Religion

Mit den Waffen des Lichts gegen die Mächte der Finsternis

Die Predigt von letztem Wochenende. Predigttext war Röm 13, 8-12

Liebe Gemeinde,

mit Finsternis kann man keine Finsternis austreiben. Und wenn wir momentan die Nachrichten einschalten: Finsternis haben wir zur Genüge: Beirut, Paris, Brüssel, Bamako, aber auch Hannover. Al Quaida und Daesh, wie man den IS auch nennt, verbreiten Angst und Schrecken, zunehmend nun auch bei uns. Aber auch Heidenau, Dresden, Berlin: Von Ablehnung bis zum offenen Hass gehen viele Reaktionen auf die Flüchtlinge.

Wenn wir ins Internet schauen, in die sozialen Medien, dann kann man den Eindruck bekommen, dass viele Menschen dem Hass erlegen sind. Man findet einerseits die Propaganda von Daesh, Videos und Texte dieser Verbrecher, eingestellt um Angst zu verbreiten und Terror zu erzeugen. Auf der anderen Seite werden Horrorgeschichten über kriminelle Flüchtlinge erfunden oder aufgebauscht, vielleicht hier und dort auch ein Missverständnis hochgespielt.

Ein Beispiel: In einem Gespräch letzte Woche wurde mir erzählt, dass in einer Unterkunft irgendwo in der Pfalz Flüchtlinge die Heizung hochgedreht und gleichzeitig das Fenster offen gelassen hätten. Und dann wurde sich aufgeregt, wie DIE UNSER Geld verschwenden. Man hätte auch hingehen können und auf das Problem aufmerksam machen. Ich erinnere mich, dass in meiner Schulzeit dieses Verhalten von Seiten der Schüler auch existierte. Außer einem Badener und einem DDR-Flüchtlingskind hatten wir niemanden mit Migrationshintergrund in der Klasse.

Liebe Gemeinde, mit Finsternis kann man keine Finsternis austreiben. Mit was dann? Manchmal betreibe ich im Internet Couterspeech. Als vor einer Weile die großen Medien auf die Hasskommentare im Internet aufmerksam wurden, hatte man das als Umgang damit empfohlen: Einspruch erheben gegen diese Hasskommentare, Gegenbeispiele aufzeigen, den Hass nicht unwidersprochen stehen lassen. Ich kann Ihnen so viel berichten: Es kostet viel Zeit und viele Nerven, und ich bin sehr skeptisch ob ich bei irgend jemandem durchgedrungen bin. Viele haben mich auch einfach blockiert, mich auf stumm gestellt, damit sie die entgegengesetzte Meinung gar nicht erst hören müssen und ganz ehrlich: Ich kann es nachvollziehen: Auch ich blockiere Leute, die mich mit ihren Nachrichten nerven. Ich gebe mir Mühe, offen für andere Ansichten zu bleiben, aber irgendwann kann ich das nicht mehr. Wir Menschen tendieren dazu, uns voneinander abzuschotten, wenn wir verschiedener Ansicht sind.

Oder wir gehen aufeinander los. Die Polizei hat mitunter Schwierigkeiten bei politischen Demonstrationen rechte und linke Demonstranten zu trennen, aber auch bei Fußballspielen kommt es oft zu Gewalt zwischen den Anhängern gegnerischer Mannschaften. Als ob die Niederlage auf dem Platz durch eine Schlägerei vor dem Platz wettgemacht werden könnte.

Und wir schaukeln einander hoch.

Haben Sie auch schon die Erfahrung gemacht, dass Sie sich gestritten haben und gar nicht mehr so recht wissen, womit es eigentlich los ging? Irgendetwas gibt den Ausschlag, dass ich mich aufrege und austeile, und prompt bekomme ich eine nicht weniger gepfefferte Antwort und so ergibt ein Wort das Nächste und man kommt immer weiter rein in den Streit, bis man gar nicht mehr weiß,um was es ursprünglich ging.

Unser Verhalten zieht auch Kreise:

Ein Gerät funktioniert nicht, ich rufe die Servicenummer an und der Computer am anderen Ende der Leitung macht mich fast verrückt, weil mein Hochdeutsch wohl doch etwas zu pfälzisch klingt und er mich nicht versteht. Wenn ich dann endlich einen Menschen am Telefon habe, bekommt der meinen gesamten angestauten Frust ab. Dieser Mensch kriegt in seiner 10 Stunden Schicht so viele Wutausbrüche ab, dass es ihn so belastet, dass er krank wird und ausfällt. Schließlich verliert er seine sowieso schon schlecht bezahlte Stelle. Seine Eltern machen sich daraufhin Sorgen, der Vater ist womöglich Industriemeister und lässt seinen Frust bei seinen Arbeitern ab. Einer davon macht sich daraufhin Sorgen, nicht in eine Feststelle übernommen zu werden, ist gedanklich nicht bei der Sache und verursacht vielleicht einen Unfall mit dem Gabelstapler. Und so zieht meine Wut immer weitere Kreise und verursacht immer mehr Leid.

In diesem Beispiel merkt man, wie auch Angst eine Rolle spielt in diesen Mechanismen: Angst kann verunsichern und so auch zu zweifelhaften Taten führen. Angst, den Beruf zu verlieren, Angst, schlecht dazustehen vor dem Chef, vor dem Partner, vor den Kindern. Angst vor Fremdem, Angst vor Kriminalität, Angst vor Veränderung. Angst vor dem Tod. Angst kann dazu führen, dass man unbesonnen und extrem reagiert, ob die Angst begründet ist oder nicht. So fürchten sich offenbar viele Menschen vor den Flüchtlingen und setzen ihre Hoffnung deshalb auf Populisten. Einige wenige greifen sogar zur Gewalt gegen Flüchtlinge. Andere Menschen haben so viel Angst vor rechten Gewalttätern, dass sie selbst zur Gewalt gegen alle greifen, die sie für rechts halten. Damit die Gewalt der anderen nicht überhand nimmt, setzen sie ihre eigene Gewalt dagegen.

Es ist wie Friedrich Schiller im Wallenstein beschreibt: Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären. Und irgendwann kommt man so zu Krieg und Terror.

Die böse Tat oder das böse Wort pflanzt sich fort, zieht immer mehr Menschen in Mitleidenschaft auf seinem Weg. So läuft das seit Jahrtausenden und es ist angesichts dessen ein Wunder, dass es nicht noch schlimmer zugeht auf der Welt, dass es nicht noch finsterer ist.

Mit Finsternis kann man keine Finsternis austreiben, liebe Gemeinde, Finsternis kann immer nur Finsternis hervorbringen.

Und in dieser ganzen Finsternis, die uns umgibt, hören wir jetzt in Bibelversen, Gebeten und Liedern davon, dass ein König kommen soll. Wir sind im Advent, was wie Pfarrer Funke sicher schon mehrfach erklärt hat Ankunft bedeutet und sich auf die Ankunft Jesu Christi auf der Erde bezieht. Ein süßes kleines Kind in Bethelhem im Stall, ganz idyllisch zwischen Ochs und Esel.

Darüber vergessen wir leicht, dass ein König jemand mit außerordentlicher Macht war, der seine Macht auch durchzusetzen wusste. Also ziemlich das Gegenteil von einem süßen kleinen Kind in beschaulicher Postkartenidylle.

