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Sicherheit von Staaten – ein Weg, um Menschen los zu werden

Je länger ich mir den Scheiß angucke, der bei uns mit  Flüchtlingen durchgezogen wird, desto übler wird mir. Es scheint nur noch darum zu gehen, wie man wen am schnellsten wieder los wird. Ich finde es zum Kotzen, dass sogenannte christliche und soziale Parteien offenbar kaum was anderes zu tun haben, als dafür zu sorgen, dass sie möglichst viele Menschen möglichst schnell wieder los werden, vgl. hier. Länder für sicher zu erklären, weil sie auf dem Weg in die EU sind bzw. damit man es leichter hat, Menschen dorthin abzuschieben, nicht etwa, weil sie sicher sind, ist meiner Meinung nach ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ich freue mich ja auf den Zeitpunkt, wenn die jetzt als „sicher“ eingestuften Länder in die EU kommen und ihre Einwohner von der Freizügigkeit innerhalb der EU Gebrauch machen. Bis dahin empfehle ich die Lektüre von Gregor v. Nyssa (330 – 394), bei dem man z. B. lesen kann: „Es ist keine Lösung, Menschen, die man nirgends haben will, weit weg zu schicken und sie, isoliert von allen anderen, mit dem Nötigsten zu versorgen. Eine derartige Einstellung zeugt weder von Barmherzigkeit noch von Mitleid. Auf diese Weise wollen wir sie nur in aller Freundlichkeit loswerden“. Ich vermute zwar, dass Gregor dies ursprünglich in Hinblick auf den Umgang mit sogenannten „Aussätzigen“ gesagt hat. Doch ich denke, die Aussage lässt sich auch auf heutige Flüchtlinge und das meiner Meinung nach asoziale Verhalten in der Politik gegenüber den Flüchtlingen übertragen. Und da ich ein Freund von Quellenangaben bin, hier meine Quelle: Albus, Michael: Taizé auf neuen Wegen, Gütersloh 2014, S. 19.).

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Gott sei Dank

Meine Mutter sagt:

Du bist zu klein.

 

Der Lehrer meint:

Du bist schwer von Begriff.

 

Der Pfarrer schimpft:

Du bist verdorben.

 

Meine Kameraden lachen:

Du hast verloren.

 

Der Berufsberater weiss:

Du bist nicht geeignet.

 

Der Meister bestimmt:

Der andere ist besser.

 

Der Leutnant brüllt:

Du hast keine Haltung.

 

Gott sagt:

Du bist mir ähnlich.

Gott sei Dank!

(Urs Boller)

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Als ich mein neues Amt bezog…

Ich seh zurück, wie Jahr um Jahr

so müheschwer vorüberrollte;

nun endlich bin ich, was ich wollte

und was ich strebte: ein Vikar.

 

Erst „Didaktik“ studieren war mein Plan;

doch meine leichte Laune schreckten

die strengen, staubigen Pandekten,

und also ward der Plan zum Wahn.

 

Lernziele verbot mein Lieb,

konnt auf die Intentionen mich nicht werfen,

so dass für meine schwachen Nerven

nichts als- Philosophieren blieb.

 

Butenschoen nun reicht mir dar

der Label voller Prachtregister,-

und bring ichs nie damit zum Magister,

bin was ich strebte: ein Vikar.

 

Rauka feat. Rilke

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„Europa ist keine Sozialunion“

So die Worte der Kanzlerin. Es geht darum, EU-Ausländer, die laut Schengen-Abkommen jedes Recht haben hier zu leben (so wie wir, in ihren Heimatländern zu leben), abzuschieben und ihnen die Einreise weiterhin zu verweigern, falls sie sich Sozialleistungen vom deutschen Staat erschleichen.

Die Zahl derer, die das tun, ist verschwindend gering. Und es handelt sich ja auch nicht um Straftaten, die nur Ausländer begehen würden. Auch Deutschen können Fehler unterlaufen beim Ausfüllen der Anträge. (Nebenbei: Nach allem, was ich gehört habe, müßte man sich vielleicht eher mal Gedanken machen zu Strafen bei Sozialbetrug von Seiten des Staates, also wenn das Amt Leistungen nicht zahlt, auf die man Anspruch hätte).

