Gesellschaft, Politik

Äpfel und Birnen

Bei Twitter stieß ich auf dieses Bild:

[Da die Userin @Titania0001 auf Twitter gesperrt wurde, ist auch das Bild nicht mehr vorhanden]

Es wird suggeriert, dass andere Personen des öffentlichen Lebens Ähnliches wenn nicht Schlimmeres als Petry gefordert hätten, ohne dass es ein Skandal wurde.

Das Bild paßt wunderbar in das Weltbild derer, die meinen, alle Welt hätte sich gegen AfD, Pegida und „die Deutschen“ verschworen und würden sie unterdrücken wollen.

Denn alle Welt tut genau das gleiche wie die arme Frau Petry, und bekommt keine Schelte.

In Wirklichkeit werden hier jedoch Äpfel mit Birnen verglichen. Petry ist Bundesvorsitzende einer Partei, die bei den letzten Landtagswahlen zwischen 10 und 20 Prozent erreichte und hat außerdem einen Sitz im sächsischen Landtag.
Daß sie in ihrer Partei für die Aussagen zum Schießen an der Grenze ernsthaft kritisiert worden wäre, ist mir nicht aufgefallen. Vielmehr hat sich von Storch per „Mausrutscher“ zu Wort gemeldet und noh radikaler präzisiert. Die Partei steht also offenbar weitgehend hinter ihr, was die Äußerungen angeht.

Oesterhelweg ist Landtagsabgeordneter der CDU in Niedersachsen. Das war es dann auch schon so ziemlich. Wer jetzt denkt: „Den Namen hab ich vorher noch nie gehört“, dem geht es wie mir. Wenn man so schon wenig von ihm hört, wird man auch seine Äußerungen nicht hören, geschweige denn die Empörung darüber.
Allerdings hat Oesterhelweg es wohl in die BILD Zeitung geschafft, jedenfalls wurde ihm dort laut Focus Online vom Chef der Landespolizeigewerkschaft widersprochen. So grün kann der Haken mit der Akzeptanz dann wohl doch nicht sein.

Boris Palmer ist OB einer Kreisstadt mit 85.000 Einwohnern. Und er hat für seine Äußerungen durchaus Kritik erfahren. Und, was auch wichtig ist: Von seiner eigenen Partei. Wieso sollte es zu einer großen öffentlichen Empörung kommen, wenn er schon von der Partei kritisiert wird und damit klar ist, daß seine Haltung dort keine Mehrheit findet.

Was den EKD Ratsvorsitzenden und bayerischen Landesbischof Bedford-Strohm angeht, liegt die Sache noch einmal anders. Er ist gar kein Politiker und hat damit überhaupt keinen direkten Einfluß. Hier wird offenbar versucht, einen Kirchenmann zu vereinnahmen, um die AfD, die ja das „christliche Abendland“ verteidigen will, in die Nähe der Kirche zu stellen. Mit der katholischen Kirche hat man da ja so ein paar Probleme…

Nur geht es im Interview mit Bedford-Strohm gerade nicht um Flüchtlingspolitik oder um Grenzkontrollen. Es geht um militärische Einsätze, um Schlimmeres zu vermeiden. Bedford Strohm sagte:

Das schließt aber nicht aus, in bestimmten Situationen zum Schutze von Menschen Gewalt anzuwenden. Es ist traurig, wenn nur noch Gewalt hilft, um Menschen vor Gewalt zu schützen. Deswegen kann das immer nur ein letztes Mittel sein, wenn es die einzige Möglichkeit ist, noch schlimmeres Leid zu verhindern.

Das ist kein Schießbefehl, schon gar nicht ander Grenze. Und es geht nicht um den Schutz von abstrakten Gegenständen wie Grenzen oder Nationen, sondern um den konkreten Schutz von konkreten Menschen in einer Notsituation.

Das ist etwas ganz anderes, als eine Grenzverletzung durch Flüchtlinge.

Aber kommen wir zu Frauke Petry. Laut Bild oben war die Aussage, über die man sich aufregt:

Ich habe das Wort Schießbefehl nicht benutzt. Kein Polizist will auf einen Flüchtling schießen. Ich will das auch nicht. Aber zur Ultima Ratio gehört der Einsatz von Waffengewalt.

Diese Worte hat sie zwar gesagt, aber die waren es nicht, die für die Aufregung sorgten. Daß ein Polizist als Ultima Ratio in bestimmten Fällen von der Schußwaffe gebrauch machen kann oder sogar muß, stellt keiner in Frage – zumindest nicht die große Mehrheit derer, die Petry für das Interview kritisiert haben.

Sie hat aber noch anderes gesagt, der Interviewer des Mannheimer Morgens mußte es zwar mit mehreren Fragen herauslocken, schließlich hat sie aber doch die Forderung aufgestellt, Flüchtlinge im Zweifel mit Waffengewalt daran zu hindern, deutschen Boden zu betreten:

Petry: Ich weiß genau, dass Sie mich zur Schlagzeile „Petry will Grenzzäune errichten“ provozieren wollen.

MM: Wir wollen nur wissen, wie Ihr Plan aussieht. Wie sieht er aus?

Petry: Wir müssen natürlich genügend Bundespolizisten einsetzen und dürfen Zurückweisungen nicht scheuen. Dies muss notfalls auch mit Grenzsicherungsanlagen durchgesetzt werden.

MM: Wie hoch sollen die Zäune sein?

Petry: Sie können es nicht lassen! Schauen Sie doch mal nach Spanien. Die haben auch hohe Zäune.

MM: Was passiert, wenn ein Flüchtling über den Zaun klettert?

Petry: Dann muss die Polizei den Flüchtling daran hindern, dass er deutschen Boden betritt.

MM: Und wenn er es trotzdem tut?

Petry: Sie wollen mich schon wieder in eine bestimmte Richtung treiben.

MM: Noch mal: Wie soll ein Grenzpolizist in diesem Fall reagieren?

Petry: Er muss den illegalen Grenzübertritt verhindern, notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. So steht es im Gesetz.

Was stimmt ist, daß es ein Gesetz gibt, das den Schußwaffengebrauch an der Grenze unter bestimmten Umständen erlaubt. Was nicht stimmt ist, daß das Gesetz besagt, ein Grenzpolizist müsse Flüchtlinge mit der Waffe daran hindern, deutschen Boden zu betreten.

Es stimmt schon, Petry hat dasWort „Schießbefehl“ nicht genannt, sie hat aber behauptet, es gäbe ein entsprechendes Gesetz.

Man kann jetzt die Haarspalterei betreiben, auf dem Begriff rumzureiten. Oder man kann einsehen, daß das von Petry beschriebene Szenario: Ein Mensch klettert über einen Grenzzaun, nicht die Voraussetzungen erfüllt, daß ein Grenzbeamter auf ihn schießen könnte oder gar müßte. Schon gar nicht, um ihn allein am Betreten des deutschen Bodens zu hindern!

Petry negiert damit für den Flüchtling das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, was in eklatantem Widerspruch zu unserem Grundgesetz steht! Das ist keine kleine Lapalie, sondern ein ganz dicker Hammer! Daß dazu aus ihrer Partei keine vernehmbare Kritik kam, macht es noch schlimmer. Und sie kann sich auch nicht glaubhaft, wie sie versuchte, damit rausreden, daß das Interview falsch wiedergegeben wäreLügenpresse und so. Sie hatte das Interview so autorisiert! Sie wollte, daß das so an die Öffentlichkeit geht!

Wer sich da nicht empört, darf sich fragen, ob er unsere Grundordnung in Deutschland verstanden hat. Der darf sich auch gerne fragen, wessen Werte es sind, die er zu verteidigen meint. Die des demokratischen Rechtsstaates, der grundlegende Menschenrechte anerkennt jedenfalls nicht. Denn das Recht auf Leben ist nicht nur Grundrecht nach GG, sondern zählt zu den Menschenrechten.

Sicher kann man sich auch über die anderen Politiker empören. Was sie gesagt haben, finde ich auch nicht gut. Leider konnte ich den Text der betreffenden Interviews nirgends im Original finden, allerdings konnte ich eine Stellungnahme des CDU Mannes finden.

Er bezieht sich darin vor allem auf die Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung und nennt den Schußwaffengebrauch (jetzt nicht mehr explizit) als Ultima Ratio.

Diesen Begriff findet man auch bei Petry, allerdings ist sie sehr konkret mit der Situation, in der sie sich Schußwaffengebrauch vorstellt. Der CDU Mann spricht eher unpräzise von einem „Notfall“. Das kann man ihm sicherlich immer noch negativ auslegen, allerdings fordert er nicht so konkret wie Petry den Schußwaffengebrauch in einer Situation, in der er rechtswidrig und unmenschlich wäre.

