Allgemein

Mission

Die Mission ist ja so ein Thema, das heutzutage kaum Popularität besitzt in landeskirchlichen Kreisen. Wobei, das stimmt nicht ganz, es gab vor ner Weile mal ein paar offizielle Verlautbarungen zur Mission, daß man die als wichtig ansieht und so fort. Aber daß davon groß etwas in den Gemeinden angekommen wäre kann ich jetzt nicht sagen. Oder es ging an mir vorbei.

Das liegt wohl einerseits an der unsäglichen Geschichte der Mission. So kam es immer wieder dazu, daß Menschen zur Taufe gezwungen wurden, man spricht da auch von Schwertmission. Die Vermischung mit der politischen Ebene spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle, so hat etwa Kaiser Karl, genannt „der Große“, von den vom ihm unterworfenen Sachsen die Taufe verlangt. In dem Fall spiele eine große Rolle, daß dies die Unterwerfung unter eben jenen Kaiser bedeutete, und seine Kirche. Karl hatte übrigens einen Hoftheologen, Alkuin, der Kritik äußerte. Aber wer hört schon auf die Theologen, wenn wichtigere Interessen auf dem Spiel stehen?

Ein anderer Grund, wieso die Landeskirchen beim Thema Mission nicht ganz so im Vordergrund stehen liegt vielleicht an der Abgrenzung gegenüber evangelikaleren Richtungen. Dort führt man die Mission zumindest gefühlt ständig im Munde, und wendet es auch auf Konzepte an, die man schwerlich unterstützen würde, als Landeskirchler. Man hält sich also lieber zurück. Nichts desto trotz gibt es Missionsgesellschaften, die den Landeskirchen nahe stehen. Man schickt dort aber selten Missionare aus, um „die Heiden“ in fremden Weldteilen zu bekehren (wir haben ja auch genug Nichtchristen hierzuland), sondern betreibt eher Entwicklungshilfe.

Aber zurück zu den evangelikaleren Gruppierungen. Dort werden durchaus Missionare ausgesendet, mitunter auch mal in arabische Länder, wo diese dann zu Tode kommen, und hinter allem steht das Ziel, Jünger zu machen, also Nichtchristen (manchmal werden von den fraglichen Gruppen auch Katholiken und Orthodoxe dazugezählt) zu Christen zu machen.

Von den Konzepten solcher Gruppen las ich gerade kürlich wieder in zwei Artikeln englischer Blogs, deren Autorinnen selbst als Missionarinnen nach Südostasien gingen. Sie kennen also das Terrain. Bei Laura geht es darum, wie Missionare versuchen, an die Kinder der Leute heranzukommen, indem man ihnen eine bessere Zukunft verspricht und sie in eigene Schulen bringt, freilich ohne daß es die Eltern etwas kostet, wo die Kinder dann zu Christen erzogen werden. Lana berichtet davon, daß die Menschen Material für den Hausbau bekamen und eine Schulbildung für die Kinder, nur daß sie dafür einmal pro Woche eine einstündige Predigt hören mußten. (für alle die Englisch können sind beide Blogs übrigens sehr zu empfehlen)

Es entspann sich vor allem bei Laura eine Diskussion darüber, ob und inwieweit das okay sei, sich so auf die Kinder einzuschießen.

Die eine Seite (zu der auch ich gehöre) hatte ein Problem damit, daß die Kinder indoktriniert werden und die Eltern entmündigt. Und daß das Evangelium quasi Handelsware, ja noch schlimmer, Bürde wurde. Das Evangelium wurde zu dem Frosch, den die Leute schlucken mußten, wenn sie Hilfe bekommen wollten.

Die andere Seite pochte auf den Missionsbefehl und daß die Menschen verloren wären, wenn sie nicht das Evangelium hörten und sich bekehrten. Stünde doch ganz klar in der Bibel.

In der Diskussion habe ich mich zum ersten Mal seit längerem mit dem Thema Mission auseinandergesetzt und reflektiert, wie ich Mission gut fände.

