Theologie

Exit-Strategie

Francesco Furini – La Fe [Public Domain]
Verletzlich, schön – und zum Teil im Dunkel verborgen: Der Glaube

Thomas Jakob hat bereits im März einen Artikel geschrieben über den Plan B. Er plädiert darin für eine Pflicht, sich darüber Gedanken zu machen, was wäre, wenn man Unrecht hätte mit der Annahme, daß Gott existiere – oder eben nicht.

Ich mußte unwillkürlich an Pascal denken und seinen „Gottesbeweis“, der eigentlich eine Risiko-Rechnung ist:

Angenommen, Gott existiert nicht und ich glaube an ihn. Dann habe ich mein Leben lang etwas Falsches geglaubt, aber keine negativen Folgen zu fürchten.

Umgekehrt, wenn Gott existiert, ich aber nicht an ihn geglaubt habe, komme ich in die Hölle. Habe ich geglaubt, komme ich dagegen in den Himmel.

Habe ich nicht an Gott geglaubt und es gibt auch keinen, passiert mir nach dem Tod auch nichts anderes, als wenn ich geglaubt habe.

Ergo: Falls Gott nicht existiert ist es egal, ob ich glaube oder nicht, falls Gott jedoch existiert ist es besser zu glauben als nicht zu glauben. So schließt Pascal,daß es auf jeden Fall besser ist zu glauben, als nicht zu glauben.

Ich hoffe, das jetzt richtig aus der Erinnerung wiederzugeben, aber so in etwa war der Gedankengang. Pascal hat keine Exit-Strategie, keinen Plan B. Er sieht auch nicht auf etwaige aus dem Glauben folgende Beschwernisse(oder in seiner Zeit eher aus dem Nichtglauben folgend)  im Leben, er macht ne Risikorechnung auf und tut so, als könne er selbst entscheiden, ob er glaubt oder nicht.

Meiner Meinung nach ist das ein Knackpunkt in der ganzen Frage: Kann ich überhaupt entscheiden, ob ich glaube oder nicht? Der weitgehende Konsens, den Thomas erwähnt, daß es keinen Gottesbeweis gibt und ihn nicht geben kann, hängt für mich mit dieser Frage zusammen.

Geht man davon aus, daß der Mensch sich so weit selbst bestimmt, daß er auch souverän über den eigenen Glauben bestimmen  kann, spielen Argumente für oder gegen die Existenz Gottes und für oder gegen diekorrekte Artan diesen Gott zu glauben eine Rolle. Ich erinnere mich daran, in meiner Jugend auch so gedacht zu haben – ich kann mich nicht erinnern, wann sich das änderte, ob eher in der Jugendzeit oder eher in den letzten Jahren.

Damals rechtfertigte ich meinen Glauben vor mir, indem ich mich innerlich aufs Ethische zurückzog: Selbst wenn es Gott nicht geben sollte und Jesus nie gelebt hätte, die Bergpredigt, die Feindesliebe, all das waren doch Dinge, die unabhängig davon Gültigkeit hatten, die ich unabhängig von Gott als gut anerkennen konnte.

Damals merkte ich noch nicht, wie ich damit Gott eigentlich damit entthronte: Wenn es nur von meinem Gusto abhängt, ob etwas gut oder schlecht ist, wozu braucht man dann noch Gott? Höchstens als Stichwortgeber.

Freilich werden wir das Problem nie ganz los, da es letztendlich doch darauf ankommt, was wir denken, was wir entscheiden – oder zu entscheiden meinen.

Inzwischen habe ich keinen derartigen Plan B mehr, aber ich würde inzwischen auch sagen, daß es korrekter wäre zu sagen: „Ich glaube an Gott“ als „Ich glaube, daß Gott existiert / ich halte die Existenz Gottes für wahr“.

So versuche ich, die Beweislast loszuwerden, die Thomas mir aufladen will. Natürlich, ihm geht es um intellektuelle Redlichkeit, um die Frage, inwieweit das, was ich so an Glaubensaussagen zu Gott vorbringe, für andere, Außenstehende, annehmbar und nachvollziehbar ist. Mir geht es um diese Frage nicht. Inzwischen bin ich davon überzeugt, daß der Glaube an Gott (nicht das Fürwahrhalten der Existenz einer oder mehrerer Gottheiten) vollkommen außerhalb dessen liegt, was ein Mensch (bewußt?) bewirken kann. Kein menschliches, intelligibles Argument kann von der Existenz Gottes überzeugen. Und der Glaube fragt nicht nach Argumenten. Man kann ihn höchstens auf Schlüssigkeit prüfen – aus der Innenansicht. Von außen kann er nur irrational wirken, weil er ja gerade der Ratio nicht ohne weiteres zugänglich ist.

Das Risiko allerdings, das damit zusammenhängt, ist mir bewußt. Und anders als Pascal sehe ich durchaus, daß der Glaube Konsequenzen im Leben hier und jetzt hat. Am stärksten sieht man das an den verfolgten Christen oder an den Konvertiten unter den Flüchtlingen, für die die Frage nach dem Glauben existenzbedrohende Ausmaße annimmt. Inwieweit mein Leben sich konkret ändern würde kann ich nicht sagen, aber es würde sich ändern, es wäre anders, auf die ein oder andere Art.

Mein Glaube läßt sich nicht objektiv falsifizieren oder verifizieren, höchstens subjektiv von mir selbst (was dann aber wieder keine echte Verifikation oder Falsifikation wäre,nciht wahr?). Aus diesem Dilemma kommt man IMHO nicht heraus. Wer das doch behauptet und meint, Gründe für die Existenz Gottes anführen zu können, wie elaboriert sie auch sein mögen, läuft IMHO erstens Gefahr, diese Art des Glaubens zu verlieren, wenn die Gründe wiederlegt werden, und zweitens denke ch, daß das eine gänzlich andere Art des Glaubens ist als meine – und ich bin mir unsicher, inwieweit da ein Zusammenkommen möglich ist. Da ist die Nähe wohl eher zum Atheismus gegeben als zu meinem Glauben, aber das nebenbei.

So halte ich also stur am Glauben fest, ohne ihn zu begründen, weil ich es nicht kann. Ich habe ihn nicht verursacht, also kann ich ihn nicht begründen. Von daher bin ich auch nicht eigentlich stur.

Ich bin mir bewußt, daß ich ein Risiko trage, und um es deutlich zu sagen: So gerne ich wollte, ich kann dieses Risiko nicht von anderen fernhalten. Aus meinem Glauben resultieren bestimmte Vorstellungen von richtig und falsch. Diese kann ich versuchen, mit anderen Menschen in Einklang zu bringen, durch den Versuch, deren Position zu verstehen und ähnlich zu argumentieren. Küng spricht ja von einem Weltethos, der allen Menschen eigen wäre (oder hab ich das falsch verstanden). Auf so einer Basis geht das Miteinander, und diese Basis ist im realen Leben durchaus sehr breit – jedenfalls erlebe ich das so.

Allerdings, und hier liegt der Knackpunkt, gibt es sicher Punkte – ohne diese hier und jetzt genau benennen zu können – an denen ich nicht über eine gewisse Linie gehen kann. Und dann handle ich nicht dem allgemeinen Konsens entsprechend, weil ich es aufgrund meines Glaubens nicht kann. Das hört sich jetzt sehr fundamentalistisch an und das ist es wohl auch. Ein krasses Beispiel aus Ermangelung eines Lebensnäheren:

Wenn jemand im Begriff steht, sein Kind zu töten, werde ich in den meisten Fällen versuchen einzugreifen.

Jetzt mag man versucht sein zu sagen: Das würde doch jeder tun, aber mir geht es darum, daß ich es eben nicht begründen kann auf einer objektiven Grundlage, die auch der Täter nachvollziehen würde. Denn für ihn ist es klar, daß es einen guten Grund gibt, das Kind zu töten, sonst würde er es nicht tun. Er steht eben nur weit außerhalb meines Gut-Schlecht-Empfindens, das letztlich in meinem Glauben begründet ist. Soweit, daß es hier eben keine gemeinsame Basis mehr geben kann. Und dann trägt er womöglich das Risiko dafür, daß ich es wegen meines Glaubens für falsch halte, Kinder zu töten.

Wie fundamentalistisch das ist sieht man gleich, wenn man statt „Kind“ „Embryo“ einsetzt, nicht wahr?

Jetzt kommt der Punkt, an dem sonst die Beweislast umgedreht wird: Ich behaupte, daß es so allen Menschen geht. Jeder hat seinen eigenen wie auch immer gearteten Wertekanon, und meistens ist er mit den meisten Menschen seiner Umwelt im Konsens. Aber manchmal kracht es eben, und dieser Konsens, diese gemeinsame Basis ist nicht mehr da, und dann trägt immer der andere das Risiko für die Überzeugung des einen.

Damit habe ich noch keine Aussagen zum Inhalt meines Glaubens getätigt, sondern lediglich die Grundlagen etwas beleuchtet: Er kommt von außerhalb und ich bin gewisser Maßen ausgeliefert. Nicht gegen meinen Willen, aber auch nicht so, daß ich am Glauben etwas ändern könnte. Ich kann höchstens versuchen, das Ausleben des Glaubens zu unterdrücken, die Konsequenzen im Handeln daraus nicht zu ziehen. Das ist dann keineExit-Strategie, käme dem aber wohl am Nächsten. Wahrschienlich wäre ich dann ein Heuchler. Aber womöglich ist das manchmal sogar besser – fragt sich nur nach wessen Kriterien.

Glaube, Religion, Theologie

Die Religion und die Werte

In diesem Artikel zitiere ich MartinLuther King Jr. Ich fand, seine Beschreibung von Wissenschaft und Religion hat was, weil er auf den Punkt bringt, was beide wollen, wo ihre Stärken liegen und wieso beide wunderbar miteinander vereinbar sind.

Beim nochmaligen Durchlesenist mir jedoch ein Satz ins Auge gesprungen, der mir so nicht recht gefällt:

Science deals mainly with facts; religion deals mainly with values.

Wissenschaft geht vor allem mit Fakten um; Religion geht vor allem mit Werten um.

Ich bin da etwas skeptisch. Geht Religion nicht mit viel mehr um? King schreibt vorher, Religion würde interpretieren. Sie geht also nicht nur mit Werten um, sie kreiert die Werte und Maßstäbe, die sie anlegt selbst. Ich würde so ad hoc sagen, als Quelle dienen ihr dabei das Wissen (für das heute vor allem die Wissenschaft zuständig ist) sowie die Offenbarung. Die Offenbarung allerdings ist nicht Sache der Wissenschaft, sondern des Glaubens, der Religion, der Theologie. Sie ist unverfügbare und damit unreproduzierbare und deshalb nicht mit wissenschaftlichen Methoden untersuchbare Erfahrung.

Und um die geht es in der Religion eben auch, das ist weniger ein Wert, als daß es mit Realität zu tun hat.

Und hier, so fürchte ich, liegt das eigentliche Problem zwischen Religion und Wissenschaft. Interpretationen liefern auch Philosophien, auch davon gibt es mehrere, und sie passen ebensowie Religion wunderbar mit der Wissenschaft zusammen.

Aber Religion hat auch ein gewisses Verständnis von Wirklichkeit, von Realität, das sich nicht zu 100% (natur-)wissenschaftlich erfassen läßt. Dazu gehört etwa dieAuferstehung, die Existenz Gottes, das ewige Leben. Für die (in dem Fall christliche) Religion ist das alles Teil der Wirklichkeit und bestimmt auch dasmaterielle Leben der Christen hier und jetzt. Für die Naturwissenschaft ist das nciht greifbar, außerhalbdes eigenen Beschreibungs- und wahrscheinlich bei Vielen auch Vorstellungsraums. Wer davon ausgeht, daß die Naturwissenschaft, die ja materialistisch arbeitet, weil nur Materie verfügbar ist, theoretisch in der Lage ist, die Welt komplett zu beschreiben, der wird in Religion nur Hirngespinste sehen können, selbst wenn er den Hirngespinsten in der für ihn realen (=materiellen) Welt positive Wirkungen bescheinigen sollte.

Wer sich vorstellen kann, daß die Naturwissenschaft nur einen Teilbereich der Wirklichkeit, der Realität beschreiben kann (den aber verdammt gut) und daß es andere Teilbereiche gibt, wie etwa die der Werte, aber auch die der Offenbarung, dann paßt das alles wunderbar zusammen.

Zu guter Letzt: Es gibt ja auch Philosophien, die Aussagen über die Wirklichkeit trafen. Aristoteles hatte sich zu allem möglichen Gedanken gemacht und sein Weltbild hat die europäischen Wissenschaften anfangs (als sie noch nicht kritisch waren) über Jahrhunderte geprägt. Später, als sie aufgrund neuerer Forschungen nicht mehr haltbar waren, wurde umgedeutet, kamen neue Philosophien auf. So ist das ja auch in der Religion. Auch sie ist flexibel und war es immer. König David kannte keine Trinität, Jesus kannte keine Katechismen und für Paulus war Sklaverei etwas Normales. So wie in der Wissenschaftgibtes auch in der Religion neue Erkenntnisse, neue Ideen, die auf Altem aufbauen und es so deuten, daß es verständlich bleibt.

