Allgemein

Die eine Tür und die Frommen

Schon in der Bibel werden wir vor falschen Lehrern und Propheten gewarnt. Jetzt bin ich ein Mensch, der an das Gute im Menschen glaubt, auch wenn nich davon überzeugt bin, daß wir alle Sünder sind. So viel wir falsch machen, so selten wollen wir das auch wirklich. Nur manchmal muß man einen Strich ziehen, um sich abzugrenzen und nicht mit schuldig zu machen.

Diesen Strich ziehen im Moment viele ehemalige Evangelikale in den USA. Dort ist etwas ziemlich unglaubliches passiert. Es geht um World Vision, die Hilfsorganisation, bei der man Kinder „adoptieren“ kann. Man spendet Geld für ein bestimmtes Kind, das man unterstützt (und damit seine ganze Gemeinschaft) und kann per Brief Kontakt halten. So sieht man dann auch, wie die Spenden helfen.

World Vision ist eine Organisation, das wußte ich bis letzte Woche nicht, die aus dem evangelikalen Millieu der USA stammt. Was ja nicht weiter schlimm ist, so lange den Menschen geholfen wird, können meinetwegen auch Satanisten die Hilfe leisten.

Nun hat World Vision entsprechend der Gesetzeslage angefangen, auch Homosexuelle einzustellen. Das wollte man nicht an die große Glocke hängen, wohl vorausahnend, was für ein Shitstorm folgen würde.

Irgend ein „besorgter Christ“ muß es aber herausgefunden haben, und hat es an die große Glocke gehängt. Und er hatte guten Erfolg damit. Sofort meldeten sich mehrere evangelikale Führer zu Wort und riefen dazu auf, dieser Organisation die Unterstützung zu entziehen.

Wohlgemerkt: Man sollte aufhören, Kinder in den Entwicklungsländern zu unterstützen, weil an der Hilfe vielleicht auch ein oder zwei Homosexuelle beteiligt waren. Gott verhüte, daß das Helfende Geld von einer „Schwuchtel“ nach Afrika umgebucht würde!

Kurz: Diese evangelikalen Führer haben die Perspektive verloren. Es war ihnen wichtiger, die Homosexuellen zu marginalisieren, als sich um das Wohl der Kinder zu sorgen. UNd sie hatten Erfolg, in zweifacher Hinsicht:

  1. World Vision hat zurückgerudert. Es gab so viele Drohungen, die Unterstützung einzustellen, daß World Vision die Entscheidung traf, lieber weiter den Kindern helfen zu können, als zu seiner Entscheidung zu stehen, Homosexuelle zu beschäftigen. Meiner Meinung nach eine mutige Entscheidung. Beide Optionen wären falsch gewesen, aber sie haben die Option gewählt, die eher den Schwächeren hilft, und haben die nicht ganz so schwachen im Stich gelassen.
  2. Aufgrund der Abmeldungen sind jetzt 10.000 Kinder ohne Paten, die voher einen „aufrechten Christen“ als Paten hatten. 10.000 Kinder! Auch hier hatten die Evangelikalen Führer Erfolg. Diese Kinder werden jetzt die Unterstützung nicht bekommen, die sie hätten haben können, aber Hauptsache, es sind keine Homosexuellen involviert.

Ich habe mehrere amerikanische Blogartikel zum Thema gelesen. Irgendwo
fand ich die Aussage, daß die Evangelikalen das Evangelium erweitert hatten. Es beinhaltet nicht mehr nur die Zusage der Liebe und Barmherzigkeit Gottes für den Sünder, sondern noch allerlei kulturelle Punkte, wie etwa die Homophobie.

Nur so ist es zu erklären, daß solch haßerfüllten, homophoben Aktionen nachgegeben wird unter so vielen Menschen, die sich Christen nennen, und eigentlich am Doppelgebot der Liebe orientiert sein müßten.

Ich sehe das ebenso, und möchte daran erinnern, daß in der Bibel stets davor gewarnt wird, das Evangelium zu verfälschen:

Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lasst von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem andern Evangelium,
obwohl es doch kein andres gibt; nur dass einige da sind, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren.
Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht.
Wie wir eben gesagt haben, so sage ich abermals: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht.
Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott zuliebe? Oder suche ich Menschen gefällig zu sein? Wenn ich noch Menschen gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht.

So schreibt Paulus in Gal 1, 6-10. Harte Worte, aber ich finde, sie treffen zu auf diese Evangelikalen, die dazu aufriefen, Kindern die Unterstützung zu entziehen, um ihre politischen Forderungen durchzusetzen. Eigentlich hätte die Liebe sie dazu anhalten müssen, danach zu suchen, wie man möglichst vielen Kindern helfen kann. Und die Hoffnung hätte sie anleiten müssen, darauf zu vertrauen, daß Gott entweder die Homosexuellen zu Recht bringt oder sie, also die evangelikalen Führer selbst, denn wenn es eine Meinungsverschiedenheit gibt, ist nicht unbedingt der andere derjenige, der falsch liegt. Aber offenkundig hatten sie keine Liebe zu den Kindern verspürt als sie dazu aufriefen, diese im Stich zu lassen, und auch keine Hoffnung auf Gottes Führung was die Frage in der Homosexualität angeht.

Statt dessen hofften sie darauf, daß Gott scho irgendwie den Kindern helfen würde (derselbe Gott, der uns die Liebe als Gebot mitgab!) und liebten ihre politischen, haperfüllten, homophoben Ansichten. Womöglich gingen sie noch dazu davon aus, daß Gott auf ihrer Seite wäre. Soe wie die Pharisäer Gott auf ihrer Seite wähnten. So wie die falschen Propheten in Israel und Juda immer nur Heil für die kaputte Gesellschaft voraussagten, während Gott Seine Propheten schon längst den Untergang verkündigen lies.

Gott ist auf der Seite der Schwachen. Schon immer gewesen. Wer auch immer die Macht hat, ein Unternehmen so groß wie World Vision in die Knie zu zwingen, gehört wohl kaum zu den Schwachen.

Aber das ist ja alles nur Vorrede. Eigentlich geht es mir um folgendes. Nachdem ich diese ganzen Vorgänge um die Evangelikalen und World Vision gelesen hatte, steiß ich auf Tom’s Blog auf folgendes Video.

Das Video gehört zu einer Aktion der evangelischen Frauen und Männerarbeit mit dem Titel „Eine Tür“. Ich verstehe das Video so, daß in der Kirche alle durch eine Tür reinkommen und in gleicher Weise als Menschen angenommen werden. Im Gegensatz zur Gesellschaft, die den Menschen ein Label aufdrückt – Männlein oder Weiblein – das dann, wie man im Video anhand der Toilettenszenen sieht, der von Gott geschaffenen Schöpfung kaum gerecht wird.

Tom hat das Video wohl falsch verstanden im Sinne von „wir brauchen nur noch eine Toilette“. Das kann geschehen, daß man etwas falsch versteht. Darauf will ich gar nicht eingehen. Aber was ich kommentieren möchte ist der Rest seines Eintrages, weil ich den Eindruck habe, daß es exemplarisch für eine Form des Christentums ist, die den evangelikalen Irrlehrern in den USA nahe steht und darum in der Gefahr ist, ebenso in den Haß abzugleiten und das Evangelium zu verlieren.

