Gesellschaft

Wer leichter glaubt wird schwerer klug

Ein alter Freund hat mir vor kurzem einen Videolink geschickt mit den Worten: „Unrecht hat er nicht…“

In diesem Artikel will ich mich mit dem Video befassen, nach einer kurzen Einordnung.

Der Herr der da spricht heißt Philipp Möller und ist einer der Funktionäre der Giordano Bruno Stiftung (gbs), gegründet von Herbert Steffen, einem enttäuschten Fundamentalisten (ich beziehe mich hier auf den taz Text, nach dem er die Bibel wortwörtlich verstand wie protestantische Fundamentalisten, für römische Katholiken eigentlich ungewöhnlich), der früher viel Geld in die römisch katholische Kirche steckte und seit seiner Konversion „Kirchenkritiker“ wie Deschner unterstützt, neben der gbs mit ihren ganzen Aktionen.

Die gbs sieht sich als Interessenvertretung der religionsfreien Menschen in Deutschland, was bezweifelt werden kann, da die große Mehrheit der Religionslosen eben nicht Mitglied der gbs ist. Trotzdem erfahren sie durch geschickte Medienarbeit und ihre finanziellen Möglichkeiten große Aufmerksamkeit.

Zur Rede von Herrn Möller:

Er beginnt seine Rede schon mit einem Angriff auf die Person Mattussek:

Wer leichter glaubt wird schwerer klug.

Nun muß man Herrn Mattussek nicht mögen, aber dieser Satz zeigt deutlich den Modus an, in dem Herr Möller spricht: Von oben herunter, belehrend (als Pädagoge sollte er das anders können und nicht auf dem Stand von 1900 verharren) und auf Effekt getrimmt. Inhalt kann vernachlässigt werden, denn was ist der Inhalt: Gläubige Menschen sind dumm? Dafür bringt er keinen Beleg. Muß er auch nicht, er setzt auf die Emotion, den rhetorischen Effekt, der klar machen soll: Der Katholik Mattussek ist schon wegen seines Glaubens blöd, der Atheist Möller ist jeodh klug, denn er hat den Glauben hinter sich gelassen.

Dann zählt er auf, warum es leicht ist, Religionskritiker zu sein:

  1. Weil es „absurd“ sei, an einen Gott zu glauben, weil man sein Gegenteil nicht beweisen kann.
  2. Weil man weltweit beobachten kann, wie die Religion Menschen spaltet mit dem Denken „Wir sind die Guten, die anderen sind die Bösen“. So entstünden nach Möller Kriege oder würden begünstigt.
  3. Weil sie (also die „Kirchenkritiker“) so viele Vordenker hätten. Er nennt Darwin, Nietzsche, Marx, Feuerbach und Kant.
  4. In letzter Zeit hätte sich der Job des Kirchenkritikers von alleine gemacht, angesichts der „massiven Vertuschung“ bei den Mißbrauchsfällen in kirchlichen Einrichtungen.

Dem gegenüber stünden Gründe, wieso es schwer sei, „Kirchenkritik“ zu betreiben:

  1. Weil Kirchenleute mit staatlichen Mitteln rhetorisch ausgebildet werden. Er meint das Theologiestudium.
  2. Weil Menschen, die „erfolgreich indoktriniert wurden“ sich selbst immunisieren würden und auf „Kritik“ beleidigt reagierten.
  3. Weil Politiker uns weismachen würden, wir genießen hier die Werte des christlichen Abendlandes, obwohl Demokratie, Menschenrechte, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau gegen Religionen erkämpft werden mußten.
  4. Wegen der Caritas Legende: Kirchen würden so viel Gutes tun. Caritas und Diakonie würden allerdings nur zu 1,8% von den Kirchen finanziert, der Rest kommt aus der öffentlichen Hand.

Allerdings sei der Job (des „Kirchenkritikers“) „bitter nötig“, solange

  1. religiöse Gruppierungen meinen, im Besitz absoluter Wahrheiten zu sein
  2. Bistümer von Steuergeldern finanziert, aber nicht demokratisch, sondern vom Vatikan gesteuert werden
  3. wir „Berufschristen“ dafür bezahlen, Homosexualität als Sünde bezeichnen, die wider die Natur ist.
  4. wir die nötige Kritik am Islam als islamophob oder rassistisch abtun

solange kann und muß, nach Möller, Religion kritisiert werden.

Seine Alternative lautet Aufklärug und Humanismus. Diese hätten drei Stützpfeiler:

  1. Wissenschaft, um Erkenntnis über die Welt zu erlangen
  2. Philosophie, um diese Erkenntnisse zu deuten
  3. Kunst, um dem Wunsch des Menschen nach Kreativität und Lebensfreude gerecht zu werden.

Er fordert, daß Religion Privatsache sein soll, was für ihn bedeutet: politische, jurristische und finanzielle Trennung vom Staat.

Er fordert eine Ethik, die sich an den Interessen des Menschen und aller anderen Tiere orientiert statt einer gottgefälligen Moral.

Dann bringt er noch ein paar Schlagwörter: Diesseits statt Jenseits, Heidenspaß statt Höllenqual und beschließt das ganze wieder mit einer Abwertung der Religion als „Mythologie, die von einer primitiven Hirtenkultur entwickelt wurde“.

Hat er Recht?

Der Einfachkeit halber, gehe ich an der Rede entlang. Dadurch können sich Dinge wiederholen, allerdings ist es für mich so einfacher und schneller zu schreiben. Es wird nicht jeder von Herbert Steffen fianziert und hat sonst nix zu tun, als solche Reden zu halten.

Zu den Punkten, warum es angeblich einfach ist, Religionskritiker zu sein:

Als ersten Punkt nennt er den, daß es absurd ist, an etwas zu glauben, weil das Gegenteil nicht bewiesen werden kann. Ich frage mich, ob ich in meinem Leben je einen Christen oder sonst einen Gläubigen getroffen habe, des deshalb an Gott glaubt, weil das Gegenteil nicht bewiesen werden kann. Der Glaube an Gott ist kein Für-Wahr-halten. Glauben im christlichen Sinn ist ein Vertrauen, kein Für-Wahr-halten. Man vertraut auf etwas, ob man es nun beweisen kann oder nicht. Beweise, Belege, Begründungen sind in den Naturwissenschaften wichtig. Und darauf baut Möller, das ist in unserer aktuellen Kultur Common Sense, daß alles irgendwie bewiesen sein muß.

Dem ist nicht so. Vieles verstehen wir nicht, vieles können wir nicht erklären, und gehen trotzdem damit um. Um Auto zu fahren muß ich nicht verstehen, wie ein Motor funktioniert. Ich vertraue darauf, daß das schon geht. Wenn nicht, geh ich zum Mechaniker wiel ich darauf vertraue, daß der es reparieren kann.

Ob er das kann, weiß ich nicht. Letztendlich ist es für den, der das Auto nutzen will auch egal, ob der Mechaniker das Auto nun mit Ersatzteilen oder dem Elderstab und seinen Kenntnissen aus den Hogwarts Filmen repariert. Hauptsache, es läuft am Ende.

Dabei sind Autos noch relativ nachvollziehbar. Wie sieht es aber mit Computersoftware au? Millionen nutzen auf ihren Rechnern und Mobilgeräten Software, deren Funktionsweise sie nicht kennen und nicht nachprüfen können. Sie vertrauen darauf, daß die Programme das tun, was der Hersteller vorgibt und sind sauer, wenn das nicht so gut läuft. Ob und was die Programme sonst noch tun, weiß der Anwender nicht. Aber er vertraut darauf, daß schon alles seine Richtigkeit hat.

Christen glauben an Gott, weil sie ihn erlebt haben. Sie deuten die Wirklichkeit anders als Atheisten. Sie haben eine andere Philosophie, die nicht auf materialistischen Fragen von Existenz und Nichtexistenz aufbaut, sondern auf Beziehung, Vertrauen und anderen existenziellen Werten.

Für Möller ist das offenbar nicht nachvollziehbar, und das ist okay. Aber dann soll er doch bitte keine Strohmänner aufbauen.

Der nächste Punkt, den er bringt ist, daß angeblich Religionen Menschen salten würden in die und wir, und daß damit Kriege begründet oder mindestens begünstigt werden.

Mein Eindruck ist, wenn man in die Geschichte schaut, daß Religion oft als Grund für Kriegsführungen mißbraucht wurde. Dazu bedient sich derjenige, der einen Krieg will, durchaus der wir gegen die Rhetorik, die er bei Religionen ausnutzen kann. Nur sind solche Strukturen nicht auf Religionen beschränkt, sie sind allgemein menschlich. Möller baut ja selbst so eine wir-die Struktur auf, indem er zwischen Gläubigen und Atheisten unterscheidet und die Gläubigen so hinstellt, als würden sie auf viele Weisen bevorzugt, während die Atheisten marginalisiert würden. Auch damit ließen sich Kriege begründen. Unreligiöse Ideologien haben regelmäßig zu Kriegen geführt, die mit einer wir gegen die Struktur begründet wurden. Wahrscheinlich liegt das allen Kriegen zu Grunde: Wir gegen die. Religionen begünstigen hier nichts. Wenn es nicht die Religion ist, ist es die „Rasse“, die „Freiheit“ oder „das Volk“, für das man in den Krieg zieht. Die Mächtigen haben eine große Auswahl. Sie werden immer das nutzen, womit sie die meisten Menschen mobilisieren können.

Religionen haben übrigens auch Anteile, die genau dieses Denken bremsen, wenn sie es auch nicht ganz verhindern können. Dem wir gegen die des Rassismus in den USA trat Martin Luther King mit dem christlichen Glauben entgegen. Dem wir gegen die der Bush-Kriege trat der Papst und Bushs eigene Kirche entgegen. Dem wir gegen die der Nazis trat die Bekennende Kirche entgegen. So einfach, wie Möller die Welt gerne hätte, ist sie nicht. Freilich, er behauptet Dinge, die oberflächlich so gesehen werden können, aber eben nur oberflächlich. So macht man Stimmung, so lenkt man Emotionen.

