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Vergeßt den Skandal um den Kindesmißbrauch…

… katholische Erziehung ist viel schlimmer. So meint jedenfalls Vorzeigeatheist Richard Dawkins. Auf diese Formel verkürzt wurde ein Al Jazeera Interview mit Dawkins, etwa bei der Daily Mail (via). Ich habe das 47 Minuten-Video bei Al Jazeera gefunden und angesehen und ich finde, es ist durchaus wert, angesehen zu werden.

Der Vergleich von Kindesmißbrauch und katholischer Eriehung kommt etwa ab Minute 20, nimmt recht wenig Zeit ein, und Dawkins offenbart dabei ein recht unwissenschaftliches Vorgehen: Er bezieht sich auf einen Brief, den er von einer Amerikanerin erhalten habe. Dafür, daß er sonst so auf evidence pocht recht dünn.

Überhaupt macht er eine sehr schlechte Figur: Religion ist böse, weil sie der Grund für viele böse Dinge ist. Religiöse Individuen wie etwa Martin Luther King Jr. können allerdings auch Gutes tun. Interessant: Das eine sind Individuen, das andere ist die Religion an sich. Wobei er auch zugibt, daß Religion durchaus Gutes motivieren kann.

Irgendwie kommt er mir bei dem Hin und Her vor wie ein Fundamentalist im analogen Fall. Da sind die „bösen“ Anhänger dessen Religion (Selbstmordattentäter, katholische Erzieher…) auch immer nur Individuen, während die Religion an sich gut ist. Dawkins würde wahrscheinlich nicht zögern, dem Fundi genau dies vorzuwerfen…

Das schlimme an Religion ist übrigens der Glaube, weil der dazu führt, ganz böse Dinge zu tun und für Argumente verschlossen zu sein. Wobei er auch hier später zurückrudert und sagt, es gäbe zwar Argumente (bzw Streit, cf. engl „argument“), aber eben keine richtigen.

Ich habe den Eindruck gewonnen, daß Dawkins vor allem ein Problem mit dem Fundamentalismus hat. Würde er das so formulieren hätte ich damit kein Problem. Fundamentalismus mag ich auch nicht. Was Dawkins jedoch macht, auch wenn r immer wieder zurückrudert und nochmal in die gleiche Richtung startet, ist, daß er seine Vorstellung von Fundamentalismus auf alle Rleigion überträgt und selbst aber für Gegenargumente taub bleibt. So nimmt er natürlich wahr, daß seine Frau ihn liebt, das ist dann evidence, aber das gleiche Gefühl bezüglich eines Gegenübers zählt nicht, wenn es sich um Gott handelt, weil dieser Gott angeblich nur im Inneren existiere. Das Gefühl geliebt zu werden anscheinend nicht…

Ein letzter Punkt, der mich irritiert, war sein ständiges Reden von truth. Ich dachte bisher, Wahrheit gäbe es nur im Glauben, während die Wissenschaft mit Wahrscheinlichkeiten arbeite, doch Dawkins ist wohl der Meinung, daß er in der Lage wäre, mittels Wissenschaft tatsächlich zur Wahrheit zu kommen, was immer diese Wahrheit sein sollte.

Alles in allem sagt er recht wenig, außer daß er alle Religion für fundamentalistisch hält, daß er selbst durchaus fundamentalistische Ansätze hat (oder was soll die Rede von truth?) und die Welt ein besserer Ort wäre, wenn die Religion morgen verschwände, obwohl dann die Shoa bliebe, während viele Hilfsoranisationen weg wären…

Aber seht es Euch selbst an, es ist durchaus kurzweilig:

http://www.aljazeera.com/programmes/general/2012/12/2012121791038231381.html

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Das Letzte zuerst…

Die römische Kirche hat zur Zeit ein mittleres Imageproblem, das ist bekannt. Durch das Thema Kindesmißbrauch durch Kirchenmänner (und Frauen? ach nee, geht ja nicht…) ist die Kirche in einer Art in den Medien präsent, die sie in keinem guten Licht dastehen läßt.