Ausgehend von der Situation, die in den Artikeln beschrieben wird: Arme Menschen, die teilweise hungern und um Hilfe bitten, bin ich der Meinung, daß das erste, was ein Christenmensch tun sollte ist, Hilfe zu bieten.

Die Hungrigen speisen, die Kranken pflegen. Diese Dinge, also alles, was wir unter Diakonie fassen würden, aber nicht nur institutionalisiert wie hier in Deutschland, sondern auch konkret dem gegenüber, der an die Tür klopft.

Das geschieht nach Aussage von Lana und Laura auch. Aber: Ich denke, das sollte man tun, ohne darauf zu schlielen, wann man jetzt seinen Sermon von der Heilstat Jesu ablassen kann um den Hilfesuchenden vor die Wahl zu stellen: Bekennst Du nun Christum als Deinen Herrn?

Was würde der Hilfesuchende wohl tun? Mit den Lippen bekennen, weil man vielleicht irgendwann wieder Hunger hat und sich nicht die Chance verbauen will, noch einmal Hilfe zu bekommen? Wohl möglich. Oder ehrlich sein sich zum Buddhismus bekennen? Was sollte das nützen? (Womöglich sieht man das mit der Verleugnung der eigenen Religion im Buddhismus auch gar nicht als so schlimm an wie wir im Christentum, aber das weiß ich nicht)

Es besteht also eine wunderbar hohe Chance, daß die Angesprochenen, alleine um konform zu sein und nicht anzuecken, mitspielen. Zumindest, so lange sie sich davon etwas versprechen.

Eien Kommentatorin mit Namen Anna hat bei Laura davon berichtet, daß Jugendprojekte ganz schnell wieder einbrechen und Lana berichtete wo anders davon, daß in Südostasien die Gemeinden oftmals praktisch aufhören zu existieren, wenn die westlichen Missionare wieder verschwinden und das Christentum keinen materiellen Vorteil mehr bringt.

Deshalb denke ich, auch wenn mir mehrfach entgegengehalten wurde, daß wir das Evangelium verkünden müssen, daß in den Situationen, wo jemand zu uns kommt und um Hilfe bittet, es unsere Pflicht und Schuldigkeit als Christen ist, diesem Kind Gottes zu helfen so gut wir können, ohne zu versuchen einen Profit für uns dabei rauszuschlagen, indem wir anfangen zu evangelisieren. Denn damit ziehen wir die Liebe in Zweifel, die wir eigentlich zeigen wollen und sollen. Sie verkommt zum Lockangebot in einem Kuhhandel: Ich geb Dir essen und Du singst meine Kirchenlieder. Nein! Wer Hilfe sucht soll Hilfe bekommen, ohne seien Religion wechseln zu müssen oder auch nur mit der Frage danach konfrontiert zu werden!

Das bedeutet nicht, daß man nicht verkündigen soll. Was spricht dagegen, jeden Tag einen Gottesdienst zu feiern und jeden, der sich interessiert, zu empfangen? Was spricht dagegen, wenn der Hilfesuchende danach fragt, wieso man diese Hilfe gewährt (vielleicht auch schon über längere Zeit), auf Christus zu verweisen? Steht nicht Christus und Seine Liebe hinter jeder Hilfe, die wir Christen geben? Aber eben: Kein langer Sermon, einfache Antworten auf einfache Fragen. Die Fragen werden kommen, man muß geduldig sein. Und dann liegt es an Gott, einem die richtigen, kurzen Antworten zu geben und das Interesse zu wecken, daß der Betreffende vielleicht irgendwann auch im Gottesdienst oder einer Bibelstunde erscheint. Nicht, weil er irgendwleche Konformitäten erfüllen will oder gar genötigt wurde, sondern weil er selbst es will und sich selbst interessiert.

