies bei den immer wieder veranstalteten Tauffesten der Fall ist. Wieso das nicht auf Hochzeiten, Konfirmationen und andere Feste ausweiten?

Nochn Update: @LEvangelikal hat mich drauf hingewiesen, daß es sich bei der koptischen Homepage um „Kopten ohne Grenzen“ handelt (Danke für den Hinweis). Dort hab ich die Geschichte dann auch gefunden. Allerdings handelt es sich dabei offenbar nicht um die erste Meldung (wie bei mimikama.at zu lesen), da der Artikel vom November 2012 ist und auf einen Artikel vom 5.8.2009 bei pi verlinkt. Vom pi Artikel bin ich dann zu Israel Matzav gekommen. Der Artikel datiert vom 31.7.2009 und ist bisher der Älteste. Tim Marshall, der vor Ort war und davon berichtete (ich hab den Originalbericht noch nicht gefunden) hat schon am 4. August 2009 von dem Problem berichtet, daß islamophobe Webseiten die Bilder aus dem Kontext reißen. Im Moment hege ich die Vermutung, daß der Originalartikel deshalb ausdem Netz genommen wurde.

Theologie

Historizität

Nchmal zum Thema Berger. Bei idea gabs nen Artikel dazu, und darunter ienen Kommentar von einem „Hinweis77″(vom 3.6. um 14:09 Uhr). Er oder sie schreibt:

Sie sagen es kommt nicht auf die „Historizität“ an. Genau das ist die Lüge, man möchte Gottes Handeln aus der Geschichte radieren.

Was ist Gottes Handeln und was ist Geschichte? Ist Geschichte das, was wirklich passiert ist, oder ist Geschichte das, was wir uns vom wirkich passierten rekonstruieren?

Lesen wir Geschichtsbücher, so lesen wir darin immer nur Ausschnitte dessen, was passierte, und zwar in der Deutung bestimmter Menschen. Nimmt man ein geschichtliches Ereignis und sieht dazu in ein Geschichtsbuch von heute, eins aus der DDR und eins aus dem Dritten Reich, dann werden wir ganz unterschiedliche Dinge lesen. Und das sind dann auch nur drei Darstellungen, neben denen es noch Milliarden andere geben kann. Wenn ich in die nächste größere Stadt fahre, dann ist es für den einen Geschichtsschreiber vielleicht interessant, wie die Stadt heißt, weil er wissen will, wo ich wohne, und über den Namen der Stadt auf den Namen meines Wohnortes schließen könnte. Der nächste würde wissen wollen ob ich mit dem Fahrrad, Motorrad, Trecker oder einem Auto fahre, und welches Modell. Der nächste würde sich für den Kraftstoffverbrauch interessieren, wieder einer, was ich unterwegs gesehen habe, welche Straße ich benutzt habe etc etc. Komplizierter wird es nun, wenn es nicht heißt „in die nächste Stadt“, sondern nur „in die Stadt“. Denn es hat sich in meinem mfeld eingebürgert zu sagen, man gehe in die Stadt, wenn man runter ins Dorf geht. Ist nun eine Stadt gemeint, oder das Dorf? Das Spiel könnte man noch unendlich fortführen.

Worauf ich hinaus will: Das, was wir als Geschichte verstehen, ist ein Konstrukt. Es ist eine Auswahl dessen, was passiert ist. Genauer gesagt dessen, was wir meinen, was pasiert ist. Und zwar in der Auswahl, die wir treffen.

Es gibt Gründe dafür, was wir als wichtig auswählen. Die wenigsten Menschen werden wirklich ein Interesse daran haben, wann ich wohin mit welchem Auto gefahren bin. Wenn es am gleichen Tag irgendwelche wichtigen politischen Entscheidungen gab, wird man sich die eher merken. Es sei denn, jemand hat kein Interesse an Politik, aber eben daran, daß ich in die Stadt komme. Vielleicht ein Freund, mein Chef oder ein Kunde, egal.

Es gibt auch Gründe dafür, was wir meinen, daß passiert ist. Wir gucken in den Himmel und sehen irgendwas, das wir nicht zuorden können und meinen, es war ein UFO. War es nun eins oder nicht? Wir sagen ja, andere Menschen glauben das nicht, und sagen nein. Was denn nun? Wir haben natürlich Grund zur Annahme, daß wir wissen, was wir sehen. Andere sehen das anders. Wieder andere meinen, wir hätten uns lediglich geirrt und es war ein Düsenflieger, kein UFO.

Wenn ich nun sage, es war ein UFO, ist es eine Lüge? Und wenn jemand anders sagt, es war keins, lügt der dann?

