Gesellschaft, Theologie

Von der Dummheit

Dietrich Bonhoeffer
Bundesarchiv, Bild 146-1987-074-16 / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurück läßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch mit Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil wiedersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch -, und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen, es ist sinnlos und gefährlich.Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen.Wir beobachten weiterhin, daß abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen. So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein. Sie ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse. Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden. Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Mißbrauches, dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können.Aber es ist gerade auch hier ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fllen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen. In dieser Sachlage wird es übrigens auch begründet sein, daß wir uns unter solchen Umständen vergeblich darum bemühen, zu wissen, was „das Volk“ eigentlich denkt, und warum diese Frage für den verantwortlich Denkenden und Handelnden zugleich so überflüssig ist – immer nur unter den gegebenen Umständen. Das Wort der Bibel, daß die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei, sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist.

Übrigens haben diese Gedanken über die Dummheit doch das Tröstliche für sich, daß sie ganz und garnicht zulassen, die Mehrheit der Menschen unter allen Umständen für dumm zu halten. Es wird wirklich darauf ankommen, ob Machthaber sich mehr von der Dummheit oder von der inneren Selbständigkeit und Klugheit der Menschen versprechen.

Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW 8, S. 26-28.

Beim Lesen dieses Textes kommt es mir fast so vor, als habe Bonhoeffer in unsere Zeit gesprochen. Der Text begegnete mir in Auszügen heute auf Twitter und ich fand ihn so stark, daß ich in nachschlug und abgetippt habe.

Wenn Bonhoeffer Recht hat, dann müssen wir die Dummen unserer Tage nicht zu überzeugen suchen, weil das nicht geht, sondern wir müssen sie befreien helfen. Es stellt sich allerdings die Frage, durch was sie gefangen sind. Hier sollte man nicht zu schnell schießen. Wenn wir konstatieren, sie sind in ihrer Dummheit gefangen, dann bringen wir Ursache und Wirkung durcheinander. Wenn Bonhoeffer Recht hat, muß es eine andere Antowort auf die Frage geben, wer sie gefangen hält. Bonhoeffer spricht von der Maht der einen, die die Dummheit der anderen braucht. Welche Macht ist es, die heutzutage Menschen dumm hält, so da sie zu allem Bösen in der Lage sind?

Und ein ganz anderer, häretischer Gedanke: Wenn alle Macht auf der anderen Seite der Dummheit bedarf, wie ist es dann mit der Macht Gottes? Schließt sich hier der Kreis zur paulinischen Torheit des Kreuzes? Sind wir auch dumm? Müssen wir von Gott befreit werden? Dem hätte Bonhoeffer wohl nicht zugestimmt, aber der Vergleich von Torheit des Kreuzes und Dummheit, die Macht voraussetzt, scheint mir interessant zu sein.

Allgemein

Freies WLAN in Berlins Kirchen – meine Kritik am GodSpot

Ein gängiges Vorurteil ist, daß „der Deutsche“ an sich eine gewisse Neigung zum Meckern hat. Das mag zum Teil stimmen, denn diese Nationalitätsbezeichnung findet sich auch auf meinen Ausweispapieren und ja, ich stehe im Begriff einen Blogartikel zu schreiben, in dem ich die Berliner Landeskirche zu kritisieren gedenke.

Wobei: „Kritik“, so versuche ich meinen populistisch und biblizistisch geprägten Gesprächspartnern immer wieder zu erklären, bedeutet ja nicht zwingend zu meckern. Vielmehr kommt es aus dem Griechischen, mein eigentlich ein Gewichten verschiedener Optionen und die begründete Entscheidung für eine eigene Meinung…

Gute Sache

Wie dem auch sei. Viele haben es vor längerem schon gelesen: Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz hat beschlossen, in ihren Gotteshäusern freien WLAN Zugang zu ermöglichen. Nähere Infos gibt es auf der entsprechenden Homepage.

Daran gibt es eigentlich nix zu meckern. Vielmehr ist es eigentlich sogar ne ganz gute Sache, daß nun in den Kirchengebäuden jeder mit entsprechendem Endgerät ins Internet kommt, denn Zugang zum Internet bedeutet heutzutage Teilhabe am öffentlichen Leben. Viele Bereiche unseres Lebens sind so vom Netz durchdrungen, daß man ohne Internet Zugang deutliche Abstriche machen muß.

Also ist es doch eine gute Sache, daß die Kirche hier freien Zugang ermöglicht.

Ja und nein. Gut ist, daß sie unabhängig vom Geldbeuteln allen den Zugang ermöglicht.

Was will die Kirche erreichen?

So genau weiß ich das nicht. Meine Vermutungen gehen in die Richtung, daß man sich einerseits als cool und modern ins Gespräch bringen will – was offenbar auch klappt – und daß man andererseits versuchen will, eigene Inhalte zu pushen – etwa durch die vorgeschaltete Einstiegsseite mit Infos zum jeweilgen Kirchengebäude o. Ä.

Wenn ich es richtig einschätze, werden das alles recht kurzfristige Effekte sein. Mir drängt sich der Vergleich mit einem Strohfeuer auf. Sicherlich, im Moment ist die Kirche vielleicht modern und hipp und alle sind froh über kostenloses WLAN.

Und wie lange? So lange, wie das WLAN funktioniert. Irgendwann wird die Geschwindigkeit vielleicht nicht mehr auf dem Stand der Entwicklung sein. Wer die Kirchen kennt weiß, daß das mit Neuinvestitionen so ne Sache ist. Man sehe sich nur die maroden Kirchengebäude an. Das gilt übrigens auch für so manches Pfarrhaus. Und dann soll man noch die Technik erneuern? Was das wieder kostet!

Nein, meine Befürchtung ist, der aktuelle Ansatz wird zwar im Moment viel positive publicity bringen, vielleicht auch die Kirchenbänke füllen, wenn auch nicht unbedingt mit Gläubigen, sondern mit Netzkonsumenten, aber auf lange Sicht ist das eher mau. Mit etwas Glück bleiben vielleicht einige der Netzkonsumenten hängen, finden Anschluß an den Kirchenchor oder die Pfadfindergruppe. Aber mehr ist nicht zu erhoffen.

Genausogut könnte man Freibier verteilen, so vom Konzept her. Ist sicherlich auch wahnsinnig populär, bloß was hat man davon? Und ist es wirklich das, was unser Auftrag ist als Kirche Jesu Christi? Ist es wirklich das, wozu wir berufen sind? Ist es wirklich das, wozu wir unsere Steuermittel und Staatsleistungen einsetzen wollen?

Die positivere Alternative

EIn Freund von mir sagte einmal: Zum Frieden gibt es keine positive Alternative. Ich mag diese Denkweise: Alles darauf prüfen, ob es nicht noch bessere, positivere Alternativen gibt, an die man sich halten könnte.

Daß Krieg negativ ist, ist klar, aber wenn etwas positiv ist, kann es ja trotzdem noch bessere Lösungen geben. Was wäre also die positive Alternative zu GodSpot?

Ich will dabei in zwei Richtungen gehen – eine technische und eine gesellschaftliche. Beide sind womöglich sogar teilweise mit GodSpot schon umgesetzt oder könnten umgesetzt werden – über Infos hierzu wär ich dankbar.

Technisch gesehen

Soweit ich GodSpot verstanden habe, besteht es aus der Zur-Verfügung-Stellung eines kircheneigenen DSL Zugangs. Und Schluß. Man kann von dort ins Internet, sitzt hinter nem Router, den man nicht konfigurieren kann. Das heißt, man ist auch darauf angewiesen, daß die richtigen Ports offen für die eigenen Anwendungen sind. Womöglich werden auch nur bestimmte Ports geöffnet, so daß meinetwegen das Web und E-Mail funktionieren, andere Dienste aber nicht.

Das wäre das gute Recht der Kirche, denn sie stellt ja die Technik. Schränkt aber den Nutzen weiter ein und drängt den GodSpot Nutzer nur noch weiter in die Rolle des Konsumenten.

Aber das Internet, Computernetze überhaupt, ist ja kein Fernsehen. Es stellt nicht nur eine one-to-many Infrastruktur bereit, mit wenigen Inhaltsproduzenten und vielen Konsumenten. Es ermöglicht die gleichberechtigte Teilnahme an Kommunikation. Jeder Teilnehmer, nicht nur die Priviligierten, kann zum Sender werden. Somit stellt das Internet eigentlich eine Demokratisierung der Kommunikation dar (man könnte jetzt lange Vergleiche ziehen mit der Demokratisierung der Gottesbeziehung im AT, Gen 1, 28 und so, aber lassen wir das hier mal sein).