Das bedeutet sicherlich viel mehr Aufwand. Und viel mehr Unsicherheit. Aber wie viel Sicherheit hat man denn, wenn man jedem gleich das Evangelium um die Ohren haut, der nicht schnell genug davonkam? Man kann sich vielleicht einreden, alles getan zu haben, was man konnte. So nach dem Motto: Gott kann mir nichts vorwerfen, ich hab getan was geht, um Jünger zu machen. Das wäre erstens ein werkgerechter Ansatz (was schon per se wenig evangelisch und damit wohl auch nicht evangelikal wäre) und zweitens erinnert es ein wenig an den Pharisäer im Tempel, der meint, er sei nicht so schlecht wie der Zöllner, der ja gar kein guter Mensch sein könnte…

Christus sagte uns, wir sollten Jünger machen, Er sagte nicht, daß wir dazu kurz das Evangelium umreißen sollen und dann hoffen, daß das schon irgendwie genug sei. Was er aber auch forderte war Liebe für den Nächsten und selbst für den Feind. Das tut sonst keiner und wird auch immer wieder in Gesprächen mit Atheisten als Punkt vorgebracht, der absolut unsinnig sei. Ja, für Atheisten muß das wohl so aussehen. Aber genau deshalb wird es auch irgendwann Fragen provozieren.

Wenn man ein Stück Land bearbeiten will, kann man ja auch nicht einfach die Samenkörner zwischen die Hecken werfen. Das heißt, man kann schon, aber der Ertrag wird geringer sein, als wenn man das Land erst einmal rohdet, die Steine entfernt, pflügt, also quasi: Es urbar macht. Ich denke so muß man auch die Menschen erst einmal auf das Evangelium vorbereiten. Und meine Überzeugung ist, daß dies eben durch Liebesdienste geschieht, die eben nicht danach fragen, wie die Situation nun ausgenutzt werden kann, um das Evangelium anzubringen (vordergründig, um Gott einen Gefallen zu tun, hintergründig dann vielleicht doch eher: um sich selbst besser zu fühlen. Als ob Gott unter Zeitdruck stünde udn Ihm nicht andere Personen zur Verfügung stünden, um dem Menschen das Evangelium zu bringen).

Man muß dabei ein wenig mehr Spannugn aushalten. Denn wenn man möglichst früh den Sermon abläßt, steht es danach eben bei Gott, man hat selbst erst einmal seinen Teil getan. Wenn man auf Fragen wartet, dann muß man sich so lange auch zurückhalten, muß darauf warten, daß Gott in dem Menschen das Interesse weckt. So lange kann man „die Sache“ auch nicht abhaken und zum nächsten gehen. Das ist sicher anstrengender. Aber ich vermute, es ist erfolgversprechender. Und es nähme der Mission vielleicht auch nach und nach ihr negatives Image, was dann bedeuten würde, daß auch mehr Menschen diese Anstrengungen unterstützen.

Das Wort zum Tag

Tageslosung vom Samstag, den 23. März 2013

Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil.
2.Mose 15,2

Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten.
Lukas 19,37

TL233

Wie Benny ja gestern schon schrieb, soll der Vers aus dem Neuen Testament den Vers aus dem Alten Testament erklären. An dieser Stelle jedoch wirkt der erklärende NT-Vers bei genauerem Hinsehen etwas unglücklich gewählt. Vergleicht man die Kontexte, so fällt auf, dass im 2. Mose, 15,2 über die Rettung durch den Tod der Feinde gejubelt wird. Im Lukasevangelium dagegen wird über die Taten gejubelt, die die Jünger gesehen haben. Diese Taten hatten aber doch nicht mit dem Tod der Feinde zu tun.

Mit dem Tod der Feinde nicht. Aber mit dem Tod des einen Feindes. Die Taten, von denen im Lukasevangelium und den anderen Evangelien berichtet wird, deuten schon darauf hin, worauf das Leben und Sterben Jesu hinauslaufen wird: Auf den Sieg über den einen Feind, die Sünde.

Oder auch den Teufel. Luther spricht ja oft von „Sünde, Tod und Teufel“ in einem Atemzug, benutzt sie quasi synonym. Vielleicht sowas wie ne Trinität des Bösen?

Und darum geht es in beiden Texten. Liest man das 2. Mosebuch allein, so sieht man vor allem den Konflikt zwischen den Kindern Israel und Pharao. Auf den ersten Blick ein Konflikt wie viele andere, in dem eine Seite am Ende als Sieger hervorgeht, es viel Leid gibt und auch einige das Leben lassen. Klar, es spielt auch Gott mit (genauer genommen mehrere Götter, denn die Pharaonen wurden von den Ägyptern auch als Götter verehrt) und kommen Wunder vor, aber wenn man sich die Homers Ilias ansieht spielen dort die Götter beim Kampf um Troja auch mit. Soweit, so normal.