Wieso also kein Gesetz, das „Sozialmißbrauch“ generell unter Strafe stellt? Ist es denn schlimmer, wenn ein Schwede das Amt betrügt, als wenn es ein Leipziger oder Düsseldorfer macht? Ich kann nicht erkennen, wieso.

Ich bin mir sicher, daß es solche Gesetze schon gibt. Und ich vermute, die Strafen sind höher als bei Steuerhinterziehung. Wieso also nochmal Sondergesetze für Nichtdeutsche?

Die Formulierung meiner Frage weist auf eine mir sehr wahrschienlich vorkommende Antwort: Den rechten Rand. Die Nazis von der AfD (wer ein Problem mit dieser Kategorisierung hat, mache folgenden Test der JuPis) setzen die Union unter Druck. Waren sonst die bayrischen Ministerpräsidenten verantwortlich dafür, daß die CSU die Partei ist, die am weitesten auf der rechten Seite im Parlament sitzt („Rechts von der CSU ist die Wand“) drängt nun (gepusht von Springer) die AfD in die Parlamente, mit gutem Aussicht auf Erfolg. Und greift angestammte Wählerschichten der Union ab. Dem will man entgegenkommen, indem man einen Rechtsruck antäuscht. Wirklich nationalistisch ist die Union ja (zum Glück) nicht, aber der Eindruck entsteht, daß sie in bestimmten Schichten gerne so wahrgenommen werden würde, um Stimmen zu bekommen.

Die Stimmen wird sie nicht kriegen. Statt dessen wird dieses Spiel mit dem Feuer eher dazu führen, daß derartige rechte Parolen salonfähig werden. „Man wird doch noch sagen dürfen…“

Ehrlich gesagt es kotzt mich an, weil mir scheint diese Deutung tatsächlich zuzutreffen. Dann ist es aber auch so, daß eine Partei, die Deutschland über weiter Teile geprägt und mit aufgebaut hat (wenn auch nicht immer zum Guten) sich nun vollends dem Abriß widmet. Hauptsache, man kriegt noch ein paar Stimmen in dieser Wahl…

Eigentlich müßte die Union hingehen und mithelfen, die Ängste abzubauen. Die Sinti und Roma, um die es wohl vor allem geht, sind durchaus willens sich zu integrieren. Das passiert auch, soweit möglich. Sie schicken die Kinder in die Schule, damit sie was werden und arbeiten selbst hart, weil sie etwas erreichen wollen.

All denjenigen, die sich so tolle Vorstellungen vom Sozialmißbrauch machen, möchte ich den Vorschlag machen, doch nur einen Monat einmal zu versuchen, auf Hartz IV Niveau zu leben. Und von dem Geld dann Miete, Essen, Kino, Strom und alles zu bezahlen, was so anfällt. Vielleicht fällt dann der Groschen. Auf dem Niveau richtet sich keiner ein, das will keiner, der eine Perspektive hat, da raus zu kommen.

Aber es ist ja so viel einfacher, auf die „Ausländer“ zu schimpfen, als sich um die tatsächlichen Probleme zu kümmern…

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Wer ist stärker als Jesus Christus?

Ivanhoe!“ sagte der Cousin meiner Mutter im Kommunionsunterricht mit dem Brustton der Überzeugung – und hat sich gleich eine eingefangen. Es stellte sich raus, daß die gewünschte Antwort „Niemand“ lautete…

Von derartigen „pädagogischen“ Mitteln sind wir zum Glück (hoffentlich?) weg. Aber eine Frage bleibt: Ist Christus wirklich stärker? Kommt diese ganze Evangeliumsgeschichte mit diesem langhaarigen Hippie nicht etwas weicheierig rüber? (Wer nicht glaubt, daß sich die Frage stellt, lese hier über aktuelle Entwicklungen in den Vereinigten Staaten)

Immerhin redet Jesus die ganze Zeit von Dingen wie der anderen Wange hinhalten, Vergebung, Liebe, auch zu den Feinden etc etc etc. Alles recht harmonietriefend, aber das ist ja nicht für jeden was. Manch einer ist vielleicht so gestrickt, daß er von einem Vorbild mehr Särke, mehr Kraft, mehr Härte erwartet. Oder kurz: Mehr Testosteron. (ich will jetzt gar nicht über die Gründe philosophieren, wieso man sich solche Vorbilder wünscht, ob es mit persönlicher Unsicherheit zu tun hat oder wie auch immer, bewerten will ich das schon gar nicht, ich nehm einfach mal zur Kenntnis, daß es das gibt)

