Theologie

Sympathy for the Devil

Unser Bürgerrecht ist im Himmel. Gilt das auch für ihn?
Bundesarchiv, Bild 183-S33882 / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Angenommen, wir kommen in den Himmel – und als Christen glauben wir ja daran: wen wollen wir dort treffen? Wen werden wir dort treffen? Und was, wenn wir ganz andere Leute dort treffen, als wir vermuten?

Wir leben in dieser Welt, sind Sünder, für wie gut oder besser als andere wir uns auch immer halten. Grundsätzlich haben wir kein Recht auf den Eingang in den Himmel, wir können es nicht gerechter Weise erstreiten. Gott gewährt diese Nähe zu Ihm in seiner Gnade zu uns. Verdient haben wir das nicht – keiner von uns.

Doch als Sünder die wir sind, haben wir natürlich auch ein verqueres Weltbild. Dazu gehören gewisse Vorstellungen darüber, daß es vielleicht doch Menschen gibt, die so schlimm sind oder waren, daß sie bei Gott kein Gehör finden können, keins finden dürfen, weil sie halt doch noch mal ne ganze Schippe schlimmer sind oder waren, als wir.

So denken wir. Aber müssen wir nicht auch, auf dem Weg in den Himmel, unser altes Wesen ablegen? Müssen wir nicht auch all die Lieblosigkeit ablegen, die uns hier noch bestimmt und vielleicht auch selbst bedrückt? Müssen wir nicht erst gewahr werden, daß wir Sünder sind und was für Sünder wir sind? Müssen wir nicht alle die Konsequenzen unserer Taten erkennen und sie annehmen lernen als durch unsere Schuld verursacht?

Durch eine solche Katharsis muß wohl jeder, der zu Gott kommt. Und wieso sollte jemand, der da durch ist, der die Last der eigenen Sünden gespürt hat, nicht von Gott begnadigt werden wie alle anderen auch?

In einem Gespräch mit einem griechischen Professor über die Hölle im Vergleich zwischen römischem Katholizismus und orthodoxer Theologie sagte er: Unsere Hölle ist am ehesten das Fegefeuer der Katholiken. Sie ist eher nicht ewig, sondern dient der Läuterung.

Das kann ich mir auch gut vorstellen: Wir müssen erkennen, wer wir sind, und das tut weh, sehr weh, weil es demütigt und die eigenen Ausreden zur Selbstrechtfertigung nicht mehr zuläßt. Man kann sich nichts mehr vormachen, man muß da durch. Aber dahinter, da liegt dann die Erlösung. Sobald ich meine Sündhaftigkeit erkannt habe und darunter zusammenbreche kommt Gott, und trägt mich, nimmt mir die Last ab, rechnet sie mir nicht zu. Er sagt: Du selbst willst Dich verdammen, aber ich nehme Dich an.

Wer durch diese Katharsis, dieses Fegefeuer hindurch ist, kann mir auch im Himmel begegnen.

Stell Dir vor, Du hast in Deinem Leben Millionen ermordet und einen ganzen Kontinent in Schutt und Asche gelegt. Natürlich rechtfertigst Du das vor Dir mit irgend einer kruden Ideologie von Herrenrasse oder ähnlichem. Du wirst Dir nicht eingestehen, daß Du mit Deinen Taten die mit schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen hast – würdest Du es Dir eingestehen, würdest Du zusammenbrechen, also flüchtest Du Dich in die Ideologie, die Dich dazu brachte.

Wenn Du nun aber durch die Katharsis mußt, wenn Du gezwungen bist anzuerkennen, was Du da getan hast, und es keine Ausrede mehr gibt, keine Facade, die Du aufbauen und hochhalten kannst vor anderen oder Dir selbst, wie groß muß der Schmerz sein! Unmenschlich groß, weil er durch unmenschlich großes Leid verursacht wurde.

Und dann kommt das, was immer kommt: Die Annahme dessen, das man selbst wirklich dafür verantwortlich ist mit allen Konsequenzen. Hat man selbst noch ein Recht zu leben? Nein! Wie hart ist man getroffen, wenn man selbst eingestehen muß, es wäre besser, wenn man getötet würde?