Diese grundsätzliche Demokratisierung der Kommunikation ist freilich nicht absolut, denn die Infrastruktur ist im Besitz bestimmter Firmen. Es kommt also im Endeffekt auf den Geldbeutel an, inwieweit der eigene Zugang demokratisiert ist.

GodSpot bietet hier nicht mehr Möglichkeiten an, als ein Internetzugang zur Verfügung stellt. Der Demokratisierungsgrad entspricht dem, was die Kirchengemeinde vor Ort sich leistet. Das ist wie gesagt immerhin etwas, aber es geht besser.

Ich habe da Freifunk im Sinn. Gerade in Berlin, aber auch in anderen Gebieten, sind da viele engagierte Menschen unterwegs. Übrigens auch in Kontakt mit verschiedenen Kirchengemeinden. Da werden die Kirchtürme dann als Funktürme genutzt.

Würde die Landeskirche sich hier einbringen mit ihrer ganzen Wucht, könnte sie einerseits auf versierte ehrenamtliche Freifunker zurückgreifen beim Aufbau des Netzes, andererseits wird mit Freifunk eben nicht nur freies Internet angeboten, sondern ein flächendeckendes Netz aufgebaut, mit einer Infrastruktur in Bürgerhand. Mithin wird die Demokratisierung der Infrastruktur dadurch vorangebracht. Es würde nicht nur jedem ermöglicht, internetbasiere Dienste zu konsumieren, sondern selbst zu recht geringen Kosten welche anzubieten. Man müßte keine Server mehr mieten, sondern könnte seine eigenen alten Rechner, oder einen Raspberry Pi, oder ein altes Smartphone, als Sevrer benutzen.

Die Landeskirche hätte damit in guter christlicher Tradition gehandelt. Wie durch die Kirchen Bildung und Fürsorge in der Fläche zugänglich gemacht wurden, würde sie hier die bessere Teilhabe an der Kommunikation voranbringen.

Meiner Meinung nach ein klarer Vorteil gegenüber der GodSpot-Lösung. Freilich könnte man sich nicht mehr allein als cool und modern anpreisen, sondern müßte den Ruhm mit den (weitgehend kirchenfernen?) Freifunkern teilen.

Gesellschaftlich gesehen

Durch die Möglichkeiten, sich an der Kommunikation als eigener Anbieter zu beteiligen, bieten sich plötzlich viele neue Möglichkeiten. Man könnte informationstechnische Schwerpunkte in der Jugendarbeit bilden. Wieso eigentlich immer nur Bands und Pfadfinder (ich vereinfache hier gnadenlos, schon klar)?

Damit könnte man ganz neue Millieus ansprechen, die bisher wohl eher (es wurde schon erwähnt) kirchenfern sind. Die Möglichkeit zur Mitarbeit bringt dabei ganz natürlich eine stärkere Bindung mit sich als der Kontakt über den bloßen Konsum am Ort der Kirche.

Technisch interessierte (junge?) Menschen würden mit den Realitäten einer Kirchengemeinde in Kontakt kommen. Washaben die eigentlich für Probleme, wie lösen die die, und was haben die immer mit diesem gefolterten Zimmermann?

Womöglich – ich lehne mich hier jetzt mal aus dem Fenster – gäbe es sogar das Potential für Bildungsprojekte. Durch den (zumindest im Prinzip) egalitären Ansatz der Kirchen, für alle gesellschaftlichen Gruppen zugänglich zu sein, könnten hier Jugendliche aus Problemfamilien Chancen erhalten, sich auf dem Gebiet der IT fortzubilden und sich eine finanziell bessere Zukunft zu erschließen. Man könnte da eine Analogie zu den Klosterschulen des Mittelalters ziehen – ohne die Verpflichtungen des Zölibats!

Fazit

Freilich kann man auch ohne Freifunk-Netz und nur im Internet entsprechende Gemeindearbeit machen. Aber die Möglichkeiten sind eingeschränkt, und ob es tatsächlich gemacht wird, ist noch nicht klar. Mit Freifunk hätte man zumindest Kontakt zu entsprechend interessierten Menschen, die sich selbst auch ehrenamtlich engagieren. Man hätte Ansprechpartner, wollte man sowas aufbauen.

Ich mache mir natürlich keine Illusionen, daß ich die EKBO da irgendwie beeinflussen könnte. Aber wenn ich jetzt lese, daß man in Mitteldeutschland auch in diese Richtung geht, möchte ich doch auf die positivere Alternative des Freifunkes hinweisen. Wer weiß, vielleicht lesen hier ja Kirchenleute mit, die das in ihrer Kirche anders umsetzen werden.

Bis dahin ist es schon ein Fortschritt, daß durch die Berliner das Thema zumindest mal auf die Tagesordnung gesetzt wurde.

Netzfunde

Ite, missa est

Bei Kirchengeschichten ist ein Artikel erschienen gegen die Sarrazinisierung öffentlicher Religions- und Kirchendiskurse. Absolut lesenswert!

Was mich vor allem anspricht ist die Erkenntnis am Schluß, daß „don’t feed the trolls“ Mist ist, weil die Trolle dann die Meinungshoheit haben. Man muß sie statt dessen widerlegen und ihnen widersprechen. Immer wieder. Das rechtfertigt ein wenig mein vieles Kommentieren in Foren und auf Blogs, deshalb hör ich sowas gerne… 😉

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 18.09.2012

Hm, man merkt immer deutlicher, dass die Psalmen doch einen recht großen Umfang haben. Heute ist es wieder mal ein Psalmvers:

Lasst uns mit Dank vor sein Angesicht kommen und mit Psalmen ihm jauchzen! Denn der HERR ist ein großer Gott (und ein großer König über allen Göttern)! (Ps. 95, 2-3)

Den Teil mit dem großen König habe ich ergänzt, weil er im Psalm steht, aber in der Losung nicht enthalten war.

Zu sehen, was alles schlecht ist, scheint oft Hochkonjunktur zu haben. Dem einen, kritischen Blick, der auch nötig ist, gesellen sich argusäugige kritische Blicke hinzu. Doch es gibt eben auch anderes.

Wofür konnte ich in letzter Zeit dankbar sein? Womit könnte ich anderen mal wieder eine Freude machen?

Allgemein

Das Ferkelbuch

Es ist schon Jahre her, da hat ein gewisser Atheistenfunktionär ein Buch herausgegeben, das er als „Kinderbuch“ verstanden haben möchte, und das von einem kleinen Schweinchen handelt, das sich af die Suche nach Gott begibt, und natürlich – entsprechend der INtention des Ators – nicht fündig wird.

Eigentlich ist die ganze Aufregung darum lange her, und das Bch eigentlich auch nicht wert, groß wahrgenommen zu werden. Trotzdem wird es immer wieder genannt in Diskussionen, und deshalb möchte ich grndsätzlich aufschreiben, wo ich das Problem des Buches sehe.

Das Problem des Buches ist, daß es sich das Unmögliche zm Ziel genommen hat und dieses Unmögliche als Ideal propagiert. Es geht um die Kritik.

Nun ist Kritik sicherlich keine Unmöglichkeit. Zum Glück ist sie das nicht, auch wäre dieser Artikel hier überflüssig! Aber Kritik bedarf einer gewissen Reife, eines gewissen Entwicklungsstandes. Die Religionskritik des Buches, die in erwachsenen Kreisen möglich ist und sein muß, ist eben erst ab einem gewissen Alter überhaupt erst leistbar und als solche zu verstehen. Kleinere Kinder sind jedoch nicht in der Lage, in solchen Bahnen zu denken. Es verwundert, daß der Pädagoge Schmidt-Salomon dies nicht beachtet.

Um Kritik zu üben, braucht es erst einmal einen eigenen Standpunkt, den kleine Kinder aber erst Stück für Stück ausbilden, indem sie sich an Eltern und Umfeld orientieren.

Eine solche Orientierung wird von „religionskritischer“ Seite gerne als „Indoktrination“ bezeichnet, denn es wird ja nur eine Anschauung vermittelt, eben die der jeweiligen Religion. Dagegen soll dann das Ferkelbuch eben ein kritischer Beitrag sein, ein kritisches Buch, zur Erziehung kritischer Geister. (komischer Weise sind alle hetigen „kritischen Geister“ in ihrer Kindheit ohne dies Buch ausgekommen)

Nimmt man aber das Alter der Kinder, die die Zielgruppe eines Buches wie dem Ferkelbuch sind, dann sind eben jene Kinder zur Kritik nicht fähig, sondern nehmen, wie ihre „indoktrinierten“ Altersgenossen alles ziemlich 1:1 auf, was ihnen vorgesetzt wird. Und das gilt auch für „religionskritische“ Bücher.