Als Drittes nennt er verschiedene „Vordenker“ und läßt etwa unter den Tisch fallen, daß Darwin Theologie studiert hatte und zwischen seinen Forschunsgergebnissen und der Religion keinen Widerspruch sah. Und Kant hat vielleicht die bekannten Gottesbeweise widerlegt und sich für die Unmöglichkeit eines Gottesbeweises ausgesprochen, war aber sicher kein Atheist. Die anderen Personen haben durchaus Kirchenkritik (ohne Gänsefüßchen) betrieben, aber deren Argumente sind heutigen Theologen bekannt und sie teilen sie großteils. Wenn Marx sich dagegen ausspricht, die Menschen mit Hilfe der Religion zu unterdrücken, steh ich voll auf seiner Seite. Daß Marx wahrscheinlich an keinen Gott glaubte, stört mich dabei weniger. Nur wie sehr verfängt denn die Marx’sche Kritik heute? In unserer heutigen aufgeklärten Welt, wer wird denn noch von der Kirche dumm und in Abhängigkeit gehalten? Die Kritik war gut und wichtig, als sie angebracht wurde. Und es ist gut und wichtig, sich daran zu erinnern. Es ist aber keine Kritik, die man heute einfach so wiederholen kann als sei die heutige Kirche die des 19. Jahrhunderts. Würde Möller konkret Unterdrückte benennen, könnte man sich zusammen setzen und drüber reden, wie wir das ändern. Aber darum geht es ja nicht. Zu den anderen Personen könne man ähnliches sagen.

Als letzten Punkt für die Einfachkeit der „Kirchenkritik“ nennt Möller die Vertuschung im Umgang mit dem Mißbrauch, und da muß man ihm Recht geben. Das ist ein konkreter Mißstand, an dem etwas geändert werden muß. Ich erlebe in meiner Kirche, daß es da eine Sensibilität gibt. Inwieweit die besser ist als früher kann ich nicht sagen, da ich da noch nicht in der Kirche gearbeitet habe.

Würde Möller sich auf diesen Punkt konzentrieren und sich an einer Debatte zur Verbesserung der Situation beteiligen, das wär ne Sache. Aber sein Ziel ist hier nicht ein Ende des Mißbrauchs in der Kirche, sondern ein Ende des Mißbrauchs durch ein Ende der Kirche.

Kommen wir zu den schweren Punkten und da nennt er, ich mußte fast lachen, das Theologiestudium als staatlich finanzierte Ausbildung in Rhetorik. Nun, er als Nichttheologe beweist ein durchaus erhebliches rhetorisches Geschick. Wie gesagt, er schneidet viele emotionale Punkte an, ohne viel Inhalt zu bringen und punktet damit. Ich weiß nicht wie es im Pädagogikstudium ist, aber im Theologiestudium kommt Rhetorik kaum vor. Eine Schulung habe ich darin nicht erfahren, das muß man sich als Theologe andernorts holen, wenn man das will. Ebenso wie auch Herr Möller. Daß das Studium der Theologie vom Staat finanziert wird, stimmt. Aber das gilt ebenso für das Studium der Pädagogik, das er genossen hat, und das er nun einsetzt in seiner Rhetorik für die gbs und gegen die Kirchen. Gleiches gilt für Ingenieure, Betriebswirte und hunderte andere Studiengänge. Allerdings werden die theologischen Fakultäten auch von den Kirchen mitfinanziert. Der Staat steht hier nicht alleine im Obligo. Im Vergleich zu anderen Fakultäten, macht er hier ein Plus.

Der zweite Punkt ist der mit der Indoktrination. Auch dieser Punkt kann in beide Richtungen ausgelegt werden. Im Grunde unterstellt er aber nebenbei Andersdenkenden, indoktriniert worden, also nicht mehr ganz zurechnungsfähig zu sein, weshalb ich das jetzt nicht weiter ausführen will, weil ich diese Prämisse nicht annehmen möchte.

Im dritten Punkt geht es um die Erkämpfung verschiedener Rechte gegen die Religionen. Hier sollte Herr Möller noch einmal in ein Geschichtsbuch sehen. Diese Rechte wurden in der Neuzeit erkämpft. In einer Zeit, als die Macht der Kirche weitgehend gebrochen war und die absolutistisch regierten Nationalstaaten die Macht in den Händen der weltlichen Fürsten bündelte. Die Französische Revolution richtete sich in erster Linie gegen die Monarchie, nicht gegen die Kirche. Einen Anfang nahmen die Freiheitsrechte übrigens bei einem bekannten Mönch, der an seinem Glauben auch gegen Papst und Kaiser festhielt und einem 30 Jahre währenden Krieg, den die gbs nicht zögern würde als einen der durch die Religion begründeten Kriege zu bezeichnen. Am Ende dieses Krieges standen weitreichende Freiheitsrechte, was den Glauben angeht, mithin Grundstein für weitere Freiheitsrechte und erfochten nicht gegen Religion, sondern unter den damaligen Religionen. Nebenbei ging es natürlich um Macht.

Anders gesagt: Ohne die Religionen und ihren Konflikt untereinander wäre es zur Religionsfreiheit nicht gekommen und damit wohl auch nicht zu all den anderen Freiheiten, die folgten, wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Menschenrechte. Was die Glechstellung von Mann und Frau angeht sehen wir ja gerade, wohin der Laizismus führt, wenn in Frankreich Männer tragen können, was sie wollen, wenn sie am Strand sind, während Frauen mitunter genötigt werden, sich zu entblößen. Schöne Gleichberechtigung.

Der letzte Punkt, die „Caritas-Legende“. Ich frage mich, wo Möller seine Zahlen her hat. So weist das Kindertagesstättengesetz von Rheinland-Pfalz einen Personalkostenanteil des Trägers zwischen 5% und 15% aus, je nach Gruppenanzahl, -größe und Ausrichtung. Außerdem sind die Sachkosten vom Träger zu zahlen – wobei man sehen muß, daß es hier oft Verträge mit der Kommune gibt, die sich je nach dem beteiligen – allerdings ist deren Geld auch knapp.

Sicher ist es möglich, daß durch Krankenhäuser und andere Einrichtungen der Schnitt noch sinkt, allerdings scheint mir 1,8% doch relativ klein. Leider nennt Möller keine Quelle. Umgekehrt müßte man aber einmal fragen, wer für diese 1,8%, wenn es wirklich so wenig ist, aufkommt? Und ob dies nicht doch die Allgemeinheit entlastet. Die gleichen Bedingungen haben übrigens auch alle anderen freien Träger. Möller könnte sich also ebenso hinstellen und behaupten, das Rote Kreuz oder die AWO würden nichts Gutes tun. Das behauptet er nicht. Wär auch nicht populär. Der Kirche kann man es, um des Effektes Willen, unterstellen.

Nötig sei die Religionskritik, solange Gruppen meinen, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, meint Möller. Ich möchte ihm da widersprechen. Kritik ist immer nötig und gut, denn ohne Kritik kann man nichts verbessern. Dann aber bitte auch Kritik, und keine Stimmungmache mit platten, populären Behauptungen, die sich auf den ersten Blick vielleicht richtig anhören und Emotionen ansprechen, aber in der geäußerten Form kaum haltbar sind. Mir steht kein Fall vor Augen, in dem die gbs Kritik in konstruktiver Form geäußert hätte. Es geht immer um das Destruktive, wie es die Ideologie der gbs vorgibt.

Als nächstes spricht er die Staatsleistungen an und meint, Bistümer würden vom Staat finanziert. So ist es nun nicht. Nicht die ganzen Bistümer, sondern der Bischof und evtl. weitere Körperschaften am Bistumssitz werden finanziert, und zwar aufgrund alter Verträge. Diese Verträge sollen seit der Einführung der Weimarer Verfassung abgelöst werden. Nur bremst hier der Staat. Nicht, weil er so kirchenfreundlich wäre, die Kirchen hätten mit der Ablösung kein Problem, wie sie bereits äußerten. Sondern weil es teuer würde.

Im Grunde geht es darum, daß der weltliche Staat vor langer Zeit große Gebiete und Rechtsansprüche von kirchlichen Körperschaften übernahm und sich dafür verpflichtete, die Fianzierung kirchlicher Belange selbst zu übernehmen, weil die Kirchen dies nun nicht mehr konnten. Das ist im Groben auch heute noch der Stand. Eine Ablösung wäre eine Entschädigungszahlung von den Ländern an die Kirchen. Das wollen die Länder nicht, wiel es teuer würde, viel teurer als die Finanzierung von einer Hand voll Bischöfen.

Jetzt kommen einige gbs Fanboys und sagen, man habe ja bereits lange genug gezahlt an die Kirchen, jetzt sei gut und man könne die Zahlung ja einfach absetzen. Aber was hätte China gesagt, wenn die Briten einfach Hong Kong behalten hätten – ohne Pacht gezahlt zu haben? Eben. Gültige Verträge sind einzuhalten, das ist ein grundlegendes rechtliches Prinzip. Wäre dem nicht so, bräuchte man keine Verträge zu schließen. Wenn hier also Kritik geübt wird, dann doch bitte an die richtige Stelle wenden, an den Staat. Denn die Kirchen können hier nichts ändern. Sie sind der staatlichen Gesetzgebung genau so unterworfen, wie jeder von uns.

Der nächste Punkt waren die „Berufschristen“, die „wir“ dafür bezahlen, Homosexualität als Sünde wieder die Natur zu bezeichnen.

Nun, man kann diese Einstellung freilich kritisieren, das passiert mitunter auch innrhalb der Kirche – und viel deutlicher als von der gbs. Aber ob jemand ein „Berufschrist“ ist, sollte keinen Einfluß haben. Und wer ist dieses „wir“, der den bezahlt? Sicher nicht die gbs. Auch nicht der Steuerzahler. Die Pfarrbesoldung wird aus den Einnahmen bestritten, also vor allem Kirchensteuermitteln. Und Möller gehört sicher nicht zum „wir“ der Kirchensteuerzahler.

Nebenher gesagt: Es wird auch kein „Berufschrist“ dafür bezahlt, genau das zu sagen. Manche haben den Auftrag zur Verkündigung. Die besteht aber nicht im Kern aus Homophobie – weder bei Katholiken noch bei Protestanten!

Und dann komm noch der Satz mit der Islamophobie. Dazu nur kurz ein paar Worte: Kritik ist immer gut und nötig, wie schon geschrieben. Allerdings hat die gbs mit ihren Veröffentlichungen und in ihnen nahe stehenden Internetauftritten „Islamkritik“ in einer Weise betrieben, die einer Abwertung gleich kommt und ein Stück weit auch den Boden bereitet hat für Pegida und AfD. Mir ist hier noch keine Distanzierung bekannt in dieser Hinsicht. Und da muß es dann auch einmal gestattet sein, die Frage zu stellen, ob die gbs gbs-Kritik betreibt, so wie Kirchenvertreter Kirchenkritik betreiben und gut heißen? Gerade in Hinblick auf den Bezug auf die Aufklärug täte es der gbs IMHO gut, hier aktiv zu werden.

Ja, Religion muß kritisiert werden. Aber nicht, weil Religionsanhänger anders denken als Möller – um seine Punkte mal in einen zusammen zu fassen, sondern weil Kritik (ohne Gänsefüßchen) grundsätzlich eine gute Grundhaltung ist – gegenüber allen Institutionen.