Die Postkartenidylle täuscht daher ein wenig darüber hinweg, wer dieser Jesus ist: Ein mächtiger König, der direkt vom Himmel kommt, der unglaubliche Macht hat und auch eine klare Vorstellung davon, was Recht ist und was Unrecht. Auf die Ankunft dieses Königs bereiten wir uns im Advent vor. Was haben wir da zu erwarten, bei dem ganzen Leid, das unsere Taten nach sich ziehen?

Sind wir doch einmal ehrlich: Würden wir, wenn wir als Könige in so ein Chaos kämen, nicht unsere ganze Macht daran setzen, diese Taten zu unterbinden? Würden wir nicht zu Zwang und vielleicht sogar Gewalt greifen, um die Fortpflanzung der bösen Taten zu begrenzen? So wie die Polizei im Zweifel Gewalt anwendet, wenn sie Recht und Ordnung durchsetzt?So wie die Mächtigen dieser Welt immer wieder zum Mittel des Krieges greifen, nicht nur um die eigenen Interessen durchzusetzen, sondern auch um Völkermorde zu beenden und Sicherheit für Minderheiten und Unterdrückte zu gewährleisten?

Liebe Gemeinde, mit Finsternis kann man keine Finsternis austreiben. Wie Finsternis immer nur Finsternis gebirt, wie böse Taten immer nur böse Taten gebären, so gebirt auch Gewalt immer nur Gewalt, Hass immer nur Hass, Angst immer nur Angst.

Wie durchbricht man die Gewalt-, Hass- und Angstspiralen? Wie besiegt man die Finsternis? Nicht mit mehr Angst, Hass und Gewalt, nicht mit mehr Finsternis, sondern mit Licht, mit dem Gegenteil von Angst, Hass und Gewalt: Mit Liebe und Vertrauen.

Counterspeech zu betreiben, das habe ich bei meinen Versuchen erfahren, erfordert viel Kraft. Nämlich Kraft, die Beleidigungen, die einem an den Kopf geworfen werden, wegzustecken und bei der Antwort an der Liebe festzuhalten, und nicht die Spirale weiterzudrehen. So nimmt man dem Gegner irgendwann den Wind aus den Segeln und kommt vielleicht an den Punkt, wo man ganz offen miteinander ins Gespräch kommt und sich wirklich etwas ändert.

Überhaupt, wenn man es schafft, die Hass und die Gewalt, die man selbst erfährt, nicht weiterzugeben, unterbricht man die Fortzeugung der bösen Taten und Worte. Auch wenn es viel Kraft kostet: Die Welt wird ein wenig heller.

So hat auch Jesus angefangen, die Welt heller zu machen. Er hat alles auf sich genommen, die Gewalt nicht weitergegeben, selbst als es um sein Leben ging.

Die Kraft dazu schöpfte er aus seinem Gottvertrauen. Sein Glaube war stark genug darauf zu vertrauen, dass Gott ihn letztendlich nicht fallen lassen wird,dass alle seineAnstrengung und alles Leid, das er erfahren muss, nicht umsonst gewesen seinwird. Weil er die Gewalt, die er erfuhr, nicht weitergeben musste, war er der letzte, der die Spirale durchbrach. Diese Gewalt, dieser Hass zog keine Kreise mehr.

So besiegte er die Finsternis. Mit dem Licht der Liebe und der Kraft des Glaubens. Und nun bereiten wir uns darauf vor das Fest der Ankunft dieses Königs zu feiern. Der Advent ist die Zeit der Vorbereitung, der Selbstprüfung.

Habe ich diesen Glauben? Kann ich darauf vertrauen, dass Gott mir beisteht und ich nicht fallen lassen wird? Habe ich die Kraft, die Werke der Finsternis abzulegen und nicht weiter an den Hass- und Gewaltspiralen zu drehen?

Was hindert es dann, mich dem König in seinem Kampf gegen die Finsternis anzuschließen?

Auch wenn ich nicht jede Schlacht gewinnen kann, weil ich ein Mensch bin und immer wieder Zweifel habe, so trage ich doch mit jedem Sieg dazu bei, die Welt ein wenig heller zu machen und das Reich des Königs aufzurichten, indem ich die Waffen des Lichts aufnehme und wie Paulus im Predigttext schreibt das Gesetz erfülle und Liebe übe?

Glaube, Religion, Theologie

Die Religion und die Werte

In diesem Artikel zitiere ich MartinLuther King Jr. Ich fand, seine Beschreibung von Wissenschaft und Religion hat was, weil er auf den Punkt bringt, was beide wollen, wo ihre Stärken liegen und wieso beide wunderbar miteinander vereinbar sind.

Beim nochmaligen Durchlesenist mir jedoch ein Satz ins Auge gesprungen, der mir so nicht recht gefällt:

Science deals mainly with facts; religion deals mainly with values.

Wissenschaft geht vor allem mit Fakten um; Religion geht vor allem mit Werten um.

Ich bin da etwas skeptisch. Geht Religion nicht mit viel mehr um? King schreibt vorher, Religion würde interpretieren. Sie geht also nicht nur mit Werten um, sie kreiert die Werte und Maßstäbe, die sie anlegt selbst. Ich würde so ad hoc sagen, als Quelle dienen ihr dabei das Wissen (für das heute vor allem die Wissenschaft zuständig ist) sowie die Offenbarung. Die Offenbarung allerdings ist nicht Sache der Wissenschaft, sondern des Glaubens, der Religion, der Theologie. Sie ist unverfügbare und damit unreproduzierbare und deshalb nicht mit wissenschaftlichen Methoden untersuchbare Erfahrung.

Und um die geht es in der Religion eben auch, das ist weniger ein Wert, als daß es mit Realität zu tun hat.

Und hier, so fürchte ich, liegt das eigentliche Problem zwischen Religion und Wissenschaft. Interpretationen liefern auch Philosophien, auch davon gibt es mehrere, und sie passen ebensowie Religion wunderbar mit der Wissenschaft zusammen.

Aber Religion hat auch ein gewisses Verständnis von Wirklichkeit, von Realität, das sich nicht zu 100% (natur-)wissenschaftlich erfassen läßt. Dazu gehört etwa dieAuferstehung, die Existenz Gottes, das ewige Leben. Für die (in dem Fall christliche) Religion ist das alles Teil der Wirklichkeit und bestimmt auch dasmaterielle Leben der Christen hier und jetzt. Für die Naturwissenschaft ist das nciht greifbar, außerhalbdes eigenen Beschreibungs- und wahrscheinlich bei Vielen auch Vorstellungsraums. Wer davon ausgeht, daß die Naturwissenschaft, die ja materialistisch arbeitet, weil nur Materie verfügbar ist, theoretisch in der Lage ist, die Welt komplett zu beschreiben, der wird in Religion nur Hirngespinste sehen können, selbst wenn er den Hirngespinsten in der für ihn realen (=materiellen) Welt positive Wirkungen bescheinigen sollte.

Wer sich vorstellen kann, daß die Naturwissenschaft nur einen Teilbereich der Wirklichkeit, der Realität beschreiben kann (den aber verdammt gut) und daß es andere Teilbereiche gibt, wie etwa die der Werte, aber auch die der Offenbarung, dann paßt das alles wunderbar zusammen.