Nehmen wir mal ein Beispiel herausragenden Testosteronstrotzens, vielleicht erinnert sich noch der ein oder andere an Rocky Balboa. Nein, ich meine nicht den tausendsten Aufguß vor ein paar Jahren, ich meine die Figur in der Filmreihe (wobei sich da der letzte Teil auch nicht groß unterscheidet in dem, worauf ich hinauswill). Ein Beispiel:

Clubber Lang, gespielt von Mr. T. boxt gegen Rocky Balboa, gespielt von Sylvester Stallone. Und Rocky tut das, was er eigentlich immer tut: Er läßt sich so richtig vermöbeln, bis sein Gegner außer Puste ist, und nimmt den dann geschwächten Gegner auseinander.

Letzteres tut Jesus nicht. Aber auch zum ersteren gehört einiges. Vielleicht sogar mehr, denn damit knackt man den Gegner ja.

Wenn also jemand die andere Wange hinhält, dann braucht man dafür durchaus einiges an Kraft. Seht Euch das Video nochmal an. Rocky hält nicht nur die Wange, ein paar Mal hin.

Ginge ein Boxkampf nicht nur über 15 Runden, könnte er es vielleicht sogar so weit treiben, daß sein Gegner so fertig ist, daß ein Windstoß ihn umwerfen könnte. Das ist aus dramaturgischen Gründen aber schon schlecht für den Film. Im richtigen Leben, und damit bei Jesus, ist es aber durchaus eine Option. Immerhin machte Jesus so den Teufel platt.

Er steckte ein, immer noch mehr, verreckte elendiglich am Kreuz. Und was hat Er davon? Am Ende doch verloren, nicht wie Rocky.

Nein! Der Gewinner ist der, der am Ende noch steht. Das Ende, das ist nicht Karfreitag, das ist Ostern. Indem Jesus sich töten lies offenbarte Er die Ungerechtigkeit der Welt, die einen Unschuldigen ans Kreuz schlägt, aus allerlei Kalkül. Damit ist alle weltliche Reglementierung, wer als gut und wer als schlecht zu gelten hat, hinfällig. Offenkundig funktioniert sie nicht.

Unsere Gesetze sind letztendlich ungerechtfertigt, wenn es um das ewige Heil geht. Jesus wurde immerhin als Sünder, als Gotteslästerer hingerichtet. Und dann steht Er einfach wieder auf, läßt sich nicht auszählen. Am Ende steht Er, und unsere weltlichen Schubladen sind diskreditiert. Taugen letztendlich nichts.

Dazu mußte Er nicht zuschlagen. Was vielleicht dann doch diejenigen nicht ganz befriedigt, denen das „Testosteron“ lieber ist als die Harmonie. Er hat dadurch trotzdem all das zerschlagen, was uns unfrei macht. Es wäre wohl Sache der Kunst, das alles so darzustellen, daß die Testosteronfans etwas damit anfangen können. Jedenfalls ist eins klar: Ivanhoe ist tatsächlich nicht wirklich stärker als Jesus, denn wenn schon der Tod Ihn nicht so KO kriegte, daß Er nicht mehr aufsteht, was hätte Ivanhoe tun können?

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Die eine Tür und die Frommen

Schon in der Bibel werden wir vor falschen Lehrern und Propheten gewarnt. Jetzt bin ich ein Mensch, der an das Gute im Menschen glaubt, auch wenn nich davon überzeugt bin, daß wir alle Sünder sind. So viel wir falsch machen, so selten wollen wir das auch wirklich. Nur manchmal muß man einen Strich ziehen, um sich abzugrenzen und nicht mit schuldig zu machen.

Diesen Strich ziehen im Moment viele ehemalige Evangelikale in den USA. Dort ist etwas ziemlich unglaubliches passiert. Es geht um World Vision, die Hilfsorganisation, bei der man Kinder „adoptieren“ kann. Man spendet Geld für ein bestimmtes Kind, das man unterstützt (und damit seine ganze Gemeinschaft) und kann per Brief Kontakt halten. So sieht man dann auch, wie die Spenden helfen.

World Vision ist eine Organisation, das wußte ich bis letzte Woche nicht, die aus dem evangelikalen Millieu der USA stammt. Was ja nicht weiter schlimm ist, so lange den Menschen geholfen wird, können meinetwegen auch Satanisten die Hilfe leisten.

