Gesellschaft

Verantwortung

Ask not, what your country can do for you,ask what you can do for your country.

John Fitzgerald Kennedy
35. US-Präsident

Ich habe diesen Artikel ja schonmal angekündigt. Jetzt ist er dran. Damals schrieb ich, daß die Verantwortung die Grenze für die Toleranz bildet. Jeder Mensch toleriert nur das, was er verantworten kann. In einem älteren Artikel zitierte ich einen alten Lehrer von mir, der – IMHO zu Recht – die Verantwortung als Maßstab für die Freiheit nannte. Freiheit ist nur insofern gut, als daß eine ebenso große Verantwortung damit einhergeht.

Hier soll es nun um die Verantwortung gehen, und wie sie mit Freiheit und Toleranz interagiert.

Beim Nachdenken über diesen Artikel fiel mir auf, daß überall, wo von Freiheit die Rede ist, auch von Verantwortung gesprochen werden kann: Luther übernahm die Verantwortung für seine Ansichten und sein Handeln vor Gott und sprach damit der damaligen Kirchenhierarchie ab, bestimmte Dinge für ihn zu entscheiden. Die Eigenverantwortung vor Gott brachte ihn quasi dazu, Papst und Kaiser zu widersprechen, und das durchzuhalten.

Spätere Freiheitsbestrebungen kann man durchaus so verstehen, daß die Völker, die gegen ihre Monarchen aufbegehrten, die Verantwortung für ihre Staatsordnung selbst übernehmen wollten. Man versuchte so gesehen also, den Monarchen von seiner Verantwortung für das Land zu entbinden. In den meisten Fällen wohl aus dem Grund, weil die Monarchen ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden, sondern in die eigene Tasche wirtschafteten.

Kant weist mit seiner Definition der Aufklärung in eine ähnliche Richtung:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Er beschreibt die Unmündigkeit als Unvermögen, sich ohne Leitung durch andere des Verstandes zu bedienen. Man könnte wohl auch sagen: Man ist unmündig, wenn man nicht in der Lage ist, Verantwortung für sich, sein Denken und seine Taten zu übernehmen. Wenn Aufklärung die Freiheit des Menschen zum Ziel hat, dann gehört dazu auch, selbst Verantwortung zu übernehmen. Man könnte provokant formulieren:

Du willst Freiheit? Dann übernimm Verantwortung!

Doch bei Kant kann man auch eine andere Alternative raushören. Es ist nämlich durchaus die Möglichkeit gegeben, daß der Mensch keine Verantwortung übernimmt. Kant spricht einerseits von den Mutlosen, als auch vom Mangel an Verstand. Wer keinen Verstand hat, kann sich dessen nicht bedienen. Und wer, wieso auch immer, den Mut dazu nicht hat, ebenso.

Ich stelle mir die Frage, was mit solchen Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaft passiert? Einer Gesellschaft, die die Freiheit voraussetzt, und damit auch die Verantwortung? Muß es nicht zu Problemen kommen, wenn Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen, diese trotz allem aufgehalst bekommen? Muß es die Option geben, Freiheit (und damit auch Verantwortung) abzulehnen?

Ich meine, man kann niemandem Freiheit verordnen, denn dazu müßte derjenige auch die entsprechende Verantwortung übernehmen (können). Darin sehe ich auch einen Hauptgrund, wieso das mit dem Nationbuilding nach westlichem Muster sowohl im Irak als auch in Afghanistan schief gelaufen ist. Und auch in Ägypten spielt es wohl eine Rolle. Daneben gibt es noch die militärische Komponente, die in diesem Artikel zu kurz kommt. Denn Verantwortung zu übernehmen ist die eine Sache, sie zugesprochen zu bekommen eine andere.

Ich meine, man kann nur einzelnen Menschen anbieten, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Und sind es genug, die dies für sich entschieden haben, werden sie auch auf dem einen oder anderen Weg danach streben, die damit verbundenen Freiheiten in der Gesellschaft zu etablieren.

Je mehr ich drüber nachdenke ärgern mich diese absoluten Positionen: Entweder freie Gesellschaft oder Abhängigkeit vom Regime. Zumal es ja Menschen gibt, die durchaus in Abhängigkeit leben (müssen), weil sie keine Verantwortung übernehmen (können). Ich denke hier vor allem an Kinder (in verschiedenen Abstufungen nach Alter und Entwicklung), geistige Behinderungen und Komapatienten.

Als ich meine Examensarbeit schrieb, fiel mir auf, daß staatliches Bevormundungsdenken früher zu Kaisers Zeiten wohl auch im Sinne einer Fürsorge verstanden wurde. Man war der Ansicht, die Obrigkeit müsse die Verantwortung für das Volk (oder bestimmte Teile desselben) übernehmen. Ich konnte dem, bei aller Ablehnung, auch einen positiven Aspekt abgewinnen. Nämlich, daß niemand sich selbst überlassen werden sollte. Welch Unterschied zu heutigen Konservativen (ist die SPD auch konservativ?), die eigentlich liberal denkend den Menschen eine Eigenverantwortlichkeit verordnen wollen, weil der Staat seiner Verantwortung, die Renten zu zahlen, nicht nachkommen kann oder will.

Um nochmal zu den Freiheitsbestrebungen der Aufklärungszeit zurückzukommen: Die ergeben ja nur da Sinn, wo der Monarch die ihm verliehene Verantwortung mißbraucht. Der gute König sorgt für seine Untertanen. Tut er das nicht, hat er kein Recht mehr auf sein Amt, das in der Verantwortung begründet sein soll, nicht in der Selbstbereicherung. Da der Mensch die Selbstbereicherung mehr liebt als die Verantwortung, ist die Monarchie wie alle anderen absoluten Regierungsformen abzulehnen.

Übrigens: Meine Examensarbeit schrieb ich über Adolf Stoecker, der wohl auf ähnlichen Gedanken fußend sogar die Sozialdemokraten (wohlgemerkt die des 19. Jhd.) als Liberale bezeichnete.

Den Gegenpol zu diesen „Liberalen“ bildete dann etwa kirchliche Fürsorgearbeit, die sich der Menschen annahm, die Angenommenen dann aber auch bevormundete. Zum Glück sind wir heute davon weg. Naja, im Idealfall wenigstens.

Wo auf der einen Seite die Bevormundung das Problem ist, steht auf der anderen Seite die Überforderung.

Denn ohne selbst Verantwortung zu übernehmen ist man auch nicht frei. Man wird dann, je nach Kontext zum Stimmvieh oder zur Konsummasse. Umgekehrt gipfelt Verantwortung zu übernehmen, ohne die dazu nötige Freiheit zu haben, in Bevormundung und Unterdrückung.

Und während das erstere durchaus ein Problem unserer Gesellschaft ist (Stimmvieh läßt sich wunderbar von Meinungsführern dirigieren), ist das letzte eher ein Problem repressiver Staaten. Dieses Problem wurde historisch oft durch Freiheitskriege oder Revolutionen gelöst.

Ich frage mich, ob es eine Möglichkeit geben kann, daß Bürger Verantwortung (und damit bestimmte Freiheiten) abgeben können, indem sie sagen: „Ich kann das nicht, soll sich wer drum kümmern, der sich auskennt.“ Dann müßten sie mit den Konsequenzen leben. Es stellt sich wieder das Problem der Bevormundung. Mir scheint, daß sowohl die repräsentative Demokratie (nur wer sich aufstellen läßt kann gestalten, wenn er gewählt wird, reine Wähler nicht) als auch die Liquid Democracy Versuche sind, das Problem zu lösen. Ne direkte Demokratie scheint mir dagegen wieder in Richtung Aufdrängung einer womöglich nicht gewollten Freiheit zu gehen, aber das ist nur ein erster Eindruck.

Nachdem nun das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung weitgehend dargestellt ist, wie war das nochmal mit der Toleranz?

Dazu nochmal zu den Fürsten. Die tolerierten ja in ihrer Mehrheit nicht die Freiheitsbestrebungen ihrer Untertanen, unabhängig davon, ob diese nun Verantwortung übernahmen oder nicht.

