Commenting Media, Theologie

Der mitleidende Gott

Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0
Quelle: http://jesusandmo.net

Ein Jesus & Mo Comic, für die Nichtenglischsprecher unter Euch, hiernochmal eine Übersetzung der Konversation:

Bild 1:
Jesus: Ich gebe zu, daß grauenhafte Ereignisse uns manchmal dazu bringen können, die Existenz Gottes anzuzweifeln, aber nach den Anschlägen in Paris habe ich gebetet.

Bild 2:
Jesus: Ich fragte Gott: „Wo bist Du in alledem?“ Und Gott sprach zu mir. Er sagte: …
Barmädchen: Warte!

Bild 3:

Barmädchen: Laß mich raten … sagte er etwas darüber, irgendwo „da“ zu sein in der Mitte von alledem und dann irgendwelche Platitüden darüber, unser Leid zu teilen?

Bild 4:
Jesus: Wie macht sie das?Mo: Gott ist unaussprechlich, aber vorhersehbar.

Es gibt viele von diesen Comics und sie wollen alle den Eindruck erwecken, besonders intelligent Religionskritik zu üben. Manchmal schaffen sie es auch, Mißstände aufs Korn zu nehmen, nur schießen sie dann oft zu weit übers Ziel hinaus und verlieren dadurch.

Wie dem auch sei, dieses Comic nimmt einen Punkt aufs Korn, der mich selbst oft ärgerte. Mir war als Jugendlicher nie eingeleuchtet, was ich davon haben sollte, daß Gott mit mir in irgend einem Leid ist, wenn er mir nicht helfen kann. Wozu jemanden, der mitleidet? Reicht es nicht, wenn es einem dreckig geht?

Ich habe über die Jahre (hört sich wahnsinnig lange an, so alt bin ich gar nicht) zwei ganz verschiedene Zugänge zu dieser Frage gefunden, bzw selbst erlebt.

Gott ist wirklich da

Im Leben bleibt es nicht aus, auch manchmal ziemlich nach unten zu kommen. Und manchmal steht man richtig am Abgrund, und weiß nicht mehr weiter, ist verzweifelt. Ich blieb davon auch nicht verschont und habe erlebt, daß es eine enorme Erleichterung sein kann, nicht auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, sondern jemanden zu haben, dem man sein Leid klagen kann und zwar so oft und so ausführlich, wie kein Mensch es ertragen könnte, zuzuhören. Schon alleine aus zeitlichen Gründen.

Ob und inwieweit Gott mitlitt kann ich nicht sagen, aber es war mir eine Hilfe, daß Er da war, bis ich mich irgendwann gefangen hatte und aus der Verzweiflung raus kam. Womöglich hat es eine Rolle gepielt, daß ich weiß, daß Gott das Leid nicht fremd ist, ging Er doch selbst ans Kreuz. Aber alleine daß ich wußte, es gibt einen Gott, alleine daß ich wußte, Er steht mir bei und läßt mich nicht verloren gehn, komme was wolle, half mir.

Gott leidet nicht nur passiv mit

Jeder Versuch, die Theodizee-Frage, die Frage wieso Gott Leid zuläßt, zu beantworten, wird unweigerlich zynisch. Es ist unsagbar zynisch, wenn man vebsucht, in den Geschehnissen einen tieferen Sinn zu finden. Die Menschen sind tot. Viele andere sind verletzt, physisch und psychisch. Solch schwer zu ertragendes Leid darf man nicht mit irgendwelchen Spekulationen über einen tieferen Sinn wegwischen. Das wäre unanständig und auch unehrlich: Keiner von uns kennt Gottes Plan.

Die Theodizee Frage ist ja auch falsch gestellt. Die Frage ist ja nicht, wieso Schlimme Dinge geschehen, sondern, wieso überhaupt gute Dinge geschehen. Was ist der Grundzustand der Welt? Gehen wir davon aus, daß eigentlich alles gut sein müßte? Oder kommtalles Gute, was uns widerfährt, von Gott? Ist letzteres der Fall,dann war Gott durchaus da bei den Anschlägen und hat konkret geholfen. Keiner der Attentäter kam ins Stadion, der Bataclan wurde relativ schnell gestürmt, die Ärzte waren durch eine kurz vorher abgehaltene Notfallübung ideal vorbereitet.

Sicher kann man jetzt sagen,das war nicht Gott, das war das vorausschauende Handeln der Menschen. Die Sicherheitsvorkehrungen haben geholfen, nicht Gott. So wie das Tischgebet Bart Simpsons:

Lieber Gott, wir danken dir für gar nichts, wir haben alles selbst bezahlt.

Nur ist es dann nicht billig, ausgerechnet das Negative Gott anzulasten? Wenn gute Sicherheitsvorkehrungen für den vergleichsweise glimpflichen Ausgang verantwortlich waren, sind dann nicht auch Menschen für die Anschläge, für das Leid verantwortlich? Schließlich waren es Menschen, die Bomben zündeten, die andere Menschen ermordeten.

Entweder man gesteht Gott zu geholfen zu haben, oder man braucht ihm auch das Negative nicht zuzurechnen.

Freilich, wenn man sich nun dafür entscheidet, Gott das Positive zuzurechnen, woher kommt dann das Negative? Entweder die Menschen haben eine hinreichende Freiheit, unabhängig von Gott Böses zu tun, oder aber es kommt doch von Gott her.

Viele apologetisch schreibende christliche Blogger, so ist mein Eindruck, ziehen als Erklärung die Freiheit des Menschen heran. Sie schreiben, der Mensch sei frei, Gutes und Böses zu tun, um Gott zu entschuldigen.

Ich halte das für nicht zutreffend. Mir ist ein Punkt sehr wichtig, und zwar daß Gott unbedingt über alles souverän ist. Wir sind Ihm letztendlich ausgeliefert, im Guten wie im Bösen.

Und diese Böse Seite müssen wir aushalten, wenn wir uns nicht in den schon erwähnten Sinnfindungen verlieren wollen. Wir können nicht alles Leid erklären, und das müssenwir auch nicht. Als Christen können wir trotz allem hoffen. Und wer kein Christ ist, wer nicht an Gott glaubt, der stellt auch nicht die Frage, ob Gott nun gut oder böse ist.

Womit sich nun die Frage nach dem obigen Comic stellt. Wenn der Autor nicht gläubig ist, wieso gibt er sich überhaupt mit dem Thema ab. Ich weiß es nicht, aber vielleicht kennt ja jemand von Euch die Antwort.

Theologie

Predigtkommentar

Predigen ist eine gefährliche Sache. Viele Menschen hören einem zu und glauben das, was man sagt. Als Prediger hat man eine gewisse Autorität, manches wird ungeprüft geglaubt, weil es „der Herr Pfarrer“ sagt.