Was er als Alternative anbietet, Aufklärung und Humanismus, ist keine, denn das gibt es ebenso in den Religionen. Auch die „Stützpfeiler“ kommen dort vor. Das angebliche Rhetoriktraining ist ein wissenschaftliches Studium, das die gleichen Methoden anwendet, die andere Wissenschaften anwenden, das diese Methoden teilweise sogar entwickelt hat, die dann später von anderen Wissenschaften – der Geschichte, den Sprachen, der Literatur, übernommen wurde. Auch Philosophie spielt eine Rolle im Theologiestudium und gerade Kunst hat in der Kirche einen hohen Stellenwert. Wer je eine Kirche betreten hat oder eine Bachmesse hörte, hat es selbst erfahren. Dagegen sehe ich wenig künstlerische Aktivität im Umfeld der gbs. Vielleicht liegt es aber auch an mir.

Kommen wir zu den abschließenden Phrasen, denn etwas anderes ist es nicht:

Trennung der Religion in juristischer, fianzieller und politischer Hinsicht vom Staat. Mir ist nicht klar, was er damit meint. Daß Religionsangehörige nicht mehr staatlich belangt werden können? Das wohl kaum. Daß Religionsangehörige vor den Gesetzen gleich sind? Das ist der Fall. Wie gesagt, eine Phrase, ebenso wie die von Höllenqualen und Heidenspaß. Wollte man seine holzschnittartige Darstellung des Religiösen teilen, dann sind das ja eben gerade keine Alternativen. Nach diesem fundamentalistischen Verständnis (das er offenbar für DIE Religion hält, womit dann klar ist, warum alle Religiösen zu Fundamentalisten werden) folgen auf den Heidenspaß ja die Höllenqualen, aber es hört sich halt gut an.

Zum Abschluß muß ich dem Herrn noch einmal einen Blick in die Geschichtsbücher empfehlen. Das römische Reich, auch der hellenistisch geprägte Osten desselben, war keine primitive Hirtenkultur. Das war Hochkultur. Die selbe Hochkultur, die die griechischen Philosophen hervorbrachte – und die attische Demokratie, die man doch sonst in neoatheistischen Kreisen so hoch hängt. Hier geht es wiederum nur um Abwertung, um die Emotion, darum, sich besser und intelligenter zu fühlen als „primitive Hirten“. Wie arm. Und was für ein Zeugnis für den Geist der Aufklärung und des Humanismus, den Herr Möller vertritt.

Tja Herr Möller, si tacuisses, philosophus manisses. Oder auch nicht.

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Merkel und der Papst

Auf dem Blasphemieblog (wo sich auch ne Diskussion entwickelt hat) wird auf einen offenen Brief der Giordano Bruno Stiftung (GBS) an Bundeskanzlerin Merkel hingewiesen.

Es folgen Briefauszüge samt Kommentierung meinerseits:

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
am 22. September 2011 werden Sie von Papst Benedikt XVI. zu einem Gespräch am Sitz der Deutschen Bischofskonferenz in Berlin empfangen. Normalerweise achten wir nicht penibel auf das Protokoll, aber die Wahl dieses Ortes hat uns doch befremdet: Denn seit wann empfängt der Gast die Gastgeberin?! Der Vorgang erinnert uns fatal an jene düsteren Zeiten, als weltliche Herrscher dem „Stellvertreter Christi“ ihre Aufwartung machen mussten, um politisch nicht unter die Räder zu geraten. Dass dem Papst eine solche Assoziation angenehm sein mag, können wir uns denken, aber warum sollten Sie die Würde Ihres Amtes beschädigen, indem Sie einem solch durchsichtigen Machtmanöver auf den Leim gehen?

Die GBS nimmt Anstoß daran, daß der Papst Merkel empfängt und fragt, wer Gastgeber und wer Gastgeberin sei? Nun, hätte sich die GBS die Mühe gemacht, nachzudenken, so wäre ihr aufgegangen, daß der Ort des Treffens der Sitz der Bischofskonferenz ist. Wie kann da die evangelische Merkel Gastgeberin sein?

Oder höre ich aus den Worten der GBS eine Kritik daran, daß das Treffen bei der Bischofskonferenz stattfindet und nicht im Kanzleramt, wo andere Staatschefs empfangen werden?

Was die Machtfrage und die Würde des Amtes angeht meine ich mich zu erinnern, daß die Kanzlerin auch schon Unternehmer besuchte und nicht nur empfing. War auch dies eine Beschädigung des Amtes? Was ist dann aber das Idealbild eines Bundeskanzlers für die GBS? Ein Kanzler, der im Kanzleramt residiert und sich nicht dort weg bewegt, sondern alle und jeden zu sich kommen läßt. Mich würde das viel eher an vergangene Zeiten erinnern, als alles dem Willen der Landesfürsten zu folgen hatte…

Führen Sie sich in diesem Zusammenhang bitte vor Augen, dass die Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen der Politik des Vatikans kritisch, wenn nicht sogar ablehnend gegenübersteht.

Als ob der Papst kein Deutsch verstünde und sich nicht deutscher Medien bedienen könnte. Was ich mich allerdings frage ist, welche Politik die GBS meint. Und woher sie die Gewissheit nimmt, für „die Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen“ sprechen zu können. Ich meine mich zu erinnern, daß die Kanzlerin im Gegensatz zur GBS demokratisch legitimiert ist und daher wohl eher für die in Deutschland lebenden Menschen sprechen kann als die GBS.

Wahren Sie daher beim Treffen mit Benedikt XVI. die gebührende Distanz und vermeiden Sie
es, ihn als „Heiligen Vater“ anzusprechen!

Ich frage mich, ob die GBS auch Distanz fordert bei einem Treffen mit Obama und von der Kanzlerin fordert, sie sole diesen nicht Mr. President oder Herr Präsident nennen, da dies die Distanz vermissen liese, da ihr Präsident ja Wulff sei. Oder ist es der GBS nicht bewußt, daß „Heiliger Vater“ ein Titel des Papstes ist? Was die GBS nicht sagt ist, wie der Papst denn sonst anzusprechen sei, wo er doch „Herr Ratzinger“ genausowenig ist wie Willy Brandt „Herr Frahm“ war, die Anrede mit „Benedikt“ noch viel eher die Distanz vermissen läßt und auch das Wort „Papst“ nichts anderes als „Vater“ bedeutet. Womöglich ist es der Mangel an Alternativen der die GBS dazu bewogen hat, keinen Vorschlag für die Anrede zu machen.

Wir erwarten von Ihnen, dass Sie im Gespräch mit dem Papst den Standpunkt einer offenen, demokratischen Gesellschaft vertreten und von dieser Warte aus die Menschenrechtsverletzungen der Katholischen Kirche in aller gebotenen Deutlichkeit kritisieren.

Was soll sie denn sonst vertreten? Und was unterstellt die GBS dem ebenfalls deutschen und in einer offenen, demokratischen Gesellschaft aufgewachsenen Papst für einen Standpunkt?

Es ist von Menschenrechtsverletzungen der „katholischen Kirche“ die Rede. Das wirft die Frage auf, was damit gemeint sein soll. Die Antwort folgt auf dem Fuß, da sie aufgezählt werden.

Fordern Sie den Papst zu einer lückenlosen Aufklärung der von Priestern und Ordensleuten begangenen Verbrechen an Heim- und Internatskindern auf!

Aha. Mißbrauchsskandal. Hier wurden elementare Menschenrechte aufs gröbste verletzt. Durch die Kirche? Das könnte man lediglich sagen, wenn die Täter in ihren Straftaten nach den Regeln und Gesetzen der Kirche gehandelt hätten. Das wage ich zu bezweifeln, bis mir das Gegenteil bewiesen wird, nämlich daß die Katholische Kirche den Kindesmißbrauch fordert. Bis dahin bin ich der Überzeugung, daß von Menschenrechtsverletzungen in der katholischen Kirche die Rede sein kann, ebenso wie von Menschenrechtsverletzungen etwa in Schulen oder in der Jugendarbeit. Es würde aber keiner auf die Idee kommen, von Menschenrechtsverletzungen der Jugendarbeit zu sprechen, wenn es in der Jugendarbeit zu Mißbrauch kommt.

Hierzu müssen nicht nur die Bistümer und Orden ihre Archive öffnen, auch der Vatikan, bei dem ein Großteil der kircheninternen Verfahren aufliefen, muss bereit sein, Einblick in die entsprechenden Dokumente zu geben!

Es hilft den Ermittlungsbehörden sicherlich, wenn die Bistümer und der Vatikan ihre Archive öffnen. Allerdings stellt sich dabei ach die Frage, inwieweit die Dokumente auch Inhalte enthalten, die die Ermittlungsbehörden nichts angehen. Mir ist zum Beispiel nicht bewußt, inwieweit für die Dokumente das Seelsorgegeheimnis gilt, das ja auch der deutsche Staat schützt. Sicherlich ist es jedoch nicht verkehrt, die Möglichkeit einer engeren Zusammenarbeit anzusprechen. Ob eine Formulierung der Art „sie müssen“ zum Ziel führt, ist jedoch schon aus psychologischen Gründen fraglich. Für den Bereich der deutschen Bistümer kann die Kanzlerin per Gesetz agieren, so sie die nötigen Mehrheiten findet und nicht die Verfassung bricht. Für den Vatikan muß sie jedoch anerkennen, daß es sich dabei um einen souveränen Staat handelt, der erst einmal gar nichts muß, genausowenig wie Rußland oder China.

Machen Sie dem Papst unmissverständlich klar, dass die europäischen Antidiskriminierungsvorschriften auch für kirchliche Betriebe in Deutschland gelten müssen!

Auch hier: Keine Menschenrechtsverletzungen. Die Antidiskriminierungsvorschriften gelten für die europäischen Staaten, die allesamt den Austritt aus einer Religion, auch der katholischen Kirche erlauben und ermöglichen. Niemand ist gezwungen, in der Kirche zu sein, und niemand ist gezwungen, für die Kirche zu arbeiten.

Darüber hinas ist der Papst hier deutlich dr falsche Ansprechpartner, weil es sich hier um deutsche Gesetze handelt, die der Papst nicht ändern kann. Merkel könnte allerdings selbst versuchen, die nötigen Mehrheiten im Bundestag zu bekommen und Gesetzesänderungen herbeiführen. Womöglich will sie das nicht (dafür gibt es ja auch gute Gründe). Den Papst aber damit zu konfrontieren ist so, als bitte man Putin, sich für Mindestlöhne in Deutschland einzusetzen. Sicherlich hat der Papst Einfluß auf die Bichöfe, so daß diese unter Umständen dafür sorgen, daß die rechtlichen Möglichkeiten nicht ausgeschöpt werden, die die krichlichen Betriebe haben (ich geh mal davon aus, daß da die Bischöfe Einfluß nehmen können), rein rechtlich ändert sich dann aber an der Möglichkeit nichts. Ich verstehe nicht, wieso die GBS so demokratievergessen ist, daß sie dem Papst mehr Einfluß af die deutschen Gesetze zuspricht als der Kanzlerin.

