Das Wort zum Tag

Tageslosung vom Freitag, den 29. März 2013

Mein Herz hält dir vor dein Wort: »Ihr sollt mein Antlitz suchen.« Darum suche ich auch, HERR, dein Antlitz.
Psalm 27,8

Jesus kam heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Seht, welch ein Mensch!
Johannes 19,5

Es ist Karfreitag, Todestag des Herrn, und die Tageslosung handelt davon, des Herrn Antlitz zu suchen. Und der Lehrtext weist auf das Antlitz hin: Das eines geschundenen und gedemütigten Menschen.

Denn spätestens seit Mel Gibsons „Passion“ wissen wir, was vor der Dornenkrone kam: Die Züchtigung, die Folter. Gibson stellte es sehr explizit dar, wofür er stark kritisiert wurde. Im Johannesevangelium steht denn auch nur kurz, daß Jesus gegeißelt wurde (Joh 19,1) und daß die Soldaten ihn verhöhnten und schlugen (Joh 19,3). Man kann es fast überlesen. Ich habe über die Jahre gelernt, Gibsons Film dafür wertzuschätzen, zu zeigen, was man sonst schnell überliest: Das körperliche Leid, das Jesus in diesen Stunden widerfuhr.

Der Psalmbeter des 27. Psalms erhofft sich von Gott Rettung, Hilfe, Schutz. Deshalb will er das Antlitz Gottes suchen. Was wird er denken, wenn sich Gott ihm offenbart als Jesus, als der geschlagene, blutüberströmte Mann, der kurz vor der Hinrichtung am Kreuz steht? Für den es noch weniger Hoffnung gibt als für den Psalmbeter selbst?

Enttäuscht wird er sein. Und enttäuscht waren auch die Jünger.

Jesus war überwunden. Er war tot. Es bestand für Ihn keine Hoffnung, und auch anderen konnte Er keine Hoffnung mehr geben. Wer immer sich zu der Zeit an Gott gewandt hat in der Not, hätte er Gott gesehen, wär er in Verzweiflung gefallen: Gott ist tot. Damit ist kein Schutz, keine Hilfe mehr zu erwarten, muß jeder danach sehen, wo er bleibt.

Damit ist das Chaos ausgebrochen, halten nur noch gesellschaftliche Konventionen einen Rest Ordnung aufrecht, so lange, bis die ersten vor den Konventionen nicht mehr zurückschrecken.

Chaos, Unordnung. Recht des Stärkeren.

Nach all den Ereignissen des Karfreitags lautet die Moral von der Geschicht: Sei einer der Stärkeren, wenn Du bestehen willst.

So steht dann jeder gegen jeden. Chaos.

Gesellschaft

Der fundamentale Attributionsfehler

Grad hab ich dazu nen Artikel bei Experimental Theology gelesen. Es geht um den fundamentalen Attributionsfehler. In dem Artikel wird er in etwa so beschrieben: Ich seh mir Deinen Arbeitsethos an und ziehe den Schluß, daß Du faul bist. Die Faulheit ist dabei Teil Deiner Person, Du kannst eigentlich nichts dazu, Du bist einfach ein fauler Hund.

Der Artikel spricht dann darüber, wie der Mensch eher dazu neigt, Fehler welcher Art auch immer in Individuen zu suchen, als das System dafür verantwortlich zu machen. Und das au einem einfachen Grund: Es ist schneller und einfacher, Außenseiter, Nonkonformisten oder einfach auch Schwache und Sündenböcke zu benennen und auszugrenzen. Jedenfalls einfacher als ein ganzes System zu analysieren und zu verändern. Am Ende muß ich mich vielleicht gar selbst ändern. Dann doch lieber den Sündenbock beschuldigen.

Im genannten Artikel wird schon auf die Armen in kapitalistischen Systemen Bezug genommen und darauf, wie sie oftmals so dargestellt werden, als seien sie an ihrer Situation selbst schuld. Angesichts Hartz IV leuchtet mir das sofort ein: Sozialleistungsempfänger sollen nicht rauchen, nicht in die Oper oder zum Friseur gehen, Kleidung vielleicht grad mal beim Discounter beziehen und am Besten auch sonst von Brot und Wasser leben, sie sind ja selbst schuld. Ihre Kinder brauchen kein Abitur oder gar Studium, die sollen mal arbeiten gehen usw usw. Es gibt ja tausend Beispiele zu den alltäglichen Gängelungen und Einschränkungen.

Was aber, wenn nicht die Leute Schuld an ihrer Arbeitslosigkeit sind, wenn sie nicht einfach nur fauler, unflexibler oder was weiß ich sind, sondern das Problem am System liegt. Meinetwegen schlechte Schulbildung, was auch immer. Dann würden sie zu Unrecht beschuldigt werden.

Jedenfalls kann man davon ausgehen, daß sie unter ihrer Situation leiden. Sie leiden unter einem ungerechten System, das ihnen einen Platz zugewiesen hat, der nicht angenehm ist. Ich frage mich: Könnte man dieses System mit der Sünde vergleichen? Erst mal ganz platt: Beides ist schlecht.

Dann aber auch: Beides unterdrückt die Leute. Auch diejenigen, die noch Arbeit haben, fürchten den Abstieg, wollen sich als umso tatkräftiger erweisen, und das wird von anderen wieder ausgenutzt, die als tatkräftige Vorgesetzte dastehen wollen. Die Abstiegsangst gibt es ja nicht nur unten. Von oben fällt man tiefer. Und beide Systeme können, das ist jetzt vielleicht etwas ungenauer, durch persönliche Verbindungen geknackt werden. Sünden können vergeben werden, danach ist Freundschaft möglich. Und Arbeitslosigkeit oder das Stigma der Faulheit kann überwunden werden, wenn man diejenigen kennt, wenn man weiß, daß es keine Schmarotzer sind, sondern Leute wie Du und ich, die mit ihren Problemen kämpfen und noch schlechter dastehen.