Es ist nicht verkehrt, sich das als Prediger bewußt zu machen und ich bin mir bewußt, daß auch ich in meinen Predigten immer wieder in diese Gefahr komme und in die Falle tappe. Ich bin, wie alle anderen Menschen auch, ein Sünder.

Christina machte mich in einem Kommentar auf diese Hörpredigt aufmerksam (leider habe ich keinen Link zum geschriebenen Text). Mein Eindruck ist, daß der Prediger gut auch gute Absichten haben kann, ich denke aber ebenso daß er seine Gemeinde verführt (und zwar schon durch die abwertenden Sprache, die er zum Teil benutzt, um die Flüchtlinge zu bezeichnen; es kommt mehrmals der Begriff „Horden“ etc).

Ich möchte diesen Blogartikel benutzen, um in brüderlicher Verbundenheit auf ein paar Probleme hizuweisen, die mir beim einmaligen Hören der Predigt (den Text vorliegen zu haben würde es mir hier freilich einfacher machen) aufgefallen sind. Am Ende muß sich freilich jeder selbst ein Bild machen, den vor Gott werden wir dereinst alleine stehen, ohne uns auf einen Papst oder Lieblingsprediger berufen zu können.

Ich habe mir beim Hören Notizen gemacht und werde darauf antworten. Das wird leider sehr bruchstückhaft sein. Ich möchte entscheidende Aussagen der Predigt überprüfen und mein jeweiliges Ergebnis vorstellen.

Der Prediger stimmt der Aussage zu, daß Christen alle Menschen lieben, fragt aber, ob dies bedeutet, daß wir alle Menschen in Deutschland aufnehmen müssen, die kommen. Darauf antwortet er mehrfach, zuerst mit einem Beispiel:

Ein Einfamilienhaus mit 100m² Wohnfläche soll 200 Flüchtlinge aufnehmen, weil der Hausbesitzer sie alle liebt. Er stellt fest, daß die 200 Menschen zwar in das Haus hinein passen würden, daß es aber schnell zu Chaos führen würde, weil es doch zu wenig Platz zum Leben ist, und spätestens wenn weitere 500 Flüchtlinge ins Haus wollen, geht gar nichts mehr.

Das Beispiel ist sehr anschaulich, es ist nachvollziehbar, und es ist Quatsch. Nachvollziehbar ist es, weil es tatsächlich irgendwann dazu kommt, daß eine bestimmte Fläche zu viele Menschen beherbergen muß. Quatsch ist es, weil die Menge der Flüchtlinge pro m² in Deutschland nicht annähernd den Wert auch nur erreichen kann, der im Beispiel angenommen wird.

Wenn ein Haus 100m2 hat und darin 4 Personen (Papa, Mama, Sohn, Tochter) leben, dann hat jeder 25m². Wenn 200 Personen in dem Haus leben, sind das pro Person nur noch 1/2 m².

2013 standen in Deutschland pro Person im Durchschnitt 45m² zur Verfügung. Bei 80 Mio. Menschen. Um auf 1/2 m² wie im Beispiel mit dem Haus zu kommen, müßten 90 Mal (45:90=1/2) so viele Menschen hier wohnen, also 89 x 80 Mio. = 7,12 Mrd. Flüchtlinge hierher kommen. Das wäre fast die ganze Weltbevölkerung! So viele Menschen kommen sicherlich nicht, auch nicht in den nächsten 100 Jahren! Und es geht auch nur um den momentan (bzw. 2013) bestehenden Wohnraum. Wenn mehr Wohnungen gebaut werden bzw. leerstehende Wohnungen wieder genutzt werden, dann müßten noch mehr Menschen hierher kommen, um auf den 1/2 m² zu kommen, den der Prediger in seinem Beispiel bringt.

Ergebnis: Er übertreibt maßlos und provoziert damit Ängste. Zuletzt war die Rede von 1 Mio. Flüchtlingen pro Jahr. Sind wir einmal großzügig und gehen wir von 5 Mio Flüchtlingen pro Jahr in den nächsten 10 Jahren aus, dann wären das 50 Mio Flüchtlinge zusätzlich zu den 80 Mio. Einwohnern. Und gehen wir der Einfachkeit davon aus, daß niemand in der Zeit stirbt und keine neuen Wohnungen gebaut werden (was Unsinn ist, weil immer neue Wohnungen gebaut werden).

Dann hätten wir 130 Mio Menschen auf den 3,6 Mrd m² Wohnfläche (80 Mio. Einwohner x 45m² pro Einwohner 2013), das ergäbe dann 27,69m² pro Person. Imer noch mehr als in der „guten alten Zeit“ 1965, als jedem im Schnitt 22,3m² zur Verfügung standen.

Und es ist immer noch mehr als zur Verfügung steht, wenn in dem genannten Einfamilienhaus mit 100m² Wohnfläche zwei Erwachsene mit zwei Kindern wohnen.

Das sollte deutlich zeigen, in welche unverantwortlicher Weise hier Ängste geschürt werden. Ja, die Flüchtlinge leben derzeit in den Heimen auf engem Raum und das führt zu Unruhe, mitunter auch zu Gewalt. Es wäre aber ein leichtes, hier einfach neue Ressourcen zu schaffen. Im Moment mag es überall knirschen, aber wenn es drauf ankommt können auch schnell neue Gebäude gebaut werden, man muß es nur wollen.

Der Prediger sagt, jeder denkende Christ müßte auch ohne Bibel sehen, daß der Zuzug Chaos bedeute und der Teufel sich ob des Chaos die Hände reibe. Nun, ich erinnere mich ohne Bibel daran, daß man das Böse mit Gutem überwinden soll und daß der Teufel und das Chaos nicht vor der Liebe bestehen werden. Zumal wir im Zweifel unser Kreuz auf uns nehmen und keine Angst haben sollen, auch wenn uns Leiden vorausgesagt sind.

Nun sagt der Prediger, daß die Nächsten- und Feindesliebe ja ganz toll sei, daß aber diese in den persönlichen Bereich gehöre, aber nicht in die Politik, sie gelte also nicht für den Staat resp. das ganze Volk.

Mich erinnert diese Unterscheidung ein wenig an die Eigengesetzlichkeit, die lutherische Theologen aufgrund der Zwei-Reiche-Lehre machen zu können meinten. Die ist liberale Theologie at its  best (und das in der Predigt eines freikirchlichen Predigers!) und hat uns im letzten Jahrhundert die theologische Rechtfertigung des NS Staates eingebracht – heute sollte klar erkennbar sein, daß es sich hier um eine Häresie handelt!

Mit dieser Differenzierung zwischen Politik und privatem Bereich, in dem alleine Feindes- und Nächstenliebe gelten soll kommt der Prediger dazu zu sagen, daß all die Forderungen von Liebe gegenüber Nächsten und Fremden nicht bedeuten, daß ein Volk Fremde aufnehmen solle.

