Gesellschaft

„Entartete Kunst“, Burka im Kopf und Männerdiskriminierung

Ich bin ausdrücklich gegen jede Diskriminierung, die an Kulturgütern ausgeübt wird. Hier gebe ich ganz bewusst die Stichwörter der „entarteten Kunst“ und der „Bücherverbrennung“ unter dem Naziregime in Deutschland zu bedenken.

Charly fährt in seinem Artikel zur #metoo Debatte und dem Umfeld schweres Geschütz auf. Ist schon was her, daß er den schrieb, aber ich bin erst jetzt wieder auf seinem Blog gewesen.

Ich kenne Charly als bedachten und reflektierten Gesprächspartner und war etwas über den Artikel erschrocken. Er streift einige Gedanken, die ich zur Thematik hatte, aber geht in eine Richtung, die mir dann doch nicht behagt. Deshalb hier ne Auseinandersetzung damit nebst eigenen Gedanken.

Fangen wir mit dem obigen Zitat an:

Charly vergleicht Bücherverbrennung und die Bezeichnung „entartete Kunst“ mit dem Abhängen und Überstreichen von Kunst heute.

Ich meine, das ist etwas schräg. Leitender Gedanke bei den Bücherverbrennungen der Nazis war die Vernichtung kritischen Denkens. Das kann ich heute nicht erkennen. Das genannte Gemälde wurde abgehängt, nicht verbrannt. Das Gedicht wurde überstrichen, nicht verboten.

Was wir erleben ist IMHO weniger eine Gesinnungsdiktatur (Charly verwendet das Wort nicht!), sondern eher ein culture-shift.

Das Nachdenken über die Gesellschaft und die ihr inhärenten Machtstrukturen hat in den letzten Jahrzehnten Konjunktur. Das zeigt sich auch am immer stärker werdenden Wunsch, Frauen und Minderheiten gleichberechtigt zu behandeln.

Witze, die zu meiner Kinderzeit noch von kaum jemandem beanstandet wurden, sind heute nicht mehr salonfähig. Zu Recht! Ebenso sieht es aus mit Verhaltensweisen, die für einen Rainer Brüderle noch normal waren.

Freilich darf man sich über eins nicht wegtäuschen: Es wird ein altes Machtgefüge überwunden, aber das geschieht mitnichten durch ein machtfreies System. So eins kann es gar nicht geben, wenn man mich fragt. Natürlich werden im Neuen auch neue Machtstrukturen etabliert.

Das zeigt sich unter anderem in der Rechtsunsicherheit rund um den Geschlechtsverkehr. Früher waren die Hürden für eine Verurteilung von übergriffigen Männern vergleichsweise hoch. Sie wurden niedriger, was mit mehr Sicherheit für die Frauen und weniger Sicherheit für die Männer einhergeht (das ist jetzt stark vereinfacht, denn freilich gibt es auch die Vergewaltigung von Männern und auch hier heißt nein nein).

Charly schreibt davon, daß auch viele Frauen ihre Sexualität als Machtmittel einsetzen. Ich glaube, hier liegt ein Mißverständnis vor, denn was ich bisher erlebe ist nicht die Kritik daran, daß Männer ihre Sexualität einsetzen, sondern andere Macht, sei es körperliche Gewalt, sei es Ausnutzung anders gelagerter Machtstellungen gegenüber der Frau/dem Opfer – etwa wenn einer Produzent ist und die andere Schauspielerin.

In diesem Zusammenhang fand ich die Reaktion der Schauspielerinnen, mit schwarzen, eher bedeckenderen Kleidern aufzutreten interessant.

Man kritisiert im Westen gerne „den Islam“ für die Denke, man müsse die Frauen verhüllen, um sie vor der männlichen Begierde zu schützen.

Ich meine, hinter der Reaktion der Schauspielerinnen eine ähnliche Denke zu erkennen, was mich überraschte.