Natürlich fehlt es nicht an „Kirchenkritikern“ (ich würd eher sagen Kirchenbashern, weil Kritik hat was mit Abwägen und Bewerten zu tun), die nun die Gelegenheit beim Schopfe packen und mal so richtig abziehen über Sexualmoral der römischen Kirche, über Zölibat und was weiß ich noch. Es scheint da irgend so einen Reflex im Menschen zu geben, der auf diese Art funktioniert und somit den Fokus vom eigentlichen Thema nimmt: Es geht nicht um Zölibat oder Sexualmoral. Es geht um sexuelle Gewalt an Schutzbefohlenen.

All das wäre mir keinen Artikel wert, da ich mich zu dem Thema schon mehrfach geäußert habe und auch nicht sehe, daß die Kirchenbasher sich durch irgend etwas beeindrucken ließen, um zum Thema zurückzukommen. Nun habe ich aber bei einem Kirchenbasher, dessen Blog ich hin und wieder lese (fällt das jetzt unter know your enemy? als Feind würd ich ihn nicht bezeichnen) eine Verlinkung gefunden zu einer Äußerung des Bischofs von Regensburg, Herrn Prof. Dr. Müller. Und auch wenn es mich in den Fingern kribbelt, den betreffenden Artikel zu kommentieren, weil er wieder – typisch Kirchenbasher – Die Aussagen des Bischofs so verdreht, daß es in sein Weltbild passt. Ich denke, das führt zu nichts, deshalb lasse ich es hier.

Was ich aber tun möchte ist, mich mit den Äußerungen von Herrn Müller auseinander zu setzen. Diese sind zwar zum Großteil richtig (aus römischer Perspektive wohl alle, aber ich bin kein römischer Christ), aber ich frage mich nach den Beweggründen für solch eine Äußerung gerade zu dieser Zeit.

Bischof Müller geht nämlich nur am Anfang seines Textes auf den Kindesmißbrauch ein und fasst kurz zusammen, wie dieser aus christlicher so wie aus staatlicher Sicht zu beurteilen und zu verurteilen ist. Das ist jedoch nur der Einstieg in ein anderes Thema, der Auseinandersetzung mit den Kritikern. Da wird dann breit erläutert, daß viele Kirchenbasher nun die Möglichkeit ergreifen, auf die Kirche einzudreschen etc, naja, ich geb ihm ja im Grunde Recht. Auch die römische Sexualmoral ist mir nicht so fremd, auch wenn ich sie nicht in allen Punkten nachvollziehe, aber darum geht es mir im Moment nicht.

Er geht noch weiter auf das Thema ein und stellt eine christliche Anthropologie gegen die Atheistische, wie gesagt, viele der Aussagen würde ich so (oder ähnlich) mittragen.

Was ich mich allerdings frage ist: Wieso ist der Bischof so sehr damit beschäftigt, seine Kirche zu verteidigen? Und seine Lehre? Wieso kümmert er sich nicht zuerst um die Opfer? Wahrscheinlich hat er seine Gremien beauftragt, dies zu tun und vielleicht tun sie es auch mit Nachdruck. Aber es gab in letzter Zeit Berichte aus seinem Bistum, daß da einiges im Argen liegt. Und es gibt Hinweise, daß das auch noch vertuscht werden soll.

Angesichts dieser Umstände erwarte ich von einem Bischof, egal welcher Konfession, sich um Aufklärung zu kümmern. Alles hat seine Zeit, aber jetzt ist nicht die Zeit der dogmatischen Auseinandersetzung. Alles hat seine Zeit, aber jetzt muß erst einmal dafür gesorgt werden, daß aufgeklärt wird.