Christus befreite uns von der Sünde. Sein Mittel dazu war die Liebe nicht nur zum Nächsten, sondern auch zum Feind:

Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. (Lk 23, 33.34)

Und:

Und siehe, einer von denen, die bei Jesus waren, streckte die Hand aus und zog sein Schwert und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm ein Ohr ab. Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen. Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte? (Mt 26, 51-53)

Er suchte keinen Sündenbock, sondern nahm alle in Liebe an, die in der Gesellschaft verstoßen waren. Er veränderte das System nicht, Er etablierte ein neues System, ein besseres System und lebte es ohne wenn und aber vor. Er wich von den Prinzipien Seines Alternativsystems nicht einmal ab, als es Ihm ans Leben ging.

Die Bedrückung durch Ausgrenzung der Menschen (etwa durch Hartz IV) ist real. Fast jeder kann das irgendwo nachvollziehen, wenn nicht am Beispiel von Hartz IV, dann an anderen Beispielen, die in seinem Lebensumfeld eher vorkommen. Fast immer, so meine ich, liegt das Problem weniger etwa in Hartz IV oder anderen Vorkommnissen, die uns das Leben schwer machen, sondern in der Ausgrenzung durch unsere Mitmenschen, die durch Attributionsfeher entsteht. Man meint, der Mensch sei in irgend einer Weise schlecht, obwohl er vielleicht ganz liebenswert ist.

Im Evangelium geht es nach meiner Überzeugung genau um die Durchbrechung dieses Problems. Wenn die Kirche dazu übergeht, das Evangelium von dieser Seite her zu lehren, und auf die alten Sündenbegriffe verzichtet, kann sie vielleicht von den Menschen wieder verstanden werden. Dann wird die Relevanz des Evangeliums für den heutigen Menschen und die Erlösungsnotwendigkeit wieder klar. Denn in unserer heutigen Welt, wo Sünder sein bedeutet, daß man moralisch fragwürdig ist, sieht sich niemand gerne als Sünder. Wenn aber klar wird, daß damit gemeint ist, unter einem System zu leiden, das einen ausgrenzt, ist man vielleicht eher geneigt zuzuhören. Und am Ende vielleicht auch zum Alternativsystem zu wechseln, das Jesus damals etabliert hat.

English, Jesus and Mo explained

Ticket to Zürich

by jesusandmo.net licensed under CreativeCommoms 3.0

Euthanasia is bad, but Jesus dying on the cross is good. This is the starting point for this comic. Mo draws a line from assisted suicide to Jesus knowingly going into death through people „helping“ him to do so for his own purposes. So he can claim that Christianity would be based on assisted suicide.

The mistake Mo is making here is that Jesus is God and not just any human being. And many Christians do believe that God is the only one who has the right to take life, as He is the one who gives life in the first place. So if He commits suicide Himself, this’d be no problem, as He is Lord. This isn’t just a pious saying.

There’s another mistake, but it is not made by Mo but by Jesus himself: The Jesus of the bible led a just life and was finally brought to death by the powers of His time. His death was not someting He was seeking. He did not buy a one way ticket to Jerusalem. His death was a consequence of the way he lived, a consequence of challenging the authorities.

A Jesus of our time would not just buy a ticket to Zürich, where assisted suicide is legal. He’d be sent to Zürich by those who want to see Him dead. He wouldn’t want to die, like the Jesus of the bible didn’t want to die, which you can read in the synoptic gospels:

And he went a little farther, and fell on his face, and prayed, saying, O my Father, if it be possible, let this cup pass from me: nevertheless not as I will, but as thou wilt. (Mt 26:39)

And he said, Abba, Father, all things are possible unto thee; take away this cup from me: nevertheless not what I will, but what thou wilt. (Mk 14:36)

Saying, Father, if thou be willing, remove this cup from me: nevertheless not my will, but thine, be done. (Lk 22:42)

A Jesus of our days wouldn’t commit suicide as the original Jesus didn’t. He was murdered, altthough seeing it coming. Today, maybe the authorities would maybe try to send Jesus to Zürich, but then again murder is illegal even in Zürich, and Jesus would have to consent, which He woudn’t do, as we have seen. On the other hand, today’s authorities would not take the effort of buying a ticket to any place, they’d try to get rid of him then and there, as the authorities did back then. Of course they wouldn’t succeed in getting rid of Him, like they didn’t back then. 😉

Das Wort zum Tag

Tageslosung vom Samstag, den 23. März 2013

Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil.
2.Mose 15,2

Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten.
Lukas 19,37

TL233

Wie Benny ja gestern schon schrieb, soll der Vers aus dem Neuen Testament den Vers aus dem Alten Testament erklären. An dieser Stelle jedoch wirkt der erklärende NT-Vers bei genauerem Hinsehen etwas unglücklich gewählt. Vergleicht man die Kontexte, so fällt auf, dass im 2. Mose, 15,2 über die Rettung durch den Tod der Feinde gejubelt wird. Im Lukasevangelium dagegen wird über die Taten gejubelt, die die Jünger gesehen haben. Diese Taten hatten aber doch nicht mit dem Tod der Feinde zu tun.

Mit dem Tod der Feinde nicht. Aber mit dem Tod des einen Feindes. Die Taten, von denen im Lukasevangelium und den anderen Evangelien berichtet wird, deuten schon darauf hin, worauf das Leben und Sterben Jesu hinauslaufen wird: Auf den Sieg über den einen Feind, die Sünde.

Oder auch den Teufel. Luther spricht ja oft von „Sünde, Tod und Teufel“ in einem Atemzug, benutzt sie quasi synonym. Vielleicht sowas wie ne Trinität des Bösen?