Zu guter Letzt: Es gibt ja auch Philosophien, die Aussagen über die Wirklichkeit trafen. Aristoteles hatte sich zu allem möglichen Gedanken gemacht und sein Weltbild hat die europäischen Wissenschaften anfangs (als sie noch nicht kritisch waren) über Jahrhunderte geprägt. Später, als sie aufgrund neuerer Forschungen nicht mehr haltbar waren, wurde umgedeutet, kamen neue Philosophien auf. So ist das ja auch in der Religion. Auch sie ist flexibel und war es immer. König David kannte keine Trinität, Jesus kannte keine Katechismen und für Paulus war Sklaverei etwas Normales. So wie in der Wissenschaftgibtes auch in der Religion neue Erkenntnisse, neue Ideen, die auf Altem aufbauen und es so deuten, daß es verständlich bleibt.

Durch die – nennen wir es mal „erweiterte Wirklichkeit“ – der Religion im Gegensatz zur Naturwissenschaft ergibt sich natürlich auch eine andere Wertung. Es gibt ja durchaus auch materielle Philosophen, die dann eben ganz andere Werte haben als die Religion sie lehrt. Vielleicht könnte man King variieren, indem man sagte:

Wissenschaft geht mit Fakten um, Religion geht mit der Wirklichkeit um.

Die Werte scheinen mir ein weiterer Block neben der erweiterten Wirklichkeit zu sein. Ob sie abgeleitet sind von der erweiterten Wirklichkeit, oder ob sie unabgeleitet sind,ist mir noch nicht klar. Wenn mir das klar wird,kommt vielleicht ein weiterer Blogpost…

Kirche, Religion, Theologie

Predigt zu Mt 25, 14-30; 9. Sonntag nach Trinitatis

Lesungen:

Jer 1, 4-10:

Und des HERRN Wort geschah zu mir:
Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.
Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.
Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Phil 3, 7-14:

Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet.
Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne
und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird.1
Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden,
damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.
Das Ziel
Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.
Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist,
und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Predigttext:

Mt 25, 14-30:

Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an;
dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.
Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu.
Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu.
Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.
Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen.
Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen.
Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen.
Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast;
und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.
Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe?
Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.
Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat.
Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.
Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

Liebe Gemeinde,

vor einigen Tagen sah ich im Internet ein Bild von einem Monopoly Spielbrett. Unter dem Bild stand:

Ihr spielt Monopoly. Ein Spieler bekommt am Anfang alles außer der Turmstraße, außerdem dazu noch 95% von der Bank. Von Euch wird erwartet, mit dem, was übrig ist, zu gewinnen. Natürlich verliert Ihr sofort. Warum? Es muß an Eurer Faulheit liegen!

Derartige Äußerungen hört man in den letzten Jahren öfter. Seit vor einigen Jahren die Bank Lehman Brothers pleite ging folgt eine Krise auf die nächste. Viele Menschen verloren ihre Arbeit, und irgendwo muß ein Schuldiger auszumachen sein. Natürlich sind es „die da oben“. Die mit dem Geld, die Banker, das eine Prozent – wie sich die Occupy Bewegung ausdrückte – die sollen schuld sein an der allgemeinen Misere.

Und die Misere ist durchaus mit Händen zu greifen, die Durchökonomisierung unserer Gesellschaft führt zu Veränderungen. Veränderungen, die durchaus auch ihre negativen Seiten haben.

Zum Beispiel die Grünstädter Innenstadt: Immer mehr Geschäfte verschwinden. Viele Läden stehen leer. Als ich hier her zog dachte ich noch: So schlimm ist das doch gar nicht. Ich komme aus Klingenmünster, die nächste Stadt dort ist Bergzabern – und Bergzabern ist, was das Aussterben der Innenstadt angeht, nach meinem Empfinden Grünstadt um einiges voraus. Überhaupt, das Aussterben der Innenstädte hatte ich unter „ist halt so“ abgelegt.

Und was will man auch tun? So ist das Gesetz des Marktes: Wer zu teuer ist oder nur ein kleines Angebot hat, wird auf lange Sicht nicht bestehen können. Also versucht man, den Preis zu drücken. Man geht raus aus der Stadt mit den vergleichsweise kleinen Ladenflächen und den vergleichsweise hohen Mieten. Man zahlt den Angestellten weniger, soweit es geht, oder man lässt sie mehr arbeiten. Das führt natürlich dazu, daß die Angestellten selbst genauer auf den Preis schauen müssen, was wieder die Geschäfte in der Innenstadt benachteiligt, und so weiter. Ein Teufelskreis!

Und am Ende ist es dann so, daß man, wenn man ab einem gewissen Alter nicht mehr so gut zu Fuß ist, keine geringen Probleme bekommt, die grundlegende Versorgung mit Lebensmitteln selbst hinzubekommen. Der Weg in die Supermärkte ist weit, und die Hitze kommt im Sommer noch erschwerend hinzu.

Ein weiteres Beispiel wären die Altenheime – und wieder gehören die Alten mit zu den Leidtragenden. Auch hier muß wirtschaftlich gearbeitet werden, was dazu führt, daß die Pflegekräfte immer weniger Zeit haben, sich um die Menschen zu kümmern, die sie pflegen sollen. Bezahlt wird nur die Pflegeleistung, nicht das freundliche Wort, nicht die Sorge um den Menschen als Menschen.

Dieses System der Wirtschaftlichkeit hat uns mit seiner Radikalität in weiten Teilen gefangen genommen. Manchmal frage ich mich, ob man nicht sogar von einem Götzendienst sprechen könnte, bei dem alles dem Gewinn, dem Mammon geopfert wird, in der Hoffnung auf eine wirtschaftliche gesicherte Zukunft.

Dieser Götzendienst ist für manche, meist in anderen Ländern, sogar ein tödliches System. Der Kostendruck sorgt dafür, daß weder die Sicherheit der Arbeiter noch der Schutz der Umwelt und damit die Gesundheit der Bevölkerung beachtet werden. Diamanten und seltene Erden für unsere Elektronik schüren bewaffnete Konflikte.

Bei uns sind die Auswirkungen nicht ganz so schlimm, aber auf jeden Fall spürbar. Und wer sich nicht einfügt, der fliegt raus. Wer keine Leistung bringt, nicht mit schwimmt, nicht verwertbar ist, der fällt durch und muß sehen, wo er bleibt.

Und dann erzählt Jesus ein Gleichnis vom Himmelreich. Nun wissen wir aus anderen Geschichten, daß Jesus ein Freund der Zöllner war und die Zöllner, das war die Geldelite in der damaligen Gesellschaft. Wen wundert es da, daß Jesus sich hier im Predigttext auf die Seite der Reichen schlägt:

Zwei passen ins System, bringen Leistung, handeln, machen Gewinn und werden am Ende gelobt. Welche Geschäfte sie machten, erfahren wir nicht. Auf wessen Kosten die Geschäfte gingen, ob vielleicht jemand seine Arbeit, seine Existenz verlor… nichts! Es interessiert offenbar nicht: Wichtig ist der Gewinn. Wie bei uns. Und dafür gibt es Lob.

Und dann ist da der dritte Knecht. Er war schon von Anfang an benachteiligt, bekam das wenigste Startkapital. Er macht keinen Verlust. Er bringt das anvertraute Geld auch nicht durch. Er nimmt es um vergräbt es in der Erde, damit es sicher ist. Und er ist am Ende der Dumme, der von seinem Herrn gerügt wird und raus fliegt.