Es ist aus meiner Sicht eine grobe Fehlleistung, Anwälte zu beauftragen, damit Ruhe einkehrt. Und falls die Anwälte von Priestern und nicht dem Bistum angeheuert werden, dann erwarte ich, daß das Bistum dafür sorgt, daß aufgeklärt wird. Im Zweifel dadurch, daß es auf eingene Kosten den Anwalt der Gegenseite stellt. Man muß sich mal denken, was hier vorgeht: Jemand weist auf einen Mißbrauch hin und wird platt gemacht. Und sowas von christlicher Seite, ja von der Instanz, über die es in der Bibel heißt (Tit 1, 7-9):

Denn ein Bischof muss unbescholten sein, weil er das Haus Gottes verwaltet; er darf nicht überheblich und jähzornig sein, kein Trinker, nicht gewalttätig oder habgierig. Er soll vielmehr das Gute lieben, er soll gastfreundlich sein, besonnen, gerecht, fromm und beherrscht. Er muss ein Mann sein, der sich an das wahre Wort der Lehre hält; dann kann er mit der gesunden Lehre die Gemeinde ermahnen und die Gegner widerlegen.

Besonnen, beherrscht… erst mit gesunder Lehre die Gemeinde ermahnen (dazu gehören auch die Priester) und dann erst die Gegner widerlegen.

Wie beherrscht sind Abmahnungen gegen Kritiker? Inwiefern passen sie zur Maxime Jesu in der Bergpredigt (Mt 5, 38-41):

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.

In der bisherigen Umgangsform der römischen Kirche mit dem Bekanntwerden der Mißbrauchsfälle habe ich nicht viel bemerkt vom andere Wange hinschlagen. Oder Hemd geben. Oder zwei Meilen gehen. Man verteidigt sich, was verständlich ist, aber eben nicht weiterführt. Die Verteidigung kann warten, bis die Opfer versorgt sind, bis alle Opfer sich trauen, zu reden, und bis man einen Weg gefunden hat, mit den Schuldigen in der Kirche umzugehen (wie der Staat damit umgeht ist erst einmal Sache des Staates). Sicher gibt es Kirchengerichte, die sich damit befassen, und sicher gilt auch da erst einmal die Unschuldsvermutung. Aber es muß in der Kirche doch auch gelten, daß man den Armen und Entrechteten, den Geschundenen beisteht. Und es kann doch nicht sein, daß die Geschundenen sich nicht trauen, sich zu offenbaren, weil diejenigen, die ihnen helfen sollten, sie bedrohen.

Der Bischof kämpft gegen die atheistischen Anfeindungen des Glaubens, oder der speziellen römischen Ausformungen in diesem Fall. Dabei vergißt er den anderen Gegner innerhalb seiner eigenen Kirche. Zumindest wird es nicht klar, wie mit den Betroffenen innerkirchlich umgegangen wird. Es gibt Instrumente, damit umzugehen. Was aber noch schlimmer ist: Diejenigen, die der Kirche nicht ganz so nahe stehen, können nur eine Lieblosigkeit gegenüber den Opfern feststellen, denn wenn der Bischof „nur“ betet für die Opfer, dann sieht das keiner und weiß es keiner. Ich würde mir wünschen, man verhielte sich mehr nach Sprüche 27, 5:

Besser offener Tadel als Liebe, die sich nicht zeigt.

Damit ist nicht Tadel an denen gemeint, die gegen die Kirche aussagen, für die gilt weiterhin der Spruch mit der anderen Wange. Und das ist wohl auch der Grund, warum so viele Menschen auf die Kirchenbasher in den Medien hören: Weil die Liebe der Kirchlichen zu den Menschen und besonders den Opfern ihres Klerus nicht erkennbar ist.

Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe.

So steht es in 1. Joh 4,8. Und welche Relevanz hätte eine Kirche, die Gott nicht erkannt hätte? Das fühlen die Menschen, denn das Gesetz Gottes ist ihnen ins Herz geschrieben (Röm 2,15). Umgekehrt ist es aber doch auch so, daß

Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind (Röm 8, 28)

Nimmt man das ernst, dann kann der römischen Kirche, wenn sie die Mißbrauchsfälle mit Liebe zu den Opfern und nicht mit Selbstliebe und Angst um ihr Bild in der Öffentlichkeit behandelt, gestärkt aus der Geschichte hervorgehen. Indem sie sich, wie es sich für Kirche gebührt, an die Seite der Opfer stellt. Nicht indem sie zeigt, welche Macht sie medial oder in den Gerichten der Welt entfalten kann. So fordert es auch der Apostel Paulus im Brief an die Galater Kapitel 6, 9.10:

Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun; denn wenn wir darin nicht nachlassen, werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist. Deshalb wollen wir, solange wir noch Zeit haben, allen Menschen Gutes tun, besonders aber denen, die mit uns im Glauben verbunden sind.

