Commenting Media, Gesellschaft, Politik

Die wirklichen Lügner

Im Umfeld von AfD und Pegida Sympathisanten spricht man ja gerne von der Lügenpresse, die angeblich alles verdreht und „uns“ (wer auch immer damit gemeint ist) an irgendwelche bösen Mächte (wer auch immer damit gemeint ist) verkauft.

Nun stieß ich bei Twitter vor ein paar Tagen auf einen Tweet aus eben demselben rechtspopulistischen Umfeld:

Nach etwas Recherche fand ich das Bild, das von Árpád Kurucz am 1. September 2015 im Keleti Bahnhof in Budapest aufgenommen wurde. Daß es sich bei der bonden  Person in der Mitte nicht um eie Frau handelt, erkennt man, wenn man auf der Fundseite nach links blättert zu diesem Bild, wo die Person mit dem weißen Oberteil und den langen blonden Haaren (man achte auch auf den weißen Gürtel) offensichtlich keine Frau ist und wahrschienlich auch nicht deutsch (was freilich unerheblich ist – ich betone das,w as es im Tweet betont wurde).

Um sicher zu sein habe ich den Fotografen über dessen Homepage kontaktiert und heute hat er geantwortet. Es habe dort einen kleine Kampf zwischen Afghanen und Syrern gegeben und die Syrer hätten behauptet, der Mann mit dem weißen Oberteil hätte ein oder mehrere Kinder mißbraucht.

Da braucht man kein Syrer oder Muslim zu sein, um da handgreiflich zu werden. Freilich, was da genau passiert ist und ob an den Vorwürfen etwas dran ist, kann keiner sagen. In solchen Situationen – auf der Flucht – hilft keine Polizei und kann auch nicht helfen, weil die Menschen auf der Durchreise sind, nirgends registriert, ohne Dach über dem Kopf.

Helfen kann da nur, die Flucht zu beenden, indem man die Menschen aufnimmt und ihnen Wohnraum und eine Perspektive gibt, indem man ihnen zeigt, daß die Behörden bei uns zu ihrem Schutz da sind und zum Schutz ihrer Kinder.

Ein Bild zu benutzen, um aus niederen Instikten (Fremdenhaß) Stimmung gegen diese Menschen zu machen, um bei ihnen das Gefühl von Beschütztsein gar nicht erst aufkommen zu lassen, ist da schon eine himmelschreiende Schweinerei und gibt Zeugnis von den Zielen der Urheber: Nicht um Warnung geht es, nicht um Korrektur der angeblichen Lügenpresse, sondern um Verbreitung der eigenen Propaganda auf Kosten Schwächerer und unter Inkaufnahme übelster Lügen.

Ich weiß, daß dieser Blogbeitrag daran nichts ändern wird. Aber vielleicht ist es für andere Menschen, die auch auf das Bild stoßen und genau wissen wollen, was da zu sehen ist, auffindbar und sie sehen, wer die wirklichen Lügner sind.

Gesellschaft, Politik

Lügenpresse?

Foto von Caruso Pinguin Lizenz CC BY-NC 2.0
Foto von Caruso Pinguin Lizenz CC BY-NC 2.0

Wenn die Demonstranten mit Medien wie „Russia Today“ oder „Al Dschasira“ sprächen, aber lokale und überregionale Medien als „Lügenpresse“ und „Mainstreammedien“ beschimpften, „dann werden rote Linien überschritten“, betonte der Chef der Bundeszentrale für politische Bildung.Vielen Anhängern der selbst ernannten „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) sei offenbar nicht klar, dass es in Deutschland keine Staatspresse gibt, betonte Krüger. Stattdessen gebe es eine „freie Presse, die das was geschieht, aus konkurrierenden Perspektiven betrachtet, diskutiert und damit die öffentliche Meinungsbildung konfrontiert“.

Gefunden habe ich diesen Textausschnitt hier. Krüger, Chef der bpb hat natürlich Recht. Eigentlich. Wir haben in Deutschland eine freie Presse, die sich in ihrer Gesamtheit vor Medien wie „Russia Today“ oder „Al Dschasira“ nicht verstecken muß. Eigentlich.

Und wir haben demokratisch gewählte Politiker. Politiker, die viel eher den Willen des Volkes repräsentieren, als beispielsweise der Politiker, der hinter „Russia Today“ steht: Putin.

Jetzt werden also sowohl Politiker als auch die Presse von den Pegida Leuten als Lügner angesehen und trauen ihnen nicht mehr, ja man traut nicht mal mehr den Statistikämtern, eigentlich niemandem mehr, der eine irgendwie andere Meinung als man selbst hat.

Jetzt kann man sich hinstellen und das bedauern, man kann dazu aufrufen, sich an Diskussionen zu beteiligen und Fakten anzuerkennen.

Alles richtig und gut, ohne miteinander zu reden wird es nicht besser werden. Allerdings sollte man sich selbst auch einmal genauer mit diesen Vorwürfen auseinandersetzen, den die kommen nicht aus dem luftleeren Raum.