Und das mußten die Fürsten selbst verantworten. Manche wanderten dafür auch auf die Guillotine. Heißt das nun, daß man Nazis marschieren lassen soll, weil sie sonst gewalttätig wären?

Nun ja, die Frage muß sich jeder selbst beantworten. Eine eindeutige ethische Antwort wird es wohl nicht geben. Wenn zwei Parteien für sich sowohl Verantwortung übernehmen als auch die damit verbundene Freiheit ausleben, kann dies zu ziemlichen Konflikten führen. Denn während die meisten Leute wohl davor zurückschrecken würden, die Verantwortung dafür zu übernehmen, daß bürgerliche Freiheiten wie das Versammlungsverbot ausgehölt werden, interessieren sich andere gar nicht für solche Freiheiten, ja heißen deren Aushöhlung vielleicht gut.

Es ist auch nur ne Scheinlösung, daß man die Freiheit der anderen respektieren soll und die eigene Freiheit an der Freiheit der anderen aufhört. Wenn ein Kind mit dem Feuer spielt, greife ich ein. Wenn derjenige, der (auch im übertragenen Sinn) mit dem Feuer spielt, dann denke ich, sollte ich auch eingreifen, seine Freiheit einschränken und die Verantwortung dafür übernehmen. Bonhoeffer beteiligte sich an der Planung eines Hitlerattentats. Er war sich dessen bewußt, daß das, was er tat, eigentlich falsch war, und tat es trotzdem, weil das andere falscher gewesen wäre. Er trug die Konsequenzen. Am 9. April 1945 wurde er im KZ Flossenbürg aufgehängt. Angeblich war der Lärm der Front schon zu hören.

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 06.09.2012

Heute geht es um das Thema Freiheit. Die Tageslosung lautet:

Der Engel des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus (Ps. 34, 8)

Zum Thema „Furcht vor Gott“ habe ich schon hier ein bisschen was geschrieben. Deshalb soll es darum heute nicht gehen.

Gott hilft denen heraus, die ihn fürchten. Mit diesen Worten bringt der Beter des Psalms tiefes Vertrauen zum Ausdruck. Es ist Vertrauen, das auf Erfahrungen in der Vergangenheit beruht, wie die Verse 5 und 7 zeigen.

Der Lehrtext lautet:

Der Engel des HERRN kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum, und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. (Apg 12,7)

Gottes Handeln, bzw. das seines Boten, wird hier als befreiend geschildert.

Hast du schonmal solche Erfahrungen gemacht? Wenn ja: Hat sich danach was verändert? Was hat sich verändert?

Zum Thema „Freiheit“ heißt es im Hebräerbrief:

„Christus hat die befreit, die durch die Furcht vor dem Tod ihr Leben lang der Knechtschaft verfallen waren“ Hebr 2, 15.

Darauf bezogen schreibt Gregor von Nazianz:

In der Gestalt eines Sklaven steigt er (gemeint ist Christus) zu seinen Mitsklaven herab. Er nimmt eine fremde Gestalt an und trägt mich in sich, mit allem, was zu mir gehört, um das Böse in mir zu verzehren, wie Feuer das Wachs verzehrt oder wie die Sonne den Nebel vertreibt. So kann ich mit ihm verbunden bleiben und an ihm teilhaben.

(Gregor v. Nazianz. Die fünf theologischen Reden, 4. Rede: Über den Sohn. Rede 30.6, in: Josef Barbel: Gregor von Nazianz. Die fünf theologischen Reden, Düsseldorf 1963, S. 180)

glaube

Song of Freedom

Das „Freiheitslied“, das Marley hier singt, heißt „Redemption Song“, also Erlösungs-Lied, und ich finde es wahnsinnig stark. Stark erst mal im 70er Jahre Stil, also gut, cool, groovy, oder wie man heute sagt…

Aber auch stark in seiner Aussage, zumindest soweit ich eine Aussage da raus kriege. Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, daß Marley zwar als Christ aufgewachsen ist und auch kurz vor seinem Tod wieder in eine Kirche eintrat, aber dazwischen eben Rastafari war, also Anhänger jener Religion, die in Kaiser Haile Selassie I (bzw. Ras Tafari Makonnen) den wiedergekommenen Messias sieht (im Video kann man ein Bild von ihm hinten an der Wand erkennen). Ich hab jetzt nicht besonders viel Ahnung von Rastafari, aber meine das im Wikipedia Artikel enthaltene schon anderswo gelesen zu haben, daß die Rastafari die Bibel benutzen, im westlichen System „Babylon“ erkennen, man könnte auch sagen „das Böse schlechthin“ und ihren Gott „Jah“ nennen, was nicht zufällig an Jahwe erinnert.

Man könnte sich jetzt überlegen, ob man Rastafari als jamaikanische Befreiungstheologie auffassen will, aber darum soll es in diesem Artikel nicht gehen und außerdem müssen wir Christen nicht alles vereinnahmen.

Mir geht es um das Lied, das – trotz Marleys anderen Glaubens – ganz gut auch für Christen als spirituelles Lied annehmbar ist.

Ein kleines Problem kann der Slang des Liedes sein, bei der Übersetzung mß ich ein Stück weit auch einfach mutmaßen:

Old pirates, yes, they rob I
Sold I to the merchant ships
Minutes after they took I
From the bottomless pit

Alte Piraten, ja sie rauben mich
verkauften mich an die Handelsschiffe
Minuten nachdem sie mich
aus dem Faß ohne Boden genommen haben

Die Situation ist nicht besonders positiv: Vom Verkauf, vom Menschenhandel ist die Rede. Die eigene Person, ein Handelsobjekt, jeder Würde entraubt.
Der Käufer? Kein spezieller. Kein besonderes Handelsschiff, sondern einfach „die Handelsschiffe“. Sozusagen ein Gattungsbegriff, so wie „die Banken“, „die Kapitalisten“…

Aber auch die vorausgehende Situation wird nicht positiv dargestellt. Die „Piraten“ entführen nicht aus einem glücklichen Leben, sondern aus einem Faß ohne Boden. Was das zu bedeuten hat, wird nicht ganz klar, aber positiv ist es wohl nicht zu deuten.

But my hand was made strong
By the hand of the almighty
We forward in this generation
Triumphantly

Aber meine Hand wurde stark gemacht
durch die Hand des Allmächtigen
wir gehen voran in dieser Generation
triumphierend

Es kommt das große Aber. Verkauft, ein Sklave, Herkunft unklar, kein Grund zur Hoffnung, doch dann: Der Allmächtige, also Jah(we) hat die Hand gestärkt. Die Hand, die kann für Handlungsmacht stehen. Trotz der miserablen Lage eine starke Hand, eine Möglichkeit, zu handeln, nicht ausgeliefert zu sein. Und nicht das: Er spricht vom trimphierenden Vorangehen, läßt Hoffnung keimen.

Won’t you help to sing
These songs of freedom?
‚Cause all I ever have
Redemption songs
Redemption songs

Willst Du mir nicht singen helfen?
Diese Lieder der Freiheit
Denn alles, was ich je habe:
Lieder der Erlösung
Lieder der Erlösung

Es scheint, nicht die Hand selbst ist stark, sondern die Stimme. Alles, was er hat, das ist nicht eine Machete oder Kalashnikov, um sich gegen die Unterdrücker durchzusetzen, sondern lediglich ein paar Lieder, die er Erlösungslieder nennt. Und er bittet, beim Singen zu helfen. Soll das der oben genannte „Triumph“ sein? Lieder singen im Angesicht des Unglücks dn sich vormachen, man sei stark, würde trimphieren durch ein paar „Erlösungslieder“?