Die Opfer wären nicht Opfer geworden, wenn es nicht eine Verbindung im Glauben gegeben hätte, zumindest über die Eltern. Und die Täter stellen durch ihr Tun ihren Glauben in Frage, weil sie sich nicht an der Liebe orientieren. Ich will nicht sagen, daß sie ungläubige sind, aber allemal Sünder, die natürlich auch der Vergebung bedürfen, wie alle Sünder, die aber zuerst einmal umkehren, Buße tun müssen.

Die Opfer hingegen, die von der Kirche scheinbar bedrängt werden, haben keine Schuld auf sich geladen durch die Verbrechen, die ihnen widerfahren sind. Diese Binsenweisheiten muß man sich ins Gedächtnis rufen um zu begreifen, was die Kirche tut, indem sie sich auf das Spiel der Medien einläßt in der Diskussion um den Zölibat und die Sexualmoral. Dies zu tun bedeutet, das Letzte zuerst tun. Erst die wahre Lehre vertreten, und dann danach handeln. Dabei täte es Not, danach zu handeln, und dann, im Nachgang, vielleicht gar nur auf Anfrage hin, zu erklären, warum man so gehandelt hat und nicht anders.

Das würde den Opfern gerecht werden, das würde den Medien die Munition nehmen, und vor allem: Es stünde im Einklang mit dem Evangelium.

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Ein Weihbischof auf Geisterfahrt

Gestern abend in Hart aber fair traf ein Weihbischof Jaschke aus Hamburg auf ein Opfer sexualisierter Gewalt, Norbert Denef. Arno Widmann von der Frankfurter Rundschau hat die Sendung, bei der auch andere Gäste geladen waren nun kommentiert. Und ich kann ihm in vielen Punkten nur Recht geben. Das ständige Grinsen von Herrn Jaschke war furchtbar. Entweder hier ist ein Bischof total gefühlskalt und zynisch, oder aber er ist sich über sein Wirken in keinster Weise bewußt. In dem Fall ist das dann vielleicht ein allgemein römisches Problem, denn Bischof Zollitsch hat bei der Verlesung der Presseerklärung zu den Mißbrauchsfällen auch nicht gerade so gewirkt, als berühre es ihn innerlich. Ich hoffe zutiefst, daß der einzige Grund in einer gewissen Medieninkompetenz zu suchen ist, und nicht einer Gefühlskälte gegenüber den Opfern.

Das alles bei Seite gelassen bin ich mir noch etwas unsicher, was die Eigenmächtigkeit der römischen Kirche beim Mißbrauchsverdacht angeht. Denn der Kirche wird vorgeworfen, in Zweifel selbst zu entscheiden, ob ein entdeckter Mißbrauchsfall angezeigt wird oder nicht. Nun hat sich Jaschke so geäußert, daß es den Anschein hat, ein Bischof oder sonst eine leitende Figur in der Kirche entscheide darüber, ob die Polizei ermitteln soll oder nicht. Man kann der römischen Kirche viel vorwerfen, wie auch den protestantischen Kirchen. Aber ich finde, man sollte dabei etwas aufpassen. Denn so medieninkompetent wie die Römer sind, so Katholikeninkompetent sind viele Medien. Daß man aneinander vorbei redet ist da quasi schon vorprogrammiert.

Jaschke sagte, es gebe keinen Automatismus bei der Anzeige. Andererseits behauptete er die Kirche weigere sich nicht, die Staatsanwaltschaft zu benachrichtigen. Wie kann das zusammen passen?