Auch der Grünenpolitiker war wenig konkret. Er sprach von einer „bewaffneten Schließung der Außengrenzen“. Mir erscheint das noch radikaler als die Forderung des CDUlers. Er macht jedoch, ebenfalls unkonkret, keine Aussage dazu, wann die Schußwaffe angewendet werden solle. Er kann sich auch jederzeit darauf zurückziehen, Fälle gemeint zu haben, in denen Terroristen schwerbewaffnet an der Grenze Bomben legen wollen.

Frauke Petry hat dagegen einen sehr konkreten Fall geschildert, in dem das von ihr geforderte Polizeihandeln in eklatanter Weise allem widerspricht, wofür unser Staat mit seiner Rechtsordnung steht. Und sie ist Landtagsabgeordnete und Bundesvorstand einer nicht unerfolgreichen Partei.

Bei den anderen Politikern treffen diese Punkte nicht (Palmer) oder mehrheitlich nicht (Oesterhelweg) zu. Trotzdem wurden sie kritisiert, die politische Akzeptanz hat keinesfalls einen so grünen Haken, wie das Bild oben suggerieren will.

Auch bei Bedford-Strohm, der über ein ganz anderes Thema sprach, gab und gibt es Kritik. Militäreinsätze sind in den evangelischen Kirchen überhaupt sehr umstritten, wie ja auch der Hinweis auf Käßmann im selben Interview zeigt. Dazu hab ich vor Jahren auch mal was geschrieben.

So viel Kritik man aber an allen anderen Positionen äußern kann, und so viel auch geäußert wurde, ohne daß die Ersteller dieses Bildes es eingestehen können, Petry hat mit ihrer Forderung den Vogel abgeschossen, weil sie weiter geht und Unmenschliches fordert. Im Grunde fordert sie, das GG nicht zu beachten. Das, und daß sie eben Bundesvorsitzende ihrer Partei ist (und von dieser keinen spürbaren Widerspruch erhielt), führten zu Recht dazu, dass die Empörung über sie größer war als über die anderen.

Und der Ersteller des Bildes weiß das auch, sonst hätte er nicht die weniger verängliche Aussage von Petry reingeschrieben, wie er es bei allen anderen getan hat.

Wenn hier einer heuchelt oder mit zweierlei Maß mißt, dann der Ersteller des Bildes und alle, die das für irgendwie gut oder gelungen halten.

Allgemein

Die eine Tür und die Frommen

Schon in der Bibel werden wir vor falschen Lehrern und Propheten gewarnt. Jetzt bin ich ein Mensch, der an das Gute im Menschen glaubt, auch wenn nich davon überzeugt bin, daß wir alle Sünder sind. So viel wir falsch machen, so selten wollen wir das auch wirklich. Nur manchmal muß man einen Strich ziehen, um sich abzugrenzen und nicht mit schuldig zu machen.

Diesen Strich ziehen im Moment viele ehemalige Evangelikale in den USA. Dort ist etwas ziemlich unglaubliches passiert. Es geht um World Vision, die Hilfsorganisation, bei der man Kinder „adoptieren“ kann. Man spendet Geld für ein bestimmtes Kind, das man unterstützt (und damit seine ganze Gemeinschaft) und kann per Brief Kontakt halten. So sieht man dann auch, wie die Spenden helfen.

World Vision ist eine Organisation, das wußte ich bis letzte Woche nicht, die aus dem evangelikalen Millieu der USA stammt. Was ja nicht weiter schlimm ist, so lange den Menschen geholfen wird, können meinetwegen auch Satanisten die Hilfe leisten.

Nun hat World Vision entsprechend der Gesetzeslage angefangen, auch Homosexuelle einzustellen. Das wollte man nicht an die große Glocke hängen, wohl vorausahnend, was für ein Shitstorm folgen würde.

Irgend ein „besorgter Christ“ muß es aber herausgefunden haben, und hat es an die große Glocke gehängt. Und er hatte guten Erfolg damit. Sofort meldeten sich mehrere evangelikale Führer zu Wort und riefen dazu auf, dieser Organisation die Unterstützung zu entziehen.

Wohlgemerkt: Man sollte aufhören, Kinder in den Entwicklungsländern zu unterstützen, weil an der Hilfe vielleicht auch ein oder zwei Homosexuelle beteiligt waren. Gott verhüte, daß das Helfende Geld von einer „Schwuchtel“ nach Afrika umgebucht würde!

Kurz: Diese evangelikalen Führer haben die Perspektive verloren. Es war ihnen wichtiger, die Homosexuellen zu marginalisieren, als sich um das Wohl der Kinder zu sorgen. UNd sie hatten Erfolg, in zweifacher Hinsicht:

  1. World Vision hat zurückgerudert. Es gab so viele Drohungen, die Unterstützung einzustellen, daß World Vision die Entscheidung traf, lieber weiter den Kindern helfen zu können, als zu seiner Entscheidung zu stehen, Homosexuelle zu beschäftigen. Meiner Meinung nach eine mutige Entscheidung. Beide Optionen wären falsch gewesen, aber sie haben die Option gewählt, die eher den Schwächeren hilft, und haben die nicht ganz so schwachen im Stich gelassen.
  2. Aufgrund der Abmeldungen sind jetzt 10.000 Kinder ohne Paten, die voher einen „aufrechten Christen“ als Paten hatten. 10.000 Kinder! Auch hier hatten die Evangelikalen Führer Erfolg. Diese Kinder werden jetzt die Unterstützung nicht bekommen, die sie hätten haben können, aber Hauptsache, es sind keine Homosexuellen involviert.

Ich habe mehrere amerikanische Blogartikel zum Thema gelesen. Irgendwo
fand ich die Aussage, daß die Evangelikalen das Evangelium erweitert hatten. Es beinhaltet nicht mehr nur die Zusage der Liebe und Barmherzigkeit Gottes für den Sünder, sondern noch allerlei kulturelle Punkte, wie etwa die Homophobie.

Nur so ist es zu erklären, daß solch haßerfüllten, homophoben Aktionen nachgegeben wird unter so vielen Menschen, die sich Christen nennen, und eigentlich am Doppelgebot der Liebe orientiert sein müßten.

Ich sehe das ebenso, und möchte daran erinnern, daß in der Bibel stets davor gewarnt wird, das Evangelium zu verfälschen:

Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lasst von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem andern Evangelium,
obwohl es doch kein andres gibt; nur dass einige da sind, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren.
Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht.
Wie wir eben gesagt haben, so sage ich abermals: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht.
Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott zuliebe? Oder suche ich Menschen gefällig zu sein? Wenn ich noch Menschen gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht.

So schreibt Paulus in Gal 1, 6-10. Harte Worte, aber ich finde, sie treffen zu auf diese Evangelikalen, die dazu aufriefen, Kindern die Unterstützung zu entziehen, um ihre politischen Forderungen durchzusetzen. Eigentlich hätte die Liebe sie dazu anhalten müssen, danach zu suchen, wie man möglichst vielen Kindern helfen kann. Und die Hoffnung hätte sie anleiten müssen, darauf zu vertrauen, daß Gott entweder die Homosexuellen zu Recht bringt oder sie, also die evangelikalen Führer selbst, denn wenn es eine Meinungsverschiedenheit gibt, ist nicht unbedingt der andere derjenige, der falsch liegt. Aber offenkundig hatten sie keine Liebe zu den Kindern verspürt als sie dazu aufriefen, diese im Stich zu lassen, und auch keine Hoffnung auf Gottes Führung was die Frage in der Homosexualität angeht.

Statt dessen hofften sie darauf, daß Gott scho irgendwie den Kindern helfen würde (derselbe Gott, der uns die Liebe als Gebot mitgab!) und liebten ihre politischen, haperfüllten, homophoben Ansichten. Womöglich gingen sie noch dazu davon aus, daß Gott auf ihrer Seite wäre. Soe wie die Pharisäer Gott auf ihrer Seite wähnten. So wie die falschen Propheten in Israel und Juda immer nur Heil für die kaputte Gesellschaft voraussagten, während Gott Seine Propheten schon längst den Untergang verkündigen lies.

Gott ist auf der Seite der Schwachen. Schon immer gewesen. Wer auch immer die Macht hat, ein Unternehmen so groß wie World Vision in die Knie zu zwingen, gehört wohl kaum zu den Schwachen.

Aber das ist ja alles nur Vorrede. Eigentlich geht es mir um folgendes. Nachdem ich diese ganzen Vorgänge um die Evangelikalen und World Vision gelesen hatte, steiß ich auf Tom’s Blog auf folgendes Video.