Ich denke, wer durch diese Tortur hindurch mußte, der ist geläutert, ist demütig, versucht nicht mehr, sich selbst auf Kosten anderer durchzusetzen, sondern versucht in Zulkunft zu dienen, so wie alle, die im Himmel wohnen, wie auch Gott selbst immer nur den Menschen dienen wollte, weil Er uns liebt.

Der Gedanke mag im ersten Moment furchtbar erscheinen, Menschen wie Hitler, Stalin oder Bin Laden im Himmel zu begegnen. Aber man stelle sich vor: Diese Tyrannen als geläuterte Männr, die nur danach streben, anderen zu dienen.

Unvorstellbar, nicht? Aber so ist er, der Himmel.

Theologie

Wie geht Widerstand?

Ich habe mir dazu schon öfter mal Gedanken gemacht und bin jetzt über nen Blogpost und die Diskussion dazu wieder auf das Thema gekommen: Wie macht man Widerstand? Wie macht man einen ethisch verantwortbaren Widerstand gegen ungerechte Zustände?

Namen, die mir dabei immer einfallen, sind Bonhoeffer, Schneider und King.

Dietrich Bonhoeffer beteiligte sich an einer Verschwörung gegen Hitler, die zum Ziel hatte, Hitler zu ermorden. Die Sache flog auf und Bonhoeffer kam ins KZ und wurde kurz vor Kriegsende noch erhängt. Bei allem Verständnis dafür, Hitler umbringen zu wollen, ist ein Tyrannenmord doch trotzdem noch ein Mord. Das an sich ist schon ein Problem, dann aber auch noch die Frage: Wer entscheidet, wer ein Tyrann ist? Bonhoeffer war klar, daß er mit dem Mord an Hitler Schuld auf sich laden würde. Er sprach davon, „dem Rad in die Speichen zu fallen“. Es geht also nicht nur darum, das „Richtige“ zu tun, sondern darum, die eigene Existenz (bis hin zum ewigen Heil) aufs Spiel zu setzen, ja damit rechnen zu müssen all das zu verlieren, um das zu tun, was man als „das Richtige“ ansieht. Hier greifen keine ethischen Regeln mehr, weil von niemandem verlangt werden kann, die eigene Existenz zu verlieren. Hier gibt es auch keine ethische Rechtfertigung für das Tun, die man in eine Regel fassen könnte, denn was, wenn ein Nazi auf die Idee kommt, dem Rad der toleranten Gesellschaft in die Speichen zu fallen? Man denke an Breivik!

Deshalb denke ich, Bonhoeffers Art des Widerstands kann nur derjenige für sich in Anspruch nehmen, der alles fahren läßt, der nicht gleichzeitig noch versucht, sich zu rechtfertigen. Bonhoeffer sah sich nicht als Märtyrer, sondern als Sünder.

Als Märtyrer bezeichnete Bonhoeffer aber Paul Schneider. Schneider war Pfarrer der Rheinischen Landeskirche, und wurde im KZ ermordet. Er ist auch bekannt unter dem Namen „Prediger von Buchenwald“. Schneider kam ins KZ, weil er sich von den Nazis nicht den Mund verbieten ließ. Dort war er dann bald in einer Einzelzelle. Wer die Gedenkstelle KZ Buchenwald einmal besucht hat erinnert isch vielleicht, daß die Einzelzellen in der Nähe des Appellplatzes waren. Bei dem oft stundenlangen Antreten und den Schikanierungen durch die Lagerwärter zog sich Schneider oft an den Fenstergittern ans Fenster hoch und rief Bibeltexte durchs Fenster. Daher die Bezeichnung „Prediger von Buchenwald“. Das ging immer so lange, bis die Wärter in seiner Zelle waren und ihn zusammenschlugen. Schneiders Art des Widerstands war Gewaltlos. Er kämpfte nicht gegen irgendwen, sondern für etwas. Er ließ sich nicht in die Verfälschung des Evangeliums einspannen. Und er verweigerte sich der Beeinflussung der Kirche durch die Nazis. Diese freie innere Haltung brachte ihm im totalitären System den Tod. Er starb, weil er an seinem Glauben festhielt. Daher wird er auch zu Recht Märtyrer genannt. Fragen muß man jedoch nach der Effektivität seiner Art des Widerstands. Er blieb selbst integer, lebte Freiheit vor, aber erreichte nichts für sich oder seine Zeitgenossen. Wo Bonhoeffer zumindest potentiell für eine Verbesserung hätte sorgen können (wobei man auch fragen muß, inwieweit der Staat ohne die Person Hitler aber mit all den anderen Nazis an der Spitze besser gewesen wäre), zielte Schneider gar nicht auf politische Verbesserungen ab. Er leistete schlicht passiven Widerstand, indem er sich dem Zugriff des Systems verweigerte. Positiv kann man vielleicht sagen, daß er heute als Vorbild dienen kann. Vorbild dafür, sich nicht äußerem Druck zu beugen, sondern seinen Überzeugungen treu zu bleiben.