Durch die – nennen wir es mal „erweiterte Wirklichkeit“ – der Religion im Gegensatz zur Naturwissenschaft ergibt sich natürlich auch eine andere Wertung. Es gibt ja durchaus auch materielle Philosophen, die dann eben ganz andere Werte haben als die Religion sie lehrt. Vielleicht könnte man King variieren, indem man sagte:

Wissenschaft geht mit Fakten um, Religion geht mit der Wirklichkeit um.

Die Werte scheinen mir ein weiterer Block neben der erweiterten Wirklichkeit zu sein. Ob sie abgeleitet sind von der erweiterten Wirklichkeit, oder ob sie unabgeleitet sind,ist mir noch nicht klar. Wenn mir das klar wird,kommt vielleicht ein weiterer Blogpost…

Anthropologie

Wie lautet die Alternative?

Sowas in der Art findet man ja öfter im Netz. Und ich will jetzt einmal ganz einfach die Atheisten unter Euch fragen: Wie lauten denn Eure ganz persönlichen Alternativen? Was tut Ihr in den Fällen, wo Christen beten? Also bei Tsunamis, Hungersnöten und Kernschmelzen? Mich interessiert jetzt nicht, was der Papst müsste, was die Regierung könnte oder dergleichen, sondern wie Ihr auf schreckliche Nachrichten reagiert. Und bei den Christen würde mich interessieren, wieso sie in solchen Situationen beten, auf dass wir alle den Anderen ein Stückchen besser verstehen lernen.

Treibgut aus dem Netz

Netzfunde Mittwoch, 26. September 2012

Bei takeover.beta schreibt Zweisamkeit über sexuelle Manipulation in der Beziehung. Tenor des (im bekannt schwer leslichen Genderdeutsch verfassten) Artikels ist, daß ein Partner (hier geht es wohl vor allem um Männer), der ein Nein nicht akzeptiert, sondern Umstimmungen versucht, auch sonst nicht auf die Wünsche des anderen Partners hört, und auch dort ebenso veruschen wird, zu manipulieren. Den Lösungsvorschlag, der Fragliche sollte es sich statt dessen einfach selbst besorgen, halte ich jedoch für keinen. Was muß der unwillige Partner (also gedacht im Artikel wohl die Frau) denken und fühlen, wenn der Mann, nachdem er abgewiesen wurde, sich einen runterholt. Es dürfte wohl in die Richtung gehen, daß man sich als Objekt vorkommt, das, wenn es nicht wie gewünscht funktioniert, auch ersetzt werden kann. Denkt man etwas weiter, dann könnte man in der gleichen Logik vorschlagen, der Mann könnte ja statt dessen auch ins Puff gehen, hauptsache er manipuliert die Frau nicht. Ich glaube, das funktioniet so nicht. Es reicht nicht, die Manipulation zu lassen. Wenn die Partnerin nein sagt, ist die Zeit der Enthaltsamkeit (es soll ja Menschen geben, die das ein ganzes Leben lang durchhalten). Denn eine Manipulation an den eigenen Genitalien entweder selbst, oder durch willigere andere Objekte kommt einer Manipulation durchaus gleich. Hier finde ich auch Paulus sehr erhellend, der schreibt, daß der eigene Körper eigentlich dem jeweiligen Partner gehört (1.Kor 7,4). Demnach hat man in der Partnerschaft also gar kein Recht mehr daran. Macht auch nichts, wenn die Partner einander lieben. Dann tun sie dem anderen Körper auch nichts an, sondern halten sich an des Partners Wünsche (inklusive eines Nein). Ist dies nicht der Fall, sollte man vielleicht die Partnerschaft überdenken. Inwieweit das jetzt zu „modernen“ Partnerschaftsverständnissen à la Lebensabschnittsgefährte paßt, steht auf einem anderen Blatt. Ich finde die Ehe als Konzept (unabhängig vom Trauschein, mir geht um um das, was man lebt) eh überzeugender.

Um Liebe und Partnerschaft geht es auch in Christian Hoppes Artikel zum Film „Liebe“. Es geht um ein altes Ehepaar, um Pflege und schließlich Sterbhilfe, bzw ist das nicht so klar. Der Artikel geht auf die Deutung, die wohl dem Marketing zu Grunde liegt ein und schlägt eine andere Deutung vor, die nicht von einem „Triumph der Humanität“, sondern von einem Scheitern der Liebe ausgeht. Ohne selbst den Film gesehen zu haben scheint mir Christians eigene Deutung durchaus berechtigt zu sein.

Über die Auswüchse der modernen Gesellschaft hat der Herr Alipius etwas, der sich am Ende fragt, wofür Ludwig XVI sterben mußte. Sicherlich eine provokante Frage aber angesichts des Dargestellten womöglich nicht ganz verkehrt. Vielleicht sollte man auch hier mal ganz konkret mit dem Verantwortungsbegriff durchbuchstabieren, was wir gut finden und was nicht. Aber Verantwortung ist heutzutage eh nicht mehr so in Mode. Mein Reilehrer lehrte mich noch, daß die Freiheit der Verantwortung entsprechen müsse. Gebe es eine Diskrepanz, so entspreche die Differenz zwischen beiden der Größe der Sünde. Sünde ist demnach, wenn man sich Freiheiten rausnimmt, ohne die Verantwortung zu übernehmen. Ob das nun noch auf den Wiener Klub anzuwenden ist, wäre vielleicht auch mal ne interessante Frage, die ich hier aber nicht beantworte (falls jemand nen Ansatz hat, es gibt ja die Kommentarfunktion).

Eric Djebe hat die Frage gestellt, ob das Christentum eine Chance hätte, wenn es heute bei Null anfangen würde. Er hat Zweifel, sucht aber auch nach den Gründen für den damaligen Erfolg.

Peter schreibt über die Soteriologie von Narnia und sieht dainter das Christus-Victor-Motiv. Daß ich selbst dieses Motiv mag und viel für meinen eigenen Glauben daraus ziehe, könnte dem regelmäßigen Blogleser schon aufgefallen sein. Interessant finde ich Peters Kritik daran, daß Lewis Alsan nicht trinitarisch angelegt hat. In der Tat kommt er damit dann in die Schwierigkeit, auf eine uralte Magie verweisen zu müssen. Allerdings finde ich das für Kinder noch etwas nachvollziehbarer, als noch eine ausgewachsene Trinitätslehre im Buch unterzubringen. Das ist ja das schöne bei Kindern: Sie können gut vertrauen, ohne ganz zu verstehen. Ich denke, deshalb sollen wir auch wie die Kinder glauben, wie Jesus sagt. Ich gehe stark davon aus, daß die alte Magie den Kindern vollkommen als Erklärung reicht. Die ausgewachsene Trinitätslehre kann man nachreichen, wenn die Kinder durchs Erwachsenwerden das Vertrauen langsam schwerer fällt, es ist ja nicht so, daß es keine Trinitätslehre gäbe.

Der Morgenländer schreibt von Elefanten in Räumen und V-Männern (also vom Staat bezahlten Menschen, aber eigentlich ist es nur einer), dem vorgeworfen wird, die Logistik dr NSU gestellt zu haben, inklusive Besorgung der Waffen. Jetzt frage ich mich, wieso die Geheimdienste nichts davon wußten, wenn der eigene V-Mann womöglich involviert war, und das an entscheidender Stelle. Wenn V-Leute nicht so funktionieren wie sie sollen, daß sie also eben keine Informationen liefern, jedenfalls nicht diejenigen, die wichtig sind, stellt man sich die Frage nach dieser Einrichtung überhaupt.

Alternativ könnte man überlegen, ob der V-Mann doch berichtet hat und die Geheimnisse doch über den NSU Bescheid wußten. Wie man es dreht, schön ist es nicht.

Bei Kirche 2.0 gibts ne pdf mit 20 Tipps für Facebook Beiträge von Kirchengemeinden.

Bei Sojourners gibts nen Artikel zu atheistischem Schmuck, also für all die Leute, die sich weder Kreuz noch Davidstern um den Hals hängen wollen.

Mandy weist auf ein Online-Bibelkundeseminar hin. Das Ganze wird von ERF und Bibelseminar Bonn veranstaltet und beginnt im Oktober. Ich hab ja meine Bibelkunde schon, und inwieweit solche Bibelschul-Kurse von Universitäten und Kirchen anerkannt werden, steht in den Sternen. Das muß jedoch nicht bedeuten, daß sie qualitativ schlecht wären. Wer Interesse, Zeit und das nötige Kleingeld hat, kann unter Umständen durchaus mit Gewinn an so einem Seminar teilnehmen, auch wenn er sich nicht zum evangelikalen Christentum rechnet (oder vielleicht gar kein Christ ist).

Und zum Schluß hab ich noch nen Artikel von Charles Halton über das Jesus und seine Frau Papyrus aus Harvard. Recht hatter.

Uncategorized

Der Papst, das Naturrecht und die Bundestagsrede

Bevor es nun zu lange her ist, möchte ich auch noch ein paar Worte zur Papstrede im Bundestag loswerden.

Das Selbstverständnis

Zuerst fällt ins Auge, wie der Papst die Motivation zu seinem Thema beschreibt:

Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.

Es wurde im Vorfeld ja viel darüber gestritten, ob hier nun ein Religionsführer den Bundestag als Bühne für die Zwangsmissionierung unserer Volksvertreter mißbraucht, oder ob er als Staatsoberhaupt des Vatikan spricht. Die Antwort ist so klar nicht. Er bezieht sich auf seine Rolle als Bischof von Rom und Inhaber der obersten Verantwortung für die katholische Christenheit. Aber für ihn folgt aus dieser Verantwortung für rund 1,2 Milliarden Menschen auch die Rolle, die er international als Völkerrechtssubjekt spielt, was nochmal eine Mitverantwortung für die gesamte Welt bedeutet. Aus dieser Mitverantwortung heraus hält er die Rede. Sie soll demnach Denkanstoß – wohl nicht mehr, aber immerhin das – für die Zuhörer sein. Thema seiner Rede ist die Grundlage des freiheitlichen Rechtsstaates. Damit ist das politische Fundament unseres Zusammenlebens genannt. In der freien, westlichen Welt (und zunehmend andernorts) wird der freiheitliche Rechtsstaat mehrheitlich als die Staatsform anerkannt, die dem Menschen die größte Selbstentfaltung und Freiheit ermöglicht.

Durch seine Überlegungen zum freiheitlichen Rechtsstaat würdigt der Papst diese Staatsform und leistet einen Beitrag zu ihrem Verständnis. Bei jedem anderen Staatsoberhaupt wäre eine Rede über die Grundlagen des Rechtsstaates grundsätzlich positiv aufgenommen worden, da das Thema immer relevant ist und alle angeht, auch wenn man den einzelnen Punkten widerspricht.

Jedenfalls bin ich froh darum, daß er sich zu diesem abstrakten, doch grundlegendem Tema entschlossen hat und nicht Tagesthemen wie Zölibat, Frauenweihe und Mißbrauch thematisiert hat. Diese Themen sind in der Tat wichtig, doch gehören sie an andere Orte: Zölibat und Weihe von Frauen sind kirchliche Angelegenheiten, die nicht in den staatlichen Kontext gehören. Der Mißbrauch ist zwar kein innerkirchliches Thema, das gehört durchaus in die Öffentlichkeit, aber hier ist alles gesagt, nötig sind Gespräche des Papstes mit den Opfern, nicht über sie.

Die große Frage

Die Frage, die im Zentrum des Rechtsstaates steht, findet der Papst in der Vorgeschichte der salomonischen Weisheit schon als Problem erkannt vor: Salomo wurde als junger Kerl König von Israel und Juda. In dieser Situation stellt Gott ihm einen Wunsch frei und er wünscht sich: Ein hörendes Herz. Er will, daß sein Herz auf Gott hört und er so Gut von Böse unterscheiden kann und damit sein Volk gut regiert.

Läßt man mal den Bezug auf Gott beiseite, Ratzinger übergeht ihn ganz, dann bleibt das gleiche Problem übrig, das auch heute Politiker noch haben und immer haben werden:

Wie unterscheide ich Gutes von Bösen? Welche Kriterien lege ich an, wenn ich einen Gesetzesentwurf bewerten soll? Woher bekomme ich die Gewißheit, daß das, was ich tue auch Rechtens ist?

Der Papst betont dabei, daß es sich hierbei nicht um ein Philosophieren im Elenbeinturm handelt, sondern ganz schnell ganz konkret werden kann, denn Recht ist nicht Recht, weil ein Staat es als solches definiert. Sonst könnte man weder die Nazis verurteilen, noch alle anderen, die sich heute nicht an die Menschenrechte halten.