Im NT habe die Gemeinde keine politische Macht gehabt, deshalb sei es auch immer um den persönlichen Breich gegangen und nicht um die Politik. Um die ginge es dagegen im AT.

Dem würde ich sogar zustimmen, das AT hat in viel größerem Maße auch die Staats- oder Gesellschaftsebene im Blick als das NT. Allerdings – und da begeht der Prediger den Kategorienfehler, den er anderen vorwirft – wird im AT eine Theokratie beschrieben, und kein moderner Rechtsstaat. Wie dieser funktioniert finden wir nicht direkt in der Bibel. Auch wie eine Demokratie funktioniert steht dort nicht geschrieben. Trotzdem macht er Rechtsstaat und Demokratie stark, als positive Gegenbeispiele zur Theokratie, die der Islam angeblich fordere. Nun, wenn man in die Bibel, speziell ins AT sieht, dann ist es dort eben auch die Theokratie und nicht die Demokratie, die gefordert wird.

Er gesteht zwar ein, daß man das AT nicht 1:1 übertragen könne, daß es aber doch Vorbildfunktion hätte. Allerdings würde ich anfügen, daß man dabei aufpassen muß, was man überträgt: Die Theokratie, die er offenbar auch nicht will (sonst würde er den Islam dafür kaum kritisieren können), oder die Forderungen Gottes, die auch für ein demokratisiertes Volk im Rechtsstaat gelten?

Mit Verweis auf Röm 13 (komischer Weise NT) und andere Bibelstellen hält er fest, daß der Staat dem Bösen nicht freien Raum lassen dürfe. Allerdings fordert das auch niemand. Keiner fordert, das staatliche Gewaltmonopol (das Schwer in Röm 13) abzuschaffen. Ein Flüchtling unterliegt den gleichen Gesetzen wie wir und für deren Einhaltung ist ebenso die Polizei zuständig. Falls dies nicht geschieht, ist das ein Grund, unsere Polizei besser auszustatten oder sie dazu anzuhalten, ihre Arbeit zu erledigen, es spricht aber nicht dagegen, Flüchtlinge aufzunehmen.

Der Prediger sagt, daß der Staat die Pflicht habe, sein Volk vor dem Bösen mit Gewalt zu schützen. Dem würde ich gr nicht einmal widersprechen. Allerdings frage ich mich da: Was ist das Böse? Sind das Menschen? Gab es da nicht einmal die Unterscheidung zwischen Person und Tat im Christentum: Liebe den Sünder, hasse die Sünde?

Die Flüchtlinge sind ja nicht per se böse. Womöglich gibt es Flüchtlinge, die Böses tun. Dafür ist die Polizei da, dafür trägt die Obrigkeit das Schwert, wie Paulus feststellt. Damit ist dann aber auch alles gesagt in der Sache.

Den Kern seiner Predigt machen die Passagen zur Unterscheidung von Fremdling und Fremder aus. Der Fremdling, nach dem Prediger ein Proselyt, hebr. als Ger bezeichnet, sei ein Mensch, der den jüdischen Glauben angenommen habe und folglich als Einheimischer, als „Jude mit Migrationshintergrund“ zu behandeln sei: Ohne Unterschied zu anderen Juden.

Der Fremde hingegen, der die Gebräuche des Landes nicht annehme, sei eher als Feind zu behandeln. Für ihn gelten auch diverse soziale Leistungen nicht. Zu diesem hielte Israel deutliche Distanz.

Zu den Begrifflichkeiten verweise ich einfach auf zwei Artikel im Wibilex:

Proselyten (AT)

Fremder (AT)

Das Problem hier ist, daß Israel im AT nicht nur eine religiöse Gemeinschaft wie die Kirche bezeichnet, sondern eben auch einen Staat, der theokratisch-monarchisch regiert wird.

Wenn wir die Theokratie nicht wollen, dann müssen wir alles aussondern, was theokratische Forderung ist. Und theokratisch sind vor allem die Forderungen nach Reinheit des Volkes vor anderen Religionen.

Die freiheitliche Demokratie, in der wir leben, kann keine Religionen ausschließen wie es die altisraelitische Theokratie konnte. Heute könnte niemand mehr auf staatlicher Ebene etwas dagegen sagen, daß Salomo seinen Frauen einen Götzentempel baut. Das sind heute Fragen der privaten Frömmigkeit, also des Bereichs, in dem laut dem Prediger auch Nächsten- und Feindesliebe gelten.

Die abweisende Haltung den Fremden gegenüber haben wir dabei durchaus auch: Wer keinen deutschen oder europäischen Paß hat, gilt hier als Ausländer und hat, wenn er nicht ein Aufenthaltsrecht hat, sehr wenige Rechte. Er kann hier Urlaub verbringen oder zu einem Geschäftstermin kommen, aber viel mehr geht nicht. Er darf hier nicht ohne weiteres wohnen und er darf nciht ohne weiteres eine Arbeit annehmen.

Von den Fremdlingen wurde im AT verlangt, daß sie die Bräuche der Israeliten annehmen – dafür wurde ihnen laut dem Prediger (im Wibilex liest sich das ein wenig anders) die volle Gleichstellung zugebilligt. Damals umfassten diese Bräuche auch die Religion.

Im freiheitlichen Rechtsstaat (und um den geht es ja bei uns, wir nehmen ja keine Flüchtlinge in die Gemeinschaft der Christen auf, wenn sie nicht getauft sind) gelten auch bestimmte Regeln, die eingefordert und per Poizei durchgesetzt werden. Nur werden keine religiösen Forderungen mehr gestellt, weil der freiheitliche Rechtsstaat weltanschaulich neutral ist, er kann also gar keine religiösen Forderungen stellen, sonst wäre er kein freiheitlicher Rechtsstaat mehr.

So gesehen entsprächen also die Flüchtlionge genau den Fremdlingen, denen nach dem prediger sämtliche Sozialleistungen zustehen würden. Trotzdem sin die Sozialleistungen, die Flüchtlingen zugestanden werden, deutlich geringer als das, was uns zur Verfügung steht. Sie stehen noch einmal deutlich untr Hartz IV Niveau, haben keine Krankenversicherung und dürfen oftmals nicht einmal den Landkreis verlassen…

Es spielt im freiheitlichen Rechtsstaat übrigens auch keine Rolle, ob seine Bürger diesen mögen, oder ihn umbauen wollen. Vielen wollen den Umbau, nicht nur „echte Muslime“, wie der Prediger meint. Der freiheitliche Rechtsstaat kann aber nicht Muslimen per se weniger Rechte geben, auch wenn diese ihn tatsächlich abschaffen wollten, denn das entspräche einer Diskriminierung aufgrund der Religion, was nach den Regeln des freiheitlichen Rechtsstaates nicht geht. Er wäre nur noch auf dem Papier ein freiheitlicher Rechtsstaat: Wie jemand, der sich zwar Christ nennt, aber lieber draufhaut, als die andere Wange hinzuhalten.

