Theologie

Wie geht Widerstand?

Ich habe mir dazu schon öfter mal Gedanken gemacht und bin jetzt über nen Blogpost und die Diskussion dazu wieder auf das Thema gekommen: Wie macht man Widerstand? Wie macht man einen ethisch verantwortbaren Widerstand gegen ungerechte Zustände?

Namen, die mir dabei immer einfallen, sind Bonhoeffer, Schneider und King.

Dietrich Bonhoeffer beteiligte sich an einer Verschwörung gegen Hitler, die zum Ziel hatte, Hitler zu ermorden. Die Sache flog auf und Bonhoeffer kam ins KZ und wurde kurz vor Kriegsende noch erhängt. Bei allem Verständnis dafür, Hitler umbringen zu wollen, ist ein Tyrannenmord doch trotzdem noch ein Mord. Das an sich ist schon ein Problem, dann aber auch noch die Frage: Wer entscheidet, wer ein Tyrann ist? Bonhoeffer war klar, daß er mit dem Mord an Hitler Schuld auf sich laden würde. Er sprach davon, „dem Rad in die Speichen zu fallen“. Es geht also nicht nur darum, das „Richtige“ zu tun, sondern darum, die eigene Existenz (bis hin zum ewigen Heil) aufs Spiel zu setzen, ja damit rechnen zu müssen all das zu verlieren, um das zu tun, was man als „das Richtige“ ansieht. Hier greifen keine ethischen Regeln mehr, weil von niemandem verlangt werden kann, die eigene Existenz zu verlieren. Hier gibt es auch keine ethische Rechtfertigung für das Tun, die man in eine Regel fassen könnte, denn was, wenn ein Nazi auf die Idee kommt, dem Rad der toleranten Gesellschaft in die Speichen zu fallen? Man denke an Breivik!

Deshalb denke ich, Bonhoeffers Art des Widerstands kann nur derjenige für sich in Anspruch nehmen, der alles fahren läßt, der nicht gleichzeitig noch versucht, sich zu rechtfertigen. Bonhoeffer sah sich nicht als Märtyrer, sondern als Sünder.

Als Märtyrer bezeichnete Bonhoeffer aber Paul Schneider. Schneider war Pfarrer der Rheinischen Landeskirche, und wurde im KZ ermordet. Er ist auch bekannt unter dem Namen „Prediger von Buchenwald“. Schneider kam ins KZ, weil er sich von den Nazis nicht den Mund verbieten ließ. Dort war er dann bald in einer Einzelzelle. Wer die Gedenkstelle KZ Buchenwald einmal besucht hat erinnert isch vielleicht, daß die Einzelzellen in der Nähe des Appellplatzes waren. Bei dem oft stundenlangen Antreten und den Schikanierungen durch die Lagerwärter zog sich Schneider oft an den Fenstergittern ans Fenster hoch und rief Bibeltexte durchs Fenster. Daher die Bezeichnung „Prediger von Buchenwald“. Das ging immer so lange, bis die Wärter in seiner Zelle waren und ihn zusammenschlugen. Schneiders Art des Widerstands war Gewaltlos. Er kämpfte nicht gegen irgendwen, sondern für etwas. Er ließ sich nicht in die Verfälschung des Evangeliums einspannen. Und er verweigerte sich der Beeinflussung der Kirche durch die Nazis. Diese freie innere Haltung brachte ihm im totalitären System den Tod. Er starb, weil er an seinem Glauben festhielt. Daher wird er auch zu Recht Märtyrer genannt. Fragen muß man jedoch nach der Effektivität seiner Art des Widerstands. Er blieb selbst integer, lebte Freiheit vor, aber erreichte nichts für sich oder seine Zeitgenossen. Wo Bonhoeffer zumindest potentiell für eine Verbesserung hätte sorgen können (wobei man auch fragen muß, inwieweit der Staat ohne die Person Hitler aber mit all den anderen Nazis an der Spitze besser gewesen wäre), zielte Schneider gar nicht auf politische Verbesserungen ab. Er leistete schlicht passiven Widerstand, indem er sich dem Zugriff des Systems verweigerte. Positiv kann man vielleicht sagen, daß er heute als Vorbild dienen kann. Vorbild dafür, sich nicht äußerem Druck zu beugen, sondern seinen Überzeugungen treu zu bleiben.