Und darum geht es in beiden Texten. Liest man das 2. Mosebuch allein, so sieht man vor allem den Konflikt zwischen den Kindern Israel und Pharao. Auf den ersten Blick ein Konflikt wie viele andere, in dem eine Seite am Ende als Sieger hervorgeht, es viel Leid gibt und auch einige das Leben lassen. Klar, es spielt auch Gott mit (genauer genommen mehrere Götter, denn die Pharaonen wurden von den Ägyptern auch als Götter verehrt) und kommen Wunder vor, aber wenn man sich die Homers Ilias ansieht spielen dort die Götter beim Kampf um Troja auch mit. Soweit, so normal.

Versteht man die Geschichte aber im Kontext des Lukasverses, in dem die Freude über den Sieg über die bösen Mächte zum Ausdruck kommt, kriegt die Niederlage Pharaos eine neue Perspektive: Pharao und sein Heer war hier auch eine lebensfeindliche Macht, die die Israeliten bedrückte (und neben diesen wohl noch andere, Ägypten war immerhin Großmacht). Gott hat dieser Bedrückung ein Ende gesetzt, ebenso wie Jesus durch Heilungen und Exorzismen Bedrückungen beendet hat. Es geht in beiden Fällen um das befreiende Handeln Gottes. Bei Moses geht es nicht darum, dass die Ägypter in den Fluten des Meeres ertranken, sondern um die Freude, ihnen entkommen zu sein – durch Gottes Hilfe. Die Freude darüber, dass Gott die lebensfeindlichen Umstände, in welchen wir leben, bekämpft, gegen sie angeht, und das mit Erfolg. Stetig und immer wieder. Auch heute.

Auch heute? In den Kommentaren ist Platz für Berichte darüber, wie Gott auch heute noch das Lebensfeindliche bekämpft, und somit Lob und Jubel provoziert. Das ist Euer Part.

TL233A

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Netzfunde vom Donnerstag, den 28. Februar 2013

Peter hat in der WA nen Lutherspruch ausgegraben, der ganz gut passt als Absage an allen Biblizismus. Nicht an den Buchstaben halten, sondern an den Geist!

Bei Get Religion geht es um die Frage, wieso der Papst immer so alt ist und um Reporter, die offensichtlich kaum Ahnung von Kirche haben und trotzdem alles schreiben können, was sie für richtig halten. Man stelle sich vor ein Journalist würde behaupten, das Bundespräsidentenamt würde ausgependelt. Lächerlich? Schon, aber was ist es dann, wenn einer schreibt, Katholiken würden an die Göttlichkeit des Papstes glauben? So, und bevor ich jetzt zum Rant über den Spiegel und die Glaubens- und Kirchenthemen darin ansetze, wechsle ich lieber das Thema.

Ein schöneres Thema findet sich bei Bigi, die davon schreibt, wie Gott ihr in ihrem Leben geholfen hat.

Um Hausverwaltungen, Camus und Nietzsche geht es bei „Die Wahrheit über die Wahrheit“.

Bei „Experimental Theology“ geht es um Martyns Kommentar zum Galaterbrief, wenn ich es richtig sehe gehört der zur Reihe Anchor Bible Commentary. Interessant ist, daß Martyn wohl den Fokus auf den Befreiungsaspekt des Kreuszesgeschehens lenkt, also weniger Gerechtigkeit durch Glauben, mehr Christus Victor. Hört sich jedenfalls interessant an.

Und ebenfalls bei „Experimental Theology“ gibt es ein Gebet des Ordens von Mutter Theresa.

Bei Lana geht es um den Feminismus, und während ich ihr in all ihren Punkten zustimmen kann, würde ich da weniger den Begriff des Feminismus gebrauchen. Denn Feminismus bedeutet für mich, daß ich als Mann Aggressor bin. Feminismus bedeutet für mich, daß ich IMMER Täter bin und die Frau IMMER Opfer. Feminismus bedeutet für mich, daß eine Alice Schwarzer die Wahl von Merkel gutheißt, aus dem einfachen Grund, daß Merkel keinen Penis hat. Solch ein Feminismus sricht mich nicht an und kann mich nicht ansprechen. Das ist jedoch das, was ich bisher am Meisten mit „Feminismus“ in Verbindung gebracht habe. Das, was Lana beschreibt, ist Gleichberechtigung oder Chancengleichheit, Gerechtigkeit. Und ich bin wie gesagt voll auf ihrer Seite. Aber den Begriff „Feminismus“ lehne ich ab. Da kann ich nicht mitgehen.

Bei Ameleo geht es um die Pfarrei-Initiative und einen fiktiven Antwortbrief. Ich fände so einen Brief auch erfrischend, nicht nur von katholischen Bischöfen. Sowas könnte durchaus auch als Ansatzpunkt gelten zur Stärkung des Priestertums der Gläubigen (wobei da dann die Katholiken wohl nicht mehr mitspielen können).

Bei „Fire and Rain“ kann man erfahren, daß es durchaus Stadtteile in Deutschland gibt, die Farbkonzepte für Neubaugebiete erarbeiten, aber keine Konzepte zur Kinderbetreuung.

Und Eric Djebe hat innerhalb seines Basisdiskurses Religion ne Reihe zu Wundern gestartet. Besonders den zweiten Teil finde ich interessant, in dem es darum geht, daß wir nicht mehr auf dem Stand der Wissenschaft sind, wenn wir davon ausgehen, daß die Welt wie ein großes Uhrwerk ist, das wir nur noch verstehen lernen müssen. Wahnsinnig spannend, und hoffentlich kommt da noch mehr, denn Erkenntnistheorie ist ein Gebiet, auf dem ich mich nicht sonderlich auskenne, das ich aber recht spannend finde, auch in Hinblick darauf, wie intellektuell redlich Glaube ist beziehungsweise nicht ist. Das mit der intellektuellen Redlichkeit ist ja ein gängiger Vorwurf atheistischer Missionare, bei dem ich schon länger vermute, daß die da nicht ganz richtig liegen, aber mir fehlt halt die Kenntnis, um den Finger in die Wunde zu legen.