Machen Sie dem Papst klar, dass eine derartige weltanschauliche Diskriminierung nicht ins 21. Jahrhundert gehört.

Ich frage mich, wieso hier die Zeit als Argument gelten soll. Waren Diskriminierungen u anderen Zeiten okay? Nein? Werden sie irgendwann in Ordnung sein? Nein? Warum bleibt die GBS dann niht dabei Gründe als Argumente anzuführen, statt eine Zeitbedingtheit zu suggerieren?

Es widerspricht entschieden den Prinzipien des modernen Rechtsstaats, dass Menschen faktisch zur Kirchenmitgliedschaft gezwungen werden, bloß weil sie der Arbeitslosigkeit entgehen wollen!

Niemand wird gezwungen, in gerade diesen Betrieben zu arbeiten. Insofern sehe ich den Widerspruch zum Rechtsstaat nicht. Widerspricht es auch dem Rechtsstaat, wenn die CDU Sarrazin keinen Job gibt, damit dieser der Arbeitslosigkeit entgehen kann?

Wie dem auch sei, bei dieser Frage geht es jedenfalls nicht um Menschenrechte.

Überzeugen Sie Benedikt XVI. davon, dass es eine Geschmacklosigkeit sondergleichen wäre, wenn ausgerechnet er als „deutscher Papst“ die Seligsprechung von Pius XII. vornehmen würde! […] Erklären Sie dem Papst, dass Sie statt der Seligsprechung eines Steigbügelhalters des Faschismus ein klares Schuldbekenntnis der Katholischen Kirche erwarten!

Zuerst die Frage nach den Menschenrechten: Werden Menschenrechte verletzt, wenn der Papst Pius XII selig spricht? Ich denke nicht. Ob dieser nun ein guter oder schlechter Mensch war, ist eine andere Frage. Die Seligsprechung ist kein nach den Kriterien einer atheistisch-humanistischen Ethik orientierter Preis. Sie hat ihre eigenen Regeln, die von den jeweiligen Institutionen der Kirche angewendet werden und am Ende steht die Seligsprechung. Was würde die GBS sagen, wenn jemand die Vergabe des Physiknobelpreises kritisieren würde, weil der Preisträger eine fragwürdige Ethik vertritt?

Was den „Steigbügelhalter des Faschismus“ angeht, da sollen sich Historiker drum streiten. Die Art der Aussage an sich jedenfalls läßt vermuten, daß es sich hierbei um die hauseigene Meinung der GBS handelt.

Erarbeiten Sie mit dem Papst ein Konzept zur Aufhebung der Privilegien, die sich die Kirche vor allem in vor- und antidemokratischen Zeiten gesichert hat!

Hier wäre der Ansprechpartner (wieder einmal) der Bundestag, im Zweifel noch die deutschen Bischöfe. Wieso sollte sich der Papst so stark in die Geschäfte einzelner deutscher Diözesen einmischen? Es kommt doch auch keiner auf die Idee, mit Ban Ki Moon die Gemeindeordnungen der Gemeinden im Taunuskreis zu besprechen.

So ist es allein dem Naziregime zu verdanken, dass auf der Lohnsteuerkarte die Konfessionszugehörigkeit eingetragen wurde, was noch heute den automatischen Einzug der Kirchensteuer ermöglicht.

Der Eintrag ist eine Oberflächlichkeit, die sich leicht per Gesetz abschaffen liese. Steuern könnten trotzdem erhoben werden. Diese sind auch keine Privilegien der katholischen Bistümer, sondern sind humanistischen Gruppierungen genauso zugänglich wie den Zeugen Jehovas.

unter diesen Bedingungen wäre es kirchlichen Betrieben kaum mehr möglich, die bislang geförderte Diskriminierung von Anders- bzw. Nichtgläubigen fortzuführen.

Das ist natürlich absoluter Quatsch. Die Betriebe würden den Nachweis der Kirchenmitgliedschaft fordern, auszustellen vom zuständigen Pfarramt. Die „Diskriminierung“ würde damit nicht im geringsten tangiert. Diese Diskriminierung basiert allerdings auf den Zusagen des gleichen Grundgesetzes, das die GBS andernorts hochhält:

Diese Regelung […] steht in krassem Widerspruch zum Grundgesetz, das in Artikel 140 besagt…

Grundgesetz nur, wenn es den eigenen Zielen dient? Muß man sich Sorgen um die Verfassungstreue der GBS machen?

Nicht zuletzt sorgte der zivilisatorische Einbruch des Nazi-Regimes auch dafür, dass die bereits in der Weimarer Verfassung verankerte Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen niemals realisiert wurde.

Wenn ich mich recht entsinne zeigten die Kirchen Gesprächsbereitschaft, als das Thema vor längerem auftauchte (Sommerloch letztes Jahr?). Das Ganze scheitert bis heute daran, daß die Politik nicht zur Ablösung bereit ist. Auch da wäre der Ansprechpartner wieder die Bundeskanzlerin bzw. die Ministerpräsidenten und die jeweiligen Parlamente, nicht der Papst.

Auch bei den angeblichen Privilegien sehe ich nicht, wo Menschenrechte verletzt würden. Die GBS führt dies auch nicht aus.

Machen Sie dem Papst klar, dass er seine unzeitgemäße, verantwortungslose Sexualpolitik aufgeben sollte! Damit meinen wir nicht nur, dass der Vatikan selbstverständlich die sexuellen Selbstbestimmungsrechte des Individuums anerkennen muss, wenn er in ethischer Hinsicht ernstgenommen werden will. Es geht vor allem auch um die Frage der Empfängnisverhütung und des Schutzes vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Erklären Sie dem Papst, dass seine Positionen angesichts von Überbevölkerung und Aidsepidemien objektiv unverantwortlich sind.

„Zeitgemäß“ kann kein Kriterium sein, lediglich Verantwortungslosigkeit könnte man dem Papst (und auch der katholischen Kirche) vorwerfen. Die GBS geht davon aus schon die Wahrheit diesbezüglich zu verkünden, ohne zu argumentieren. Ich bin da etwas anderer Meinung als die GBS, und der Papst wie die übrigen Bischöfe haben nochmal eine andere Meinung.

Wie dem auch sei sind drei Dinge festzuhalten:

  1. Wieso sollte sich die Kanzlerin einmischen in die katholische Sexualethik? Sie ist weder katholische Theologin, nicht mal Katholikin. Die katholische Sexualethik ist eine Angelegenheit der Katholiken.
  2. Niemand wird zu einer Kirchenmitgliedschaft gezwungen. Somit ist auch die Einhaltung der römischen Sexualethik durch keinen Zwang gekennzeichnet. Viele Katholiken halten sich ihrerseits nicht an die Regelungen, manche haben Sex vor der Ehe, andere verhüten mit Pille oder Kondom und bleiben trotzdem Mitglieder der Kirche. Eine Kausalität zwischen HIV Epidemie und römischer Sexualethik zu behaupten ist damit höchst zweifelhaft.
  3. Da kein Zwang in Bezug auf die Sexualethik ausgeübt wird, da die Kirchenmitgliedschaft freiwillig ist, kann auch nicht von Menschenrechtsverletzungen die Rede sein.

jedoch ein Mann, der Abermillionen von Menschen weltweit zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit Todesfolge anstiftet

Und genau das tut der Papst nicht. Sex gehört nach der katholischen Lehre in die Ehe, und nur dorthin. Und innerhalb der Ehe ist die Benutzung eines Kondoms erlaubt, falls ein Partner HIV positiv ist. Die GBS betreibt üble Nachrede.

Dass die Vatikanstadt heute als „souveräner Staat“ gilt, verdankt die Kirche neben der (selbstverständlich gefälschten) „Konstantinischen Schenkung“ in erster Linie den Lateranverträgen mit dem faschistischen Diktator Benito Mussolini.

Die Frage nach der Unabhängigkeit des Vatikan ist nicht die Angelegenheit der deutschen Bundeskanzlerin oder des deutschen Staates, sondern wenn überhaupt dann eine Frage, die zwischen Italien und dem Vatikan zu klären ist. Mir sind keine Ansprüche seitens Italien auf den Vatikan bekannt.

Anders wäre es natürlich, falls die GBS die Meinung vertritt, Deutschland sollte (warum auch immer) Anspruch auf Vermögen und Territorium des Vatikan stellen. Dies ist jedoch, soweit ich es sehe, nicht der Fall.

Als Völkerrechtssubjekt hat der Heilige Stuhl den Rang eines permanenten Beobachters in der UN und kann dort aktiv in Debatten eingreifen, was eine nicht zu rechtfertigende Bevorzugung der Katholischen Kirche gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen bedeutet.

Sicherlich kann man das in Frage stellen. Allerdings wäre Ansprechpartner in diesem Fall nicht Frau Merkel, sondern erst einmal die UN Mitglieder insgesamt. Falls es dort keine derartigen Forderungen gibt, stellt sich die Frage, wieso gerade Deutschland sich damit hervortun sollte, so ganz ohne Not. Aus dem Vatikan kamen häufig Aufrufe zum Frieden. Diese durch die Aberkennung des Völkerrechtsstatus zu schwächen kann auch nicht im Sinne der Vereinten Nationen sein. Meine Meinung ist, daß solch ein historisch gewachsener Status nicht ohne Not abgeschafft werden sollte, zumal kaum Anstoß daran genommen wird.

 Zudem verhindert die staatliche Souveränität der Vatikanstadt, dass illegale Machenschaften unter kirchlichem Deckmantel juristisch verfolgt werden können.

Den selben Effekt hätte die Abschaffung der Souveränität jedes anderen Staates. Kriminelle Strukturen gibt es überall, sie können kein Grund sein für die Abschaffung nationaler Souveränität.

scheiterte die Strafverfolgung allzu häufig daran, dass der Vatikan auf seine staatliche Souveränität pochte. Dies kann und darf nicht hingenommen werden! Die Katholische Kirche sollte die gleichen Rechte und Pflichten besitzen wie andere Nichtregierungsorganisationen auch.

Ein geschickter rhetorischer Trick, Dinge zusammenzuwerfen, die nicht zusammen gehören, und dann aus der Ungleichheit zu schließen, daß gleiche Rechte gelten müssen.