Bekannt für seinen passiven Widerstand wurde Martin Luther King. Die Methode der nonviolent direct action (gewaltlose direkte Aktion) sorgte mit für die Verbeserung der bürgerrechtlichen Situation der Afroamerikaner vor allem in den Südstaaten der USA (Gandhi war dabei ein wichtiger Einfluß für King). Prinzipiell funktionierte das Ganze so, daß King mit seinen Leuten (die speziell in Gewaltlosigkeit geschult wurden) irgendetwas taten, was die machthabenden Weißen Eliten provozierte, aber eben kein Unrecht war. Zumindest nicht für die meisten Menschen in den USA und weltweit, denn lokal gab es schon bestimmte Gesetze und Verordnungen, die die Handlungen mitunter verboten. King arbeitete über den öffentlichen Druck. Die Regierung konnte es sich sowohl international nicht leisten, die USA als rassistisch dastehen zu lassen, als sie auch innenpolitisch auf die Wähler im Norden achten mußte. Also King machte etwa eine Demonstration, und die örtlichen Behörden ließen die Demonstranten mit äußerster Gewalt auseinandertreiben. Dabei blieben die Demonstranten ihrerseits gewaltlos. Die Medien waren vor Ort und berichteten von den Gewalttaten der Polizei in alle Welt. Daraufhin sah sich die Bundesregierung in Washington genötigt, Druck auf die lokalen Behörden auszuüben. So kam es nach und nach zu Verbesserungen. Das System war aber auch anfällig. Waren die Medien nicht vor Ort, war die gewaltfreie Aktion so effektiv wie Schneiders passiver Widerstand, denn die Weißen vor Ort sahen oftmals das Problem gar nicht, oder trauten sich nicht, den Mund aufzumachen. Ein Großteil des Erfolgs lag auch an der Überreaktion der örtlichen Behörden. Denn ohne die massive Gewalt (etwa Hunde gegen Kinder) konnte keine starke Reaktion in den Medien erreicht werden. So kam es dann auch dazu, daß mancherorts die Polizei recht gewaltfrei vorging bei der Verhaftung der Demonstranten und kein großes Medienecho stattfand. Die Gewalt kam dann im Gefängnis, verborgen vor der Öffentlichkeit. Als King sich später den sozialen Problemen zuwandte und auch gegen den Vietnamkrieg sprach, konnte er keinen Druck mehr erzeugen, weil viele Menschen ganz anders dachten. Wenn jemand die Gewalt im Süden gegen die Afroamerikaner für Unrecht ansah, mußte er noch lange kein Anhänger der von King später vertretenen Sozialpolitik sein. Der Zusammenhang zwischen Armut und Unterdrückung war auch damals nicht vielen klar. Das Problem bei Kings Widerstand ist also das gleiche wie bei Schneider. Auch wenn man im Gegensatz zu Schneider mit der Methode der gewaltfreien direkten Aktion nun direkt etwas tun konnte, war man im Falle einer fehlenden öffentlichen Unterstützung ebenfalls allein auf weiter Flur. So wie Schneider. Und auch King riskierte sein Leben: Sein Haus wurde durch eine Bombe zerstört und schlußendlich wurde er erschossen.

Beide Widerstandsarten, die von King sowie die von Schneider, ind sich eigentlich sehr ähnlich. Und sie taugen auch durchaus zur ethischen Regelbildung. Derartiger Widerstand ist unproblematisch, weil gewaltlos. Keiner wird Opfer von Gewalt, der dies nicht von vorn herein in Kauf nehmen würde. Bei Bonhoeffer ist das anders. Sein Widerstand hätte, wäre er erfolgreich gewesen, zum Tod eines Menschen geführt. Man kann nun lange theoretisieren, ob Tyrannenmord hinnehmbar ist oder ncht der unter welchen Umständen. Fakt bleibt aber, daß dieser Widerstand nicht gewaltfrei ist und somit auch allen Pazifisten und sonstigen Gewaltgegnern nicht offen steht, ohne daß sie in Rechtfertigungsprobleme geraten. Deshalb versuche ich auch bei aller Sympathie mich davor zu hüten, das zu rechtfertigen. Vor Jahren gab es einen Fall, bei dem einem Kindesentführer Folter angedroht wurde, um ihn dazu zu zwingen, das Versteck des Jungen bekannt zu geben, weil zu befürchten stand, daß der Junge sterben würde, wenn er nicht bald gefunden wird. Daß der Junge zu dem Zeitpunkt schon tot war, konnte keiner wissen. Unabhängig davon kann es nicht sein, daß ein Polizist in einem Rechtsstaat mit Folter auch nur droht, selbst wenn der Täter so ein Unmensch ist und Gefahr im Verzug ist. Ich wurde damals oft kritisiert als ich sagte, daß ich der Meinung bin, der Polizist müßte mit aller Härte des Gesetzes bestraft werden, bei aler Hochachtung vor ihm.