Bei Joshua Tongol gibt es ein etwas längeres Video zur Frage wieso Jesus sterben mußte, Gottes Zorn und den Römerbrief. Und auch hier läuft es auf Christus Victor hinaus. Es feut mich, daß diese Kreuzesinterpretation scheinbar immer mehr um sich greift, denn ich halte sie einfach für richtiger als die Satisfaktionslehre. Das Video ist wie gesagt etwas länger und streift mehrere Themen, insgesamt aber durchaus wert sich anzusehen, falls man des Englischen mächtig ist.

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Wer ist größer?

Bei Mandy hab ich ne Geschichte gelesen, die ich ähnlich auch schonmal gehört habe, un die in dieser ähnlichen Form auch schon einmal mit Christus in Verbindung gebracht wurde. Die Kurzfassung geht so:

Der New Yorker Bürgermeister hat an einem Winterabend in einem Bezirksgericht den Richter nach Hause geschickt und selbst den Platz übernommen. Angeklagt war eine alte Frau wegen Diebstahls. Sie hatte ein Brot gestohlen, um ihre Enkel durchzubringen. Diesen drohte der Hungertod. Der als Richter fungierende Bürgermeister verurteilte sie zu 10 Dollar Strafe, zahlte sie selbst und verurteilte darüber hinaus jeden Anwesenden zu 50 Cent Strafe dafür in einer Stadt zu leben, in der eine alte Frau Brot stehlen muß, um ihre Enkel durchzubringen. Das Geld bekam die Frau, die nun erst einmal genug hatte, um ihren Enkeln etwas zu essen zu kaufen.

Hier wird nun oft – und so auch bei Mandy – eine Parallele zu Christus und dem Krezesgeschehen gezogen. Demnach könne Gott nicht über unsere Fehler hinwegsehen, so daß eine Strafe nötig sei, zahlt sie aber dann selbst, um uns vom Haken zu lassen.

Ich finde diese Auffasung fragwürdig. Und stehe wohl nicht alleine. Gerade von (krakeele-) atheistischer Seite wird oftmals eingewandt, daß Gott uns ja so geschaffen hat und folglich selbst Schuld sei, daß wir sind, wie wir sind und uns folglich auch schlecht dafür verurteilen könnte. Das wäre dann wie wenn der Bürgermeister der alten Frau alles genommen hätte, so daß sie stehlen mußte, sie dann zu ner Strafe verurteilt für das Stehlen, das ihr als einziges übrig blieb, und sich dann als den großen Helden feiern läßt, wenn er die Strafe selbst zahlt.

Ich sehe ein ganz anderes Problem. Mir stellt sich die Frage danach, wer größer ist: Gott oder irgendein Gesetz, und sei es ein göttliches.

Gewisse christliche Kreise sagen nun, daß das Gesetz größer sei, da Gott sich daran gebunden habe, und so quasi selbst zurückgetreten sei, und nun nicht einfach widerrufen kann, und selbst ungerecht zu werden. Hier ist ein gewisser Legalismus zu erkennen, was Recht ist muß Recht bleiben, koste es, was es wolle. Schuld muß abgegolten werden, denn wo kämen wir denn dahin, wenn nicht etc.

So argumentiert auch der Ladenbesitzer, dem das Brot gestohel wurde, und den ich in meiner Zusammenfassung der Geschichte ausgelassen hatte (bei Mandy ist er erwähnt). Aus einer derartigen Gerechtigkeit spricht eine gewisse Unbarmherzigkeit. Und diese Unbarmerzigkeit kommt nicht aus der Welt, wenn der Richter die Strafe einfach selbst zahlt. Denn das Gesetz an sich ist ja unbarmherzig. Das sebe Gesetz, das gerade noch von Gott über sich selbst gehoben wurde (bzw worden sein soll). Damit stünde an höchster Stelle die Unbarmherzigkeit und wir wären nur so lange sicher vor der Verdammnis, wie Gott für uns die Strafe zahlt. Dann müßte Gott aber aus dem Zahlen gar nicht mehr heraukommen, immer wieder und wieder zahlen, weil wir immer wieder und wieder das Gesetz übertreten.

Dann könnte Jesus nicht auferstanden sein, weil Er immer noch zahlen würde. Sünde, Tod und Teufel wären nicht besiegt, nicht überwunden, Paulus hätte sie nicht verspotten können: Tod wo ist Dein Stachel, Hölle wo Dein Sieg?. Sie wären vorübergehend in Schach gehalten, aber lange nicht besiegt. Und es gäbe auch keine Aussicht auf einen Sieg, da auf diese Weise Gott diese Unbarmherzigkeit anerkannt und quasi geadelt hätte.

Nun ist Jesus aber auferstanden und der Tod ist besiegt. Keiner zahlt mehr. Jesus starb für uns und ist am Dritten Tag auferstanden nach der Schrift. Ein Schlüssel zu einem anderen Verständnis ist unser Verständnis von Gerechtigkeit. Man kann Gerechtigkeit so auffassen, daß jeder nach seinem Handeln behandelt wird, daß also eine gewise Gleichheit ingehalten wird. Auf Gutes folgt Gutes, auf Böses folgt Böses. Diese Gerechtigkeit ist im Kern unbarmherzig, da auf Böses immer Böses folgen muß, um der Gerechtigkeit willen. Auch wenn es sonst keiner will. Hier geht es ums Prinzip, und zwar über alle Leichen.