Emancipate yourselves from mental slavery
None but ourselves can free our minds
Have no fear for atomic energy
‚Cause none of them can stop the time

Emanzipiere Dich von der mentalen Unterdrückung
Niemand außer wir selbst kann unseren Geist befreien!
Hab keine Angst vor der Atomenergie
denn keiner von denen kann die Zeit aufhalten

Die Reaktion. Wieso so abfällig vom Singen der Erlösungslieder reden? Was soll das? Emanzipiere Dich von der Unterdrückung, befreie Deinen Geist! Die Unterdrückung, so scheint es, liegt nicht in der Versklavung, nicht in den Handelsschiffen. Das bodenlose Faß vorher war ja auch nicht ohne. Nein. Die Versklavung liegt im eigenen Geist, im eigenen Denken. Du kannst tausendmal Deine Freiheit erkämpft haben mit Macheten und Gewehren, und trotzdem gefangen sein. Gefangen in den Ängsten, nicht nur Angst vor der Sklaverei, aber vor allen möglichen Unwägbarkeiten im Leben, vor denen Du Dich absichern möchtest, im Zweifel durch Gewalt, durch die Mittel Babylons. Hab keine Angst, nicht mal vor der Atomenergie mit ihren Gefahren, gegen die es kaum einen Schutz gibt. Keiner von denen, die Dir Angst machen, kann die Zeit aufhalten! Und die Zeit arbeitet für uns.

How long shall they kill our prophets
While we stand aside and look? Ooh
Some say it’s just a part of it
We’ve got to fullfil the book

Wie lange sollen sie unsere Propheten ermorden
während wir nr daneben stehn und zugucken?
Einige sagen, es sei nur ein Teil dessen
Wir müssen die Schrift erfüllen

Was soll das „befrei Deinen Geist“ bringen? Wie lange sollen wir denn noch zusehen wie sie unsere Anführer umbringen? Da muß man doch handeln! – Ja, mag sein, doch einige sagen, die Ermordung der Propheten gehört dazu, wir müssen die Schrift erfüllen. Aber

Won’t you help to sing
These songs of freedom?
‚Cause all I ever have
Redemption songs
Redemption songs

Willst Du mir nicht singen helfen?
Diese Lieder der Freiheit
Denn alles, was ich je habe:
Lieder der Erlösung
Lieder der Erlösung

Willst Du mir nicht beim Singen helfen? Wenn die Prophetenermordet werden, ist es nicht wichtiger ihre Botschaft weiter zu tragen, statt sich mit Gewalt an ihren Mördern zu rächen? Alles, was wir je haben, sind Erlösungslieder. Lieder der Freiheit.

Befreie Dich von Deiner geistigen Versklavtheit, keiner außer uns kann unsere Geiste befreien. Fürchte Dich nicht vor Atomkraft, denn von denen kann keiner die Zeit anhalten! Wie lange sie noch nsere Propheten ermorden sollen? Nun, einige sagen, das muß geschehen, aber hilf Du mir doch, diese Freiheitslieder zu singen, die Erlösungslieder.

Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird Euch frei machen.
(Joh 8, 32)

Gesellschaft

Die Freiheit der Abtreibung

Beim Herrn Alipius hab ich davon gelesen und dann auch bei sophophilo: Dem Gebet für Abreibung. Nein, das ist kein Druckfehler

Nachdem ich das dort verlinkte Video gesehen hab, bin ich etwas skeptisch, was die Bewertung von sophophilo angeht. Vielleicht bin ich ja auf die „Propaganda“ reingefallen, weil da recht wenig von abortion die Rede ist, aber ich verstehe das Ganze so, daß die im amerikanischen Umfeld, wo es immer noch ein wenig tabu und igitt ist über Sex und Verhütung zu reden, diese Themen zu thematisieren. Als Protestant hab ich da vielleicht auch teilweise andere Ansichten als ein Katholik.

Was mich hier aber am meisten interessiert ist, inwieweit Abtreibung etwas mit Freiheit zu tun hat, wie sophophilo jedenfalls das Video verstanden hat. In den Zusammenhang fällt dann auch die Frage, ob man für Abtreibung beten kann.

Grndsätzlich, und da unterscheide ich mich nicht groß von den Katholiken, halte ich Abtreibung für verkehrt. Allerdings bin ich für legale Abtreibungen, da ich davon ausgehe, daß ansonsten Kinder illegal abgetrieben werden mit viel größeren Risiken auch für die Mutter. Im Zweifel kommt der Druck von Eltern der werdenden Mutter oder vom Kindsvater. Dies nd mögliche Gefährdngen der Mutter aus medizinischen Gründen sind für mich Grund genug, Abtreibung nicht komplett zu verteufeln, auch wenn ich ihr ablehnend gegenüberstehe.

Die Ablehnung folgt daras, daß Abtreibung eben gerade nicht Freiheit bedeutet, sondern Unfreiheit. Man ist und bleibt bei einer Abtreibung in den alltäglichen Notwendigkeiten gefangen. Man ist nicht in der Lage oder auch nicht willens, sie zu durchbrechen, um eines der größten Wunder zu erleben, die die Welt zu bieten hat: Der Geburt eines neuen Lebens. Frei, und zwar frei von Sorgen und Befürchtungen, die mit der Veränderung der Lebenssituation zusammenhängen, ist diejenige bzw derjenige (der Druck kommt ja oft von den Männern), der sich trotz aller Sorgen für das Kind entscheiden kann. Unfrei ist der, der lieber alles beim alten beläßt.

Es ist dies natürlich ein anderes Freiheitskonzept als man sonst hat. Sonst gilt ja derjenige als frei, der in der Lage ist, seinen alten Trott trotz aller Störungen von außen beizubehalten. Frei ist der, dessen Ketten, mit denen er an die Tretmühle des Lebens angeschlossen ist, nicht zerspringen. Seine Welt ist eingerichtet, so daß er sich mit ihr arrangiert hat, und sie bleibt eingerichtet, solange er nach dieser Art „frei“ ist. Frei bedetet demnach, nicht gestört zu werden. Schlußendlich ist das Ideal die Einsamkeit mit sich selbst in einer Welt, die nach eigenen Vorstellngen eingerichtet ist und läuft.

Ich meine, dies ist keine Freiheit, sondern Knechtschaft unter eigener Knute. Und in diese „Freiheit“ gehört auch die „Freiheit zur Abtreibung“, den die Abtreibung ermöglicht das Beibehalten des status quo.

Dem entgegen verstehe ich als Freiheit, wenn man unbefangen in die ungewisse Zukunft blicken kann. Wenn man losgelöst von allen Zwängen und Pflichten sich für das entscheiden kann, was richtig und gut ist. Und ich kann nicht anders, als Herrn Alipius Recht zu geben, daß ein Baby zum Besten gehört, was einem widerfahren kann.

Deshalb halte ich die Entscheidung zu einem Kind für frei, im Gegensatz zur Entscheidung gegen ein Kind, und nur weil nicht jeder zu jeder Zeit die Kraft zur absoluten Freiheit hat (wir sind alle Menschen und Sünder und nicht perfekt), bin ich gegen ein Verbot der Abtreibungen und für eine Regelung, die auch ide Mütter ernst nimmt.

Das Ideal wäre eine Ermächtigung der Unfreien zur Freiheit. Kein Mensch würde sich unter allen Umständen gegen ein Kind entscheiden, denn ich bin überzeugt davon, daß jeder Mensch erkennt, daß ein Kind zu haben, Mutter oder Vater zu sein, prinzipiell ne wahnsinnig gute Sache ist. Es gibt aber eben diese Umstände, diese Sachzwänge und Sorgen, die Menschen dazu bringen, sich trotz allem gegen das Kind zu entscheiden, weil die Zwänge ihnen ihre Kräfte rauben, die sie zur Freiheit benötigen.

Hier meine ich, muß jede Pro-Life Aktivität ansetzen, und leider sehe ich das kam, sondern leider meist nur Kritik an denjenigen, die Unfrei sind. Statt die Not der Unfreien, nämliche ihre Unfreiheit, anzugehen, geht man die Unfreien an. Ist ein wenig als ob man Sklaven beschimpft, weil es Sklaverei gibt…

Wo sind die kirchlichen Gruppen, die für ein Adoptionsrecht eintreten, das sicherstellt, daß ngewollte Kinder unterkommen? Wo sind die Religiösen, die sich bereiterklären, Kinder afzunehmen, die sonst abgetrieben würden? Wo sind die Pro-Life Leute, die das Sex-vor-der-Ehe-Sünde Gebrabbel einmal sein lassen, und der jngen Schwangeren einfach nur in ihren Ängsten beistehen, nicht nur durch Gebet (so wichtig auch das ist), sondern auch konkret im täglichen Leben, und in den Konflikten mit Familie, Kindsvater und sonstigem Umfeld? Die das Leben in der veränderten Situation erleichtern, und nicht drch Verdammung erschweren?