Nach meinem Verständnis sollten sich Schauspielerinnen und Muslimas kleiden können, wie SIE wollen, Rücksicht zu nehmen haben die Anderen. Solange das nicht funktioniert, haben wir ein Problem.

Manchmal erwische ich mich bei dem Gedanken, wenn alle nach der katholischen Morallehre leben würden wär alles viel einfacher. Ist aber nicht so, denn die katholische Morallehre setzt Dinge voraus, die so nicht gegeben sind. Das fängt bei der Binarität der Geschlechter an und endet dabei, daß auch alles Bewehren mit Sündenstrafen nicht davor schützt, daß der Mensch nun mal sündig ist. Sprich: Wenn er heiraten muß, um Sex zu haben und sich nicht scheiden lassen kann, dann ist mit Fremdgehen zu rechnen…

Ich schweife ab.

Wir befinden uns seit ein paar Jahrzehnten in einem enormen Kulturumbruch. Ich sehe nicht, wo wir einen Punkt erreicht hätten, der die Verhältnisse schon gedreht hätte, so daß es zu komplementären Unterdrückungen käme.

Sicher ist alles viel komplizierter. Das fängt beim Flirten an und hört auf wo es darum geht, alte Kunst zu bewerten.

Was das Flirten angeht, muß man vielleicht etwas mehr aufpassen, den anderen nicht zu überfahren. Das wär sicher auch schon früher für den jeweils anderen angenehm gewesen. Wenn es dann weiter Richtung Geschlechtsverkehr geht, wird es wahrscheinlich darauf rauslaufen, daß es hilfreich ist, erst ein Vertrauensverhältnis zueinander zu haben, so daß keiner bei nem Mißverständnis gleich von Machtmißbrauch ausgeht. Hört sich alles sehr konservativ an, ähnlich wie bei den Schauspielerinnen, die sich stärker bedecken.

Vielleicht zeigt das auch an, daß konservative Ansichten an sich selten einfach nur „rückständig“ sind, sondern bestimmte Probleme lösen, wo sich nicht alle an die Regeln halten.

Doch Regeln, die durchgesetzt werden, werden irgendwann zur Kultur. So wie wir heute uns keine Gedanken mehr beim Mülltrennen machen, weil wir das in den 80ern und 90ern als Gesellschaft lernten, werden wir auch das Flirten im Zeitalter der Geschlechtergerechtigkeit lernen.

Was die Kunst angeht, so ist diese an sich ja sowieso ständigem Wandel unterlegen. Charly bringt das Stichwort „entartete Kunst“. Damals haben die Nazis versucht, Kunst, die ihren Idealen nicht entsprach, zu diskreditieren. Sie übten dabei nicht wenig Druck aus, aus ihrer politischen Machtposition heraus.

Ähnliches kann ich heute nicht erkennen – mal abgesehen von einigen Äußerungen bei der AfD, wo man eine bestimmte Kulturpolitik forcieren will. Beim Abhängen des Gemäldes und beim Überstreichen des Gedichts geht es um eine gesellschaftliche Entwicklung. Das gehört in eine Reihe mit der Umbenennung von Kasernen, Straßennamen und Hochschulen. Alte Ideal veralten, neue kommen auf.

Damals, als John William Waterhouse das Gemälde Hylas und die Nymphen malte, gab es auch mehr oder weniger klare Ansichten, was Kunst ist und was nicht. Hätte er den Geschlechtsakt gemalt, erregierte Glieder etc, dann wär das wohl damals schon gar nicht als Kunst anerkannt worden, sondern als Porno abgetan. Jetzt wandelt sich das Gesellschaftliche Verständnis davon, was geduldet wird und was nicht – und dementsprechend werden die Ausstellungen bestückt.

Das Gemälde bleibt in der Sammlung, soweit ich das verstehe, es wird weiterhin Gegenstand von fachlichem Diskurs etc sein können und als Quelle zur Verfüng stehen – ebenso wie die ganze Nazikunst, die es ja auch noch irgendwo gibt, die jedoch nicht die ästhetischen (und politischen) Vorstellungen der Mehrheitsgesellschft treffen.