Ist Gottes Handeln als geschichtliches Faktum wichtig? Ist uns wichtig, daß in den Geschichtsbüchern steht, Gott habe an dm und dem Tag um die und die Uhrzeit Maria geschwängert? Oder Sodom und Gomorra zerstört? Oder mit Jakob gerungen?

Das sind Dinge, die als historische Fakten durchaus ach von Nichtchristen angenommen werden könnten, wenn es Beweise dafür gäbe. Das würde die Nichtchristen aber nciht plötzlich zu Christen machen, oder? Spricht nicht Christus, daß selbst die Dämonen an Gott glauben – und zittern? Simples für-wahr-halten bringt nix. Wenn ich aufzählen kann, wann Gott was gemacht hat, dann bringt mir das überhaupt nichts, außer daß ich vielleicht mal als Telefonjoker bei „Wer wird Millionär“ angerufen werde. Wenn das Handeln Gottes für mich keine weitere Bedeutung hat, wenn es so wichtig ist für mich wie die Einigung Chinas durch Zhao Zheng, dann macht mich das nicht zum Christen. Wichtig ist, was das Handeln Gottes für mich bedeutet. Das begründet Beziehung. Zu Gott. Und ich kann an einen Gott, der so handelt auch glauben, wenn ich Sein Handeln historisch nicht nachweisen kann. Ich kann an einen solchen Gott sogar glauben, ohne die Bibel überhaupt als historischen Bericht zu verstehen. Was ich aus der Bibel entnehme ist, daß es Menschen gab, die Grund dazu hatten, Gott all dies zuzutrauen. Wieso sollte ich das anders sehen? Und zwar unabhängig davon, was die Bibelautoren, wer auch immer sie waren, meinten erlebt und gesehen zu haben? Wenn das Handeln Gottes völlig aus der Geschichte gelöscht ist, habe ich immer noch die Berichte derjenigen Menschen, die selbst, subjektiv ein Handeln Gottes erfuhren. Diese Menschen glaubten an Gott, sie hielten Ihn nicht nur für wahr. as ist für mich Grund genug, es ebenso zu tun, weil meine subjektiven persönlichen Erfahrungen sich damit decken. Und hätte ich keien Bibel, so habe ich doch Freunde und Familie, die an Gott glauben und von derartigen Erfahrungen berichten. Wieso sollte ich ihnen nicht glauben? Mehr brauch ich nicht. Wenn jetzt Menschen kommen, die meinen, ich würde damit der Irrlehre Tür und Tor öffnen, wie Hinweis77 meint, dann seh ich nicht, inwieweit ich das eher tue als andere, die sich auf Historizitäten versteifen und nicht mehr fragen, was Gott für sie persönlich bedeuet, die sich am Buchstaben der Bibel festhalten, damit der Geist sie ja nicht wegweht. Irrlehren gibt es nicht erst seit der historisch.kritischen Methode, und die Konzentration auf die Bedeutung Gottes Handelns für einen persönlich, anstatt auf historische Faktenpostulationen, sehe ich jetzt auch nicht als die schlimmere Alternative an…

Schwule Pfarrer???

Schwule Pfarrer zum Zweiten

Nachdem es im 1. Teil der Auseinandersetzung mit dem glaubereal-Artikel „Schwule Pfarrer???“ um die Frage nach der Bibel ging, geht es heute um die Stellung des Pfarrers.

Anfangen möchte ich mit einem Zitat:

Zunächst sei festgestellt, daß es in diesem Artikel nicht um gewöhnliche Menschen geht, die ein Laster haben, sondern um Pfarrer. Worin besteht das Amt des Pfarrers? Das Amt des Pfarrers ist es, sich um das Seelenheil der Glieder seiner Kirche zu kümmern. Der Pfarrer soll predigen: “Jesus Christus will und kann uns aus der Sklaverei jeder Sünde befreien” (Matth. 1, 21),  hört das Evangelium: “Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben” (Joh. 3, 16).

Die Frage ist also: Ist der Pfarrrer etwas besonderes, oder ist er es nicht? Ohne mschweife zustimmen kann man, wenn es darum geht, ob es zum Amt des Pfarrers gehört, zu predigen. Es hat auch Seelsorge und einiges mehr zur Aufgabe (häufig auch jede Menge Papierkram), aber das Predigen ist eine sehr wichtige Aufgabe des Pfarrers. Bei der Aussage, der Pfarrer habe die Aufgabe, „sich um das Seelenheil der Glieder seiner Kirche zu kümmern“ stutze ich und muß nachfragen:

Ist der Pfarrer für das Seelenheil der Gemeindegleider verantwortlich? Ist die Aussage so gemeint? Soll er vielleicht gar qua Predigt dafür sorgen, daß die Gemeindeglieder ihr Seelenheil erlangen? Oder ist damit lediglich das gemeint, was ich schon sagte: Seelsorge. Sich kümmern um diejenigen in der Gemeinde, die schwer zu tragen haben, in welcher Weise auch immer. Das kann dann durchaus auch Fragen des Glaubens betreffen, in denen der Pfarrer raten kann. Das kann auch unbewußt durch eine Predigt geschehen, wenn das entsprechende Gemeindeglied die Predigt als Wort Gottes erlebt, das ihn direkt anspricht und in seiner Situation aufhilft. Wie der Autor diese Aussage nun versteht, bleibt vorerst im Dunkeln. Sie scheint für ihn nur betonende Funktion zu haben. Betont werden soll: Nicht jeder kann Pfarrer werden, mit dem Amt des Pfarrers geht eine bestimmte Verantwortung einher.

Ein Stück weiter unten werden dann zwei Schriftstellen zitiert. Ich will sie hier übernehmen:

1 Das ist gewisslich wahr: Wenn jemand ein Bischofsamt begehrt, der begehrt eine hohe Aufgabe.
2 Ein Bischof aber soll untadelig sein, Mann einer einzigen Frau, nüchtern, maßvoll, würdig, gastfrei, geschickt im Lehren,
3 kein Säufer, nicht gewalttätig, sondern gütig, nicht streitsüchtig, nicht geldgierig,
4 einer, der seinem eigenen Haus gut vorsteht und gehorsame Kinder hat in aller Ehrbarkeit.
5 Denn wenn jemand seinem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie soll er für die Gemeinde Gottes sorgen?
6 Er soll kein Neugetaufter sein, damit er sich nicht aufblase und dem Urteil des Teufels verfalle.
7 Er muss aber auch einen guten Ruf haben bei denen, die draußen sind, damit er nicht geschmäht werde und sich nicht fange in der Schlinge des Teufels.
8 Desgleichen sollen die Diakone ehrbar sein, nicht doppelzüngig, keine Säufer, nicht schändlichen Gewinn suchen;
9 sie sollen das Geheimnis des Glaubens mit reinem Gewissen bewahren.
10 Und man soll sie zuvor prüfen und wenn sie untadelig sind, sollen sie den Dienst versehen.
11 Desgleichen sollen ihre Frauen ehrbar sein, nicht verleumderisch, nüchtern, treu in allen Dingen.
12 Die Diakone sollen ein jeder der Mann einer einzigen Frau sein und ihren Kindern und ihrem eigenen Haus gut vorstehen.
13 Welche aber ihren Dienst gut versehen, die erwerben sich selbst ein gutes Ansehen und große Zuversicht im Glauben an Christus Jesus.

Es geht um Bischöfe und Diakone, also Ämter, die mit der Gemeindeführung zu tun haben. Diese Bibelstelle gibt uns sicherlich einen Anhalt um zu verstehen, wie ein guter Gemeindeleiter sein soll.

Dabei gelten für den Bischof schärfere Regeln als für den Diakon, wohl auch deshalb, weil in der Situation, in die der Brief geschrieben wird, eine solche ist, in der der Bischof eine höhere Verantwortung trägt als der Diakon. Abgesehen von dem, was auch vom Diakon erwartet wird (Ehrbarkeit, kein Säufer, nicht geldgierig, nur eine Ehefrau, guter Haushaltsvorstand) wird vom Bischof noch verlangt, geschickt im Lehren zu sein, was wohl das Predigen meint, gastfrei zu sein, was wohl darauf hinweist, daß Gäste der Gemeinde vor allem beim Bischof wohnten, er sollte kein Neugetaufter sein (wohl auch, um nicht im ersten Enthusiasmus alles einzureißen, was ihm persönlich nicht ganz recht dünkt) und dann sind noch Attribute genannt, die einen gutherzigen aber würdevollen Menschen ausmachen, dem man sich gerne anvertraut, weil er auch ohne das Amt etwas gilt. Hierher gehört auch der gute Ruf.

Interessant ist die Doppelzüngigkeit, bzw das Verbot derselben beim Diakon, aber nicht beim Bischof. Ich würde auch nicht zu viel da hineinlegen. Denn wir sehen ja aus der Geschichte der Kirche, daß auch Menschen Pfarrer wurden, und gute Pfarrer, auf die nicht alles zutraf. So hatte Bonhoeffer gar keine Frau. Auch Luther war lange unverheiratet. Infolgedessen war auch kein Haushalt da, dem vorzustehen war. Von Luther wird gar berichtet, daß er einem guten Bier nicht abgeneigt war, obgleich ich zögere, ihn deshlb gleich als Säufer hinzustellen. Und was ist mit all den weiblichen Pfarrern? Davon gibt es jede Menge, die einen verdammt guten Job machen. Eine beispielsweise in meiner Heimatgemeinde. Sie predigen, machen Seelsorge, kümmern sich um die Gemeinde so gut wie es auch jeder Mann tut. Die meisten haben aber wie Bonhoeffer keine Frau. (und ich bezweifle stark, daß das irgendwer als Manko ansieht)