Das Video gehört zu einer Aktion der evangelischen Frauen und Männerarbeit mit dem Titel „Eine Tür“. Ich verstehe das Video so, daß in der Kirche alle durch eine Tür reinkommen und in gleicher Weise als Menschen angenommen werden. Im Gegensatz zur Gesellschaft, die den Menschen ein Label aufdrückt – Männlein oder Weiblein – das dann, wie man im Video anhand der Toilettenszenen sieht, der von Gott geschaffenen Schöpfung kaum gerecht wird.

Tom hat das Video wohl falsch verstanden im Sinne von „wir brauchen nur noch eine Toilette“. Das kann geschehen, daß man etwas falsch versteht. Darauf will ich gar nicht eingehen. Aber was ich kommentieren möchte ist der Rest seines Eintrages, weil ich den Eindruck habe, daß es exemplarisch für eine Form des Christentums ist, die den evangelikalen Irrlehrern in den USA nahe steht und darum in der Gefahr ist, ebenso in den Haß abzugleiten und das Evangelium zu verlieren.

Tom schreibt:

Egal, welcher Schwachkopf auf die Idee kam, dass es über 30 Geschlechter geben solle – wo doch die Menschheit in „Mit-Glied“ und „Ohne-Glied“ aufgeteilt werden kann – plappern jetzt alle nach, was die Genderforschung an geistlichen Ergüssen von sich gibt. Die EKD stimmt in den Chor mit ein und hat jetzt beschlossen, dass die Kirche gendergerecht sein soll.

Ich weiß nicht, wie viele Geschlechter es geben soll. Ich bin mir aber sicher, daß es mehr sind als zwei. Sicher kann man die Menschheit in Mit Glied und ohne Glied einteilen. Aber zu welchem Zweck? „Da ist weder Mann noch Frau“ schreibt Paulus. Wieso also an der Differenzierung festhalten? Zumal es mehr gibt als Mann und Frau. Und die Einteilung auch nicht immer eindeutig ist. Was ist zum Beispiel mit Origenes? Männlein oder Weiblein? Er hatte sich ja bekanntermaßen aufgrund einer fragwürdigen Bibelauslegung selbst entmannt? Also Weiblein? Wen hätte er heiraten können? Als Weiblein wohl ein Männlein, aber da er selbst als Männlein geboren war ist das auch ein Problem nach dem Muster von Toms (bürgerlichen) Zeitgeites.

Und was ist mit den Menschen, die mit beidem geboren werden? Auch da gibt es ganz verschiedene Erscheinungen, die in der Schöpfung vorkommen. Was ist mit diesen Menschen? Männlein oder Weiblein? Und wen „dürfen“ sie heiraten?

Nein, es handelt sich bei der Genderforschung weder um Schwachköpfe, noch um Ergüsse, sondern um Menschen, die nach Lösungen suchen für das, was in der Realität vorkommt: Menschen mit unklarer Geschlechterzuordnung. Dazu gehören dann auch Menschen, die als Mann geboren werden und sich als Frau fühlen und umgekehrt.

Klar kann man die Menschen einteilen in mit Glied und ohne Glied. Man kann sie auch in Brillenträger und Nichtbrillenträger einteilen oder in Linkshänder und Rechtshänder, oder in Langhaarige und Kurzhaarige oder in Sympathische und Unsympathische. Nur, welche Rolle spielt das alles?

Tom schreibt:

Schwule, Lesben, Transsexuelle, Bi-Sexuelle usw. sind alle eingeladen in die EKD zu kommen. Nun, das wäre ja an sich nicht schlecht. Jesus Christus hat Sünder immer angenommen und sie sind zu ihm gekommen. Aber die EKD lädt ein, ohne die Leute auf die Notwendigkeit der Buße aufmerksam zu machen. Ja, bei Jesus sind Sünder willkommen, aber sie sollen nicht so bleiben wie sie sind, sondern zu neuen Menschen werden. Menschen, die in der Ordnung und Beziehung Gottes mit Ihm leben. Veränderte Menschen.

Wieso sollte die EKD hier einen Unterschied zwischen LGBT Menschen und Heterosexuellen machen? Sind nicht alle Sünder? Das Problem ist doch, daß bestimmte Kreise (zu denen Tom wohl gehört und auch die evangelikalen Irrlehrer in den USA) meinen, LGBT Menschen wären in besonderer Weise Sünder und müßten in besonderer Weise bereuen und Buße tun, und die damit diese Menschen gezielt aus den Kirchen vergraulen. Die EKD wirkt dem nur entgegen indem sie sagt: Es gibt vor Gott keinen Unterschied zwischen Schwulen, Lesben, Trnssexuellen, Heterosexuellen oder Bisexuellen. Ebensowenig wie es vor Gott einen Unterschied gibt zwischen Griechen und Juden, ziwschen Männern und Frauen, zwischen Freien und Sklaven. Alle sind eins in Christus!

Und was Jesus angeht, der die „Sünder“ aufnimmt:

Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.
Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.
Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?
Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.
Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

Die Zöllner galten den „Frommen“ der damaligen Zeit in etwa so als Sünder wie heute die Homosexuellen den Evangelikalen.

Und Jesus sagte einfach zu Matthäus: Komm mit, und er kam mit. Keine Rede von Buße. Keine Rede von anderer Mensch werden. Das verlangen die Pharisäer. Sie fragen, wieso er mit Zöllnern und Sündern ißt. Und Jesus verweist auf Hosea. Es geht nicht um das Sündersein, um die Opfer, die man bringen muß, um Buße zu erlangen. Es geht um Barmherzigkeit, um Liebe. Wieso nicht mit Zöllnern essen? Wieso nicht LGBT Menschen in die Kirche einladen? Wenn Jesus für die Sünder gekommen ist, dann würde ich mir Sorgen machen, wenn ich mich selbst zu den Frommen zählte, denn für die wäre Er dann ja nicht gekommen. So schließen sich Leute wie Tom implizit aus der Erlösung aus. Das würden sie natürlich nicht zugeben. Aber durch ihr Verhalten gegenüber LGBT Menschen machen sie deutlich, daß sie sich wohl doch als über ihnen stehend begreifen. Die müssen erst mal Buße tun. Wir haben das (nicht mehr) nötig, haben ihnen etwas voraus.

Wenn dem so wäre, bräuchten sie Jesus nicht mehr. Und daran kann man eigentlich schon erkennen, wie nahe man mit solchen Ansichten der Irrlehre kommt. Denn jeder braucht Jesus.

Tom schreibt:

Doch die Propaganda der beiden Gruppen innerhalb der EKD verzichtet auf einen Bußaufruf. Sie stellt das Perverse als normal dar. Damit wären wir bei Sodom und Gomorra. Eine Kirche, so wie sie in dem Video dargestellt wird, verkommt buchstäblich zum Scheißhaus. Traurig aber wahr. Eine Kirche, die keine lebensnotwendige Umkehr fordert, hat kein Recht mehr, den Namen Jesus Christus in den Mund zu nehmen. In jedem Geflügelzüchterverein gibt es mehr Regeln und wahrscheinlich auch mehr anständige Leute.

Die EKD mag nicht so laut zur Buße rufen. Aber wieso regt sich Tom darüber nur bei Homosexuellen auf? Wieso regt Tom sich nicht darüber auf, daß die EKD die Landeskirchlichen Gemeinschaften nicht mehr zur Buße ruft? Oder andere konservativere Gruppierungen? Meint Tom, diese hätten die Buße (nicht mehr) nötig?

Und ist es überhaupt immer angebracht, zur Buße zu rufen? Wir haben gesehen, daß Jesus bei der Berufung des Matthäus überhaupt nicht zur Buße rief.

Buße ist sicherlich wichtig. Und wer die Gottesdienste der EKD Kirchen besucht weiß auch, daß sie durchaus vorkommt. Manchmal sogar jeden Sonntag. Zumindest aber immer, wenn Abendmahl gefeiert wird. Kyrie eleison wird dann gesungen: Herr erbarme Dich. Sind das nicht die Worte eines Büßers?

Tom schreibt:

Ja, es gibt immer noch jemanden, der ärger ist als sein Vorgänger. Es gibt immer eine Steigerung der boshaften Dummheit. Irgendwann wird dieses Ärgernis normal sein und der Nächste kommt auf eine noch schlimmere Idee.