Nein, man sollte nach meinem Dafürhalten nicht für Abtreibung beten, weil es eben ein Gebet gegen Freiheit ist, aber man sollte auch nicht Abtreibung verdammen und Schwangere stigmatisieren und alleine lassen.

glaube, kirche

Was bringt mir das?

Ostern! In diesen Tagen werden auch die Kritiker von Kirche und Glauben aktiv, und schreiben etwa auf, wie sie das alles so sehen. Und ich will das gar nicht groß kritisieren (obwohl ich schon mehrfach schrieb, daß man das alles auch anders verstehen kann). Solche Kritik ist wichtig, um uns Kirchengliedern und Gläubigen zu zeigen, wie gut wir unseren Glauben nach außen darstellen.

Und wenn ich mir das so durchlese: Nicht gut.

Klar kann man jetzt meckern über polemische Vereinfachung und Konzentration auf gewisse amerikanische Strömungen bei der Kritik, auf einseitige Wahrnehmung etc etc etc. Geschenkt.

Statt dessen, finde ich, sollte man dem das Eigene entgegenstellen.

Der verlinkte Artikel geht ja sehr von der Frage „Was bringt mir das?“ aus. Wieso sollte ich an Gott glauben, wenn…?

Der Glaube an Gott wird so zum Wellness-Tool. Wenn es mir mit besser geht, wieso dann nicht? Wenn es mir ohne genausogut geht, wieso damit befassen?

Wieso damit befassen?

Darin könnte ein Knackpunkt liegen. Das setzt voraus, daß man zum Glauben als Glaubender ein distanziertes Verhältnis hat, sich damit befaßt, ohne daß es einen erfaßt. Aber wie soll das gehen?

Sicher kann ein Erfaßter sich auch mit dem Glauben, der ihn erfaßt hat, befassen. Ebenso kann man auch als nicht Erfaßter sich mit dem Glauben befassen, aber es ist ebe nicht das Gleiche!

So wie jemand, der nur distanziert-sachlich über seinen Fußballverein spricht und denkt, schwerlich als „Fan“ durchgeht. Gleichwohl müssen Fragen beantwortbar sein. Der Glaube kann kein widersinniges System stützen, wie in der oben verlinkten Kritik. Das mit ihm verbundene System muß mindestens so viel Sinn ergeben, wie alle konkurrierenden Systeme. Jemand der sieht, daß in einem bestimmten Verein objektiv sehr guter Fußball gespielt wird, kann dies anerkennen, auch ohne selbst zum Fan zu werden. Etwa, weil er sich mehr für Synchronschwimmen interessiert, was auch nicht verwerflich ist.

Aber der ergleich hinkt, denn beim Glauben geht es nicht nur um einen persönlichen Geschmack. Glaube an Gott, zumindest der christliche Glaube, erhebt den Anspruch – meiner Meinung nach zu Recht – die Wahrheit zum Inhalt zu haben.

Glaube hat etwas mit Wahrheit zu tun, etwas mit der Überzeugung von einer Wahrheit. Man ist davon überzeugt, daß das, was man da glaubt, an den man da glaubt, wahr ist.

Insofern ist die Frage nach dem Nutzen vielleicht etwas zu kurz gegriffen. Die eigentliche Frage ist: Stimmt es, oder stimmt es nicht?

Aber wie findet man so etwas raus? Und um was geht es eigentlich genau? Was ist der Inhalt, der wahr oder unwahr ist? Schöpfungsgeschite im Sinne der Kreation? Anzahl und Namen der Söhne Israels? Korrektes Feiern der Liturgie nach Agende? Genaue Kenntnis aller Dogmen und Konzilsbeschlüsse sowie unkritisches Für-wahr-halten derselben? Ich meine – ich hoffe – er Glaube läßt sich konkretisieren auf wenige Punkte, aus welchen sich dann alles andere ableitet. Oder auch nicht, dann sollte man drüber reden.

Einen ersten Schritt bei der Fassung dieser Konkretion des Inhalts des Glaubens will ich hier versuchen. Es soll um Freiheit und Unterordnung gehen.

Freiheit wird von vielen wenn nicht allen Menschen angestrebt. Dem entspricht auf den ersten Blick, daß die Unterordnung unter einen Gott für viele Glaubenskritiker einer der Hauptgründe gegen den Glauben ist. Gibt man damit nicht seine Freiheit auf? Wird man nicht zum unkritisch-dummen Nachbeter der ewig selben Pseudowahrheiten, die nebenher als Vorwand benutzt wurden, um viele weitere Menschen in Unfreiheit zu halten?

Der Vorwurf ist historisch sicherlich nicht unberechtigt. Es gab und gibt Menschen, die sich auf Dogmen zurückziehen, die diese als wahr betrachten ohne sie begründen zu können, abgesehen etwa von Autoritätsargumenten.

Aber der Vorwurf ist gleichzeitig auch unwahr, da es zu allen Zeiten Menschen gab, die gleichzeitig äußerst fromm waren und trotzdem den eigenen Gauben kritisch hinterfragten, ehrlich nach Begründungen suchten und gerade nicht auf die Nutzbarmachung von Dogmen zur Unterdrückung anderer schielten.

Trotzdem ordneten sie sich unter. Unter Gott, wie sie Ihn verstanden, und wie sie es für vernünftig hielten.

Andere Menschen halten anderes für vernünftig, und hier wird die Sache schwierig. Denn nach welchen Kriterien sollte man ermessen, wer sich jetzt der Wahrheit unterordnet?

Aber zuerst eine andere Sache: Der Wahrheit unterordnen! Wäre eine Unterordnung in diesem Fall auch eine Aufgabe der Selbständigkeit? EIn Freiheitsverlust? Da größte zu vermeidende Übel?

Ich meine, eine Unterordnung unter die Regeln der Wahrheit bedeutet nicht Knechtschaft, vielmehr wird von allen Menschen angestrebt, den Regeln der Wahrheit zu folgen. Damit könnte man auf die Idee kommen, daß die Unterordnung unter die Wahrheit Freiheit bedeutet. Unterordnung wäre also nicht in jedem Fall schecht.

Ich gehe sogar soweit, daß es hier die größte Freiheit gibt und daß jede Freiheit (auch die eingeschränkten Varianten) immer auch einer gewissen Ordnung (und damit Unterordnung, und sei es unter den eigenen egoistischen Willen) bedarf. Die Ordnung gibt den Rahmen vor, in dem man frei handeln kann. Ohne solche Ordnung, kann einem jede mögliche Freiheit bestritten werden. Manche Ordnungen geben einem mehr Freiheit, andere Ordnungen weniger.

Wir haben nun also verschiedene Systeme im Vergleich: Die einen ordnen sich Gott unter, andere anderen Idealen, vom säkularen Humanismus über all die verschiedenen Religionen bis hin zu menschenverachtenden Systemen und persönlichem Egoismus, die Freiheit nur für einige wenige bereit halten (und diese dann wiederum unfrei machen, weil sie an ihrer Macht hängen und dadurch unfrei werden in ihrem Handeln: Was die Macht mindert liegt außerhalb der Möglichkeiten).

Die Frage, was wahr ist, entspricht also wohl der Frage, unter wen oder was man sich unterordnen muß, um die größtmögliche Freiheit zu erfahren.

Dies halte ich für eine Kernfrage, die, falls überzeugend beantwortet, dem entsprechenden System viel Zustimmung bringen würde.

Ich meine weiter, daß es im Christentum um nichts anderes geht als um eben diese größte Freiheit:

Zentral im Christentum sind Karfreitag und Ostern, also Tod und Auferstehung Jesu. Versteht an diese nicht so, wie in der oben verlinkten Kritik, sondern eher im Rahmen der ebenfalls verlinkten alternativen Betrachtungsweise, dann hat das Ganze viel mit Freiheit zu tun. In Kürze kann man es so fassen:

Der Teufel hält die Welt gefangen und versucht über alles die Kontrolle zu bekommen, sich alles unterzuordnen. Den Teufel kann man hier als Chiffre für all das bezeichnen, was man als böse ansieht (man kann es sicher auch objektiver fassen aber für den Anfang reicht diese subjektive Sichtweise). Gegenspieler ist Gott, der die Welt befreien möchte.