Der Prediger betont, daß Scharia und Grundgesetz nicht zusammenpassen würden und daß „echte Muslime“ nicht integriert werden könnten. Doch sind auch „echte Muslime“ nicht zwangsläufig immer Muslime, deshalb sollte man zwischen den Menschen und ihrer Religion zu unterscheiden wissen. Fällt die Religion weg, oder wird sie „unecht“ im Sinne des Predigers, geht das mit der Integration vielleicht doch…

Am Ende bringt der Prediger noch die Idee vor, daß das Gericht Gottes bedeuten würde, daß ein Volk preisgegeben würde. Er meint, die Flüchtlinge würden sich von unserem Vermögen ernähren wie es im AT für die Zeit nach dem Fall von Samaria und Jerusalem berichtet wird. Das Überhandnehmen des Fremden sei eine Strafe Gottes.

Das kann durchaus so sein, und wenn es so ist, dann haben wir diese Strafe verdient. Und zwar, weil wir es seit Jahrzehnten verpassen, die Fremdlinge, die als Gastarbeiter kamen, tatsächlich zu integrieren. Sie mögen damals für uns gearbeitet haben und zu unserem Reichtum beigetragen haben, aber es war eben nicht alles gut damals. Wir haben das integrieren verpasst, haben sie wie Fremde anstatt wie Fremdlinge behandelt, und sie ud ihre Kinder sind Fremde geblieben, denen wir nun preisgegeben werden, wenn wir das Ruder nicht noch herum reißen.

Wir sollten aber auch bedenken: Die Bibel spricht in den Versen, die der prediger anführt von der verbrannten Erde, vom Zustand nach dem Krieg, als Assyrer und Babylonier fertig waren mit Israel und Juda. So weit sind wir noch lange nicht. Uns geht es gut, wir schwelgen im Luxus wie Samaria zur Zeit des Amos, auch wenn unsere fetten Kühe nicht auf dem Baschan grasen. Die Aramäer waren ein recht kleines Problem für Israel damals, ebenso wie die Flüchtlinge für uns heute. Wenn wir anständig damit umgehen, wenn wir die Flüchtlinge aufnehmen als Fremdlinge, die sich an unsere Gesetze halten und dafür als Gleichberechtigte behandelt werden, dann haben wir eine Chance. Wenn nicht, wird Assur kommen und uns zu Fall bringen.

Commenting Media, Gesellschaft

Die These des Gokh

Was haltet ihr von meiner These: Jemand der diese bestehenden Verhältnisse nicht auf radikaler Weise verändern möchte, trägt in meinen Augen viel mehr Schuld an dem Leid und die Ungerechtigkeiten in dieser Welt, also an 100.000 unnötiger Tote, als diejenigen, die auch durch die Anwendung von Gewalt bereit sind, diese Verhältnisse zu verändern? Oder anders ausgedrückt, in meinen Augen sind die Leute, die zaudern und abwarten die waren (sic!)“Schlächter“ unserer Zeit.

In der inzwischen mehrmals behandelten Diskussion zu Ravenbirds „Radikalisiert Euch“  hat Gokh diese These aufgestellt. Ich will hier nun aufschreiben, was ich davon halte.

Gokh stellt hier zwei Menschengruppen einander gegenüber:

Diejenigen, die die bestehenden Verhältnisse nicht in radikaler Weise verändern möchten und diejenigen, die auch durch Anwendung von Gewalt bereit sind, diese Verhältnisse zu verändern.

Zuerst kommen mir einige Rückfragen:

  • Was ist mit den Menschen, die die Verhältnisse durch Gewalt verändern wollen, aber eben nicht in radikaler Weise?
  • Was ist mit den Menschen, die die Verhältnisse vielleicht etwas mehr verändern wollen als die erstgenannten, aber eben keine Gewalt anwenden wollen?
  • Welche Verhältnisse sind überhaupt gemeint? Was genau soll verändert werden und wie?

Die Fragen beziehen sich freilich auf Spitzfindigkeiten. Ich habe sie trotzdem kurz aufgelistet (es könnten wohl einige mehr gefunden werden) um zu veranschaulichen, daß ich Gokhs These als ad hoc Formulierung ansehe, in der der Kern nicht präzis gefasst werden soll, sondern eher umschrieben wird.

Ich gehe in Diskussionen auch meist so vor, daß ich meine Gedanken im Zweifel irgendwie äußere, um dem Gegenüber zu ermöglichen, auf mich einzugehen, auch wo ich noch keine präzisen Formulierungen gefunden habe, weil es mir darum geht, die eigenen Ansichten weiterzuentwickeln und nicht, anderen meine Überzeugungen überzustülpen. Genau so verstehe ich Gokh hier.

Es scheint mir so zu sein, daß Gokh zwei Seiten aufmacht. Auf der einen Seite steht  die radikale Veränderung, im Zweifel durch Gewalt, auf der anderen Seite die Abwarter und Zauderer. Moderate Veränderer werden hier nicht genannt und auch wenn ich mir vielleicht denken kann, wo er sie einordnen würde, möchte ich diese Gruppe doch im Weiteren als eigene Gruppe ansehen (Du kannst ja auf meine Dreiteilung dann wieder eingehen, Gokh ;)).

Zaudern und abwarten

Die Rede vom „zaudern“ ist ja schon wertend. Und ja, es kann durchaus viel vorgebracht werden gegen das Zaudern. Ich erinnere mich an meine Zeit bei der Bundeswehr, wo es ein Sprichwort gab:

Probleme lösen sich, indem man sie ignoriert.

Gemeint wird damit, daß Probleme irgendwann einmal so groß werden, daß sie nicht mehr gelöst werden können, aber viele neue Probleme verursachen. Das erste Problem ist damit „sozusagen“ gelöst, und zwar auf die denkbar schlechteste Weise.

Allerdings hat Abwarten auch etwas für sich. Und zwar genau in den Situationen, in denen man tatsächlich noch nicht weiß, wie man sich entscheiden soll. Blinder Aktionismus führt in der Regel zu eben so wenig Erfolg wie Zaudern und hoffen, daß alles vorbei geht oder sich von alleine bessert (was es in der Regel nicht tut, siehe Bundeswehr-Sprichwort).

Meine Ansicht ist hier die, daß man in der Tat so lange abwarten sollte, bis man sich eine Meinung gebildet hat, wobei man sich die Zeit, die es braucht, um eine Meinung zu entwickeln, zugestehen muß.