Wie dem auch sei ist es doch verständlich, wenn gewisse Regeln aufgestellt werden für die Person des Pfarrers. So geschah es im 1. Timotheusbrief und so ist es ach heute noch sinnvoll. Aus dem Brief kann man auch erkennen, was wohl ein besonderes Problem war: Geldgier, Gewalttätigkeit, Streitsucht, aber auch ein schlechter Ruf, selbst wenn man nichts dafür konnte. Die Gemeinde sollte nicht schlecht dastehen, nur weil sie die Leitung einem Menschen anvertraut hatte, der einen schlechten Ruf „in der Welt“ hatte, welcher nun auf die gesamte Gemeinde abfärben konnte. Da organisierte man sich lieber anders, um die Ausbreitung des Evangeliums nicht durch die Vorurteile der (noch) Ungläubigen zu hindern. Andernorts wurde das in anderem Kontext wunderbar beschrieben. Mir fällt spontan noch ein, wie Paulus schreibt, daß man keine langen Haare haben soll als Mann (1. Kor 11, 14), weil es die Natur lehrt. Die Natur steht hier aber im Gegensatz zu älteren Traditionen im Judentum. So hatte Simson bekanntlich lange Haare, ohne daß es ein Problem gewesen wäre. Das Problem trat erst auf, als sie ihm geschnitten wurden. Und Simson hatte lange Haare, weil Menschen, die Gott geweiht waren, allgemein lange Haare hatten (vgl. auch Lev 19, 27).

Der Begriff der Natur ist allgemein interessant. Wir können hier jedenfalls festhalten, daß er nichts mit einem etwa ewigen Willen Gottes zu tun hat, sondern mehr mit den Dingen, wie sie gerade sind. Weil es die Norm ist in der Gesellschaft, sollen Fraen ihren Kopf bedecken beim Gebet, Männer sollen dies nicht tun. Aus dem gleichen Grund sollen Männer keine langen Haare haben, Frauen aber schon. Aus dem gleichen Grund soll ein Bischof einen guten Ruf haben. Das Evangelium soll nicht durch Rufmord gefährdet werden.

Freilich gibt es Punkte, die für die Gemeinde wichtig sind. Dazu gehört zweifelsohne, daß der Bischof nicht geldgierig sein soll. Dies gilt umso mehr, wenn er das Vermögen der Gemeinde verwaltet. Und auch lehren soll er können, also predigen (aber auch Katechese gehört hierzu).

Damit ist dem glaubereal-Artikel hier zuzustimmen: Ein Pfarrer (oder Bischof oder Diakon) hat eine bestimmte Verantwortung. Was er tut, wirkt sich aus. Deshalb sollte die Kirche sich genau überlegen, wen sie zum Pfarrer beruft, und welche Regeln sie aufstellt.

Ich stimme dem Autor auch zu, daß es nicht sein kann, daß der Pfarrer eins predigt und das andere tut. Das würde die Predigt unglaubwürdig machen. Ich will noch nicht darauf eingehen, wie das nun mit dem schwulen Pfarrer ist. Diese Frage wird später noch ausreichend Raum finden. Viel wichtiger finde ich die Frage:

Muß man mit der Übernahme eines Amtes quasi zum Übermensch werden, der nie mehr sündigt? Dazu Paulus:

Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.

Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.

Paulus ging nicht davon aus, daß er, als Apostel, nur Gutes tun könnte. Und trotzdem predigte er, und ich will meinen nicht mit wenig Erfolg. Wir dürfen also von unseren Pfarrern auch nicht erwarten, daß sie immer alles richtig tun. Ein Unterschied ist es freilich, wenn jemand seine Verfehlungen nicht als solche ansieht. Wenn also ein Pfarrer etwa lügt oder stiehlt dies auch offen zugibt, aber nciht als Problem ansieht. Und dann vielleicht noch allsonntäglich predigt, daß man nicht lügen und nicht stehlen soll.

Dann wird der Pfarrer unglabwürdig. Wenn er lügt, und er sieht es selbst als Verfehlung an, und er kehrt um und tut Buße und steht wie Paulus zu seiner Verfehlung, liegt die Sache anders.

Die Serie geht weiter. Nach derzeitigem Stand befaßt sich der nächste Artikel mit den „sexuellen Sünden“, was immer damit gemeint sein mag.