Das sehe ich auch so. Es wird Leute geben, die sich als noch rechtgläubiger wähnen als diejenigen, die dafür sorgten, daß die 10.000 Kinder ihre Unterstützung verloren. Sie werden die Irrlehre noch steigern. Und irgendwann ist es dann normal, daß man in „frommen“ Kreisen nicht mehr nach der LIebe fragt, sondern nach menschlichen Gesetzen und Buße der anderen. Jesus hat damit nichts mehr zu tun. Aber Jesus hat den „Fehler“ gemacht, Seinen Namen nicht als Wortmarke schützen zu lassen. Also kann Er mit weltlichen Mitteln nichts dagegen tun. Allerdings wissen wir auch, daß Gott es nicht lange zuläßt, daß in Seinem Namen Unheil angerichtet wird. Israel und Juda sind untergegangen. Und als aktuellstes Beispiel kann man vielleicht auf Fred Phelps, den Gründer der Westboro „Church“ verweisen, der im Namen Gottes Haß und Zwietracht gesäht hat und am Ende von seiner Kirche ausgeschlossen wurde und einsam im Hospitz starb. Echte Menschen Gottes sterben nicht, nach der Lehre dieser „Kirche“. Deshalb war ihnen seine Gebrechlichkeit ein sicheres Zeichen dafür, daß er nicht zu den Erwählten gehört. Ein lebhaftes Beispiel davon, wohin es führt, wenn man sich statt auf den Glauben auf Gesetzeswerke stützt, wie auch immer das Gesetz genau aussieht.

Tom schreibt:

Irgendwann werden wir dann im TV von Sex mit Tieren hören und zusehen müssen, wie zu offener Satansanbetung und Mord aufgerufen wird, auch innerhalb von denen, die sich Christen nennen.

Ist es denn keine Satansanbetung und Mord, wenn evangelikale Führer dazu aufrufen, im Namen Gottes(!) auf die Unterstützung von hilfsbedürftigen Kindern zu verzichten, um ein politisches Ziel zu erreichen, nämlich, daß Homosexuelle marginalisiert werden?

Tom schreibt:

Diese Gender-Stufe ist nur ein Vorgeschmack davon, was noch alles kommen wird. Eine Kirche, die hier mitmacht, sollte sich nicht mehr Kirche nennen. Die EKD wird zu dem verkommen, was im Video dargestellt ist – einem Scheißhaus.

Ich sehe es umgekehrt. World Vision ist ein Vorgeschmack dessen, was noch kommen wird. Die Gender Sensibilität ist ein Schritt in die richtige Richtung. Den Rest möchte ich nicht mehr kommentieren, das legt sich sozusagen selbst aus.

Kirche hat nach meiner Meinung nichts mit Ausgrenzung zu tun. Jesus grenzte nicht aus. Er nahm alle auf, und er forderte nicht immer und von allen Buße. Harte Forderungen stellte Er in der Regel dann, wen seine Gesprächspartner sich selbst rühmten, oder irgendwie mit ihm um Sicherheiten feilschen wollten, wie der reiche Jüngling, der wissen will, wie er das ewige Leben kriegt und dann meint, er hält sich an alle Gebote. Er hatte die falsche Einstellung, wollte ne to do Liste, um sich später darauf berufen zu können. Aber so läuft das nicht, also wird Jesus radikaler mit den Forderungen. Von Paulus wissen wir ja, daß es garnicht auf das Handeln ankommt, sondern auf den Glauben. Der Ansatz mit den to do Listen ist also der verkehrte. Setzt man auf den Glaubenund tut einfach, was man für geboten hält, paßt das schon eher. Auch ohne to do Liste. Und ohne zu meinen, man hätte selbst die Buße nicht mehr nötig oder nicht so nötig wie irgendwelche Sünder, Zöllner oder Homosexuellen.

Einen gesegneten Sonntag.

Netzfunde

Netzfunde, Montag, 6. Januar 2014

Den Anfang macht heute Morgen Guyton. Der hat sich des Themas „gay marriage“ angenommen und einen Vergleich zur Forderung „Frauen an den Herd“ gezogen. Ganz interessant, und Recht hat er auch. Früher sagte man, die Bibel fordere, daß Frauen zu Hause bleiben und die Kinder erziehen. Heute fordert das keiner mehr, weil das Einkommen der Frau gebraucht wird. Ginge es wirklich um die Bibel und wären deren „Wahrheiten“ ewig… naja, Ihr versteht was er meint. Und mit der Homoehe könnte es genauso sein, warten wir mal 30 Jahre ab.

In Bremen kommt ne Solaranlage auf ein Kirchendach. An sich nichts besonderes, das passiert öfter mal, nicht nur in Bremen (zumindest so lange der Denkmalschutz mitspielt). In dem Fall handelt es sich aber um das „Projekt des Monats“ der Aktion „Kirche im Aufbruch“. Daher gibt es auch einen Artikel bei der EKD darüber. Das Besondere hier ist wohl, daß es sich nicht um ein Kircheneigenes Projekt handelt, sondern alle möglichen Leute mitmachen können, die Kirche lediglich das Dach und einen Teil der Finanzierung beisteuert und das Ganze dann ein Renditeprojekt für diejenigen wird, die sich beteiligen. Der Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist und die Rendite kommt allen zu Gute. Solange es der Kirche nur darum geht, sich einzubringen beim Klimawandel und nicht alles selbst zu kontrollieren, ist das sicherlich ein interessantes Projekt.

Es gibt eine neue Handreichung zum Thema Kirchenasyl von den Landeskirchen Rheinland, Lippe und Westfalen sowie der Diakonie der drei Landeskirchen. Das ganze heißt „Wenn ein Fremdling bei Euch wohnt…“ und ist kann hier heruntergeladen werden. Hier gibt es noch ein Interview mit Kirchenrat Nikodemus zur Handreichung.

Antje Schrupp ärgert sich über die Werbung eines Frankfurter Museums. Ob man den „lüsternen männlichen Blick“ tatsächlich als solchen ansehen muß, da bin ich etwas skeptisch, und was die Telefonnummer der Venus von Willendorf angeht: Ich weiß ja nicht, welchen Zweck solche Figurinen damals hatten (echt nicht, ich kenn mich da nicht aus!), aber für meinen Laienverstand ist durchaus denkbar, daß Sex da durchaus auch eine Rolle gepielt haben kann. Wie bei heutigen Callgirls. Falls ich da richtig liegen sollte, würde es sich in beiden Fällen um eine Objektivierung des weiblichen Körpers handeln (was IMHO abzulehnen wäre). Dann wäre die Parallelisierung allerdings nicht falsch. Falsch wäre dann eher eine Verbrämung dessen als „Kunst“. Wer weiß, wie Museen der Zukunft mit heutigen Pornozeitschriften umgehen werden… allerdings kann es durchaus sein, daß ich hier komplett falsch liege. Man berichtige mich.

Thomas hat seine Gedanken zur diesjährigen Jahreslosung aufgeschrieben. Andere haben wohl – nach seinen Worten – eher Probleme mit ihr, er mag sie. Und ich kann auch irgendwie nachvollziehen, wieso und was er meint mit der „Gottesgeburt in der Seele“.

Zu guter Letzt: Gerd Häfner hat nen kurzen Text geschrieben, wieso die Heiligen Drei Könige „heilig“ und „Könige“ genannt werden und woher die Dreizahl kommt. Steht zwar so nicht in der Bibel, ist aber auch alles nicht ganz unbiblisch.

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It’s not a bug, it’s a feature

Als ich vor kurzem vom (Anti-) Luther Flyer des IBKA (Innen / Außen) las, dachte ich zuerst: Oh, nein, nicht schon wieder. Das nervt.

Denn es ist doch wohl hinlänglich bekannt, was Luther zu Juden, Hexen und Behinderten dachte und schrieb. In diesen Dingen war er weitestgehend ein Kind seiner Zeit, mit all den widerlichen Begleiterscheinungen. Trotzdem werden professionelle Atheisten nicht müde, Bekanntes als Neuigkeit zu bezeichnen und immer wieder zu wiederholen. Natürlich nur, um aufzuklären. Versteht sich.

Jetzt ist ja bald, am 31. Oktober 2017, 500-jähriges Reformationsjubiläum, und die EKD leistet sich für diese Feier sogar eine eigene Luther-Botschafterin: Margot Käßmann.

Der Vorwurf von atheistischer Seite, daß Luther – trotz besseren Wissens – in Sonntagsreden glorifiziert wird und der „echte Luther“ (damit sind alle seine negativen Eigenschaften gemeint) dem Volk vorenthalten wird, richtet sich damit auch und vielleicht auch besonders an eben jene Frau Käßmann.

Jetzt könnte man das Krakeelen ignorieren – und viele denken vielleicht, das wäre das Beste – oder man geht darauf ein. Immerhin haben wir in der Kirche jede Menge gute Kirchenhistoriker, die recht fix noch viel mehr negative Lutherzitate auftun könnten. Diese könnte Käßmann dann in ihren „Sonntagsreden“ ganz plakativ vortragen. Würde sie damit ihren Job verfehlen, oder erschweren?

