Theologie

Sakrament und Sex

Nevit [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Christopher hat bei theologiestudierende.de einen Artikel geschrieben über die Zulassung von Ausgetretenen zum Abendmahl. Den hat Spassheide kommentiert, unter anderem mit diesen Zeilen:

Ach ja – zum eigentlichen Thema – das Abendmahl könnte man guten Gewissens als Einladung auch an konfessionsfreie verteilen, um ihnen zu zeigen, dass auch sie herzlich willkommen sind.

Ich habe nun auch einen Kommentar geschrieben, bin auch auf Spassheide eingegangen, aber beim oben genannten Punkt kam mir ein sehr provokanter Vergleich, den ich hier gerne noch einmal gesondert zur Diskussion stellen möchte:

Laß mich ein drastisches Beispiel formulieren: Du bietest ja auch nicht jedem Deine Tochter an, um zu zeigen, daß er herzlich willkommen ist bei Dir, oder? Du wirst ihm etwas zu trinken und zu essen anbieten, vielleicht ein Zimmer, wenn er nicht weiß wohin diese Nacht. Aber es gibt Grenzen.
Du wirst vielleicht auch nichts dagegen haben, daß nach einer Zeit, wenn er und Deine Tochter sich kennengelernt und ineinander verliebt haben, die beiden zusammenkommen, vielleicht heiraten und Kinder kriegen. Aber davor liegt eben das Kennenlernen, die Einwilligung der Tochter. Ebenso wie die Tochter ist das Abendmahl kein Konsumgut wie ein Essen oder ein Bett für die Nacht. Das Abendmahl ist Kommunikation mit unserem Herren und Heiland. Im Abendmahl vergegenwärtigen wir uns, wie Er sich für uns hingegeben hat (insofern hat das schon was von Sex), ja, wir nehmen Ihn leiblich auf, werden Teil von Ihm als Seine Glieder.
Das ist ein sehr intimes Geschehen. Da lädt man nicht gleich jeden Interessierten ein. Das hat nichts damit zu tun, daß man den Interessieren nicht willkommen heißen würde. Das hat etwas mit der Wertschätzung dessen zu tun, was da geschieht. Man wird aber froh sein, jedem Interessierten erklären zu können, was da vor sich geht, man wird jeden, der davon überzeugt ist, gerne aufnehmen und taufen. Und dann kann er auch am Abendmahl teilnehmen.

Mich würde interessieren: Wie seht Ihr das? Zu drastisch ausgedrückt? Sachlich falsch? Oder vielleicht sogar nachvollziehbar und verständlich?

Kirche & Web 2.0

Hoc est enim…

Der Kenner erkennt an der Überschrift: Es geht ums Abendmahl, das Herrenmahl, die Eucharistie. Und zwar diesmal in seiner digitalen Form, bzw ob es das geben kann.

Ich weiß, daß auch einige Leser hier der Kirche von Rom angehören und diesen bei dem Gedanken an ein Online-Abendmahl (bzw Eucharistie) gerade sämtliche Fuß- und Fingernägel hochgeklappt sind. Mir ist bewußt, daß es sich hier wohl vor allem um ein Problem handelt, das auch nur innerhalb der evangelischen Kirchen diskutierbar ist. Aber davon gibt es ja auch andere. Mir geht es vor allem darum, inwieweit das schon bestehende evangelische Abendmahlsverständnis (bzw die Verständnisse) eine Online-Form ermöglichen würden. Es geht als nicht darum, den ökumenischen Graben noch tiefer zu graben, sondern vielleicht eher, seine Tiefe ein Stück weiter zu offenbaren. Die Spaltung haben wir ja schon. Aber zm Thema.

Bei Ralpe las ich vom wahrscheinlich ersten Online-Abendmahl. Er brachte auch einen Erfahrungsbericht. Dazu gab es dann einige Kommentarthreads etwa auf Facebook. Außerdem haben Heiko und Matthias noch eigene Artikel geschrieben. Ich hoffe, alle Beiträge (oder wenigstens die meisten) damit erfasst zu haben.