Tom schreibt:

Egal, welcher Schwachkopf auf die Idee kam, dass es über 30 Geschlechter geben solle – wo doch die Menschheit in „Mit-Glied“ und „Ohne-Glied“ aufgeteilt werden kann – plappern jetzt alle nach, was die Genderforschung an geistlichen Ergüssen von sich gibt. Die EKD stimmt in den Chor mit ein und hat jetzt beschlossen, dass die Kirche gendergerecht sein soll.

Ich weiß nicht, wie viele Geschlechter es geben soll. Ich bin mir aber sicher, daß es mehr sind als zwei. Sicher kann man die Menschheit in Mit Glied und ohne Glied einteilen. Aber zu welchem Zweck? „Da ist weder Mann noch Frau“ schreibt Paulus. Wieso also an der Differenzierung festhalten? Zumal es mehr gibt als Mann und Frau. Und die Einteilung auch nicht immer eindeutig ist. Was ist zum Beispiel mit Origenes? Männlein oder Weiblein? Er hatte sich ja bekanntermaßen aufgrund einer fragwürdigen Bibelauslegung selbst entmannt? Also Weiblein? Wen hätte er heiraten können? Als Weiblein wohl ein Männlein, aber da er selbst als Männlein geboren war ist das auch ein Problem nach dem Muster von Toms (bürgerlichen) Zeitgeites.

Und was ist mit den Menschen, die mit beidem geboren werden? Auch da gibt es ganz verschiedene Erscheinungen, die in der Schöpfung vorkommen. Was ist mit diesen Menschen? Männlein oder Weiblein? Und wen „dürfen“ sie heiraten?

Nein, es handelt sich bei der Genderforschung weder um Schwachköpfe, noch um Ergüsse, sondern um Menschen, die nach Lösungen suchen für das, was in der Realität vorkommt: Menschen mit unklarer Geschlechterzuordnung. Dazu gehören dann auch Menschen, die als Mann geboren werden und sich als Frau fühlen und umgekehrt.

Klar kann man die Menschen einteilen in mit Glied und ohne Glied. Man kann sie auch in Brillenträger und Nichtbrillenträger einteilen oder in Linkshänder und Rechtshänder, oder in Langhaarige und Kurzhaarige oder in Sympathische und Unsympathische. Nur, welche Rolle spielt das alles?

Tom schreibt:

Schwule, Lesben, Transsexuelle, Bi-Sexuelle usw. sind alle eingeladen in die EKD zu kommen. Nun, das wäre ja an sich nicht schlecht. Jesus Christus hat Sünder immer angenommen und sie sind zu ihm gekommen. Aber die EKD lädt ein, ohne die Leute auf die Notwendigkeit der Buße aufmerksam zu machen. Ja, bei Jesus sind Sünder willkommen, aber sie sollen nicht so bleiben wie sie sind, sondern zu neuen Menschen werden. Menschen, die in der Ordnung und Beziehung Gottes mit Ihm leben. Veränderte Menschen.

Wieso sollte die EKD hier einen Unterschied zwischen LGBT Menschen und Heterosexuellen machen? Sind nicht alle Sünder? Das Problem ist doch, daß bestimmte Kreise (zu denen Tom wohl gehört und auch die evangelikalen Irrlehrer in den USA) meinen, LGBT Menschen wären in besonderer Weise Sünder und müßten in besonderer Weise bereuen und Buße tun, und die damit diese Menschen gezielt aus den Kirchen vergraulen. Die EKD wirkt dem nur entgegen indem sie sagt: Es gibt vor Gott keinen Unterschied zwischen Schwulen, Lesben, Trnssexuellen, Heterosexuellen oder Bisexuellen. Ebensowenig wie es vor Gott einen Unterschied gibt zwischen Griechen und Juden, ziwschen Männern und Frauen, zwischen Freien und Sklaven. Alle sind eins in Christus!

Und was Jesus angeht, der die „Sünder“ aufnimmt:

Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.
Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.
Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?
Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.
Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

Die Zöllner galten den „Frommen“ der damaligen Zeit in etwa so als Sünder wie heute die Homosexuellen den Evangelikalen.

Und Jesus sagte einfach zu Matthäus: Komm mit, und er kam mit. Keine Rede von Buße. Keine Rede von anderer Mensch werden. Das verlangen die Pharisäer. Sie fragen, wieso er mit Zöllnern und Sündern ißt. Und Jesus verweist auf Hosea. Es geht nicht um das Sündersein, um die Opfer, die man bringen muß, um Buße zu erlangen. Es geht um Barmherzigkeit, um Liebe. Wieso nicht mit Zöllnern essen? Wieso nicht LGBT Menschen in die Kirche einladen? Wenn Jesus für die Sünder gekommen ist, dann würde ich mir Sorgen machen, wenn ich mich selbst zu den Frommen zählte, denn für die wäre Er dann ja nicht gekommen. So schließen sich Leute wie Tom implizit aus der Erlösung aus. Das würden sie natürlich nicht zugeben. Aber durch ihr Verhalten gegenüber LGBT Menschen machen sie deutlich, daß sie sich wohl doch als über ihnen stehend begreifen. Die müssen erst mal Buße tun. Wir haben das (nicht mehr) nötig, haben ihnen etwas voraus.

Wenn dem so wäre, bräuchten sie Jesus nicht mehr. Und daran kann man eigentlich schon erkennen, wie nahe man mit solchen Ansichten der Irrlehre kommt. Denn jeder braucht Jesus.

Tom schreibt:

Doch die Propaganda der beiden Gruppen innerhalb der EKD verzichtet auf einen Bußaufruf. Sie stellt das Perverse als normal dar. Damit wären wir bei Sodom und Gomorra. Eine Kirche, so wie sie in dem Video dargestellt wird, verkommt buchstäblich zum Scheißhaus. Traurig aber wahr. Eine Kirche, die keine lebensnotwendige Umkehr fordert, hat kein Recht mehr, den Namen Jesus Christus in den Mund zu nehmen. In jedem Geflügelzüchterverein gibt es mehr Regeln und wahrscheinlich auch mehr anständige Leute.

Die EKD mag nicht so laut zur Buße rufen. Aber wieso regt sich Tom darüber nur bei Homosexuellen auf? Wieso regt Tom sich nicht darüber auf, daß die EKD die Landeskirchlichen Gemeinschaften nicht mehr zur Buße ruft? Oder andere konservativere Gruppierungen? Meint Tom, diese hätten die Buße (nicht mehr) nötig?

Und ist es überhaupt immer angebracht, zur Buße zu rufen? Wir haben gesehen, daß Jesus bei der Berufung des Matthäus überhaupt nicht zur Buße rief.

Buße ist sicherlich wichtig. Und wer die Gottesdienste der EKD Kirchen besucht weiß auch, daß sie durchaus vorkommt. Manchmal sogar jeden Sonntag. Zumindest aber immer, wenn Abendmahl gefeiert wird. Kyrie eleison wird dann gesungen: Herr erbarme Dich. Sind das nicht die Worte eines Büßers?

Tom schreibt:

Ja, es gibt immer noch jemanden, der ärger ist als sein Vorgänger. Es gibt immer eine Steigerung der boshaften Dummheit. Irgendwann wird dieses Ärgernis normal sein und der Nächste kommt auf eine noch schlimmere Idee.