Nun hat World Vision entsprechend der Gesetzeslage angefangen, auch Homosexuelle einzustellen. Das wollte man nicht an die große Glocke hängen, wohl vorausahnend, was für ein Shitstorm folgen würde.

Irgend ein „besorgter Christ“ muß es aber herausgefunden haben, und hat es an die große Glocke gehängt. Und er hatte guten Erfolg damit. Sofort meldeten sich mehrere evangelikale Führer zu Wort und riefen dazu auf, dieser Organisation die Unterstützung zu entziehen.

Wohlgemerkt: Man sollte aufhören, Kinder in den Entwicklungsländern zu unterstützen, weil an der Hilfe vielleicht auch ein oder zwei Homosexuelle beteiligt waren. Gott verhüte, daß das Helfende Geld von einer „Schwuchtel“ nach Afrika umgebucht würde!

Kurz: Diese evangelikalen Führer haben die Perspektive verloren. Es war ihnen wichtiger, die Homosexuellen zu marginalisieren, als sich um das Wohl der Kinder zu sorgen. UNd sie hatten Erfolg, in zweifacher Hinsicht:

  1. World Vision hat zurückgerudert. Es gab so viele Drohungen, die Unterstützung einzustellen, daß World Vision die Entscheidung traf, lieber weiter den Kindern helfen zu können, als zu seiner Entscheidung zu stehen, Homosexuelle zu beschäftigen. Meiner Meinung nach eine mutige Entscheidung. Beide Optionen wären falsch gewesen, aber sie haben die Option gewählt, die eher den Schwächeren hilft, und haben die nicht ganz so schwachen im Stich gelassen.
  2. Aufgrund der Abmeldungen sind jetzt 10.000 Kinder ohne Paten, die voher einen „aufrechten Christen“ als Paten hatten. 10.000 Kinder! Auch hier hatten die Evangelikalen Führer Erfolg. Diese Kinder werden jetzt die Unterstützung nicht bekommen, die sie hätten haben können, aber Hauptsache, es sind keine Homosexuellen involviert.

Ich habe mehrere amerikanische Blogartikel zum Thema gelesen. Irgendwo
fand ich die Aussage, daß die Evangelikalen das Evangelium erweitert hatten. Es beinhaltet nicht mehr nur die Zusage der Liebe und Barmherzigkeit Gottes für den Sünder, sondern noch allerlei kulturelle Punkte, wie etwa die Homophobie.

Nur so ist es zu erklären, daß solch haßerfüllten, homophoben Aktionen nachgegeben wird unter so vielen Menschen, die sich Christen nennen, und eigentlich am Doppelgebot der Liebe orientiert sein müßten.

Ich sehe das ebenso, und möchte daran erinnern, daß in der Bibel stets davor gewarnt wird, das Evangelium zu verfälschen:

Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lasst von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem andern Evangelium,
obwohl es doch kein andres gibt; nur dass einige da sind, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren.
Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht.
Wie wir eben gesagt haben, so sage ich abermals: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht.
Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott zuliebe? Oder suche ich Menschen gefällig zu sein? Wenn ich noch Menschen gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht.

So schreibt Paulus in Gal 1, 6-10. Harte Worte, aber ich finde, sie treffen zu auf diese Evangelikalen, die dazu aufriefen, Kindern die Unterstützung zu entziehen, um ihre politischen Forderungen durchzusetzen. Eigentlich hätte die Liebe sie dazu anhalten müssen, danach zu suchen, wie man möglichst vielen Kindern helfen kann. Und die Hoffnung hätte sie anleiten müssen, darauf zu vertrauen, daß Gott entweder die Homosexuellen zu Recht bringt oder sie, also die evangelikalen Führer selbst, denn wenn es eine Meinungsverschiedenheit gibt, ist nicht unbedingt der andere derjenige, der falsch liegt. Aber offenkundig hatten sie keine Liebe zu den Kindern verspürt als sie dazu aufriefen, diese im Stich zu lassen, und auch keine Hoffnung auf Gottes Führung was die Frage in der Homosexualität angeht.