So soll das also auch im Himmelreich sein: Wer nicht genug leistet, der fliegt raus. So wie in unserem jetzigen Leben. Wer keine Früchte bringt, der wird abgehauen und ausgerissen.

Es ist ein Unterschied zwischen keine Leistung und nicht genug Leistung. Es ist ja nicht so, daß die Ladenbesitzer in den Innenstädten nicht arbeiten würden, keine Leistung bringen würden. Es reicht halt bloß oft nicht, um mit den Geschäften im Industriegebiet oder den Internetshops konkurrieren zu können.

Der Knecht hier ist aber nicht wie einer der Ladenbesitzer, der schweren Herzens das Geschäft aufgeben muß. Der Knecht hat es nicht einmal versucht.

Dabei weiß er, als Knecht – Sklave würden wir heute sagen – ist es seine Aufgabe, seinem Herrn zu dienen. Und wenn man in dem Fall Geld erhält, um es zu verwalten, dann hat man es zu investieren und zu vermehren, so wie der Herr es tun würde.

Der Knecht tut es nicht, bringt es nicht einmal zur Bank. Er tut so, als hätte er nichts damit zu tun. Als hätte er nichts mit dem Reichtum seines Herrn zu tun, als würde er nicht selbst von diesem Reichtum leben, denn als Sklave bekommt er keinen Lohn. Geht es dem Herrn schlecht, geht es den Sklaven noch schlechter. Geht es dem Herrn gut, dann geht es auch den Sklaven besser. Dem Knecht ist das egal. Er ißt zwar das Brot seines Herrn, nimmt das Gute mit, für das seine Mitknechte arbeiten, tut aber selbst keinen Handschlag dazu. Er spricht zu seinem Herrn noch in famoser Selbstüberhebung davon, daß er ihm „das seine“ gibt. Als ob das vergrabene Geld, und nur das, der Eigentum des Herrn wär. Wenn ich das so lese höre ich da ein „hier, das reicht für dich, mehr brauchst du nicht“ heraus.

Der Knecht hat sich vollkommen heraus genommen aus seinem Umfeld. Er jagt keinem Zielpreis nach wie Paulus es im Philipperbrief beschreibt – das haben wir in der Lesung ja gerade gehört – , er steckt sich nicht nach „dem da vorne“ aus.

Die beiden anderen Knechte stehen ebenso unter dem Schutz ihres Herrn. Sie nehmen das aber nicht zum Anlaß, nichts mehr zu tun, sondern kommen ihren Aufgaben nach. Sie sehen nicht nur auf ihre eigene Person, sondern begreifen sich als Teil eines Ganzen, einer Gemeinschaft, für die sie nach Kräften arbeiten.

Auffällig ist, daß die beiden guten Knechte je 100% Rendite machen. Der mit den 5 Zentnern erwirtschaftet weitere 5, ebenso erwirtschaftete der, der 2 Zentner erhielt weitere 2. Das Himmelreich ist eine Sache von ganz oder gar nicht. Wer sich einbringt, der wird offenbar auch erfolgreich sein, egal, wie sein Startguthaben aussah.

Das griechische Wort, das hier mit Zentner übersetzt wurde, lautet übrigens talentäs, und wenn Ihr jetzt an das deutsche Wort Talent denkt, seid Ihr genau richtig.

Altenpflegerinnen haben heutzutage kaum Zeit, sich über die nötigsten Bedürfnisse hinaus um ihre Klienten – so nennt man die Bewohner des Altenheims, auch ein Zeichen für die Durchökonomisierung der Gesellschaft – zu kümmern, aber sie schaffen es immer wieder, es trotzdem irgendwie zu tun, was natürlich auf ihre eigenen Kosten geht.

Und sicher gibt es auch einige Manager, die trotz Kostendruck und Konkurrenzkampf sich dafür einsetzen, daß die Arbeitsbedingungen in den Entwicklungsländern – und auch bei uns – verbessert werden, wenn sie auch nur kleine Schritte machen können, wegen der Zwänge des Mammonsystems. Aber auch wenn sie kleine Schritte machen, weil sie nur wenige Talente bekommen haben, setzen sie diese doch ein für die Gesellschaft, für die Menschen, für die Kinder Gottes.

Jeremia schätzt sein Talent als Prophet als nicht sehr hoch ein. Er sei zu jung meint er, als er von Gott berufen wird. Letztlich läßt er sich überzeugen, aber stellt Euch vor, Jeremia hätte sein eines Talent auch einfach vergraben…

Gott hat uns mit vielen Talenten ausgestattet. Einer kann singen, der andere ist technisch begabt und wieder jemand anders kennt sich mit Handarbeit aus. Diese Talente sind uns nicht nur zum Zeitvertreib gegeben. Es sind unsere Silberzentner, mit denen wir wuchern können, zum Nutzen aller.

Und wenn wir das tun, wenn wir so wie die Knechte mit unseren Talenten zum Wohle der Gemeinschaft und im Sinne unseres Herren handeln, dann werden wir erfolgreich sein, dann werden wir die Fülle haben, dann sind wir wirklich reich, und der Mammon, der uns Reichtum nur vorgaukelt und uns in seinen Notwendigkeiten gefangen nimmt, kann einpacken.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Glaube, Kirche, Religion, Theologie

Oh Osterhas‘, oh Osterhas‘, wie lang sind deine Ohren!

Hast Du Dich auch schon einml darüber gewundert? Es gibt jede Menge Kinderlieder zu Weihnachten, und man kann von vielen zumindest die erste Strophe auswendig mitsingen.

Jedenfalls geht mir das so. Ich bin seit Oktober als Vikr in der Grundschule und erlebe zum ersten Mal seit Jahren wieder viel bewußter die Vorweihnachtszeit. Im Studium war anderes wichtiger, der Alltagsstreß hatte mich, Weihnachten kam ganz plötzlich, nämlich wenn ich gegen den 24. nach Hause zu meinen Eltern fuhr, und war dann nach ein paar Tagen auch wieder um.

Das Vikariat ist nicht unbedingt unstressiger als das Studium, aber man ht von Berufs Wegen mehr mit Weihnachten zu tun. In der Grundschule basteln wir seit Ende November Weihnachtsschmuck und singen Weihnachtslieder.

Vor Jahren, ich war wohl selbst fast noch ein Kind, stellte ich mir die Frage schon einmal: Wieso gibt es so viele Weihnachtslieder, aber kein einziges Osterlied?

Raphael [Public domain], via Wikimedia Commons

Halt! werden einige sagen: Osterlieder gibt es doch! Man braucht nur ins Gesangbuch zu gucken. Das stimmt, aber die meine ich nicht. Mir geht es um Kinderlieder, und kein Kind singt „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ oder „Christ ist erstanden“ (Kinder singen auch selten „Macht hoch die Tür“ oder „Tochter Zion“).

Ich meine Lieder von der Art wie „Stille Nacht“ oder „Süßer die Glocken“ oder „Vom Himmel hoch“. Stimmt, manche davon sind unglaublich verkitscht und haben vielleicht mehr mit einem Harmoniesuchenden Bürgertum zu tun als mit der Geburt des Herrn der Welt, aber es gibt auch welche, die recht kitschlos daherkommen.