Eine andere Möglichkeit, Gerechtigkeit zu verstehen, ist es, wenn man sagt, gerecht ist, wenn etwas gut ist. Dann folgt auf Gutes weiterhin Gutes, aber auch auf Böses folgt Gutes, um den Bösen vom Guten zu überzeugen. Gott macht die Menschen gerecht, nicht indem er ihnen nach ihren Taten vergilt, sondern indem Er sie annimmt. Das war unter anderem auch Luthers Erkenntnis. Luther war in diesem Böses für Böses, Gutes für Gutes gefangen und suchte danach, wie er sich das Gute sichern könnte. Waser an Gutem utn mußte, um Gott zu gefallen. Seine Frage war: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Also: Wie mache ich durch gute Taten Gott gnädig? Die Antwort, die er fand, war verblüffend: Gar nicht. ch muß Gott nicht manipulieren, um Ihn gnädig zu stimmen. Gott ist schon gnädig.

Ich meine, Gott ist vielleicht nicht mit dem Bürgermeister aus der Geschichte gleichzusetzen, aber womöglich Satan mit dem Ladenbesitzer. Oder vielleicht gar das Gesetz! Aber das Beispiel paßt einfach nicht zum Ostergeschehen, wie ich es verstehe. Da hat Gott nichts bezahlt, sondern sich geopfert. Er hat sich quasi dem Urteil Satans unterworfen, um diesen dann der Rechtsbeugung zu überführen. Vielleicht läßt sich die Geschichte so erzählen:

In einem harten Winter, in dem es nichts zu essen gab, saß in der Stadt ein unbarmherziger Richter zu Gericht. Er konnte bei allen Menschen eine Straftat nachweisen, den einen, weil sie Essen klauten, den anderen, weil sie nichts abgaben, wie die Gesetze des Landes es verlangten. Folglich verurteilte er jeden, der in seinen Gerichtssaal gebracht wurde.

Wer Einfluß hatte in der Stadt versuchte, den Richter mit Gefälligkeiten gnädig zu stimmen, und der Richter hatte großen Gefallen an der Macht und der Ehrerbietung, die ihm zuteil wurde. Er brach selbst keine Gesetze, sorgte aber durch seine Machtposition und die Bestechungsversuche der Bürger selbst für größte Ungerechtigkeiten, die er dann wieder gnadnlos verfolgte.

Eines Tages aber kam ein Mann in die Stadt. Es war der Vorgesetzte des Richters, kein anderer als der König, dem die indirekte Gewaltherrschaft des Richters zu Ohren gekommen war. Der König gab sich den Bürgern nicht zu erkennen, der Richter aber wußte, mit wem er es zu tun hatte. Natürlich hatte der König es nicht nötig, Lebensmittel zu stehlen, er teilte das was er hatte aber auch mit anderen, so daß er selbst unschudig war. Der Richter hatte nun ein Problem. Einerseits stahlen immer weniger Menschen, weil sie beim König essen konnten. Andererseits öffneten auch andere Reiche ihre Türen, weil sie sahen, daß der König, obwohl er teilte, selbst immernoch genug hatte. Dem Richter wurde es allmählich schwer, seine Macht aufrecht zu erhalten, denn immer weniger Menschen ließen sich etwas zu Schulden kommen, so daß er immer weniger Menschen verfolgen konnte. Außerdem wollte der Richter selbst König werden. Er war selbst aus königlicher Familie und wußte, daß er selbst König würde, wenn er den richtigen König ins Gefängnis stecken konnte. Die Verurteilung des Königs würd beide Probleme lösen: Die Menschen würden einander wieder bestehlen und Lebensmittel vorenthalten, außerdem könnte der Richter dann nicht nur über eine Stadt, sondern über das ganze Land herrschen. Er hatte immer nch die Macht, Menschen vor Gericht zu holen und zu verurteilen, und da bisher jedes Urteil gerecht war, wurde auch keines davon je angezweifelt. Also ließ er den König verhaften, der immer noch incognito reiste.

Um sicher zu gehen, daß der König auch weiterhin geheim hielt, wer er in Wirklichkeit war, ließ er ihn öffentlich foltern und fragte immer wieder nach seinem Namen. Dieser aber blieb stumm und verweigerte die Aussage.

Der Richter verurteilte ihn wegen Lebensmitteldiebstahl, doch diesmal freilich ohne das Recht dazu zu haben. Aber wer konnte das schon wissen, waren doch alle Urteile bisher gerechtfertigt.

Nun offenbarte sich der König und ließ nun den Richter aus dem Amt jagen. Er war nämlich extra gekommen, um die Stadt von dem Richter zu befreien. Dies ging jedoch nur, wenn der Richter sich selbst etwas zu Schulden kommen ließe, der Richter mußte mit seiner eigenen Waffe, der unbarmherzigen Gerechtigkeit, geschlagen werden, um deren Ungerechtigkeit zu offenbaren. Einige Bürger der Stadt jedoch schenken all dem keinen Glauben. Sie ehren den Richter immer noch, da er gerechte Urteile verhängt. Sie zweifeln aber daran, daß der König wirklich der König ist. Denn dieser hätte sich in der Folter zu erkennen gegeben. Wieso hätte er als König es nötig gehabt, zu leiden?