Die katholische Kirche ist eben nicht eine NGO. Es ist zuerst eine Kirche. Diese bildet sich in Institutionen ab, die verschiedene Rechtsgestalt haben. Unter anderen gehört dazu auch ein souveräner Staat mitten in Rom. Jede dieser Rechtsgestalten hat nun die ihr entsprechenden Rechte, und die sind eben nicht immer mit einer NGO identisch, weil es nicht immer eine NGO ist. Die Deutsche Bank ist auch „non government“, aber sie ist eben eine AG, deshalb unterliegt sie teils anderen Gesetzen als Greenpeace.

Aber kommen wir nicht vom Thema ab: Es geht um die Menschenrechtsverletzungen der katholischen Kirche. Und auch hier muß ich sagen: Die Souveränität eines Staates verletzt niemandes Menschenrecht.

Am Ende liest die GBS dann noch im Kaffeesatz:

Die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes werden es auf Dauer nicht dulden, dass ihr Staat Jahr für Jahr Milliarden von Steuergeldern in eine Institution investiert, die nicht nur eine verheerende Geschichte zu verantworten hat, sondern auch in der Gegenwart alles tut, um gesellschaftlichen Fortschritt zu verhindern.

Den „gesellschaftlichen Fortschritt“ hat die GBS wohl gepachtet, der kann nur von ihr kommen. Ganz am Schluß wird dann auch angedeutet, wie dieser Fortschritt auszusehen hat.Natürlich spielen die GBS und ihre Ziele dabei eine zentrale Rolle:

Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass das alte, patriarchale, autoritäre Denken, für das die Kirche wie kaum eine andere Organisation weltweit steht, überwunden wird! Denn nur so kann – hier in Deutschland wie auch in anderen Ländern der Welt – eine wahrhaft freie und humane Gesellschaft entstehen, die in der Lage ist, die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern.

 

Bei Licht betrachtet geht es aso einzig und allein um einen Aufruf, den Laizismus einzuführen. Dies aber unter falscher Flagge, um Aufmerksamkeit zu erheischen.

So geht es in keiner der Forderungen um Menschenrechte oder deren Verletzung. Einzig beim Thema Mißbrauchsskandal spielen Menschenrechte überhaupt eine Rolle. Diese wurden in der Tat verletzt, aber die GBS führt nicht aus, inwieweit die Kirche dafür verantwortlich zu machen wäre. Wahrscheinlich, weil sie es nicht kann.

Die (katholische) Kirche und das Reizwort Menschenrechtsverletzung dienen hierbei lediglich als Speck, mit dem Mäuse gefangen werden sollen. Die GBS offenbart dabei, daß sie nicht von einem reflektierten mündigen Menschen als Leser ausgeht, sondern von unreflektierten Lesern irgendwo knapp unter BILD Niveau.

Bundeskanzlerin und Papst sind in den meisen Fällen nicht Ansprechpartner für die Forderungen. Häufig ist es die Bundeskanzlerin allein (sowie ihre Regierung und der Bundestag), auch andere politische Ebenen sind involviert. Der Papst hat meist nur mittelbar bis weitläufig mit den Themen zu tun.

Allerdings erfüllt er neben dem Anlaßgeber (ohne Papstbesuch kein offener Brief) noch eine andere Funktion:

Die GBS fordert anfangs, daß die Menschenrechtsverletzungen der katholischen Kirche kritisiert werden. Der Papst steht für diese katholische Kirche. Wer sonst sollte etwas ändern können an Mißständen als er?

Dieses Denken ist so realistisch wie daß die Kanzlerin die lokalen Probleme einer Stadt lösen kann. Trotzdem ist es weit verbreitet, wie man etwa sieht, wenn Themen der Bundespolitik sich etwa auf Kommunalwahlen oder auch Landtagswahlen auswirken (umgekehrt scheint dies weniger der Fall zu sein).

Unter Voraussetzung dieses Denkens wird nun mit der katholischen Kirche eine Strohpuppe aufgebaut, auf die erst einmal die ganzen Probleme projiziert werden: Ohne katholische Kirche kein Mißbrauch, keine HIV Epidemie, keine Arbeitslosigkeit, alle fröhlich und vergnügt. Der Papst nun als unwilliger Helfer, der erst angeleihert werden muß durch die Kanzlerin (daß oftmals weder sie noch er der Ansprechpartner bei den Problemen sind, wird nicht erwähnt), und alles mit dem Ziel, einen Rahmen zu haben für eine Auflistung der Punkte, in der man die Kirche angreifen zu können meint. Am Ende dann, ganz kurz und schwammig, wird das neue Utopia beschrieben, oder besser nicht beschrieben, nur angedeutet. Zwei Dinge sind dabei wichtig: Diese Strohpuppe samt Papst (das „alte, patriarchale, autoritäre Denken“) soll es da nicht mehr geben, statt dessen soll „eine wahrhaft freie und humane Gesellschaft entstehen“, wobei frei wohl „frei von unliebsamer Konkrrenz“ bedeutet und human für alles steht, was die GBS als gut befindet.

Damit leistet die GBS, ich habe es schon einmal gesgat, einem unreflektierten und unmündigen Denken Vorschub, das seinerseits ebenfalls patriarchale Züge hat. Patriarch ist dabei nicht mehr die Religion, sondern die GBS.

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Und nochmal PID

Nachdem sich nun alle möglichen kirchlichen und politischen Gruppen und Grüppchen zur PID geäußert haben, kommt nun auch der Ethikrat der Giordano Bruno Stiftung mit einer Stellungnahme zum Thema heraus. Und nach längerem Nachdenken habe ich mich nun entschlossen, meine Meinung dazu kundzutun.

Die Grundannahme

In ihrer Stellungnahme drehen die Verfasser den Spieß um, indem sie nicht fragen wollen, ob PID erlaubt werden kann, sondern, ob es verboten werden kann, PID zuzulassen. Sie begründen dies damit, daß in einer liberalen Gesellschaft freie Bürger prinzipiell alles tun dürften, was nicht mit guten Gründen verboten werden könne. Insofern liegt nun die Bringschuld bei den Gegnern der PID, die nun „gute Gründe“ anführen müssen, um auf dem Verbot de PID bestehen zu können. Im späteren Verlauf der Stellungnahme werden sechs Gründe gegen die PID aufgenommen und besprochen. Am Ende werden sie jedoch alle rational für unzulänglich befunden. Auf diese Argumentationen will ich zuerst eingehen, da sie meiner Meinung nach die Kernaussage der Stellungnahme bieten. Vorher in der Stellungnahme wird auf die rechtliche Situation, auf die Pränataldiagnostik (PND) und positive Aspekte der PID eingegangen. Auch das Fazit befindet sich vor der Untersuchung der sechs Gründe, so daß der Leser gleich weiß, was er zu denken hat. Der eigentliche Kern, die Auseinandersetzung mit den Gegenargumenten, hat im formalen Aufbau eher den Status eines Anhangs, den man nicht unbedingt lesen muß. Ich werde auf einige der genannten Punkten inklusive Fazit daher am Schluß dieses Textes eingehen, um die Sache in eine mir sinnvoller erscheinende Form zu bringen.

1. Theologische Argumente

In einem Punkt ist den Verfassern der Stellungnahme Recht zu geben. Keine Weltanschauung kann Grundlage für eine allgemeine Gesetzgebung sein, die auch Menschen betrifft, die dieser Weltanschauung nicht angehören. Deshalb sind dezidiert theologische Gründe, die auf den Lehren irgend einer Religion aufbauen – ob Christentum, Islam, Judentum, Jainismus oder was auch immer – nicht geeignet, das Verbot der PID zu rechtfertigen. Solange kein Mensch gegen seine religiöse Überzeugung zur PID gezwungen wird, hat keine Theologie, noch sonst ein Weltanschaungssystem in der Diskussion um die PID einen Platz. Hierbei ist besonders darauf zu achten, inwieweit der „moderne liberale Staat“ die Rolle eines solchen Weltanschauungssystems einnimmt. Im Zweifel ist zu fragen, was die Prinzipien dieses modern und liberal genannten Staates sind, und wie sich diese von einer x-beliebigen Theologie qualitativ unterscheiden.

Doch werden unter den theologischen Argumenten nicht nur eine dezidiert theologische Sichtweise abgehandelt, sondern auch die (durchaus durch die christliche Tradition geprägte) Sichtweise des Embryonenschutzgesetzes, nach dem ab dem Verschmelzen von Spermium und Eizelle ein besonderer Schutz gilt, es sich schon um menschliches Leben handelt.

Die Autoren der Stellungnahme argumentieren mit der Fähigkeit zur Empfindung und unterstellen so einen Unterschied zwischen der befruchteten Eizelle und dem geborenen Menschen. Dabei weichen sie ganz geschickt schnell wieder auf das Thema der Relevanz von Religion für ein religiös heterogenes Allgemeinwesen aus und stellen fest, daß religiöse Ansichten, die Embryonen als heilig verstehen keine Allgemeingültigkeit beanspruchen können. Was die Autoren jedoch unterlassen ist, sich z dem Problem zu äußern, das nun entsteht: Denn nimmt man wie sie die Empfindungsfähigkeit zum Kriterium, so stellen sich umfangreiche neue Probleme. So sind manche Tiere zu Empfindungen in der Lage, Menschen unter bestimmten Umständen aber nicht. Das geht los bei der örtlichen Betäubung beim Zahnarzt, über bestimmte Krankheitsbilder mit Taubheit oder fehlendem Schmerzempfinden bis zu Komapatienten. Prof. Dr. Metzinger, der Mitglied der Ethikkommission ist und somit den Text mit verfaßt hat, wies in der Vorlesung, die ich bei ihm besuchte des öfteren auf solche und ähnliche Probleme hin, so daß ich mich frage, wieso diese Problemstellungen hier unter dem Tisch landen, und das Ganze unter „theologisch“ abgehandelt wird, wo die Frage nach den Kriterien, wie wir menschliches Leben definieren, auch ganz untheologisch problematisiert werden kann.

Zieht man dies alles in Betracht, so kann ich nicht sagen, daß es tatsächlich „[b]ei unvoreingenommener Betrachtung […] offensichtlich [ist], dass man […] menschliche Embryonen […] nicht auf eine Stufe mit menschlichen Personen stellen kann.“ (Stellungnahme, S. 3).

In der Tat scheint es mir so zu sein, daß ein Verständnis, bei dem menschliches Leben mit der Verschmelzung von Spermium und Eizelle beginnt, einen praktischen Vorteil hat gegenüber einem auf der Empfindungsfähigkeit basierenden Verständnis. Ersterer ist klarer zu umreißen als der Letzte. Sicherlich hat ein solches Verständnis dann auch Auswirkungen auf die Bewertung bestimmter Gesetze, die den Schutz des menschlichen Lebens ab dem Zeitpunkt der Verschmelzung relativieren. Darüber müßte in dem Fall neu nachgedacht werden, wo sich das „christliche“ Verständnis (wobei es um den Inhalt geht, nicht darum, daß zufällig die Christen dem zustimmen) nach einer Prüfung tatsächlich als besser geeignet herausstellen sollte. Diese Überprüfung wäre zu führen. Dies unterläßt die Ethikkommission wie gesagt, was ich bedauernswert finde.