Das sehe ich auch so. Es wird Leute geben, die sich als noch rechtgläubiger wähnen als diejenigen, die dafür sorgten, daß die 10.000 Kinder ihre Unterstützung verloren. Sie werden die Irrlehre noch steigern. Und irgendwann ist es dann normal, daß man in „frommen“ Kreisen nicht mehr nach der LIebe fragt, sondern nach menschlichen Gesetzen und Buße der anderen. Jesus hat damit nichts mehr zu tun. Aber Jesus hat den „Fehler“ gemacht, Seinen Namen nicht als Wortmarke schützen zu lassen. Also kann Er mit weltlichen Mitteln nichts dagegen tun. Allerdings wissen wir auch, daß Gott es nicht lange zuläßt, daß in Seinem Namen Unheil angerichtet wird. Israel und Juda sind untergegangen. Und als aktuellstes Beispiel kann man vielleicht auf Fred Phelps, den Gründer der Westboro „Church“ verweisen, der im Namen Gottes Haß und Zwietracht gesäht hat und am Ende von seiner Kirche ausgeschlossen wurde und einsam im Hospitz starb. Echte Menschen Gottes sterben nicht, nach der Lehre dieser „Kirche“. Deshalb war ihnen seine Gebrechlichkeit ein sicheres Zeichen dafür, daß er nicht zu den Erwählten gehört. Ein lebhaftes Beispiel davon, wohin es führt, wenn man sich statt auf den Glauben auf Gesetzeswerke stützt, wie auch immer das Gesetz genau aussieht.

Tom schreibt:

Irgendwann werden wir dann im TV von Sex mit Tieren hören und zusehen müssen, wie zu offener Satansanbetung und Mord aufgerufen wird, auch innerhalb von denen, die sich Christen nennen.

Ist es denn keine Satansanbetung und Mord, wenn evangelikale Führer dazu aufrufen, im Namen Gottes(!) auf die Unterstützung von hilfsbedürftigen Kindern zu verzichten, um ein politisches Ziel zu erreichen, nämlich, daß Homosexuelle marginalisiert werden?

Tom schreibt:

Diese Gender-Stufe ist nur ein Vorgeschmack davon, was noch alles kommen wird. Eine Kirche, die hier mitmacht, sollte sich nicht mehr Kirche nennen. Die EKD wird zu dem verkommen, was im Video dargestellt ist – einem Scheißhaus.

Ich sehe es umgekehrt. World Vision ist ein Vorgeschmack dessen, was noch kommen wird. Die Gender Sensibilität ist ein Schritt in die richtige Richtung. Den Rest möchte ich nicht mehr kommentieren, das legt sich sozusagen selbst aus.

Kirche hat nach meiner Meinung nichts mit Ausgrenzung zu tun. Jesus grenzte nicht aus. Er nahm alle auf, und er forderte nicht immer und von allen Buße. Harte Forderungen stellte Er in der Regel dann, wen seine Gesprächspartner sich selbst rühmten, oder irgendwie mit ihm um Sicherheiten feilschen wollten, wie der reiche Jüngling, der wissen will, wie er das ewige Leben kriegt und dann meint, er hält sich an alle Gebote. Er hatte die falsche Einstellung, wollte ne to do Liste, um sich später darauf berufen zu können. Aber so läuft das nicht, also wird Jesus radikaler mit den Forderungen. Von Paulus wissen wir ja, daß es garnicht auf das Handeln ankommt, sondern auf den Glauben. Der Ansatz mit den to do Listen ist also der verkehrte. Setzt man auf den Glaubenund tut einfach, was man für geboten hält, paßt das schon eher. Auch ohne to do Liste. Und ohne zu meinen, man hätte selbst die Buße nicht mehr nötig oder nicht so nötig wie irgendwelche Sünder, Zöllner oder Homosexuellen.

Einen gesegneten Sonntag.

Das Wort zum Tag

Tageslosung 05.11.2012

Nach einigen Wochen der Funkstille möchte ich mal wieder versuchen, hier regelmäßiger zu schreiben.

Die Tageslosung für heute lautet:

Der Übeltäter lasse von seinen Gedanken und bekehre sich zum Herrn, denn bei ihm ist viel Vergebung. (Jes 55, 7)

Merkwürdigerweise wurde der Bibelvers ein wenig verkürzt, komplett heißt es:

„Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.“

Auch das restliche Kapitel 55 erzählt von der Vergebung Gottes. Mir gefällt an diesen Versen, dass hier nicht mit der Größe und Macht Gottes um den Gottlosen und den Übeltäter geworben wird, sondern nur mit dem Willen Gottes zur Vergebung.
Der Lehrtext lautet:

„Christus spricht: Es wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.“ Lukas 15,7

Über welche Umkehr, welche Verhaltensänderung könnte sich Gott zuletzt bei mir gefreut haben?

glaube

Umkehr am Baum – Eine Geschichte zu Lukas 19, 1-10

Über mir rauscht das Blätterdach. Ich habe einen guten Überblick. Meine Hände sind Geldstücke, nicht Baumrinde gewohnt und protestieren aufgeschürft gegen die ungewohnte Belastung. Auch meine Kleider waren der Kletterei nicht gewachsen, sie sind verdreckt und zerknittert. Da drückt ein Ast in meinen Rücken. Ganz vorsichtig jetzt. Glück gehabt, fast hätte ich den Halt verloren! Jetzt sitze ich wieder sicher, aber unbequemer als vorher. Die Menge unter mir wird unruhig. „Ich seh‘ ihn“ kräht eine Kinderstimme. Hat man mich etwa bemerkt? Ich spähe durch eine Lücke im gründen Blickschutz. Nein, niemand blickt hoch, alle recken die Hälse und versuchen, das Ende der Straße zu sehen. Dort erscheint Jesus. Ich strecke den Kopf durch die Blätter. Da unten achtet eh‘ keiner auf mich, so kann ich Jesus besser sehen. Seine Jünger bahnen ihm einen Weg durch die Menge, die mich mit Geschimpfe und Ellenbogen daran hindern wollte, ihn zu sehen. Nun sehe ich ihn doch und genieße trotz unbequemer Haltung meinen Triumph. Aber – was macht Jesus denn da? Er verlässt den Kreis seiner Jünger. Was hat er vor? Er wird doch nicht…? Er wird. Er kommt direkt auf meine Blätterfestung zu! Zeit zum Rückzug! Zu spät. Kaum bin ich wieder im Geäst verschwunden, höre ich schon seine Stimme. „Zachäus“ Woher kennt der meinen Namen – und warum ruft er mich vor allen Leuten? Geh doch weiter, es gucken bestimmt schon alle. Ich spüre die Blicke der Menge wie Pfeile Richtung Baumkrone fliegen und drücke mich dichter an den Stamm. Nun geh doch endlich! Er bleibt. „Komm schnell herunter“. Zu dieser Meute, die mich, wenn ich Glück habe, nur haßerfüllt anstarren wird? Zu dieser Meute, die nur darauf wartet, dass er mir die Meinung sagt – mit Sicherheit keine gute?Ohne mich. Irgendwann werden sie schon aufhören zu warten. Es ist warm, der Baum ist hoch, hier kriegt mich erstmal nur ein Wunder runter. „Denn in deinem Haus muss ich heute zu Gast sein“. Was? Keine Vorwürfe? Kein Ärger? Vorsichtig linse ich durch die Blätter. Jesus blickt hoch. Die anderen Gesichter fließen über vor Hass und Ablehnung. Er jedoch steht da und sieht mich freundlich an. Schnell steige ich hinunter, gerne nehme ich ihn bei mir auf!