Ich meine nicht! Denn wir feiern nicht Luther, sondern die Reformation! Luther war – fromm ausgedrückt – ein Werkzeug Gottes. Und wie es so ist, wählt Gott gerne mal fragwürdige, schwache Menschen als Werkzeug. Hängt die Reformation denn ab von der Person Luther und ihren Eigenschaften, oder ist Luther nur der historische Akteur, durch den die Reformation geschah?

Die Reformation war immerhin der Sieg des persönlichen Gewissens über alle Staatsmacht. Sozusagen der Ausgang aus der Unmündigkeit, um mit Kant zu sprechen: Ein kleiner Mönch stand vor Kaiser und Reich und sagte erstmals: Nein, ich seh das anders, und ich werde so lange nicht widerrufen, wie Ihr mich nicht überzeugt. Trotz drohender Todesstrafe!

Man kann diesen Fakt nun so erzählen, daß hier ein großer Held allen Mächtigen die Stirn bot. Und das geschah ja auch oft und geschieht auch noch, wenn auch zum Glück seltener. Nur taugt eben Luther nicht ganz zur Lichtgestalt, denn wie gesagt: Als Kind seiner Zeit hatte er teilweise furchtbare Ansichten.

Doch auch heute noch und wahrscheinlich auch für die nächsten 500 Jahre dürfte die Berufung auf das eigene Gewissen als positiv angesehen werden. Hier war Luther, dieser Antijudaist und Hexenhetzer wahrhaftig, ehrlich. Zumindest in der Zeit,als er sich der wirksamen Protektion durch seinen Landesfürsten nicht ganz sicher sein konnte. Diese Wahrhaftigkeit, auch falls sie bei Luther nur dies eine Mal in Erscheinung getreten sein sollte, löste die Reformation aus – und ist auch ein Stück weit selbst die Reformation. Denn alle reformatorische Theologie geht davon aus, daß der Mensch selbst vor Gott steht und sich nicht durch Priester und Bischöfe vertreten lassen kann. Daß er selbst verantwortlich ist, daß er mündig ist und sein soll. Und das feiern wir am Reformationstag, weil wir es fürdie Wahrheit halten. Und zwar ganz unabhängig davon, wer diesem Denken aus welchen Gründen zum Durchbruch verholfen hatte.

Dies könnte Käßmann (und auch andere Theologen) vielleicht klarer herausstellen, wenn sie sich erst von Luther distanzieren, dann aber die Sache um so stärker betonen. Gott, um darauf zurückzukommen, suchte sich als Propheten oft schwache Menschen aus. Sie erhielten ihre Kraft alleine durch die Kraft ihrer Botschaft. Die Botschaft ist gut, der Mensch nicht zwingend. Daher haben wir Protestanten auch keine Heiligenverehrung. Und daher brauchen wir auch nicht den St. Martin von Wittenberg. Der Begriff „Luther-Botschafterin“ ist da eigentlich auch schlecht gewählt. Aber wenn er inhaltlich gut gefüllt wird, ist auch das kein Problem.

Treibgut aus dem Netz

Netzfunde Karfreitag, 6. April 2012

Antje Schrupp befasst sich auf ihrem Blog mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen und der Frage, wer dann die Drecksarbeit macht. Der Artikel wirft eine wichtige Frage auf, auch wenn mich als Mann die Suggestion, die „Dreckarbeit“ würde vor allem an den Frauen hängen bleiben, annervt, aber das ist ne andere Diskussion. Ich würde ja die weitergehende Frage stellen, was die Folge wäre, wenn die Drecksarbeit nicht erledigt würde. Riefe man nicht nach dem Staat? Es könnte auf Steuerfinanzierung rauslaufen…

Thomas hat einen Artikel über Zombie-Filme geschrieben, und der ist interessanter, als es sich anhört. Vielleicht gerade auch für diejenigen, die nicht zu den Fans des Genres gehören. Beim Lesen kam mir der Gedanke, ob man wohl auch die Passion als Zombie-Film drehen könnte, oder als Monster-Film mit Zombies, Vampiren, Mumien und Werwölfen, wobei mir noch nicht ganz klar ist, wer für was steht.

Mandy schrieb, passend zur kommenden Osterzeit, über Jonathans Ei. Dabei geht es um einen Jungen mit Behinderung, der eine Regelschule besucht. Und das ist jetzt die Überleitung zu einem Bloghinweis, den ich schon länger unterbringen wollte, der aber nei richtig reinpasste: Der Blog Inklusion ist Menschenrecht. Es ist ja in der Tat so, daß die BRD ein UNO Papier ratifiziert hat, das sich für die Inklusion in der Schue ausspricht. Die Aufnahme in Regelschulen ist also Bundesrecht und muß umgesetzt werden. Insofern ist eine Auseinandersetzung mit der Thematik sicherlich nicht verkehrt.

Gerd Häfner stellt anhand der Frage nach dem Todestag Jesu dar, auf welchen Ebenen man einen Bibeltext lesen kann, und wieso das Nebeneinander von vier Evangelien in der Bibel durchaus sinnvoll ist.

Alien59 schreibt Bedrückendes über Wegwerfmenschen. Am Ende stellt sie die Frage nach dem Menschenbild. Ich meine, daß in diesen Fällen der Mensch nicht als Mensch, sondern als Produkt, als Gegenstand betrachtet wird, der eintauschbar ist bei Nichtgefallen oder Defekt. Eigentlich ein krasser Verstoß gegen Art. 1 GG. Und auch bei Peter scheint mir der Gedanke vom Menschen als Produkt im Hintergrund zu stehen, wenn er von der neuen Scham schreibt, die sich nicht auf die Nacktheit bezieht, sondern auf Armut und Unattraktivität.

Und ein dritter Artikel zum Thema, mit dem Titel „Das Weib als Volkseigentum“ ist bei Geiernotitzen zu lesen, mit einer bedenkenswerten und kreativen Ausdeutung des Ehebruchs.

Beim Hellbound-Blog kommen immer wieder recht gute Artikel, ich dachte ja erst, da würde nur der Film beworben. Weit gefehlt. So gibt es da den Artikel zur Frage, wie es denn nun ist mit der Liebe im Christentum, und wie mit den Werken.

Um Liebe in Form von gegenseitigem Dienst (Fußwaschung!) geht es auch in der Gründonnerstagspredigt von Nick Baines, und die Bemerkung, daß er in dem Jahr, wo er jetzt Bischof von Bradford ist, viele Leute getroffen habe, die gute Arbeit in der Diözese leisteten, dachte ich ein wenig an Heikos Artikel bei evangelisch.de. Dort geht es um die Facebook Seite des bayrischen Landesbischofs, der ja durchaus auch Projekte in seiner Kirche (und anderswo) besucht, die hoffentlich auch alle gute Arbeit leisten. Ne entsprechende Medienpräsenz der „Reisen des Bischofs“ (der Name ist verbesserungsfähig), auf der die guten Projekte in der Kirche kurz umrissen werden (evtl. mit Link zur Projektseite im Internet), vllt. vom Bischöf persönlich in ein paar kuren Worten, würde diesen Besuchen nicht nur den Aspekt des „die Landeskirche nimmt die gute Arbeit hier wahr und schätzt sie“ für die dort arbeitenden geben, sondern sie ebenfalls in Bezug auf „Außenwerbung“ erschließen. Wo jemand sagen würde „Die Kirche macht eh nix für die Menschen“ könnte man beiläufig auf die Internetpräsenz des Bischofs (oder Kirchenpräsidenten oder Präses oder oder) verweisen…

Über den Facebook-Gottesdinest aus dem Maternushaus Köln gibt es einen Artikel bei FrischFischen. Dabei wird auch die Frage nach der zukünftigen Rolle der Ministranten aufgeworfen.

Andrea hat einen Artikel zur Vorratsdatenspeicherung geschrieben. Diese läuft in Österreich im Gegensatz zu Deutschland seit letztem Jahr. Interessant fand ich, daß die evangelische Kirche in Österreich klar Stellung dazu bezogen hat (die EKD war mein ich eher verschwiegen, oder hab ich was übersehen?), gerade auch wegen der Seelsorge. Wären die Piraten, die sich ja hierzuland den Kampf gegen die VDS auf die Fahnen geschrieben haben, nicht so religionsskeptisch eingestellt, hätten sie hiermit vielleicht ein Argument, das sogar einen gestandenen CSUler vom Schaden dr VDS überzeugt. Aber da gibt es wohl leider ideologische Grenzen.