2. Existentielle Argumente

Hier treffen wir wieder auf den alten Freund, die Empfindngsfähigkeit. Da diese fehlt, kann ein Embryo ach kein „aktuales Lebensinteresse“ haben, so lernen wir. Darüber hinaus sollen wir lernen, daß auch ein „potentielles Lebensinteresse“ nicht tangiert werde, da es „gar nicht erst zur Entstehung von ‚Interessen‘ bzw. ‚verletzbarem Leben‘ kommt.“ (Stellungnahme, S. 4). Interessant finde ich daran, daß die Potenz über das Stadium der Potenz hinauswachsen muß zu einem konkreten Leben, um ein potentielles Lebensinteresse haben zu können. Das bedeutet im Klartext, daß die Autoren mit „potentiellem Lebensinteresse“ das Interesse eines kompletten Menschen meinen, der potentiell leben will. Das Interesse eines potentiell existierenden Menschen an seinem Leben wird nicht in den Blick genommen, denn dieser Mensch existiert ja nicht. Ich halte es für wichtig, das festzuhalten (schon um mir selbst Klarheit über die benutzte Begrifflichkeit zu verschaffen).

Dies setzt nun aber wieder ein Verständnis von menschlichem Leben voraus, das von dem traditionell-christlichen Verständnis abweicht. Daß die Ethikkommission der gbs das christliche Verständnis nicht teilt, wurde schon vorher klar. Jedoch wird mit diesem Punkt die Frage dringlicher, ob als Kriterium die Empfindungsfähigkeit herhalten soll, ob sie dies kann und ob das auch gut so ist. Wie gesagt fehlt die Erörterung der Frage, wo menschliches Leben anfängt, wenn nicht mit der Verschmelzung von Samen- und Eizelle. Wie gesagt scheint mir diese pragmatischer als das Kriterium der Empfindungsfähigkeit. Es sind auch andere Kriterien für das Menschsein denkbar. Doch die Ethikkommission gibt keine Butter bei de Fische, sondern geht unausgesprochen von einem Kriterium aus, das sie nicht begründet (man ist fast geneigt, an Dogmatismus zu denken, bedürfen doch Dogmen im römisch-katholischen Umfeld auch keiner Begründung als alleine der, daß sie Dogmen sind).

3. Pragmatische Argumente

Unter den pragmatischen Argumenten fassen die Autoren die Fragen nach den Grenzziehungen: Wenn bestimmte Anlagen Grund für den Ausschluß eines Embryos sind, wie kann man die Anlagen dann abgrenzen? Wie bewertet man genetische Defekte? Was ist in Fällen, in denen es nicht klar ist, ob eine Krankheit ausbrechen wird etc…

Die Antwort der Autoren lautet: Keine Beschränkungen. Keine Kataloge von Gendefekten. Eine durchaus einfache und folgerichtige Antwort. Hat man einmal entschieden, daß man die Erbanlagen seines Nachwuchses bewertet nach gut und weniger gut, dann ist es widersinnig, diese Hierarchisierung von Erbanlagen an eine Stelle abzubrechen und ab da alles für gut zu befinden. Die PID ist entweder als positiv oder als negativ zu bewerten. Bewertet man sie positiv, dann komplett, bewertet man sie negativ, dann ebenso komplett. Alles andere mag als politischer Kompromiß durchgehen, schlüssig scheint es mir nicht.

Die Autoren führen weiter aus, daß in Ländern, die PID bisher zugelassen haben, der „Single-Embryo-Transfer“ sich durchsetzt. Dabei werde nur ein Embryo eingepflanzt und zwar derjenige mit den besten Entwicklungschancen. Die Autoren schließen mit der Feststellung, daß nicht einzusehen sei, warum diese Praxis in Deutschland nicht möglich sein sollte.

Dabei vereinfachen die Autoren wieder. Denn natürlich gibt es auch Gründe gegen die Auswahl eines einzigen Embryos. So ist trotz auch bei genetisch unauffälligen Embryonen eine hohe Chance gegeben, daß diese eben nicht heranwachsen und geboren werden. Deshalb werden oft (wenn nicht immer) mehrere Embryonen eingesetzt, m die Chance zu erhöhen, daß einer wenigstens durchkommt. Dies bedeutet dann natürlich wiederum das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft. „[I]m Interesse der Mütter, für die jede Behandlung mit enormen physischen und psychischen Kosten verbunden ist“ (Stellungnahme, S. 4) ist also abzuwägen: Risiko der Mehrlingsschwangerschaft oder Risiko alles noch einmal durchmachen zu müssen um einen neuen Embryo zu gewinnen? Oder doch erst die bisherigen, minderwertigeren Embryonen aufbrauchen?

Am Ende wird es an den Eltern liegen, wie viel sie über sich ergehen lassen wollen, was sie zu investieren bereit sind, für das gewünschte Kind. Geht man davon aus, daß Embryonen lediglich eine Ressource sind, um zu einem Kind zu kommen, die keinen besonderen Schutz genießen, so ist den Autoren absolut Recht zu geben: Dann kann theoretisch jeder nach Gutdünken über die Embryonen verfügen. Interessant wird dann wohl bald sein, wem die Embryonen gehören, zu welchem Preis die Eltern Embryonen zur Forschung abgeben und dergleichen. Gehören die nicht eingesetzten Embryonen der Klinik oder den Eltern? Darf die Klinik Patente auf bestimmte Gene anmelden, die sie aus den Embryonen gewinnt? Haben die Eltern Gewinnansprüche, wenn mit ihren Embryonen irgendwelche Therapien entwickelt werden, die auch finanziell ein Erfolg werden? Dies sind Fragen, die heute noch Zukunft sind, die sich aber auftun, sobald der Embryo zur Sache erklärt wird.

4. Designerbabys?

Ähnlich gelagert wie das letzte Problem ist die Frage, ob es mit der Zulassung der PID nicht z einem Dammbruch kommt in Hinsicht auf Designerbabies. Interessanter Weise sind die Autoren nun nicht mehr konsequent: Haben sie im letzten Punkt noch für ein Aufheben sämtlicher Grenzen plädiert, so ist nun die Rede von „vernünftige[n] ethische[n] Regelungen“ (Stellungnahme, S. 5). Ich frage mich, warum. Denn wieso sollten Eltern, die über das Nichtvorhandenseins eines offenen Rücken beim Kind entscheiden, oder über das Nichtvorhandensein irgendwelcher Gene, die Krebs, Diabetes oder was auch immer begünstigen, nicht entscheiden können, ob das Kind blaue oder grüne Augen hat? Welchen Schaden hätte die Gesellschaft, wenn es irgendwann nur noch Grünäugige gäbe? Oder liegt die Angst in einem angenommenen staatlichen oder gesellschaftlichen Druck begründet? Eine Gesellschaft oder ein Staat, dem man nicht unterstellt, daß er Kinder oder Eltern diskriminiert oder schlechter stellt, weil sie eine Behinderung haben bzw. sich nicht gegen Embryonen mit bestimmten Anlagen entschieden haben, dem kann man ach nicht unterstellen, daß er eine Pflicht zum blauäugigen Kind einführt, oder eine Pflicht für bestimmte sportliche Anlagen, die etwa einem Militarismus oder sonst etwas dienen könnten.

Auch wenn die Autoren hier eine Unterscheidung einführen wollen: PID ermöglicht die Aussortierung nach allen Anlagen, die durch die Gene bestimmt werden. Läßt man sie zu, so läßt man auch automatisch die Selektion nach Augenfarbe zu.

Man muß sich entscheiden: Entweder man will die Diskussion über Einschränkungen der PID und verschont die Paare nicht davon, oder man läßt die Diskussion bleiben, weil man schon die Überzeugung hat, daß in einer liberalen und modernen Gesellschaft die Eltern die Freiheit haben, über mögliche Anlagen ihrer Kinder zu entscheiden. Das beinhaltet dann jedoch Augenfarbe sowie Erbkrankheiten, denn es gibt keine einleuchtende Grenzziehung: Beides wird durch die Gene bestimmt (wo dies nicht der Fall ist, ist es nicht Gegenstand der PID und somit hier unwichtig).

Da nun aber scheinbar bei den Autoren der Gedanke vorhanden zu sein scheint, daß es eben im Falle der Designerbabies doch Regelungsbedarf geben könnte, stellt sich mir die Frage,  ob dies nicht auch bedeutet, daß sie eigentlich der PID allgemein kritisch gegenüberstehen und lediglich aus politischen Gründen, vielleicht um sich von den Kirchen, vor allem der römischen Kirche, abzugrenzen, ein feststehendes Ergebnis zu untermauern suchen, vielleicht gar ohne sich dessen bewußt zu sein. Denn sonst hätten sie den Widerspruch darin erkennen müssen, daß sie bei den Designerbabies Bedenken haben.

5. Retterkinder

Der fünfte Einwand gegen PID, den die Ethikkommission auflistet, betrifft die sogenannten Retterkindes. So könnten im Falle einer Erkrankung eines bereits lebenden Kindes Kinder geboren werden, die als Zellspender für ihre älteren Geschwister dienen können. Wie zu erwarten sieht die Ethikkommission darin kein Problem, was wiederum konsequent ist. Denn wenn man sein Kind nach Eigenschaften wie Erbkankheiten oder deren Fehlen auswählen kann, dann doch auch nach genetischer Verträglichkeit mit den Geschwistern, oder einem anderen Menschen, der vielleicht gerettet werden soll.

Interessant finde ich hier , daß die Ethikkommission nicht bedenkt, daß es bei der künstlichen Befruchtung und in Folge der PID bisher nur um Eltern ging, die nur so ein Kind kriegen können. In dem Falle, daß schon ein Kind da ist, ist in der Regel davon auszugehen, daß die Eltern keine künstliche Befruchtung machen würden, um ein Kind zu kriegen. Wie bereits erwähnt handelt es sich hierbei um einen langwierigen, belastenden Prozess, der nur geringe Erfolgsaussichten bietet. Schon daher ist nicht zu erwarten, daß Eltern zur PID greifen, um ein Retterkind zu zeugen. Die Chancen, daß das Retterkind tatsächlich und rechtzeitig kommt, um das kranke Kind zu retten, sind minimal.