Ich kann es natürlich auch nicht mit Sicherheit sagen, ich will aber versuchen, als protestantischer Christ in christlicher Nächstenliebe nachzudenken, ob es eine Möglichkeit gibt, diese Aussagen so zu verstehen, daß es nicht so unglaublich ist, wie es sich anhört.

Und zwar frage ich mich, ob es Fälle gibt, in denen ein Priester oder sonstiger Geistlicher in eine Situation gelangen könnte, die im ersten Moment als fragwürdig gedeutet werden könnte, im zweiten aber auch schnell klärbar ist als absolut harmlos. Etwa wenn er erwischt wird, wie er ein Kind auszieht.

Jetzt kann man sich überlegen wie man reagieren würde: Erst fragen, was da läuft, oder sofort die Polizei rufen? Wie hätte man bei einer Kindergärtnerin gehandelt im gleichen Fall? Wie ist die Situation einzuschätzen, wenn nun die Information dazukommt, daß es sich bei der Kleidung des Kindes um weite Kleidung handelt, in der sich Insekten verfangen können. Was, wenn bei Nachfragen herauskommt, daß das Kind in einen Hornissenscharm geraten war? Was, wenn nun gar herauskommt, daß das Kind auf Hornissenstiche allergisch reagiert, wenn es also in Todesgefahr schwebte? Was, wenn andere Erwachsene in der Nähe waren, und als Mitwisser behandelt worden wären?

Es mag selten vorkommen und ist sicherlich stark konstuiert. Es gibt sicher ähnliche Beispiele. Bei der Forderung, bei einem Verdacht sofort die Polizei einzuschalten und nicht erst kirchenintern zu klären, was vorgefallen ist hätte man den Priester anzeigen müssen. Die Polizei hätte nun die Aufgabe gehabt, die Ermittlungen anzustellen und wären wohl zu dem gleichen Ergebnis gekommen. Mit einem Unterschied. Die Presse hätte das Wort vom Mißbrauchspriester verbreitet, der Mann wäre, auch bei Nachweis seiner Unschuld immer im Verdacht, doch ein Pädophiler zu sein. Nachrichten von Mißbrauch durch Priester verbreiten sich stärker als Nachrichten von Freisprüchen. Der Priester wäre sein Leben lang gezeichnet.

In so einem Fall kann ich verstehe, wenn es keinen Automatismus gibt, sondern erst einmal nachgefragt wird. Im Zweifel kann immer noch Anzeige erstattet werden. Die Kirche hat hier unter Umständen jeden einzelnen Schritt haarklein aufgeschrieben, denn natürlich geht man ja bei Mißbrauchsverdacht davon aus, daß da mehr und Eindeutigeres war, oder nicht?

Im Zweifel, hätte man den Kindergärtner auch nicht angezeigt. Den Familienvater noch weniger, oder was ist mit dem Sanitäter. Es ist nicht so, daß alles immer von der Polizei geklärt wird. Die Gesellschaft nimmt der Polizei dies ein Stück weit ab. Und das unabhängig davon, ob es nun die Gesellschaft Jesu Christi ist oder die säkulare Gesellschaft. Der Kirche hier etwas anzukreiden, was man selbst höchstwahrscheinlich auch nicht machen würde, müßte man heuchlerisch nennen, falls der Heuchelnde sich der Hintergründe bewußt wäre. Leider sind sich viele Menschen dessen nicht bewußt, und auch die Medien, die hier die Aufgabe der Aufklärung hätten, schärfen das Bewußtsein nicht, sondern lassen um der Quote Willen das Ganze im Ungefähren, wird schon so sein wie man sich das denkt.

Natürlich ist dies nur eine Wunschvorstellung von mir, weil ich hoffe, daß die Kirche Roms sich nicht der Staatsmacht entzieht und (sexuell) gewalttätige Priester deckt. Es fällt mir auch schwer, meinen Geschwistern das zu unterstellen. Wissen kann ich es jedoch nicht. Eine Klärung der Sache durch medienkompetentere Geistliche und katholikenkompetentere Medien wäre zu wünschen, auch wenn es keine Quote bringt.