Bekannt für seinen passiven Widerstand wurde Martin Luther King. Die Methode der nonviolent direct action (gewaltlose direkte Aktion) sorgte mit für die Verbeserung der bürgerrechtlichen Situation der Afroamerikaner vor allem in den Südstaaten der USA (Gandhi war dabei ein wichtiger Einfluß für King). Prinzipiell funktionierte das Ganze so, daß King mit seinen Leuten (die speziell in Gewaltlosigkeit geschult wurden) irgendetwas taten, was die machthabenden Weißen Eliten provozierte, aber eben kein Unrecht war. Zumindest nicht für die meisten Menschen in den USA und weltweit, denn lokal gab es schon bestimmte Gesetze und Verordnungen, die die Handlungen mitunter verboten. King arbeitete über den öffentlichen Druck. Die Regierung konnte es sich sowohl international nicht leisten, die USA als rassistisch dastehen zu lassen, als sie auch innenpolitisch auf die Wähler im Norden achten mußte. Also King machte etwa eine Demonstration, und die örtlichen Behörden ließen die Demonstranten mit äußerster Gewalt auseinandertreiben. Dabei blieben die Demonstranten ihrerseits gewaltlos. Die Medien waren vor Ort und berichteten von den Gewalttaten der Polizei in alle Welt. Daraufhin sah sich die Bundesregierung in Washington genötigt, Druck auf die lokalen Behörden auszuüben. So kam es nach und nach zu Verbesserungen. Das System war aber auch anfällig. Waren die Medien nicht vor Ort, war die gewaltfreie Aktion so effektiv wie Schneiders passiver Widerstand, denn die Weißen vor Ort sahen oftmals das Problem gar nicht, oder trauten sich nicht, den Mund aufzumachen. Ein Großteil des Erfolgs lag auch an der Überreaktion der örtlichen Behörden. Denn ohne die massive Gewalt (etwa Hunde gegen Kinder) konnte keine starke Reaktion in den Medien erreicht werden. So kam es dann auch dazu, daß mancherorts die Polizei recht gewaltfrei vorging bei der Verhaftung der Demonstranten und kein großes Medienecho stattfand. Die Gewalt kam dann im Gefängnis, verborgen vor der Öffentlichkeit. Als King sich später den sozialen Problemen zuwandte und auch gegen den Vietnamkrieg sprach, konnte er keinen Druck mehr erzeugen, weil viele Menschen ganz anders dachten. Wenn jemand die Gewalt im Süden gegen die Afroamerikaner für Unrecht ansah, mußte er noch lange kein Anhänger der von King später vertretenen Sozialpolitik sein. Der Zusammenhang zwischen Armut und Unterdrückung war auch damals nicht vielen klar. Das Problem bei Kings Widerstand ist also das gleiche wie bei Schneider. Auch wenn man im Gegensatz zu Schneider mit der Methode der gewaltfreien direkten Aktion nun direkt etwas tun konnte, war man im Falle einer fehlenden öffentlichen Unterstützung ebenfalls allein auf weiter Flur. So wie Schneider. Und auch King riskierte sein Leben: Sein Haus wurde durch eine Bombe zerstört und schlußendlich wurde er erschossen.