Es gab einmal eine Antwort

Die Antwort auf die Frage, so die Quintessenz des nächsten Redenteils, schien bis in die Nachkriegszeit geklärt zu sein. Bemerkenswert finde ich das „schien“, das womöglich bedeutet, daß der Papst frühere Deutungsmuster als unzureichend oder gar falsch verstanden haben will. Doch worum geht es?

Ihm geht es um Natur und Vernunft als Rechtsquellen. Das Christentum habe selbst keine offenbarte Rechtsordnung vertreten sondern habe sich auf die Seite der Philosophen gestellt, die sich schon vorher auf Natur un Vernunft beriefen.

Er bringt wiederum einen Bibelvers zur Veranschaulichung: Die Heiden, so Paulus, halten das Gesetz, ohne es zu kennen, da es ihnen ins Herz geschrieben ist. Weil es Teil seiner Natur ist, hört der Heide auf sein Gewissen, und erfüllt so das Gesetz Gottes.

Die Vernunft ist hier gleichbedeutend mit dem hörenden Herzen und dem Gewissen. Doch spricht der Papst hier genauer von einer Vernunft, die der Sprache des Seins geöffnet ist.

Diese Rechtsquellen, die der Papst als die vom Christentum gegen „den Götterglauben“ verteidigten Rechtsquellen verstanden haben will, sind es nun auch, die durch die Aufklärug und bis zur Deklaration der Menschenrechte anerkannt waren und getragen hätten.

Hier kann man sicherlich hinterfragen, ob dies historisch so alles zutreffend ist. Diese Frage finde ich jedoch nicht besonders spannend. Viel spannender finde ich den Inhalt dessen, was der Papst sagt:

Vernunft und Natur, also die Größen, auf die sich die meisten ach so aufgeklärten Krakeele-Atheisten berufen, benennt der Papst als die Rechtsquellen zur Unterscheidung von Gut und Böse. Doch schien hier nur die Antwort auf die Frage nach der Unterscheidung von Gut und Böse zu liegen.

Heute ist alles anders.

Heutige Situation

Heute wird davon ausgegangen, daß zwischen Sein und Sollen ein Graben bestehe und von ersterem nicht auf das Zweite geschlossen werden könne. Eine Beschreibung der Welt (Dogmatik) könne demnach also nicht eine Handlungsregel (Ethik) nach sich ziehen. Eric Djebe meint in seinem Kommentar, das sei eine Grundlage der formalen Logik, die auch im Mittelalter bei der Scholastik schon galt, doch sagt der Papst auch, daß unter der Voraussetzung eines positivistischen Verständnisses von der Natur und der Vernunft gar keine andere Aussage möglich sei, als daß es keine Brücke zwischen Sein und Sollen gäbe.

Und was ist diese positivistische Natur und die positivistische Vernunft? Er beschreibt damit den Anteil von Natur und Vernunft, der beschreibend ist, also die Natur als „ein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen“ (hier zitiert er Kelsen) ansieht. Jetzt mag jemand fragen: Gibt es denn noch mehr?

Für den Papst scheinbar schon. Und das erinnert mich etwas an einen griechischen Professor der Systematischen Theoogie, bei dem ich einmal zwei Vorlesungen hören konnte. Dieser sagte bei einer Gelegenheit, daß die Ursache für das Aufkommen des Atheismus darin liege, daß die Westkirche alles, auch den Bereich Gottes, rationalisieren wollte und als erklärbar darstellen, und zwar seit Aufkommen der Scholastik. Vielleicht, so kam mir gerade der Gedanke, ist dr Papst auf einer ähnlichen Denkspur unterwegs.

Wenn also der Papst die Grundlagen der Scholastik in Zweifel zieht, dann möglicherweise nicht, weil er sie nicht kennen würde (er war immerhin Professor für Systematische Theologie), sondern vielleicht, weil er auf etwas ganz anderes hinaus will.

Wie dem auch sei, mit dem Bechränken auf den positivistischen Teil von Natur und Vernunft verunmöglicht man es, zu einer Ethik zu kommen, weil alles nur noch beschrieben wird, ohne daß man ihm einen Sinn zuweist.

Das bedeutet dann, daß überall, wo die positivistische Vernunft die Alleinherrschaft hat, das Aufstellen einer Ethik nicht mehr möglich ist. Die Frage nach den Grundlagen der Rechtsordnung, nach dem Orientierungspunkt, dem hörenden Herz, ist wieder offen, weil man durch Beschreibung allein keine Handlungsanweisung gewinnt.

Dem schiebt der Papst die Versicherung nach, daß die Errungenschaften der positivistischen Vernunft wichtig und gut sind, auf die nicht verzichtet werden kann. Es geht ihm nicht um Tehnik- und Fortschrittsschelte.

Was er aber sagt, ist, daß die positivistische Vernunft alleine den Menschen kein macht und seine Rechte bedroht. Er führt dies nicht aus, es scheit mir aber evident zu sein, daß er dies damit erklären würde, daß in diesem Fall die Verbindung der existierenden und beschriebenen Welt zur Ethik fehlen würde bzw. neue Ethiken vielleicht per Mehrheitsbeschluß oder sonstwie durchgesetzt werden müßten, weil diejenigen Formen von Natur und Vernunft nicht ausreichen, um damit eine Ethik zu begründen. Sie sind als Rechtsquellen unnütz geworden. Wo das Recht aber nicht mehr gesichert ist, nicht das durch den Staat gesetzte Rech, sondern die Gerechigkeit, die jedes staatliche Gesetz abbilden sollte, kann alles als Recht verkauft werden, ohne daß ein Einspruch prinzipiell möglich ist. Es scheint ir dies der Relativismus zu sein, vor dem der Papst immer wieder gewarnt hat.

Wenn er von radikalen und extremistischen Strömungen spricht, so erinnert mich dies in diesem Zusammenhang an die Gewaltregime, die Recht willkürlich so faßten und fassen, daß es ihren Machtinteressen entspricht: Nazis, Faschisten und Kommunisten wie Stalin, Pol Pot oder Kim Il Sung.

Den Zustand, nur noch die positivistischen Anteile von Natur und Vernunft zu kennen beschreibt der Papst mit der Metapher des Betonbaus ohne Fenster, in der es zwar elektrisches Licht gäbe, aber die Außenwelt, wie sie wirklich ist, nicht erkannt wird (erinnert das noch irgendwen an Platons Höhlengleichnis?). Der Papst fordert nun, daß die Fenster aufgerissen werden müssen, damit man die Welt in ihrer Gesamtheit, also auch die Teile von Natur und Vernunft, die nicht positivistisch sind, erkennen kann.

Wie geht nochmal das Fenster auf?

Wie das geht, über die positivistischen Anteile von Natur und Vernunft hinauszukommen, erklärt der Papst nicht (ist dies am Ende gar unverfügbar für den Menschen und von Gottes Gnade abhängig, oder denke ich hier zu evangelisch?). Er beschreibt es, mit einem Bild. Und zwar mit der ökologischen Bewegung. Die jungen Menschen damals hätten erkannt, daß man Erde und Lebewesen nicht nur als Material ansehen dürfe, sondern sie eine eigene Würde haben, deren Weisung wir folgen müssen.

Dieses Bild soll jedoch nicht das Öffnen der Fenster beschreiben, sondern lediglich einen Schrei nach frischer Luft. Wie dem auch sei, es scheint dem Papst um etwas zu gehen, da so nicht beschreibbar ist (das wäre positivistisch) aber trotzdem existiert und die Brücke bildet vom Sein (es gibt eine Umwelt) zum Sollen (weil es die Umwelt gibt, müssen wir sie schützen).

Der Schöpfergott

Am Ende kommt der Papst nochmal auf Kelsen zu sprechen. Der hat im Alter den Dualismus zwiscen Sein und Sollen aufgegeben und gesagt, daß Normen einen Willen voraussetzen. Wenn die Natur also Normen enthielte, dann müßten diese durch einen Willen in die Natur gekommen sein.

Dieser Wille wäre dann der Wille des Schöpfergottes. Und schließlich seien die Freiheitsrechte bis hin zu den Menschenrechten historisch aus der Vorstellung eines Schöpfergottes entstanden. Dies zu negieren, so der Papst, wäre das Erbe Europas zu negieren. Stellt man den Schöpfergott in Frage, so fallen damit auch die Grundlagen unserer Rechtsordnung, die wir zu verteidigen haben, nämlich Freiheits- und Menschenrechte. Und dies wohl aus dem Grund, weil damit eben wieder die Brücke abgerissen ist zwischen Sein und Sollen.

Fazit

Es wurde bei evangelisch.de darauf verwiesen, daß das Naturrecht von Protestanten nicht in gleicher Weise wie vom Papst anerkannt werden könne, man zitiert Barth:

Es gibt kein Naturrecht, das, als solches erkennbar, zugleich göttlichen Charakter trüge, göttliche Verbindlichkeit hätte, kein Gesetz und Gebot Gottes, das in des Menschen Geschöpflichkeit als solcher vorläge.

Ein Kommentator des Artikels fragt weiter, ob denn, wenn Gott durch die Vernunft zu erkennen ist, der Ungläubige auch unvernünftig sei und verweist auf Luthers Rede von der „Hure Vernunft“ und Paulus‘ Rede von der „Torheit des Kreuzes“. Nur im aus Gnade geschenkten Glauben ist Gott erkennbar, nicht aus der Natur und der Vernunft.

Mir scheint, hier werden mit der Hure, der Torheit und der Nichterkenntnis Gottes aus der Vernunft eine Art der Vernunft angenommen, die eher der positivistischen Vernunft entspricht als dem, was der Papst anzudeuten versucht. Ich schrieb oben schon, daß der Papst von etwas Unverfügbarem zu reden scheint. Hier würde Gottes Gnade gut reinpassen. Das würde für den Ungläubigen dann bedeuten: Ja, im Sinne einer umfassenden Vernunft ist er unvernünftig, was aber gleichbedeutend ist mit: Er hat die Gnade des Glaubens nicht erfahren.

Ich kann as Protestant jedenfalls die Ablehnung des Positivismus des Papstes teilen. Und ich kann davon ausgehen, daß es eine umfassende Vernunft gibt, die über den positivistischen Teil hinaus geht. Man wird als Christ ja nicht irrational, wenn es einem wie Schuppen von den Augen fällt. Man erkennt einfach mehr, bleibt aber vernünftig.

Daß die wirkliche, umfassende Vernunft für den Menschen aus eigener Kraft verfügbar wäre, habe ich den Papst nicht reden hören im Bundestag und das würde ich auch ablehnen. Das schließt dann auch den Papst mit ein, der ebenso auf die Gnade Gottes angewiesen ist und nicht unfehlbar Wahrheiten verkünden kann.

Aber daß eine solche Vernunft, eine solche Natur existiert, kann ich mir denken (ich habe hier auch viel dem Gespräch mit Ludwig Trepl zu verdanken, danke nochmals). Unsere Aufgabe ist es aber nicht, sie zu beschreiben (das geht nicht, weil sie ja nicht positivistisch ist, sondern darüber hinaus geht), sondern sie anzunehmen.

Allgemein

Geh doch rüber

Ich kann mich ja aktiv nicht mehr daran erinnern, dazu bin ich zu jung, aber es kursiert das Gerücht, daß früher, als die Mauer noch stand und im Osten Europas der real existierende Sozialismus weder von Ochs noch Esel aufgehalten wurde, im Westen diejenigen Menschen, die auch positive Seiten am Sozialismus zu erkennen glaubten, eben jenen Spruch an die Stirn geknallt kriegten:

Dann geh doch rüber!

Natürlich wurde das auch mal gesagt, wenn es gar nicht um Sozialismus ging, aber es wurde zum Totschlagargument: Was Du sagst ist Sozialismus, Sozialismus kannste drüben haben, drüben geht’s den Leuten schlecht, also kann die ganze Idee nix sein.

Eine durchaus einfache Weise, jemanden abzukanzeln, um sich nicht mit seiner Position auseinandersetzen zu müssen. Auch heute kommt es immer wieder zu Revivals des Spruchs und der Methode etwas z brandmarken, das man eigentlich gar nicht kennt. Zum Beispiel im Artikel von Philipp Möller vom 25.4. bei The European.

Der Artikel mit dem Titel „Dummdreistes theologisches Drohszenario“ endet nämlich genauso, wie dargestellt:

Wer sich aber mehr „Gott“ in der Regierung wünscht, dem sei ein Umzug empfohlen – zum Beispiel in den Iran.

Es geht um das ewige Thema der sog. Neuen Atheisten: Kirche und Glaube böse, alle anderen gut, und wer nicht überzeugt ist muß sich nur im Iran umsehen oder sich daran erinnern, was im 11. September 2001 so in New York los war. Achja, Kreuzzüge, Hexenverbrennung und dergleichen mehr, alles nr wegen der Religion.

Diesmaliger Aufhänger für den provokativ gestalteten Text ist das angebliche Drohszenario, das die Kirchen aufbauen würden, daß nämlich ohne Gott alles erlaubt sei. Dabei unterstellt er, wie es fast schon Tradition ist, daß kirchliche Menschen meinten, nur mit Angst vor der Hölle moralisch handeln zu können (wobei er ihnen ja genau das weiter oben abspricht, weil das afrikanische Christentum Kinder als Hexen verfolgen würde und allgemein die Religion ja Frauen unterdrückt etc, die üblichen undifferenzierten und unbelegten Vorwürfe).

