Theologie

Sympathy for the Devil

Unser Bürgerrecht ist im Himmel. Gilt das auch für ihn?
Bundesarchiv, Bild 183-S33882 / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Angenommen, wir kommen in den Himmel – und als Christen glauben wir ja daran: wen wollen wir dort treffen? Wen werden wir dort treffen? Und was, wenn wir ganz andere Leute dort treffen, als wir vermuten?

Wir leben in dieser Welt, sind Sünder, für wie gut oder besser als andere wir uns auch immer halten. Grundsätzlich haben wir kein Recht auf den Eingang in den Himmel, wir können es nicht gerechter Weise erstreiten. Gott gewährt diese Nähe zu Ihm in seiner Gnade zu uns. Verdient haben wir das nicht – keiner von uns.

Doch als Sünder die wir sind, haben wir natürlich auch ein verqueres Weltbild. Dazu gehören gewisse Vorstellungen darüber, daß es vielleicht doch Menschen gibt, die so schlimm sind oder waren, daß sie bei Gott kein Gehör finden können, keins finden dürfen, weil sie halt doch noch mal ne ganze Schippe schlimmer sind oder waren, als wir.

So denken wir. Aber müssen wir nicht auch, auf dem Weg in den Himmel, unser altes Wesen ablegen? Müssen wir nicht auch all die Lieblosigkeit ablegen, die uns hier noch bestimmt und vielleicht auch selbst bedrückt? Müssen wir nicht erst gewahr werden, daß wir Sünder sind und was für Sünder wir sind? Müssen wir nicht alle die Konsequenzen unserer Taten erkennen und sie annehmen lernen als durch unsere Schuld verursacht?

Durch eine solche Katharsis muß wohl jeder, der zu Gott kommt. Und wieso sollte jemand, der da durch ist, der die Last der eigenen Sünden gespürt hat, nicht von Gott begnadigt werden wie alle anderen auch?

In einem Gespräch mit einem griechischen Professor über die Hölle im Vergleich zwischen römischem Katholizismus und orthodoxer Theologie sagte er: Unsere Hölle ist am ehesten das Fegefeuer der Katholiken. Sie ist eher nicht ewig, sondern dient der Läuterung.

Das kann ich mir auch gut vorstellen: Wir müssen erkennen, wer wir sind, und das tut weh, sehr weh, weil es demütigt und die eigenen Ausreden zur Selbstrechtfertigung nicht mehr zuläßt. Man kann sich nichts mehr vormachen, man muß da durch. Aber dahinter, da liegt dann die Erlösung. Sobald ich meine Sündhaftigkeit erkannt habe und darunter zusammenbreche kommt Gott, und trägt mich, nimmt mir die Last ab, rechnet sie mir nicht zu. Er sagt: Du selbst willst Dich verdammen, aber ich nehme Dich an.

Wer durch diese Katharsis, dieses Fegefeuer hindurch ist, kann mir auch im Himmel begegnen.

Stell Dir vor, Du hast in Deinem Leben Millionen ermordet und einen ganzen Kontinent in Schutt und Asche gelegt. Natürlich rechtfertigst Du das vor Dir mit irgend einer kruden Ideologie von Herrenrasse oder ähnlichem. Du wirst Dir nicht eingestehen, daß Du mit Deinen Taten die mit schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen hast – würdest Du es Dir eingestehen, würdest Du zusammenbrechen, also flüchtest Du Dich in die Ideologie, die Dich dazu brachte.

Wenn Du nun aber durch die Katharsis mußt, wenn Du gezwungen bist anzuerkennen, was Du da getan hast, und es keine Ausrede mehr gibt, keine Facade, die Du aufbauen und hochhalten kannst vor anderen oder Dir selbst, wie groß muß der Schmerz sein! Unmenschlich groß, weil er durch unmenschlich großes Leid verursacht wurde.

Und dann kommt das, was immer kommt: Die Annahme dessen, das man selbst wirklich dafür verantwortlich ist mit allen Konsequenzen. Hat man selbst noch ein Recht zu leben? Nein! Wie hart ist man getroffen, wenn man selbst eingestehen muß, es wäre besser, wenn man getötet würde?

Ich denke, wer durch diese Tortur hindurch mußte, der ist geläutert, ist demütig, versucht nicht mehr, sich selbst auf Kosten anderer durchzusetzen, sondern versucht in Zulkunft zu dienen, so wie alle, die im Himmel wohnen, wie auch Gott selbst immer nur den Menschen dienen wollte, weil Er uns liebt.

Der Gedanke mag im ersten Moment furchtbar erscheinen, Menschen wie Hitler, Stalin oder Bin Laden im Himmel zu begegnen. Aber man stelle sich vor: Diese Tyrannen als geläuterte Männr, die nur danach streben, anderen zu dienen.

Unvorstellbar, nicht? Aber so ist er, der Himmel.