Über mir rauscht das Blätterdach. Ich stehe eingezwängt in der Menschenmenge. Links der Schuster von nebenan, rechts der Schneider. Ich habe meinen Webrahmen kurz verlassen. Schließlich hat man nicht alle Tage Gelegenheit, Jesus zu sehen. Mein Sohn zupft an meinem Hosenbein. „Papa, siehst du ihn schon?“ fragt er mich bestimmt schon zum 10. Mal. „Nein, ich sehe ihn noch nicht“. Keine halbe Minute später zupft er wieder an meiner Hose. Ich schmuznele in mich hinein. Geduld ist auch nicht meine Stärke. Ich hebe ihn hoch und setze ihn auf meine Schultern. Er jauchst vor Freude. Der Kleine hat von meinen Schultern aus die bessere Sicht. Jetzt zupfe ich. „Siehst du ihn schon?“ „Nein, aber da raschelt was im Baum“. Sicher irgendein Vogel. Die Menge wird unruhig. “ Ich seh‘ ihn“ kräht jetzt mein Sohn von meinen Schultern. Die Leute recken die Hälse, um einen Blick auf Jesus zu werfen. Jetzt sehe ich ihn auch. Seine Jünger bahnen ihm einen Weg durch die Menge. Da beginnt Jesus, sich selbst durch die Menge hindurch einen Weg zu schaffen. Er kommt direkt auf uns zu! Da höre ich es wieder im Baum rascheln, blicke hoch  und sehe gerade noch einen Kopf zwischen den Blättern verschwinden. Wer das wohl war? Jesus kommt näher – und geht an uns vorbei auf den Baum zu. Etwas enttäuscht wende ich mich kurz ab. Für einen Moment hoffte ich, er käme zu mir. Als ich wieder zu Jesus gucke, blickt er zur Baumkrone empor. “ Zachäus“ ruft er. Die giftigen Blicke der anderen bohren sich mit meinem gemeinsam in die Blätter. Ausgerechnet Zachäus, dieser Betrüger sitzt also da oben. Da haben alle unsere Ellenboggen doch nichts gebracht. „Komm schnell herunter!“ Wenn er das macht, wird’s unangenehm. Als Verbündeter der Römer muss er zwar keine ernsthafte Gefahr für Leib und Leben befürchten, doch die Blicke der anderen verheißen dennoch nichts Gutes. Es ist still unterm Baum, alle starren nach oben. “ Denn in deinem Haus muss ich heute zu Gast sein“. Jetzt richten sich alle Blicke auf Jesus. Oben raschelt es erneut, dann klettert Zachäus unter dem freundlichen Blick Jesu langsam vom Baum. Sie schicken sich an, gemeinsam weg zu gehen. Nun bricht empörtes Geraune los “ Bei einem Sünder ist er eingekehrt!“ Da tritt Zachäus vor Jesus, anscheinend will er etwas sagen. Bestimmt will er sich über uns beklagen. Doch was erwartet er denn? Dass wir es kommentarlos hinnehmen, dass Jesus bei ihm, dem Betrüger und Handlanger der Römer, einkehrt? Auch die anderen merken, dass Zachäus Jesus etwas zu sagen hat. An ihren Ge-sichtern sehe ich, dass auch sie mit nichts Gutem rechnen. Was soll von Zachäus schon Gutes kommen? Doch merkwürdig – statt ihn niederzuschreien, verstummen alle. Es ist so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Alle hören, was Zachäus sagt: „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ Statt Freudentaumel stehen wir alle vom Donner gerührt. Die Feindseligkeit weicht allmählich, zurück bleibt nur leichte Skepsis. Ob er das auch einhält? Doch die Blicke, die sich auf Zachäus richten, sind nun schon wesentlich friedlicher. Dann erhebt Jesus die Stimme: “ Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn.“ Nicht nur ihm ist Heil widerfahren. Wenn Zachäus seinen Worten Taten folgen lässt, wird es vielen Menschen besser gehen. Doch Jesus ist noch nicht fertig: „Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Schlagartig wird mir klar: Zachäus wurde nicht etwa ausgesucht, weil er so große Verdienste hatte, sondern grade wegen seiner Schuld suchte Jesus ihn auf, um ihn zur Umkehr zu bewegen. Wir hatten Zachäus voller Zorn jahrelang verstoßen – er hat ihn angenommen. Und seine Annahme hat in wenigen Minuten mehr bewirkt als unser jahre-langer Zorn. Vielleicht wäre vieles leichter gewesen, wenn wir ihn nicht verstoßen hätten. Nachdenklich kehre ich mit meinem Sohn auf den Schultern zurück an meinen Webstuhl.

Das Wort zum Tag

Tageslosung zum 28.02.2012 (Jona 2, 9)

Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade.

Dieser Satz stammt aus einem Gebet des Propheten Jona. Wie kam er dazu, ihn zu beten? Gott gab Jona den Auftrag, nach Ninive zu gehen und dort zu predigen. Die Stadt ist dermaßen böse, dass ihr Unheil vonseiten Gottes droht. Deshalb soll Jona dort predigen und sie zur Buße bewegen.  (Jona 1, 2). Jona weigert sich. Erst am Ende erfahren wir, warum: Er war sich sicher, dass JHWH Ninive gnädig sein würde, wenn er dort predigt. Und statt sich darüber zu freuen, dass Gott gnädig ist, will er Ninive meiden. Er will offenbar Ninive von der Gnade Gottes ausschließen. Er bezahlt Geld für eine Schiffsfahrt nach Tarsis und  vertraut sich nicht der Führung Gottes an, sondern will ihm ausweichen.

Diese Momente des Ausweichens sind mir nur zu vertraut. Diese Jona-Momente, in denen ich Gott ausweichen möchte. Mich ihm und seinen Fragen nicht stellen möchte, weil sie unbequem sein können. Solche Fragen können z.B. sein: „Der Ärger, den du letztens hattest – ist der schon beigelegt? Und wenn er es nicht ist: „Warum nicht? Hast du alles dafür getan, ihn beizulegen?“. Sich solchen Fragen zu stellen kann anstrengend sein und zu einem Ausweichmanöver verlocken. Doch an Jona sehen wir, dass sie zu nichts führen – außer zu größeren Schwierigkeiten.

Sein Plan scheitert, das Schiff gerät in einen Sturm. Es droht zu sinken, die Mannschaft ist hoffnungslos und fragt nun ihn: „Was sollen wir tun?“ Jona weiß, was zu tun ist, er kennt den Grund für den Sturm und antwortet: „Werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen dieser Sturm über euch gekommen ist“. Ob er selbst damit rechnet zu überleben ist unklar. Als alles Mühen der Mannschaft nichts nützt, werfen sie ihn schließlich ins Meer – nicht ohne seinen Gott um Verzeihung zu bitten, falls er unschuldig ist. Er schreit – wie er später im Gebet schildert – zu JHWH und findet sich im Bauch des Fisches wieder. Und hier betet er. Er schildert, wie er bis hierhin kam und zieht am Schluss die Lehre aus den Ereignissen. An dieser Stelle setzt der Losungstext ein:

„Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade“

So übersetzt Luther den Text. Ein Hebräischdozent, bei dem ich Hebräisch gelernt habe, hat uns immer wieder eingeschärft: Vertrauen Sie niemals der Lutherübersetzung ungeprüft und achten Sie genau auf das, was da im Hebräischen steht. Dieser Satz hat mich durch mein ganzes Studium begleitet. Texte sind ein bisschen wie Strickpullover: auf einzelne Fäden muss geachtet werden, damit am Ende etwas Ganzes entsteht, aber an einzelnen Fäden darf nicht zu sehr gezerrt werden, sonst zerstört man den Text. Es ist Behutsamkeit gefragt. Behutsam und vorsichtig sollen deshalb die Fäden aufgenommen werden, die in diesem Text verstrickt sind.