Aber zurück zum Thema: Man sieht daß sie Herr Möller wenn, dann nur sehr oberflächlich mit dem Glauben, zumindest dem christlichen, befasst hat. Sonst würde er wissen, daß der Grund für die guten Werke nicht die Angst ist vor der Hölle, sondern eben genau der Umstand, daß man vor der Hölle eben keine Angst mehr haben muß, weil man durch Christus vor Gott gerechtfertigt ist. Die gte Tat des Christenmenschen ist also Reaktion auf die gute Tat Gottes an ihm selbst. Herr Möller muß natürlich nicht glauben, daß es diesen Gott wirklich gibt, aber er sollte doch als Einwohner des Landes der Lutherischen Reformation die Grundbegriffe derselben kennen, wenn er sich schon zu der betreffenden Religion äußern will. Inzwischen gibt es da auch einen (weitgehenden?) Konsens mit der römischen Kirche, und der wurde vor ein paar Jahren, also zu Lebzeiten von Herrn Möller geschlossen.

In einer Sache hat Möller Recht: Man kann auch ohne zu glauben Gutes tun, trotzdem scheint es mir sehr optimistisch, wenn er schreibt:

Er (sc. der von Religion freie Mensch) achtet die Selbstbestimmungsrechte seiner Mitmenschen und erkennt den Sinn des Lebens in dem einzigen Leben, das er hat. Er hinterfragt seine Urteile und lässt sich von keiner religiösen oder politischen Ideologie zum blutigen Kampf für „das Gute“ gegen „das Böse“ verleiten.

Sicherlich gibt es Menschen ohne Religion, die all das tun. Aber trifft das auf alle religionslosen Menschen zu? Es gibt sicherlich unreligiöse Menschen, die politischen Ideologien nachlafen und nachliefen, und nter diesen wird man ach welche finden, die ihre Urteile gerade nicht hinterfragen. Religionslosigkeit macht per se nicht zum kritisch denkenden Menschen. Und nicht zum Toleranten. Deshalb bin ich auch bei der Achtung der Selbstbestimmngsrechte skeptisch. Es ist vielleicht nur eine Korrelation, daß es im Osten, wo die Religion schwach ist, Parteien wie NPD und DVU ihre größten Erfolge feiern. Sicherlich, es hat viele Gründe, warum Menschen rechten Ideologien nachlaufen, und Religion hilft da vielleicht gar nicht mal so sehr dagegen, aber ich habe so meine Zweifel, daß alle Nazis religiöse Menschen waren und sind. Wenn aber ach Relgiionslose darunter sind, so stimmt die Rede von der Achtng der Selbstbestimmngsrechte nicht.

Da wir gerade beim Recht sind, sich selbst zu bestimmen: Möller achtet zwar die persönliche Glaubensfreiheit:

Die persönliche Glaubensfreiheit ist „Mensch sei Dank“ durch das Grundgesetz gesichert.

allerdings scheint es auch hier Grenzen zu geben. Denn wenn diese Glaubensfreiheit beinhalten sollte, daß man auch tun können soll, was man für richtig hält, dann hört die Freiheit auf, und mir geht es hier nicht um Gesetzesbrüche aufgrund religiöser Überzeugungen, sondern um Wahlen und Bndestagsabstimmngen:

Der moralische Kompass der Religion, der nur zwischen dem „lieben Gott“ und dem „bösen Teufel“ unterscheiden kann, gehört ins Museum. Nicht in Kitas, Schulen, Universitäten oder Gerichtsgebäude – und schon gar nicht in den Bundestag.

Glaubensfreiheit bedeutet also nicht, daß man seine Kinder nach den eigenen Überzeugungen erziehen darf, etwa indem man sie in eine kirchliche Kita schickt, oder in der Schule für den Religionsunterricht anmeldet (was er mit der Universität meint, versteh ach ich nicht). Und Glaubensfreiheit bedeutet vor allem nicht, das hebt Möller deutlich hervor, daß ein religiöser Bundestagsabgeordneter entsprechend seiner Überzeugung abstimmen darf. Das gesteht Möller wohl nur nichtreligiösen Abgeordneten zu. Die religiösen Abgeordneten würden sich dann wohl der Stimme zu enthalten haben oder gegen ihr Gewissen abstimmen müssen! Das wird weiter unten im Text noch einmal deutlich gemacht, dort fordert er ein System

in dem demokratisch gewählte Volksvertreter im Sinne des Volkes entscheiden – nicht im Sinne ihrer Religion

Interessant fände ich, wie er den Sinn des Volkes ermitteln will, gibt es da irgend ein Zentralkommitee, vielleicht in Form einer Vorhut der KLasse der Religionslosen? Und vor allem, inwieweit der Sinn eines Volkes, das zu 2/3 Mitglied einer der beiden großen Kirchen ist, vom Sinn der Religion des Abgeordneten abweicht, die höchst wahrscheinlich ebenfalls das Christentum ist. Aber freilich, der Text soll provokativ sein, und da kann man auch einmal Forderungen aufstellen, die keinen Sinn ergeben. Neben der Forderung, daß Abgeordnete nach dem (von der gbs festgelegten?) Sinn des Volkes abstimmen sollen statt nach ihrem Gewissen, fordert er noch

Firewall gegen Dogmen, Doppelmoral und Diktaturen

Er benutzt Analogien aus der IT, also nicht wundern, es geht um ein gesellschaftliches System für das 21. Jahrhundert.

Leider bleibt er dann den Entwurf auch schuldig. An sich logisch, denn wie könnte ein System ohne Dogmen auskommen, also ohne feststehende Vorentscheidungen, die nicht relativiert werden? Die Menschenrechte könnten so etwas darstellen, wollte man ein sälulares System formulieren. Das will er aber offenkundig nicht. Alles was er tun will, ist zu polemisieren: Hier die Religionen, die für alles Leid auf der Welt verantwortlich sind (ohne Belege zu nennen, er suggeriert nur) und af der anderen Seite die Möglichkeit, ohne Religion viel besser und in größerer Eintracht zu leben.

Man beachte, daß er auch hier nur suggeriert, daß das möglich wäre, ohne eine tatsächliche Alternative anzubieten. Die müßte sich dann der Kritik stellen und wer weiß, vielleicht ist er sich dessen bewußt, daß er auch kein konkretes System anzubieten hätte, das den einzelnen Religionen überlegen wäre.

Uncategorized

Laizisten in der SPD

Update:  Den SPD Laizisten wurde nun scheinbar von der Parteiführung die Nutzung von „SPD“ in der Domain untersagt, die Forderungen findet man jetzt hier (wobei ich nicht garantieren kann, daß sie nicht was am Wortlaut geändert haben).

 

In der SPD hat sich nun eine Gruppe mit Namen „Laizisten in der SPD“ formiert. Das ist weiter nicht besonders erwähnenswert, es bilden sich täglich alle möglichen Gruppen in der BRD, warum also nicht auch Laizisten in der SPD? Nun haben sie auf ihrer Homepage ihre Forderungen veröffentlicht, und da bin ich, als gläubiger Mensch dann doch interessiert, ob und in wie weit Glaube eingeschränkt werden soll. Auf gut deutsch: Falls sich die Laizisten in der SPD durchsetzen, führt eine Stimme für die SPD dann zu einer Einschränkung meiner Religionsfreiheit? Deshalb möchte ich mich kurz mit den Forderungen auseinandersetzen:

1.      Gesetze und öffentlicher Raum müssen neutral bleiben

Verfassungen, Gesetze und öffentliche Bauten gehören allen Bürgern. Im Grundgesetz der Bundesrepublik und in den Landesverfassungen sowie sämtlichen weiteren Gesetzen haben alle Gottesbezüge zu unterbleiben. Zur Wahrung der weltanschaulichen Neutralität gehören religiöse Symbole nicht in Gerichte, Parlamente, Rathäuser, staatliche Krankenhäuser, Kindestagesstätten und Schulen sowie Behörden. Auch sind öffentliche Gebäude und Einrichtungen bei Neuerrichtung nicht „einzusegnen“. Die Eidesformel ist neutral zu fassen.

Verständlich finde ich die Ablehnung von Gottesbezügen oder Einsegnungen. Bei der Eidesformel komme ich nicht ganz mit, da es eine Form ohne Gottesbezug bereits gibt (oder hab ich die Vereidigung der Regierung Schröder falsch im Kopf, in der nur Scharping die Formel „so wahr mir Gott helfe“ benutzte?).

Ein Problem sehe ich im Begriff der „weltanschaulichen Neutralität“, denn dies suggeriert, daß ein Verzicht auf Symbole neutral wäre. In gewissen Fällen kann dies aber eine Bevorzugung atheistischer Ansichten bedeuten, dazu unten mehr. Im Fall der Symbole allerdings sehe ich es ähnlich: Es gibt keinen Grund für Kreuze im Gericht oder in Schulräumen (außerhalb von Räumen, die allein dem Religionsunterricht dienen oder Kreuze die nur für die Dauer der Religionsstunde hängen).

2.      Neutrales öffentliches Bildungswesen

Der Staat darf weder religiös bestimmte Erziehungsziele vorgeben noch – wie bisher in Art. 7 GG vorgeschrieben– einen Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an den Schulen gewährleisten.

Religiöse Erziehungsziele kann der Staat für den Bereich außerhalb des Religionsunterrichtes – und nur diesen Bereich verantwortet der Staat allein – in der Tat nicht vorgeben. Die Möglichkeit eines Religionsunterrichts ist jedoch allen Religionsgemeinschaften gegeben, soweit sie den Status der K.d.ö.R. haben. Insofern sehe ich wenig Gründe, die aus Neutralitätssicht gegen den Religionsunterricht sprechen. Eine Alternative wäre, die Kriterien für die Ermöglichung eines Religionsunterrichts in einer bestimmten Religion zu überprüfen, so daß möglichst alle Religionsgemeinschaften, die dies wünschen, einen eigenen Unterricht anbieten können.

Statt des bisherigen Bekenntnisunterrichtes sollen alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrer Herkunft und Religionszugehörigkeit einen Unterricht über die ethischen Grundlagen des Zusammenlebens, über die Inhalte der großen Religionen und über die weltanschaulichen Grundlagen unserer Kultur erhalten. Bis zu einer entsprechenden Änderung der Verfassungen und Gesetze muss parallel zum konfessionellen Religions- und weltanschaulichen Unterricht auf allen Schulstufen ein gleichwertiger, neutraler (Religionskunde- und)* Ethikunterricht im Sinne eines Wahlpflichtfaches eingerichtet werden.

Dies widerspräche dem Neutralitätsgedanken eklatant. Denn ein vom Staat alleine verantworteter „neutraler“ Unterricht wäre nicht neutral, sondern staatsgelenkt. Der Staat aber hat keinerlei Kompetenz oder Berufung, sich im Gebiet der Religion zu betätigen. Eine Gleichschaltung des Religionsunterrichts durch eine vom Staat festgeschriebene Ethik sehe ich als Gefahr für die Freiheit, gerade in Zeiten, in denen Regierungen dazu tendieren, Gesetze zu schaffen die gegen das Grundgesetz stehen und somit immer wieder versucht wird, Freiheiten zu beschränken oder abzuschaffen. Auf dem Bereich des Gewissens, und darum handelt es sich beim Thema Religion zweifellos, kann es nicht angehen, daß der Staat alleine Vorgaben macht und ein Monopol einrichtet in der Frage, was ethisch als gut oder schlecht zu bewerten sei.

Religiöse Erziehungsziele für öffentliche Bildungseinrichtungen und Schulen sind in den Landesgesetzen zu streichen. Schulgebete, Schulgottesdienste und dergleichen in öffentlichen Schulen haben zu unterbleiben.

Damit hätte ich kein Problem, soweit mit Schulgebet ein Gebet im Klassenverband außerhalb des Religionsunterrichts gemeint ist. Das religiöse Betätigen muß jedoch in Gewährleistung der Religionsfreiheit auch in der Schule möglich sein, auch wenn dieses Recht schon in Frage gestellt wird.

Die Träger der öffentlichen Jugendhilfe bzw. des öffentlichen Schulwesens müssen überall ein ausreichendes Angebot an neutralen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen (von der Kinderkrippe bis zur Jugendarbeit) bereit stellen. Ein regionales Religionsmonopol (z.B. eine einzige Kindertagesstätte am Ort in religiöser Trägerschaft) muss unzulässig sein.