Die mentale Burka, die Charly beschreibt, scheint mir nichts anderes zu sein als das, was man traditionell als die Grenzen des Anstandes verstund. Freilich verändern sich diese Grenzen im Moment stark, so daß es für uns Männer, die wir in der Vergangenheit zu Lasten der Frauen größere Freiheiten hatten, einer Einschränkung der Freiheit gleichkommt, was gerade passiert.

So wie die Monarchen in ihrer Freiheit beschränkt wurden, als die Gleichheit aller vor dem Gesetz eingeführt wurde. Man denke an die Windmühle neben Sanssoucis!

Es ist eine Sache, ob jemand beim „Umwerben der Geschlechter“ ungeschickt ist, eine andere ob er Grenzen überschreitet. Andererseits: Wer ungeschickt beim Autofahren ist, fährt vielleicht mal in ne Radarfalle – und zahlt.

Es ist gut möglich, daß die Grenze zwischen Ungeschicklichkeit und Grenzüberschreitung noch ne ganze Weile nachjustiert wird. Die Gesellschaft befindet sich wie gesagt im Umbruch.

Grundsätzlich aber ist die Richtung zu weniger Sexismus gut, und kann schwerlich mit guten Argumenten kritisiert werden.

Gesellschaft, Politik

Pegida

In den letzten Tagen, als sich der erste Teil meines Schulpraktikums dem Ende zuneigte, hörte ich in der Presse von der Existenz einer Bewegung, die sich „Pegida“ nennt. Wie wahrscheinlich alle schon wissen steht dies für Patrioten Europas gegen Islamisierung des Abendlandes.

Zuerst fand ich die Bezeichnung ja ulkig: Patriot ist ein Wort, das ich mit dem Konzept des Nationalstaates in Verbindung brachte (patria= Vaterland) und nicht mit einem ganzen Kontinent! Offenbar wird hier „Europa“ als so etwas wie ein Vaterland angesehen (das wäre dann erst einmal ein durchaus positiver Aspekt, vielleicht überwinden wir j mit dem ganzen Populismus auch rechts von der Mitte die nationale Kleinstaaterei), ob und inwieweit hier Länder wie Rumänien oder Bulgarien mitgemeint sind, wäre interessant zu wissen aber führt hier vom Thema fort.

Dann hörte ich immer wieder davon, die Demonstranten würden gegen Zuwanderung und „Islamisierung“ protestieren (wieder so ein Unding: pro testare bedeutet „für etwas Bekenntnis ablegen“, und nicht gegen etwas!), hätten Angst, die Zuwanderung würde sie zu viel kosten und dergleichen, und ich bekam etwas Zorn. Ich kann mich noch gut entsinnen, wie nach der Wende immer wieder die Sprüche kamen, die „Ossis“ seien alles faule Säcke und wären in die Sozialsysteme eingewandert ohne selbt etwas geleistet zu haben oder leisten zu wollen. Außerdem seien die eh alle in der Stasi gewesen, also eigentlich Verbrecher. Daß nun die Einwohner einer Stadt, die damals auf diese Weise diskriminiert wurden auf die Straße gehen sollen und die gleichen dummen Sprüche nun anderen Menschengruppen an die Köpfe werfen, ärgerte mich ohne Maßen.

Gedanken wie „dann bauen wir die Mauer halt wieder auf und nehmen unser Sozialsystem wieder mit, wenn die nicht teilen können“ kamen in mir auf. Dabei unterlief mir der Fehler, die Parole der Demos für bahre Münze genommen zu haben: „Wir sind das Volk“. Das sind sie nämlich nicht. Es sind letztes Mal rund 15.000 Menschen gewesen.  Laut Wikipedia hatte Dresden Ende letzten Jahres 530.754 Einwohner. Nehmen wir der Einfachheit an, das habe sich noch nicht geändert und daß alle Protestler Kontratestler auch aus Dresden stammen und nicht von anderen Städten dorthin getingelt sind, dann sind das von Dresden etwas weniger als 3%!!!