Insofern ist es Etikettenschwindel, wenn das Ferkelbuch unter dem Label „Kritik“ verkauft wird, denn es mag so konzipiert sein, es wird aber so nicht wirken können, sondern seinerseits auch nicht über die angebliche „Indoktrination“ religiöser Kinderbücher hinauskommen. Die jeweilige Wahrheit liegt im Auge des Betrachters.

Interessanter fände ich ein Buch, das nicht negativ vorgeht, und den Kindern erzählt, daß alle anderen Unrecht haben mit ihrer Religion, sondern das eigene Ansichten und Werte in den Mittelpunkt stellt. Damit hätten die Kinder einen eigenen Standpunkt, wenn sie später kritisch vorgehen, und andere Standpunkte mit ihrem eigenen vergleichen. Das Ferkelbuch aber ermöglicht eine solche positive Ausbildung eines eigenen Standpunktes nicht, sondern grenzt nur negativ gegen andere ab. Es beantwortet nicht die Kinderfrage nach dem, was ist, sondern klärt die Kinder über das auf, was (angeblich) nicht ist.

Ich habe Zweifel, ob das für Kinder so hilfreich ist. Ich vermute sogar, daß es hier und da zur gelangweilten Nichtbeachtung kommt, weil eben keine Fragen beantwortet werden, aber viele sich stellen.

Natürlich muß dies so sein, denn der Atheismus oder die „Religionskritik“ ist sich ja nur in dem einig, was sie ablehnt, hat aber kein eigenes einigendes Weltbild. Und wo es dies nicht gibt, kann man es auch nicht in Kinderbücher fassen. Also bleibt man beim Etikettenschwindel und kritisiert weiterhin andere für das, was man selbst macht, wenn auch unter falschem Label. Früher nannte man das Heuchelei, und man vermutete sie oft bei kirchlichen Würdenträgern. Noch ein Punkt in dem die „Neuen Atheisten“ verdächtig nach einer eigenen Religion aussehen…

glaube, kirche

Was bringt mir das?

Ostern! In diesen Tagen werden auch die Kritiker von Kirche und Glauben aktiv, und schreiben etwa auf, wie sie das alles so sehen. Und ich will das gar nicht groß kritisieren (obwohl ich schon mehrfach schrieb, daß man das alles auch anders verstehen kann). Solche Kritik ist wichtig, um uns Kirchengliedern und Gläubigen zu zeigen, wie gut wir unseren Glauben nach außen darstellen.

Und wenn ich mir das so durchlese: Nicht gut.

Klar kann man jetzt meckern über polemische Vereinfachung und Konzentration auf gewisse amerikanische Strömungen bei der Kritik, auf einseitige Wahrnehmung etc etc etc. Geschenkt.

Statt dessen, finde ich, sollte man dem das Eigene entgegenstellen.

Der verlinkte Artikel geht ja sehr von der Frage „Was bringt mir das?“ aus. Wieso sollte ich an Gott glauben, wenn…?

Der Glaube an Gott wird so zum Wellness-Tool. Wenn es mir mit besser geht, wieso dann nicht? Wenn es mir ohne genausogut geht, wieso damit befassen?

Wieso damit befassen?

Darin könnte ein Knackpunkt liegen. Das setzt voraus, daß man zum Glauben als Glaubender ein distanziertes Verhältnis hat, sich damit befaßt, ohne daß es einen erfaßt. Aber wie soll das gehen?

Sicher kann ein Erfaßter sich auch mit dem Glauben, der ihn erfaßt hat, befassen. Ebenso kann man auch als nicht Erfaßter sich mit dem Glauben befassen, aber es ist ebe nicht das Gleiche!

So wie jemand, der nur distanziert-sachlich über seinen Fußballverein spricht und denkt, schwerlich als „Fan“ durchgeht. Gleichwohl müssen Fragen beantwortbar sein. Der Glaube kann kein widersinniges System stützen, wie in der oben verlinkten Kritik. Das mit ihm verbundene System muß mindestens so viel Sinn ergeben, wie alle konkurrierenden Systeme. Jemand der sieht, daß in einem bestimmten Verein objektiv sehr guter Fußball gespielt wird, kann dies anerkennen, auch ohne selbst zum Fan zu werden. Etwa, weil er sich mehr für Synchronschwimmen interessiert, was auch nicht verwerflich ist.

Aber der ergleich hinkt, denn beim Glauben geht es nicht nur um einen persönlichen Geschmack. Glaube an Gott, zumindest der christliche Glaube, erhebt den Anspruch – meiner Meinung nach zu Recht – die Wahrheit zum Inhalt zu haben.

Glaube hat etwas mit Wahrheit zu tun, etwas mit der Überzeugung von einer Wahrheit. Man ist davon überzeugt, daß das, was man da glaubt, an den man da glaubt, wahr ist.

Insofern ist die Frage nach dem Nutzen vielleicht etwas zu kurz gegriffen. Die eigentliche Frage ist: Stimmt es, oder stimmt es nicht?

Aber wie findet man so etwas raus? Und um was geht es eigentlich genau? Was ist der Inhalt, der wahr oder unwahr ist? Schöpfungsgeschite im Sinne der Kreation? Anzahl und Namen der Söhne Israels? Korrektes Feiern der Liturgie nach Agende? Genaue Kenntnis aller Dogmen und Konzilsbeschlüsse sowie unkritisches Für-wahr-halten derselben? Ich meine – ich hoffe – er Glaube läßt sich konkretisieren auf wenige Punkte, aus welchen sich dann alles andere ableitet. Oder auch nicht, dann sollte man drüber reden.

Einen ersten Schritt bei der Fassung dieser Konkretion des Inhalts des Glaubens will ich hier versuchen. Es soll um Freiheit und Unterordnung gehen.

Freiheit wird von vielen wenn nicht allen Menschen angestrebt. Dem entspricht auf den ersten Blick, daß die Unterordnung unter einen Gott für viele Glaubenskritiker einer der Hauptgründe gegen den Glauben ist. Gibt man damit nicht seine Freiheit auf? Wird man nicht zum unkritisch-dummen Nachbeter der ewig selben Pseudowahrheiten, die nebenher als Vorwand benutzt wurden, um viele weitere Menschen in Unfreiheit zu halten?

Der Vorwurf ist historisch sicherlich nicht unberechtigt. Es gab und gibt Menschen, die sich auf Dogmen zurückziehen, die diese als wahr betrachten ohne sie begründen zu können, abgesehen etwa von Autoritätsargumenten.

Aber der Vorwurf ist gleichzeitig auch unwahr, da es zu allen Zeiten Menschen gab, die gleichzeitig äußerst fromm waren und trotzdem den eigenen Gauben kritisch hinterfragten, ehrlich nach Begründungen suchten und gerade nicht auf die Nutzbarmachung von Dogmen zur Unterdrückung anderer schielten.

Trotzdem ordneten sie sich unter. Unter Gott, wie sie Ihn verstanden, und wie sie es für vernünftig hielten.

Andere Menschen halten anderes für vernünftig, und hier wird die Sache schwierig. Denn nach welchen Kriterien sollte man ermessen, wer sich jetzt der Wahrheit unterordnet?

Aber zuerst eine andere Sache: Der Wahrheit unterordnen! Wäre eine Unterordnung in diesem Fall auch eine Aufgabe der Selbständigkeit? EIn Freiheitsverlust? Da größte zu vermeidende Übel?

Ich meine, eine Unterordnung unter die Regeln der Wahrheit bedeutet nicht Knechtschaft, vielmehr wird von allen Menschen angestrebt, den Regeln der Wahrheit zu folgen. Damit könnte man auf die Idee kommen, daß die Unterordnung unter die Wahrheit Freiheit bedeutet. Unterordnung wäre also nicht in jedem Fall schecht.

Ich gehe sogar soweit, daß es hier die größte Freiheit gibt und daß jede Freiheit (auch die eingeschränkten Varianten) immer auch einer gewissen Ordnung (und damit Unterordnung, und sei es unter den eigenen egoistischen Willen) bedarf. Die Ordnung gibt den Rahmen vor, in dem man frei handeln kann. Ohne solche Ordnung, kann einem jede mögliche Freiheit bestritten werden. Manche Ordnungen geben einem mehr Freiheit, andere Ordnungen weniger.