Der erste Faden heißt „sich halten an das Nichtige“. Überprüft man die Lutherübersetzung durch einen Vergleich verschiedener Übersetzungen oder einem eigenen Übersetzungsversuch, wird deutlich, was mit „sich halten an das Nichtige“ gemeint ist: Es geht hier um die Verehrung anderer Götter. Zum Thema andere Götter lesen wir bei Luther: Worauf du nun (sage ich) dein Herz hängst und verlässest, das ist eigentlich dein Gott. Dieses Thema hat vor und nach Jona Menschen beschäftigt und auch wir sind vor die Frage gestellt: An was hängst du dein Herz, d. h. auf was setzt du dein uneingeschränktes Vertrauen?

Was heißt eigentlich „sein Vertrauen auf jemanden setzen“? Bei Jona wird es umschrieben mit: sich an etwas halten. Sich an etwas halten kann verschiedenes bedeuten. Zum einen kann es heißen: Halt bei etwas suchen. Mit Hilfe von etwas sicher stehen, z.B. mit einem Stock, auf den man sich stützt. Zum anderen kann es auch bedeuten: Sich an etwas Orientieren. Ein Leuchtturm zum Beispiel ist ein Anhaltspunkt, eine Orientierungshilfe, die den Weg weist. Hilfen zum Stehen  und Hilfe beim Orientieren beides klingt bei „sich halten an“ an. Und so lautet die Frage an uns, die im Text ein bisschen verborgen ist: „Worauf stützt du dich? Wer oder was ist deine Orientierungshilfe?“

Jona stützte sich am Beginn seiner Reise nicht auf Gott, sondern auf sein Geld, mit dem er sich die Schiffsfahrt erwarb. Sein Orientierungspunkt war nicht Gott, sondern der Leuchtturm von Tarsis. Es ist nichts gegen Geld einzuwenden. Es ist auch sonst nichts gegen Dinge einzuwenden, die uns im Alltag unterstützen. Auch Leuchttürme sind im Allgemeinen zu begrüßen. Gegen Orientierungs-hilfen im Alltag ist nichts einzuwenden. Doch weder Alltagsstützen noch Orientierungshilfe dürfen wir so vertrauen wie wir Gott vertrauen dürfen: Vorbehaltslos, ohne Einschränkung. Ein weiteres prominentes Beispiel dafür, was passiert, wenn wir etwas anderem als Gott vorbehaltlos vertrauen, sahen wir auch im Evangelium. Auf die Leidensankündigung Jesu widerspricht Petrus und will Jesus davon abbringen (Vgl. Mt.16, 22) Er vertraut seinen eigenen Gefühlen mehr als Gott, und wird dafür zurechtgewiesen. So stehen sie beide, Jona und Petrus, als Erinnerung daran, dass wir nichts und niemandem mehr vertrauen können und dürfen als Gott.

Auch davon, was die Folgen wären, sich an Nichtiges zu halten, Gott nicht zu vertrauen, lesen wir im Lesungstext „Die sich an Nichtiges halten, die verlassen ihre Gnade“.

Der zweite Faden, der aufgenommen wird, ist „die verlassen ihre Gnade“.

Man kann einen Ort nicht verlassen, ohne zuvor dort gewesen zu sein. Man kann auch Menschen nicht verlassen, ohne zuvor in irgendeiner Form – körperlich oder z.B. durch Mailkontakt – bei ihnen gewesen zu sein. Ebenso wenig kann man Gnade verlassen, wenn sie nicht zuvor bei einem gewesen ist. Wenn es also heißt: „Die sich halten an das Nichtige, die verlassen ihre Gnade“ müssen diese zuvor Gnade gehabt haben, sonst könnten sie sie nicht verlassen. Es geht also hier nicht um die, die ihr Vertrauen noch nicht auf Gott setzen. Es geht um die, die Gott nicht mehr vertrauen.

Und es geht um die Jona-Momente in uns. Um die Momente, in denen wir sagen: Ich kann Gott nicht mehr vertrauen. Über diese Menschen, über diese Jona-Momente wird gesagt: Da wird die Gnade verlassen. Und nicht irgendeine Gnade, sondern ihre Gnade. Gnade ist etwas ganz persönliches. Diese ganz persönliche Gnade kann nur wirksam werden, wenn wir uns jemandem voll ausliefern. Das geht nur, wenn wir dem, dem wir uns ausliefern, vertrauen. Die Gnade, von der bei Jona die Rede ist, ist die Gnade Gottes. Wenn wir anderen Dingen mehr vertrauen als Gott und Gott so unser Misstrauen aussprechen, können wir auch keine Gnade von ihm annehmen. Denn wie könnten wir Gnade von jemandem annehmen, dem wir misstrauen? Es sind diese Jona-Momente, in denen wir – wenn auch nur zeitweise – das Vertrauen in Gott verlieren und so unsere Gnade verlassen.

In diesen Jona-Momenten kann es auch die Jona-Geschichte sein, die uns neues Vertrauen ermöglicht. Denn nachdem ihn die Seefahrer ins Meer geworfen haben, droht er umzukommen. Doch statt sich in seinen Tod zu fügen, setzt er doch noch einmal all sein Vertrauen, seine Hoffnung auf den Gott, dem er vorher ausweichen wollte. In seiner Not schreit er zu JHWH – und wird erhört. Er geht unter – und überlebt, geborgen von einem Fisch. Im Leben kann uns das Wasser bis zum Hals stehen. Auch untergehen ist nicht ausgeschlossen. Doch auf eines können wir uns verlassen: Rufen wir dann zu Gott und befehlen uns seiner Gnade an, dann kommt auch für uns ein Fisch, der uns rettet und unter den Wogen hindurchträgt. Denn nur weil wir die Gnade verlassen, heißt das ja noch lange nicht, dass Gott uns verlässt. Jona wird getragen und drei Tage später an Land gesetzt. Wieder fordert Gott ihn auf, nach Ninive zu gehen und dort zu predigen.  Gott ist hartnäckig – er ist ein Gott der zweiten Chance, der vielen Chancen. Diesmal hört Jona auf ihn und geht in die große Stadt Ninive. Nach Sturm, beinahe ertrinken und drei Tage im Fisch geht er doch in die Stadt, die ihm das Ganze – indirekt zumindest – eingebrockt hat. Er geht in die Stadt, die er eigentlich meiden möchte. Das ist Vertrauen, aus dem heraus Gnade wirksam werden kann: Sich von Gott auch an die Orte und die Situationen schicken lassen, die man eigentlich meiden möchte.

Es wird geschildert, dass er dort eine ebenso kurze wie wirkungsvolle Predigt hält, deren Kern wohl nur aus einem Satz bestand: „Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen“. Die Folgen sind beeindruckend. Die Stadt geht in Sack und Asche, sie tut Buße. Selbst der König geht in Sack und Asche und bezieht per königlichen Erlass sogar die Tiere mit in die Bußhandlung ein: Weder Mensch noch Vieh sollen essen und trinken, Mensch und Vieh sollen sich in Sack und Asche hüllen. Soweit ich weiß, ist die Schilderung von Vieh im Sack zwecks Buße einmalig in der Bibel. Das zeigt deutlich, wie groß die Wirkung der Predigt in dieser Geschichte ist.