Das Volk sind nicht 3%! Sieht man sich die Situation im Rest der Republik an, dürfte klar werden, es handelt sich um eine verschwindende Minderheit, die hier das Wort ergreift . Daß sie sich für eine Mehrheit halten und bei – wieviel? 2,5% Ausländern? – inDresden von einer großen Überfremdungsgefahr ausgehen, mag zusammenhängen. Wenn 3% die Mehrheit ist, ist 2,5% nicht weit davon entfernt… (man verziehe mir diese Entgleisung ins Satirische)

Im Gespräch mit einem Freund fiel uns auf, daß es ja tatsächlich gar nicht so klar ist,w as die eigentlich wollen. Bei Facebook (ne richtige Internetseite hat Pegida leider nicht) findet man eine Liste mit 19 Punkten, die ziemlich nichtssagend sind, wie Mission Phoenix aufzeigt. Mit der Presse redet Pegida nicht und die Internetkommentare und Leserbriefe in der Tageszeitung können ebensogut Einzelmeinungen sein.

Ich habe ja durchaus Verständnis für das Mißtrauen der Presse gegenüber. Ich habe schon oft gesehen, wie da einfach voneinander abgeschrieben wurde und auch, wie Sachverhalte verdreht dargestellt wurden. Trotzdem ist es schwierig, sich ein eigenes Bidl zu machen, wenn es weder eine Homepage gibt (ich bin nicht bei Facebook, überhaupt ist es recht lächerlich, einerseits auf die Mainstreammedien zu schimpfen und sich dann auf DEM Mainstreammedium zu präsentieren).

Es gibt Meldungen, daß der Kern von Pegida dem rechtsradikalen Bereich zuzurechnen ist (zum Beispiel hier). Eiin wenig stutzig macht mich dabei, daß diese Einschätzung vor allem von Seiten der Politik kommt, die unter Umständen ein Interesse daran hat, die Sache kleinzureden.

Denn es gibt durchaus Hinweise darauf, daß die Politik nicht ganz unschuldig ist am Aufkommen dieser Gruppierung (der Nachtwächter hat dazu eine ganz eigene Meinung). Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sieht einen Grund für die Beteiligung an den Demos in den sozialen Sorgen der Menschen, die dann von einigen Nazis „islamisiert“ würden. Damit hat er wohl nicht ganz unrecht und benennt eben genau eine Verfehlung der Politik in den letzten Jahren.

Auch die Mainstreammedien sind wohl nicht ganz unschuldig, wie der Prollblog nahelegt.

Seit den Anschlägen am 11.9.2001 wurden immer wieder unter Verweis auf die (angebliche) Terrorgefahr Bürgerrechte ausgehöhlt, umgedeutet oder eingeschränkt sowe Kriege geführt. Dabei wurde stets auf die Bedrohung durch (islamische) Terroristen hingewiesen, sowie auf die Notwendigkeit (irgend) etwas zu tun. Diese Saat geht nun offenbar auf und ich denke, wir müssen als Gesellschaft damit umgehen, produktiv umgehen, um es nicht noch schlimmer werden zu lassen (und noch schlimmere Saaten aufgehen zu sehen).

Dazu ist es erst einmal nötig, sich ein Bild von der Lage zu machen. Einiges habe ich schon gesagt: Das Problem der Politik, daß sie sich um Sozialabbau und Angstmacherei kümmert, aber viele Leute in ihren Ängsten und Sorgen abgehängt hat. Es geht vielen wohl darum, lieber Wahlen zu gewinnen, als zum Wohle des Landes zu arbeiten.