Wir haben nun also verschiedene Systeme im Vergleich: Die einen ordnen sich Gott unter, andere anderen Idealen, vom säkularen Humanismus über all die verschiedenen Religionen bis hin zu menschenverachtenden Systemen und persönlichem Egoismus, die Freiheit nur für einige wenige bereit halten (und diese dann wiederum unfrei machen, weil sie an ihrer Macht hängen und dadurch unfrei werden in ihrem Handeln: Was die Macht mindert liegt außerhalb der Möglichkeiten).

Die Frage, was wahr ist, entspricht also wohl der Frage, unter wen oder was man sich unterordnen muß, um die größtmögliche Freiheit zu erfahren.

Dies halte ich für eine Kernfrage, die, falls überzeugend beantwortet, dem entsprechenden System viel Zustimmung bringen würde.

Ich meine weiter, daß es im Christentum um nichts anderes geht als um eben diese größte Freiheit:

Zentral im Christentum sind Karfreitag und Ostern, also Tod und Auferstehung Jesu. Versteht an diese nicht so, wie in der oben verlinkten Kritik, sondern eher im Rahmen der ebenfalls verlinkten alternativen Betrachtungsweise, dann hat das Ganze viel mit Freiheit zu tun. In Kürze kann man es so fassen:

Der Teufel hält die Welt gefangen und versucht über alles die Kontrolle zu bekommen, sich alles unterzuordnen. Den Teufel kann man hier als Chiffre für all das bezeichnen, was man als böse ansieht (man kann es sicher auch objektiver fassen aber für den Anfang reicht diese subjektive Sichtweise). Gegenspieler ist Gott, der die Welt befreien möchte.

Der Teufel geht auf folgende Weise vor: Er bringt den Menschen (jeden einzeln) dazu, etwas zu tun, das Unrecht ist. Dann benutzt er dies gegen den Menschen, um ihn immer tiefer in unrechten Taten zu verwickeln, indem er die erste Tat zu decken versucht. Ziel ist es, den Menschen zu isolieren, ihm keine Entwicklungsmöglichkeit zum Guten hin zu geben und ihn im Netz aus Unrecht und Lüge, das er um sich gesponnen hat zu ersticken. Dabei setze dann die einen Menschen auch die anderen unter Druck, in einer gewissen unrechten Weise zu handeln. Ziel des Teufels bleibt die Kontrolle. Wer stirbt, kommt ebenfalls in seinen Machtbereich, den Tod, die Hölle.

Gott kann nicht viel machen. Schließlich wird er Mensch, und gleich fängt der Teufel an und verucht, Ihn zum Bösen zu verleiten. Gott-als-Mensch (Jesus) läßt sich jedoch nicht darauf ein, also setzt der Teufen Ihn durch andere unter Druck, bis hin zu Seiner Ermordung. Denn so käme Gott-als-Mensch ebenfalls in den Tod ud wäre unter des Teufels Gewalt. Sowohl die Toten als auch die lebend-isolierten sind im Grunde ohne Beziehung und damit tot.

Doch der Einsatz Gottes für die Menschen befreit diese aus Tod und Hölle. Gott ist größer als der Teufel, das Gute größer als das Böse, und so werden Beziehungen wieder möglich. Gott besiegt Tod und Teufel und überwindet damit die Hölle.

Damit eröffnet Gott neue Möglichkeiten für diejenigen, die schon ziemlich verstrickt sind in ihr eigenes Unrechttun. Sie kriegen wieder Hoffnung, weil Gott in Seinem Tun quasi sagt: Das Unrecht das Ihr tut, rechne ich Euch nicht an (wiewol es trotzdem Unrecht bleibt!), gehet hin und sündigt fortan nicht mehr.

Er befreit die Menschen aus den Verstrickungen der Hölle, indem Er sie annimmt, sie liebt, trotz aller Taten, mit denen der Teufel sie zu kontrollieren sucht. Damit ist die Macht des Teufels gebrochen, oder etwas weniger mystisch ausgedrückt: Die Macht, die unsere unrechten Taten über uns haben.

Und das halte ich für eine unglaublich befreiende Wahrheit. Denn es erlaubt einem, alles zu tun, was einen Gut dünkt (≠wozu man gerade Lust hat) und hält einen nicht in äußeren Zwängen gefangen, wie das Tun unrechter Taten. Während man untergeordnet unter Gott sowohl Gutes als auch Böses tun kann, ist man bei anderen Unterordnungen in Sachzwängen gefangen und damit in seinem Handeln auf die Sachzwänge eingeschränkt.

Wenn jetzt jemand meint, daß auch er nicht von Sachzwängen eingeschränkt sei und eben so eine Freiheit habe, wie der sich Gott unterordnende Christ, dann habe ich zweierlei dazu zu sagen:

  1. Ich freue mich aufrichtig für Dich, und daß Du diese Freiheit erlebst.
  2. Womöglich sind wir beide näher beieinander als es den Anschein hat.

Übrigens würde ich für mich nicht in Anspruch nehmen, mich gar nicht mehr durch Sachzwänge beeinflussen zu lassen. Daher bedarf ich immer wieder der Vergebung Gottes. Dieser kann ich jedoch gewiß sein, und so kann ich es immer wieder aufs Neue versuchen, ohne Sachzwänge zu leben und nur noch Gutes zu tun. Dies zu erreichen ist mein sehnliches Ziel.

Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!

Treibgut aus dem Netz

Netzfunde Dienstag, 27. März 2012

Mandy hat sich Gedanken dazu gemacht, ob Tiere eigentlich in den Himmel kommen. Und dann hat sie noch einen wunderbaren Artikel zu Behinderungen geschrieben. Ich hab mal den Satz afgeschnappt: Behindert ist man nicht, behindert wird man. Ich denke das kommt in ihrem Text gut raus. Einschränkungen hat jeder af die ein oder andere Art, aber zur Behinderung werden sie erst, wenn andere darauf keine Rücksicht nehmen.

Ich bin auf ein tolles Video von Joshua Tongol gestoßen (via):

Es geht um die Frage, was der Kreuzestod Jesu bedeutet,also ob Gott seinen Sohn ermordete, weil er Blut sehen mußte, oder ob es noch andere Deutungen gibt. Sehr sehenswert, leider in Englisch.

Über die scoop.it Seite von Kirche 2.0 fand ich ein paar interessante Artikel: Ralpe schreibt zu Luthers „pecca fortiter“ und Bentzerfreundlichkeit, bei RTL gibt’s ein Video zu QR Codes auf Grabsteinen und überhaupt, Keith Anderson schreibt über das Problem, daß Erfolg auch bei Kirchens in Zahlen gemessen werden soll und erinnert mich damit ein wenig an den Reformprozess der EKD, mit seiner Fixierung auf Taufzahlen et al und Jörn Brien schreibt über den Umgang mit dem Tod im Social Web.

Bei idea wird gemeldet, daß der Arabische Frühling auch zu einem Anstieg der Zahl der Neuchristen im arabischen Raum geführt hätte. Im Libanon hätten die Missionare dabei mehr Probleme mit den traditionellen Christen wie Maroniten als mit den Muslimen. Wenn man jetzt schon öfters mal was aus diesem Missionsgebiet gelesen hat wundert das nicht. Mir ist es schon mehrfach begegnet, daß die Konversion von traditionellen Christen zu evangelikalen Gruppen als Missionserfolg verbucht wurde und von Neuchristen gesprochen wird. Allerdings ist auch die Rede davon, daß es sich diesmal bei den Neuchristen vorwiegend um ehemalige Muslime handelt…

Ich hab noch ein Video, auch Englisch, aber etwas schwerer, weil irisches Mädchen:

[Das Video ist auf Youtube leider nicht mehr verfügbar]

Gefunden bei peregrinatio. Es geht um St. Patrick. Ebenfalls bei peregrinatio gibt es einen Artikel zum Führungsstil des scheidenden Erzbischofs von Canterbury.

Und noch was britisches: Ein Artikel von Bischof Nick Baines über die Deutschen und die Rolle, die das 3. Reich noch in unserem Denken spielt.

Herrmann Aichele hat einen Artikel über „Glauben“ geschrieben und das Problem, wenn man den Begriff erkenntnistheoretisch einengt. Dürfte für Atheisten interessant sein, die den (religiösen oder christlichen) Glauben wirklich verstehen wollen.

Ne neue Runde lusitge Kirchenschilder gibts bei sojo.net.

Bei geiernotizen lernt man die neuesten Schutzzauber gegen Nazis und deren Gedankengut kennen.