Das erste Problem, bevor man zur theologischen Begründung kommt, ist wohl im vorliegenden Fall die Durchführung gewesen. Ralpe kritisierte das Video von der duschenden Dame, das zuerst als Werbeeinblendung der Online-Plattform verstanden wurde, sich aber als Impuls für den Gottesdienst herausstellte. Daß es als solches nicht erkannt wurde (oder erkannt werden konnte) spricht nicht gegen das Online-Abendmahl, sondern vielleicht gegen die Gottesdienstgestaltung des Pfarrers.

Ein Punkt der mich persönlich störte, als ich es las, war, daß die Online-Gemeinde wohl ihr eigenes Abendmahl bekam. Die Einsetzungsworte wurden nochmal gesprochen (oder sollten es werden, der Ton riß ja ab). Für mich ein klares No-Go, denn damit wird die Abendmahlsgemeinschaft der Onlinegemeinde mit der Lokalgemeinde negiert. Wenn, dann eine Einsetzung für alle.

Überhaupt die Gemeinschaft! In den verschiedenen Kommentaren lese ich viel davon, daß eine Gemeinschaft online nicht möglich sei, und daß es deshalb kein Online-Abendmahl geben könne.

Ohne selbst je an einem Online-Gottesdienst, in welcher Form auch immer, teilgeniommen zu haben, bin ich hier skeptisch. Ich kann mir durchaus vorstellen, daß es Menschen gibt, die eine Gemeinschaftserfahrungauch online habe, genauso wie es auch andere gibt, die diese Erfahrung eben nicht haben. So wie es auch Menschen gibt, denen diese Erfahrung auch im normalen Sonntagsgottesdienst abgeht. Hier wäre mein Denkansatz: Es wird ja niemand gezwungen. Wer online keine Gemeinschaft erfahren kann, wird sowieso nicht an einem Online-Abendmahl teilnehmen, und gut is’…

Gewichtiger finde ich den Einwand, daß das Mahl eine Gabe ist, und keine Nehme. Daß also, wenn ich vorm Compter sitze und mir selbst Brot und Wein nehme dies etwas qualitativ anderes ist, als wenn mir die Elemente gereicht werden, vielleicht noch mit den Worten: „Christi Leib für Dich gegeben“/“Christi Blut für Dich vergossen“.Das kann ich durchaus nachvollziehen. Doch stelle ich mir die Frage: Kommt es hier nicht auch auf die innere Einstellung an? Ist es wirklich ein (selbstherrliches?) Nehmen, wenn ich auf die Worte des Zelebranten warte und Brot und Wein dann im Glauben an-, ein- und aufnehme? In dem Fall, so meine ich, mache ich mir das Abendmahl auch nicht selbst, sondern hänge ab. Der Unterschied, ob ich mir selbst Brot und Wein nehme, oder ob ich Blut und Leib des Herrn empfange, liegt wohl vor allem auch in der eigenen Einstellung begründet. Das Mahl kann nur im Glauben genossen werden. Ohne Glaube ist es eben kein Abendmahl, was dann auch wieder erklärt, wieso ein Online-Abendmahl für viele, die mit der Form nicht einverstanden sind, kein Abendmahl ist. Für sie ist es tatsächlich so, weil sie nicht daran glauben. Daher wirkt es auch nicht.

Was ist aber mit den Menschen, die tatsächlich daran glauben? Wenn also jemand sich vor den Rechner setzt, Brot und Wein bereitlegt, auf die Einsetzungsworte wartet und die Elemente dann zu sich nimmt (vielleicht noch mit gleichzeitiger Chatnachricht „Christi Leib für Dich gegeben“/“Christi Blut für Dich vergossen“)? Ich habe schwierigkeiten zu sagen, daß das nicht ginge.
Mir kommt sogar der Gedanke, daß es so noch viel einfacher wäre, Luthers Idee umzusetzen, daß zuerst alle Kommunikanten Bort nehmen und danach alle den Wein. In „richtigen“ Gottesdiensten muß man sich ja damit behelfen, daß in mehreren Abteilungen gefeiert wird, wenn es nicht gar ein Wandelabendmahl gibt (was ich furchtbar finde – so hat jeder seine Präferenzen).