Bei Ostern gibt es das alles nicht, geschweige denn bei Pfingsten oder Karfreitag.

Liegt darin vielleicht der Grund, daß Weihnachten als so viel wichtiger als die eigentlich wichtigen christlichen Feste wahrgenommen wird? Hält man Karfreitag, Ostern udn Pfingten für zu kompliziert, um dafür Kinderlieder zu schreiben? Oder zu wichtig, als daß man sie Kinderreimen aussetzen wollte? Oder – im Falle von Karfreitag – für zu brutal?

Kann vielleicht in der Dichtung von geeigneten Oster- und Pfingstliedern eine missionarische Chance liegen?

Man müßte es vielleicht wirklich darauf ankommen lassen. Wenn ich nur eine Begabung auf dem Feld hätte, ich komm nur auf sowas:

…hurra, hurra, Jesus ist wieder da…

…erst wurd Er tot ins Grab gelegt, jetzt ist der Stein hinweggefegt…

…sie wollten Ihn besiegen, doch blieb Er nicht liegen, stand auf am dritten Tage, Jesus Christus der Starke…

…lies sich auslachen und bespucken, das konnte Ihn nicht jucken, ertrug Folter und Kerker, den Christus war stärker…

… die Schwachen verteilen Hiebe, doch viel stärker ist die Liebe…

Hat jemand von Euch weitergehende Ideen?

Glaube, Religion, Theologie

Die Nacht ist vorgedrungen

Stolperstein von Jochen KLepper, dem Autor von "Die Nacht ist vorgedrungen" - Beschriftung: "Hier wohnte Jochen Klepper Jg 1903 gedemütigt / entrechtet Flucht in den Tod 11.12.1942"
Stolperstein von Jochen Klepper
Lizenz: OTFW, Berlin [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.
Röm 13, 11-12

Diese Verse stellt Jochen Klepper 1938 seinem Weihnachtslied „Die Nacht ist vorgedrungen“ voran.

Die Zeitumstände

Wenn man an Jochen Kleppers Leben denkt, so kommt einem vielleicht der Gedanke, daß die Nacht die Naziherrschaft bezeichnen könnte, und der Anbruch des Tages vielleicht auf den 8. Mai 1945 zu legen wäre. Den Tag, als die Wehrmacht kapitulierte und Hitlerdeutschland endgültig zusammengebrochen war.

Jochen Klepper war es nicht vergönnt, diesen Tagesanbruch zu erleben. Er starb inmitten der Nacht, am 11. Dezember 1942, zusammen mit seiner Frau und seiner jüngeren Stieftochter – die ältere Stieftochter konnte noch rechtzeitig vor dem Krieg nach England auswandern – das Leben. So entgingen die Frauen der Deportation in die Vernichtungslager und Klepper der Zwangsscheidung seiner Ehe.

Nicht nur wegen seiner jüdischstämmigen Frau (ihre Taufe 1938 spielte für die Nazis keine Rolle) geriet Klepper in Konflikt mit dem Nazistaat. Auch seine frühere Mitgliedschaft in der SPD war ein Problem. 1937 wurde er aus er Reichsschrifttumkammer ausgeschlossen und stand praktisch ohne Beruf da. 1938 konnte er noch einmal einen Gedichtband herausbringen, mit einer Sondergenehmigung. Der Name des Bandes war „Kyrie“, und er enthält auch „Die Nacht ist vorgedrungen“.

Das Lied

Der dem Lied vorangestellte Bibelvers drückt Optimismus aus: Nicht mehr lange, dann wird es besser, nicht mehr lange, dann wird es Tag. Dann kommt das Heil. Und deshalb laßt uns so leben, als sei es schon soweit, laßt uns die Waffen des Lichts schon am Ende der Nacht aufnehmen.

Optimismus

Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

Die erste Strophe atmet den selben Optimismus: Die Nacht ist so gut wie vorbei, der Morgenstern, der Angst und Pein bescheint, ist schon da und kann, soll, ja muß gelobt werden. Wer der Morgenstern ist, bleibt noch unklar. Man kann Gott dahinter vermuten, da zum Lob aufgerufen wird, aber ist Gottes Handeln mit der bloßen Bescheinung von Angst und Pein gut umschrieben?

Weihnachtszeit

Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll’ nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.

Die zweite Strophe wechselt vom Bild des bald anbrechenden Tages zur Weihnachtsgeschichte: Gott wird Kind und Knecht und leistet Sühne. Als Folge daraus müssen die Schuldigen sich nicht mehr verhüllen, können offen und aufrecht dastehen. Sie können auf Rettung hoffen.

Heil im Stall

Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

Die Rettung, so erfahren wir in Strophe drei, ist im Stall zu finden, dem Geburtsort Gottes als Jesuskind. Dieses Heil, so lernen wir, wurde schon immer verkündet, nun aber geschieht es, daß derjenige, den Gott ausersah, gemeint ist Jesus, und damit Gott selbst, sich mit uns, den Schuldigen, verbündet.

Kein Dunkel mehr

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr.
Von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

In Strophe vier geht es nun nicht mehr um die Weihnachtsgeschichte, und die Nacht ist auch nicht mehr dieses große Übel, das durch die Geburt Jesu gebrochen wird, es ist plötzlich die Rede von vielen Nächten. Die Nacht ist hier nicht mehr die Gottesferne der Menschen, in der sie mit ihrer Schuld ohne Hoffnung alleine gelassen sind, sondern es sind einzelne schlimme Zeiten, wozu Klepper sicher auch die Nazizeit zählte.

Der Unterschied zum Zustand vor Weihnachten, bevor Jesus Christus in die Welt kam, um als unser Verbündeter für unsere Rettung zu sorgen, liegt darin, daß Jesus Christus sein Werk vollendet hat. Nun wandert der Stern der Gotteshuld mit uns. Wir sind in der Huld Gottes, also im Einflußbereich Seiner Gnade, stehen in Seiner Gunst. Unsere Angst un Pein sind beschienen durch den Stern, wie Strophe eins aussagt. Und dieser Schein sorgt dafür, daß wir nicht vom Dunkel gefangen sind, das Dunkel hält uns nicht mehr, weil Gott mit uns ist. Von Ihm her kam die Rettung.

Es werde Licht

Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt!
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt!
Der sich den Erdkreis baute,
der läßt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht!

Die Nacht hat freilich ein Problem mit ihrer Dunkelheit, wenn Gott sie aufsucht, und durch Seine Gegenwart Licht in die Nacht kommt. Das Dunkel wird erhellt, dadurch, daß Gott denjenigen, der im Dunkel ist, den schuldigen Sünder, nicht einfach dort läßt, sondern ihn so richtet, als ob er belohnt werden soll.

Hoffnung

Meiner Meinung nach geht es im Zentrum von „Die Nacht ist vorgedrungen“ um die Hoffnung. Und wahrscheinlich ist das Lied deshalb auch so stark. Hier schreibt einer von Hoffnung, der in der dunkelsten Zeit für seine Familie und sich die Hoffnung nicht verlor. Klepper beging Selbstmord, aber auch das in der hoffenden Zuversicht auf Gott. Die letzte Eintragung in seinem Tagebuch lautet:

Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.