Treibgut aus dem Netz

Netzfunde Mittwoch, 26. September 2012

Bei takeover.beta schreibt Zweisamkeit über sexuelle Manipulation in der Beziehung. Tenor des (im bekannt schwer leslichen Genderdeutsch verfassten) Artikels ist, daß ein Partner (hier geht es wohl vor allem um Männer), der ein Nein nicht akzeptiert, sondern Umstimmungen versucht, auch sonst nicht auf die Wünsche des anderen Partners hört, und auch dort ebenso veruschen wird, zu manipulieren. Den Lösungsvorschlag, der Fragliche sollte es sich statt dessen einfach selbst besorgen, halte ich jedoch für keinen. Was muß der unwillige Partner (also gedacht im Artikel wohl die Frau) denken und fühlen, wenn der Mann, nachdem er abgewiesen wurde, sich einen runterholt. Es dürfte wohl in die Richtung gehen, daß man sich als Objekt vorkommt, das, wenn es nicht wie gewünscht funktioniert, auch ersetzt werden kann. Denkt man etwas weiter, dann könnte man in der gleichen Logik vorschlagen, der Mann könnte ja statt dessen auch ins Puff gehen, hauptsache er manipuliert die Frau nicht. Ich glaube, das funktioniet so nicht. Es reicht nicht, die Manipulation zu lassen. Wenn die Partnerin nein sagt, ist die Zeit der Enthaltsamkeit (es soll ja Menschen geben, die das ein ganzes Leben lang durchhalten). Denn eine Manipulation an den eigenen Genitalien entweder selbst, oder durch willigere andere Objekte kommt einer Manipulation durchaus gleich. Hier finde ich auch Paulus sehr erhellend, der schreibt, daß der eigene Körper eigentlich dem jeweiligen Partner gehört (1.Kor 7,4). Demnach hat man in der Partnerschaft also gar kein Recht mehr daran. Macht auch nichts, wenn die Partner einander lieben. Dann tun sie dem anderen Körper auch nichts an, sondern halten sich an des Partners Wünsche (inklusive eines Nein). Ist dies nicht der Fall, sollte man vielleicht die Partnerschaft überdenken. Inwieweit das jetzt zu „modernen“ Partnerschaftsverständnissen à la Lebensabschnittsgefährte paßt, steht auf einem anderen Blatt. Ich finde die Ehe als Konzept (unabhängig vom Trauschein, mir geht um um das, was man lebt) eh überzeugender.

Um Liebe und Partnerschaft geht es auch in Christian Hoppes Artikel zum Film „Liebe“. Es geht um ein altes Ehepaar, um Pflege und schließlich Sterbhilfe, bzw ist das nicht so klar. Der Artikel geht auf die Deutung, die wohl dem Marketing zu Grunde liegt ein und schlägt eine andere Deutung vor, die nicht von einem „Triumph der Humanität“, sondern von einem Scheitern der Liebe ausgeht. Ohne selbst den Film gesehen zu haben scheint mir Christians eigene Deutung durchaus berechtigt zu sein.

Über die Auswüchse der modernen Gesellschaft hat der Herr Alipius etwas, der sich am Ende fragt, wofür Ludwig XVI sterben mußte. Sicherlich eine provokante Frage aber angesichts des Dargestellten womöglich nicht ganz verkehrt. Vielleicht sollte man auch hier mal ganz konkret mit dem Verantwortungsbegriff durchbuchstabieren, was wir gut finden und was nicht. Aber Verantwortung ist heutzutage eh nicht mehr so in Mode. Mein Reilehrer lehrte mich noch, daß die Freiheit der Verantwortung entsprechen müsse. Gebe es eine Diskrepanz, so entspreche die Differenz zwischen beiden der Größe der Sünde. Sünde ist demnach, wenn man sich Freiheiten rausnimmt, ohne die Verantwortung zu übernehmen. Ob das nun noch auf den Wiener Klub anzuwenden ist, wäre vielleicht auch mal ne interessante Frage, die ich hier aber nicht beantworte (falls jemand nen Ansatz hat, es gibt ja die Kommentarfunktion).

Eric Djebe hat die Frage gestellt, ob das Christentum eine Chance hätte, wenn es heute bei Null anfangen würde. Er hat Zweifel, sucht aber auch nach den Gründen für den damaligen Erfolg.

Peter schreibt über die Soteriologie von Narnia und sieht dainter das Christus-Victor-Motiv. Daß ich selbst dieses Motiv mag und viel für meinen eigenen Glauben daraus ziehe, könnte dem regelmäßigen Blogleser schon aufgefallen sein. Interessant finde ich Peters Kritik daran, daß Lewis Alsan nicht trinitarisch angelegt hat. In der Tat kommt er damit dann in die Schwierigkeit, auf eine uralte Magie verweisen zu müssen. Allerdings finde ich das für Kinder noch etwas nachvollziehbarer, als noch eine ausgewachsene Trinitätslehre im Buch unterzubringen. Das ist ja das schöne bei Kindern: Sie können gut vertrauen, ohne ganz zu verstehen. Ich denke, deshalb sollen wir auch wie die Kinder glauben, wie Jesus sagt. Ich gehe stark davon aus, daß die alte Magie den Kindern vollkommen als Erklärung reicht. Die ausgewachsene Trinitätslehre kann man nachreichen, wenn die Kinder durchs Erwachsenwerden das Vertrauen langsam schwerer fällt, es ist ja nicht so, daß es keine Trinitätslehre gäbe.

Der Morgenländer schreibt von Elefanten in Räumen und V-Männern (also vom Staat bezahlten Menschen, aber eigentlich ist es nur einer), dem vorgeworfen wird, die Logistik dr NSU gestellt zu haben, inklusive Besorgung der Waffen. Jetzt frage ich mich, wieso die Geheimdienste nichts davon wußten, wenn der eigene V-Mann womöglich involviert war, und das an entscheidender Stelle. Wenn V-Leute nicht so funktionieren wie sie sollen, daß sie also eben keine Informationen liefern, jedenfalls nicht diejenigen, die wichtig sind, stellt man sich die Frage nach dieser Einrichtung überhaupt.