Was ich nun gar nicht nachvollziehen kann, ist die Angst, die ich in einigen Kommentaren gelesen habe. Und zwar die Angst davor, daß irgendwer vor dem Bildschirm vielelicht nicht mit Brot und Wein, sondern mit Bier und Chips sitzen könnte, und daß dieser jemand dann vielleicht gar nicht in der richtigen Stimmung ist, vielleicht gar nebenher Onlinespiele zockt oder youtube guckt. Ich sehe einfach nicht, daß damit irgendwer geschädigt würde. Was dieser jemand zu sich nimmt, ist mangels Glauben (das wird ja mit dem „verkehrten“ Verhalten unterstellt) auch kein Abendmahl. Dieses Problem würde sich höchstens für die Kirche von Rom und die orthodoxe Christenheit stellen, wo die Wandlung bestehen bleibt (wobei dann wiederum Bier und Chips nicht fnktionieren dürften): Dann könnte sich jemand Massen an Hostien herstellen und damit Rituale mit toten Katzen auf dem Friedhof vollführen (was ich meine ist: Hostienschändung). Daß so etwas katholischerseits nicht gewünscht wird ist klar. Evangelischerseits stellt sich dieses Problem aber nicht, weil eben Christus auch in Brot und Wein Gabe an den Menschen bleibt, und nicht zum verfügbaren Werkzeug wird.

kirche

Die Weiheämter und der Landesbischof

Bee fordert eine Entschuldigung. Da geht es noch m Alois Glück, das ist ne innerkatholische Geschichte, und das sollen sie unter sich klären.

Hängen blieb ich an folgender Aussage:

Schön finde ich auch, dass uns ein Landesbischof zu guter Letzt noch darüber belehren muss, dass es unbiblisch ist, wenn Frauen der Zugang zu Weiheämtern verweigert wird.

Mir geht es jetzt gar nicht darum, ob ein evangelischer Landesbischof sich in innerkatholische Belange einmischen soll oder nicht, mir geht es erst einmal nur um die Unterstellung, die sich andernorts nämlich etwas anders liest:

Eine Kirche, die für sich in Anspruch nimmt, sich in Lehre und Ordnung an den biblischen Texten zu orientieren, kann jedenfalls nicht auf Dauer Frauen von allen Ämtern der Kirche ausschließen

Unterschied bemerkt? Nein? Nun, Bee spricht von Weiheämtern, Fischer von Kirchenämtern. Kein Unterschied? Egal? Nun, das kommt darauf an. Geht jemand davon aus, daß ein Kirchenamt immer auch eine Weihe einbezieht, mag das stimmen. Sieht man sich aber an, wie Bee den Strang weiterdreht:

Hmm… also, so weit ich informiert bin, glauben Protestanten eh nicht daran, dass es just dieses Weiheamt gibt, wie kann es dann unbiblisch sein, es Frauen zu verweigern?
Ich mein, die Landeskirchen verweigern dieses Weiheamt doch jedem und jeder, oder?

Das Problem liegt nicht an der Weihe. Zumindest nicht für Protestanten, und sicher auch nicht für Fischer. Jedenfalls sagt er davon nichts (vielleicht kann jemand seine gesamte Rede im Wortlaut verlinken um das komplett abzusichern, weil ich hab nur die epd Meldung mit dem kurzen Zitat).

Wir Protestanten verweigern keine Weiheämter, weil es sie nicht gibt aus unserer Sicht. Bei uns ist jeder Priester, qua Taufe, deshalb verlaufen solche Ansätze eher im Sande:

Vielleicht sollte einer unserer Bischöfe beim nächsten evangelischen Kirchentag einfach mal in einem Interview erzählen für wie unbiblisch er es hält, dass die Protestanten ihren Männern so ein wichtiges Sakrament vorenthalten.