Klepper hält trotz allem an der Hoffnung fest. Die Hoffnung, daß die Nacht dereinst, bald zu Ende sein wird, ist für ihn Grund, schon Gott für das Ende der Nacht zu loben. Er weiß sich von Gott auch in finsterster Nacht beschienen, die Nacht ist keine, und das kann man auch deutlich sagen. Man kann Christus loben, ihm die Ehre geben, auch wenn man in den Tod geht.

Und nochmals Hoffnung – auch im Angesicht des Todes und darüber hinaus

Angesichts der damals verbreiteten Ansicht, daß Selbstmörder sicher in die Hölle kommen, ein durchaus starkes Stück Hoffnung. Und so ist Klepper auch derjenige, der zumindest im evangelischen Bereich für ein Umdenken sorgte, was die Bewertung des Selbstmordes angeht.

Auch wenn die Melodie von „Die Nacht ist vorgedrungen“ eher gedeckt und die Worte nicht so triumphierend sind wie manche Osterlieder kann man es nach meinem Empfinden doch nicht als zurückhaltend beschreiben. Klar ist, daß es Hoffnung gibt, klar ist, das liegt an Jesus Christus und klar ist, daß diese Hoffnung auch in dunkelster Zeit und auch angesichts des Todes trägt.

Kirche & Web 2.0, Religion

Bibelkreis im Netz?

Man kennt das ja aus den Gemeinden. Bzw ich kenn das eigentlich fast gar nicht, aber das mal bei Seite: Bibelkreise: Man trifft sich, trinkt Tee, ißt Gebäck, liest Bibel und spricht darüber. Dieses Erbe des Pietismus (ist es doch, oder?) erfreut sich vor allem in frommeren Gemeinden großer Beliebtheit.

Da weder meine Frömmigkeit noch die meiner Heimatgemeinde in diese Richtung ausgeprägt ist, kenne ich das jetzt weniger. Ich habe da vielleicht auch Berührungsängste, weil es ja durchaus zu größeren Reibereien zwischen pietistischer Frömmigkeit und eher… nun, wie will ich es nennen wenn ich nicht „liberal“ sagen will? Egal, also ich denke, ich würde auch oftmals anecken, und dazu ist das Ambiente bei Tee und Keksen einfach falsch. Liberale Bibelkreise sind in liberalen Gebieten aber komischerweise noch seltener als in erwecklichen Gegenden, also fiel Bibellese in Gesellschaft für mich bisher flach.

Jetzt kam mir die Idee, daß man sowas ja auch netzbasiert machen könnte. Gut, dabei würden wohl Tee und Kekse wegfallen (kann ja jeder für sich machen, da gibt es dann auch kein Problem wie beim Online-Abendmahl ;)), aber dann ist vielleicht auch ein eckigeres Besprechen der Meinungen möglich.

Stellt sich die Frage: Wie macht man das? Eine Möglichkeit wäre sicher, dazu ein Forum (zum Beispiel dieses hier) zu nehmen, oder gibt es andere Vorschläge? In einem Chat wäre vielleicht die nötige Ruhe nicht gegeben, sich mit dem Text auseinanderzusetzen, das scheit mir zu flüchtig zu sein. Eine andere Möglichkeit wäre auch das Blog. Man würde den Bibeltext als Artikel bringen (am Besten von der Offenen Bibel, damit man nicht noch wegen Copyrightgeschichten im Knast landet). Allerdings hat Bonifatz ja seine Andachten in letzter Zeit im Fragemodus gebracht und auf einen Austausch gehofft. Viel kam da ja auch nicht.

Also was meint Ihr? Gute Idee, oder doch eher nicht? Und wenn doch, wie sollte man das umsetzen? Bzw würdet Ihr mitmachen?

Religion

Islam is for Arabs, Christianity is for everyone

Langsam wird das mit den Videos zum Thema Islam (bzw dagegen) zur schlechten Gewohnheit. Ich schieb’s mal einfach auf die Publicity, die das Thema durch die Koranverteilaktion gekriegt hat. Hier ist noch ein Video von Jay Smith, für diejenigen von Euch, die des Englischen mächtig sind:

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mit Jay in vielen Punkten übereinstimme, was die christliche Lehre angeht. Ich hab auch schon Jahre keine Videos mehr von ihm gesehen, auch ich mag es, wie er den Fundamentalismus von allzu platten Missionaren wie Pierre Vogel ad absurdum führt, indem er sie voll gegen die Wand laufen läßt (das kommt jetzt in diesem Video weniger vor, aber es gibt noch einige mehr von ihm). Er muß dazu nichts weiter tun, als die Fundis ernst nehmen, und schon stößt er auf massig Widersprüche (kleiner Tipp: Das funktioniert auch bei christlichen Fundis).

Religion

Wen anbeten?

Jetzt wird es langsam zur schlechten Gewohnheit, aber ich hab nochmal ein Video ausm Umfeld der Salafisten, ein weiterer Vogel.

In dem Video geht es eigentlich um die Theodizee-Frage, aber darauf will ich hier nicht eingehen, das hab ich andernorts schon getan (und vor kurzem auch Don Ralfo mit nem echt guten Artikel). Mir geht es um eine kleine Äußerung Vogels etwa von 1:00 bis 1:17:

Es geht um den Tsunami, dann wird gesagt, Gott hätte den nicht gewollt, sondern Satan, Vogel stellt fest, daß der Tsmani aber geschehen ist und man ergo Satan anbeten müßte, wenn dies stimmte.

Wieder so ne Sache, die ich nicht ganz nachvollziehen kann. Soll Gott, oder, arabisch ausgedrückt, Allah, nur deshalb angebetet werden, weil Er mächtiger ist als alle anderen?

Ich stimme sicherlich darin mit Vogel überein, daß keiner mächtiger ist als Gott, doch würde dieser Fakt allein vielleicht höchstens zu einem Kuschen vor Gott führen. Nehmen wir an, alles außer der Macht wäre egal, so wie Vogel das ausdrückt, und nehmen wir an, Satan wäre am Mächtigsten. Also derjenige, der nicht Gutes will, sondern Böses.

Würde ich den anbeten? Eher nicht, ich würde zusehen, daß ich mich nicht mehr mit ihm abgebe, als unbedingt nötig. Wahrscheinlich würde ich zum Atheisten werden und seine Existenz negieren, mein eigenes Leben leben, soweit möglich.

Unter diesen Voraussetzungen ist es geradezu widersinnig auch nur daran zu denken, daß so etwas wie Gottesliebe, also Liebe zu Gott, möglich wäre. Liebe ich jemanden, nur weil er mächtig ist? Klares Nein! Bete ich zu Gott, weil Er mächtig ist? Nein, ich bete zu Ihm, weil ich weiß, daß Er mich liebt, daß Er für mich da ist (und nicht ich für Ihn).

Falls Vogel sich hier nicht versprochen hat (und als der rhetorische Profi, der er ist, tut er das wohl eher nicht), spricht aus dieser Aussage eine tiefe Trostlosigkeit. Es spricht daraus die Gefangenschaft in bloßer Knechtschaft. Man hat halt demjenigen zu folgen, der die Macht hat, und wenn es der Satan wäre!