Versteht man die Geschichte aber im Kontext des Lukasverses, in dem die Freude über den Sieg über die bösen Mächte zum Ausdruck kommt, kriegt die Niederlage Pharaos eine neue Perspektive: Pharao und sein Heer war hier auch eine lebensfeindliche Macht, die die Israeliten bedrückte (und neben diesen wohl noch andere, Ägypten war immerhin Großmacht). Gott hat dieser Bedrückung ein Ende gesetzt, ebenso wie Jesus durch Heilungen und Exorzismen Bedrückungen beendet hat. Es geht in beiden Fällen um das befreiende Handeln Gottes. Bei Moses geht es nicht darum, dass die Ägypter in den Fluten des Meeres ertranken, sondern um die Freude, ihnen entkommen zu sein – durch Gottes Hilfe. Die Freude darüber, dass Gott die lebensfeindlichen Umstände, in welchen wir leben, bekämpft, gegen sie angeht, und das mit Erfolg. Stetig und immer wieder. Auch heute.

Auch heute? In den Kommentaren ist Platz für Berichte darüber, wie Gott auch heute noch das Lebensfeindliche bekämpft, und somit Lob und Jubel provoziert. Das ist Euer Part.

TL233A

glaube

Die Sturmstillung – Wie Jüngersein aussehen kann II

Gestern habe ich ja bereits über das Gespräch, das der Erzählung von der Sturmstillung vorangeht, geschrieben. Heute wende ich mich nun der Erzählung von der Sturmstillung zu.

Sie beginnt damit, dass gesagt wird, Jesus steigt in das Boot und seine Jünger folgen ihm. Es wird hier also direkt an V. 18 angeknüpft. Das Gespräch, über das ich gestern geschrieben habe, scheint wirklich nur einen kurzen Moment zwischen „Los, lasst uns ans andere Ufer fahren“ und dem Beginn der Umsetzung des Planes zu umfassen. Nichts spricht dafür, dass sich die Szenerie zwischen V. 18 und 23 verändert hat. Man kann also davon ausgehen, dass die beteiligten Personen noch die gleichen sind wie zuvor.

Das bedeutet: Auch der Jünger, dem Jesus aufgetragen hat, ihm nachzufolgen, ist noch dort. Ich werde ihn im weiteren Text Unbekannter Petrus nennen. Warum, wird sich noch herausstellen. In der Aufforderung Jesu an den Jünger in V. 22 wird das gleiche Verb benutzt wie in V. 23, als beschrieben wird, dass die Jünger Jesus ins Boot folgen, nur in einer anderen Form. Es wird auch mit keiner Silbe gesagt, dass der Unbekannte Petrus der Aufforderung Jesu nicht gefolgt wäre. Wenn sich an anderen Stellen Menschen von Jesus abwenden, wird dies auch festgehalten. Das alles spricht dafür, dass auch der Unbekannte Petrus ins Boot gestiegen ist. Das wiederum bedeutet, dass er der Aufforderung Jesu nachgekommen ist und seinen Vater tatsächlich zurückgelassen hat, d.h. er hat die Sicherheit seiner Familie verlassen und ist genau das Risiko eingegangen, das in V. 20 beschrieben wird: Er wird nun das Los Jesu teilen, anders als Fuchs und Vogel keinen festen Rückzugsort zu haben. Eine solche Entscheidung trifft man, glaube ich, nicht ohne sehr großes Vertrauen in Jesus. Er ist uns hier ein Beispiel für großes Vertrauen in Jesus und große Leidenschaft für Jesus. Hierin gleicht er finde ich Petrus, der ja auch alles hinter sich ließ und Jesus leidenschaftlich folgte.