Es gibt genau zwei Sakramente: Taufe und Abendmahl. Die SELK zählt noch die Beichte dazu, das ist aber innerhalb des Protestantismus (und auch des Luthertums) ne Minderheitenposition. Wie dem auch sei: Was es nicht gibt, kann nicht vorenthalten werden. Das Pfarramt gibt es jedoch – auch in der Kirche von Rom. Und das wird Frauen vorenthalten. Man kann sich ja darüber unterhalten, ob das okay ist oder nicht. Aber es ist erst einmal eine Tatsache, daß Frauen in der Kirche von Rom das Pfarramt vorenthalten wird, während alle Protestanten in ihrer jeweiligen Kirche vollen Zugang zu allen Sakramenten haben . und zwar jeweils as der je eigenen Sicht heraus.

Was nun das Biblische angeht: Wo steht da denn etwas von Weihe? Und wo steht, daß die Ämter auf Männer beschränkt sein sollen? Es ist die Rede vom Handauflegen, das gibt es aber auch schon bei der Taufe (zumindest bei uns).

Daher: Die Vergleiche mit dem Vorenthalten des Sakraments hinken nicht nur, sie stolpern, und die ganze Aufregung kommt alleine nur daher, weil etwas nicht so verstanden wird, wie es gesagt wird, sondern mit eigenen Ansichten vermischt wurde.

Nichts desto weniger frage ich mich, wieso der Chef der badischen Landeskirche sich jetzt unbedingt zur Zulassung von Frauen auf römischer Seite äußern mußte. Daß es da zu heftigen Reaktionen kommen mußte, war klar. Vielleicht hat er es ja wirklich gut gemeint mit den Glaubensbrüdern (die Schwestern treffen dort ja keine Entscheidungen), aber da wär ein rechtes Wort hinter den Kulissen wohl angebrachter gewesen. Dialog von Streitthemen in der Öffentlichkeit ist eher ne protestantische Tugend.

glaube, kirche, Religion

Die Teilnahme an der Eucharistie

Heute morgen hab ich es mal wieder geschafft, nach langer Zeit, zum Morgenlob zu gehen. Ist immer freitags, ist immer früh, ist in der KSG, aber ökumenisch in der Ausrichtung.

Und danach gibt es Frühstück und theologische Gespräche. Ich befürchte ja, daß der Kaplan manchmal vielleicht etwas genervt ist von meiner protestantischen Sichtweise, die ich offen vertrete, aber hey, es ist ne ökmenische Veranstaltung.

Heute morgen ging es mal wieder um die Eucharistie. Dabei betonte er, daß ja nicht nur Protestanten nicht hinkönnen, sondern auch allerlei Katholiken nach Lehre ihrer Kirche besser nicht zur Eucharistie gehen, um sie sich nicht zum Gericht einzunehmen. Ein Kommilitone betonte, daß früher die Teilnahme auch an die vorherige Beichte inklusive Bußübungen gebunden war, und daß dies eigentlich immer noch gelten würde.

Da dachte ich dann: Wie viel einfacher wäre die Ökumene, wenn das noch so wäre! Welcher Protestant würde noch zur römischen Eucharistie wollen, wenn die Beichte Voraussetzung ist? Und zwar auch für die Katholiken!

All die ganzen Streits über gemeinsames Abendmahl wären plötzlich von Tisch, der öffentliche Druck würde verschwinden, oder, was wahrscheinlicher ist, sich auf diesen Rückschritt konzentrieren, und etliche Priester und Bischöfe müßten sich mit noch etlicheren erbosten Gemeindegliedern rumschlagen – so jedenfalls die Befürchtng meiner katholischen Kommilitonen heute morgen. Aber das gemeinsame Abendmahl wäre erst mal aus dem Fokus der Öffentlichkeit.

Und ganz vielleicht würde ja dieser nachlassende Druck dafür sorgen, daß es dann irgendwann hinter verschlossenen Türen tatsächlich zu ner Einigung käme in der Sache, weil keiner das Gesicht verlieren muß.

Naja, man wird doch mal träumen dürfen.

glaube, kirche

Ökumene

Wir erinnern uns: Ökmene bedeutet römische Reichskirche.

So sagte ein Professor der Kirchengeschichte immer wieder in einer Vorlesung über die Kirchengeschichte des Mittelalters. Und bisher schien es mir so, als wäre dies auch das römische Verständnis im Gespräch mit den anderen Kirchen… äh, Pardon, Glaubensgemeinschaften.