Beide Widerstandsarten, die von King sowie die von Schneider, ind sich eigentlich sehr ähnlich. Und sie taugen auch durchaus zur ethischen Regelbildung. Derartiger Widerstand ist unproblematisch, weil gewaltlos. Keiner wird Opfer von Gewalt, der dies nicht von vorn herein in Kauf nehmen würde. Bei Bonhoeffer ist das anders. Sein Widerstand hätte, wäre er erfolgreich gewesen, zum Tod eines Menschen geführt. Man kann nun lange theoretisieren, ob Tyrannenmord hinnehmbar ist oder ncht der unter welchen Umständen. Fakt bleibt aber, daß dieser Widerstand nicht gewaltfrei ist und somit auch allen Pazifisten und sonstigen Gewaltgegnern nicht offen steht, ohne daß sie in Rechtfertigungsprobleme geraten. Deshalb versuche ich auch bei aller Sympathie mich davor zu hüten, das zu rechtfertigen. Vor Jahren gab es einen Fall, bei dem einem Kindesentführer Folter angedroht wurde, um ihn dazu zu zwingen, das Versteck des Jungen bekannt zu geben, weil zu befürchten stand, daß der Junge sterben würde, wenn er nicht bald gefunden wird. Daß der Junge zu dem Zeitpunkt schon tot war, konnte keiner wissen. Unabhängig davon kann es nicht sein, daß ein Polizist in einem Rechtsstaat mit Folter auch nur droht, selbst wenn der Täter so ein Unmensch ist und Gefahr im Verzug ist. Ich wurde damals oft kritisiert als ich sagte, daß ich der Meinung bin, der Polizist müßte mit aller Härte des Gesetzes bestraft werden, bei aler Hochachtung vor ihm.

Sieht man sich jetzt den Fall in dem Blogpost an, den ich zu Anfang verlinkt habe, dann muß man zuerst festhaten, daß es dort nicht um gewaltfreien Widerstand geht. Bei einer Rede von de Maizière haben mehrere hundert Studenten im Raum derart Krach gemacht, daß er nicht zu Wort kam. Auch wenn hier niemand verletzt wurde, wurde Gewalt angewandt. Es wurde verhindert, daß eine Meinung von einem Menschen an andere Menschen weitergegeben wurde. Die Zuhörer wurden dahingehend bevormundet, daß ihnen unterstellt wurde, sie könnten das (angeblich) Negative des Vortrages nicht selbst erkennen. Wer so vorgeht, kann jedenfalls selbst kaum noch Toleranz verlangen, wenn er sie anderen vorenthält. Auch muß man die Frage stellen, inwieweit die Aktion überhaupt wirklich etwas bessert, und man nicht mit anderen Methoden weiter gekommen wäre. Vorherige Anhänger de Maizières wird man damit nicht gewonen haben, und das ist doch Ziel der demokratischen Auseinandersetzung: Die anderen zu überzeugen.

Während Bonhoeffers Widerstand in einer Extremsituation, in der keine offene Auseinandersetzung zum Thema möglich war, zu gewalttätigen Mitteln greift wird hier ohne Zwang Gewalt ausgeübt, wenn auch das Maß der Gewalt geringer ist. Trotzdem: In einer Gesellschaft, in der derjenige den Ton angibt, der alle anderen niederschreit, möchte ich nicht leben. Wenn das die Alternative der Krawallmacher zu unserer heutigen (absolut nicht idealen) Gesellschaft ist, dann kann ich nur sagen: Nein danke, der Nächste bitte.

Anthropologie, Gesellschaft

Godwin’s Law

Vor Urzeiten, kurz nachdem die Menschen aufgehört haben in Höhlen zu leben, als sie noch über das Usenet kommunizierten, stellte ein gewisser Mike Godwin eine Regel auf:

Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit Hitler oder den Nazis dem Wert Eins an.