Dann folgt die Erzählung von der Sturmstillung. Das Boot läuft voll Wasser – und Jesus liegt im Boot und schläft. Er, der kurz vorher noch sagte, er hat keinen Ort, wo er sein Haupt niederlegen kann, hat sein Haupt niedergelegt. Doch der vorige Vergleich mit Vögeln und Füchsen zeigte ja schon: Es ging bei den Worten nicht darum, dass er nie zur Ruhe kommt, sondern darum, dass er auf Erden keinen Platz hat, an den er dauerhaft zurückkehrt, sondern ohne feste Behausung lebt.

Die Jünger erfasst bei dem Sturm Angst. Obgleich einige erfahrene Fischer unter ihnen sind, bekommen sie das Boot nicht unter Kontrolle. Sie wecken Jesus mit den Worten:
Herr, hilf uns, wir gehen unter! Alle haben Angst – alle werden von Jesus anschließend als „Kleingläubige“ bezeichnet. Einschließlich Unbekannter Petrus. Auch er, der doch kurz zuvor noch als so ein leidenschaftlicher Jünger gezeichnet wird, sich durch so großen Glauben ausgezeichnet hat, wird „Kleingläubiger“ genannt. An ihm, dem Unbekannten Petrus, dem Namenlosen, wird gezeigt, dass das Leben eines Jüngers immer zwischen diesen beiden Polen stattfindet – leidenschaftliche Risikobereitschaft einerseits, furchtvolles Verzagen andererseits. Später wird dieselbe Spannung ebenso deutlich an Petrus gezeigt werden. Doch zuerst wird sie an diesem namenlosen Jünger gezeigt, den ich deshalb Unbekannter Petrus nenne.

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Die Sturmstillung – Wie Jüngersein aussehen kann I

Schon vor einigen Jahren begann mich die Erzählung von der Sturmstillung bei Matthäus zu faszinieren. Da mir leider grade die Zeit fehlt, einen einzigen langen Artikel zu schreiben, möchte ich meine Gedanken in mehreren kurzen Artikeln mal formulieren. Hier erstmal der Text:

8 Als Jesus sich dann wieder von großen Volksscharen umgeben sah, befahl er, an das jenseitige Ufer des Sees hinüberzufahren. 19 Da trat ein Schriftgelehrter an ihn heran mit den Worten: »Meister, ich will dir folgen, wohin du auch gehst!« 20 Jesus antwortete ihm: »Die Füchse haben Gruben und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keine Stätte, wo er sein Haupt hinlegen kann.« – 21 Ein anderer von seinen Jüngern (= Schülern, Anhängern) sagte zu ihm: »Herr, erlaube mir, zuerst noch hinzugehen und meinen Vater zu begraben!« 22 Jesus aber antwortete ihm: »Folge du mir nach, und überlaß es den Toten (d.h. den geistlich Toten), ihre Toten zu begraben!«