Okay, ich will ja gar nicht weiter sticheln. Natürlich war es eine Enttäuschung, noch einmal unter die Nase gerieben zu kriegen, daß wir Protestanten keine „richtige“ Kirche sind. Ist im Rahmen der römischen Denkweise nur folgerichtig und konseqent, aus evangelischer Sicht aber eben falsch, da wir Kirche nicht am Weihesakrament (das wir gar nicht kennen) festmachen, sondern daran, daß dort die Sakramente recht verwaltet und Gottes Wort lauter gepredigt wird. So oder so ähnlich hatte sich Luther ausgedrückt, und auch wenn ich selbst kein Lutheraner bin, kann ich dem durchaus etwas abgewinnen.

Auch das Bemühen um die Piusbrüder bei gleichzeitiger (gefühlter) Gleichgültigkeit gegenüber den protestantischen Geschwistern von Seiten des Papstes sorgte für Enttäuschung. Aber wiederm aus römischer Perspektive nur folgerichtig, denn die Piusbrüder haben „echte“ Sakramente und weihen ihre Priester nd Bischöfe, und zwar mit apostolischer Sukzession. Insofern sind sie für Rom ungleich mehr Geschwister als wir Protestanten, ach sollte die Einheit mit ihnen schneller herzustellen sein, da die Differenzen marginal sind und soweit ich es beurteilen kann vor allem im Gehorsam dem Bischof von Rom gegenüber bestehen.

Alles aus protestantischer Sicht unschöne aber verständliche Geschehnisse der Vergangenheit. Als Protestant hatte man sich schon fast damit abgefunden, daß eine Anerkennung des eigenen Glaubens durch Rom nur um den Preis zu haben ist, sich dem Papst unterzordnen, Ökumene also als Rückkehr in den Schoß Roms, wahrscheinlich mit anschließendem Klappe halten und auf den Papst lauschen.

Jetzt nicht falsch verstehen, ich halte den Papst für einen durchaus hellen Kopf, und vieles was er sagt, hat Hand und Fuß. Aber er steht nicht zwischen mir und Gott, nd folglich werde ich mich auch nicht dem papst und seiner Lehre unterordnen, sondern sie in Betracht ziehen, mich Gott zuwenden und mit der Freiheit des Christenmenschen mich selbst vor Gott verantworten, auf den allein ich baue, ohne klerikal verordnete Mittelsmänner.

Da kam mir dann dieses Interview mit Bischof Müller aus Regensburg unter, der neben den Katholiken Regensburgs auch noch für die Ökumene zuständig ist. Und der hat ein paar ganz tolle Kracher losgelassen, durchaus scharf, durchaus fragwürdig, aber endlich auch einmal wieder eine Äußerung von römischer Seite in Richtung der Protestanten.

Der Einstieg ins Interview gescheiht über eine Einschätzung zm Stand der Ökumene mit den Protestanten, und anstatt auf den getrennten Tisch des Herrn einzugehen, was wohl alle Protestanten machen würden, hat er ganz andere Prioritäten, und die sind nicht einmal dogmatisch. Sie sind ethischer Natur, er nennt nämlich Bio- und Sexalethik! Hier gäbe es Spannungen und in der Tat, die gibt es. Ich hätte sie jedoch as protestantischer Sicht nie für so beträchtlich gehalten, daß sie die Ökumene belasten würden. Er nennt die Heilige Schrift und die Glaubenslehre als Grundlage für die Position Roms, wobei ich eine Auseinandersetzung über die Herleitung der römischen Sexalethik aus der Schrift interessant fände. In der Bioethik vertrete ich sehr römische Ansichten und stehe vielen evangelischen Protagonisten eher kritisch gegenüber, insofern fände ich diesen Aspekt jetzt nicht so interessant. Die Sexualethik der römischen Kirche und die Heilige Schrift, das ist jedoch eine Thematik, die ich gerne vertiefen würde. Leider geht Müller nicht näher darauf ein.