Da greift man dann doch lieber bestehende Ressentiments auf, wie etwa bei dem neuesten Unsinn der CSU, die Sprache an den Küchentischen vorzuschreiben (die Türken sollen deutsch reden aber die CSU spricht weiter bairisch) oder vor ein paar Jahren, die Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, die einen gewissen Herrn Koch zum Ministerpräsidenten machte… (dies sind zwei Beispiele, die mir einfallen. Der Leser weiß sicherlich um ähnlichen Unsinn anderer Parteien oder kann diesen im Internet recherchieren)

Und die Medien? Die müssen eben Auflage machen, so ist das im Kapitalismus. Trotzdem denke ich, haben die Medien auch eine ethische Verantwortung. Und da muß man sich dann auch an die eigene Nase fassen, inwieweit man Teil des Problems ist, auch wenn man „nur seinen Job getan“ hat.

Zum Bild von der Lage gehört aber auch die Einschätzung der Pegida Leute. Wie gesagt, das ist schwer. Sascha Lobo spricht von Latenznazis:

Vielmehr kommt mit Pegida ein neuer politischer Bürgertypus auf die Bühne – der unbewusst Rechtsextreme oder Latenznazi.

Also Leute, die rechtsextreme Positionen vertreten, ohne zu wissen oder wissen zu wollen, dass sie rechtsextrem sind.

Für Lobo wirkt der gleiche Unsinn, das eine zu behaupten und das andere zu tun, sowohl bei Pegida als auch sonst in der Gesellschaft: Die Pegida Leute behaupten, sie hätten nichts gegen „Asylanten“ und demonstrierten dann doch gegen sie, ebenso wie in der Politik immer behauptet wird, Deutshcland sei weltoffen, und trotzdem ersaufen tausende an den europäischen Grenzen jämmerlich, weil auch Deutschland sich für geschlossene EU Außengrenzen einsetzt.

Meine Vermutung ist, daß eine gewisse Rechtslastigkeit in der Gesellschaft durchaus vorhanden ist. Und noch etwas scheint mir sowohl bei Pegida als auch sonst in der Gesellschaft verbreitet zu sein: Die zunehmende Unfähigkeit, sich auf andere einzulassen und nach Kompromissen zu suchen (zu einzelnen Aspekten der Problematik habe ich hier und hier schon gebloggt).

Und was kann man tun?

Ich denke, daß eine klare Abgrenzung nötig ist, wie sie etwa der Bamberger Erzbischof Schick oder der ehemalige Bischof von Berlin, Wolfgang Huber. Auch die Redaktion von evangelisch.de hat ihre Form der Abgrenzung gefunden und auf Facebook gibt es wohl schon einige Nachahmer (wie gesagt, ich hab kein Facebook, krieg aber manchmal was mit).

Als Christ ist es für mich undenkbar, Wertigkeiten von Menschen anzunehmen. Ich las des öfteren Äußerungen wie „Wir sind die Gastgeber, die Gäste müssen sich uns fügen, sonst müssen sie gehen“.  Das bringe ich mit dem Christentum nicht zusammen (und damit auch schwerlich mit der immer heraufbeschworenen „abendländischen Kultur“), denn mein Herr, Christus, fordert die Nächsten- und Feindesliebe. Ds bedeutet dann eher, die andere Wange hinzuhalten, anstatt die Gäste rauszuwerfen. „Überwindet das Böse mit Gutem“. Ich kann bei einer Abschiebung nichts Gutes erkennen, das in der Lage wäre, etwas Böses zu überwinden.

Allerdings kann die Abgrenzung in den wenigsten Fällen absolut sein. Diejenigen, die gesprächsbereit sind (falls es die gibt, wie gesagt reden die Pegida Leute mit niemandem, aber sie scheinen im Netz fleißig Kommentare zu verteilen), muß man versuchen zu erreichen. Und dann muß man nachfragen: Was wollt Ihr eigentlich? Und dann kann man antworten, wieso man das für eine schlechte Idee hält oder nicht. Oder man kann, wie Mission Phoenix, darauf hinweisen, daß eine oder mehrere Forderungen ins Leere laufen, weil sie schon umgesetzt sind.