Theologie

Etsi deus non daretur

Im Zusammenhang mit dem neuen Berger-Buch über die historisch kritische Methode kam es zu einigen Reaktionen, vor allem katholischer Blogger (was mich etwas verwundert, daß so wenige Protestanten sich dazu äußern, aber gut, einige seiner Vorwürfe kommen ziemlich hahnebüchen daher). Ziemlich deutlich hat sich Gerd Häfner geäußert (den ich in meinem letzten Artikel zum Thema eigentlich verlinken wollte, nun das ist jetzt nachgeholt).

Jetzt hab ich aber nicht nur gute Artikel pro historisch-kritische Methode gelesen, sondern auch ein paar bedenkenswerte Anfragen an die historische Kritik.

Zuerst sei MC von „Demut Jetzt“ genannt. Er gesteht ein, daß eine Katharsis, also eine Reinigung als Ziel des Studiums durchaus sinnvoll sein könnte. Eine Katharsis, hervorgerufen durch die Zweifel, die im Studium aufkommen können. MC lehtn es jedoch ab, eine solche Katharsis selbst herbeiführen zu wollen. Sie kann natürlich, wenn sie die richtigen Menschen zur richtigen Zeit erreicht – und das wäre dann Gottes Werk und Aufgabe – dem Wachsen des Glaubens zuträglich sein. Wenn aber im Studium jeder Student systematisch dahin geführt und sich selbst überlassen wird, ist dies zu kritisieren.

Ein anderer Kritikpunkt MCs ist die Prämisse der Wissenschaft, daß es Gott nicht gäbe. (Und wenn ich es recht verstehe, stimmt ihm Damian hier zu) Mir stellt sich hier die Frage, wie denn eine Exegese etsi deus daretur (als ob Gott nicht gegeben wäre) aussehen sollte. Denn wenn Gott in die Sache hineinkomm, dann wird alles unberechenbar, denn Gott ist unberechenbar. Ist Jesus von einer Jungfrau geboren? Durchaus möglich, Gott kann alles. Aber Er kann uns auch auf die Probe stellen. Man muß schon eine ganz gewisse Vorstellung von Gott haben, damit man überhaupt etwas damit anfangen kann. Damit hat man aber ein Gottesbild und keinen Gott. Also etsi Gottesbild daretur? Wenn ich eine Vorstellung von Gott habe, dann kann ich natürlich dem Ganzen einen Sinn zuweisen. Oder ganz verschiedene Sinne, je nach Gottesbild. Aber was soll ich dann herausfinden? Ich weiß ja schon alles vorher. Dann kann ich auch aufhören mit der Forschung, Bibel lesen, beten und ein gutes, frommes Leben führen. Das ist nichts schlechtes, man kann durchaus darüber nachdenken, wozu man überhaupt Theologie betreibt. Mit der historischen Kritik könnte man zumindest herausfinden (mit einer bestimmen Wahrscheinlichkeit, nichts ist absolut sicher in der Wissenschaft), welche Gottesbilder eine Rolle spielten bei Verfassung der heiligen Texte. Was man daraus dann für sich und den eigenen Glauben herauszieht, ist eine andere Frage und hat mit der historischen Kritik auch nichts mehr zu tun.

Was das gezielte Herbeiführen der Katharsis angeht, fällt mir zuerst ein, daß diese ja nicht bei jedem vorkommt beim Studium der Theologie. Manch einer kommt ach ganz ohne größere Krisen durch. Ich hatte in meinem Studium zwar auch einige Punkte, wo ich erst einmal schluckte, und gehörig umdenken mußte, aber alles in allem warfen sie mich nicht sonderlich aus der Bahn. Dagegen erinnere ich mich daran, wie einige Erkenntnisse aus dem historisch-kritischen Methoden mir durchaus den Glauben gestärkt haben. Vielleicht hatte ich auch Glück, jedenfalls gibt es das: Theologiestudium ohne größere Glaubenskrise. Dann muß natürlich auch niemand ein Theologiestudium aufnehmen. Man studiert ja nicht mit dem Ziel, ein besserer Gläubiger zu werden oder auch nur um im Glauben zu wachsen. Man kriegt aber im Studium einiges zugemutet, was im Idealfall zu einem Wachsen im Glauben führen kann, damit man dann auch in der Lage ist, als Pfarrer zu arbeiten. Wie sollte man sonst Pfarrer werden auch für Menschen, die schon seit Jahrzehnten länger im Glauben ihren Weg gehen und schon viel mehr erlebt und gesehen haben? Man muß im Glauben reifen, um Pfarrer zu werden. Nicht jedem gelingt das im Theologiestudium, aber es muß auch nicht jeder Pfarrer werden. Problematisch ist es, wenn Menschen im Theologiestudium den Glauben verlieren, was leider auch vorkommt, aber unter all meinen Kommilitonen fällt mir keiner ein – es ist wohl auch nicht gar so häufig – und diese Menschen dann das Studium trotzdem abschließen und trotzdem Pfarrer werden, einfach um einen Beruf zu haben. Aber wie gesagt, die Zahl derer schätze ich aus meinen eigenen Beobachtungen als recht klein ein.