Man wird nicht immer zu 100% sicher sein, was bedeutet, daß man auch ein Stück weit Vertrauen in die eigene Einschätzung haben muß. Hilfreich ist es dann, wenn einem nicht jeder Fehler ewig nachgetragen wird. Ich denke an Luther mit seinem „pecca fortiter“:

Sündige tapfer, doch tapferer glaube und freue dich in Christus, der Herr ist über Sünde, Tod und Teufel.

Luther ging es im Kontext auch ums Zaudern. Lieber gar nichts zu tun als eine Sünde, für die man dann von Gott Strafe zu erwarten hätte. Luthers Punkt war ja, jetzt etwas verkürzt gesagt, daß Gott die Menschen eben nicht strafen und richten will, sondern sie liebt und denjenigen, die sich zu Ihm halten (an Ihn glauben) vergibt. Übertragen auf unsere Situation: Wer im guten Glauben (nämlich daß sein wohl erwogenes Tun die Zustände verbessert) sich irrt und eher Schaden verursacht, sollte mit Vergebung begegnet werden. Wir alle machen Fehler, dem sollten auch Menschen zustimmen können, die nicht an die grundsätzliche Sündhaftigkeit des Menschen glauben.

Eine ganz andere Gruppe von Menschen, die noch nicht genannt wurden, möchte ich hier auch kurz ansprechen, weil der Effekt ihres Handelns wohl dem der Zauderer und Abwarter ähnelt:

Die Indifferenten

Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes:
Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest!
Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.

So steht es im 3. Kapitel der Johannesapokalypse. Die Extreme werden als annehmbar angesehen, aber das Unentschlossene ist es, das kritisiert wird.

Es gibt viele Situationen, in denen man unentschlossen oder indifferent sein kann. Entweder man ist noch nicht an dem Punkt, an dem man zu einer begründeten eigenen Meinung gekommen ist – siehe oben. Oder man ist sich eines Sachverhaltes nicht bewußt; so hatte Luther wahrscheinlich keinen Standpunkt zur PID und auch hier und heute wissen viele nicht von der Not, die andere Menschen aushalten müssen. Oder die Menschen sehen weg und wollen bestimmte Probleme gar nicht sehen. Manchmal sieht man sie vielleicht auch, ist aber dermaßen mit anderen Dingen beschäftigt, daß man keine Ressourcen mehr frei hat.

Wenn sich jemand für den Umweltschutz einsetzt, hat er vielleicht nicht mehr die Zeit oder auch nur das Wissen, sich zu jedem Detail der Netzpolitik zu äußern. Wer in der Flüchtlingshilfe engagiert ist kennt sich vielleicht nicht so sehr mit alternativen Wirtschaftssystemen aus.

Worauf ich hinaus will: Wir alle sind bei der einen oder der anderen Sache indifferent oder nachhaltig ohne eigene Meinung, weil wir einfach nicht dazu kommen, weil wir an anderen Problemen dran sind. Und das muß, denke ich, respektiert werden. Wir sind als Menschen halt nicht nur fehlbar, sondern auch endlich. Irgendwo ist das Ende meiner Leistungsfähigkeit erreicht.

Sicher bin ich der Meinung, daß jemand, der keine ernsten Probleme hat und nur die Augen vor dem echten Elend der Welt verschließt, kritisiert werden müßte. Doch liegt „echtes Elend“ im Auge des Betrachters. Es gehört halt auch ein gewisses Wertesystem dazu, bestimmte Dinge als echte Not und andere als weniger schlimm zu betrachten. Wir haben nicht alle das gleiche Wertesystem, und wir wollen sicherlich auch nicht dahin (hoffe ich), daß eine Institution allen Menschen ein Wertesystem vorschreibt. Denn wie gesagt: Wir sind alle fehlbar, so auch die Maßstäbe der Institutionen, die wir gründen. Neuere Entwürfe könnten wahrscheinlich nicht viel besser sein als die „Kirche im Mittelalter“ (ich nehm dies mal als Symbol, weil viele Leute sich unter „Kirche im Mittelalter“ in Verbindung mit „zwanghaftem Wertesystem“ in etwa das vorstellen können, was ich meine – daß es so einfach historisch nie war, lasse ich mal bis auf diese Erwähnung um des Themas willen unter den Tisch fallen).

Es kann also keiner ein für alle allgemein- und letztgültiges Wertesystem verordnen, ohne sich berechtigete Kritik zuzuziehen. (Es gibt allgemeine und letztgültige Wertesysteme in einigen Religionen oder Konfessionen, aber diese gelten immer lediglich für diejenigen, die sich dazu bekennen – man unterwirft sich dem also freiwillig. Zu staatlichen Gebilden gehört man aber durch Zwang. Ich unterliege in Deutschland den deutschen Gesetzen, und niemand hat mich je danach gefragt, ob ich das so in Ordnung finde).

Worauf ich hinaus will: Wir können sagen, daß wir bestimmte Haltungen ablehnen, aber wir können keine Objektivität beanspruchen, wenn wir jemandem sagen, sein Problem, passendes Gesinde für seinen Sommersitz in Monte Carlo zu finden, sei weniger groß oder wichtig als das Problem der Flüchtlinge, einigermaßen heil über das Mittelmeer zu kommen, oder allein die Flucht aus Syrien zu überleben. Es kommt auf das Wertesystem an und auch, wenn wir in diesen Fällen wahrscheinlich (hoffentlich!) zu einem sehr breiten Konsens kommen dürften ist das noch keine Objektivität.

Moderate Veränderer

Diese von Gokh nicht genannte Gruppe unterscheide ich von den radikalen Veränderern anhand der Bereitschaft zur Gewalt. Während die Radikalen (Waffen)-Gewalt als legitimes Mittel ansehen, tun die moderaten Veränderer dies nicht.

Der Unterschied zu den Zauderern ist der, daß sie tatsächlich einen Standpunkt haben (der IMHO durchaus radikal sein kann) und etwas tun, um ihr Ideal umzusetzen.

Es stellt sich ja durchaus die Frage, ob Gewalt überhaupt eine Situation verbessern kann. Wenn man etwa Hartz IV als Gewalt gegen Arbeitslose versteht kann man durchaus fragen, ob eine Gegengewalt die Situation zwingend verbessert.

Jedenfalls können die moderaten Veränderer anders als Zauderer und Indifferente von sich sagen,  daß sie tatsächlich etwas zu ändern gedanken. Sie sind somit nicht schuldig an all dem Leid, das durch sie verändert wurde. Insofern und falls ihre Methode länger braucht als andere, um Veränderungen zu bewerkstelligen, laden sie auch für das Leid in der entsprechenden längeren Zeit Schuld auf sich. Insofern sie aber nicht zur Gewalt greifen, laden sie durch diese keine Schuld auf sich.

