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Taufe und Streikrecht

Beim Artikel zur muslimischen Erzieherin im protestantischen Kindergarten in Ludwigshafen kam es bei den Kommentaren dazu, daß das Problem angesprochen wurde, wenn Menschen sich taufen lassen, nur damit sie einen Job in der Kirche annehmen können.

Das Thema beschäftigt mich seit einer Weile immer mal wieder. Erstmals richtig bewußt wurde es mir bei einem Gastvortrag von Ekkehardt Thiesler von der KD Bank an der KiHo Bethel (2007 glaub ich, bin mir aber nicht mehr ganz sicher). Die KD Bank ist eine Kirchenbank, damit ist die Mitgliedschaft in einer ACK Kirche, und damit die Taufe, Voraussetzung für ein Beschäftigungsverhältnis. Jedenfalls war dies damals noch der Fall.

Und Thiesler erzählte auch davon, daß sich geeignete Bewerber dann halt noch taufen lassen, um die Stelle zu bekommen. Gerade im Osten käme dies oft vor, aufgrund der Kirchenferne weiter Teile der Bevölkerung dort.

Diese Situation ist natürlich unbefriedigend. Unbefriedigend für die Bank, die vielleicht ein paar ethische Standards einhält, aber ansonsten inhaltlich mehr mit anderen Banken als der Kirche zu tun hat (Prof. Erne fragte damals etwa nach, ob vor Sitzungen gebetet würde, was Thiesler verneinte), weil sie von Bewerbern die Kirchenmitgliedschaft verlangen muß, obwohl kein Grund dafür ersichtlich ist, unbefriedigend für die Bewerber, weil sie sich gezwungen sehen, ohne innere Überzeugung in eine Kirche einzutreten und im Zweifel Kirchensteuern zu zahlen, nur um den Job zu bekommen, und unbefriedigend für die Kirche, weil sie nun entscheiden muß, ob sie die Bewerber tauft, ob sie die Taufe verweigern kann, oder ob überhaupt eine Prüfung der Ernsthaftigkeit möglich ist.

Das gleiche Problem gibt es natürlich in allen kirchlichen Einrichtungen. Dazu kommen dann solche Probleme wie der „Dritte Weg“ bei den Lohnverhandlungen und dem Streikverbot für Kirchenangestellte.

Ich frage mich: Wieso nicht einfach alles lassen? Als Kirche.

Hört sich erst einmal übel an. Ist es vielleicht auch, trotzdem möchte ich den Gedanken etwas ausführen. Nehmen wir die Krankenpflege. Sie entwickelte sich stark unter den Bedingungen des Diakonissenwesens, hier bot Kirche Möglichkeiten, die es bei Vater Staat nicht gab, Hilfe für Bedürftige. Freilich war hier nicht nur die Kirche aktiv, aber sie spielte eine Rolle, wie sie auch heute noch viele Krankenhäuser betreibt.

Die Frage ist nun, was der Unterschied zwischen einem kirchlichen Krankenhaus und einem nichtkirchlichen Krankenhaus ist. Viel gibt es da nicht. Die andere Frage ist, wieso die Kirche sich hier engagiert. War Krankenpflege anfangs ein Gebiet, das vom Staat vernachlässigt wurde, ist es nun ein ganz normales Wirtschaftsfeld, das von einer Vielzahl von Betrieben bevölkert wird, darunter auch viele Private. Wieso also nicht zurückziehen aus der Geschichte, und dort handeln, wo keiner sonst handelt? So wie früher? Mehr Besuchsdienst, weniger professionelle Pflege, die vom „Markt“ erledigt werden kann. Dann können die Schwestern und Ärzte auch jeden x-beliebigen Glauben oder Unglauben haben und auch streiken (wobei ich durchaus auch welche kenn die sagen, sie würden nicht streiken, weil sich ja jemand um die Menschen kümmern muß). Gleiches könnte man bei der Bank machen: Da das Bankgeschäft eben normales Bankgeschäft ist, kann man auch Muslime, Atheisten und Hindus einstellen. Die ethische Ausrichtung könnte man durch ein weisungsbefugtes Gremium sicherstellen. Dann wären die eigentlichen Banker von der Kirche unabhängig, und doch drch das Gremium gebunden, das dann wiederum aus Kirchenethikern bestünde. Mehr Verbindung wäre IMHO nicht nötig, der Taufschein unerheblich.

Damit ginge auch einher, daß die Arbeiten, die von Getauften zu erledigen wären, etwa die Besuchsdienste, ehrenamtlich sein könnten, und so an sich nicht erstrebenswert für Menschen, die dies nicht freiwillig aus christlicher Nächstenliebe tun. Das Ethikgremium bei der Bank würde wohl von studierten (und promovierten?) Theologen besetzt, also nicht von Leuten, die sich „mal eben“ taufen lassen, um den Job zu bekommen.

Auch im Kindergarten könnte man die allgemeine Arbeit mit den Kindern von der religiösen Arbeit trennen, und so den religiösen Part ins Ehrenamt verfrachten. Dazu braucht es dann freilich kompetente Ehrenamtliche. Vielleicht könnten sich so auch neue Berufsgruppen entwickeln, wenn man den Ehrenamtlichen Aufwandsentschädigungen zahlt. Je mehr dies geschieht, desto mehr bekommt das Ganze dann wieder einen Jobstatus, und desto mehr werden auch Menschen in den Job drängen, die sich dann eben einmal taufen lassen, und desto mehr wird es zu einem Wirtschaftsfeld, was wiederum den Rückzug der Kirchen und die Konzentration auf das, was nicht getan wird, provoziert, was immer das dann sein mag.

Jedenfalls wäre dies eine Antwort auf die Frage, wieso die Kirche sich in Feldern engagiert, die auch von anderen in identischer Weise versorgt werden.