Hier wären auch die Medien und die Politiker gefordert. Dazu müßte man sich aber die Mühe machen, tatsächlich das Gespräch zu suchen, tatsächlich zuzuhören und auch einmal Farbe zu bekennen, wo es weh tut. Also für den Politiker, wo seine Meinung von der Masse abweicht und für die Medien, wo eine Meldung vielleicht nicht die große Auflage bringt.

Das Lächerlichmachen der Pegida Leute müßte man vor diesem Hintergrund als kontraproduktiv ansehen, da es den Graben ja nur vertieft (wobei es wirklich sehr gute Persiflagen gibt). Wichtig wäre diejenigen, die der Vernunft noch zugänglich sind, anzusprechen und sich von den anderen abzugrenzen, sie letztendlich so unter Druck zu setzen, daß sie ihre (angebliche) braune Fratze so offen zeigen, daß die vielen (angeblichen) Mitläufer sich angewidert abwenden.

Epilog

Es ist spät und ich bin nicht ganz zufrieden mit dem Artikel. Ich hätte an einigen Stellen präziser formulieren können und im Ganzen wohl auch straffen müssen. Ich entscheide mich dafür, den Artikel doch zu veröffentlichen und womöglich einen kürzeren, präziseren folgen zu lassen, falls Zeit und Laune es hergeben. In diesem könnte ich dann auch etwaige Kommentare hier verarbeiten: Hab ich etwas übersehen, hab ich falsche Schlüsse gezogen? etc… 😉

Gesellschaft

Ach, Geier…

Da hat also ein „Mann“ in Berlin ein Kind bekommen (Geier berichtet), und nun stellt sich die Frage, welches Geschlecht dieses Kind hat. Ich verstehe die Aufregung nicht. Wieso muß denn bitteschön überhaupt ein Geschlecht festgelegt werden? Ändert das in unserer Gesellschaft irgend etwas?  Und wie erzieht man jemanden als Jungen oder als Mädchen? Ich ging bisher immer davon aus, man erzieht Kinder als Menschen. Geht es etwa darum, daß Jungs kein rosa Spielzeug haben dürfen und Mädchen keine Latzhosen tragen?

Ganz ehrlich: Ich kapier es nicht. Was verlieren wir, wenn wir nicht mehr von vorn herein festlegen, welches Geschlecht ein Mensch hat?

Was ich auch nicht verstehe ist, was „homosexuelle Propaganda“ sein soll. Um die geht es später im Artikel, als der Geier darlegt, wie viele Berliner sich täglich Gedanken über die Homosexuellen in Moskau machen. „Homosexuelle Propaganda“ ist also gegenüber Kindern in Rußland verboten. Was schließt das ein? Darf man Kindern nicht sagen, daß es Homosexuelle gibt? Darf man Kindern nicht sagen, daß diese Menschen auch Rechte haben? Darf man Kindern nicht sagen, daß die Homosexuellen ihre Zuneigung zum eigenen Geschlecht genauso natürlich haben wie Heterosexuelle ihre Zuneigung zum anderen Geschlecht?

So lange ich das nicht weiß, finde ich es schwierig, überhaupt darüber zu reden. Der Geier erklärt es in seinem Artikel jedenfalls nicht.

Was ich durchaus nachvollziehen kann ist die Angst des Geiers vor weiteren Toiletten in Kreuzberg, also neben Männlein, Weiblein und unisex dann noch INtersexuell, Transsexuell und was weiß ich…

Mein Vorschlag: Nur noch eine für alle: Pissoirs abreißen, alle können sich hinsetzen (ist auch sauberer!) und da es nur noch Kabinen gibt, wird es egal sein, wie es in der Hose der jeweiligen Toilettengänger aussieht.

Ich kann ja das Befremden über gewisse Vorgänge in Berlin verstehen. Ich wunder mich auch immer mal wieder, allerdings eher wenn es um religiöse Fragen geht, nicht bei kulturellen Fragen wie den hier verhandelten. Wie gesagt: Ich sehe das Problem nicht. Einzig vielleicht, daß wir unser festgefahrenes Denken aufgeben müssen, daß nur Frauen Kinder gebären können und daß Jungs auf Bäume klettern und Mädchen mit Puppen spielen. Ist das wirklich so schwer?