Mit anderen Worten: Irgendwann bringt irgendwer einen Nazivergleich. Irgendwann kommt einer mit der Nazikeule. Die gegnerische Ansicht wird mit Hitler und den Nazis verglichen, also mit dem ultimativ Bösen, damit ist die Diskussion zu Ende. Das Finale „Argument“ ist: Was Du denkst/sagst/vertrittst ist BÖSE!!!“

Das ist natürlich kein Argument. Man ist also quasi am Ende der Argumentationskette angelangt, meist erklären sich die mit den Nazis Verglichenen mit einem gewissen Recht als Gewinner der Diskussion.

Doch oftmals habe ich mich über diese Regel ach schon geärgert. Sie funktioniert ja nur unter einer bestimmten Prämisse, nämlich daß Hitler und die Nazis wirklich das ultimativ Böse sind bzw. waren. Nur wenn man dies annimmt, sind Vergleiche mit ihnen prinzipiell nicht möglich. Aber ist es denn so?

Manchmal scheint es mir, der Begriff „Hitler“ habe in unserer modernen Welt den „Teufel“ vollkommen abgelöst. An den Teufel glaubt keiner mehr, es hat auch niemand mehr Angst vor ihm (außer vielleicht die Zeugen Jehovas). Bei Hitler ist das anders, und ach vor den Nazis haben nicht nur die hier lebenden Ausländer Angst, sondern auch andere. Die Nazis sind (nicht zu Unrecht) Feindbild (fast) der ganzen Gesellschaft. Hört man manchem zu, dann handelt es sich bei ihnen gar nicht mehr um richtige Menschen.

Da krieg ich dann aber so nen Reflex, der mich an die antisemitische Propaganda des Dritten Reichs erinnert.

Noch ein Nazi-Vergleich! Ist meine Aussage deshalb falsch? Ich meine nein. Und ich meine auch, daß das Problem bei der Prämisse liegt: Nazis, und ach Hitler selbst, waren nicht irendwelche Ausgeburten der Hölle, die mit „normalen“ Menschen nichts zu tun gehabt hätten, sondern Menschen wir wir. Und trotzdem (oder gerade deshalb?) waren sie zu den unglaublichsten Verbrechen fähig.

Und gerade weil sie daz fähig waren, und gerade weil sie Menschen wie wir waren, sollten wir uns hüten, ihnen das Menschsein abzusprechen und so zu tun, als ob wir zu Völkermorden gar nicht in der Lage wären. Wir sind es. Der Christ spricht hier von Sündhaftigkeit, und die Passionszeit, in der wir uns gerade befinden ist der passende Zeitpunkt, uns das ins Gedächtnis zu rufen.

Tun wir dies, dann merken wir vielleicht, daß Godwins Gesetz zu kurz greift. Ich meine, es ist falsch, Diskussionen an diesem Punkt abzubrechen. Denn wenn heute Dinge passieren, wo auch immer auf der Welt, die ähnliche Muster erkennen lassen zu dem, was ab 1933 geschah, dann wäre es gut, wenn eine Benennung des Sachverhaltes nicht wegen einer Usenet-Regel vom Tisch gewischt, sondern reflektiert würde.

Godwin hat später einmal einen Artikel geschrieben, in dem er die Entstehung seines Gesetzes beschreibt:

In discussions about guns and the Second Amendment, for example, gun-control advocates are periodically reminded that Hitler banned personal weapons. And birth-control debates are frequently marked by pro-lifers‘ insistence that abortionists are engaging in mass murder, worse than that of Nazi death camps. And in any newsgroup in which censorship is discussed, someone inevitably raises the specter of Nazi book-burning.

But the Nazi-comparison meme popped up elsewhere as well – in general discussions of law in misc.legal, for example, or in the EFF conference on the Well. Stone libertarians were ready to label any government regulation as incipient Nazism. And, invariably, the comparisons trivialized the horror of the Holocaust and the social pathology of the Nazis. It was a trivialization I found both illogical (Michael Dukakis as a Nazi? Please!) and offensive (the millions of concentration-camp victims did not die to give some net.blowhard a handy trope).

So, I set out to conduct an experiment – to build a counter-meme designed to make discussion participants see how they are acting as vectors to a particularly silly and offensive meme…and perhaps to curtail the glib Nazi comparisons.