Das stimmt einen traurig. Aus dieser Perspektive erscheinen plötzlich alle Beteuerungen der Barmherzigkeit Gottes, der Gerechtigkeit, der Liebe zum Menschen, die es ja auch im Islam gibt, als wenig glaubwürdig, eher als Versuch, seine Knechtschaft in einem guten Licht erscheinen zu lassen, entweder um Bestrafung zu vermeiden, oder um sich seine Situation schönzureden.

Ich vermute, daß die Mehrheit der Muslime hier ganz anders tickt als Vogel. Ich hoffe es inständig. Aber vielleicht liest ja hier auch ein Muslim mit und kann das klären.

Religion

Was weiß Gott und wer ist Jesus?

Ich mag ja Pierre Vogel. Schon allein wegen seinem Dialekt und seinem Bärtchen. Und er ist immer am Lachen, was man durchaus verstehen kann, wenn man seine Videos sieht. Ich muß da auch immer lachen.

Der Herr Alipius hat letztens über die Kaninchen ausm Hut Tricks von Vogel und Konsorten geschrieben, einzelne Punkte rauspicken, das Gesamtgefüge ignorieren, und dann den einzelnen Punkt ins Lächerliche ziehen. Das Ganze wird dann so lange wiederholt, bis der Gegner diskreditiert ist. So funktioniert gute Propaganda.

Eine Methode, dem zu begegnen, hat Herr Alipius dann auch verlinkt, nämlich den Versuch von Vincentius, den Blick auf das Gesamtgefüge zu lenken, angesichts eines ziemlichen Fails einer Jesus-Chatline. Das Video ist dort im Artikel eingebunden.

Vincentius geht hier den richtigen Weg, auch wenn ich freilich seiner sehr katholischen Darlegung nicht in allen Punkten zustimmen kann. Bei Licht betrachtet sollten unsere Unterschiede aber marginal sein (abgesehen vom filioque, das ich ablehne, aber hier folge ich auch dem protestantischen Mainstream nicht).

Mir geht es hier jetzt um ein Video von Vogel, in dem er sich am Ende lusitg macht über einen Christen, der ein bißchen blöd dasteht, nach nem Propagandatrick von Vogel, und dabei immer dieses Lachen im Gesicht. Halt ne rheinische Frohnatur.

Zum Video:

Wichtig ist, daß man den Christen nicht hört, sondern Vogel selbst seine Aussagen wiederholt bzw zusammenfasst. Dann die Frage, ob Jesus Gott sei, was der Christ wohl bejaht (stimmt ja auch ;)).

Dann die zweite Frage: Ist Gott allwissend? Ebenfalls Bejahung. Soweit, so normal und richtig.

Dann die Unterstellung: Also Jesus ist allwissend. Und der Christ tappt in die Falle, wobei er so schnell antwortet, daß er den Inhalt der Frage wohl gar nicht kapiert hat, sondern ne Wiederholng wie vorher vermtet hat.

Dann: Lügt Gott? – Nein.

Also Jesus lügt nicht? – Nein.

Dann ne Bibelstelle, Vogel verhaspelt sich erst, nennt dann aber Mk 13, 32:

Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.

Es folgt der nächste Trick: Vogel zitiert die Stelle nicht, sondern macht ne Nacherzählung. Ansonsten zitiert er ja gerne, hier wäre damit aber die Gefahr verbunden, daß er eher durchschaut wird.

Wichtig ist hier, daß Vogel „Gott“ sagt, wo die Bibel vom „Vater“ spricht. Ne kleine Ungenauigkeit, aber genau so kommt er zu seinem Ergebnis. Denn „Gott“ und „Vater“ sind nicht identisch, auch wenn der Vater Gott ist, denn Gott ist nicht der Vater (jedenfalls nicht nur).

Jetzt muß natürlich der Christ sagen, daß Jesus nicht gelogen hat, sondern den Zeitpunkt da Himmel und Erde vergehen werden tatsächlich nicht wußte. Wir erinnern uns: Der Christ hatte auch den Fehler begangen zu sagen, Jesus sei allwissend.

Danach scheint der Christ das Mikrophon zu verlangen, womöglich um etwas richtig zu stellen, aber er kommt nicht hin, und ein Mann ausm Hintergrund macht Anstalten, im Notfall einzugreifen, auch Vogel hält den Christen vom Mikro weg.

Vogel stellt fest, daß wir die Wahrheit gerade gesehen hätten und nicht mehr brauchten.

Dem kann ich wiederum zustimmen, wir haben gesehen, daß Vogel mit billigen Tricks arbeitet und keineswegs an einem Gespräch auf Augenhöhe interessiert ist (wieso sonst bewacht er das Mikro sonst so sehr?).

Zweimal hat der rheinische Salafisten-Misisonar ne falsche Antwort provoziert, zwei falsche Annahmen, die zum gewünschten Ergebnis führen: Seine eigene Religion als „die Wahrheit“ darzustellen. (an sich hab ich damit kein Problem, wenn jemand seine eigene Religion als wahr ansieht, das ist der Normalfall, aber ich finde es billig, wenn derjenige zu solch billigen Tricks greifen muß, um daran festhalten zu können).

Was waren also die Fehler genau?

  1. Jesus sei allwissend. Gott ist allwissend und Jesus ist Gott, aber Gott ist nicht Jesus, jedenfalls nicht nur.
  2. Nur Gott wisse den Zeitpunkt, und nicht Jesus. Beide Teilsätze sind für sich sogar richtig. Vergessen wird aber, daß Jesus Gott ist (was Vogel natürlich nie zugeben könnte, so lange er Muslim bleibt). Man müßte schon genauer sein: Der Vater weiß den Zeitpunkt, Jesus nicht. Der Vater ist Gott, aber Gott ist nicht der Vater, jedenfalls nicht nur.

Der Vater ist allwissend, und insofern Er allwissend ist, ist es auch Gott. Jesus ist nicht allwissend, trotzdem ist Er ebenfalls Gott. Gott ist aber nciht auf den Vater oder den Sohn oder den Geist beschränkt, Gott ist alle drei, nicht nur einer, aber jeder einzelne ist ganz Gott, aber eben nicht allein, sondern zusammen mit den anderen beiden.

Sicher kann man durch Taschenspielertricks und dergleichen einzelne Christen dumm aussehen lassen. Der salafistische Katechet von gestern sieht auch nicht besonders schlau aus, wenn er die Regeln seines als barmherzig gepriesenen Gottes als Qual darstellt. Aber wichtiger ist doch, ob der Christ in diesem Video oder der gestrige Salafist den jeweiligen Glauben richtig darstellen, oder ob sie, weil sie überrumpelt wurden, oder es nicht besser wissen, den Glauben falsch darstellen.

Bei beiden kann man sagen, daß der Glaube, den sie dargeboten haben (ob freiwillig oder durch Suggestion) nicht überzeugend ist, aber ich würde nicht sagen, daß der Christ vom heutigen Video die christliche Lehre korrekt dargestellt hat (Vogel hat daran eh kein Interesse) und ich nehme zu Gunsten der Muslime und des Islam an, daß der Salafit von gestern die islamische Lehre ebenfalls verdreht hat.

Gesellschaft, glaube, kirche, Religion

Bloß nichts falsch machen

Der Glaube an Gott ist etwas Gutes, etwas Schönes. Er gibt Kraft und Hoffnung, gerade auch in schwierigen Situationen. Jedenfalls geht es mir meist so.