Und dann natürlich der Aufreger des Wahlabends. Die Piraten sind ins Saarbrücker Parlament eingezogen und Patrick Döring von der grandios gescheiterten FDP ließ sich dazu hinreißen, von einer Tyrannei der Masse zu sprechen und einen Klarnamenzwang zu fordern. Das gibt es auch als Video:

[Der entsprechende Youtube Kanal wurde inzwischen gelöscht]

Dazu passt dann wunderbar der Artikel über Kritik und Bashing von Michael Blume, in dem er die Piraten als positives Beispiel für Politikkritik hervorhebt und (meiner Meinung nach treffend) Fußball-Hooligans mit Bashern vergleicht.

Dann hab ich noch ne Horrormeldung: Google will nun auch die Hintergrundgeräsche bei Telefongesprächen zur besseren Werbeplatzierung erschließen. Prost Mahlzeit, die werden dann natürlich mit den Suchanfragen, den E-Mails und den youtube-Videos, die man so guckt gekoppelt und ras kommt… ich will es mir nicht vorstellen.

Und weil wir es von youtube hatten, noch ein Video (via).

Ich bin ja echt versucht, den „netten Nazi“ als armes Opfer anzusehen. Freilich, er hat ein politisches Mandat und nutzt es im Sinne der NPD, aber ich denke das Problem liegt hier weniger darin, daß es sich um einen gemeingefährlichen Menschen handelt (er wird ja von allen als „nett“ bezeichnet), sondern daß er einfach zu dumm (sorry, aber ist doch so) ist um zu begreifen, wo er da mitmacht. Er liest nur noch die eine Zeitung und hält sich daran, was da drin steht. Und nur, weil es nicht die BILD ist, ist sein unreflektiertes Wiederholen der Parolen nicht mehrheits- und gesellschaftstauglich.

Eigentlich müßte man sich mit dem Mann einmal befassen. Zeit mit ihm verbringen, mit ihm reden, ihm andere Möglichkeiten erschließen, die Welt zu sehen. Auf mich jedenfalls macht der Herr den Eindruck, den auch viele Sektenmitglieder machen: Allein und ohne die Sekte auch orientierungslos. Aber nimmt man sich die Zeit und bietet eine Alternativorientierung an, dürften die Chancen gut stehen, ihn aus dem Sumpf rauszuholen. Das macht seine Partei und deren Parolen freilich nicht weniger gefährlich, aber so könnte man ihnen vielleicht wirklich das Wasser abgraben, indem man sich Zeit nimmt für die Menschen.

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Refutatio der Thesen von Dirk Winkler

Ein mir nicht weiter bekannter Dirk Winkler hat auf der Homepage des Humanistischen Pressedienstes einen Text veröffentlicht, in dem er sich mit den „Schmähungen von religiösen Funktionären“ beschäftigt und Thesen bezüglich Theismus und Atheismus aufgestellt, die in der Einleitung des Textes als „selbstbewußt, freundlich und verständlich“ beschrieben werden.

Auch wenn alle drei Attribute stimmen – er bleibt stets freundlich auch bei der Forderung nach Entzug des Rederechts für Religöse, er ist stets selbstbewußt, und ich verstehe auch was er meint, inklusive der aus meiner Sicht falschen Voraussetzungen von denen er ausgeht – möchte ich mit diesem Text auf seine Forderungen und Überlegungen eingehen, ja sie in den Kernaussagen zu widerlegen (refutare) versuchen. Dabei möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß ich mich zwar schon in gewisser Hinsicht als konservativ gläubig verstehe, aber liberal-aufgeklärt denke und somit nicht so einfach zu den Fundamentalisten passe (die mögen mich auch nicht), auch wenn andere das anders sehen werden. Insofern stehe ich vieleicht nicht für das Christentum, das Winkler bei der Verfassung seines Textes vor Augen hatte. Da er die Theisten nicht differenziert, sehe ich dies nicht weiter als Problem an.

Das Ganze kann durchaus etwas bruchstückhaft werden, weil ich vor allem Denkfehler bei Winkler aufzeigen will, und diese nicht immer im Zusammenhang miteinander stehen. Bei einigen Punkten werde ich weiter ausholen, um mich verständlicher machen zu können.

Seinen Einstieg ins Thema wählt Winkler mit der Frage nach der Vermittlung und Werten. Auf religiöser Seite würde behauptet, der Atheismus biete keine Werte an (eine Aussage, der Winkler erst zustimmt, später widerspricht er ihr) im Gegensatz zur Religion und Glauben, die Werte vermittelten, und ihrerseits wichtig für das Miteinander der Menschen sind.

Um es nicht von Anfang an zu Mißverständnissen kommen zu lassen: Religion unterscheidet sich hier strukturell nicht vom Atheismus. Wenn das eine Werte beinhaltet oder vermittelt, so auch das andere. Eine andere Frage ist die Bewertung der jeweiligen Werte.

Winkler geht auf den Vorwurf ein, Nationalsozialismus und Stalinismus seien Resultate atheistischen Denkens. Er meint, beim Nationalsozialismus ruhte „fest im Glauben an einen Gott“. Das hätte ich gerne noch weiter ausgeführt und belegt. Ich sehe nicht, wo es für den Nationalsozialismus strukturell wichtig war, von einem Gott auszugehen. Nach meiner Meinung war Gott dem Nationalsozialismus egal, wenn auch manchmal der Begriff Gott in der Propaganda vorgekommen sein mag. Alles in allem denke ich doch, daß Hitler der eigentliche Gott der Nazis war, dessen Wille allzeit erfüllt werden mußte.

Ähnlich sieht es beim Stalinismus aus. Doch kann sich Winkler, nur weil er meint, hier pseudoreligiöse Züge zu erkennen (die es zweifellos sowohl bei Hitler als auch bei Stalin als auch bei anderen wie etwa Mao gab), diese Diktatoren und Systeme nicht undifferenziert der Religion zuschlagen. Konsequent zu Ende gedacht wäre dann auch Atheismus Pseudoreligion, wenn auch ohne Gott. Zu den strukturellen Übereinstimmungen von Theismen und Atheismen komme ich unten noch einmal zurück.

Weiterhin behauptet Winkler, daß alle Religionen behaupteten, Glaube sei ein absoluter Wert. Das ist zunächst einmal vollkommen falsch. Es gibt Religionen, bei denen der Glaube nebensächlich ist. Viele Religionen legen den Hauptaugenmerk nicht auf den Glauben, sondern auf das Tun. Wenn man sich an die richtigen Ruten und Verhaltensweisen hält, kann der Glaube dann zur absoluten Nebensache werden. Nur weil es im Christentum zu einer großen Wertschätzung des Glaubens gekommen ist (wenn ich es richtig sehe auch viel mehr als in Judentum und Islam, die sonst dem Christentum sehr nahe stehen), kann Winkler also nicht verallgemeinern. Im Weiteren muß angemerkt werden, daß auch im Christentum der Glaube nicht unbedingt als absoluter Wert angesehen werden kann (einzelne christliche Gruppierungen ausgeschlossen, jaja, Verallgemeinerung führt zu falschen Schlüssen).

Wenn Winkler unter einem Wert etwas versteht, das der Mensch tun kann, an das er sich von sich aus halten kann, wie etwa Fleiß oder Ehrlichkeit, dann ist der Glaube wen nicht aus christlicher Sicht, so dann doch wenigstens bei vielen Christen, die sich auf die Reformation berufen, kein Wert (und ich bin mir ziemlich sicher daß es Orthodoxe und Vatikan auch ähnlich sehen, wenn auch mit leichten Abwandlungen). Denn Glaube ist nichts, was der Mensch von sich aus tun kann, sondern von Gott – aus Gnade und Liebe zu den Menschen – geschenkt. Glaube kann Grundlage sein für eine Wertbildung, ist aber selbst kein Wert.

Winkler fährt fort mit der Behauptung, bei der Nichtexistenz Gottes sei der Glaube an Gott ein Negativum. Hier hätte ich gerne ein Erklärung gelesen, es bleibt jedoch bei der Behauptung, er scheint hier ein Atheistisches Dogma zu formulieren, das nicht weiter hinterfragt werden kann und soll (ich hab ja persönlich kein Problem mit der Existenz von Dogmen, irgendwann kann man nicht mehr argumentieren, wenn man nicht in einen Zirkelschluß kommen will, aber es wäre hilfreich, wenn Winkler sagen würde, daß es sich hier um ein Dogma handelt bei dem er nicht bereit ist, weiter zu diskutieren).