I developed Godwin’s Law of Nazi Analogies: As an online discussion grows longer, the probability of a comparison involving Nazis or Hitler approaches one.

Es ging ihm also darum, die Trivialisierung des Dritten Reiches anzgreifen. Das ist die andere Gefahr, neben der Entmenschlichung Hitlers und seiner Schergen. Indem man überall gleich „Nazi“ schreit, inflationär mit dem Begriff umgeht, sorgt man, wie bei einer richtigen Inflation auch, für eine Entwertung. Und Aushölung. Wenn beides zusammenkommt, also Entwertung und gleichzeitige Entmenschlichung, und das tut es, dann hat man am Ende weder einen Begriff davon, was Hitler und die Nazis getan haben, noch zieht man irgendwie in Erwägung, daß die Gefahr besteht, daß so etwas wieder passieren könnte.

Doch kann es immer wieder passieren. Kriege gab es immer, Tyranneien gab es immer, Völkermorde gab es immer. Und ach wenn es immer wieder passiert, es ist nicht trivial, es ist in jedem Fall ein unsägliches Leid, das da über die Menschen gebracht wird.

In der Folge bedeutet das für mich: Wir müssen Nazivergleiche anstellen, wo dies angebracht ist, und wir müssen sie kritisieren, wo eine Trivialisierung stattfindet.

Am Ende seines Artikels überlegt Godwin, ob man eine moralische Pflicht habe, ein Gegenmem zu entwerfen, sobald man ein schädliches Mem bemerkt. Am Ende schreibt er davon, gute Meme zu schaffen, um schlechte Meme (wie die Nazikeule) auszutreiben (etwa mit Godwin’s Law).

Ich meine, das bringt nichts, da ein Mem nicht per se gut oder schlecht ist. So hat Godwins Gesetz, selbst aus guten Gründen geschaffen, das oben genannte Problem: es sind keine Nazivergleiche mehr möglich, auch nicht, wenn diese angebracht sein sollten.

So aufwendig (und letztlich wohl auch unerfolgreich) es auch ist, es wird wohl kein Weg drumrum führen, sich in jedem Fall mit dem Gesprächspartner auseinanderzusetzen und ihm zu erleutern, warum der Nazivergleich nicht passt, vom Thema wegführt oder sonst verkehrt ist.

Wirklich Überzeugen gibt’s nicht für lau.

Uncategorized

Kondome und Krieg

Bei der FAZ gibt es ein Video. Darin stellt sich ein Mann mit dem Namen Martin Luther vor und referiert einerseits über die Neujahrsansprache der Hannoveraner Bischöfin, andererseits über Aussagen Luthers zum Krieg.

Quintessenz seiner Ausführungen ist, daß es keinen Unterschied mehr gibt zwischen katholischer und evangelischer Kirche, weil die Kathliken gegen die Kondome anpredigen, die in der „wirklichen Welt“ benutzt werden, genauso wie die Protestanten gegen den Krieg anpredigen, den es in der wirklichen Welt gibt.

Ob der Video-Luther nun lustig sein will, oder einfach nur auch mal Kritik an Käßmann üben ist mir nicht so ganz klar. Der Vergleich mit dem Kondom blieb allerdings hängen. Ich frag mich: Ist da was dran? Sind wir Protestanten genauso rückwärts gewandt, wie man es dem Vatican vorwirft?

Erst möchte ich sagen: Nein! Krieg ist schlecht, Kondome nicht. Sie verhindern ungewollte Schwangerschaften und damit auch unter Umständen soziale Konflikte, außerdem verhindern sie die Übertragung verschiedener Krankheiten. Eigentlich eine gute Sache. Und dagegen der Krieg? Tod und Zerstörung! Aber Vorsicht! Was, wenn die Amis in den 1940er Jahren nicht nach Europa gekommen wären? Was, wenn die NATO nicht in Ex-Jugoslawien aktiv geworden wäre? Wie viele Mädchen würden eie Schulbildung in Afghanistan bekommen, wenn nicht auch wieder Amis und NATO was getan hätten? Was haben sie getan? Krieg!