Es folgt auf dem Fuße die Frage nach dem gemeinsamen Herrenmahl, und Müller antwortet wie nicht anders zu erwarten: Das ist Zeichen der Kircheneinheit und kann nicht geschehen, wo es noch keine Einheit gibt. Klare Ansage von ihm, klare Ablehung von mir. Vor allem, wenn Einheit bedeten sollte, daß alles monokulturell unter einem Hut, nämlich der Mithra des römischen Bischofs, gefaßt werden soll, um Einheit zu haben. Interessant wäre zu wissen, in welchen Fragen denn Einheit erzielt werden muß. In der Dogmatik? Auch in der Ethik? Sind abweichende Liturgien ein Grund gegen Einheit? Wie steht es mit dem Laienkelch? Wie ist es mit der Berufung Homosexueller zu Pfarrern, oder gar von Frauen? Dürfen wir noch eine eigene Kircheninstitution haben, oder muß auch diese aufgelöst und die Kirchengleider von den Bistümern der römischen Kirche afgenommen werden? Ich habe leider den Eindruck, man will uns Protestanten mit der Aussicht auf das gemeinsame Abendmahl locken, um uns dann doch noch einzufangen. In der Zwischenzeit gibt es Agapemahle, aber darauf geh ich jetzt nicht ein, das ärgert mich nur.

Er vergleicht die gemeinsame Eucharistie mit der obersten Sprosse einer Leiter, die man nicht zuerst nehmen könne, vor den anderen. Einverstanden, aber dann wäre es wichtig und sinnvoll, sich darüber zu verständigen, was die anderen Sprossen sind. Ich habe hier wirklich ein Verständnisproblem, denn in evangelischer Tradition steht der Mensch nun einmal alleine vor Gott, was eine große Varianz innerhalb der evangelischen Kirchen zur Folge hat, mit allen Vor- und Nachteilen. Ich finde, die Vorteile überwiegen die Nachteile jedoch bei weitem. In Rom sieht man das wohl anders. Unter Umständen sieht man nur ungeordnetes Chaos, wenn man die reformatorischen Kirchen ansieht. Und diese Unordnng ist man in der römischen Kirche wohl nicht mehr gewohnt in Zeiten, wo alles nach Rom ausgerichtet und der Papst nebst Konzilien unfehlbar ist.

Bischof Müller sagt weiterhin, daß ein um die Ökumene besorgter Mensch nicht immer Forderungen stellen soll, sondern sehen soll, wie man bei sich selbst etwas tun kann. Schön und gut, möchte ich. Aber was wäre denn gewünscht? Und da kommen die Forderungen wieder ins Spiel. Was die Protestanten wollen, dürfte klar sein: Gemeinsam kommunizieren ohne von Gott lassen zu müssen, denn nicht anders müßte ich es verstehen, wenn ich den Papst als unfehlbare Instanz zwischen mir und dem wahrhaft unfehlbaren Gott anerkennen müßte. Das wollen die Römer wiederum nicht. Aber was sie wollen, ist mir noch nicht ganz klar. Vielleicht sollte man sich doch einmal verstärkt über die Ethik unterhalten, nd die Dogmatik einmal bei Seite lassen?

Froh wäre ich allerdings, wenn Müller seine Drohung wahrmachen würde, und gegen Vorgänge und Auffassungen in den evangelischen Kirchen protestierte, die nicht biblisch begründet sind. Sicher sind Diskussionen über rechte Bibelauslegung immer ein veritabler Konfliktort, aber das sollte ns nicht davon abhalten, nach der Wahrheit zu streben, und ein Weg zu ihr führt über die Kritik. In diesem Sinne bitte, Herr Bischof, nennen Sie Ihre Bedenken.

Dann spricht der Bischof davon, daß es zu einer Wellness-Religion käme, wenn Ökumene wie eine feindliche Übernahme aus der Geschäftswelt funktionierte. Nun denn, das bedeutet implizit also, wir Protestanten würden einer Wellness-Religion anhängen. Falls der Bischof es tatsächlich so gemeint haben sollte, fühle ich mich nun doch ein bißchen angegriffen. Was ist denn bei uns bitte schön mehr Wellness als in Rom? Auch hier würde ich mir mehr Ausführung durch Müller wünschen. Vielleicht kommt das ja noch die Tage.