Alternativ könnte man überlegen, ob der V-Mann doch berichtet hat und die Geheimnisse doch über den NSU Bescheid wußten. Wie man es dreht, schön ist es nicht.

Bei Kirche 2.0 gibts ne pdf mit 20 Tipps für Facebook Beiträge von Kirchengemeinden.

Bei Sojourners gibts nen Artikel zu atheistischem Schmuck, also für all die Leute, die sich weder Kreuz noch Davidstern um den Hals hängen wollen.

Mandy weist auf ein Online-Bibelkundeseminar hin. Das Ganze wird von ERF und Bibelseminar Bonn veranstaltet und beginnt im Oktober. Ich hab ja meine Bibelkunde schon, und inwieweit solche Bibelschul-Kurse von Universitäten und Kirchen anerkannt werden, steht in den Sternen. Das muß jedoch nicht bedeuten, daß sie qualitativ schlecht wären. Wer Interesse, Zeit und das nötige Kleingeld hat, kann unter Umständen durchaus mit Gewinn an so einem Seminar teilnehmen, auch wenn er sich nicht zum evangelikalen Christentum rechnet (oder vielleicht gar kein Christ ist).

Und zum Schluß hab ich noch nen Artikel von Charles Halton über das Jesus und seine Frau Papyrus aus Harvard. Recht hatter.

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Die Sturmstillung – Wie Jüngersein aussehen kann I

Schon vor einigen Jahren begann mich die Erzählung von der Sturmstillung bei Matthäus zu faszinieren. Da mir leider grade die Zeit fehlt, einen einzigen langen Artikel zu schreiben, möchte ich meine Gedanken in mehreren kurzen Artikeln mal formulieren. Hier erstmal der Text:

8 Als Jesus sich dann wieder von großen Volksscharen umgeben sah, befahl er, an das jenseitige Ufer des Sees hinüberzufahren. 19 Da trat ein Schriftgelehrter an ihn heran mit den Worten: »Meister, ich will dir folgen, wohin du auch gehst!« 20 Jesus antwortete ihm: »Die Füchse haben Gruben und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keine Stätte, wo er sein Haupt hinlegen kann.« – 21 Ein anderer von seinen Jüngern (= Schülern, Anhängern) sagte zu ihm: »Herr, erlaube mir, zuerst noch hinzugehen und meinen Vater zu begraben!« 22 Jesus aber antwortete ihm: »Folge du mir nach, und überlaß es den Toten (d.h. den geistlich Toten), ihre Toten zu begraben!«

23 Jesus stieg dann ins Boot, und seine Jünger folgten ihm. 24 Da erhob sich (plötzlich) ein heftiger Sturm auf dem See, so daß das Boot von den Wellen bedeckt (= überflutet) wurde; er selbst aber schlief. 25 Da traten sie an ihn heran und weckten ihn mit den Worten: »Herr, hilf uns: wir gehen unter!« 26 Er aber antwortete ihnen: »Was seid ihr so furchtsam, ihr Kleingläubigen!« Dann stand er auf und bedrohte die Winde und den See; da trat völlige Windstille ein. 27 Die Leute aber verwunderten sich und sagten: »Was ist das für ein Mann, daß sogar die Winde und der See ihm gehorsam sind!«
An der Textauswahl habt ihr bestimmt schon gesehen, dass ich mehr Text zur Sturmstillung rechne, als z.B. die übliche Perikopenordnung vorsieht. Diese beginnt die Geschichte mit der Sturmstillung nämlich bei V. 18. Die Geschichte beginnt jedoch viel früher, nämlich bereits in V. 18: Hier erteilt Jesus den Auftrag, ans andere Ufer zu fahren, er ist der Einleitungsteil zu V. 23. In den Versen dazwischen werden Gespräche von Jesus mit zwei Personen geschildert. Dieses Gespräch wird üblicherweise unabhängig von der Sturmstillung betrachtet. Ich glaube, man nimmt beiden Erzählungen dadurch einiges an Aussagekraft.
Zunächst zur Einleitung, dem Gespräch mit den zwei Personen. Es vermittelt Wichtiges darüber, was „Jesus nachfolgen“ bedeutet. Der erste, mit dem Jesus spricht, ist ein Schriftgelehrter, der ankündigt, Jesus überall hin folgen zu wollen. Jesus verwehrt es ihm nicht, lässt ihn aber auch nicht über die Folgen im Unklaren: Das, was selbst Tiere haben, einen dauerhaften Rückzugsort, wo sie Kraft schöpfen können, ist ihm und denen, die ihm nachfolgen, verwehrt. Mich beeindruckt hier, dass dem Schriftgelehrten keinerlei Hoffnungen auf ein behütetes, sorgenfreies Leben gemacht werden. Deutlich wird gesagt: Folgst du Jesus, verlässt du deine sicheren Rückzugsorte auf Erden. Auf diesen Punkt wird später noch zurückzukommen sein.
Die zweite Person, die Jesus anspricht, ist bereits ein Jünger. Er will Jesus jetzt nachfolgen und dazu auch seine Familie verlassen. Offenkundig kannte schon Matthäus zwei Arten von Jüngern: Die einen waren die „klassischen“ Jünger, wie z.B. die 12: Menschen, die Jesus physisch nachgefolgt sind, mit ihm sein Wanderleben geteilt haben. Doch daneben hat es offenbar schon andere gegeben, die sesshaft bei ihren Familien lebten, sich aber bereits durch irgendwas so von anderen unterschieden haben, dass sie, wie die zuerst beschriebenen Jünger, als Jünger bezeichnet wurden. Dies steht in starkem Kontrast zu dem negativen Bild, das Matthäus sonst von Familie und Jüngerdasein zeichnet (Vgl. Mt 10, 35 ff). Dennoch zeigt diese kurze Episode: Es gab verschiedene Arten von Jüngern, doch es wurde von der Begrifflichkeit her nicht in „Jünger 1. und 2. Klasse“ unterschieden. Alle gelten gleichberechtigt als Jünger.
Doch dann kam der Punkt, an dem der Jünger sein Leben verändern wollte. Alles, was wir über ihn sonst noch erfahren ist, dass sein Vater vor kurzem verstarb. Möglich, dass es genau diese Veränderung war, die dazu führte, dass er im Bezug auf sein Jüngerdasein etwas verändern wollte. Eine einzige Einschränkung macht er noch: Er will zuvor seinen Vater begraben, ehe er sein Leben radikal verändert. Jesus aber sagt: Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber folge mir nach. Diesen Jünger fordert Jesus also auf, sofort mit ihm zu kommen, nachdem er selbst – mit Einschränkung – zugesagt hat, mit ihm zu ziehen.
Hier sieht man einen deutlichen Unterschied zum Schriftgelehrten: Der kannte vielleicht die Lehren von Jesus, und war auch bereit, ihn als Lehrer anzunehmen, wie die Anrede „Meister“ zeigt. Doch in Bezug auf das Leben, das ihn erwartet, ist er offenkundig noch ahnungslos. Deshalb verwehrt Jesus ihm zwar nicht, ihm zu folgen, macht ihm aber deutlich, was die Konsequenzen sind. Bei dem Jünger sieht das anders aus. Ihm muss offenbar nicht mehr gesagt werden, was ihn in der Zukunft an der Seite Jesu erwartet. Doch noch lässt er sich von seiner Vergangenheit bestimmen, statt voll und ganz auf Jesus zu setzen. Erst die Vergangenheit regeln – dann Jesus folgen. Doch Jesus sagt: Lasse die Vergangenheit hinter dir. Folge mir nach.
Der Jünger wird sich bei seiner Familie nicht mehr sehen lassen können, wenn er seinen Vater unbestattet zurücklässt. Doch Jesus folgen kann eben auch heißen, Vertrautes entgültig hinter sich zu lassen. Der Jünger bekommt hier eine erste Ahnung davon, was es heißt, wenn Jesus sagt: „Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann“.
glaube