Der Teufel geht auf folgende Weise vor: Er bringt den Menschen (jeden einzeln) dazu, etwas zu tun, das Unrecht ist. Dann benutzt er dies gegen den Menschen, um ihn immer tiefer in unrechten Taten zu verwickeln, indem er die erste Tat zu decken versucht. Ziel ist es, den Menschen zu isolieren, ihm keine Entwicklungsmöglichkeit zum Guten hin zu geben und ihn im Netz aus Unrecht und Lüge, das er um sich gesponnen hat zu ersticken. Dabei setze dann die einen Menschen auch die anderen unter Druck, in einer gewissen unrechten Weise zu handeln. Ziel des Teufels bleibt die Kontrolle. Wer stirbt, kommt ebenfalls in seinen Machtbereich, den Tod, die Hölle.

Gott kann nicht viel machen. Schließlich wird er Mensch, und gleich fängt der Teufel an und verucht, Ihn zum Bösen zu verleiten. Gott-als-Mensch (Jesus) läßt sich jedoch nicht darauf ein, also setzt der Teufen Ihn durch andere unter Druck, bis hin zu Seiner Ermordung. Denn so käme Gott-als-Mensch ebenfalls in den Tod ud wäre unter des Teufels Gewalt. Sowohl die Toten als auch die lebend-isolierten sind im Grunde ohne Beziehung und damit tot.

Doch der Einsatz Gottes für die Menschen befreit diese aus Tod und Hölle. Gott ist größer als der Teufel, das Gute größer als das Böse, und so werden Beziehungen wieder möglich. Gott besiegt Tod und Teufel und überwindet damit die Hölle.

Damit eröffnet Gott neue Möglichkeiten für diejenigen, die schon ziemlich verstrickt sind in ihr eigenes Unrechttun. Sie kriegen wieder Hoffnung, weil Gott in Seinem Tun quasi sagt: Das Unrecht das Ihr tut, rechne ich Euch nicht an (wiewol es trotzdem Unrecht bleibt!), gehet hin und sündigt fortan nicht mehr.

Er befreit die Menschen aus den Verstrickungen der Hölle, indem Er sie annimmt, sie liebt, trotz aller Taten, mit denen der Teufel sie zu kontrollieren sucht. Damit ist die Macht des Teufels gebrochen, oder etwas weniger mystisch ausgedrückt: Die Macht, die unsere unrechten Taten über uns haben.

Und das halte ich für eine unglaublich befreiende Wahrheit. Denn es erlaubt einem, alles zu tun, was einen Gut dünkt (≠wozu man gerade Lust hat) und hält einen nicht in äußeren Zwängen gefangen, wie das Tun unrechter Taten. Während man untergeordnet unter Gott sowohl Gutes als auch Böses tun kann, ist man bei anderen Unterordnungen in Sachzwängen gefangen und damit in seinem Handeln auf die Sachzwänge eingeschränkt.

Wenn jetzt jemand meint, daß auch er nicht von Sachzwängen eingeschränkt sei und eben so eine Freiheit habe, wie der sich Gott unterordnende Christ, dann habe ich zweierlei dazu zu sagen:

  1. Ich freue mich aufrichtig für Dich, und daß Du diese Freiheit erlebst.
  2. Womöglich sind wir beide näher beieinander als es den Anschein hat.

Übrigens würde ich für mich nicht in Anspruch nehmen, mich gar nicht mehr durch Sachzwänge beeinflussen zu lassen. Daher bedarf ich immer wieder der Vergebung Gottes. Dieser kann ich jedoch gewiß sein, und so kann ich es immer wieder aufs Neue versuchen, ohne Sachzwänge zu leben und nur noch Gutes zu tun. Dies zu erreichen ist mein sehnliches Ziel.

Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!

Anthropologie

Patriarchat und Freiheit

Durch meine Beschäftigung mit Adolf Stoecker im Zusammenhang mit meiner Examensarbeit sind mir ein paar Gedanken zur patriarchal strukturierten Gesellschaft gekommen, die ich hier zusammenfassen möchte.

Heute wird unter Freiheit weitestgehend verstanden, daß jeder sein eigenen Herr ist und sich um seine eigenen Angelegenheiten selbst in Freiheit kümmert. Dies impliziert, daß jeder auch die Pflicht hat, dieses zu tun. Wer dies nicht leisten kann, hat ein Problem. Er entspricht nicht dem Ideal, und soll möglichst per Bildung in den Stand versetzt werden, bald doch Verantwortung für sich selbst übernehmen zu können (in diesem Zusammenhang würde mich interessieren, ob der Vorwurf, dumm zu sein, in einer vormodernen Gesellschaft überhaupt möglich ist, falls nicht eine gewisse Schläue gefordert wird).

Früher waren die meisten Menschen nicht ihre eigenen Herren. Sie hatten Herren, welchen sie zu dienen hatten, und die dann auch im Idealfall die Verantwortung für ihre Untertanen zu übernehmen hatten. War ein Untertan dmm, so war dies nicht sein Problem, sondern das Problem seines Herren.

Freilich kam es damals zu massig Mißbrauch seitens der Herren. Sie nutzten ihre Stellung as, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, und übernahmen ihre Verantwortung gerade nicht. Dies führte dazu, daß die Dummheit eines UNtertanen doch wieder z seinem eigenen Problem wurde (ich weiß nicht, woher das kommt, aber ich fühle mich hier ein wenig an die Prinzipien des Umgangs mit der Bankenkrise erinnert: Gewinne privatisieren, Verluste vergesellschaften – aber das führt zu einem anderen Thema).

Im Idealfall war jedoch für die „Dummen“ genau so gesorgt wie für die „Gescheiten“. Idealfall heißt hier: Der zuständige „Herr“ wird seiner Verantwortung gerecht.

Heute ist es vielmehr so, daß die „Dummen“ viel eher die Gelackmeierten sind, weil keiner mehr für sie verantwortlich ist, da jeder die Verantwortung für sich selbst übernimmt. nd falls es doch dazu kommt, daß jemand für andere Verantwortung übernimmt, so kommt es oft zu richtigen Entmündigungen. Dann hat der „Dumme“ gar nichts mehr zu melden – selbst wenn er noch mitreden könnte. Dies brigt natürlich wieder die Gefahr des Mißbrauchs.

Man kann also sagen, daß das heutige System davon ausgeht, daß jeder für sich Verantwortung übernehmen kann – was faktisch nicht stimmt (sonst hätten weder Steuerberater noch Anwälte eine Arbeit), während das patriarchalisch verfasste System davon ausgeht, daß ein „Herr“ seiner Verantwortung gerecht wird – was faktisch ebenso wenig stimmt.

Der Vorteil des heutigen Systems scheint mir vor allem darin zu liegen, daß es keinen Mißbrauch mehr gibt. Ohne Herren kann auch kein Herr seinen Untergebenen ausnutzen.

Der Vorteil des damaligen Systems scheint mir darin zu liegen, daß durch die engere Struktur eine größere Verläßlichkeit in den alltäglichen Dingen erzwungen wurde.Statt der Haftpflichtversicherng hat der jeweilige Herr dafür gesorgt, daß seine Untertanen nicht übervorteilt werden – wenn der Herr seiner Verantwortung gerecht wurde. Aber es soll ja auch schlechte Versicherungen geben.

Jedenfalls scheint mir der Vorteil des alten Systems in der Stabilisierung der Gesellschaft gelegen zu haben. Diese Stabilität war hoch erkauft – mit der Freiheit der Menschen. Jedoch kann eine solche Stabilität auch Freiheiten ermöglichen.

So haben Beamte weniger Freiheiten als Angestellte. Sie dürfen etwa nicht streiken. Allerdings sind ihre Arbeitsverhältnisse auch um einiges stabiler als die normaler Angestellter und Arbeiter. Dadurch haben sie auch größere Freiheiten, weil sie sich bedeutend weniger Sorgen um das Einkommen machen müssen, als andere. Trotz der geringeren Freiheiten waren und sind solche Jobs bei Vater Staat recht beliebt.