Sicherlich kann, um nochmal auf die feinliche Übernahme zurückzukommen, Ökumene nicht so funktionieren, daß die Römer protestantisch werden. Genausowenig wie sie so funktionieren kann, daß die Protestanten sich wieder Rom unterwerfen. Die Frage ist, was kann man loslassen und was ist einem wichtig. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, wo bei den Römern Beweglichkeit herrscht. Ich kann es nur für mich sagen: Wichtig ist mir, daß ich nicht durch irgendwelche Instanzen von Christus getrennt werde, denn Er ist mein Herr, und zwar direkt, ohne Mittelsleute. Gott ist mein Vater, der direkt zu mir spricht und nicht der Stimme eines Bischofs in Italien bedarf, um mir zu sagen, daß ich Sein Kind bin. Ich sehe jedoch auch das Problem darin, denn was ich mir rausnehmen will, ist nichts als eine sehr große Freiheit und Unabhängigkeit von Lehrämtern und dergleichen, nd ich sehe nicht, wie Rom dies zulassen könnte und trotzdem von Kircheneinheit sprechen.

Verstehen wiederm kann ich, daß Müller es nicht mag, als unmodern und rückständig dargestellt zu werden, im Gegensatz zu den Evangelischen Kirchen, die durch Aufklärung nd Moderne hindrchgegangen sind, wie er Huber zitiert. Keiner hört sich gerne an, daß er unaufgeklärt sei. Und ich finde, das beschreibt die römische Kirche ach nur sehr unzreichend. In der Tat scheint es mir so, daß die Vernunft in Rom viel höher angesehen ist als bei protestantischen Gläubigen, ich schließe mich da gerne mit ein. Wobei vielleicht noch zu klären wäre, was genau mit Vernunft gemeint ist.

Dann geht es um die Reformation, in deren Folge etwas geschah, was nicht hätte sein dürfen, nämliche die Kirchenspaltung. Hier muß ich dem Bischof unumwunden Recht geben, ich kann es menschlich auch verstehen, daß die Kirche von Rom im Tridentinum die Spaltung vollzog, vielleicht in der Hoffnng, so doch noch einmal das Ruder herumzureißen und die Kontrolle wiedererlangen zu können. Leider war es dann aber doch die Spaltung, die die römische Kirche vollzog, indem sie sich vom Rest der Catholica abspaltete. Aber gerade m das rückgängig zu machen, ist ja die Ökumene da, um die Einheit wieder herzustellen, wie sie vor dem Tridentinum gegeben war.

Am Schluß spricht er noch die Aussage Luthers an, der Papst sei der Antichrist. Auch hier kann ich den Wunsch nach Distanzierng verstehen, genaso wie ich mir wünsche, daß Zwingli, Calvin und alle anderen Reformatoren in Rom rehabilitiert werden. Daz ist es aber nötig, erst einmal herauszuarbeiten, was mit der Aussage gemient war, und inwieweit man das hete immer noch so sehen würde, wenn auch weniger polemisch in Worte gefaßt.

Mir erscheint es wichtig, die Ökumene nicht nur voranzubringen, sondern sie auch ernst zu nehmen. Und das bedeutet dann auch anzusprechen, wenn man zu Punkten kommt, wo das Verständnis grundverschieden ist. Da kann man nicht einfach den Teppich drüber ausbreiten und so tun, als wäre nichts. Wir Protestanten sind aus einem Grund protestantisch, und die römischen Christen sind aus einem Grund römische Christen. Und das Kirchenverständnis Roms ist mir fremd bis zur Unverständlichkeit. So wie den Römern vielleicht auch unverständlich ist, wie wir Protestanten verschiedene ethische nd dogmatische Ansichten haben und trotzdem eine Kirche sein können.

Um einander zu verstehen, muß man miteinander sprechen. Und das geschieht nun, aufgrund der scharfen Äußerungen Müllers. Mal sehen, wie es weitergeht.

Update: Heute habe ich im Österreich Journal eine Meldung über die Reaktion Prof. Körtners aus Wien af das Müllerinterview entdeckt.