Die Stellungnahme geht, was ich auch sehr interessant finde, darauf ein, ob ein Kind „bloß als Mittel zu fremdnützigen Zwecken gebraucht“ (Stellungnahme, S. 5) wird, oder ob dies unter anderem geschieht. Sicher, man kann niemandem unterstellen, daß er nur um Kind A zu retten Kind B bekommt, Kind B ist ja selbst auch Kind seiner Eltern und kann von daher im Normalfall (hoffentlich) mit Liebe und Anerkennung um seiner selbst willen rechnen. Jedoch finde ich es interessant, daß die Instrumentalisierung eines Menschen hier so nebenläufig als hinnehmbar darstellt, ohne dies weiter zu diskutieren. Auch wenn das Kind nicht lediglich Instrument zur Genesung des anderen Kindes ist, so wird es doch instrumentalisiert in diesem einen speziellen Fall.

Spannend ist nun, daß die Ethikkommission eine Güterabwägung macht zwischen dem mutmaßlichen Willen des Retterkindes und der Genesung des kranken Kindes. Das Problem liegt darin, daß das Retterkind zur Zeit der Gewebeentnahme nicht selbst entscheiden kann, ob es dieser zustimmt. Die Eingriffe sind ja durchaus mit Schmerzen und Streß verbunden. Also müssen die Eltern entscheiden. Jedoch scheint mir hier die Güterabwägung kein geeignetes Mittel zu sein. Man entscheidet frei über des Wehe eines Menschen zum Wohle eines anderen Menschen. Wären solche Güterabwägungen vertretbar, so müßte es auch vertretbar sein, Komapatienten, die ebenfalls keine Entscheidung treffen können, Gewebe zu entnehmen, um andere Menschen zu retten. Es sei denn man bewertet die körperliche Unversehrtheit der Komapatienten höher als das Leben der Kranken. Dann muß jedoch klar genannt werden, nach welchen Kriterien die Komatösen nicht als Gewebespender genutzt werden, während man gleiches bei einem kleinen Kind macht.

Mir geht es hier nicht darum, Eltern anzugreifen, die sich für ein Retterkind (ob mit oder ohne PID) entscheiden. Mir geht es lediglich darum aufzuzeigen, welche Konsequenzen die Denkrichtung der Ethikkommission hat, hält man sich an ihre Aussagen.

Abschließend weist die Ethikkommission darauf hin, daß das Problem umgangen werden könne durch die Zulassung von Therapien mit embryonalen Stammzellen, da diese Stammzellen „weder Freude noch Schmerz [kennen] und […] somit bei den Maßnahmen zur Heilung des erkrankten Familienmitglieds nicht in Mitleidenschaft gezogen werden [könnten].“(Stellungnahme, S. 5)

Komischerweise empfiehlt die Ethikkommission hier also, auf zukünftige Forschungserfolge zu vertrauen (oder wurde schon eine Leber oder andere transplantierfähige Gewebe im Labor hergestellt aus Stammzellen? Mir ist dergleichen bisher nicht zu Ohren gekommen.). Wir erinnern uns: Dieses Spekulieren mit der Zukunft und zukünftigen Möglichkeiten und Problemen hat die Ethikkommission vorher, als es um die Designerbabies ging, mit dem Hinweis abgelehnt, man dürfe heutige Eltern nicht damit belasten, daß man in Zukunft vielleicht Augenfarbe, Sportlichkeit oder Intelligenz bestimmen kann. Wieso aber weist man nun auf die in Zukunft unter Umständen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten hin
, die gar nicht gesichert sind. Kein Mensch weiß, ob wir jemals soweit kommen, im Labor transplantierbares Gewebe aus embryonalen Stammzellen herzustellen. Trotzdem soll die Forschung damit erlaubt werden. Diese Denkweise ist inkonsequent: Entweder man bezieht zukünftige Möglichkeiten mit in das Denken ein, dann aber auch zukünftige Gefahren. Oder aber, man bezieht beides nicht ein.

Die Forderung nach einer Veränderung (wieso nicht ganz abschaffen?) des Embryonenschutzgesetzes bedarf nach dem in der Ethikkommission scheinbar gängigen Kriterium für Empfindungsfähigkeit (auf die ja schon mehrfach Bezug genommen wurde, um den Unterschied zwischen Embryo und geborenem Menschen zu betonen) sowieso keiner weiteren Begründung mehr. Wenn Embryonen empfindngslos sind, Empfindungsfähigkeit aber das Kriterium für Menschsein ist, dann sehe ich keinen Grund mehr für ein Embryonenschutzgesetz. Denn Embryonen sind dann Sachen wie Fahrräder, Hausboote oder Küchenmesser. Sie sind Ressourcen in der Biotechnologie und werden dementsprechend benutzt.

6. Herabsetzung von Behinderten

Hier läuft die Argumentation so:

  1. Ärzte und Eltern wollen eine Krankheit vermeiden, vermeiden jedoch ein krankes Kind (die ehrlichste Aussage von Seiten der PID-Befürworter, die ich bisher gehört habe).
  2. Trotzdem wird dem kranken Embryo nichts vorenthalten, weil er weder Interessen noch Empfindungen hat, er ist eben ein Ding, kein Mensch.
  3. Daß die objektiven Defekte der Behinderten für die werdenden Eltern eine wahrscheinliche Quelle subjektiven Unglücks darstellt, begründet keine Freiheitseinschränkung der Behinderten.
  4. Eine verrohte Gesellschaft aufgrund des Zulassens der PID ist unwahrscheinlich, weil auch Abtreibungspraxis und PND (Pränataldiagnostik) diese Schlüsse auch nicht zuließen.
  5. Daher ist die Wahl des gesunden Embryos nicht mit einer Diskriminierung der Behinderten verknüpft.
  6. Vernichtung genetische defekter Embryonen hängt mit Diskriminierung Behinderter so zusammen wie Impfung gegen Kinderlähmung etwas mit der Diskriminierung an Kinderlähmung erkrankter Menschen zu tun hat.

Es gibt hier mehrere Punkte, an denen ich etwas auszusetzen habe. Ich beginne von hinten:

Zwar wird auch gesagt, daß Vertreter einer rationalen und humanistischen Sichtweise für eine Unterstützung Behinderter und Kranker eintreten, jedoch nicht für eine Unterstützung von Krankheit und Behinderung (schön zu sehen, daß sie hier zumindest oberflächlich dem christlichen Beispiel folgen), aber bei der Gleichsetzung von der Aussortierung kranker Embryonen mit der Prophylaxe gegen eine Krankheit bei allen zeigt sich, daß hier doch nicht so klar zwischen Krankem und Krankheit unterschieden wird. Denn während sich die Impfung alleine gegen die Krankheit richtet, richtet sich die Aussortierung nicht nur gegen die Krankheit, sondern auch gegen den Träger der Krankheit. Sicherlich wird das Ganze dadurch entkräftet, daß man Embryonen verdinglicht, indem man die Grenze zum Menschsein an der Empfindungsfähigkeit festmacht, trotzdem sollte man auch hier so ehrlich wie weiter oben sein und zugeben, daß man sich im Zweifel auch gegen den Kranken (Embryo, der zu einem Kind werden könnte) entscheidet, und nicht nur gegen die Krankheit.

Die Aussage, daß die Wahl eines gesunden Embryos keine Behinderten diskriminiert (bei mir oben Punkt 5) wird nicht ausgeführt. Es wird lediglich gesagt, daß keine Freiheitsrechte tangiert werden (Punkt 3). Doch handelt es sich bei Diskriminierung ja nicht um die Einschränkung von Freiheitsrechten, sondern um mangelnde Toleranz. Diskriminierung ist selbst durch Freiheitsrechte geschützt, namentlich durch die Redefreiheit und Meinungsfreiheit. So kann jeder Dorfbewohner die Städter für weltfremd halten, und jeder Städter die Dörfler für rückständig. Doch auch wenn Diskriminierung in diesem Rahmen geschützt ist, wissen wir, daß sie nicht gut ist für den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Und deshalb ziehen wir gesetzliche Grenzen in bestimmten Gebieten. Etwa beim Arbeitsrecht, wo ein die Zugehörigkeit zu einer Ethnie etwa kein Ausschlußgrund sein darf für eine Arbeitsstelle und dergleichen mehr. Hier geht es aber um den Schutz individueller Rechte. Bei der PID geht es um den Schutz von Rechten einer Gruppe. Da sind wir in Deutschland sensibler als in anderen Ländern, etwa wenn es um die Diskriminierung der Gruppe der Juden geht.

Mal angenommen, es gäbe das Sarazinsche „jüdische Gen“. Wenn nun Eltern durch PID alle Embryonen mit „jüdischen Genen“ ausschließen würden, worin unterscheidet es sich vom Ausschließen aller Embryonen mit einem Gen, das ein bestimmtes Gebrechen wahrscheinlich macht? Die Embryonen selbst haben ja weder Empfindungen noch Interessen. Ihnen gehen also keine Freiheitsrechte verloren, nach Ansicht des Ethikrates. Und man müßte auch bei der Auswirkung auf die Gesellschaft genauso davon ausgehen, daß ein Ausschluß des als existierend angenommenen „jüdischen Gens“ keinen Einfluß auf den Umgang mit Juden, also Menschen, die dieses angenommene „jüdische Gen“ in ihrem Erbgut haben, ausüben wird.

Trotzdem nehme ich an, daß die meisten Menschen, auch solche, die sich rational-humanistisch nennen, Vorbehalte hätten bei der Aussortierung der „jüdischen Gene“. Man könnte einwenden, daß es dieses „jüdische Gen“ gar nicht gib und in der Tat, es existiert nicht. Doch existieren andere Eigenschaften neben der Zugehörigkeit zur israelitischen Kultusgemeinde (Vorsicht, das hat nix mit dem Staat Israel zu tun), die zur Diskriminierung dienen können und die tatsächlich in Genen nachweisbar sind. Das Label „jüdisch“ dient mir lediglich dazu aufzuzeigen, wohin die Reise gehen könnte mit der Argumentation. Ich halte die Diskriminierung für durchaus gegeben und ich denke daß es durchaus auch schon zu einer Veränderung in der Gesellschaft gekommen ist (gegen Punkt 4), wenn man bedenkt, daß Eltern davon berichten, sie werden schief angesehen, wenn sie Kinder mit Trisomie 21 zur Welt bringen. Schließlich kann man sowas ja dank PND und Spätabtreibung verhindern. Mir kommt es so vor, als ob die Mitglieder des Ethikrates hier nicht ganz ehrlich sind. Unter Umständen bräuchte es eine Studie, m die Frage zu klären, ob es sich hier um Mythen handelt oder ob Eltern von behinderten Kindern tatsächlich mit solchen Aussagen konfrontiert werden. Jedenfalls besteht Diskussionsbedarf, die Sache ist nicht so einfach, wie der Ethikrat darstellt.

Das einzig folgerichtige an diesem Abschnitt ist die Aussage, daß die Embryonen nicht diskriminiert werden, weil sie wie schon mehrmals erwähnt als Dinge angesehen werden.