Was soll hier „unzulässig“ bedeuten? Es kann nicht sein, daß kirchliche Einrichtungen geschlossen werden müssen, weil der Staat keine eigenen Einrichtungen finanzieren will oder kann. Wenn damit allerdings gemeint ist, daß der Staat kirchliche Infrastruktur doppeln will, so ist dem nichts entgegen zu setzen, so lange keine religiösen Kinder gezwungen werden, die staatlichen Einrichtungen zu besuchen. Ein Zwang würde auch ausgeübt, falls der Staat die Finanzierung der kirchlichen Einrichtungen streicht mit der Begründung, es stünden ja staatliche Einrichtungen bereit. Religiöse Bildung darf nicht den Reichen vorbehalten sein. Gerade von der SPD erwarte ich hier eine gewisse Sensibilität.

3.      Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen

Die Vorschrift des Grundgesetzes, alle auf Gesetz, Vertrag oder besonderen Rechtstiteln beruhenden Staatsleistungen an die Religionsgesellschaften abzulösen (Art 140 GG i.V.m. Art. 138 Weimarer Reichsverfassung), ist bisher nicht erfüllt. Der Bundesgesetzgeber muss endlich die hierfür notwendigen Gesetze erlassen.

Dem ist vorbehaltlos zuzustimmen, insofern mit einer Ablösung hier nicht eine Enteignung der Kirchen gemeint ist. Die Staatsleistungen wurden eingerichtet, weil der Kirche Eigentum entzogen wurde, aus dessen Bewirtschaftung sie zum Beispiel ihr Personal (Bischöfe und andere Kleriker) finanzierte. Mit Abgabe des Eigentums an den Staat wurden der Kirche jährliche Zahlungen anstatt der Einkünfte aus der eigenen Bewirtschaftung des verstaatlichten Besitzes zugesichert. Eine einfache Einstellung dieser Zahlungen käme einer Enteignung der Kirche gleich. Eine Ablösung muß die Gestalt haben, daß die Kirche in der Lage ist, mit den Ablöseleistungen die fraglichen jährlichen Ausgaben wieder selbst erwirtschaften zu können. Über die Ausgestaltung der Ablösung muß mit der Kirche, bzw. den Kirchen verhandelt werden.

Die direkte und indirekte Finanzierung der Klerikergehälter, der Theologenausbildung und des Religionsunterrichts sind zu beenden.

Soweit damit die Staatsleistungen in Folge des Reichsdeputationshauptschlusses 1803 gemeint sind, habe ich oben schon dazu geschrieben. Solange der Religionsunterricht ordentliches Unterrichtsfach ist, gibt es keinen Grund, warm dieser nicht vom Staat getragen werden sollte, wie auch der Mathematikunterricht nicht von einem Mathematikerverband getragen wird. Ebenso verstehe ich nicht, wieso Theologenausbildung nicht finanziert werden soll, während die Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftler, die später bei Daimler, der Deutschen Bank oder McKinsey arbeiten, weiterhin an von deutschen Staat finanzierten Universitäten studieren.

Auch die vielfältigen „versteckten“ Leistungen – z.B. der Kommunen für kirchliche Baulasten, kirchliches Personal oder Dienst- und Materialleistungen an kirchliche Einrichtungen – sind abzuschaffen.

Hier habe ich zu wenige Kenntnisse der Details. Es steht zu befürchten, daß auch hier einseitig Zahlungen abgeschafft werden sollen, die anderen Gruppen und Verbänden zur Verfügung stehen oder stünden. Es müßte jedoch genauer geprüft und daraf eingegangen werden.

4.      Abschaffung von Rechtsprivilegien

Alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften sind nach dem allgemeinen Vereinsrecht zu behandeln. Die quasi-hoheitliche Sonderstellung der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, die Körperschaften des öffentlichen Rechts sind, ist zu beenden.

Wieso sollten Weltanschauungsgemeinschaften hier anders behandelt werden als der Bayrische Bauernverband oder das Bayrische Rote Kreuz? Da die Weltanschauungsgemeinschaften Aufgaben wahrnehmen, die vom Staat nicht zu leisten, aber für die Gesellschaft unabdingbar sind, wäre eine Reduzierung auf Vereinsstatus nicht im Sinne des Staates. Zu erwähnen ist, daß der Körperschaftsstatus auch von nichtreligiösen Gruppen wie Humanistenverbänden und Ähnlichen angestrebt werden kann, die dann ach ihren eigenen „Religionsunterricht“ erteilen könnten.

Die Notwendigkeit der Austrittserklärung beim Standesamt und oder Amtsgericht ist abzuschaffen. Sie muss gebührenfrei sein.

Volle Zustimmung meinerseits. Ich ärgere mich schon lange über das doppelte Abkassieren des Staates an dieser Stelle, der einerseits von den Kirchen für die Steuererhebung und Mitgliederverwaltung bezahlt wird und dann nochmal extra die Austretenden zur Kasse bittet.

Das Privileg, dass der Vertreter des Vatikans automatisch der Doyen des diplomatischen Corps ist, ist abzuschaffen. Die katholische Kirche ist in internationalen Gremien als NGO einzustufen, wie es bei allen anderen Religionsgemeinschaften bereits üblich ist.

Die katholische Kirche als Kirche sicherlich. Nur ist diese nicht so leicht vom Vatikan zu trennen, der einen völkerrechtlich anerkannten eigenen Staat darstellt, zu dem die Bundesrepublik langjährige Beziehungen pflegt (der aktuelle Herrscher des Staates ist sogar Bundesbürger!). Da niemand auf die Idee käme, Monaco oder Andorra als NGO einzustufen, sollte dies auch bei anderen Staaten vermieden werden. Wer der Doyen des diplomatischen Corps ist, der vatikanische Vertreter oder doch der Nordkoreanische, ist meines Erachtens nach uninteressant.

Der Straftatbestand der „Gotteslästerung“ usw. (§ 166 StGB) ist ersatzlos zu streichen.

Hier bin ich zwiegespalten. Einerseits kann es nicht sein, daß ein Mensch verfolgt wird, weil er einen anderen Glauben hat als die Mehrheit und diesen vertritt, was als Gotteslästerung ausgelegt werden könnte. Andererseits sehe ich das Problem, daß durch gezielte Äußerungen oder Taten Teile der Bevölkerung aufgestachelt werden könnten, und dies als politisches Mittel mißbraucht werden könnte. Dagegen braucht man eine Handhabe, die jedoch sicher auch anders auszugestalten ist.

5.      Abschaffung von Steuerprivilegien

Alle über allgemeine Gemeinnützigkeitsbestimmungen hinausgehenden Steuerprivilegien der Kirchen sind abzuschaffen. Die Einziehung der Kirchensteuer durch den Staat ist zu beenden. Die Kirchen sollen sich um ihre Mitgliedsbeiträge selbst bemühen.

Es müßte geprüft werden, welche Privilegien dies sind und welchen Grund ihre Einführung hatte. Ein Verwalten der Mitgliedsbeträge durch die Kirchen ist auch denkbar, die Frage ist, ob der Bund sich der Einnahmen enthalten will, die er auf dem Weg zusätzlich erzielt.

6.      Abschaffung von Finanzprivilegien

Über die Kirchensteuern hinaus beziehen bestimmte Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in den Bundesländern zusätzlich hohe Zuschüsse auf Basis von Konkordaten bzw. Staatsverträgen. Aus diesen Mitteln werden vom Steuerzahler z.B. Gehälter von Bischöfen und anderen Geistlichen, Kosten von Bistumsverwaltungen, Gebäudekosten, „Seelsorge“, theologische Lehrstühle und Hochschulen sowie der Religionsunterricht finanziert. Diese Staatsverträge sind so umzugestalten, dass sie sich auf ein sinnvolles Minimum, z.B. bei der Unterstützung kultureller Angelegenheiten, beschränken, wobei der Grundsatz der Gleichbehandlung aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften einzuhalten ist.

Mir ist nicht klar, ob es hier um die oben bereits genannten Zahlungen geht. Zur Theologenausbildung habe ich mich jedenfalls schon geäußert. Ansonsten ist ein Staatskirchenvertrag zwischen Kirchen und Staat ausgehandelt, verpflichtet also beide Seiten zu Leistungen. Wenn Zahlungen an die Kirchen gestrichen werden, muß hingenommen werden daß auch die Kirchen sich nicht mehr an ihre im Vertrag festgeschriebenen Pflichten halten.

Die Finanzierung von Pfarrerstellen in öffentlichen Krankenhäusern und ähnlichen Einrichtungen ist zu beenden.

Aus welchem Grund? Seelsorge ist eine nötige Aufgabe, die auch gefragt ist und bleibt. Statt einer Abschaffung der Seelsorger wäre die Prüfung, ob die Finanzierung weiterer Seelsorger anderer Weltanschauungsgemeinschaften, auch atheistischer, sinnvoll wäre.

Soweit sich Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaften oder von ihnen getragene oder geprägte Organisationen gemeinnützig betätigen (z.B. als „freie Träger“), müssen bei der staatlichen Finanzierung und für die Beschäftigungsbedingungen die gleichen Maßstäbe wie für alle anderen Träger gelten.

Ich frage mich gerade, inwieweit dies nicht der Fall ist…

7.      Beendigung der Priesterausbildung durch den Staat

Die theologischen Fakultäten an staatlichen Hochschulen sind abzuschaffen. An ihrer Stelle sind religionswissenschaftliche Institute einzurichten. Alle kirchlichen Vorbehaltsrechte z.B. bei der Besetzung bestimmter Lehrstühle sind abzuschaffen. Konkordatslehrstühle sind in ordentliche Lehrstühle umzuwandeln.

Der Grund für die Abschaffung einer Wissenschaft, egal ob nun Theologie oder Pädagogik, kann ich nicht nachvollziehen. Ebensowenig die Ersetzung durch Institute einer anderen Wissenschaft. Religionswissenschaft ist eine andere Disziplin als Theologie und hat mit dieser eher wenig zu tun. Die Frage nach der Finanzierung der Ingenieure von Daimler und Opel habe ich oben schon gestellt. Das kirchliche Vorbehaltsrecht bei der Lehrstuhlbesetzung ist dem besonderen Charakter der Theologie geschuldet, ebenso die Konkordatslehrstühle. Eine Abschaffung der Theologie käme der gezielten Benachteiligung einer gewissen Berufsgruppe gleich. Daß es sich dabei um dezidiert religiöse Berufe handelt lässt die Frage aufkommen, ob hier nicht die Religionsfreiheit tangiert wird und Religionsausübung erschwert werden soll. Darüber bin ich mir noch nicht ganz im Klaren… einem Verweis einer Wissenschaft von den Unis kann allerdings in keinster Weise zugestimmt werden, wenn nicht die Unis als Ort des Kampfes um die „korrekte“ Weltanschaung mißverstanden würde. Dies wäre nicht neutral, es wäre antireligiös.

8.      Gleiche Mitarbeiterrechte

Über die für alle Tendenzbetriebe geltenden Besonderheiten hinaus dürfen die Rechte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht beschnitten werden. Die Sonderregelungen für religiöse oder weltanschauliche K.d.ö.R. im Betriebsverfassungsgesetz und im Allgemeinen Gleichstellungsgesetz sind abzuschaffen. Den Beschäftigten der Kirchen und ihrer Organisationen sind Mitbestimmung, Koalitionsfreiheit und Tariffreiheit zuzubilligen. Die Religionszugehörigkeit oder das religiöse Verhalten dürfen jenseits eines engen, in herausragender Weise religiös oder weltanschaulich geprägten Kernbereiches von Beschäftigungsverhältnissen kein Einstellungs- oder Entlassungsgrund sein.
Diese Forderung gehört auch wieder in unser Grundsatzprogramm.

Dies ist ein Problem. Es ist einerseits verständlich, daß kirchliche Einrichtungen eine dezidiert kirchliche Arbeitsweise gewährleisten wollen. Sie tun dies, indem sie ihre eigenen Mitglieder einstellen. Inwieweit dies bei Kirchenbanken nötig ist, mag diskutabel sein. Die SPD würde wahrscheinlich auch kein CDU Mitglied als Schatzmeister berufen. Arbeit in kirchlichen Einrichtungen wurde ursprünglich wohl nicht als Erwerbsarbeit aufgefasst, sondern als zwar bezahlte Arbeit, die aber im Grunde vor allem einen christlich persönlich-karitativen Hintergrund hatte. Da dies zur Zeit weitgehend nicht mehr so gesehen wird stellt sich mir die Frage, ob die Kirche aus Wirtschaftsfeldern, die mittlerweile gewinnbringend arbeiten, nicht aussteigen sollte. Dies wäre jedoch innerkirchlich zu klären und ist für die SPD nebensächlich.

9.      Keine öffentliche Militärseelsorge

Die staatliche Organisierung und Finanzierung der Militärseelsorge ist zu beenden. Der bisher von den Militärpfarrern gegebene, aber für alle Kriegsdienstleistenden verbindliche „Lebenskundliche Unterricht“ ist in ein neutralen, von einem dafür geeigneten Pädagogen erteilten Ethikunterricht umzugestalten. Öffentlich finanzierte Soldatenwallfahrten und ähnliche Unternehmungen sind nicht statthaft.