Radikale, gewaltbereite Veränderer

Entsprechend dem gerade Gesagten muß natürlich gesagt werden, daß die gewaltbereiten Veränderer ihre Schuld in dem Maße vergrößern, in dem ihre Gewalt Leid verursacht. Und dabei muß man auch sehen, daß Gewalt nachwirkt: Wenn der Vater erschossen wird haben es die Kinder mit einem Elternteil in der Regel schwerer, ist auch ihre Armut größer, was siech wieder auf deren Kinder und deren Chancen auswirkt etc etc. Man braucht auch nicht im Materiellen zu verharren, auch immateriell fehlt ein der Gewalt zum Opfer gefallenes Elternteil (es kann auch die Mutter sein oder was, wenn ein Geschwisterchen zum „Kollateralschaden“ wurde?).

Dem kann natürlich eine möglicherweise schneller durchgesetzte Verbesserung gegenübergesetzt werden, falls diese Leid minimiert.

Ich bin bei aller Verehrung für Martin Luther King kein Pazifist. Ich habe meinen Wehrdienst geleistet und bin der Ansicht, daß Gewalt unter bestimmten Umständen geboten sein kann. Als Beispiel wird gerne Hitler genannt, den man mit frommen Wünschen wohl kaum hätte aufhalten können. Ich denke darüber hinaus am Paulus und Römer 13:

Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten.
Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut.
Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen.

Paulus stellt hier die nützlichen Seiten der Gewalt heraus nämlich, daß es eine Ordnung gibt innerhalb derer mit relativem Frieden gelebt werden kann. Eine solche Ordnung ist natürlich wiederum fehlbar, sie ist nicht ideal, weil sie von Menschen gemacht ist und Menschen Fehler machen (außerdem müssen Ordnungen auch der jeweiligen Zeit angepasst werden, siehe PID). Aber eine solche Ordnung ist besser als eine Unordnung, in der zwei oder mehr etwa gleichgroße Gruppen einander bekämpfen (ob mit Waffen oder anderen Machtmitteln wie Gesetzen oder Verordnungen sei einmal dahin gestellt) und keiner weiß, was jetzt eigentlich gilt.

Aber jede Gewalt hat ihre Grenze in ihrer Notwendigkeit. Ziel der Gewalt ist es, den Frieden zu sichern. Sichert sie den nciht mehr, sondern dient der Begünstigung oder der Unterdrückung bestimmter Menschen, ist die Gewalt ein Problem.

Dann ist auch immer die Frage zu stellen, welche Gewaltmittel angewendet werden sollen. Man kann auf gesetzliche Veränderungen hinwirken, was länger duaert und im Zweifel nicht so erfolgreich ist, oder man versucht etwas mit Waffengewalt durchzusetzen.

Da stellt sich dann die Frage nach der Effektivität. Wenn cih eine Minderheitenmeinung vertrete werde ich immens viel Gewalt aufwenden müssen, um diese Ansichten durchzusetzen. Bedeutet mehr Leid, bedeutet mehr Schuld. Womöglich wäre das Leid (und die Schuld) geringer, wenn man erst einmal auf Überzeugungsarbeit setzt. Ohne eine gewisse Basis von Überzeugten bricht jede Ideologie zusammen. Die Weimarer Republik konnte ohne Demokraten nicht bestehen, ebensowenig waren die Versuche, in Afghanisten und im Irak demokratische Gesellschaften zu implementieren, nicht wirklich erfolgreich. Auch in anderen Ländern mag es relativ regelmäßige Wahlen geben, während aber trotzdem grundlegende Rechte mißachtet werden.

Wobei mich der Irak und Afghanistan zu einem anderen Punkt bringen: Wenn es tatsächlich zur Anwendung von Waffengewalt kommt, sollte ein klarer Plan bestehen, wie es danach weitergeht. Waffengewalt kann vielleicht ein Zeitfenster für Veränderung eröffnen. Diese Veränderungen müssen dann aber schnelll greifen und effektiv werden, so daß niemand mehr (oder kein hinreichend großer Bevölkerungsanteil) zum status quo ante zurückwill. Das war offenbar nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben (da gab es zwar vorher keine wirklichen Pläne, aber sie wurden nachher zeitnah entwickelt und umgesetzt, wohl auch wegen dem Druck der Blockkonfrontation). Andere Beispiele könnten genannt werden.

Fazit

Schuld laden, so war meine Intention, darzustellen, alle auf sich. Die, die gar nichts tun, für die Unterlassungen, die, die etwas tun, zumindest für die Abweichungen vom (unbekannten) idealen Weg. Insofern ist auch das Ausmaß unserer Schuld unbekannt. Auch die Uneinigkeit beim Wertesystem trägt dazu bei, daß das Ausmaß der Schuld kaum genau quantifiziert werden kann.

Wir Menschen tendieren dazu, so ist mein Eindruck, die eigene Schuld zu relativieren und vor allem in anderen ein Problem zu sehen. Ich war gerade im Schulpraktikum an der Grundschule. Die Schüler waren allesamt liebe Kinder, die mir sehr ans Herz gewachsen sind, ich halte niemanden davon für irgendwie abgrundtief böse oder ähnliches. Trotzdem muß ich sagen: An diesen Grundschulkindern konnte man diese Grundtendenz ziemlich klar sehen: „Der hat angefangen“ – „Ich hab nur…“ – „Ich hab nichts getan und die hat“ – „Nein, das stimmt nicht, hab ich nicht…“

Für die Ausgangsfrage: Wer lädt mehr Schuld auf sich, muß ich sagen: Wer Probleme sieht und nichts tut muß vielleicht eher kritisiert werden als derjenige, der etwas tut, wobei man eben auch darauf achten muß, ob derjenige das, was gesehen werden soll, auch ebenso sieht. Mir kommt Marie Antoinette in den Kopf:

Wenn das Volk kein Brot hat, dann soll es eben Torte essen

Ja, ich bin auch der Meinung, daß das ignorant ist. Aber Ignoranz kann ja tatsächlich in Unwissenheit wurzeln. Wer von uns hat schon Verständnis für die Menschen, die seinen gewohnten Kreisen fremd sind: Welcher Punker hat Verständnis für Nazis? Welcher Nazi für Flüchtlinge oder Ausländer allgemein?

Dazu kommt das Problem, daß sowohl Leid als auch Schuld an sich schwer quantifizierbar sind. In welcher Maßeinheit will man das messen? Ich hab keinen Job und kein Essen im Kühlschrank, also habe ich 2 Meter Leid? Ich hab meine Altersvorsorge in Aktien und sorge bei der Aktionärsversammlung nicht für menschenwürdige Produktionsbedingungen, also habe ich 5 Meter Schuld auf mich geladen?

Was soll so eine Quantifizierung überhaupt bringen? Will man sich besser fühlen als andere? Eine Art holier than thou mit säkularem Vorzeichen? Ich vermute, es ist zielgerichteter, nicht auf die Mitstreiter und deren Performanz bei Veränderungen zu schielen, sondern sich eher um die Veränderungen zu kümmern (wobei natürlich thematisiert werden muß, welche Methodik man anwendet).