Zu den Piraten hat auch Muriel geschrieben. Lesenswert.

Euch allen einen gesegneten Karfreitag.

Gesellschaft

Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein! Mal wieder…

Schlimm genug, daß ein Mädchen ermordet wird. Schlimm genug, daß ein 17-jähriger verdächtigt wird, der sich dann als unschuldig herausstellt. Schlimm genug, daß in der Zwischenzeit zu Lynchjustiz aufgerufen wurde und Name und Adresse des 17 jährigen die Runde machten.

Nun kommt der Internetexperte der EKD, und was er sagt kommt rüber wie eine Abwandlng des allseits nbeliebten „Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein“.

Dabei glaube ich nicht einmal, daß Sven Waske, so der Name des EKD Manns, es so gemeint haben muß, wie es rüberkommt.

Im Netz müssten die gleichen Regeln wie in anderen Bereichen gelten, sagte der Leiter der kirchlichen Internetarbeit am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Hannover: „Wenn wir uns davon verabschieden, verabschieden wir uns von einer menschlichen Gesellschaft und von einem verlässlichen Rechtssystem.“

Natürlich gilt im Netz das gleiche wie anderswo. Gesetze werden sowieso schon afs Netz bezogen, und auch sonst sind wir keine anderen menschen, wenn wir im Netz agieren.

Nun scheint es aber, daß drch diese Aufrufe zur Lynchjustiz nachträglich ein Politiker einer Kleinstpartei noch Recht bekommt, der von einer Tyrannei der Masse sprach.

Ist da vielleicht doch etwas dran? Gleiten wir ab und verabschieden uns vom Rechtssystem?

Ich meine, das Problem liegt darin, daß das Internet etwas offensichtlich macht. Durch das Netz und seine Möglichkeiten alles zu finden, alles weiterzuleiten, wird öffentlich, was sonst im Kleinen geschieht. Und durch die Öffentlichkeit, wird es weiter hochgekocht und auf die Spitze getrieben.

Wer würde denn schon die Hand dafür ins Feuer legen, daß es vor sagen wir 50 Jahren nicht irgendwo an einem Stammtisch jemanden gegeben hat, der in so einem Fall gesagt hätte: „Totschlagen müßte man so einen!“? Wahrscheinlich wäre das nciht nur an einem Stammtisch der Fall gewesen.

Was es damals nicht gab, war eine Vernetzung der Stammtische. Und die Folgen. Denn wo früher sich eine Hand voll Männer bei ein paar Bier gegenseitig hochschaukelten, und dann doch nichts taten, tun wollten und vor allem konnten, sieht es heute anders aus:

Heute gibt es irgendwo im Netz immer jemanden, der nebenan wohnt. Irgendwo gibt es jemanden, der die Adresse rausfinden kann. Irgendwo gibt es sicher auch einen Irren, der gewalttätig wird.

Früher hätten diejenigen an ganz verschiedenen Stammtischen gesessen, heute kriegen sie Kontakt. Die Schwarmintelligenz, von der die Piraten schwärmen, ist oft eben auch nur ein Distributed Stammtisch, inklusive entsprechendem Reflektionsgrad.

Natürlich ist das ein Problem, und es ist wichtig, dies anzsprechen. Aber die Lösung kann nicht sein, das Netz abschaffen zu wollen, oder Klarnamen zu fordern. Klarnamen sind eh nicht durchsetzbar, und wer ihn benötigte hatte früher schon Mittel und Wege, um an einen falschen Paß zu kommen.

Die Lösung liegt eher darin, daß wir das Netz als das anerkennen, was es auch ist: Eine Schule der Demokratie (ja, wirklich!).

Auch wenn wir Stammtischverhalten wahrschienlich nie ganz verhindern können werden, so dürfte es doch möglich sein, das Ganze einzuschränken. Früher hätte niemand am Stammtisch etwas gegen Gott gesagt. Gegen die Kirche meinetwegen, aber es gab eine Grenze. Eine solche Grenze müssen wir gesellschaftlich auch im Netz zu etablieren suchen. Das ist nicht durch Gesetze zu machen, sondern durch Überzeugungsarbeit.

Wir müssen dafür sorgen, daß ein Verständnis dafür entsteht, welche Folgen derartige Hetze hat. Auch muß begriffen werden, was der Unterschied ist zwischen „verdächtig“ und „schuldig“. Es muß begriffen werden, was das Recht auf „Privatsphäre“ bedeutet und dergleichen mehr.

Bei den Folgen, wenn all dies nicht begriffen wird, bin ich mit Waske nicht uneins: Da kommt es dann ganz schnell zu Hexenjagden, da werden Leute verdächtigt und gleich um die Ecke geschafft, sicher ist sicher.

Übrigens: Dieses Umdenken über das Darstellen der Folgen funktioniert im Grnde ach nicht anders als früher, als man die Gotteslästerei unterband. Damals spielte wohl die Angst vorm Zorn Gottes die entscheidende Rolle. Heute spielt auch eine Angst eine Rolle: Nämlich vor den Konsequenzen für die Gesellschaft. Irgendwo auch sowas wie Hölle.

Das läßt hoffen, daß es funktionieren könnte. Und Waske, als Kirchenvertreter und Internetexperte, könnte vielleicht damit anfangen, ein Konzept zu erstellen, wie dieses Umdenken initiiert werden kann. Noch haben die Kirchen ja eine gewisse Reichweite.

Treibgut aus dem Netz

Netzfunde Dienstag, 27. März 2012

Mandy hat sich Gedanken dazu gemacht, ob Tiere eigentlich in den Himmel kommen. Und dann hat sie noch einen wunderbaren Artikel zu Behinderungen geschrieben. Ich hab mal den Satz afgeschnappt: Behindert ist man nicht, behindert wird man. Ich denke das kommt in ihrem Text gut raus. Einschränkungen hat jeder af die ein oder andere Art, aber zur Behinderung werden sie erst, wenn andere darauf keine Rücksicht nehmen.

Ich bin auf ein tolles Video von Joshua Tongol gestoßen (via):

Es geht um die Frage, was der Kreuzestod Jesu bedeutet,also ob Gott seinen Sohn ermordete, weil er Blut sehen mußte, oder ob es noch andere Deutungen gibt. Sehr sehenswert, leider in Englisch.

Über die scoop.it Seite von Kirche 2.0 fand ich ein paar interessante Artikel: Ralpe schreibt zu Luthers „pecca fortiter“ und Bentzerfreundlichkeit, bei RTL gibt’s ein Video zu QR Codes auf Grabsteinen und überhaupt, Keith Anderson schreibt über das Problem, daß Erfolg auch bei Kirchens in Zahlen gemessen werden soll und erinnert mich damit ein wenig an den Reformprozess der EKD, mit seiner Fixierung auf Taufzahlen et al und Jörn Brien schreibt über den Umgang mit dem Tod im Social Web.

Bei idea wird gemeldet, daß der Arabische Frühling auch zu einem Anstieg der Zahl der Neuchristen im arabischen Raum geführt hätte. Im Libanon hätten die Missionare dabei mehr Probleme mit den traditionellen Christen wie Maroniten als mit den Muslimen. Wenn man jetzt schon öfters mal was aus diesem Missionsgebiet gelesen hat wundert das nicht. Mir ist es schon mehrfach begegnet, daß die Konversion von traditionellen Christen zu evangelikalen Gruppen als Missionserfolg verbucht wurde und von Neuchristen gesprochen wird. Allerdings ist auch die Rede davon, daß es sich diesmal bei den Neuchristen vorwiegend um ehemalige Muslime handelt…

Ich hab noch ein Video, auch Englisch, aber etwas schwerer, weil irisches Mädchen:

[Das Video ist auf Youtube leider nicht mehr verfügbar]

Gefunden bei peregrinatio. Es geht um St. Patrick. Ebenfalls bei peregrinatio gibt es einen Artikel zum Führungsstil des scheidenden Erzbischofs von Canterbury.

Und noch was britisches: Ein Artikel von Bischof Nick Baines über die Deutschen und die Rolle, die das 3. Reich noch in unserem Denken spielt.

Herrmann Aichele hat einen Artikel über „Glauben“ geschrieben und das Problem, wenn man den Begriff erkenntnistheoretisch einengt. Dürfte für Atheisten interessant sein, die den (religiösen oder christlichen) Glauben wirklich verstehen wollen.

Ne neue Runde lusitge Kirchenschilder gibts bei sojo.net.

Bei geiernotizen lernt man die neuesten Schutzzauber gegen Nazis und deren Gedankengut kennen.