Es kommt genauso, wie Jona es vermutet hat: Er predigt, Ninive tut Buße, Gott ist gnädig. Hätte Jona von Anfang an der Führung Gottes vertraut und Ninive nicht von der Gnade ausschließen wollen, wäre ihm einiges an Schwierigkeiten erspart geblieben. Es liegt nicht an uns, Menschen von der Gnade Gottes auszu-schließen. Dort, wo Gott Gnade wirksam lassen werden will, haben wir dem nichts entgegenzusetzen. Und auch das heißt Vertrauen auf Gott: Es ihm vorbehaltlos überlassen, ob er gnädig ist oder nicht.

Noch einmal der Satz aus dem Gebet Jonas:

Die sich halten an das Nichtige, die verlassen ihre Gnade.

Wenn wir Gott nicht voll und ganz vertrauen, ihm immer wieder neu vertrauen, dann kann seine Gnade ihre befreiende Wirkung in unserem Leben nicht entfalten. Deshalb lasst uns immer wieder im Vertrauen zu Gott leben, Tag für Tag auf’s Neue.

Gesellschaft

Dann halt doch noch etwas zum bisherigen Bundespräsidenten

Eigentlich ist ja alles gesagt: Ins Amt gehievt als Merkels Kandidat, der wohl einerseits Verbündeter sein sollte, andererseits ihr so innerparteilich nicht mehr gefährlich werden konnte, Privatkredite, Urlaub bei Freunden, Flugmeilen etc etc.

Und vorher immer schön in der Bunten et. al. inklusive Spekulationen über die Tätowierungen von Gattin Nr. 2.

Tausendmal aufgewärmt, tausendmal wiedergekäut, und inzwischen etwas langweilig. Deshalb wollte ich eigentlich auch nichts zu ihm schreiben. Eigentlich.

Doch ich hab mal ein bißchen in den älteren Artikeln hier im Blog geblättert und stieß auf einen anderen Rücktritt. Wie Wulff zu Ministerpräsidentenzeiten hatte auch diese Rücktreterin ihren Wirkungsort in Hannover (hmm, der Schröder hat seine 2. Amtszeit ja ach nicht ganz zu Ende bringen können. Hat Hannover einen karriereschädigenden Einfluß?). Nur war bei ihr das Problem, daß sie bei Freunden übernachtet hätte oder an günstige Kredite gekommen wär, sondern daß sie besoffen Auto fuhr.

Damals hatte ich schon gemutmaßt, daß sie nicht weg sein wird vom Fenster. Und auch wenn es ruhiger um sie geworden ist, ist sie doch nicht ganz verschwunden. Beim Kirchentag ist ihre Popularität ungebrochen, und ach wenn sie immer wieder bei Interviews auf ihre Alkoholfahrt angesprochen wird, kann sie auch nach dieser die Zustände in Afghanistan kritisieren, um mal ein Beispiel zu nennen.

Indem sie Konsequenzen gezogen hat aus ihrem Fehler, hat sie sich die Glaubwürdigkeit erhalten.

Und nun Wulff. Er hatte ja als Kanzlerpräsident von Anfang an einen schweren Stand, was Glaubwürdigkeit anging. Er setzte einen sehr positiven Akzent, das mit dem Islam, der zu Deutschland gehöre, aber dann kam erst mal jede Menge Boulevard, abgerundet duch die ganzen Affären, die ihn jetzt zu Fall brachten.

Und beim Rücktritt? Kein Wort der Schuldeingeständnis. Er fühlt sich im Recht. Gut, wird man sagen, ein Schuldeingeständnis könnte vielleicht juristisch relevant sein, immerhin ist er jetzt seine Immunität los. Was ihm da droht dürfte ne Nummer größer sein als das, was Käßmann drohte (ich vermute mal Führerscheinentzug, weiß da jemand mehr?). Ich rechne mal mit Strafzahlungen (oder sollte wirklich Gefängnis drohen?). Trotzdem bleibt das Bild, daß hier jemand, als es nicht mehr anders ging, das preisgegeben hat, was er nicht mehr halten konnte. Mehr nicht. Weil er dran hängt.

Eigentlich (schon wieder!) wollte ich viel stärker auf die Buße hinaus in dem Artikel. Nun soll sie wenigstens am Schluß eingebracht werden. Buße bedeutet, von einem falschen Weg, den man eingeschlagen hat, umzukehren. Von vorne zu beginnen. Man muß Erreichtes fahrenlassen. Man hat vielleicht schon eine lange Strecke hinter sich gebracht auf diesem Weg, deshalb ärgert es, wenn man nun ganz zurück muß. All die Anstrengung umsonst. Hier ist kein Weiterkommen.

Allerdings muß man einsehen, daß der Weg falsch war. Anders gibt es keine Buße, keine Umkehr. Man geht lieber querfeldein, als daß man zurückgeht. Hofft, irgendwo wieder auf einen besseren Weg zu treffen, so daß nicht alle Anstrengung umsonst war. Lieber kurz eine erhöhte Anstrengung, als all die Errungenschaften, die man auf dem falschen Weg erworben hat, fahren zu lassen.

Es ist anstrengend, zurück zu gehen und neu anzufangen. Es ist sicherlich ein Stück weit auch demütigend, wenn einem nun alle Welt seine Fehler vorhält (allerdings ist Demut auch nicht per se schlecht). Aber wenn man sich nicht im Geäst verirren will, ist es der beste Weg, den man gehen kann.

Käßmann ging zurück und fing ne an. Wulff sucht noch nach der verpassten Abzweigung und geht nur soweit zurück, wie er unbedingt muß. So scheint es mir. Und ich halte es für fraglich, ob Wulff noch einmal irgendwo eine Rolle spielen wird.

Uncategorized

Ps 90, 13

Ich sitz grad an Ps 90, 13 und versuch das möglichst wörtlich zu übersetzen:

Wende dich/tu Buße Jahwe, bis wann? Und Reue in Bezug auf Deine Knechte wird sich einstellen.

Ist das zu frei? Fordert der Psalmbeter Gott wirklich zum Buße tun auf? Umkehren (שוב) bedeutet ja eigentlich genau das. Und das „bereuen“ steht im Infinitiv, ist also eine Nominalform, die isch erst mal auf das Geschehen an sich bezieht… ich glaub, das geht wirklich…

Uncategorized

Tut Buße und glaubt an das Evangelium

Mal wieder befasse ich mich mit den Mißbräuchen durch katholische Geistliche. Genauer geht es mir um den Umgang der Kirchenoberen mit den Vorwürfen, denn Mißbrauch ist kein katholisches Alleinstelungsmerkmal und hat mit Zölibat, Kondomverbot und ähnlichen in der heutigen Gesellschaft anstößigen Lehren und Praktiken der Kirche Roms nichts zu tun.

Was allerdings etwas mit der Kirche Roms zu tun hat, ist der Umgang ihrer Bischöfe und Priester mit dem Thema. Bei Maischberger, so schreibt der SPIEGEL (via), kam es einmal wieder zu einem Aufeinandertreffen von Klerikern, Opfern und anderen mehr oder minder dem Thema nahe stehenden Personen. Natürlich schafft es der SPIEGEL wieder prima, vom Thema abzukommen und den Zölibat ins Spiel zu bringen, der so viel mit sexuellem Mißbrauch zu tun hat wie „Killerspiele“ mit Amokläufen.