Man kann den einzelnen Kriegen oder „friedenserhaltenden Maßnahmen“, wie man in der Vergangenheit euphemistisch sagte, ablehnend gegenüberstehen, ohne Frage. Ich möchte hier keinesfalls alles loben, was westliche Armeen in Afghanistan, Kosovo oder im Zweiten Weltkrieg über Dresden und Hiroshima getan haben. Mir geht es um das militärische Eingreifen an sich.

In alter Zeit hat die Lehre vom gerechten Krieg versucht, den Krieg in Grenzen zu halten. Denn Krieg würde es immer geben, das folgt schon aus dem Sünderstatus des Menschen. Man wird nie alle Menschen so ändern können, daß keiner mehr gewalttätig wird. Also suchte man, die Gewalt einzuschränken und möglichst keine Unbeteiligten zu Schaden kommen zu lassen.

So positiv die Intention, so negativ auch die Umsetzung, wenn man von Umsetzung sprechen kann. Auch wenn es ein immer ausgefeilteres Kriegsvölkerrecht gab, so haben sich die Kriegsparteien immer wieder darüber hinweggesetzt, und immer wieder kam es zu zivilen Opfern.

Daneben wurde der Terminus des gerechten Krieges auch mißbraucht, um Kriege zu rechtfertigen. Kriege gegen „Ungläubige“, „Tyrannen“ etc. Wer könnte etwas dagegen haben, einen Tyrannen zu stürzen? Oder eine Gefahr für die Menschheit zu bannen?

Hitler, Hussein, und dann?

Die evangelische Kirche hat in den letzten Jahren versucht, statt auf den Krieg, wieder auf den Frieden als Perspektive zu schauen. Man sprach fortan vom gerechten Frieden statt vom gerechten Krieg. So wichtig die Fokussierung auf den Frieden ist, um vom Krieg wegzukommen, so wichtig ist es auch, den Krieg nicht aus dem Auge zu verlieren, denn es ist die Wirkichkeit dieser Welt, ob man nun von Krieg spricht oder friedenserhaltenden Maßnahmen.

Ich wünsche mir, neben einer Beschäftigung mit dem Ziel des gerechten Friedens, eie erneute Zuwendung zur Thematik Krieg. Das ist nötig, um nicht den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren, so wie es die katholische Kirche im Bereich der Sexualethik getan hat. Menschen werden Verhütungsmittel benutzen. Es geht um den verantwortlichen Umgang, nicht die Mittel nutzen, um durch die Betten zu hüpfen und selbst Schaden daran zu nehmen.

Genauso beim Krieg. Es gibt den Krieg, es wird ihn immer geben. Statt weltfremd in einer Kriegssituation den Abzug von Soldaten zu verlangen, sollte sich die Kirche meiner Meinung nach damit auseinandersetzen, wie dieses Faktum des Krieges gewendet werden kann, um größtmögliches Heil zu bekommen, eben den gerechten Frieden. Ein Verhindern aller Sünden kann nicht sein, denn der Mensch ist ein Sünder. Simul iustus et peccator.

es ist Zeit, daß sich die Kirche Gedanken macht, welche Konfliktziele vertretbar sind. Demokratischer Staat? Stabile Strukturen, wenn auch nicht demokratisch? Grundversorgung für alle? Und welche Mittel will sie, wenn nicht zulassen, so doch wenigstens im Rahmen des Sünderseins anerkennen? Wer geht heute in Deutschland noch hin und sagt, es war ein moralischer Fehler, daß die Amerikaner gegen Hitler gekämpft haben? Und trotzdem haben sie viele Menschen getötet, es kam zu Vergewaltigungen und Ermordungen durch die GIs.

Die Frage ist: Huldigt man weltfremd einem Ideal und verhindert alles Tun, das diesem nicht entspricht? Oder versucht man, das Tun, das ohnehin stattfindet in eine Richtung zu lenken, die dem Ideal näher kommt?

Im Klartext: Ist man für Stagnation oder für Veränderung zum Besseren?