So hat Thomas in seinem Jahresrückblick auf Politikeraussagen des Jahres 2013 verwiesen, die sich in diesem Jahr schon als Unwahrheiten herausgestellt haben. Es dürfte weiter Konsens bestehen, daß noch viel mehr solcher Aussagen gefunden werden könnten. Die meisten unter uns würden wohl auch der Aussage zustimmen, daß dies eben zum Geschäft der Politik gehört, daß man als Politiker nicht einfach nur seinen Willen durchsetzen kann, sondern auch Kompromisse eingehen muß.

Allein: Wo ist der Politiker, der das auch mal offen eingesteht? Ein CDUler, der im Wahlkampf sagt, daß man womöglich auch mit der AfD könnte. Oder ein SPDler der sagt, daß man mit den Linken nicht möchte, aber vielleicht doch lieber als mit der Union? Oder daß man Rot-Grün anstrebt, daß mn aber auch ne große Koalition machen würde, wenn anders das Land führungslos bleiben müßte etc etc?

Die Bürger sind erwachsen, und es wäre

im Sinne unserer Demokratie und unseres Gemeinwesens überhaupt, wenn Politiker (vor allem solche im Wahlkampf) sie auch so behandeln würden. Das kann bedeuten, daß man eine Wahl verliert. Aber der Schaden ist anders herum vielleicht noch viel größer. Eine Gelegenheit für Politiker, Größe zu zeigen, wenn sie das Allgemeinwohl vor das persönliche Wohl stellen, und uns gleich die Wahrheit sagen, anstatt auf den Effekt zu hoffen.

Von Populisten werden wir das nicht erwarten können, und das ist ein Problem, denn es würde ihnen vermutlich Vorteile beschaffen. Auf lange Sicht würde es aber – so denke ich – Populismus vorbeugen und unsere Gesellschaft insgesamt erwachsener machen.

Kommen wir also zur Presse, dem anderen Feindbild der Pegida Leute. Und da hat Michael in seinem tollen Artikel zur (nicht) drohenden Islamisierung (unterfüttert mit Daten zu den Geburtenraten) gleich auf zwei Falschinformationen eines großen deutschen – ja was eigentlich, Zeitung will ich es nicht nennen – hingewiesen. Persönlich fällt mir da noch der Fall Nikolaus Brender – Peter Frey ein. Allgemein habe ich in letzter Zeit den Eindruck gewonnen, daß die Medien zunehmend voneinander abschreiben und Nachrichten kaum mehr geprüft oder recherchiert werden. So werden Fehler (auch intendierte Fehler) einfach reproduziert.

Auch hier kann man sagen: Alles verständlich. Die Presse arbeitet (abgesehen von den öffentlich-rechtlichen, aber da gibt es auch Kostendruck) nach kapitalistischen Maximen. Man hat zwar den Auftrag, zu informieren, auch zu recherchieren und kritisch zu hinterfragen, allerdings ist das teuer und kommt deshalb wohl nicht immer zum Zug. Auf der anderen Seite verschaffen Skandale, Horrormeldungen und dergleichen Auflage. Wenn der neue EKD Ratsvorsitzende also fordert,

nicht nur von IS-Terror, sondern dem friedlichen Zusammenleben von Christen und Muslimen zu berichten

dann kann er vielleicht auf die Kirchenmedien dementsprechenden Einfluß nehmen und auf eine finanzielle Absicherung trotz solcher schlechter veraufbaren Meldungen hinwirken. Allein, auch in der Kirche wird gespart.

Man muß sich also auch eingestehen, daß unsere Presse zumindest vom Markt nicht unabhängig ist. Und das ist ein Problem, für das ich keine Lösung weiß. Der Verwies auf Blogs und andere Online-Medien kommt immer einmal wieder, aber kaum ein Blogger hat die Zeit und die Kenntnisse, hinreichend zu recherchieren. Und wenn doch, dann betreibt er das Bloggen zumindest semiprofessionell und muß sich wieder it den Gesetzmäßigkeiten des Marktes auseinandersetzen.

Trotzdem denke ich, ist es wichtig, sich mit den Pegida Leuten auszutauschen. Dies wird erschwert durch die Verweigerung gegenüber den Medien (und die fehlende Homepage). Vielleicht muß man dann doch mal auf „Russia Today“ schalten, um deren Ansichten mitzukriegen.

Und im Laufe der Diskussion müssen die dann auch begreifen, daß sie villeicht nicht „das Volk“ sind und ihre Ansichten nicht durchsetzen können. Ein guter Ausgang solcher Gespräche wäre, wenn man einander ein wenig besser versteht und die Ängste kennt, die den jeweils anderen bewegen (am Ende geht es vielleicht um die eigene Altersarmut und nicht um Ausländerhaß). Dann könnte man vielleicht sogar überlegen, wie man diese Ängste beseitigt. Wer sich hier engagiert, auch politisch engagiert, kann für die Zukunft sicher viele Pluspunkte sammeln.