Mir geht es aber um die Kleriker, von denen ich so langsam annehme, sie glauben das nicht mehr, was sie selbst verkünden. Buße tun, also umkehren. Wenn etwas schief läuft, wenn etwas nicht nach dem Willen Gottes läuft, dann wird der Christ aufgerufen, Buße zu tun, also umzukehren, und wieder auf den „rechten“ Weg zurückzukehren.

Nun sagen die Katholiken, alle anderen seien genau so von Mißbrauch betroffen wie ihre Kirche. Ich nehme einmal an, das stimmt, denn wieso sollte ein nichtkatholischer Lehrer immun sein gegen Pädophilie? Es wird auch gesagt, es gäbe kein System zur Vertuschung. Nehmen wir mal an, auch das stimmt, dann it aber doch die Frage: Gibt es ein System zur Aufdeckung?

Und da muß ich sagen: Falls es das gibt, so läuft es ziemlich im Geheimen ab. Und auch wenn kein Bischof schuld ist an den Verfehlungen seiner Priester, so ist er doch Schuld, wenn er als Vorgesetzter nichts oder nicht ausreichend tut oder getan hat. Durch das Vertuschen, das zumindest in der Vergangenheit geschehen ist, aus welchen Gründen auch immer, haben die zuständigen Personen Schuld auf sich geladen, und damit auch Schuld auf die Institution, für die sie stehen.

Wenn ein Bischof in apostolischer Sukzession wirklich Träger des Heiligen Geistes ist, dann verleugnet er den Heiligen Geist in dem Moment, wo er Verbrechen vertuscht und Priester in Schutz nimmt. Und er tut es weiterhin, wenn er damit ablenkt, daß die anderen das auch tun. Die anderen haben im Zweifel den Heiligen Geist nie erlebt und sind damit entschuldigt. Es ist für mich als Christen eine ungeheure Frechheit, wenn ein Christ sich hinstellt und sagt: Die anderen sind auch nicht besser als ich. Stimmt, sind sie nicht. Alle Menschen sind Sünder. Aber es gibt einen Unterschied: Der Christ weiß darum und kann etwas dagegen tun, unabhängig davon, wie sehr es hilft. Das kann der ungläubige Mensch nicht. Deshalb sind solche Vergleiche als Verteidigung eine Unglaublichkeit, ja geradezu Gotteslästerung.

Statt immer weiter zu tun, was man schon immer getan hat und zu sagen: Wir tun was wir können und die anderen sind auch nicht besser, wäre es wichtig, inne zu halten, sich zu besinnen, Buße zu tun und umzukehren.

Buße tun bedeutet, die innere Haltung ändern. Wer auf die Schuld der anderen verweist hat sich seine eigene Schuld noch nicht eingestanden. Wer immer noch auf andere sieht, sieht noch nicht genug auf sich selbst (das gilt übrigens umgekehrt auch für die Kirchenbasher, die jetzt die römische Kirche als Ursprung alles Bösen zu entdecken meinen). Tut Buße, liebe Bischöfe und Priester, kehrt um, glaubt an das Evangelium, das Christus gepredigt hat, von der Liebe Gottes zum Sünder. Ihr verliert nichts, wenn Ihr Eure Schuld eingesteht, Ihr fallt nicht tiefer als in Gottes Hand.

Aber gesteht Euch die Schuld ein, die auf Euch lastet, ob selbstverursacht oder von anderen ererbt, und seht zu, wie ihr dem ein Ende bereiten könnt.

Versöhnung geht nicht ohne vorherige Buße, aber ohne Versöhnung bleibt als Perspektive nur die Verdammnis. Weltlich wie auch coram Deo.

Uncategorized

Päpstliches Schweigegebot?

Bei Fefe hab ich es grad gelesen. Ähnliches stand auch schon im SPIEGEL Titelthema von letzter Woche: Es soll da eine päpstliche Verordnung geben, aus dem Jahr 1962, von Johannes XXIII, die das Verschweigen von Mißbrauchsfällen fordert.

Fefe beruft sich auf einen Bericht im Observer vom 17.8.2003, der seinerseits auch ein Dokument in englischer Sprache verlinkt, das wohl die Übersetzung der päpstlichen Anweisung enthalten soll.

Glücklicherweise wird hier erstmals ein Name genannt für das päpstliche Dokument, so daß man etwas recherchieren kann. Der SPIEGEL schwieg sich über den Namen noch aus.

So kam ich nach etwas googlen auf ein englischsprachiges katholisches Forum, in dem der Observer Artikel besprochen wurde. Ein Forenteilnehmer sprach gar von einem Hoax, was das Dokument aus Rom betrifft, wozu unter anderem der Fakt, daß das verlinkte Dokument eben in englisch und nicht in latein vorliegt und auch keine 69 Seiten lang ist sondern nur 39 Seiten umfaßt, beigetragen haben mag.

Ein anderer Forenteilnehmer hat sich wohl die Mühe gemacht das Papier durchzulesen und kam zu dem Urteil:

It’s a document governing the ecclesiastical prosecution in ecclesiastical courts of priests who commit the ecclesiastical crime of solicitation.

und:

It’s not about the sexual abuse of minors as the ecclesiastical crime of solicitation relates only to the Sacrament of Penance and can involve adults as well as minors.

und:

The ecclesiastical crime of solicitation is very serious as it is an abuse of the Sacrament of Penance. That’s why laypeople were obliged to report it. You should keep in mind that at the same time it is important to protect the reputation of a priest who may be innocent.

naja, Unschuldsvermutung ist ja nicht besonders populär wenn Kirchenleute angeklagt sind. Aber was meint der noch:

You should also keep in mind that many if not most or even the vast majority of cases of the ecclesiastical crime of solication wouldn’t be a crime under civil law.

Er hat sogar noch ein Beispiel:

Suppose a priest hears the confession of a 30 year old woman. The 30 year old woman during the confession tells the priest: „Father, let’s have a one night stand.“ The priest instead of saying, „No that is wrong“ says, „OK let’s do it tonight“ then by that very fact the priest would be guilty of the ecclesiastical crime of solicitation.

Vor diesem Hintergrund ergibt es dann auch Sinn, wenn ein Kardinal Ratzinger 2005 darauf hinweist, daß die Regelungen noch gültig sind. Denn es geht um kircheninterne Dinge. Ob ein Priester Sex hat, geht den Staat nichts an. Auch die Öffentlichkeit hat kein Recht darauf, in Bezug auf das Sexualleben eines Priesters immer auf dem neuesten Stand zu sein. Hat ein Priester Sex und kommt es heraus, so handelt es sich lediglich innerkirchlich um ein Vergehen, deshalb wird innerkirchlich ermittelt, und um das Ansehen des Priesters zu wahren, der vielleicht zu Unrecht beschuldigt wurde, wird Schweigen vereinbart. Ist der Priester schuldig, kann er versetzt werden und zwar dahin, wo die Frau, in die er sich vielleicht verliebte, nicht ist, um ihn keiner weiteren Versuchung auszusetzen.