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Päpstliches Schweigegebot?

Bei Fefe hab ich es grad gelesen. Ähnliches stand auch schon im SPIEGEL Titelthema von letzter Woche: Es soll da eine päpstliche Verordnung geben, aus dem Jahr 1962, von Johannes XXIII, die das Verschweigen von Mißbrauchsfällen fordert.

Fefe beruft sich auf einen Bericht im Observer vom 17.8.2003, der seinerseits auch ein Dokument in englischer Sprache verlinkt, das wohl die Übersetzung der päpstlichen Anweisung enthalten soll.

Glücklicherweise wird hier erstmals ein Name genannt für das päpstliche Dokument, so daß man etwas recherchieren kann. Der SPIEGEL schwieg sich über den Namen noch aus.

So kam ich nach etwas googlen auf ein englischsprachiges katholisches Forum, in dem der Observer Artikel besprochen wurde. Ein Forenteilnehmer sprach gar von einem Hoax, was das Dokument aus Rom betrifft, wozu unter anderem der Fakt, daß das verlinkte Dokument eben in englisch und nicht in latein vorliegt und auch keine 69 Seiten lang ist sondern nur 39 Seiten umfaßt, beigetragen haben mag.

Ein anderer Forenteilnehmer hat sich wohl die Mühe gemacht das Papier durchzulesen und kam zu dem Urteil:

It’s a document governing the ecclesiastical prosecution in ecclesiastical courts of priests who commit the ecclesiastical crime of solicitation.

und:

It’s not about the sexual abuse of minors as the ecclesiastical crime of solicitation relates only to the Sacrament of Penance and can involve adults as well as minors.

und:

The ecclesiastical crime of solicitation is very serious as it is an abuse of the Sacrament of Penance. That’s why laypeople were obliged to report it. You should keep in mind that at the same time it is important to protect the reputation of a priest who may be innocent.

naja, Unschuldsvermutung ist ja nicht besonders populär wenn Kirchenleute angeklagt sind. Aber was meint der noch:

You should also keep in mind that many if not most or even the vast majority of cases of the ecclesiastical crime of solication wouldn’t be a crime under civil law.

Er hat sogar noch ein Beispiel:

Suppose a priest hears the confession of a 30 year old woman. The 30 year old woman during the confession tells the priest: „Father, let’s have a one night stand.“ The priest instead of saying, „No that is wrong“ says, „OK let’s do it tonight“ then by that very fact the priest would be guilty of the ecclesiastical crime of solicitation.

Vor diesem Hintergrund ergibt es dann auch Sinn, wenn ein Kardinal Ratzinger 2005 darauf hinweist, daß die Regelungen noch gültig sind. Denn es geht um kircheninterne Dinge. Ob ein Priester Sex hat, geht den Staat nichts an. Auch die Öffentlichkeit hat kein Recht darauf, in Bezug auf das Sexualleben eines Priesters immer auf dem neuesten Stand zu sein. Hat ein Priester Sex und kommt es heraus, so handelt es sich lediglich innerkirchlich um ein Vergehen, deshalb wird innerkirchlich ermittelt, und um das Ansehen des Priesters zu wahren, der vielleicht zu Unrecht beschuldigt wurde, wird Schweigen vereinbart. Ist der Priester schuldig, kann er versetzt werden und zwar dahin, wo die Frau, in die er sich vielleicht verliebte, nicht ist, um ihn keiner weiteren Versuchung auszusetzen.

Ich wage einmal eine These: Ich glaube, damals hat keiner daran gedacht, daß diese Anweisung auch auf Priester angewendet wird, die Kinder mißbraucht haben. Ich denke sogar, daß damals Kindesmißbrauch außerhalb des Denkens der Mehrheit der Menschen lag. Es wäre einmal interessant herauszufinden, wie viele Fälle von Kindesmißbrauch damals durch die Presse gingen und wie viele es heute sind. Ich sage nicht, es hätte damals keinen Kindesmißbrauch gegeben, ich sage lediglich: Ein Großteil der Menschen hat sich das nicht vorstellen können. Was, wenn trotz Zölibat und unterdrückter Sexualität etc auch der damalige Papst nicht von allein darauf gekommen wäre. Dann hätten wir ein Dokument, das ganz gut passt für den Fall eines Vergehens nach dem Kirchengesetz, aber gar nicht passt wenn dies nun auf Mißbrauchsfälle angewendet wird. Und so ein Dokument scheint das Fragliche zu sein.