Und dann natürlich der Aufreger des Wahlabends. Die Piraten sind ins Saarbrücker Parlament eingezogen und Patrick Döring von der grandios gescheiterten FDP ließ sich dazu hinreißen, von einer Tyrannei der Masse zu sprechen und einen Klarnamenzwang zu fordern. Das gibt es auch als Video:

[Der entsprechende Youtube Kanal wurde inzwischen gelöscht]

Dazu passt dann wunderbar der Artikel über Kritik und Bashing von Michael Blume, in dem er die Piraten als positives Beispiel für Politikkritik hervorhebt und (meiner Meinung nach treffend) Fußball-Hooligans mit Bashern vergleicht.

Dann hab ich noch ne Horrormeldung: Google will nun auch die Hintergrundgeräsche bei Telefongesprächen zur besseren Werbeplatzierung erschließen. Prost Mahlzeit, die werden dann natürlich mit den Suchanfragen, den E-Mails und den youtube-Videos, die man so guckt gekoppelt und ras kommt… ich will es mir nicht vorstellen.

Und weil wir es von youtube hatten, noch ein Video (via).

Ich bin ja echt versucht, den „netten Nazi“ als armes Opfer anzusehen. Freilich, er hat ein politisches Mandat und nutzt es im Sinne der NPD, aber ich denke das Problem liegt hier weniger darin, daß es sich um einen gemeingefährlichen Menschen handelt (er wird ja von allen als „nett“ bezeichnet), sondern daß er einfach zu dumm (sorry, aber ist doch so) ist um zu begreifen, wo er da mitmacht. Er liest nur noch die eine Zeitung und hält sich daran, was da drin steht. Und nur, weil es nicht die BILD ist, ist sein unreflektiertes Wiederholen der Parolen nicht mehrheits- und gesellschaftstauglich.

Eigentlich müßte man sich mit dem Mann einmal befassen. Zeit mit ihm verbringen, mit ihm reden, ihm andere Möglichkeiten erschließen, die Welt zu sehen. Auf mich jedenfalls macht der Herr den Eindruck, den auch viele Sektenmitglieder machen: Allein und ohne die Sekte auch orientierungslos. Aber nimmt man sich die Zeit und bietet eine Alternativorientierung an, dürften die Chancen gut stehen, ihn aus dem Sumpf rauszuholen. Das macht seine Partei und deren Parolen freilich nicht weniger gefährlich, aber so könnte man ihnen vielleicht wirklich das Wasser abgraben, indem man sich Zeit nimmt für die Menschen.

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Präimplantationsdiagnostik

Letzten Dienstag hatte der Bundesgerichtshof in Leipzig entschieden, daß bei künstlicher Befruchtung eine Präimplantationsdiagnostik (PID) an den vorhandenen Embryonen zur Auswahl der einzupflanzenden Embryonen nicht gegen das Embryonenschutzgesetz verstößt. Demnach ist es werdenden Eltern im Falle einer künstlichen Befruchtung möglich, gezielt diejenigen Embryonen selektieren zu lassen, welche bestimmte genetische Auffälligkeiten nicht aufweisen.

In der letzten Woche habe ich dazu auf dem Blasphemieblog diskutiert und möchte hier nun versuchen, meine Ansichten zusammenzufassen.

Die zu erwartenden Äußerungen kirchlicherseits wurden, wie ebenfalls zu erwarten von humanistisch-atheistischer Seite kritisiert (siehe außerdem die Kommentare beim Blasphemieblog).

So spricht der Humanismus-Blog von religiöser Bevormundung. Herausgegriffen werden Äußerungen von einem Herrn Glück (CSU) und Herrn Hüppe (CDU), dem Behindertenbeaftragten der Bundesregierung. Leider gibt der Humanismusblog keine Quellen an, so daß man auf die dort vorhandenen Zitate angewießen ist. Demnach argumentieren beide Herren, daß Leben von Gott gegeben sei und nicht verfügbar gemacht werden dürfe.

Die Kritik richtet sich nun dagegen, daß aus privaten religiösen Überzeugungen eine sittliche Norm für alle abgeleitet und durchgesetzt wird. Unabhängig davon, daß dies eine der Gefahren der Demokratie ist, daß die Politiker im Zweifel eigenen Überzeugungen folgen und weniger vom Standpunkt der Allgemeinheit her denken, ist interessant, wie andere Quellen die fraglichen Politiker zitieren. Zu Glück hab ich bisher nichts gefunden, im verlinkten evangelisch.de Artikel wird Hüppe jedoch mit einer ganz anderen als religiösen Begründung zitiert, nämlich die Sorge daß es nur noch um „Selektionen [gehe], was […] lebenswert [ist] und was […] nicht mehr lebenswert [ist] „.

Dies ist aber eine andere Argumentation als die mit einer privatreligiösen Überzeugung. Denn Selektion hat einen gesamtgesellschaftlichen Aspekt. Es geht nicht um Bevormundung, liebe Atheisten, es geht um die Würde des Menschen, die unabhängig von der Religion im GG Art. 1 als unantastbar festschreibt. Wie ich bisher den atheistischen Humanismus begriffen hab, hat man sich immer zur Menschenwürde bekannt und ich denke, daß ich auch heute auf Seiten der atheistischen Humanisten Zustimmung finden kann, wenn ich sage, daß die Selektion von Leben anhand der Gene tatsächlich die Menschenwürde antastet (Insofern wäre es interessant, was das Bundesverfassungsgericht zum Urteil des Bundesgerichtshofes zu sagen hat, der ja scheinbar nur die Strafbarkeit nach dem Embryonenschutzgesetz geprüft hat). Jedenfalls scheint es, als stünde Herr Hüppe nicht allein, denn auch der Berliner Behindertenverband spricht sich „energisch“ gegen eine Selektion aus „auch nicht in der Petrischale“.

Wenn ich mir kirchliche Verlautbarungen ansehe, so spielt die Bewertung des Embryos als vollwertiger Mensch durchaus eine Rolle (wobei sie nicht überall explizit genannt wird), ich fand es bisher aber nirgends als einziges Argument. Am ehesten findet sich dies noch im Artikel auf kath.net über die Stellungsnahme der Deutschen Bischofskonferenz, aber auch diese spricht den Rechtfertigungsdruck für behinderte Menschen und deren Eltern an, der wohl auch von Michael Bauer, dem Autor des Humanismus-Blogs abgelehnt würde, spricht er doch von einem „wirkliche[n] Skandal“, falls PID zum Zwang würde.

Grundsätzlich wenden sich aber alle kirchlichen Verlautbarungen, die ich bisher gelesen habe, zumindestens auch gegen die Selektion, die Embryonen als „Material und Mittel zu anderen Zwecken“ (Barth, EKD) und damit eine Aushöhlung der Menschenwürde.

In meinen Diskussionen mit Atheisten in der letzten Woche wurde nun oft argumentiert, es sei gar kein Problem zu selektieren, weil eben die Embryonen nicht mit einem Menschen zu vergleichen seien und folglich keine Träger von Menschenwürde wären. Jedoch ist, unabhängig davon, ob ein Embryo nun als „ganzer Mensch“ aufgefasst wird, jedem Embryo die Potenz eigen, sich zu einem „ganzen Menschen“ zu entwickeln, so er denn eingepflanzt wird. Eine Selektion in der Petrischale würde Folgen bei Trägern der Menschenwürde haben, den geborenen Kindern. Bewertet man den Embryo des einen Kindes als weniger lebenswert als den Embryo des anderen Kindes, weil ein genetischer Defekt vorliegt, so hat dies Auswirkungen auf die Beurteilung aller tatsächlich lebenden Menschen mit eben jenem Gendefekt, und diese Menschen sind fraglos tatsächlich Träger der Menschenwürde.

Da zieht dann auch ein anderes „Argument“ nicht, das mir in den Diskussionen entgegengehalten wurde, nämlich das Recht der Eltern auf ein gesundes Kind. Wer ein solches oder ähnliche Rechte formuliert muß sich erst einmal überlegen, was er da fordert! Das Kind wird so nämlich zum Besitz der Eltern mit dem Zweck, die Eltern glücklich zu machen. Selbstzweck des Kindes? Fehlanzeige? Würde des Kindes? Abhängig von der Funktion der Glückserfüllung für die Eltern: Macht das Kind die Eltern nicht glücklich (etwa weil es „defekt“ ist, genetisch nicht dem Gewollten entspricht), hat es seinen Zweck verfehlt und seine Daseinsberechtigung wird, will man solche Elternrechte tatsächlich einführen, zumindest angezweifelt. Alleine die Forderungen nach solchen Rechten macht es meiner Meinung nach dringend nötig, daß Humanisten „ihre eigene, weltanschaulich begründete Ethik auf hohem, diskursfähigem Niveau erarbeiten“, nicht um dem Einzelatheisten das Denken abzunehmen, sondern um, wie es in den Kirchen der Fall ist, denkerisch potente Menschen vordenken zu lassen und bestimmte Sackgassen als solche zu benennen, damit andere Menschen dies nachdenken können und nicht mit allzu abstrusen (und gefährlichen) Vorstellungen kommen.