Winkler sagt, Religion ist nicht notwendig um Werte zu formulieren. Ich würde es anders ausdrücken: Es braucht zum Formulieren von Werten nicht den Glauben an einen oder mehrere Götter. Im Gegensatz zu Winkler meine ich jedoch, daß auch Atheismus Werte bietet, zumindest der Atheismus, den er beschreibt. Wie gesagt, Religion ist hier von Atheismus nicht unterschieden. Doch wie verschiedene Religionen verschiedene Werte predigen, tun dies auch verschiedene Atheismen. Man muß eben differenzieren. Wie man diese Werte bewertet, hängt dann von der eigenen Religion oder dem eigenen Atheismus ab. So war es für Stalin ein Wert, Andersdenkende zum Schweigen zu bringen. Leider sehe ich ähnliche Ansätze auch bei Winkler, wenn auch nicht begleitet von der Forderung nach einem stalinistischen UNterdrückungssystem, Winkler spricht sich dazu nicht aus. Ich denke auch, daß er es gar nicht will, trotzdem erwecken seine Äußerungen weiter unten den Eindruck, daß er in diese Richtung tendiert. Auch dazu unten mehr.

Winkler meint, für die Entscheidung, wie man Werte begründet ist es wichtig, ob es einen Gott gibt oder nicht, denn gibt es einen Gott, so ist das Unterfangen, Werte außerhalb von ihm zu suchen „irrig und vergebens“. Da kann ich ihm nur zustimmen. Nicht zustimmen kann ich ihm bei seiner Ansicht, man könne Werte nur dann durch Gott begründen, wenn es wirklich einen Gott gibt. Ich kann Werte durch meine Vorstellung von Gott begründen, unabhängig davon, ob es diesen Gott gibt.

Winkler scheint anzunehmen, daß wir entscheiden können, was wirklich ist, dabei gehen wir alle nur mit Beschreibungen der Wirklichkeit um, bei manchen kommt Gott vor, bei anderen nicht. Nun ist Winkler überzeugt, daß seine Beschreibung der Wirklichkeit wahr ist und alle anderen nicht. Prinzipiell ist das auch gar kein Problem, auch ich meine, Recht zu haben und nicht einem Irrtum aufzusitzen, mit meiner eigenen Beschreibung der Wirklichkeit. Nur bin ich mir bewußt, daß andere Menschen die Wirklichkeit anders beschreiben, und daß ich kein Kriterium besitze, zu beweisen, daß ich im Recht bin und die anderen nicht. Deshalb denke ich, jeder soll nach seiner Façon gücklich werden, auch wenn ich natürlich versuche, meinen Glauben zu erklären und darzustellen. Das kommt auf diesem Blog ja immer mal wieder vor.

Winkler macht auf mich den Eindruck, daß er eben nicht nur meint, Recht zu haben, sondern er wähnt sich auch im Besitz eines Kriteriums, an dem er alle anderen Beschreibungen der Wirklichkeit, man könnte etwas altbacken auch von Bekenntnissen sprechen (ja, man kann auch bekennen, daß es keinen Gott gibt), messen kann. Das geht nur, falls man von den gleichen Grundannahmen ausgeht, die dann tatsächlich als Kriterium dienen können. Bei unterschiedlichen Bekenntnissen sind aber auch die Grundannahmen meist unterschiedlich, so setzt einer einen Gott voraus, der andere nicht.

Bei Winkler scheint es eine wahre Beschreibung der Wirklichkeit zu geben, und alle anderen sind falsch und müssen sich der Kritik dieser seiner Wahrheit unterziehen. Wäre Winkler religiös, würde man zu Recht von Fundamentalismus sprechen, auch wenn er, im Gegensatz zu vielen religiösen Fundis, ganz nett und freundlich daher kommt. Wer neben seiner eigenen Wirklichkeit nichts anderes gelten lassen will, der ist Fundamentalist.

Das scheint dann auch in die Frage nach der Beweisbarkeit Gottes reinzuspielen. Winkler will einen Beweis Gottes, um Gott anzunehmen So lange Gott nicht bewiesen ist, ist dieser für Winkler nicht existent (also war die Erde auch flach bevor die Kugelform bewiesen wurde? Man verziehe mir diese spitze Bemerkung). Hier beißt sich jedoch die Katze in den Schwanz. Denn Wissenschaft wird betrieben etsi deus non daretur (lustigerweise gilt dies auch für die Theologie), also als ob Gott nicht gegeben wäre. Wie soll nun die logische Möglichkeit bestehen, Gott nachzuweisen, wenn ich mich in einem System bewegen muß, zu dessen definitorischen Grundlagen es gehört, daß Gott nicht darin vorkommt? Es ist unmöglich, und zwar unabhängig davon, ob es Gott gibt oder nicht. Es ist so unmöglich wie es unmöglich ist, im zweidimensionalen Raum ein Volumen zu beschreiben oder nachzuweisen. Es geht nicht. Der Atheist, der einen Beweis für Gott verlangt, muß logischerweise auch seinen Denkhorizont verlassen, und sich in einen anderen Horizont begeben. Doch da wird dann plötzlich alles anders. Von Beweisen im naturwissenschaftliche Sinn kann man vielleicht gar nicht sprechen (das wäre doch mal Wert zu überdenken, wo wir es grad von Werten hatten), vielleicht kommt hier das Gefühl zum Tragen (das Winkler später plötzlich auch aus dem Zylinder zaubert, ohne zu sagen, wo er es herholt).

Werte können jedenfalls, so meine ich, durch alles mögliche begründet werden. Winkler mag es negativ bewerten, wenn man Werte durch etwas begründet, was in seiner Welt nicht vorkommt. Damit muß an dann leben. Nur muß Winkler dann unter Umständen auch mit dem Fundamentalismusvorwurf leben. Vielleicht ist alles nur ein Mißverständnis, vielleicht läßt es sich klären, dazu gibt es ja Kommentare und Pingbacks 😉

Ein weiteres Dogma Winklers folgt im Text, und zwar die Aussage, daß falsche Annahmen der Wirklichkeit dem Menschen mehr schaden, als sie ihm helfen. Nun, wenn man mal bei Seite läßt, daß er hier wieder davon ausgeht, daß zu entscheiden sei, ob eine Annahme der Wirklichkeit entspricht, also wahr ist, und nicht nur einer bestimmten Wirklichkeitsbeschreibung entspricht, er gibt keine Erklärung dafür ab. Es muß sich um ein Dogma handeln.

Denn wie wäre es denn, nehmen wir a, jemand wäre unheilbar krank, und würde definitiv in 6 Monaten sterben. Ein Wissen darum würde ihm die letzten Monate unter Umständen verdunkeln, er nähme Schaden, würde leiden, auch wenn er von der Krankheit keine Schmerzen hat. Wen er in 6 Monaten einfach umfällt, und bisher immer ein glückliches Leben geführt hat, nimmt er unter Umständen weniger Schaden. Dazu müßte man vielleicht noch definieren, was man als Schaden ansieht. Noch so eine unklare Sache. Das Beispiel ist übrigens das, was mi zuerst in den Sinn kam. Es mag bessere Beispiele geben um zu verdeutlichen, was ich meine: Es könnte unter Umständen besser sein, falsche Annahmen von der Wirklichkeit zu haben. Es sei denn man schließt dies durch Dogmen aus.

Die Vorstellung, die Winkler von der Entstehung heiliger Texte hat, ist dann doch etwas belustigend: Jemand stellt sich hin, schreibt nen Text, deklariert ihn als heilig und unterdrückt damit dann Tausende wenn nicht Millionen. Ich will nicht in Abrede stellen, daß Menschen mit religiösen Texten und durch religiöse Strukturen allgemein unterdrückt wurden. Das fand und findet statt. Aber Texte werden zu heiligen Texten, weil es Menschen gibt, die ihnen, erst einmal ganz ohne Zwang, Heiligkeit zuschreiben. Er mag den Versuch antreten, einen Text schreiben, in als heilig deklarieren, und dann die Jünger zählen und sehen, ob seine Religion Bestand hat. Selbst Sekten fangen meist nicht bei NULL an, sondern beziehen sich auf irgendwelche etablierten Texte und Denkmuster, die sie dann nach eigenem Gusto abändern.

Ich stimme Winkler zu, daß das unkritische Nachbeten von Werten der schlechteste Weg ist, Werte zu begründen (sowas gibt es in Theismen und Atheismen). Nur ist kritischer Verstand kein Alleinstellungsmerkmal des Atheismus. Schon vor dem Aufkommen des Atheismus, vor dem Zeitalter der Aufklärung, hat man sich mit kritischem Verstand religiösen Überzeugungen zugewandt. So kam es unter anderem zur Reformation, die immer wieder als Voraussetzung für die Aufklärung ins Spiel gebracht wird. Aber das nur am Rande.