Nun ist es ja so, daß wir kein rein liberales System haben, also viele meiner Assagen über das heutige System so gar nicht stimmen. (Und wenn ich die letzten Wahl- und Umfrageergebnisse der FDP so sehe, scheint es in dieser Form auch niemand zu wollen.)

In der Tat versuchen wir in Deutschland ja den Spagat: Einerseits jedem die gleiche Freiheit geben, andererseits für diejenigen Verantwortung übernehmen, die nicht (oder zur Zeit gerade nicht) Verantwortung für sich selbst übernehmen können. Daher haben wir die Sozialsysteme. Wollte man es in der Terminologie des alten Systems beschreiben, ist die Gesellschaft der „Herr“ (nicht umsonst spricht man ja von Volkssouveränität), während diejenigen, die nicht auf eigenen Beinen stehen können, gleichzeitig noch Untertanenstatus haben. Sie haben bestimmte Pflichten. Zwar gibt es keinen wirklichen Frondienst mehr, aber wer Hartz IV empfängt muß auch damit rechnen, im Zweifel zum Stadtpark-Rasen-mähen herangezogen zu werden. Und wenn man hört, was Hartz IV Empfänger so alles über sich ergehen lassen müssen, dann ist Rasenmähen wohl eher ein angenehmer Aspekt der Zwangsmaschinerie.

Als Gesellschaft sind wir wohl auch nur ein mittelprächtiger „Herr“ und übernehmen Verantwortung nur insoweit, als daß wir für unsere Untertanen nicht zu viel ausgeben müssen (das funktioniert übrigens nicht nur mit Hartz IV Empfängern, sondern auch mit Asylanten und anderen Gesellschaftsgruppen, die auf Hilfe angewiesen sind).

Deshalb brauchen wir heute, trotz Sozialsystemen, weiterhin Menschen, die Verantwortung für andere übernehmen. Erschwerend kommt hinzu, daß diese nicht wie früher die Herren aus ihrer Position Profit schlagen können. Das ist schon alleine für den Zusammenhalt in der Gesellschaft notwendig, der mir immer mehr zu schwinden scheint. Wo jeder nur für sich selbst sorgen soll und muß, bleibt der Blick auf den Nächsten oft verstellt.

Während früher diejenigen vom System bevorzugt wurden, die für andere Verantwortung übernehmen sollten werden heute diejenigen bevorzugt, die Verantwortung für sich selbst übernehmen können.

Ideal wäre wohl ein System, das diejenigen bevorzugt, die für andere Verantwortung tatsächlich übernehmen. Womöglich ist das gar nicht umsetzbar. Aber hier könnte der Grund für die Poplarität religiöser Tugenden wie der Nächstenliebe ohne Gegenleistung vergraben liegen…

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 14.03.2012 (Ex 10, 3)

So gingen Mose und Aaron hin zum Pharao und sprachen zu ihm: „So spricht der HERR: ‚Lass mein Volk ziehen, dass es mir diene‘ “

Die Forderung an den Pharao, das Volk ziehen zu lassen, ist nicht neu. Sie begegnet seit Kapitel 3, zunächst variiert im Wortlaut (Ex 3, 184, 22-23 5, 1 6, 11  7, 16), doch die Kernforderung ist bereits enthalten: der Pharao soll Israel ziehen lassen, damit es in der Wüste opfern kann. Nach der 1. Plage (Vgl. Ex 3, 14-15) wird durchgängig die Formulierung genutzt, die auch Tageslosung ist: Lasse mein Volk ziehen, dass es mir diene! (Vgl. Ex 7,26  8, 16 9, 1,13). Bis auf in 6, 11 wird auch ein Opfer in der Wüste wird in allen Textstellen erwähnt, denn die Formulierung „JHWH bzw. ihm dienen“ oder auch „ein Fest feiern“ kann hier als Synonym für opfern verstanden werden.

Angesichts dieser häufigen engen Verknüpfung von Befreiung aus Ägypten und Opfer für Gott kommt die Frage auf, ob es primär eigentlich um die Befreiung aus Leid geht oder um die Befreiung zum Opfer. Sollte der Blick Gottes etwa zuerst auf ein Opfer für ihn gerichtet sein, statt auf die Befreiung von Leiden? Dann wäre er kein barmherziger Gott, der das Leid seines Volkes erhört, sondern kühler Taktiker: Wenn ich sie befreie, opfern sie mir.

Doch schon die Berufung Mose zeigt, dass wir es eben nicht mit einem kühlen Taktiker zu tun haben. Nachdem er sich Mose vorgestellt hat, gilt sein erstes Reden der Befreiung seines Volkes aus der Not (Ex 3, 7-9). Erst als Mose zweifelt und fragt, wer er denn sei, dass er Israel zum Pharao spricht und Israel aus Ägypten herausführt bekommt er zwei Zusagen, die in die Zukunft weisen: 1. Gott will mit ihm sein. (Vgl. Ex 3, 11-12). Diese Zusage Gottes ist der erste Teil von V. 12. Im zweiten Teil wird die Verbindung zur Tageslosung deutlich: „Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge“.  Das Opfern auf dem Berg ist also Zeichen für Mose in der Zukunft, dass er richtig gehandelt hat. Das ist sozusagen eine „israelinterne Funktion“ des Opfers: Ein für die Zukunft angekündigtes Opfer soll Mose Mut machen, seine Aufgabe zu erfüllen. Doch das Opfer hat auch eine „israelexterne Funktion“: Es soll gegenüber dem Pharao als Grund angeführt werden, warum die Israeliten in die Wüste ziehen wollen (Vgl. Ex 3, 18). Gegenüber dem Pharao soll keine Rede davon sein, dass es um die Befreiung aus Leid geht. Vor dem Hintergrund dieser israelinternen- und externen Funktionen des Opfers wird deutlich, dass das Opfer hier Teil der Befreiung, jedoch nicht Grund der Befreiung ist.

Gottes befreiendes Handeln an Israel geschieht allein deshalb, weil er seine Not sieht. Gott befreit nicht aus taktischem Kalkül heraus, sondern allein aus Mitleid mit seinen Geschöpfen – das vermittelt die Erzählung von der Befreiung Israels und das ist auch der Grund für Golgatha und die Auferstehung Christi.

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Erpressungspotential kleiner Gruppen

Nach all den religionsbezogenen Artikeln mal wieder was mehr politisches. Bei der Tagesschau hab ich gelesen, daß die Politik nun angesichts des Streiks im Frankfurter Flughafen das Erpressungspotential kleiner Gruppen einschränken will. Der Vizechef der Unionsfraktion im Bundestag „plädierte für eine neue gesetzliche Regelung, um die Bildung von Kleinstgewerkschaften zu verhindern. Diese sollte möglichst mit dem Grundgesetz vereinar sein“.

<sarkasm>
Also ganz neue Töne von der Union, man will sich neuerdings ans Grundgesetz halten. Ich bin mal gespannt, ob sich das durchsetzt und wie sich diese Linie im politischen Prozess bewähren wird…
</sarkasm>

Im Ernst: Man sieht es als Probem an, daß kleine Gewerkschaften große Betriebe lahmlegen können, und daß es zu Kettenstreiks kommt.

Wenn man nun mal Informationen der anderen Seite sucht und sich etwas einliest, kann man den Eindruck bekommen, daß hier auch eine Rolle spielt, daß große Gewerkschaften im Zweifel lieber die Alleinvertretung der Belegschaft eines Betriebes umsetzen wollen, als sich um eine anständige Entlohnung zu kümmern.

Eine eigene Meinung dazu habe ich noch nicht, ich stelle nur fest, was ich so lese.

Bei einer Sache bin ich mir doch recht sicher: Wer sich auf den Markt beruft und den freien Markt verlangt, der darf dann nicht jammern, wenn es einmal wehtut (gilt auch für Banken). Das heißt, wenn eine kleine Gruppe von Menschen ihre Marktmacht (in dem Fall ihre Arbeitskraft) einsetzt um Druck aufzubauen, dann ist das nicht anders zu werten als anderer Druck, der sonst so aufgebaut wird, etwa wenn betriebsbedingt Einschnitte verkraftet werden müssen.