Und was wir noch überhaupt nicht angesprochen haben: Veränderungen gehen in tausende Richtungen und in tausenden Details. Wenn zwei die bestehenden Zustände ändern wollen, dann wollen sie vielleicht in eine entgegengesetzte Richtung. Konkret: Ein Nazi, der Gewalt anwendet, um die bestehenden Umstände in eine Diktatur zu verwandeln, lädt nach meiner (mein Wertesystem ist ja nicht objektiv) Auffassung mehr Schuld auf sich als jemand, der mit gewaltfreien Mitteln die Gesellschaft offener machen will.

Freilich hat Gokh den Nazi nicht im Blick, sondern geht implizit – so verstehe ich ihn – von einem Konsens in der Marschrichtung bei der Veränderung aus. Aber vielleicht bezeichnet das ein grundsätzliches Problem in der Diskussion. Bevor wir uns darüber unterhalten, wie sehr wir uns radikalisieren oder nicht und wer jetzt mehr Schuld auf sich lädt, sollten wir wahrscheinlich doch erst mal darüber reden, in welche Richtung wir wollen. Sprich: Überzeugungsarbeit leisten. Unter uns, und nach außen. Wenn wir dann irgendwann einen Konsens auf relativ breiter gesellschaftlicher Basis haben, auf was wir hinaus wollen und vielleicht auch, wie wir das erreichen, können wir uns Gedanken machen über die Radikalisierung, denn wie gesagt: Die Zeit, sich eine Meinung zu bilden, sollte man sich zugestehen. Sonst gebirt blinder Aktionismus am Ende nur Leid, ohne wirklich eine Verbesserung zu erreichen. Damit ist keinem gedient.

 

Theologie

Gott kann tun, was er will

Ein anderes Comic bei Jesus & Mo:

Es geht um Folter. Und auf der Originalseite steht unter dem Comic „Es ist keine Folter, wenn Gott es tut. Gott kann tun, was er will.“

Für alle des Englischen nicht so mächtigen (gibt es die hier?): In den ersten zwei Bildern äußern sich Jesus und Mo darüber, wie furchtbar Folter doch ist. Im dritten Bild übertragen sie e auf die Folterer, und im letzten Bild drücken sie ihre Freude darüber aus, daß diese Leute in die Hölle kommen.

Daß dort gefoltert wird, setzt das Comic als bekannt voraus.

Mal angenommen, es wäre so: Ist es wirklich keine Folter, wenn Gott es tut. Gelten für Gott andere Gestze? Wie kann das sein?

Das ist wohl der erste Gedanke, den jeder hat. Der zweite ist bei mir: Was ist mit dem dritten Bild? Sind Folterer wirklich „the lowest of low“ (die Niedrigten der Niedrigen) und „evil bastards“ (böse Bastarde)?

Die Antworten hier würden wohl auseinandergehen. Sind Menschen, die Böses tun böse?

Machen wir die Probe aufs Exempel: Stell Dir einen Menschen vor, der 10 Kinder erst entführte, dann folterte, vergewaltigte, langsam tötete, und dann in den Rhein oder die Elbe warf. In mir steigt der Groll schon hoch, wie ich diese Zeien tippe und ich vermute mal, auch Du lieber Leser bist nicht ganz ruhig geblieben beim Lesen.

Gewaltverbrechern wünschen wir oft sonstwas an den Hals, manchmal müssen es nicht mal Verbrecher sein, daß wir uns aufregen, es reichen schon uneinsichtige Beamte, Zugbegleiter oder Politessen, um uns in vielen Situationen zum Zorn reizen zu können.

Und bei Folterknechten? Sicher ist auch bei denen niemand sonderlich zurückhaltend, zum Freuden will man so jemanden nicht haben. Und wenn wir selbst Opfer sind, oder jemand, der uns nahe steht, dann wollen wir oftmals Gerechtigkeit in der Form, daß der Täter bestraft wird. Je schlimmer die Tat, desto geringer sind die Hemmschwellen, schmerzhafte Bestrafungen zu fordern oder gar die Todesstrafe. Und manchmal meint man sagen zu können, selbst die wäre noch zu gut.

Wie ist es nun also mit der Hölle für Folterknechte? Wie stehen wir wirklich dazu? Ich meine, die Gemütsregungen von Jesus und Mo sind durchaus menschlich.

Wenn wir jetzt aber zur ersten Frage zurückkommen – ist es keine Folter, wenn Gott es tut – müssen wir vielleicht nochmal anders formulieren: Ist es keine Folter, wenn wir es tun?

Offenbar nicht, dann sprechen wir von Gerechtigkeit, und daß man ja nicht alles geschehen lassen könne. Richtig. Aber können wir dann Gott für die Hölle kritisieren? Wenn wir selbst schmerzliche Qualen für Kinderschänder verlangen, können wir demjenigen böse sein, der Ernst damit macht?

Wir sind es wohl, sonst würde das Comic und der Satz darunter nicht auf viel Zustimmung treffen, und ich meine, das tut es.

Denn wenn wir ruhig reflektieren, wenn die erste Aufwallung abgeflaut ist, fordern wir derartige Strafen nicht mehr. Dann wird statt der Rache anderes wichtig. Das wären zum Beispiel Dinge wie die der Schutz der Allgemeinheit oder die Resozialisierung des Täters, ihn also so weit zu bringen, daß er nicht mehr straffällig wird. Und dabei ist gleiches mit gleichem zu bestrafen oft nicht zielführend.

Man unterscheidet dann zwischen Person und Tat, versucht die Person zu retten, während man die Tat verurteilt. Und zur Rettung der Person gehört durchaus, daß die Person die Tat nicht wieder tut.

Nun ist aber gerade das ziemlich genau das, was aus Jesu Lehre wurde (für Mo, also den Islam, kann ich hier nicht sprechen): Gott liebt den Menschen, haßt aber unter Umständen die Tat. Und Er rettet den Menschen, leitet ihn zur Umkehr an und macht aus ihm so einen neuen Menschen.

Das Comic geht darauf nicht ein, denn es reflektiert die menschliche Wirklichkeit, Jesus und Mo stehen nicht für Jsus Christus und Mohammed, sondern für die Christen und die Muslime, wahrscheinlich vor allem aus US-amerikanischer Sicht.

Und an jenen leistet das Comic Kritik. Man kann es auch so auffassen, daß Gott ein ganz übler Folterknecht ist, freilich. Und mit der Deutung spielt das Gaze auch ein wenig. Das wäre dann jedoch durchaus etwas heuchlerisch, denn wer könnte anderen vorwerfen, was er selbst verlangt? Man denke an das Beispiel mit dem Kinderschänder!