Gesellschaft

Diskriminierung

Ein Viertel der Jugendlichen ausländischer Herkunft hat in Schule und am Arbeitsplatz schon Diskriminierung erfahren, so zu lesen bei evangelisch.de.

Mich wundert dabei eher, daß es nur so wenige sind. Ich vermute, die Dunkelziffer ist ein gutes Stück höher.

Auch als Fall von Diskriminierung kann man das Kopftuchverbot für muslimische Lehrerinnen verstehen. Auch hierzu gibt es einen Artikel bei evangelisch.de.

Da geht es um das Kopftuchverbot in Niedersachsen. Dort ist es einer muslimischen Lehrerin gestattet, ein Kopftuch zu tragen, aber sie muß es im Lehrerzimmer, auf dem Weg zum Klassenzimmer und auf dem Schulhof ablegen. Tragen ist erlaubt beim islamischen Religonsunterricht, aber nicht beim zweiten Fach. Muslimische Lehrerinnen, die Kopftuch tragen wollen, werden also zu einem ständigen Tuch auf – Tuch ab genötigt, und das IMHO ohne jeden vernünftigen Grund. Statt dessen wird immer wieder darüber schwadroniert, daß das Kopftuch Symbol einer unterdrückenden Kultur wäre und daß es das falsche Zeichen wäre, sowas an unseren Schulen auch noch zuzulassen, und damit quasi diese (angebliche) Unterdrückung gutzuheißen.

Alles Quatsch, wenn Ihr mich fragt. Ich habe schon einige Frauen mit Kopftuch getroffen, die durchaus sehr selbstbestimmt durchs Leben gingen, und eben Kopftuch trugen, weil sie als Muslima das Bedürfnis danach hatten. Daß das Kopftuch vom Koran nicht gefordert wird, spielt dabei keine Rolle. Konfirmation und Firmung wird von der Bibel auch nicht gefordert, trotzdem lassen sich tausende christliche Jugendliche jedes Jahr konfirmieren oder firmen. Man sollte es schon den Anhängern der jeweiligen Religion überlassen, was zu der fraglichn Religion dazu gehört oder was nicht. Oder welcher Christ würde sich von einem Muslim sagen lassen, er müsse Purim feiern, weil das in der Bibel steht?

Im Gegensatz bin ich der Meinung, daß muslimische Lehrerinnen mit Kopftuch sogar Symbol für ein modernes Verständnis der Rolle der Frau stehen können. So wird nämlich signalisiert: Auch als gläubige Muslima kann man studieren (ich sah viele „Kopftuchmädchen“ an der Uni) und sein eigene Geld verdienen. Man muß nicht zu Hause bleiben, den Mann heiraten, den die Eltern schon in Kindertagen ausgesucht hatten und sich dann auf Haushalt und Kinderkriegen beschränken. Solche Frauen könnten zu Vorbildern für einen moderneren Islam werden. Zusammen mit einem vom Staat beaufsichtigten Religionsunterricht an den Schulen (und nicht in irgenwelchen Hinterhöfen durch fragliche Lehrpersonen) könnte so ein riesiger Schritt Richtung Integration unternommen werden. Denn Assimilation wird es nicht geben (zumindest nicht, so lange wir ein Rechtsstaat) und so wie es jetzt aussieht, fördern wir eher die Parallelgesellschaften, als daß wir sie unterbinden.

Erfrischend finde ich dabei, daß die im Artikel genannte muslimische Lehrerin an einer katholischen (sic!) Schule mit dem Kopftuch überhaupt kein Problem hat. Wenn die Katholiken (die ja angeblich so engstirnig sein sollen) so freigeistig sein können, dann sollte der Staat (der ja angeblich so liberal ist) und die Gesellschaft (die ja angeblich so offen ist) das auch können.