Zu wünschen wäre, daß von kirchlicher Seite noch einmal eine Verdeutlichung käme, daß bei Mißbrauch eben die Polizei eingeschaltet werden soll und die Verordnung nur auf Fälle bei denen kein Mißbrauch (ob von Kindern oder Frauen) angezeigt wird angewandt wird. Nach den Vorwürfen der Presse, der ich in diesem Themengebiet zunehmend skeptisch gegenüber stehe, kam ja genau das vor: Das Vertuschen von Mißbrauch unter dem Vorwand der fraglichen Verordnung.

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Sex & Papst & Zölibat

Seit in den letzten Tagen die Kindesmißbrauchsfälle bei Jesuiten und anderen katholischen Schulen (oder waren auch schon evangelische dabei?) durch die Medien gingen, hört man immer wieder interessante Vorwürfe gegen die katholische Kirche, ihre Sexualmoral und den Zölibat.

Irgendwo scheint vieles davon nicht ganz zusammenzupassen. Ich meine damit nicht Vorwürfe wie: Die Mißbrauchsfälle wurden vertuscht bzw. auffällig gewordene Priester wurden einfach versetzt ohne die neuen Vorgesetzten über das Vorgefallene zu informieren. Die Vertuschungen sind unverzeihlich, normal hätte sofort die Polizei eingeschaltet werden müssen. Es bleibt zu hoffen, das Opfer nun und in Zukunft sich gleich an die Polizei wenden, damit die Fälle aufgeklärt werden.

Was ich aber nicht ganz nachvollziehen kann ist der Vorwurf, daß die Täter sich aufgrund des Zölibats an den Kindern vergriffen haben sollen. Klar, asexuelles Leben wird heute als anormal, vielleicht sogar pervers wahrgenommen. Wer es „sich durch die Rippen schwitzen“ muß, steht wohl unter einem besonderen Druck, der sich dann dort entlädt, wo die Opfer am schwächsten sind.

Nur: Wieso vergreifen sich die Täter scheinbar immer an Kindern? Warum werden keine Fälle von Vergewaltigung erwachsener Frauen (Heterosexualität sollte in der Gesellschaft – und damit auch unter Priestern –  wohl am Meisten verbreitet sein)? Oder kennt man die Fälle noch nicht? Und was ist mit den Menschen, die keinem Zölibat unterliegen, aber trotzdem keinen Sexualpartner haben? Sind Menschen ohne Partner, die keine One-Night-Stands haben (soll es geben) auch alle potentielle Pädophile?

Und wie sieht es eigentlich mit den Zahlen aus? Wie hoch ist der Prozentsatz der durch Kindesmißbrauch auffällig gewordenen Menschen im Priesterstand, und wie ist es in der Gesamtbevölkerung? Sind es vielleicht wirklich nur Einzelfälle, die den Prozentsatz der Täter in der Gesamtbevölkerung nicht übersteigen? Das würde die katholische Kirche nicht vom Vorwurf der Vertuschung entlasten. Aber der Zölibat müßte eventuell rehabilitiert werden. Vielleicht müßte man die katholische Sexualmoral (abgesehen von der latenten Homophobie, da komm ich schlecht klar mit) insgesamt noch einmal bewerten.

Es ist immer einfach, auf das Andere einzuschlagen, doch haßt man am Anderen meist das am Meisten, was man an sich selbst nicht ausstehen kann…

Update: Ich hab grad eine Äußerung des Bistums Rottenburg-Stuttgart zu den Täterzahlen und dem Verhältnis zu der Gesamtzahl der für das Bistum Arbeitenden gefunden.