Inwieweit Atheismus „notwendige Voraussetzung für einen unbelasteten Ausgangspunkt auf der Suche nach positiven Werten“ ist, kann ich nicht nachvollziehen. Gut, entsprechend seinem Weltbild behauptet Winkler das. Ich könnte das Gleiche vom Glauben an den dreieinen Gott sagen, und Winkler würde mir vehement widersprechen. Ich würde sagen: Man kann beides als Ausgangspunkt wählen, aber keiner kann für den anderen nachvollziehbar behaupten, im Recht zu sein.

Denn in der Lage, „ohne Scheuklappen, ohne Vorurteile, ohne Dogmen mit offenen Augen und kritischem Geist durch das Leben gehen zu können“ bin ich mindestens genau so ie Winkler. Zumindest bilde ich mir dies ein, man möge mich widerlegen.

Natürlich, ich habe meine Dogmen, aber ich meine, auch bei Winkler einige Dogmen erkennt zu haben. Scheuklappen und Vorurteile versuche ich bei mir zu vermeiden, ich hoffe, es gelingt mir, Winkler scheint auch nicht ganz frei von Vorurteilen dem gegenüber, was er Religion nennt, zu sein. Jedenfalls beschreibt er sie durchgehend sehr eindimensional und undifferenziert. Den kritischen Geist nehme ich voll für mich in Anspruch, und dies steht auch in keinem Widerspruch zu meinem Glauben und die Augen bemühe ich mich auch offen zu halten. So kam ich ja auch auf den Artikel von Winkler.

Nebenbei, man sollte mit den Begrifflichkeiten aufpassen. Denn was ist denn Religion? Ein Satz von Überzeugungen, auch Riten, die die Welt erklären sollen. Man kann auch sagen, Religion beschreibe einen Weg, um zu Werten zu kommen. Dabei ist jede Religion anders. Und da rein würden dann auch sämtliche Atheismen fallen. Und diese würden dann Werte bieten, wobei der Atheismus als solcher viel zu vage ist, als daß man davon schon einen Wert ableiten könnte (oder doch? ich trau es mir nicht zu). Gleiches gilt aber auch für den Theismus, da sich dahinter auch alle möglichen bekannten und unbekannten Systeme verbergen. Deshalb benutze ich hier die Begriffe Atheismus und Theismus, die sich nur darin unterscheiden, ob man nun ein oder mehrere Götter annimmt oder nicht. Eigentlich ist das auf das Ganze gesehen ein äußerst kleiner Unterschied (wenn auch ein äußerst Wichtiger).

Ein Mensch kann selbst Werte begründen. Ich denke jedoch, die geht nicht ohne einen Gott. Doch muß man hier mit dem Gottesbegriff aufpassen. Ich fasse den Begriff Gott hier weiter, als man ihn in der Umgangssprache faßt, meine aber, damit strukturelle Klarheit zu gewinnen in Bezug auf Unterschiede zwischen Theisten und Atheisten.

Unter Gott verstehe ich das, was dem Individuum das höchste Gut ist. Für religiöse Menschen ist dies im Idealfall der jeweilige Gott oder der Göttervater vielleicht auch in einem Polytheismus. Ich sage Idealfall, weil ich davon ausgehe, daß kein Mensch diesen Anspruch sein ganzes Leben lang durchhalten kann. Das hat etwas mit der Sünde (wichtig ist der Singular!) zu tun, das ist jedoch ein ganz anderes Thema auf das ich hier nicht eingehen will (wenn jemand an dem Thema Interesse hat mag er sich melden, vielleicht gibt’s dazu dann nen eigenen Artikel im Blog).

Da jeder Mensch ein höchstes Gut hat, von dem er seine Werte ableitet, hat auch jeder Mensch einen Gott nach dieser Definition. Ob dieser Gott nun ein übersinnliches, persönliches, lebendes Wesen ist, wie in den meisten Weltreligionen, ein (heiliges) Buch (ja, das ist ein Seitenhieb auf die Fundamentalisten) oder ein Prinzip, ob ein Mensch oder was auch immer, spielt dabei keine Rolle. Dieses höchste Gut ist es, ob nur eingebildet oder nicht, das unsere Wertebasis ist. Da dieses höchste Gut nicht ein übersinnlicher Gott sein muß, andererseits aber alle Menschen von diesen jeweils eigenen höchsten Gut ihre Werte ableiten (oder es versuchen oder behaupten – genau: Sünde), kann der Mensch natürlich ohne einen Gott, wie Winkler den Begriff versteht, Werte begründen.

Übrigens kommen Theisten und Atheisten jeglicher Couleur häufig zu ähnlichen Werten, auch bei völlig verschiedenen höchsten Gütern oder Göttern. Denn irgendwo sind sie sich doch alle ähnlich, zumindest die Populären. Wäre dies nicht der Fall, würde unsere Gesellschaft auseinanderbrechen, weil es keinen Konsens mehr gäbe und alle gegeneinander arbeiten würden, ja weil ihre unterschiedlichen Götter (meine Begrifflichkeit) dazu führen würden, daß die Konflikte aufbrechen. Denn es können auch höchste Werte auftreten, wie „Rassenhygiene“. Aber schon ein kleiner Gesundheitswahn (höchster Wert=Gesundheit, wie auch immer definiert) kann zur Diskriminierung dicker Menschen führen…

Winkler nennt jetzt als Grundlage für seine Werte das menschliche Bedürfnis und die natürlichen Neigungen des Menschen. Dabei stellt sich das Problem, was denn nun natürlich ist:

Ist homosexuelle Neigung natürlich? Wenn ja, wie ist es mit pädosexueller Neigung? Sagen kann man nur, aß es beides wohl gibt. Was wir als Krankheit definieren und was als natürlich, hat mehr mit Moralvotellung zu tun als mit wissenschaftlicher Erkenntnis.

Was also krank ist und was normal ist Gegenstand einer Vorentscheidung. So gibt es im christlichen Menschenbild (genau, jetzt kommt schon wieder die Sünde) die Ansicht, daß der Mensch erst einmal schlecht ist. Das hat mit der Ursünde (=Erbsünde) zu tun (ob es die gibt ist übrigens unabhängig von der historischen Existenz von Adam und Eva). Der Mensch ist zwar auch zum Guten fähig, abr dies ist immer nur Geschenk Gottes an den Menschen, und liegt nie in dessen eigener Macht. Deshalb habe ich Zweifel daran, daß der Mensch durch Hören auf seine Neigungen ein Wertesystem ableitet, „dass dem Menschen in seinem Menschsein gerecht wird.“ Ich rechne eher damit, daß der Mensch dann ein Wertesystem ableitet, daß seiner Neigung nach Herrschaft und Kontrolle entspricht auch wenn ihm Wege bewußt sind, es besser zu tun. Das ist übrigens unabhängig von Theismus oder Atheismus so. Der Mensch neigt meiner Meinung nach dazu, sich selbst zu vergöttlichen, also sich selbst höchstes Gut zu sein, dem alles Andere zu dienen hat. Deshalb meine ich, neigen totalitäre Systeme wie Stalinismus und Nationalsozialismus auch zu Pseudoreligiösität.

Wer mein Menschenbild nicht teilt, wird natürlich anderer Meinung sein, und das ist okay. Aber bisher konnte mir noch niemand plausibel machen, warum ich Unrecht haben könnte. Selbst wenn ich von einem rein atheistisch-wissenschaftlichen Weltbild ausgehe, scheint die Empirie meine Behauptung zu belegen. Ich sehe das bei mir und anderen, auch Atheisten 😉

Kommen wir zu einem weiteren Dogma Winklers, und hier offenbart er endgültig seinen Fundamentalismus:

Ein naturalistisches Fundament gründet auf der Realität.

Realität ist das, was seiner Beschreibung der Wirklichkeit entspricht. Daran, an der durch ihn festgelegten Realität, haben sich alle auszurichten. Den Theismen wirft er vor, ihre Fragwürdigkeit nicht in Frage stellen zu lassen, dabei bewegt er sich selbst auch nur innerhalb seines eigenen Systems. Ich wage sogar, so weit zu gehen zu behaupten, daß theistische Menschen durch die Allgegenwart des naturalistischen Weltbildes häufiger in Zweifel kommen und ihren Glauben kritisch hinterfragen, als dies Atheisten tun. Hier scheint man oft, ich kann mich natürlich irren, der Meinung zu sein, das eigene Weltbild entspreche der Wirklichkeit, ohne theistische Weltbilder auch nur zu erwägen.