Eine Sache ist jedoch klar: Es handelt sich durchaus um die Bewertung von menschlichem Leben. Dazu sollten die Befürworter der PID stehen. Denn es geht ja nicht um die Embryonen, es geht immer um das fertige Kind. Und dies ist Grundlage der Entscheidung. Und ein Kind mit Anlagenset A wird als wertvoller angesehen als ein Kind mit Anlagenset B. Ob das Bewertungskriterium nun eine mögliche Behinderung, die Augenfarbe oder der zu erwartende IQ ist spielt keine Rolle. Die Embryonen werden bewertet aufgrund ihrer zu erwartenden Performance als Menschen. Damit wird ein Werturteil gefällt über die fraglichen Erbanlagen. Und die teilen auch lebende Menschen.

PID nur für Reiche

Im ersten Teil der Stellungnahme machen die Autoren darauf aufmerksam, daß ein Verbot der PID lediglich für ärmere Bürger effektiv wäre, da reiche Bürger die PID im Ausland durchführen könnten. Ginge man nach dieser Argumentation, müßte man viele Verbote abschaffen. Reiche können nach Kalifornien fahren und sich ein Rezept für Marihuana ausstellen lassen, und so konsumieren, was hier verboten ist. Sterbewillige könnten in der Schweiz oder den Niederlanden weitreichendere Hilfe für ihr Sterben bekommen als hier in Deutschland. Auch bei Abtreibungen würde sich sicherlich ein Land finden. Und wer keine Steuern zahlen will geht seit jeher in die Schweiz oder andere Länder mit starkem Bankgeheimnis.

Folgt man also der Argumentation, müßte man auch Marihuana legalisieren sowie Sterbehilfe zulassen und die Steuer zu einem freiwilligen Beitrag umwandeln. Es wird immer Menschen geben, die durch ihren Reichtum einer gewissen Restriktion in einem Land durch Ausweichen auf ein anderes Land entkommen können. So tun es beispielsweise auch rechtsradikale Webseiten. In Kanada und den USA genießen sie Verfolgungsfreiheit, weil dort Volksverhetzung durch die Freiheitsrechte geschützt wird. Auch das müßte man konsequenterweise zum Anlaß nehmen, das Verbot der Volksverhetzung abzuschaffen, da Menschen, die in der Lage sind in den USA eine anonyme Homepage zu erstellen (nicht jeder kann genug Englisch oder kennt sich mit IT soweit aus, um eine Homepage anzumelden), sonst bevorzugt werden wie eben die Reichen im Falle der PID bevorzugt wären. Es sollte deutlich werden wie unsinnig dann noch staatliche Regulierung ist. Letztendlich dürfte man keine Gesetze mehr erlassen, weil alles anderswo anders ist.

PID und PND

Aufgrund der Möglichkeiten, die der Gesetzgeber durch die Zulassung der Pränataldiagnostik (PND) eröffnet hat, ist nach Meinung der Ethikkommision ein Verbot der PID „rational kam nachzuvollziehen“(Stellungnahme, S. 2). Die Argumentation ist, daß zwar PID verbrauchende Embryonenforschung darstellt, daß aber ein Fötus bis unmittelbar vor der Geburt abgetrieben werden kann, wenn per PND eine Behinderung festgestellt wird.

Nun ist eine solche Spätabtreibung zwar nicht ganz so einfach, es bedarf immer noch eines Arztes, der bescheinigt, daß die werdende Mutter starke psychische Folgen zu tragen hätte bei einem schwer behinderten Kind, aber die Argumentation der Ethikkommission bis hierher ist absolut schlüssig. Egal ob man Embryo und Fötus auf eine Stufe stellt oder nicht: Daß ein Embryo stärker geschützt wird als ein Fötus ist unlogisch.

Wobei man immer noch argumentieren könnte, daß es sich in dem einen Fall um die Bewertung verschiedener Individuen handelt von denen einer aufgrund der Gene bevorzugt wird, während es im anderen Fall darum geht, sich für ein konkretes Kind zu entscheiden oder nicht, aber das sind theoretische Gedankenspiele, die in der Praxis keine Relevanz haben, da es eben auch bei Eltern zu einer Spätabtreibung kommen kann, die keine psychischen Probleme hätten, wenn der Arzt unterschreibt.

Aufgrund dieser Unlogik sehen die Autoren der Stellungnahme jedoch nur eine Konsequenz, nämlich die Zulassung der PID. Auch Gegner der Abtreibung müßten sehen, daß zu erwarten wäre, daß die Abtreibungsquote durch eine Zulassung der PID sinken würde.

Dabei lassen die Autoren außer Acht, daß viele Abtreibungsgegner Christen sind und die Abtreibung eben deshalb ablehnen, weil Abtreibung für sie Tötung menschlichen Lebens bedeutet. Da dieses Leben nun aber mit der Verschmelzung von Spermium und Eizelle beginnt, zumindest nach Überzeugung vieler Christen, wären die Abtreibungsgegner bei einer zeitlichen Vorverlegung der Tötung sicher nicht umzustimmen.

Interessanter finde ich aber eine ganz andere Sache, die die Autoren außer Acht lassen: Daß scheinbar die Zulässigkeit der PND als sakrosankt angesehen wird. Sie ziehen sie nicht einmal ansatzweise in Zweifel, obwohl sie eingestehen, daß „manche Argumente für ein Verbot de PID intuitiv nachvollziehbar erscheinen“ (Stellungnahme, S. 2). Wenn die Ablehnung der PID aber nachvollziehbar ist, und die PND als noch schlimmer erkannt wird, wieso kommt man dann nicht zu dem Schluß, daß auch die PND abzulehnen ist? Sind die Kommissionsmitglieder so blind, oder werden doch nur Argumente für ein vorher feststehendes Ergebnis gesammelt?

Das Fazit der Kommission – die sog. „liberale Position“

Die Mitglieder der Ethikkommission schlagen vor, eine liberale Position einzunehmen und den mündigen Bürgern zu erlauben, was auch immer diese tun wollen, so lange es keine guten Gründe dagegen gibt.

Daraus leiten sie ab, daß zwar alle Menschen die Möglichkeit zur PID haben sollten, jedoch niemand dazu gezwungen werden darf.

Bei aller Liberalität schreiben sie jedoch einen Fall vor, in dem die Bürger nicht frei entscheiden dürfen: Nämlich wenn nach einer erfolgten PID ein „kranker“ Embryo eingepflanzt wird. Begründet wird dies damit, daß man, zum Wohle des Kindes, diesem optimale Startbedingungen geben müsse. Die Liberalität ist also nur eine scheinbare, denn PID darf demnach nur dann angewandt werden, wenn ein Kind produziert wird, das den Qualitätsanforderungen der Ethikkommission entspricht, und eben nicht „krank“ ist. Der Fall, daß Eltern gezielt ein behindertes Kind bekommen wollen, dürfte schon sehr außergewöhnlich sein. Jedenfalls außergewöhnlicher als die Veränderung der Gesellschaft durch Zulassung der PID, die von den Autoren ins Feld geführt wird im Abschnitt „Herabsetzung von Behinderten“.

Eltern, die eine Diskriminierung der Embryonen aufgrund der Gene ablehnen, sollen jedoch ein existierendes Verfahren nicht anwenden dürfen, wenn sie es nicht im gewünschten Sinne anwenden. So wäre es ja durchaus denkbar, daß ein Paar sich entscheidet, eben nicht aufgrund der PID einen Embryo auszuwählen – den Zwang zur PID lehnt ja auch die Kommission ab – sondern den Zufall entscheiden zu lassen wie bisher, dann aber, nach erfolgter Auswahl eine PID vornehmen lassen, um Gewissheit zu haben und sich im Zweifel in den 9 Monaten der Schwangerschaft sowohl psychisch als auch lebenspraktisch auf das zu erwartende kranke Kind vorzubereiten. Unter Umständen wären so auch verschiedene PND Untersuchungen überflüssig, weil man wüßte, was zu erwarten ist. Durch den Ausfall der PND würde dann in der Folge auch die Wahrscheinlichkeit erhöht werden, daß die Schwangerschaft erfolgreich verläuft und es zu keiner Frühgeburt o. Ä. kommt. Dies soll jedoch der Ethikkommission nach nicht sein, denn „kranke“ Embryonen (was „krank“ bedeutet wurde interessanterweise gar nicht diskutiert) sollen nicht gezielt eingepflanzt werden.

Mein Fazit

Ich habe versucht, einige Punkte, die mir fraglich vorkommen, darzulegen und auszuführen, wo ich Probleme und Unklarheiten sehe. Das Papier der Ethikkommission der Giordano-Bruno-Stiftung macht auf mich nach der Untersuchung den Eindruck eines eloquenten, aber schwammigen Papiers, das eine vorgefasste Meinung untermauern soll, ohne sich ernsthaft mit der Kritik an der PID oder den Konsequenzen der eigenen Haltung auseinanderzusetzen. Die behauptete „rationale Unzulänglichkeit“ (Stellungnahme, S. 3) trifft noch viel mehr auf die Stellungnahme selbst zu, als auf die aufgenommenen Argumente der Gegner. Eine Auseinandersetzung mit den Folgen der eigenen Position findet nicht statt, obwohl dies an vielen Punkten nötig wäre. Dabei wird die Grundlage der eigenen Entscheidung nicht explizit genannt: Im ganzen Text findet sich keine Definition dessen, was im Gegensatz zum Zeitpunkt der Befruchtung als Beginn des menschlichen Lebens begriffen werden soll. Setzt man implizit die Empfindungsfähigkeit voraus, so würde dies ebenso zu Problemen führen wie auch die traditionell-christliche Definition von Lebensanfang.

Alles in allem ist die Stellungnahme unbefriedigend und nicht höher zu werten als eine x-beliebige, unbegründete Meinung.

Was die PID angeht, so wird die Zulassung, so befürchte ich, wohl kommen. Denn die Politik folgt nicht rationalen Gründen, sondern Emotionen, und in letzter Zeit scheint mir die Stimmung im Land vor allem für Mitgefühl mit den kinderlosen Eltern einzutreten. Konsequenzen werden wie bei allen Emotionen eher ausgeblendet.

Was ist zu tun? Ich denke, man muß vor allem auf die Verantwortung aufmerksam machen, die mit der Verfügbarwerdung dieser neuen Möglichkeit einhergeht. Denn wie bei allen neuen Möglichkeiten, gehen diese mit neuen Verantwortungen einher. Wenn man also PID einsetzen will, zu welchem Ziel auch immer, sollte man sich vor allem Gedanken machen, was die Konsequenzen sind und ob man sie tragen will. Und dann sollte man entscheiden.