Statt dessen hofften sie darauf, daß Gott scho irgendwie den Kindern helfen würde (derselbe Gott, der uns die Liebe als Gebot mitgab!) und liebten ihre politischen, haperfüllten, homophoben Ansichten. Womöglich gingen sie noch dazu davon aus, daß Gott auf ihrer Seite wäre. Soe wie die Pharisäer Gott auf ihrer Seite wähnten. So wie die falschen Propheten in Israel und Juda immer nur Heil für die kaputte Gesellschaft voraussagten, während Gott Seine Propheten schon längst den Untergang verkündigen lies.

Gott ist auf der Seite der Schwachen. Schon immer gewesen. Wer auch immer die Macht hat, ein Unternehmen so groß wie World Vision in die Knie zu zwingen, gehört wohl kaum zu den Schwachen.

Aber das ist ja alles nur Vorrede. Eigentlich geht es mir um folgendes. Nachdem ich diese ganzen Vorgänge um die Evangelikalen und World Vision gelesen hatte, steiß ich auf Tom’s Blog auf folgendes Video.

Das Video gehört zu einer Aktion der evangelischen Frauen und Männerarbeit mit dem Titel „Eine Tür“. Ich verstehe das Video so, daß in der Kirche alle durch eine Tür reinkommen und in gleicher Weise als Menschen angenommen werden. Im Gegensatz zur Gesellschaft, die den Menschen ein Label aufdrückt – Männlein oder Weiblein – das dann, wie man im Video anhand der Toilettenszenen sieht, der von Gott geschaffenen Schöpfung kaum gerecht wird.

Tom hat das Video wohl falsch verstanden im Sinne von „wir brauchen nur noch eine Toilette“. Das kann geschehen, daß man etwas falsch versteht. Darauf will ich gar nicht eingehen. Aber was ich kommentieren möchte ist der Rest seines Eintrages, weil ich den Eindruck habe, daß es exemplarisch für eine Form des Christentums ist, die den evangelikalen Irrlehrern in den USA nahe steht und darum in der Gefahr ist, ebenso in den Haß abzugleiten und das Evangelium zu verlieren.

Tom schreibt:

Egal, welcher Schwachkopf auf die Idee kam, dass es über 30 Geschlechter geben solle – wo doch die Menschheit in „Mit-Glied“ und „Ohne-Glied“ aufgeteilt werden kann – plappern jetzt alle nach, was die Genderforschung an geistlichen Ergüssen von sich gibt. Die EKD stimmt in den Chor mit ein und hat jetzt beschlossen, dass die Kirche gendergerecht sein soll.

Ich weiß nicht, wie viele Geschlechter es geben soll. Ich bin mir aber sicher, daß es mehr sind als zwei. Sicher kann man die Menschheit in Mit Glied und ohne Glied einteilen. Aber zu welchem Zweck? „Da ist weder Mann noch Frau“ schreibt Paulus. Wieso also an der Differenzierung festhalten? Zumal es mehr gibt als Mann und Frau. Und die Einteilung auch nicht immer eindeutig ist. Was ist zum Beispiel mit Origenes? Männlein oder Weiblein? Er hatte sich ja bekanntermaßen aufgrund einer fragwürdigen Bibelauslegung selbst entmannt? Also Weiblein? Wen hätte er heiraten können? Als Weiblein wohl ein Männlein, aber da er selbst als Männlein geboren war ist das auch ein Problem nach dem Muster von Toms (bürgerlichen) Zeitgeites.

Und was ist mit den Menschen, die mit beidem geboren werden? Auch da gibt es ganz verschiedene Erscheinungen, die in der Schöpfung vorkommen. Was ist mit diesen Menschen? Männlein oder Weiblein? Und wen „dürfen“ sie heiraten?

Nein, es handelt sich bei der Genderforschung weder um Schwachköpfe, noch um Ergüsse, sondern um Menschen, die nach Lösungen suchen für das, was in der Realität vorkommt: Menschen mit unklarer Geschlechterzuordnung. Dazu gehören dann auch Menschen, die als Mann geboren werden und sich als Frau fühlen und umgekehrt.

Klar kann man die Menschen einteilen in mit Glied und ohne Glied. Man kann sie auch in Brillenträger und Nichtbrillenträger einteilen oder in Linkshänder und Rechtshänder, oder in Langhaarige und Kurzhaarige oder in Sympathische und Unsympathische. Nur, welche Rolle spielt das alles?