Das Alternativmodell wäre wohlsowas wie eine Verbeamtung. Mehr Verantwortung für die Arbeitgeber, dafür weniger Rechte für die Arbeitnehmer. (ich halte diesen Ansatz im Bereich der Kirchen zum Beispiel für durchaus sinnvoll, bei allen Nachteilen, die man sich damit einfängt)

Wenn man also das Erpressungspotential kleiner Gruppen einschränken will, dann soll man doch bitte auch alle kleinen Gruppen in den Fokus nehmen, inklusive Vorstand, der ja auch recht gute Möglichkeiten hat, Macht einzusetzen. Ich mutmaße einmal, er besteht aus weniger Mitgliedern als die paar streikenden Vorfeldkontrolleure und kriegt bedeutend mehr Geld. Auch scheint er mir mehr Macht zu haben als die kleine GdF. (jedenfalls meint er wohl den Arbeitskampf gewinnen zu können, schätzt sich also selbst als stärker ein)

Gespannt bin ich nun also, mit welchen grundgesetzkonformen Gesetzen die Union gedenkt, das Erpressungspotential der Unternehmensvorstände einzuschränken.

Oder sollte ich etwas falsch verstanden haben?

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 16.2.2012: Ps. 40, 18 (der Text in Klammern gehört zu V. 18, wird aber in der Losung weggelassen)

(18aDenn ich bin arm und elend, 18bder HERR aber sorgt für mich)

18cMein Helfer und Erretter bist du, 18dmein Gott, säume nicht!

Da morgen ein anderer Teil des Psalmes Tageslosung ist, möchte ich mit einer kurzen Darstellung der Grobstruktur des Psalms beginnen.

Im 1. Abschnitt (V. 1-5) wird von einer durch JHWH überstandenen Lebensgefahr berichtet und angekündigt, dass deshalb ein Loblied auf JHWH gesungen werden soll und es dem, der auf Gott hofft, wohl ergehen soll.

Im 2. Abschnitt V. 6-11 erfolgt dann das Loblied. Zwischen V. 11 und 12 wird eine Verbindung aufgebaut, indem in beiden von der Güte und Treue gesprochen wird. In V. 11 wird sie festgestellt, in V. 12 an sie appelliert. Am Appell ist erkennbar, dass die „Stimmung“ nun kippt.

V. 12 ist Bestandteil des 3. Abschnitts V. 12-18. Er leitet über zu einem Bittgebet, in dem deutlich wird, dass die jetzt aktuelle Situation des Beters von Leid erfüllt ist. In allem Leid aber bleibt die Zuversicht, dass Gott helfen kann. Der heutige Losungstext ist der Schluss des Psalmes.

Mir hat die Aufteilung des Verses in vier Teile bei der Beschäftigung mit dem Text geholfen. V. 18a führt die Situation des Beters vor Augen: Er ist arm und elend. Der Text ist präsentisch formuliert, anders als vorige Teile des Psalms. Ich gehe deshalb davon aus, dass der Beter vermitteln möchte: Ich bete aus einer tatsächlichen Situation der Not heraus. V. 18b-c kann man als Vertrauensbekundung des Beters in der Not verstehen.  Der Beter rechnet fest damit, dass Gott hilft. Ich habe noch nicht herausgefunden, ob sich „Helfer“ und „Erretter“ gegenseitig verstärken sollen oder ob hier verschiedene Aspekte eines „allgemeinen“ Helfens gemeint ist. Ob sich z.B. „helfen“ auf relativ harmlose Dinge beschränkt und „retten“ in Bezug auf lebensbedrohliche Situationen benutzt wird. Da muss ich nochmal genauer nachgucken – oder hat jemand von euch da Ahnung? Wie dem auch sei, dass Gott dem Beter hilft, ihn rettet, steht für diesen jedenfalls außer Frage.

Bis hierhin lautet also das Fazit: Unabhängig davon, dass es schlechte Zeiten im Leben geben wird, ermutigt der Beter dazu, Gott zu vertrauen. Ich finde, das ist oft viel leichter gesagt als getan. Denn ich kenne durchaus Situationen, in denen ich denke: Ich habe grade nicht den Eindruck, dass Gott sich um mich kümmert, das Vertrauen fällt mir schwer. Wie kann ich mit diesem Gefühl umgehen? Der folgende V. 18d ist eine Möglichkeit.

Das „Säume nicht“ ist ein Jussiv, der mit al verneint wird (muss bald lernen, wie das Hebräischschreiben hier geht…). Denkbar ist hier rein grammatikalisch ein Verbot, eine Warnung, eine negierte Bitte, ein negierter Wunsch. Da ich erstmal ausschließe, dass der Beter Gott etwas verbieten oder ihn warnen möchte (wäre doch leicht größenwahnsinnig, wenn ich das richtig im Kopf habe, „warnt“ nur Mose JHWH im Zuge der Geschichte des goldenen Kalbes davor, das Volk zu vernichten, oder?), gehe ich hier mal von einer negierten Bitte aus. Wenn der Beter zu Gott sagt: „Säume nicht!“, so heißt das doch im Umkehrschluss: „Im Augenblick habe ich, der Beter, das Gefühl, dass du, Gott, nichts für mich tust, mir vielleicht sogar fern bist“. Dem Beter ist das Gefühl, dass sich Gott grade nicht um ihn kümmert, nicht fremd – und er zeigt mir, wie ich damit umgehen kann: Es nicht verbergen, sondern es vor Gott zur Sprache bringen. Das stellt nicht unser grundsätzliches Vertrauen in Frage, sondern nimmt den „temporären Zweifel“ ernst. Ich glaube, das ist eines der größten Geschenke, die uns gegeben sind: Wir haben die Freiheit, mit allem, was uns bedrückt, vor Gott zu treten, mit Vertrauensbekundungen und Lob ebenso wie mit Zweifel und allem, was unser Leben bitter macht, auch mit Trauer, Zorn oder Verzweiflung.

Wie aus den Kommentaren ersichtlich, muss ich noch einen wichtigen Aspekt nachtragen: Mit V. 18 schließt der Psalm. Zuvor wurde bereits geschildert, dass der Beter bereits in Nöten war, aus denen JHWH ihn errettet hat. Sein Vertrauen auf JHWH ist also nicht unbegründet, sondern kann aus den Erfahrungen in der Vergangenheit gespeist werden.

Religion

Einen Bund schneiden

Ich hatte eigentlich seit dem Grundstudium nicht mehr viel von ihm gehört: Dem Bund. Es ist einer dieser alttestamentlichen Begriffe, die man wahnsinnig aufladen kann und die einem, wenn man sich nicht eingehend damit beschäftigt, nicht besonders viel sagen müssen und daher auch abschrecken können. Es war jedenfalls nicht mein Lieblingsbegriff damals.

Heute begegnete ich ihm wieder, in einer Übung zur Ehe- und Familienseelsorge. Und zwar bei der Beschreibung der Ehe zwischen Mann und Frau, in Abgrenzung zu einem Vertragsverständnis. Und da man im Studium gedanklich ja nie nur bei einem Thema ist, hatte ich Assoziationen in eine ganz andere Richtung, nämlich zur Staatstheorie.

Der Liberalismus

Ich habe mich für ein anderes Thema nämlich in die Entwicklung im 19. Jahrhundert etwas eingelesen, Konservativismus gegen Liberalismus. Und da begegnet eine Kritik am Liberalismus, die ich nachvollziehen kann: Der Liberalismus löst die Gesellschaft auf. Und tätsächlich ist da etwas Wahres dran, denn der Liberalismus, mit seiner Betonung des Individuums, vernachlässigt aufgrund dieser Betonung die Gesellschaft in ihrer Gänze ein wenig. Ideal ist der gebildete und mündige Bürger, der weitgehend atonom entscheidet, was er tut und was er läßt. Vorschriften von einem König oder sonst jemandem will er sich nicht machen lassen und wenn, dann sollen diese Vorschriften für alle gelten. Es war dies ein unglaublicher Fortschritt, hinter den niemand, der Herr seiner Sinne ist, wieder zurückwollen könnte.