Wer nun also einerseits ment, daß man tatsächlich Mensch und Tat zusammensetzen kann und böse Taten nur von bösen Menschen getan werden, und der gleichzeitig bekennt, daß Gott alle Menschen liebt und höchstens ihre Taten haßt, der sollte vielleicht noch einmal in sich gehen. Beides ist nicht zu haben. Wenn böse Taten aus einem Menschen einen bösen Menschen machen, dann haßt Gott nicht nur die Tat, sondern den Menschen, sobald er ein böser Mensch ist, und dann ist auch die Folterstrafe in der Hölle eine Möglichkeit.

Liebt Gott aber die Menschen unabhängig von ihren Taten und haßt nur die Taten, dann sollten auch wir wie Gott zwischen Mensch und Tat unterscheiden. Dann macht eine böse Tat einen Menschen nicht böse, dann kommt die böse Tat aus der Sündhaftigkeit des Menschen, unter der er ebenso leidet wie seine Opfer, wenn dies auch nicht sichtbar ist und ihm vielleicht nicht einmal bewußt.

Dann wäre nicht das vierte Bild die Pointe, sondern schon das Dritte, und dann müßten sich Christen und Muslime überlegen, wieso sie überhaupt ein Bild abgeben, mit dem man auf das dritte Bild kommt. Das vierte ist nur logische Schlußfolgerung.

Nachtrag: Ich sehe grad, die Gleichsetzung böse Tat = böser Mensch kommt schon vor Bild drei.

Das Wort zum Tag

Tageslosung vom 26.03.2012 (Jer 1, 9)

Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.

So spricht Gott zu Jeremia. Aber das ist nicht das erste, was Gott sagte. Die erste Rede Gottes an Jeremia steht in Vers 5:

Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

Damit setzt quasi gleich die Handlung im Buch Jeremia ein. Alles vorher ist nur Titel und Datierung. Alles geht los mit der Stimme Gottes, die plötzlich ertönt. Und Jeremia hört das. Jeremia, ein junger Mann aus einer Priesterfamilie. Und das passiert einfach so: Jeremia, paß auf, Du bist jetzt Prophet. Keine Einladung zu nem Eignungstest, kein Bewerbungsgespräch, nichts. Gott interessiert sich auch nicht groß dafür, ob Jeremia der neue Job jetzt zeitlich grad passt, oder ob er doch was anderes vorhatte. Bamm, Berufun, und so isses.

Freilich, als richtiger Prophet gibt Jeremia erst einmal Widerworte:

Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.

Jeremia will da raus. Prophet sein, das ist ein Full Time Job. Und Jeremia ist aus ner Priesterfamilie. Dem dürfte klar sein, daß das Prophetendasein nicht nur Honigschlecken ist. Der Einwand „zu jung“ war schnell zur Hand, vielleicht das erste, was ihm einfiel. Doch vor Gott entkommt man nicht, auch und gerade nicht als Prophet:

Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten

Das wär ja auch zu leicht gewesen! Gott insistiert. und gibt gleich bekannt, wie die „Geschäftsbeziehung“ in Zukunft laufen soll:

  1. Keine Widerworte
  2. Mobilität wird verlangt
  3. Verkündigung. Gut, das war vorauszusehen…

Vergütung? Nicht wirklich, aber ne Versicherng scheint inbegriffen zu sein. Und dann kommt es:

Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Das war dann wohl die Berufsausbildung. Und die läßt nichts Gutes ahnen: Da ist von Zerstören, Ausreißen und einreißen die Rede. Die Völker und Königreiche werden not amused sein. Es ist zwar auch noch die Rede vom Bauen und Pflanzen, das stimmt etwas versöhnlich, aber trotzdem. Angenehm wird die Sache nicht.

Und das zeigt sich schon am ersten Arbeitstag, Jeremia kann nämlich gleich anfangen. Erst gibt es noch ein Wortspiel mit nem „erwachenden Zweig“, der hier nicht weiter interessant ist, und dann kommt der Kessel:

Ich sehe einen siedenden Kessel überkochen von Norden her.

Jeremia hat seine „Ausbildung“, er ist schon mitten drin im Sehergeschäft. Vorerst sagt ihm Gott noch selbst, wie das zu interpretieren ist:

Von Norden her wird das Unheil losbrechen über alle, die im Lande wohnen. Denn siehe, ich will rufen alle Völker der Königreiche des Nordens, spricht der HERR, dass sie kommen sollen und ihre Throne setzen vor die Tore Jerusalems und rings um die Mauern her und vor alle Städte Judas. Und ich will mein Gericht über sie ergehen lassen um all ihrer Bosheit willen, dass sie mich verlassen und andern Göttern opfern und ihrer Hände Werk anbeten. So gürte nun deine Lenden und mache dich auf und predige ihnen alles, was ich dir gebiete. Erschrick nicht vor ihnen, auf dass ich dich nicht erschrecke vor ihnen! Denn ich will dich heute zur festen Stadt, zur eisernen Säule, zur ehernen Mauer machen im ganzen Lande wider die Könige Judas, wider seine Großen, wider seine Priester, wider das Volk des Landes, dass, wenn sie auch wider dich streiten, sie dir dennoch nichts anhaben können; denn ich bin bei dir, spricht der HERR, dass ich dich errette.

Was für ein erster Arbeitstag! Es geht also nicht nur um Ausreißen irgenwelcher Völker und Könige, es geht m Juda, um Jeremias Heimatland selbst. Und von Bauen und Pflanzen ist keine Rede mehr.

Wie fühlt man sich da wohl? Erschlagen? Kann ich mir denken! Und auch wenn Jeremia gehofft haben sollte, das ginge bald vorbei: Da wurde er enttäuscht. Jeremia sollte 40 Jahre lang als Prophet wirken. Er erlebte die Zerstörung Jersalems. Mit Rente war dann wohl auch nicht viel: Seine Spuren verlieren sich, nachdem er nach Ägypten verschleppt wurde.

Kein leichtes Leben. Kein schönes Leben. Keine Chance, zu entkommen. Statt dessen: Leid. Oder lateinisiert: Passion.

Es ist Passionszeit. Die Passion bezieht sich nicht auf Jeremia, sondern auf Jesus. Jesu Aufgabe war es nicht, Jahrzehnte lang zu prophezeien und dann in ein fremdes Land verschleppt zu werden. Er war als Kind in Ägypten, kam aber wieder heil nach Hause, nur um dann, ein paar Jahre später, in Jerusalem am Kreuz zu sterben, gefoltert und verspottet.

Er mußte es tun. Dazu war er da. Und auch Jeremia mußte tun, was er tat. Gott ließ ihm keine Wahl. Er hatten eine schwere Lebensaufgabe zu erfüllen.

Und er erfüllte sie. Und Gott errettete ihn.