Zum Ethikunterricht durch einen vom Staat alleine bestellten Lehrer habe ich mich oben geäußert. Gerade im militärischen Bereich erhöht sich nach meiner Meinung die Gefahr, wenn der Staat hier alleine die Deutungshoheit über Recht und Unrecht hat. Zur Militärseelsorge allgemein ist zu sagen, daß auch Soldaten Menschen sind, die das Recht der Religionsfreiheit haben. Die religiöse Betätigung ist im militärischen Bereich nicht immer möglich, gerade in Afghanistan und im Kosovo gibt es nicht viele Kirchen, die die Soldaten besuchen können, oder Pfarrer, deren Hilfe sie in Anspruch nehmen können. Daher hat der Staat, der für die Soldaten verantwortlich ist, dafür zu sorgen, daß sie neben ihrer körperlichen Versorgung auch seelisch versorgt werden, falls sie dies wünschen. Daß ein atheistischer Kamerad zur Teilnahme am lebenskundlichen Unterricht gezwungen wurde, kann ich mich in meiner Zeit bei der Bundeswehr nicht erinnern. Falls dies zur Zeit so läuft, ist dies natürlich zu beenden. Hier ist denkbar, wie auch beim Religionsunterricht in der Schule, daß Konfessionslosengruppen staatlich unterrichtet werden, so lange dies die Ausnahme zur Regel bleibt (vgl. oben die erwähnt Gefahr der Monopolisierung der Ethik durch den Staat).

Geistliche und Theologiestudenten sind – solange die Wehrpflicht besteht – allen übrigen Wehrpflichtigen gleichzustellen und zum Militär- oder Zivildienst heranzuziehen.

Dagegen ist von meiner Seite aus nichts einzuwenden. Ich habe, trotz Theologiestudium, meinen Dienst an der Waffe geleistet und es als bereichernde Erfahrung erlebt.

10.  Öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist kein Kirchenfunk

Die Rundfunkräte der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sind so umzugestalten, dass dort keine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft übermäßigen Einfluss erhält. Solange dort Vertreter der Religionsgemeinschaften sitzen, müssen auch Vertreter der nicht-religiösen Weltanschauungsgemein-schaften berufen werden.

Interessant wäre hier, nach welchen Kriterien berufen wird. Tatsache ist, daß nichtreligiöse Weltanschauungsgemeinschaften, trotz dem angeblichen Anteil von 1/3 konfessionsloser Bundesbürger, weit weniger Mitglieder aufzuweisen haben als die Kirchen. Falls also die Zahl der Mitglieder entscheidend ist, wäre dies ein nachvollziehbarer Grund, jedoch spricht nichts dagegen, die Kriterien zu überdenken angesichts der pluraleren Gesellschaft heute.

Die Gewährung von Sendezeiten für sogenannte Verkündigungssendungen ist zu beenden. Die Finanzierung von durch kirchliche Medienkonzerne erstelltem Sendematerial ist zu beenden.

Und wieder frage ich mich, ob es neutral ist, wenn alles Kirchliche entfernt wird, oder ob dies nicht doch einseitig atheistisch ist. Wieso nicht zusätzlich atheistische Verkündigung? Wort zum Montagnachmittag? Wieso sollen nur und einzig kirchliche Medienkonzerne für das Erstellen von Sendematerial nicht mehr bezahlt werden? Ach hier die Frage: Ist dies neutral oder eine einseitige Benachteiligung des Religiösen?

Öffentlich-rechtliche Kirchenredaktionen wirken in der Regel als verlängerter Arm der kirchlichen Medienarbeit. Die Kirchenredaktionen sind daher aufzulösen und durch Redaktionen zu ersetzen, die sich des gesellschaftlich-kulturellen Themenbereichs von Religionen und Weltanschauungen in journalistisch geeigneter Art und Weise und mit der gebührenden kritischen Distanz annehmen.

Ich erkenne den Sinn nicht, der dahinter stecken soll, eine Redaktion aufzulösen und sie unter neuem Namen neu zu gründen. Wäre es nicht sinnvoller, auf eine gebührend distanziert kritische Berichtserstattung in den Kirchenredaktionen hinzuarbeiten? Allerdings habe ich auch bei den öffentlich rechtlichen sehr distanzierte Berichte im Kopf, etwa der Vergleich von christlichen Entwicklungshelfern mit Selbstmord-Attentätern

Uncategorized

Laizismus in der Krise?

Während in letzter Zeit die neuen Atheisten und ähnliche pro-laizistische Grüppchen immer wieder von sich reden machen (oder kommt nur mir das so vor?) scheint es so, als rufe das Mutterland des Laizismus in der Krise nach der Hilfe der Religionen, so meldet es jedenfalls Radio Vatikan (via).

Die Weltreligionen sollen angesichts der Wirtschaftskrise ihre Werte stärker zum Ausdruck bringen. Aso, also wenn es hart auf hart kommt, soll Religion also doch nicht nur Privatsache sein, die irgendwo hinter verschlossenen Türen geschieht und bloß nicht irgendwie wahrgenommen werden soll (gar durch unbequeme Äußerungen zu aktuellen politischen Themen), sondern sie soll die Gesellschaft Werte lehren.

In diesem Zusammenhang wird wohl auch davon gesprochen, Abschlüsse evangelischer Einrichtungen in Frankreich staatlich anzuerkennen, wie es scheinbar bei den katholischen Einrichtungen schon länger (immer?) der Fall ist (so viel zum Stand des Laizismus in Frankreich). Gleichzeitig scheint die französische Regierung (und damit wohl auch der nach Hilfe schreiende Präsident) weiterhin Anhängerinnen anderer Religionen vorschreiben zu wollen, wie sie sich zu kleiden haben (bzw man will die Frauen, die u.U. aus eigener Überzeugung Burka tragen „befreien“ von dieser ihrer Entscheidung. Man denke, wie ein Gesetz zr Minirockpflicht in den 60er Jahren in Europa angekommen wäre).

Alles in allem scheint derzeit viel in Bewegung zu sein. Die Staaten in Europa, egal ob laizistisch (Frankreich) oder lediglich weltanschaulich neutral (Deutschland) suchen angesichts von Krise und Bewußtwerdung der Existenz des Islam hierzulande nach Wegen, damit umzugehen, und rufen dabei wie gesehen einerseits nach Religionen, verbieten andererseits aber auch ihre Ausübung, oder schränken sie zumindest ein.

Ich wünsche mir, und ich denke das haben unsere Gesellschaften in Europa auch nötig, eine Debatte darum, ob und in wie weit Religion oder Religionen nicht doch (oder immer noch) eine gesellschaftliche Funktion erfüllen, und wie man dem gerecht werden kann in einer Art, die alle Menschen einschließt, ob Atheist, Muslim, Jude, Christ oder was auch immer. Die Gesellschaft befindet sich in einem Umbruch, und es bracht Wege, mit der neuen Situation umzugehen. Diese Wege sind noch nicht gefunden, aber einerseits nach Religiösen Werten rufen und andererseits deren Praxis zu verbieten, wenn’s nicht passt (Burka) geht nicht, das ist inkonsistent.

Die Religion hat nicht die Aufgabe, für Ruhe zu sorgen wenn die Regierungen durch ihr Handeln (oder Nichthandeln) eine Krise heraufbeschworen haben, sie ist nicht ultima ratio des Staates, vor allem nicht im Laizismus, aber auch nicht im weltanschaulich neutralen Staat. Sie lebt und lehrt ihre Werte, mal mehr, mal weniger, aber sie kann nicht mit dem Staat darüber verhandeln, welche Werte sie denn nun lehren soll um den Staat zu unterstützen, und welche Lehren sie abschaffen soll, weil sie dem Staat nicht genehm sind (bzw bestimmte Parteien gerne die Islam- oder Religionsphobie Karte spielen, wenn gerade Wahlkampf ist).

Uncategorized

Refutatio der Thesen von Dirk Winkler

Ein mir nicht weiter bekannter Dirk Winkler hat auf der Homepage des Humanistischen Pressedienstes einen Text veröffentlicht, in dem er sich mit den „Schmähungen von religiösen Funktionären“ beschäftigt und Thesen bezüglich Theismus und Atheismus aufgestellt, die in der Einleitung des Textes als „selbstbewußt, freundlich und verständlich“ beschrieben werden.

Auch wenn alle drei Attribute stimmen – er bleibt stets freundlich auch bei der Forderung nach Entzug des Rederechts für Religöse, er ist stets selbstbewußt, und ich verstehe auch was er meint, inklusive der aus meiner Sicht falschen Voraussetzungen von denen er ausgeht – möchte ich mit diesem Text auf seine Forderungen und Überlegungen eingehen, ja sie in den Kernaussagen zu widerlegen (refutare) versuchen. Dabei möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß ich mich zwar schon in gewisser Hinsicht als konservativ gläubig verstehe, aber liberal-aufgeklärt denke und somit nicht so einfach zu den Fundamentalisten passe (die mögen mich auch nicht), auch wenn andere das anders sehen werden. Insofern stehe ich vieleicht nicht für das Christentum, das Winkler bei der Verfassung seines Textes vor Augen hatte. Da er die Theisten nicht differenziert, sehe ich dies nicht weiter als Problem an.

Das Ganze kann durchaus etwas bruchstückhaft werden, weil ich vor allem Denkfehler bei Winkler aufzeigen will, und diese nicht immer im Zusammenhang miteinander stehen. Bei einigen Punkten werde ich weiter ausholen, um mich verständlicher machen zu können.

Seinen Einstieg ins Thema wählt Winkler mit der Frage nach der Vermittlung und Werten. Auf religiöser Seite würde behauptet, der Atheismus biete keine Werte an (eine Aussage, der Winkler erst zustimmt, später widerspricht er ihr) im Gegensatz zur Religion und Glauben, die Werte vermittelten, und ihrerseits wichtig für das Miteinander der Menschen sind.

Um es nicht von Anfang an zu Mißverständnissen kommen zu lassen: Religion unterscheidet sich hier strukturell nicht vom Atheismus. Wenn das eine Werte beinhaltet oder vermittelt, so auch das andere. Eine andere Frage ist die Bewertung der jeweiligen Werte.

Winkler geht auf den Vorwurf ein, Nationalsozialismus und Stalinismus seien Resultate atheistischen Denkens. Er meint, beim Nationalsozialismus ruhte „fest im Glauben an einen Gott“. Das hätte ich gerne noch weiter ausgeführt und belegt. Ich sehe nicht, wo es für den Nationalsozialismus strukturell wichtig war, von einem Gott auszugehen. Nach meiner Meinung war Gott dem Nationalsozialismus egal, wenn auch manchmal der Begriff Gott in der Propaganda vorgekommen sein mag. Alles in allem denke ich doch, daß Hitler der eigentliche Gott der Nazis war, dessen Wille allzeit erfüllt werden mußte.

Ähnlich sieht es beim Stalinismus aus. Doch kann sich Winkler, nur weil er meint, hier pseudoreligiöse Züge zu erkennen (die es zweifellos sowohl bei Hitler als auch bei Stalin als auch bei anderen wie etwa Mao gab), diese Diktatoren und Systeme nicht undifferenziert der Religion zuschlagen. Konsequent zu Ende gedacht wäre dann auch Atheismus Pseudoreligion, wenn auch ohne Gott. Zu den strukturellen Übereinstimmungen von Theismen und Atheismen komme ich unten noch einmal zurück.

Weiterhin behauptet Winkler, daß alle Religionen behaupteten, Glaube sei ein absoluter Wert. Das ist zunächst einmal vollkommen falsch. Es gibt Religionen, bei denen der Glaube nebensächlich ist. Viele Religionen legen den Hauptaugenmerk nicht auf den Glauben, sondern auf das Tun. Wenn man sich an die richtigen Ruten und Verhaltensweisen hält, kann der Glaube dann zur absoluten Nebensache werden. Nur weil es im Christentum zu einer großen Wertschätzung des Glaubens gekommen ist (wenn ich es richtig sehe auch viel mehr als in Judentum und Islam, die sonst dem Christentum sehr nahe stehen), kann Winkler also nicht verallgemeinern. Im Weiteren muß angemerkt werden, daß auch im Christentum der Glaube nicht unbedingt als absoluter Wert angesehen werden kann (einzelne christliche Gruppierungen ausgeschlossen, jaja, Verallgemeinerung führt zu falschen Schlüssen).

Wenn Winkler unter einem Wert etwas versteht, das der Mensch tun kann, an das er sich von sich aus halten kann, wie etwa Fleiß oder Ehrlichkeit, dann ist der Glaube wen nicht aus christlicher Sicht, so dann doch wenigstens bei vielen Christen, die sich auf die Reformation berufen, kein Wert (und ich bin mir ziemlich sicher daß es Orthodoxe und Vatikan auch ähnlich sehen, wenn auch mit leichten Abwandlungen). Denn Glaube ist nichts, was der Mensch von sich aus tun kann, sondern von Gott – aus Gnade und Liebe zu den Menschen – geschenkt. Glaube kann Grundlage sein für eine Wertbildung, ist aber selbst kein Wert.