Sieht man sich jetzt den Fall in dem Blogpost an, den ich zu Anfang verlinkt habe, dann muß man zuerst festhaten, daß es dort nicht um gewaltfreien Widerstand geht. Bei einer Rede von de Maizière haben mehrere hundert Studenten im Raum derart Krach gemacht, daß er nicht zu Wort kam. Auch wenn hier niemand verletzt wurde, wurde Gewalt angewandt. Es wurde verhindert, daß eine Meinung von einem Menschen an andere Menschen weitergegeben wurde. Die Zuhörer wurden dahingehend bevormundet, daß ihnen unterstellt wurde, sie könnten das (angeblich) Negative des Vortrages nicht selbst erkennen. Wer so vorgeht, kann jedenfalls selbst kaum noch Toleranz verlangen, wenn er sie anderen vorenthält. Auch muß man die Frage stellen, inwieweit die Aktion überhaupt wirklich etwas bessert, und man nicht mit anderen Methoden weiter gekommen wäre. Vorherige Anhänger de Maizières wird man damit nicht gewonen haben, und das ist doch Ziel der demokratischen Auseinandersetzung: Die anderen zu überzeugen.

Während Bonhoeffers Widerstand in einer Extremsituation, in der keine offene Auseinandersetzung zum Thema möglich war, zu gewalttätigen Mitteln greift wird hier ohne Zwang Gewalt ausgeübt, wenn auch das Maß der Gewalt geringer ist. Trotzdem: In einer Gesellschaft, in der derjenige den Ton angibt, der alle anderen niederschreit, möchte ich nicht leben. Wenn das die Alternative der Krawallmacher zu unserer heutigen (absolut nicht idealen) Gesellschaft ist, dann kann ich nur sagen: Nein danke, der Nächste bitte.

Allgemein

Alte Messungen

Thomas Jakob schrieb auf seinem Blog „Schwergläubig“ (lesenswert!) letzten Samstag einen Artikel mit dem Titel „Offenbarung zweiter Klasse“. Darin vergleicht er das Vorgehen der Theologie mit anderen Wissenschaften wie etwa Mathematik und Physik.

Ein etwas längeres Zitat:

Die Naturwissenschaften beschreiben die Natur vielleicht niemals exakt und völlig zutreffend, aber sie nähern sich nach und nach an und haben schon einige sehr gute Ergebnisse erreicht.

Ein Vorgehen analog dem der Theologie würde für mich bedeuten, dass man den Wissensstand von vor 2000 Jahren in einer bestimmten Region der Erde kanonisiert und eingefroren hätte und sich seitdem alles um die Verständnis der in diesem Kanon enthaltenen Schriften drehte. Das Kriterium zur Überprüfung neuer Theorien wäre die Übereinstimmung mit den alten Schriften und nicht die Wirklichkeit selbst im direkten Experiment.

Die Problemstellung ist klar: Hier Kanonisierung in der Theologie, die neue Gedanken nicht zuläßt oder zuindest erschwert, man muß halt immer noch den alten Ballast mitschleppen, dort die Naturwissenschaft, die empirisch forscht und quasi an der Natur selbst belegt, daß sie so falsch nicht liegt.

Ich finde, da liegt ein kleiner Denkfehler vor. Nämlich der, daß man einerseits das Grundlagenmaterial als Kanonisiertes darstellt, das diesen Status vielleicht auch ganz willkürlich zugesprochen bekam, und andererseits nicht in Betracht zieht, ob es sowas auch bei der Naturwissenschat gibt. Lassen wir die Mathematik einmal außen vor, denn die ist keine Naturwissenschaft und bezieht ihre Ergebnisse nicht aus der Natur, sondern wird benutzt um die Natur zu beschreiben, und gehen zur Physik, die tatsächlich empirisch arbeitet. Oder gehen wir noch einen Schritt zurück, wieder zur Theologie und sehen uns den Kanon an.