Bibel statt Gewissen?

So zieh nun hin und schlag Amalek und vollstrecke den Bann an ihm und an allem, was es hat; verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel. (1. Sam 15, 3)

Tochter Babel, du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast! Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert! (Ps 137, 8-9)

Was mich oft ärgert, im Gespräch mit Atheisten über meinen Glauben, ist die Unterstellung, die meist implizit kommt, daß wir Christen eine Bibel hätten, wo andere ein Gewissen haben.

Derek Flood hat zu dem Thema vor längerem einen Artikel geschrieben, der zu gut ist, um ihn nicht wenigstens auf deutsch zusammenzufassen.

Er stellt nämlich genau die Frage, wie solche Verse etwa zum Feindesliebegebot passen. Und er erinnert zerst an einen Mechanismus, in den auch ich immer wieder gerate, nämlich daß versucht wird, die Gewalt runterzspielen und zu rechtfertigen, was natürlich falsch ist. Er führt als Beleg zwei Kommentare an. Ich kenne es wie gesagt aus eigener Erfahrung an mir selbst: Die Bibelstelle wird angegriffen und oftmals gleich der Glaube und die eigene Person mit, nd da verfällt man leider viel zu schnell in den Verteidigungsmodus. Und um sich selbst zu verteidigen, verteidigt man auch – eigentlich gegen besseres Wissen! – die Gewalt gegen Säuglinge in Ps 137. Mir ist dies mehrfach passiert, und oft haben meine Gesprächspartner frohlockt, weil sie mich nun in die Monsterecke stellen konnten. Ich war in die Falle getappt.

Derek Flood macht es klar: Das Zerschmettern von Babyköpfen auch nur als annehmbar zu erwägen geht nur, wenn man von vorne herein davon ausgeht, daß biblische Befehle über dem Gewissen stehen. Wie ich eingangs schrieb: Ne Bibel, wo andere das Gewissen haben.

Er schlägt eine andere Lesart der Bibel vor, und er illustriert es an Jesus, Paulus und Martin Luther King Jr. Während Jesus noch betonte, er sei nur zu den Kindern Israels gekommen, öffnet Paulus das Evangelium auch und gerade den Heiden. Während Paulus die Sklaverei als Institution nicht anrührte, kämpfte King für die Beseitigung der letzten Spren der Sklaverei, und zwar in der Überzegung, daß er sich damit in Übereinstimmung mit der Bibel befindet. Und Jesus? Für ihn war die Begrenzung auf die Kinder Israels ja auch nicht Hauptinhalt seines Tuns. Auch er weitete den Kreis des Heils, in die sozialen Randgruppen. Es handelt sich um eine Geschite immer weiter greifender Integration. Erst die frommen Juden, dann die sozialen Randgruppen unter den Juden, dann die Heiden, und dann selbst die versklavten Randgrppen unter den Heiden.

Geht man nun den Weg hinter Jesus zurück, dann dürfte es nicht verwundern, daß auch die Texte hinter die Feindesliebe zurückfallen. Und ehrlich gesagt, auch die Johannesoffenbarung scheint mir da eher nen Schritt zrück zu gehen, was das angeht.

Derek Flood plädiert also dafür, die Bibel nicht als Belegtext für allerlei Handlungen (die im Zweifel mit dem Gewissen kollidieren müssen) zu lesen, sondern auf die Bewegung weg von Gewalt, Unterdrückung und Entmenschlichung zu achten und darin eine Aufforderung zu sehen, den Weg weiterzugehen.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun; (Joh 14, 12)