Tom schreibt:

Schwule, Lesben, Transsexuelle, Bi-Sexuelle usw. sind alle eingeladen in die EKD zu kommen. Nun, das wäre ja an sich nicht schlecht. Jesus Christus hat Sünder immer angenommen und sie sind zu ihm gekommen. Aber die EKD lädt ein, ohne die Leute auf die Notwendigkeit der Buße aufmerksam zu machen. Ja, bei Jesus sind Sünder willkommen, aber sie sollen nicht so bleiben wie sie sind, sondern zu neuen Menschen werden. Menschen, die in der Ordnung und Beziehung Gottes mit Ihm leben. Veränderte Menschen.

Wieso sollte die EKD hier einen Unterschied zwischen LGBT Menschen und Heterosexuellen machen? Sind nicht alle Sünder? Das Problem ist doch, daß bestimmte Kreise (zu denen Tom wohl gehört und auch die evangelikalen Irrlehrer in den USA) meinen, LGBT Menschen wären in besonderer Weise Sünder und müßten in besonderer Weise bereuen und Buße tun, und die damit diese Menschen gezielt aus den Kirchen vergraulen. Die EKD wirkt dem nur entgegen indem sie sagt: Es gibt vor Gott keinen Unterschied zwischen Schwulen, Lesben, Trnssexuellen, Heterosexuellen oder Bisexuellen. Ebensowenig wie es vor Gott einen Unterschied gibt zwischen Griechen und Juden, ziwschen Männern und Frauen, zwischen Freien und Sklaven. Alle sind eins in Christus!

Und was Jesus angeht, der die „Sünder“ aufnimmt:

Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.
Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.
Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?
Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.
Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

Die Zöllner galten den „Frommen“ der damaligen Zeit in etwa so als Sünder wie heute die Homosexuellen den Evangelikalen.

Und Jesus sagte einfach zu Matthäus: Komm mit, und er kam mit. Keine Rede von Buße. Keine Rede von anderer Mensch werden. Das verlangen die Pharisäer. Sie fragen, wieso er mit Zöllnern und Sündern ißt. Und Jesus verweist auf Hosea. Es geht nicht um das Sündersein, um die Opfer, die man bringen muß, um Buße zu erlangen. Es geht um Barmherzigkeit, um Liebe. Wieso nicht mit Zöllnern essen? Wieso nicht LGBT Menschen in die Kirche einladen? Wenn Jesus für die Sünder gekommen ist, dann würde ich mir Sorgen machen, wenn ich mich selbst zu den Frommen zählte, denn für die wäre Er dann ja nicht gekommen. So schließen sich Leute wie Tom implizit aus der Erlösung aus. Das würden sie natürlich nicht zugeben. Aber durch ihr Verhalten gegenüber LGBT Menschen machen sie deutlich, daß sie sich wohl doch als über ihnen stehend begreifen. Die müssen erst mal Buße tun. Wir haben das (nicht mehr) nötig, haben ihnen etwas voraus.

Wenn dem so wäre, bräuchten sie Jesus nicht mehr. Und daran kann man eigentlich schon erkennen, wie nahe man mit solchen Ansichten der Irrlehre kommt. Denn jeder braucht Jesus.

Tom schreibt:

Doch die Propaganda der beiden Gruppen innerhalb der EKD verzichtet auf einen Bußaufruf. Sie stellt das Perverse als normal dar. Damit wären wir bei Sodom und Gomorra. Eine Kirche, so wie sie in dem Video dargestellt wird, verkommt buchstäblich zum Scheißhaus. Traurig aber wahr. Eine Kirche, die keine lebensnotwendige Umkehr fordert, hat kein Recht mehr, den Namen Jesus Christus in den Mund zu nehmen. In jedem Geflügelzüchterverein gibt es mehr Regeln und wahrscheinlich auch mehr anständige Leute.

Die EKD mag nicht so laut zur Buße rufen. Aber wieso regt sich Tom darüber nur bei Homosexuellen auf? Wieso regt Tom sich nicht darüber auf, daß die EKD die Landeskirchlichen Gemeinschaften nicht mehr zur Buße ruft? Oder andere konservativere Gruppierungen? Meint Tom, diese hätten die Buße (nicht mehr) nötig?

Und ist es überhaupt immer angebracht, zur Buße zu rufen? Wir haben gesehen, daß Jesus bei der Berufung des Matthäus überhaupt nicht zur Buße rief.