Ich wage einmal eine These: Ich glaube, damals hat keiner daran gedacht, daß diese Anweisung auch auf Priester angewendet wird, die Kinder mißbraucht haben. Ich denke sogar, daß damals Kindesmißbrauch außerhalb des Denkens der Mehrheit der Menschen lag. Es wäre einmal interessant herauszufinden, wie viele Fälle von Kindesmißbrauch damals durch die Presse gingen und wie viele es heute sind. Ich sage nicht, es hätte damals keinen Kindesmißbrauch gegeben, ich sage lediglich: Ein Großteil der Menschen hat sich das nicht vorstellen können. Was, wenn trotz Zölibat und unterdrückter Sexualität etc auch der damalige Papst nicht von allein darauf gekommen wäre. Dann hätten wir ein Dokument, das ganz gut passt für den Fall eines Vergehens nach dem Kirchengesetz, aber gar nicht passt wenn dies nun auf Mißbrauchsfälle angewendet wird. Und so ein Dokument scheint das Fragliche zu sein.

Zu wünschen wäre, daß von kirchlicher Seite noch einmal eine Verdeutlichung käme, daß bei Mißbrauch eben die Polizei eingeschaltet werden soll und die Verordnung nur auf Fälle bei denen kein Mißbrauch (ob von Kindern oder Frauen) angezeigt wird angewandt wird. Nach den Vorwürfen der Presse, der ich in diesem Themengebiet zunehmend skeptisch gegenüber stehe, kam ja genau das vor: Das Vertuschen von Mißbrauch unter dem Vorwand der fraglichen Verordnung.

Uncategorized

Lk 15, 1-7:

1 Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören.

2 Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und ißt mit ihnen.

3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:

4 Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste läßt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?

5 Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude.

6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.

7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

Buße anzunehmen ist ein schwieriges Thema. Jetzt weniger bei Gott als in der Gesellschaft. Kann man jemandem trauen, der behauptet, sich geändert zu haben? Soll man sich auf ihn verlassen? Will er vielleicht das Vertrauen erschleichen, um dann noch größeren Schaden anzurichten?

Nachdem mit Bodo Thiesen und dem Interview von Andi Popp in der Jungen Freiheit die Piratenpartei in das rechte Spektrm gerückt wurde, geht die Hexenjagd weiter:

In Niedersachsen gibt es ein Piratenmitglied, das bis vor 5 Jahren noch aktiv in rechtsextremen Kreisen war. Grund genug für einen weiteren Artikel, der vor einem Rechtsruck bei den Piraten warnt, wenn nicht gar einen solchen unterstellt.

Gewisse Kreise haben scheinbar ein Interesse daran, die Piraten, die andere Ziele als sie verfolgen, ebendiese durch die Nazikeule mundtot zu machen. Dabei offenbart sich für mich nicht, daß die Piraten rechtsextrem wären, sondern eben der Extremismus der Kritiker.

Ein Stück weit kenne ich das. Nach dem Abi stand für mich damals die Frage auf der Tagesordnung: Bund oder Zivi. Ich hatte mich mit dem Konzept der Bundeswehr und ach des GG etwas vertraut gemacht. Grundidee ist der Bürger in Uniform. Dadurch, daß die Bundeswehr einen Querschnitt durch die Gesellschaft darstellt, sollen extreme Kreise dort nicht zu viel Macht erhalten. Das wäre gefährlich, weil die hätten die Waffen und wüßten, wie man sie benutzt.

Nun sagt ach unser Grundgesetz, daß zum Wehrdienst herangezogen werden kann, wer keine Gewissensgründe vorbringen kann, die ihm den Dienst unmöglich machen.

Ich überlegte also: Ich hatte keine Gewissensbisse bei dem Gedanken, mein Leben oder das meiner Freunde oder Familie dadrch zu retten, daß ich den Angreifer erschieße. Heute denke ich etwas anders darüber, doch damals war mir klar: Gewissensgründe hast Du nicht.

Ende der 90er waren ach Videos aufgetaucht, die dokumentierten, daß es rechte Tendenzen in der Bundeswehr gab. Ich weiß noch, daß ich in der Grndasbildung als Reaktion darauf dazu gedrillt wurde, beim melden immer nur den linken Arm zu heben.

Jedenfalls war für mich klar, wenn die Bundeswehr nicht rechtslastig werden soll, müssen auch links eingestellte Bürger da rein, eben um den Bevölkerungsdurchschnitt so weit wie möglich zu gewährleisten. Also verweigerte ich nicht.

Dies wurde mir dann später äußerst negativ ausgelegt, als ich mit der Freundschaftsgesellschaft Berlin-Kuba für ein halbes Jahr nach Kuba wollte, um das Land kennen zu lernen, mein Spanisch zu verbessern und einfach mal zu sehen, wie das Leben dort so ist. Aus der Sache wurde nichts. Mir wurde zu verstehen gegeben, daß die politischen Ansichten nicht zusammenpassen würden. Dabei hat man mich gar nicht zu meinen Ansichten gefragt, jedenfalls nicht offen. Jedenfalls schien man zu dem Schluß gekommen zu sein, daß jemand, der seinen Wehrdienst geleistet hat zumindest so weit rechts steht, daß er nicht nach Kuba paßt. Heute seh ich das Ganze auch etwas mit anderen Augen, ich war damals noch sehr naiv gegenüber dem linken Rand, inzwischen sehe ich, daß die Linksextremen keinen Deut besser sind als die Nazis. Naja, man muß alles erst lernen.

Doch zum Lernen ist es auch nötig, Fehler machen zu dürfen, denn am Meisten lernt man aus Fehlern. Der Pirat aus Niedersachsen, der im rechtsradikalen Raum wohl ziemlich bekannt war, sagt offen, daß er sich distanziert hat von seinen damaligen Einstellungen. Von linker Seite wird er trotzdem als potentieller Nazi gesehen, mit dem man keinen Kontakt haben darf, weil solche Menschen schlechter Umgang sind.

Da lob ich mir den christlichen Glauben, der die Vergebung lehrt. Sicher, man kann nie sicher sein, daß jemand nicht doch noch rückfällig wird. Aber es gibt auch keine Sicherheit, daß vertraute Bekannte auf einmal sich in eine Richtung entwickeln, die einen nur noch zum Kopfschütteln bringt. Gott eröffnet dem Menschen mit der Buße die Möglichkeit zur Umkehr, eines Neuanfangs, ohne zurücksehen zu müssen. Ähnliches tut die Piratenpartei auf weltlicher Ebene mit der Unschuldsvermutung.

Die etablierten Kräfte in der Gesellschaft scheinen jedoch von der Angst gelähmt, ja nicht dem Falschen zu vertrauen, so daß sie gar nicht die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß sich ein Mensch ändern kann. Damit spalten sie die Gesellschaft und damit wird ein Zusammenleben auf lange Sicht hin immer schwerer. Das bezieht sich nicht nur auf ehemalige Nazis, sondern auf alle extremen Einstellungen. Die Gesellschaft läßt oft eine Rückkehr nicht zu, und fragmentiert sich somit. Die Piratenpartei scheint, neben der Kirche, die das Prinzip der Vergebung aber nicht so stark macht wie sie eigentlich könnte, begriffen zu haben wie man Menschen einen Neuanfang bietet. Hoffentlich bleibt es so und sie paßt sich nicht so schnell dem gesellschaftlichen Druck der Angst an. Das würde vielen Menschen die Rückkehr in die Mitte der Gesellschaft ermöglichen.