Winkler fährt fort mit der Behauptung, bei der Nichtexistenz Gottes sei der Glaube an Gott ein Negativum. Hier hätte ich gerne ein Erklärung gelesen, es bleibt jedoch bei der Behauptung, er scheint hier ein Atheistisches Dogma zu formulieren, das nicht weiter hinterfragt werden kann und soll (ich hab ja persönlich kein Problem mit der Existenz von Dogmen, irgendwann kann man nicht mehr argumentieren, wenn man nicht in einen Zirkelschluß kommen will, aber es wäre hilfreich, wenn Winkler sagen würde, daß es sich hier um ein Dogma handelt bei dem er nicht bereit ist, weiter zu diskutieren).

Winkler sagt, Religion ist nicht notwendig um Werte zu formulieren. Ich würde es anders ausdrücken: Es braucht zum Formulieren von Werten nicht den Glauben an einen oder mehrere Götter. Im Gegensatz zu Winkler meine ich jedoch, daß auch Atheismus Werte bietet, zumindest der Atheismus, den er beschreibt. Wie gesagt, Religion ist hier von Atheismus nicht unterschieden. Doch wie verschiedene Religionen verschiedene Werte predigen, tun dies auch verschiedene Atheismen. Man muß eben differenzieren. Wie man diese Werte bewertet, hängt dann von der eigenen Religion oder dem eigenen Atheismus ab. So war es für Stalin ein Wert, Andersdenkende zum Schweigen zu bringen. Leider sehe ich ähnliche Ansätze auch bei Winkler, wenn auch nicht begleitet von der Forderung nach einem stalinistischen UNterdrückungssystem, Winkler spricht sich dazu nicht aus. Ich denke auch, daß er es gar nicht will, trotzdem erwecken seine Äußerungen weiter unten den Eindruck, daß er in diese Richtung tendiert. Auch dazu unten mehr.

Winkler meint, für die Entscheidung, wie man Werte begründet ist es wichtig, ob es einen Gott gibt oder nicht, denn gibt es einen Gott, so ist das Unterfangen, Werte außerhalb von ihm zu suchen „irrig und vergebens“. Da kann ich ihm nur zustimmen. Nicht zustimmen kann ich ihm bei seiner Ansicht, man könne Werte nur dann durch Gott begründen, wenn es wirklich einen Gott gibt. Ich kann Werte durch meine Vorstellung von Gott begründen, unabhängig davon, ob es diesen Gott gibt.

Winkler scheint anzunehmen, daß wir entscheiden können, was wirklich ist, dabei gehen wir alle nur mit Beschreibungen der Wirklichkeit um, bei manchen kommt Gott vor, bei anderen nicht. Nun ist Winkler überzeugt, daß seine Beschreibung der Wirklichkeit wahr ist und alle anderen nicht. Prinzipiell ist das auch gar kein Problem, auch ich meine, Recht zu haben und nicht einem Irrtum aufzusitzen, mit meiner eigenen Beschreibung der Wirklichkeit. Nur bin ich mir bewußt, daß andere Menschen die Wirklichkeit anders beschreiben, und daß ich kein Kriterium besitze, zu beweisen, daß ich im Recht bin und die anderen nicht. Deshalb denke ich, jeder soll nach seiner Façon gücklich werden, auch wenn ich natürlich versuche, meinen Glauben zu erklären und darzustellen. Das kommt auf diesem Blog ja immer mal wieder vor.

Winkler macht auf mich den Eindruck, daß er eben nicht nur meint, Recht zu haben, sondern er wähnt sich auch im Besitz eines Kriteriums, an dem er alle anderen Beschreibungen der Wirklichkeit, man könnte etwas altbacken auch von Bekenntnissen sprechen (ja, man kann auch bekennen, daß es keinen Gott gibt), messen kann. Das geht nur, falls man von den gleichen Grundannahmen ausgeht, die dann tatsächlich als Kriterium dienen können. Bei unterschiedlichen Bekenntnissen sind aber auch die Grundannahmen meist unterschiedlich, so setzt einer einen Gott voraus, der andere nicht.

Bei Winkler scheint es eine wahre Beschreibung der Wirklichkeit zu geben, und alle anderen sind falsch und müssen sich der Kritik dieser seiner Wahrheit unterziehen. Wäre Winkler religiös, würde man zu Recht von Fundamentalismus sprechen, auch wenn er, im Gegensatz zu vielen religiösen Fundis, ganz nett und freundlich daher kommt. Wer neben seiner eigenen Wirklichkeit nichts anderes gelten lassen will, der ist Fundamentalist.

Das scheint dann auch in die Frage nach der Beweisbarkeit Gottes reinzuspielen. Winkler will einen Beweis Gottes, um Gott anzunehmen So lange Gott nicht bewiesen ist, ist dieser für Winkler nicht existent (also war die Erde auch flach bevor die Kugelform bewiesen wurde? Man verziehe mir diese spitze Bemerkung). Hier beißt sich jedoch die Katze in den Schwanz. Denn Wissenschaft wird betrieben etsi deus non daretur (lustigerweise gilt dies auch für die Theologie), also als ob Gott nicht gegeben wäre. Wie soll nun die logische Möglichkeit bestehen, Gott nachzuweisen, wenn ich mich in einem System bewegen muß, zu dessen definitorischen Grundlagen es gehört, daß Gott nicht darin vorkommt? Es ist unmöglich, und zwar unabhängig davon, ob es Gott gibt oder nicht. Es ist so unmöglich wie es unmöglich ist, im zweidimensionalen Raum ein Volumen zu beschreiben oder nachzuweisen. Es geht nicht. Der Atheist, der einen Beweis für Gott verlangt, muß logischerweise auch seinen Denkhorizont verlassen, und sich in einen anderen Horizont begeben. Doch da wird dann plötzlich alles anders. Von Beweisen im naturwissenschaftliche Sinn kann man vielleicht gar nicht sprechen (das wäre doch mal Wert zu überdenken, wo wir es grad von Werten hatten), vielleicht kommt hier das Gefühl zum Tragen (das Winkler später plötzlich auch aus dem Zylinder zaubert, ohne zu sagen, wo er es herholt).

Werte können jedenfalls, so meine ich, durch alles mögliche begründet werden. Winkler mag es negativ bewerten, wenn man Werte durch etwas begründet, was in seiner Welt nicht vorkommt. Damit muß an dann leben. Nur muß Winkler dann unter Umständen auch mit dem Fundamentalismusvorwurf leben. Vielleicht ist alles nur ein Mißverständnis, vielleicht läßt es sich klären, dazu gibt es ja Kommentare und Pingbacks 😉

Ein weiteres Dogma Winklers folgt im Text, und zwar die Aussage, daß falsche Annahmen der Wirklichkeit dem Menschen mehr schaden, als sie ihm helfen. Nun, wenn man mal bei Seite läßt, daß er hier wieder davon ausgeht, daß zu entscheiden sei, ob eine Annahme der Wirklichkeit entspricht, also wahr ist, und nicht nur einer bestimmten Wirklichkeitsbeschreibung entspricht, er gibt keine Erklärung dafür ab. Es muß sich um ein Dogma handeln.

Denn wie wäre es denn, nehmen wir a, jemand wäre unheilbar krank, und würde definitiv in 6 Monaten sterben. Ein Wissen darum würde ihm die letzten Monate unter Umständen verdunkeln, er nähme Schaden, würde leiden, auch wenn er von der Krankheit keine Schmerzen hat. Wen er in 6 Monaten einfach umfällt, und bisher immer ein glückliches Leben geführt hat, nimmt er unter Umständen weniger Schaden. Dazu müßte man vielleicht noch definieren, was man als Schaden ansieht. Noch so eine unklare Sache. Das Beispiel ist übrigens das, was mi zuerst in den Sinn kam. Es mag bessere Beispiele geben um zu verdeutlichen, was ich meine: Es könnte unter Umständen besser sein, falsche Annahmen von der Wirklichkeit zu haben. Es sei denn man schließt dies durch Dogmen aus.

Die Vorstellung, die Winkler von der Entstehung heiliger Texte hat, ist dann doch etwas belustigend: Jemand stellt sich hin, schreibt nen Text, deklariert ihn als heilig und unterdrückt damit dann Tausende wenn nicht Millionen. Ich will nicht in Abrede stellen, daß Menschen mit religiösen Texten und durch religiöse Strukturen allgemein unterdrückt wurden. Das fand und findet statt. Aber Texte werden zu heiligen Texten, weil es Menschen gibt, die ihnen, erst einmal ganz ohne Zwang, Heiligkeit zuschreiben. Er mag den Versuch antreten, einen Text schreiben, in als heilig deklarieren, und dann die Jünger zählen und sehen, ob seine Religion Bestand hat. Selbst Sekten fangen meist nicht bei NULL an, sondern beziehen sich auf irgendwelche etablierten Texte und Denkmuster, die sie dann nach eigenem Gusto abändern.

Ich stimme Winkler zu, daß das unkritische Nachbeten von Werten der schlechteste Weg ist, Werte zu begründen (sowas gibt es in Theismen und Atheismen). Nur ist kritischer Verstand kein Alleinstellungsmerkmal des Atheismus. Schon vor dem Aufkommen des Atheismus, vor dem Zeitalter der Aufklärung, hat man sich mit kritischem Verstand religiösen Überzeugungen zugewandt. So kam es unter anderem zur Reformation, die immer wieder als Voraussetzung für die Aufklärung ins Spiel gebracht wird. Aber das nur am Rande.

Inwieweit Atheismus „notwendige Voraussetzung für einen unbelasteten Ausgangspunkt auf der Suche nach positiven Werten“ ist, kann ich nicht nachvollziehen. Gut, entsprechend seinem Weltbild behauptet Winkler das. Ich könnte das Gleiche vom Glauben an den dreieinen Gott sagen, und Winkler würde mir vehement widersprechen. Ich würde sagen: Man kann beides als Ausgangspunkt wählen, aber keiner kann für den anderen nachvollziehbar behaupten, im Recht zu sein.

Denn in der Lage, „ohne Scheuklappen, ohne Vorurteile, ohne Dogmen mit offenen Augen und kritischem Geist durch das Leben gehen zu können“ bin ich mindestens genau so ie Winkler. Zumindest bilde ich mir dies ein, man möge mich widerlegen.

Natürlich, ich habe meine Dogmen, aber ich meine, auch bei Winkler einige Dogmen erkennt zu haben. Scheuklappen und Vorurteile versuche ich bei mir zu vermeiden, ich hoffe, es gelingt mir, Winkler scheint auch nicht ganz frei von Vorurteilen dem gegenüber, was er Religion nennt, zu sein. Jedenfalls beschreibt er sie durchgehend sehr eindimensional und undifferenziert. Den kritischen Geist nehme ich voll für mich in Anspruch, und dies steht auch in keinem Widerspruch zu meinem Glauben und die Augen bemühe ich mich auch offen zu halten. So kam ich ja auch auf den Artikel von Winkler.

Nebenbei, man sollte mit den Begrifflichkeiten aufpassen. Denn was ist denn Religion? Ein Satz von Überzeugungen, auch Riten, die die Welt erklären sollen. Man kann auch sagen, Religion beschreibe einen Weg, um zu Werten zu kommen. Dabei ist jede Religion anders. Und da rein würden dann auch sämtliche Atheismen fallen. Und diese würden dann Werte bieten, wobei der Atheismus als solcher viel zu vage ist, als daß man davon schon einen Wert ableiten könnte (oder doch? ich trau es mir nicht zu). Gleiches gilt aber auch für den Theismus, da sich dahinter auch alle möglichen bekannten und unbekannten Systeme verbergen. Deshalb benutze ich hier die Begriffe Atheismus und Theismus, die sich nur darin unterscheiden, ob man nun ein oder mehrere Götter annimmt oder nicht. Eigentlich ist das auf das Ganze gesehen ein äußerst kleiner Unterschied (wenn auch ein äußerst Wichtiger).

Ein Mensch kann selbst Werte begründen. Ich denke jedoch, die geht nicht ohne einen Gott. Doch muß man hier mit dem Gottesbegriff aufpassen. Ich fasse den Begriff Gott hier weiter, als man ihn in der Umgangssprache faßt, meine aber, damit strukturelle Klarheit zu gewinnen in Bezug auf Unterschiede zwischen Theisten und Atheisten.

Unter Gott verstehe ich das, was dem Individuum das höchste Gut ist. Für religiöse Menschen ist dies im Idealfall der jeweilige Gott oder der Göttervater vielleicht auch in einem Polytheismus. Ich sage Idealfall, weil ich davon ausgehe, daß kein Mensch diesen Anspruch sein ganzes Leben lang durchhalten kann. Das hat etwas mit der Sünde (wichtig ist der Singular!) zu tun, das ist jedoch ein ganz anderes Thema auf das ich hier nicht eingehen will (wenn jemand an dem Thema Interesse hat mag er sich melden, vielleicht gibt’s dazu dann nen eigenen Artikel im Blog).