Eine Äußerung will ich noch ansprechen, weil sie bei mir hängengeblieben ist: In der Diskussion wurde ich gefragt, wie ich denn nun die Frage beantworten würde, ob ich lieber ohne Beine (=genetischer „Defekt“) oder mit Beinen geboren werden wollte. Nur bietet die Frage eine falsche Alternativem, denn soweit es von meinen Genen abhängt, besteht lediglich die Alternative: Keine Beine oder keine Existenz. Daß das Kind mit Beinen und das Kind ohne Beine, obwohl genetisch unterschiedlich und auf verschiedene Embryonen zurückzuführen, als identisch angesehen wird, scheint mir wieder ein elterliches Konsumdenken vorauszusetzen: Das Kind als Produkt, das das Elternglück bringen soll.

Es gibt nun aber auch die Möglichkeit der Spätabtreibung, die zumindest eine Ähnlichkeit mit der Selektion nach PID hat. Nur ist es hier nicht mehr die Selektion zwischen verschiedenen Embryonen (und damit potentiellen Menschen und Trägern der Menschenwürde) sondern die Frage, ob man ein Kind gebärt oder im Mutterleib abtötet, zum Wohle der körperlichen und/oder seelischen Gesundheit der Schwangeren. Meiner Meinung nach ist die Spätabtreibung immer noch kritisch zu sehen jedoch auch wegen des genannten Unterschieds nicht mit der Einpflanzung aufgrund PID gestützter Selektion zu vergleichen. Die Gesundheit der Mutter muß jedenfalls in Gefahr sein, um eine Spätabtreibung durchführen zu können (wobei man sich da die Kriterien der Feststellung genauer ansehen müßte), einen Automatismus gibt es nach meinem bisherigen Verständnis nicht (wie auch kein Arzt gegen sein Gewissen gezwungen werden kann, eine Abtreibung durchzuführen).

Zu bedenken ist auch, wenn man sich mit der Materie befasst, daß eine künstliche Befruchtung sowieso schon an sich ethisch verschiedendlich bewertet werden kann, wenn man dem Embryo Menschsein zuspricht. Denn es werden, so wie ich es verstehe, bei einer künstlichen Befruchtung mehrere Embryonen erzeugt, die jedoch nicht alle zum Leben kommen, sondern im Zweifel für die (Stammzellen-) Forschung benutzt werden. Entsprechende Begehrlichkeiten kommen immer wieder auf.

Alles in allem ist das ganze Themengebiet sicher kein Leichtes, jedoch sollte es möglich sein zwischen den Gesellschaftsgruppen, miteinander darüber zu reden ohne stereotyp immer wieder die gleichen Vorwürfe zu bringen und mehr darauf zu hören, was das Gegenüber tatsächlich sagt.

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Der Bischöfin Rücktritt

Jetzt ist sie also zurückgetreten. Frau Bischöfin Käßmann ist keine Bischöfin mehr, keine EKD-Ratsvorsitzende, nur noch Pfarrerin. Sie stolperte über eine Fahrt unter Alkoholeinfluß, und zwar erheblich viel Alkohol, jedenfalls so viel, daß man nach menschlichem Ermessen hätte wissen können, daß man nicht mehr fahrtüchtig ist.

Auch wenn Frau Käßmann viel Zuspruch erfahren hat in dieser Situation, und auch noch erfährt, so gab und gibt es doch auch sehr kritische und moralinsaure Stimmen. Also Kritiker, die sich so verhalten, wie sie es ihr gerade noch vorwarfen. Man liest von der Hoffnung, daß nun endlich nicht mehr so viel in die Politik hineingeredet wird wie dies bei Käßmann der Fall war. Denn Käßmann sei ja nun weg, moralisch nicht mehr in der Lage, irgend etwas zu kritisieren. Und überhaupt sei die Kirche keine Institution, die sich zur Politik äußern solle. Seelsorge, ein bißchen Halleluja singen, das solle die Kirche tun.

Zuerst ist anzumerken, daß die Kirche sehr wohl auch zu Politik reden kann und muß. Denn die Kirche hat den Auftrag, das Evangelium zu verkünden, die frohe Botschaft von der Liebe Gottes trotz der Fehler der Menschen. Dazu ist es jedoch nötig, auch die Fehler zu benennen, die begangen werden, und diese werden nicht nur beim Halleluja-Singen begangen, sondern auch in der Politik, auf die jeder Christenmensch in einer Demokratie auch Einfluß hat. Wie Frau Käßmann zur Buße angesichts ihrer Alkoholfahrt gerufen wurde, so muß eben auch die Gesellschaft zur Buße, also zur Umkehr gerufen werden, wenn sie in eine falsche Richtung marschiert. Und so rief Bischöfin Käßmann zur Umkehr angesichts Afghanistan. Sie rief dazu auf, wahrzunehmen, was dort passiert und nicht einfach alles schön zu reden.

Zum Zweiten ist anzumerken, daß gerade jetzt Käßmann nicht weg ist vom Fenster. Vielmehr wäre eine Bischöfin Käßmann weg gewesen, denn niemand hätte mehr auf sie geachtet, immer hätte man sich auf ihre Alkoholfahrt und ihr Verbleiben im Amt bezogen. Nun aber ist sie nicht mehr die Bischöfin, nicht mehr die EKD-Ratsvorsitzende. Sie hat die Konsequenzen gezogen, hart und geradlinig.

Es ist eben nicht so, daß sie keine andere Wahl gehabt hätte. Ihre Verfehlung betraf eine weltliche Angelegenheit, sie wird vor weltlichen Gerichten stehen müssen und sich verantworten im Rahmen des deutschen Gesetzes. Es gibt jedoch keinen formalen Grund, der einen Bischof wegen einer Alkoholfahrt zum Rücktritt zwingt. Sicher ist es unschön, bei dem Rückhalt Käßmanns beim Kirchenvolk und auch in den Gremien, der EKD Rat sprach ihr ja das Vertrauen aus, hätte sie sich aber ohne weiteres im Amt halten können. Hätte sie es gewollt, hätte auch die BILD sie nicht zurückhalten können.

Sie ist trotzdem gegangen und hat damit bewiesen, daß es ihr nicht darum geht, am Amt zu hängen. Sie hat geradlinig die Konsequenz aus ihrem Fehler gezogen und ist aus dem Amt ausgeschieden.

Sie ist nicht weg vom Fenster, weil sie ihre Moral, die man ihr immer vorwarf, durchgezogen hat. Ich denke nicht, daß sie von irgend jemandem verlangt hätte, moralisch perfekt zu sein (man liefere mir entsprechende Links). Das wäre unchristlich. Jedoch hat sie verlangt, den Kurs bei erkanntem Fehler zu korrigieren, bzw. Fehler auch erst einmal zu sehen.

In ihrem Fall hat sie das nun getan: Sie hat gesehen, daß sie einen Fehler gemacht hatte. Durchaus auch einen großen Fehler. Und sie hat ihren Kurs korrigiert, hat nicht stur durchgezogen, sondern ist zurückgetreten.

Nun ist sie frei, weiterhin die Moral zu fordern, die sie selbst vorgelebt hat. Als Bischöfin hätte sie das nicht gekonnt, als Pfarrerin hat sie diese Freiheit neu erworben. Sicher ist sie jetzt nicht mehr in der Position, in der man leicht gehört wird. Ein Bischof hat mehr Publikum als ein Pfarrer. Aber Käßmann wird die Medien finden und die Medien werden Käßmann finden. Ich glaube nicht, daß dies das Letzte war, was wir von ihr hörten. Und ich hoffe es auch nicht, auch wenn ich ihr inhaltlich sicherlich nicht immer 100% zustimmen konnte.

Ihre Kritiker allerdings haben es nun schwerer. Denn sie müssen sich nun auch an der Meßlatte messen lassen, die Käßmann vorgegeben hat. Und die ist nun relativ hoch. Alles in allem also doch ein Sieg für Käßmann?

Für mich ist der ganze Vorgang ein Beleg für die Aussage, daß Gott in den Schwachen mächtig ist, und daß die Schwäche die Kraft Gottes ist. Durch Käßmanns Rücktritt, der Schwächung ihrer Position, hat sie die Stärke, die sie durch die Alkoholfahrt verloren hat, zurückbekommen. Sie ist nun frei, freier als sie es bisher war.