Dabei handet es sich um Schriften, die immer wieder zu Rate gezgen werden. Manche zählen die Bibel dazu (selbst da gibt es verschiedene Kanones), andere noch die Kirchenväter und wieder andere auch Leute wie Martin Luther oder Dietrich Bonhoeffer.

Manche dieser texte berichten Erlebnsse mit Gott. Man kann sie wörtlich oder im übertragenen Sinn verstehen, aber man läßt sie in der Theologie selten außen vor. Der Grund dafür mag darin liegen, daß heutige Christen (und bei anderen Religionen, Thomas nennt auch Judentum und Islam, analog) es so verstehen, daß sie den gleichen Glauben haben wie die Autoren jener Schriften. Die Gaubenserlebnisse, die in den Schriften erzält werden, gehören also in genau die selbe Glaubenswelt, die der Gläubige hat. Sie müssen auf irgend eine Weise Sinn ergeben können, sonst ist der Glaube ein anderer. Man verließe quasi die Theologie und würde nur noch verschiedene Glaubensauffassungen – aktuell und historisch – nebeneinanderstellen. Das macht meine ich die Religionswissenschaft.

Jetzt aber zur Physik. Auch dort wird ja nicht alles aus dem hohlen Bauch herexperimentiert. Verschiedene Experimente, also Erfahrungen, werden miteinander in Beziehung gesetzt, es wird versucht ein Modell zu finden, bei dem alles zusammen irgendwie Sin ergibt. Insofern nichts viel anderes als das, was die Theologie macht, nur daß deren „Meßergebnisse“ mehrere tausend Jahre alt sind, in einem Buch stehen un erst einmal aus einer nicht mehr ganz so gut verständlichen Sprache übersetzt werden müssen. Die Physik nimmt ihre Erkenntnis aus Erfahrungen aus der Natur, die sie zueinander in Beziehung setzt, so wie die Theologie ihre Erkenntnisse aus Erfahrungen mit Gott nimmt. Davon sind einige „in der Natur“ machbar, also im Hier und Jetzt, andere finden wir aufgeschrieben in alten Büchern. Dabei hat die Theologie sicherlich das Problem, daß sie mit subjektiven „Messungen“ umgehen muß, wo die Physik objektiver die Natur vermessen kann. Jedoch geht es bei der Theologie auch nicht um etwas Natürliches, sondern um etwas Übernatürliches, dem man mit Objktivität schwer beikommen kann. Da kann man nur sammeln, was als Offenbarung angesehen wurde und für sich selbst entscheiden. Entscheidet man, Bibel, Talmud oder Koran zu verwerfen, dann stellt man sich eben außerhalb dieser Religionen, ebenso wie man sich außerhalb der Physik stellt, wenn man bisherige Meßergebnisse nicht anerkennt. Man kann sicher auch alles selbst machen, seine eigene Physik betreiben, und ist am Ende irgendwo Anschlußfähig an den Mainstream, weil die Natur ja – wenn es stimmt – sich in ihrer Physik wenig ändert. Äpfel fallen nach unten.

Ebenso müßte der Theologe, der die heilige Schrift verwirft, nachdem er seine eigenen Erfahrungen mit Gott gemacht hat, bei der „wahren Religion“ (welche auch immer das sei, aber ich denke der Protestantismus hat gute Chancen, sonst wär ich nicht Protestant ;)) rauskommen, bzw zu deren Lehren anschlußfähig sein. Hier liegt das Problem in der Subjektivität und der fehlenden Möglichkeit, die Ergebnisse objektiv zu verifizieren. Gott hat sich bisher nicht vermessen lassen. Trotzdem können wir mit Seiner Offenbarung wissenschaftlich umgehen, so lange wir uns bewußt sind, was wir tun. Wir beschreiben nicht die Natur, sondern Gott, bzw nicht mal Den, sondern Seine Offenbarungen, bzw das, was wir in der jeweiligen Religionsgemeinschaft dafür halten. Mehr können wir nicht leisten, aber mehr müssen wir auch nicht leisten.