Da jeder Mensch ein höchstes Gut hat, von dem er seine Werte ableitet, hat auch jeder Mensch einen Gott nach dieser Definition. Ob dieser Gott nun ein übersinnliches, persönliches, lebendes Wesen ist, wie in den meisten Weltreligionen, ein (heiliges) Buch (ja, das ist ein Seitenhieb auf die Fundamentalisten) oder ein Prinzip, ob ein Mensch oder was auch immer, spielt dabei keine Rolle. Dieses höchste Gut ist es, ob nur eingebildet oder nicht, das unsere Wertebasis ist. Da dieses höchste Gut nicht ein übersinnlicher Gott sein muß, andererseits aber alle Menschen von diesen jeweils eigenen höchsten Gut ihre Werte ableiten (oder es versuchen oder behaupten – genau: Sünde), kann der Mensch natürlich ohne einen Gott, wie Winkler den Begriff versteht, Werte begründen.

Übrigens kommen Theisten und Atheisten jeglicher Couleur häufig zu ähnlichen Werten, auch bei völlig verschiedenen höchsten Gütern oder Göttern. Denn irgendwo sind sie sich doch alle ähnlich, zumindest die Populären. Wäre dies nicht der Fall, würde unsere Gesellschaft auseinanderbrechen, weil es keinen Konsens mehr gäbe und alle gegeneinander arbeiten würden, ja weil ihre unterschiedlichen Götter (meine Begrifflichkeit) dazu führen würden, daß die Konflikte aufbrechen. Denn es können auch höchste Werte auftreten, wie „Rassenhygiene“. Aber schon ein kleiner Gesundheitswahn (höchster Wert=Gesundheit, wie auch immer definiert) kann zur Diskriminierung dicker Menschen führen…

Winkler nennt jetzt als Grundlage für seine Werte das menschliche Bedürfnis und die natürlichen Neigungen des Menschen. Dabei stellt sich das Problem, was denn nun natürlich ist:

Ist homosexuelle Neigung natürlich? Wenn ja, wie ist es mit pädosexueller Neigung? Sagen kann man nur, aß es beides wohl gibt. Was wir als Krankheit definieren und was als natürlich, hat mehr mit Moralvotellung zu tun als mit wissenschaftlicher Erkenntnis.

Was also krank ist und was normal ist Gegenstand einer Vorentscheidung. So gibt es im christlichen Menschenbild (genau, jetzt kommt schon wieder die Sünde) die Ansicht, daß der Mensch erst einmal schlecht ist. Das hat mit der Ursünde (=Erbsünde) zu tun (ob es die gibt ist übrigens unabhängig von der historischen Existenz von Adam und Eva). Der Mensch ist zwar auch zum Guten fähig, abr dies ist immer nur Geschenk Gottes an den Menschen, und liegt nie in dessen eigener Macht. Deshalb habe ich Zweifel daran, daß der Mensch durch Hören auf seine Neigungen ein Wertesystem ableitet, „dass dem Menschen in seinem Menschsein gerecht wird.“ Ich rechne eher damit, daß der Mensch dann ein Wertesystem ableitet, daß seiner Neigung nach Herrschaft und Kontrolle entspricht auch wenn ihm Wege bewußt sind, es besser zu tun. Das ist übrigens unabhängig von Theismus oder Atheismus so. Der Mensch neigt meiner Meinung nach dazu, sich selbst zu vergöttlichen, also sich selbst höchstes Gut zu sein, dem alles Andere zu dienen hat. Deshalb meine ich, neigen totalitäre Systeme wie Stalinismus und Nationalsozialismus auch zu Pseudoreligiösität.

Wer mein Menschenbild nicht teilt, wird natürlich anderer Meinung sein, und das ist okay. Aber bisher konnte mir noch niemand plausibel machen, warum ich Unrecht haben könnte. Selbst wenn ich von einem rein atheistisch-wissenschaftlichen Weltbild ausgehe, scheint die Empirie meine Behauptung zu belegen. Ich sehe das bei mir und anderen, auch Atheisten 😉

Kommen wir zu einem weiteren Dogma Winklers, und hier offenbart er endgültig seinen Fundamentalismus:

Ein naturalistisches Fundament gründet auf der Realität.

Realität ist das, was seiner Beschreibung der Wirklichkeit entspricht. Daran, an der durch ihn festgelegten Realität, haben sich alle auszurichten. Den Theismen wirft er vor, ihre Fragwürdigkeit nicht in Frage stellen zu lassen, dabei bewegt er sich selbst auch nur innerhalb seines eigenen Systems. Ich wage sogar, so weit zu gehen zu behaupten, daß theistische Menschen durch die Allgegenwart des naturalistischen Weltbildes häufiger in Zweifel kommen und ihren Glauben kritisch hinterfragen, als dies Atheisten tun. Hier scheint man oft, ich kann mich natürlich irren, der Meinung zu sein, das eigene Weltbild entspreche der Wirklichkeit, ohne theistische Weltbilder auch nur zu erwägen.

Allerdings, wo er Recht hat, hat er Recht: Die christlichen Kirchen haben durchaus häufig mit Repressalien reagiert, hat man an ihnen gezweifelt. Nur ist es doch so, daß auch derjenige, der heute Gott bekennt, zumindest in gewissen gesellschaftlichen Kreisen ausgegrenzt wird. In manchen politischen Systemen hat er es aufgrund seines Glaubens mit handfesten Repressalien zu tun (Nordkorea wäre wohl eines der krassesten Beispiele) und auch der Autor fordert Repressalien gegen die theistisch denkenden Menschen. Der Atheismus ist im Gegensatz zum Theismus noch sehr jung. Man sollte also vorsichtig sein, mit einseitigen Schuldzuweisungen, bei aller Schuld, die die Kirchen auf sich geladen haben.

Nun folgt eine famose Behauptung, wiederum ein Dogma: Der Atheismus beruht auf keinen Annahmen, die er nicht beweisen könnte und wäre somit sichere Basis für die Entwicklung einer Ethik für die Menschen. Somit wäre der Atheismus folglich das einzige Haus mit schwebendem Fundament: Vollkommen erdbebensicher. Man kann nicht alles beweisen, da man, um einen Beweis zu führen, auf Bekanntem und Sicherem aufbauen muß. Nur: Dieses bekannte ist entweder schon bewiesen, oder Dogma. Da es keine Dogmen gibt, wie er behauptet (wir sind ja auch schon auf einige gestoßen, aber vielleicht hat an diesen Punkten Winkler tatsächlich nur die Beweisführung ausgelassen), kann diese Kette nur endlos zurückgehen: Eine Sache wird Bewiesen auf Grundlage etwas Bewiesenen, das seinerseits wiederum auf früheren Erkenntnissen beruht und so weiter. Will man nun nicht in die Unendlichkeit gelangen (real gibt es meines Wissens nach keine endlose Beweiskette, es gäbe keinen ersten Beweis), ist man zu einem Zirkelschluß gezwungen. Nur ist damit, wie man es auch wenden will, sämtliche Beweiskraft dahin. Und damit dann wohl auch der Vorteil des Atheismus gegenüber dem Theismus, der sich in der Regel seiner Bezogenheit auf den jeweiligen Gott bewußt ist und somit eine unbewiesene Grundlage annimmt.

Nun wird Winkler pathetisch: Auf dem Feld des Atheismus seien Philosophie, Wissenschaft und Kunst gewachsen, auf dem Feld der Religion Intoleranz, Gewalt, Unterdrückung etc…

Interessanterweise gesteht er dem Atheismus zu, daß es auch dort Irrtümer geben kann. Diese sind jedoch mit Gefühl und Verstand (genau, hier kommt er mit Gefühl, was ja eigentlich in einem naturalistisch-logischem Weltbild nichts zu suchen hat) zu überwinden. Komischerweise, oder steckt dahinter Programm(?), spricht er dieses Gefühl und diesen Verstand dem Theismus nicht zu. Denn auch wenn er zugesteht, daß es „wohlschmeckende Früchte der Religion“ gibt, so werden die doch von Intoleranz, Unterdrückung etc erstickt. Wieso, frage ich mich, geht er davon aus, daß es hier zum Ersticken führen muß, während die Irrtümer beim Atheismus marginal zu bleiben scheinen. Ein weiteres Dogma? Oder kann nicht sein, was nicht sein darf? Er begründet wiederum nicht, er geht davon aus, daß alle seine Meinung teilen und das geht ja auch ganz gut, wenn man sich gegen alles Schlechte, was atheistischen Ursprung haben könnte, immunisiert durch Begriffe wie „pseudoreligiös“ und andererseits den Kirchen Selbstimmunisierung vorwirft.

Aber gleich im Anschluß, zeigt er, daß auch Atheisten zu Intoleranz und Unterdrückungsphantasien neigen können (Irrtümr, die durch Gefühl und Verstand beseitigt werden können? Hoffentlich!):

Wer sich auf Gott beruft, soll nicht mehr gehört werden.

Wie wäre seine Reaktion, forderte ich: Wer sich nicht auf Gott beruft, soll nicht mehr gehört werden? Eben! Ich hoffe, er hat sich vielleicht in eine Euphorie geschrieben und nicht genau bedacht, was er schreibt.

Statt Religionen immer mehr Raum zu überlassen, ist der Samen der Aufklärung zu streuen.

Die Aufklärung war gut und wichtig, und die meisten Forderungen der Aufklärung, wie die kritische Vernunft, sind durchaus mit Religion vereinbar, wie ich meine. Was ich allerdings nicht ganz nachvollziehen kann ist, wo Religionen immer mehr Raum bekommen? Da, wo Kreuze abgehängt werden (nicht daß ich dagegen wäre), oder da, wo Frauen vorgeschrieben kriegen, wie sie sich zu kleiden haben (nach meiner Meinung eines Rechtsstaates unwürdig)? Man könnte hier den Eindruck bekommen, er will Angst vor der voranschreitenden Gefahr der Religion verbreiten, um so die niedrigen Instinkte der Menschen anzusprechen, ihnen einzutrichtern, daß sie selbst in Gefahr sind, wenn es so weitergeht. Das funktioniert auch grad ganz gut beim Thema Hartz IV: Die Gefahr, daß sich die Faulen Arbeitslosen auf unsere Kosten ausruhen. Oder beim Islam. Immer das gleiche Schema. So funktioniert Demagogie, was Winkler sicher nicht beabsichtigte, trotzdem sei darauf hingewiesen.

Auch das weitere:

Das kann schmerzlich sein für die, deren Weltanschauung darauf noch nicht vorbereitet ist. Es wird unvermeidlich zu Anpassungskonflikten kommen. Doch es ist soviel mehr zu gewinnen, als zu verlieren. Zu gewinnen ist ein Miteinander gleichberechtigter Menschen. Zu verlieren ist nur ein sehr sehr alter Irrtum.

Hier denke ich ganz unwillkürlich an Ideologien wie den Kommunismus: Es wird erst einmal schlimmer, gerade für die Bourgoisie, aber am Ende steht der Himmel auf Erden. Das ist, Entschuldigung, naiv. Einen paradiesischen Zustand, der auf Kosten Andersenkender erkauft wird, ist es nicht wert die Bezeichnung „paradiesisch“ zu tragen. Ich bin nicht bereit, Anpassungskonflikte welcher Art auch immer hinzunehmen, auch nicht bei anderen, um damit eine vermeidlich bessere Welt zu bekommen. All diese Utopien von der besseren Welt wenn nur erst dies oder das umgesetzt würde, endeten am Ende im Chaos. Aber vielleicht bin ich mir dessen gerade deshalb so bewußt, weil ich die Geschichte des Christentums kenne mit den immer wiederkehrenden Ideologien. Spätestens hier wird auch Winkler pseudoreligiös.

Am Schluß fragt Winkler noch nach der Aufpasserfunktion der Religion und schießt damit meilenweit am Thema vorbei. Zumindest ich nehme für meinen Glauben in Anspruch, daß er keine Aufpasserfunktion hat. Ich glaube aufgrund dessen, was ich für wahr halte, und nicht um damit irgend eine Funktion zu erfüllen. So funktioniert das nicht. Deshalb kann Winkler auch feststellen, daß trotz Religion Menschen Böses getan haben. Das liegt jedoch nicht am Versagen der Religion, sondern an der Natur des Menschen, die eben böse ist.

Eine Erklärung, wie man das Böse aus der Welt schaffen kann, gibt jedoch auch Winkler nicht. Vielleicht verschwindet es, wenn die Theisten zum Schweigen gebracht sind.

Ich gebe zu, ich bin in diesem Text an einigen Stellen sehr scharf geworden. Ich denke aber, es war berechtigt, denn Winkler erhebt teilweise Forderungen, die ich nur als grundfalsch begreifen kann. Ich habe nichts gegen ihn und seine Weltanschauung. Er soll damit glücklich werden, von mir aus soll er sie auch bewerben. Wenn er aber zum Fundamentalismus übergeht, und auf der Spur ist er mit dem verlinkten Text, kann ich dazu nicht schweigen. Außerdem wollte ich einige Mißkonzeptionen über Religion ein bißchen gerade rücke. Ich hoffe, es ist mir ansatzweise gelungen.