Allerdings, wo er Recht hat, hat er Recht: Die christlichen Kirchen haben durchaus häufig mit Repressalien reagiert, hat man an ihnen gezweifelt. Nur ist es doch so, daß auch derjenige, der heute Gott bekennt, zumindest in gewissen gesellschaftlichen Kreisen ausgegrenzt wird. In manchen politischen Systemen hat er es aufgrund seines Glaubens mit handfesten Repressalien zu tun (Nordkorea wäre wohl eines der krassesten Beispiele) und auch der Autor fordert Repressalien gegen die theistisch denkenden Menschen. Der Atheismus ist im Gegensatz zum Theismus noch sehr jung. Man sollte also vorsichtig sein, mit einseitigen Schuldzuweisungen, bei aller Schuld, die die Kirchen auf sich geladen haben.

Nun folgt eine famose Behauptung, wiederum ein Dogma: Der Atheismus beruht auf keinen Annahmen, die er nicht beweisen könnte und wäre somit sichere Basis für die Entwicklung einer Ethik für die Menschen. Somit wäre der Atheismus folglich das einzige Haus mit schwebendem Fundament: Vollkommen erdbebensicher. Man kann nicht alles beweisen, da man, um einen Beweis zu führen, auf Bekanntem und Sicherem aufbauen muß. Nur: Dieses bekannte ist entweder schon bewiesen, oder Dogma. Da es keine Dogmen gibt, wie er behauptet (wir sind ja auch schon auf einige gestoßen, aber vielleicht hat an diesen Punkten Winkler tatsächlich nur die Beweisführung ausgelassen), kann diese Kette nur endlos zurückgehen: Eine Sache wird Bewiesen auf Grundlage etwas Bewiesenen, das seinerseits wiederum auf früheren Erkenntnissen beruht und so weiter. Will man nun nicht in die Unendlichkeit gelangen (real gibt es meines Wissens nach keine endlose Beweiskette, es gäbe keinen ersten Beweis), ist man zu einem Zirkelschluß gezwungen. Nur ist damit, wie man es auch wenden will, sämtliche Beweiskraft dahin. Und damit dann wohl auch der Vorteil des Atheismus gegenüber dem Theismus, der sich in der Regel seiner Bezogenheit auf den jeweiligen Gott bewußt ist und somit eine unbewiesene Grundlage annimmt.

Nun wird Winkler pathetisch: Auf dem Feld des Atheismus seien Philosophie, Wissenschaft und Kunst gewachsen, auf dem Feld der Religion Intoleranz, Gewalt, Unterdrückung etc…

Interessanterweise gesteht er dem Atheismus zu, daß es auch dort Irrtümer geben kann. Diese sind jedoch mit Gefühl und Verstand (genau, hier kommt er mit Gefühl, was ja eigentlich in einem naturalistisch-logischem Weltbild nichts zu suchen hat) zu überwinden. Komischerweise, oder steckt dahinter Programm(?), spricht er dieses Gefühl und diesen Verstand dem Theismus nicht zu. Denn auch wenn er zugesteht, daß es „wohlschmeckende Früchte der Religion“ gibt, so werden die doch von Intoleranz, Unterdrückung etc erstickt. Wieso, frage ich mich, geht er davon aus, daß es hier zum Ersticken führen muß, während die Irrtümer beim Atheismus marginal zu bleiben scheinen. Ein weiteres Dogma? Oder kann nicht sein, was nicht sein darf? Er begründet wiederum nicht, er geht davon aus, daß alle seine Meinung teilen und das geht ja auch ganz gut, wenn man sich gegen alles Schlechte, was atheistischen Ursprung haben könnte, immunisiert durch Begriffe wie „pseudoreligiös“ und andererseits den Kirchen Selbstimmunisierung vorwirft.

Aber gleich im Anschluß, zeigt er, daß auch Atheisten zu Intoleranz und Unterdrückungsphantasien neigen können (Irrtümr, die durch Gefühl und Verstand beseitigt werden können? Hoffentlich!):

Wer sich auf Gott beruft, soll nicht mehr gehört werden.

Wie wäre seine Reaktion, forderte ich: Wer sich nicht auf Gott beruft, soll nicht mehr gehört werden? Eben! Ich hoffe, er hat sich vielleicht in eine Euphorie geschrieben und nicht genau bedacht, was er schreibt.

Statt Religionen immer mehr Raum zu überlassen, ist der Samen der Aufklärung zu streuen.

Die Aufklärung war gut und wichtig, und die meisten Forderungen der Aufklärung, wie die kritische Vernunft, sind durchaus mit Religion vereinbar, wie ich meine. Was ich allerdings nicht ganz nachvollziehen kann ist, wo Religionen immer mehr Raum bekommen? Da, wo Kreuze abgehängt werden (nicht daß ich dagegen wäre), oder da, wo Frauen vorgeschrieben kriegen, wie sie sich zu kleiden haben (nach meiner Meinung eines Rechtsstaates unwürdig)? Man könnte hier den Eindruck bekommen, er will Angst vor der voranschreitenden Gefahr der Religion verbreiten, um so die niedrigen Instinkte der Menschen anzusprechen, ihnen einzutrichtern, daß sie selbst in Gefahr sind, wenn es so weitergeht. Das funktioniert auch grad ganz gut beim Thema Hartz IV: Die Gefahr, daß sich die Faulen Arbeitslosen auf unsere Kosten ausruhen. Oder beim Islam. Immer das gleiche Schema. So funktioniert Demagogie, was Winkler sicher nicht beabsichtigte, trotzdem sei darauf hingewiesen.

Auch das weitere:

Das kann schmerzlich sein für die, deren Weltanschauung darauf noch nicht vorbereitet ist. Es wird unvermeidlich zu Anpassungskonflikten kommen. Doch es ist soviel mehr zu gewinnen, als zu verlieren. Zu gewinnen ist ein Miteinander gleichberechtigter Menschen. Zu verlieren ist nur ein sehr sehr alter Irrtum.

Hier denke ich ganz unwillkürlich an Ideologien wie den Kommunismus: Es wird erst einmal schlimmer, gerade für die Bourgoisie, aber am Ende steht der Himmel auf Erden. Das ist, Entschuldigung, naiv. Einen paradiesischen Zustand, der auf Kosten Andersenkender erkauft wird, ist es nicht wert die Bezeichnung „paradiesisch“ zu tragen. Ich bin nicht bereit, Anpassungskonflikte welcher Art auch immer hinzunehmen, auch nicht bei anderen, um damit eine vermeidlich bessere Welt zu bekommen. All diese Utopien von der besseren Welt wenn nur erst dies oder das umgesetzt würde, endeten am Ende im Chaos. Aber vielleicht bin ich mir dessen gerade deshalb so bewußt, weil ich die Geschichte des Christentums kenne mit den immer wiederkehrenden Ideologien. Spätestens hier wird auch Winkler pseudoreligiös.

Am Schluß fragt Winkler noch nach der Aufpasserfunktion der Religion und schießt damit meilenweit am Thema vorbei. Zumindest ich nehme für meinen Glauben in Anspruch, daß er keine Aufpasserfunktion hat. Ich glaube aufgrund dessen, was ich für wahr halte, und nicht um damit irgend eine Funktion zu erfüllen. So funktioniert das nicht. Deshalb kann Winkler auch feststellen, daß trotz Religion Menschen Böses getan haben. Das liegt jedoch nicht am Versagen der Religion, sondern an der Natur des Menschen, die eben böse ist.

Eine Erklärung, wie man das Böse aus der Welt schaffen kann, gibt jedoch auch Winkler nicht. Vielleicht verschwindet es, wenn die Theisten zum Schweigen gebracht sind.

Ich gebe zu, ich bin in diesem Text an einigen Stellen sehr scharf geworden. Ich denke aber, es war berechtigt, denn Winkler erhebt teilweise Forderungen, die ich nur als grundfalsch begreifen kann. Ich habe nichts gegen ihn und seine Weltanschauung. Er soll damit glücklich werden, von mir aus soll er sie auch bewerben. Wenn er aber zum Fundamentalismus übergeht, und auf der Spur ist er mit dem verlinkten Text, kann ich dazu nicht schweigen. Außerdem wollte ich einige Mißkonzeptionen über Religion ein bißchen gerade rücke. Ich hoffe, es ist mir ansatzweise gelungen.