23 Jesus stieg dann ins Boot, und seine Jünger folgten ihm. 24 Da erhob sich (plötzlich) ein heftiger Sturm auf dem See, so daß das Boot von den Wellen bedeckt (= überflutet) wurde; er selbst aber schlief. 25 Da traten sie an ihn heran und weckten ihn mit den Worten: »Herr, hilf uns: wir gehen unter!« 26 Er aber antwortete ihnen: »Was seid ihr so furchtsam, ihr Kleingläubigen!« Dann stand er auf und bedrohte die Winde und den See; da trat völlige Windstille ein. 27 Die Leute aber verwunderten sich und sagten: »Was ist das für ein Mann, daß sogar die Winde und der See ihm gehorsam sind!«
An der Textauswahl habt ihr bestimmt schon gesehen, dass ich mehr Text zur Sturmstillung rechne, als z.B. die übliche Perikopenordnung vorsieht. Diese beginnt die Geschichte mit der Sturmstillung nämlich bei V. 18. Die Geschichte beginnt jedoch viel früher, nämlich bereits in V. 18: Hier erteilt Jesus den Auftrag, ans andere Ufer zu fahren, er ist der Einleitungsteil zu V. 23. In den Versen dazwischen werden Gespräche von Jesus mit zwei Personen geschildert. Dieses Gespräch wird üblicherweise unabhängig von der Sturmstillung betrachtet. Ich glaube, man nimmt beiden Erzählungen dadurch einiges an Aussagekraft.
Zunächst zur Einleitung, dem Gespräch mit den zwei Personen. Es vermittelt Wichtiges darüber, was „Jesus nachfolgen“ bedeutet. Der erste, mit dem Jesus spricht, ist ein Schriftgelehrter, der ankündigt, Jesus überall hin folgen zu wollen. Jesus verwehrt es ihm nicht, lässt ihn aber auch nicht über die Folgen im Unklaren: Das, was selbst Tiere haben, einen dauerhaften Rückzugsort, wo sie Kraft schöpfen können, ist ihm und denen, die ihm nachfolgen, verwehrt. Mich beeindruckt hier, dass dem Schriftgelehrten keinerlei Hoffnungen auf ein behütetes, sorgenfreies Leben gemacht werden. Deutlich wird gesagt: Folgst du Jesus, verlässt du deine sicheren Rückzugsorte auf Erden. Auf diesen Punkt wird später noch zurückzukommen sein.
Die zweite Person, die Jesus anspricht, ist bereits ein Jünger. Er will Jesus jetzt nachfolgen und dazu auch seine Familie verlassen. Offenkundig kannte schon Matthäus zwei Arten von Jüngern: Die einen waren die „klassischen“ Jünger, wie z.B. die 12: Menschen, die Jesus physisch nachgefolgt sind, mit ihm sein Wanderleben geteilt haben. Doch daneben hat es offenbar schon andere gegeben, die sesshaft bei ihren Familien lebten, sich aber bereits durch irgendwas so von anderen unterschieden haben, dass sie, wie die zuerst beschriebenen Jünger, als Jünger bezeichnet wurden. Dies steht in starkem Kontrast zu dem negativen Bild, das Matthäus sonst von Familie und Jüngerdasein zeichnet (Vgl. Mt 10, 35 ff). Dennoch zeigt diese kurze Episode: Es gab verschiedene Arten von Jüngern, doch es wurde von der Begrifflichkeit her nicht in „Jünger 1. und 2. Klasse“ unterschieden. Alle gelten gleichberechtigt als Jünger.
Doch dann kam der Punkt, an dem der Jünger sein Leben verändern wollte. Alles, was wir über ihn sonst noch erfahren ist, dass sein Vater vor kurzem verstarb. Möglich, dass es genau diese Veränderung war, die dazu führte, dass er im Bezug auf sein Jüngerdasein etwas verändern wollte. Eine einzige Einschränkung macht er noch: Er will zuvor seinen Vater begraben, ehe er sein Leben radikal verändert. Jesus aber sagt: Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber folge mir nach. Diesen Jünger fordert Jesus also auf, sofort mit ihm zu kommen, nachdem er selbst – mit Einschränkung – zugesagt hat, mit ihm zu ziehen.
Hier sieht man einen deutlichen Unterschied zum Schriftgelehrten: Der kannte vielleicht die Lehren von Jesus, und war auch bereit, ihn als Lehrer anzunehmen, wie die Anrede „Meister“ zeigt. Doch in Bezug auf das Leben, das ihn erwartet, ist er offenkundig noch ahnungslos. Deshalb verwehrt Jesus ihm zwar nicht, ihm zu folgen, macht ihm aber deutlich, was die Konsequenzen sind. Bei dem Jünger sieht das anders aus. Ihm muss offenbar nicht mehr gesagt werden, was ihn in der Zukunft an der Seite Jesu erwartet. Doch noch lässt er sich von seiner Vergangenheit bestimmen, statt voll und ganz auf Jesus zu setzen. Erst die Vergangenheit regeln – dann Jesus folgen. Doch Jesus sagt: Lasse die Vergangenheit hinter dir. Folge mir nach.
Der Jünger wird sich bei seiner Familie nicht mehr sehen lassen können, wenn er seinen Vater unbestattet zurücklässt. Doch Jesus folgen kann eben auch heißen, Vertrautes entgültig hinter sich zu lassen. Der Jünger bekommt hier eine erste Ahnung davon, was es heißt, wenn Jesus sagt: „Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann“.