Doch stellt sich die Frage, was mit dem Bürger ist, der Bildung und Mündigkeit nicht erlangt hat. Man hat die Menschenrechte formuliert, aber keine Menschenpflichten. In der Abwehr der Übergriffe des Absolutismus hat der Liberalismus zuerst und zumeist die individuellen Freiheiten betont. Jedoch führen diese, im Extrem von unumsichtigen Zeitgenossen gefordert und angewandt, zur Deintegration der Gesellschaft und des Staatswesens, das die Freiheiten eigentlich garantieren soll. Beispiele scheinen mir gegeben etwa in der Occpuy-Bewegung, wo der einseitige Machtanstieg in der Hand einiger weniger kritisiert wird, oder auch im Urteil zum Gebetsverbot am Diesterweg Gymnasium zu Berlin-Wedding, wo der eine (meiner Meinung nach zu Recht) auf seine Religionsfreiheit pocht und die Gegenseite ein Recht postuliert, von Religion verschont bleiben zu dürfen. Beide argumentieren mit Freiheit, beide beziehen sich zuerst auf sich selbst und nicht auf die Gesamtgesellschaft. Gleiches wird „den Banken“ vorgeworfen. Es gibt der Beispiele noch viel mehr.

Und auch wenn alle diese Beispiele lösbar sind, etwa durch bessere Gesetze oder mehr Toleranz, zeigt sich doch hier das Problem des Liberalismus, daß eben der gesellschaftliche Zusammenhalt durch die Fokussierung auf das Individuum prinzipiell erst einmal in Frage gestellt wird.

Zur Absicherung des gesellschaftlichen Zsammenhalts haben schon früh liberal denkende Philosophen nach Strukturen gesucht, die im Rahmen des Liberalismus den Zusammenhalt garantieren können. Populär war der Gedanke eines Gesellschaftsvertrages, der in allgemeiner Übereinstimmung geschlossen wird und die Grundlagen des gesellschaftlichen Miteinanders klärt. Dabei ist es nie zu einem wirklichen Übereinkommen aller Individuen gekommen, es wird angenommen, daß im Grunde alle die gleichen Vorstellungen und Wünsche haben. Hierher gehört wohl auch der Gedanke von Kants kategorischem Imperativ.

Das Vertragsmodell

Nun hat ein Vertragsmodell seine Schwächen: Ein Vertrag regelt das Verhältnis zwischen zwei Parteien, wobei jede Partei etwas gibt. Sind beide Seiten nicht mehr zufrieden mit dem so geschlossenen Austausch von Gütern, wird der Vertrag gelöst. Kann eine Seite nicht liefern, kommt es mitunter zum Konflikt (etwa wenn ein Teil der Bevölkerung keine Arbeitsstelle findet und der Allgemeinheit auf der Tasche liegt). Sind die Partner bei einem Vertrag ungleich, so gibt er nciht viel Sicherheit. So müssen manchmal Menschen Arbeitsverträgen zustimmen, um überhaupt eine Arbeit zu bekommen, auch wenn sie mit den Klauseln des Vetrages nicht einverstanden sind. Die wirtschaftliche Macht kann Druck erzeugen und so die Schwachen ausbeuten, was wiederum dem individuellen Egoismus der Stärkeren entspräche (man hat ja das Recht zur freien Gehaltsverhandlung) und auch für eine Deintegration der Gesellschaft sorgt (Stichwort Klassenkampf).

Das Manko des Vertragsmodells liegt daran, daß man für eine Leistung etwas kriegt und daß folglich der, der nichts leisten kann und nichts zu geben hat, auch nichts mehr bekommt. Er kann also nur aus dem Gesellschaftsvertrag aussteigen und für eine andere Gesellschaft kämpfen, was eben Deintegration bedeutet.

Vor dem Liberalismus war Garant der Intergration der Gesellschaft der Monarch, der für einen Ausgleich der Interessen zu sorgen hatte. Daß die Monarchen dies nicht taten, ist evident, und so manch einer hat in der Folge den Kopf verloren.

Der Bund

In der heutigen Übung, um nochmals darauf zurück zu kommen, ging es nun m den Gegensatz zwischen einem Vertrag als Austausch von Werten und eine Bund, der auf der Zurechnung von Würde basiert. Beim Vertrag erhält mein Partner einen Wert dafür, daß er mir einen anderen Wert ausliefert. Beim Bund schenkt man aufgrund der Würde des anderen. Er ist auch auf gegenseitigkeit ausgerichtet, aber eben anders. Ein Bund ist nicht so einfach zu lösen, wie ein Vertrag, da man zuerst dem anderen die Würde aberkennen müßte, die Geschenke zu erhalten. Da es auch nicht um das Nehmen, sondern um das Geben geht, gibt es auch gar keinen Grund, einen Bund aufzulösen.

Dieser Bundesgedanke, den wir als grundlegend für die christliche Ehe besprachen, scheint mir ach in Bezug auf die Absicherung der Gesellschaft eine interessante Alternative zum Vertragsgedanken zu sein. Wie schon gesagt, ist so ein Bund auf Dauer und Verläßlichkeit ausgelegt, und nicht auf die Befriedigung der eigenen Wünsche, wie ein Vertrag. Er bedeutet, jemanden für das, was er ist, zu würdigen. Ihr seid meine Mitbürger, deshalb zahle ich Euch zu Liebe Steuern, ohne bei der Steuererklärung z tricksen, und dergleichen mehr. Mancher behauptet, daß ein stetiges Empfangen zu einem Überschuß führen kann, so daß der Beschenkte ebenfalls etwas zurückgibt an die Gesellschaft. Dies scheint mir eher den Zusammenhalt zu fördern, als ein Vertrag, bei dem jeder weiß, was er zu Bekommen hat.

(Nebenbei: Das ist der Gedanke hinter Kreuz und Erlösung durch Christus: Er hat uns zerst geliebt, so daß wir nun lieben können)

Zur Begründung und Absicherung einer liberalen Gesellschaft, die Freiheit nicht als Freiheit von, sondern als Freiheit zu versteht, könnte diese Bundestheorie einen Beitrag leisten. Doch hat auch sie ihre Schwächen. Wenn nämlich jemand so egoistisch ist, daß er einfach alles nimmt, was er kriegt, und nichts weitergibt. Bei einem ist dies kein Problem, den kann die Gesellschaft tragen. Aber je mehr, desto schwerer wird es. Und irgendwann bleiben auch hier die Schwachen auf der Strecke.

Diese sind dann gezwungen, über das Vertragskonzept ihr Auskommen zu sichern. Möglicherweise ist so der Liberalismus überhaupt erst eintstanden. Doch scheint mir auch, daß überall dort, wo Menschen ein Auskommen haben, der Vertragsgedanke zurückzutreten und der Bndesgedanke stärker zu werden. So kann ich mich daran erinnern, als Daimler noch bessere Verträge anbot, da standen die Arbeiter hinter dem Konzern und liesen kein schlechtes Wort auf ihn kommen. Als die Rationalisierung Einzug hielt und quasi der Vertragsgedanke gestärkt wurde, baute sich das langsam ab. Inzwischen gibt es kaum noch solche Loyalitätsbekundungen zum Konzern.

Das Vertragskonzept sichert den Menschen in der Not, es führt aber über kurz oder lang zu Deintegration, wenn es über den Bereich des Geschäftlichen hinaus wirkt. Das Bundeskonzept sichert den Menschen langfristig und unabhängig von seiner Leistungsfähigkeit, so lange nicht zu viele das System ausnutzen und andere in die Verträge drängen.

Ich glaube, dem Menschen ist der Bund gemäßer. Die Umsonstheit entspricht dem Menschen eher als das do ut des der Vertragswelt, bei dem man immer Leistung zu bringen hat und zunehmend nur noch danach bewertet wird. Deshalb ist zu hoffen, daß ausreichend Menschen die Möglichkeit haben, nach dem Bundeskonzept z leben, und nicht nach dem Vertragskonzept.