Anderen Menschen nicht unbedingt. Gerade habe ich wieder von so einem Fall gehört, mit jemandem drüber geredet. Glaube an Gott kann auch weh tun. Beziehungsweise, das, was dann noch nachkommt.

Als ich vor über 10 Jahren im Kibbutz war, war da auch ein etwa 40 jähriger Finne namens Jorma. Jorma war ein lieber Kerl, man konnte sich gut mit ihm unterhalten, auch wenn er etwas strange war. Das alles galt, so lange er nüchtern war. Das war er aber nicht immer. Jorma war Alkoholiker. Und er war ein Schrank von einem Mann. Er konnte echt Angst machen, und es gab Gerüchte, daß er vorher in der Fremdenlegion gewesen wäre. Ausgebildet zum Töten.

Wie dem auch sei, Jorma war Christ. Er glaubte an Jesus Christus, wenn er auch mir ganz unbekannte Prediger immer wieder nannte. Ein paar Koreaner, die auch im Kibbutz waren, kannten die Prediger sogar. Ich weiß nicht, in welcher Tradition die staden. Ich schätze mal ganz vorsichtig, es handelt sich um einen pfingstlerischen Hintergrund, aber egal.

Ich verstand mich ganz gut mit besagten Koreanern, tue das immer noch. Sporadisch haben wir noch Kontakt. Aber eine Äußerung gab mir zu denken. Einer der Koreaner sagte einmal, Jorma könne kein Christ sein, eben weil er Alkoholiker ist.

Dabei tranken sie selbst auch Alkohol. Nicht so viel, aber sie standen auch nicht abseits, wenn wir feierten (und was gibt es im Kibbutz nach Feierabend sonst noch zu tun?).

Ich fand das damals schon irgendwie komisch, habe es auch all die Jahre immer wieder durchdacht. Da wird quai ein Anspruch an die Person gestellt, bevor sie wirklich und ganz und vollständig als Bruder im Glauben anerkannt wird.

Ja, Jorma war schwach, was den Alkohol anging. Und er konnte wirre Geschichten erzählen. Er muß auch eine sehr schwere Kindheit gehabt haben, aber das wurde nie ganz klar, aufgrund der Wirrheit seiner Geschichten. Man wußte nie genau, was jetzt echt war und was nicht.

Aber trotz alledem bekannte er sich zu Christus. Christus, der die Schwachen, die Sünder annahm. Christus, der nicht auf die Person achtete.

Und dann gab es Anhänger eben dieses Christus, die die Latte höher hängten: Bekenntnis zu Christus schön und gut. Aber wie sieht es denn mit dem Lebenswandel aus? Hat denn die Sucht noch Macht über den Sünder? Ja, na dann kann es ja kein echter Christ sein.

Jorma hatte einmal den Entschluß gefasst, nichts mhr zu trinken. Und ich fand das echt großartig. Leider habenir alle (ich auch) ihn nicht besonders unterstützt, sondern saßen mit unserem Alkohol bei ihm. Er trank Orangensaft. Wir, das beinhaltet auch die Koreaner.

Wir haben es ihm nicht leich gemacht, den besseren Weg zu gehen. Eine Sache, die ich mir heute noch vorwerfe. Ich war Teil des Problems und nicht Teil der Lösung.

Aber ich sah das Verhalten auch danach noch oft, gerade in Kirchengemeinden oder sonstlichen christlichen Gruppen. Wer nicht einem gewissen Bild entspricht, wird als Bruder nicht anerkannt. Bunte Haare, Jeans im Gottesdienst, all das kann dazu führen, daß Menschen, die Gott suchen, abgestoßen werden. Und zwar von denen, die über sich sagen, sie seien Anhänger dieses Gottes.

En anderer Freund von mir hat einige Gemeinden durch. Er ist als Pfarrerssohn zuHause aufs Übelste vermöbelt worden, wenn er nciht spurte. Kontakte zu anderen Kindern im Dorf waren nciht gerne gesehen. Der Vater war Antikommunist – und Pfarrer in der DDR. Alles jenseits des Gartentors war der Feind.

Besagter Freund hat also sozusagen „einen Schlag weg“. Er leidet furchtbar. Und er sucht in seinem Umfeld nach Menschen, die ihn einfach annehmen, wie er ist. Mit all seinen Problemen und Fehlern (der Umgang mit ihm ist wirklich nicht immer einfach, er weiß das auch). Früher ging er in verschiedene Gemeinden, suchte dort Anschluß. Und der wurde ihm widerstrebend gegeben. Oberflächlich. Bis er sagte, daß er nicht glaube, daß Noah wirklich so alt wurde, wie es in der Bibel steht. Und er flog raus aus der Gemeinde.

Ich glaube, wir verdunkeln oft das Evangelium, indem wir von anderen verlangen, so zu sein wie wir. Jesus interessierte sich nicht dafür, wie andere aussahen oder was sie sonst so taten. Er ging auf die Sünder zu, nahm sie als Menschen an, trotz aller Fehler.

Wie sollen Menschen denn das Evangelium erfahren, wenn sie von vorne herein abgewiesen werden? Wenn sie erst „perfekt“ sein sollen (natürlich nur nach menschlichem Ermessen)?

Und inwieweit entspricht es dem Evangelium, wenn sich die Schwachen an de Starken anpassen müssen? Was sol das, wenn man dem Schwachen, dem Suchenden, erst einmal sagt, er solle stark werden, dann würde man ihm auch die Quelle der Stärke vermitteln?

Welcher Starke braucht denn eine Kraftquelle? Wenn er stark ist, hat er eine Quelle, wie weit sie auch immer trägt. Ein Starker wird nicht fragen. Wer fragt, das sind die Schwachen, die haben aber nicht die Kraft, sich den kulturellen Gepflogenheiten Anderer immer anzupassen. Auch nicht, falls es wirklich so ist, daß diese Gepflogenheiten ihnen selbst gut tun würden, etwa „kein Alkoholmißbrauch“.

Wenn es dann um Dinge geht, wie Anzug tragen, Krawatte tragen, Haare richtig gescheitelt haben, um in der Gemeinde angenommen zu werden, dann wird noch offensichtlicher, daß es hier nicht um Christus geht, sondern um einen Götzendienst. Man ehrt den Gott des anständigen Auftretens. Und der hat mit dem Gott, der den Sünder annimmt, und für ihn ans Kreuz geht, nichts zu tun.

Der, der ans Kreuz geht, gibt seinen Anhängern Stärke. Er dient ihnen.

Der, der anständiges Auftreten einfordert,  in welcher Art auch immer, der verlangt von seinen Anhängern Stärke, nimmt sie ihnen also. Er läßt sich dienen.

Freilich gibt es immer auch Menschen die Schwach sind, und andere so nicht annehmen können, wie diese sind. In dem Fall muß sich immer der Stärkere anpassen, Liebe geben. Denn Liebe baut auf, Liebe gibt dem anderen die Kraft, auch ein Stück weit auf andere zuzugehen, und sich soweit anzupassen, daß Gemeinschaft einfacher möglich wird.

Und je mehr Gemeinschaft, je mehr Liebe, desto mehr wird der Gott am Kreuz verehrt, und nicht der Abgott des Anstandes.