Buße ist sicherlich wichtig. Und wer die Gottesdienste der EKD Kirchen besucht weiß auch, daß sie durchaus vorkommt. Manchmal sogar jeden Sonntag. Zumindest aber immer, wenn Abendmahl gefeiert wird. Kyrie eleison wird dann gesungen: Herr erbarme Dich. Sind das nicht die Worte eines Büßers?

Tom schreibt:

Ja, es gibt immer noch jemanden, der ärger ist als sein Vorgänger. Es gibt immer eine Steigerung der boshaften Dummheit. Irgendwann wird dieses Ärgernis normal sein und der Nächste kommt auf eine noch schlimmere Idee.

Das sehe ich auch so. Es wird Leute geben, die sich als noch rechtgläubiger wähnen als diejenigen, die dafür sorgten, daß die 10.000 Kinder ihre Unterstützung verloren. Sie werden die Irrlehre noch steigern. Und irgendwann ist es dann normal, daß man in „frommen“ Kreisen nicht mehr nach der LIebe fragt, sondern nach menschlichen Gesetzen und Buße der anderen. Jesus hat damit nichts mehr zu tun. Aber Jesus hat den „Fehler“ gemacht, Seinen Namen nicht als Wortmarke schützen zu lassen. Also kann Er mit weltlichen Mitteln nichts dagegen tun. Allerdings wissen wir auch, daß Gott es nicht lange zuläßt, daß in Seinem Namen Unheil angerichtet wird. Israel und Juda sind untergegangen. Und als aktuellstes Beispiel kann man vielleicht auf Fred Phelps, den Gründer der Westboro „Church“ verweisen, der im Namen Gottes Haß und Zwietracht gesäht hat und am Ende von seiner Kirche ausgeschlossen wurde und einsam im Hospitz starb. Echte Menschen Gottes sterben nicht, nach der Lehre dieser „Kirche“. Deshalb war ihnen seine Gebrechlichkeit ein sicheres Zeichen dafür, daß er nicht zu den Erwählten gehört. Ein lebhaftes Beispiel davon, wohin es führt, wenn man sich statt auf den Glauben auf Gesetzeswerke stützt, wie auch immer das Gesetz genau aussieht.

Tom schreibt:

Irgendwann werden wir dann im TV von Sex mit Tieren hören und zusehen müssen, wie zu offener Satansanbetung und Mord aufgerufen wird, auch innerhalb von denen, die sich Christen nennen.

Ist es denn keine Satansanbetung und Mord, wenn evangelikale Führer dazu aufrufen, im Namen Gottes(!) auf die Unterstützung von hilfsbedürftigen Kindern zu verzichten, um ein politisches Ziel zu erreichen, nämlich, daß Homosexuelle marginalisiert werden?

Tom schreibt:

Diese Gender-Stufe ist nur ein Vorgeschmack davon, was noch alles kommen wird. Eine Kirche, die hier mitmacht, sollte sich nicht mehr Kirche nennen. Die EKD wird zu dem verkommen, was im Video dargestellt ist – einem Scheißhaus.

Ich sehe es umgekehrt. World Vision ist ein Vorgeschmack dessen, was noch kommen wird. Die Gender Sensibilität ist ein Schritt in die richtige Richtung. Den Rest möchte ich nicht mehr kommentieren, das legt sich sozusagen selbst aus.

Kirche hat nach meiner Meinung nichts mit Ausgrenzung zu tun. Jesus grenzte nicht aus. Er nahm alle auf, und er forderte nicht immer und von allen Buße. Harte Forderungen stellte Er in der Regel dann, wen seine Gesprächspartner sich selbst rühmten, oder irgendwie mit ihm um Sicherheiten feilschen wollten, wie der reiche Jüngling, der wissen will, wie er das ewige Leben kriegt und dann meint, er hält sich an alle Gebote. Er hatte die falsche Einstellung, wollte ne to do Liste, um sich später darauf berufen zu können. Aber so läuft das nicht, also wird Jesus radikaler mit den Forderungen. Von Paulus wissen wir ja, daß es garnicht auf das Handeln ankommt, sondern auf den Glauben. Der Ansatz mit den to do Listen ist also der verkehrte. Setzt man auf den Glaubenund tut einfach, was man für geboten hält, paßt das schon eher. Auch ohne to do Liste. Und ohne zu meinen, man hätte selbst die Buße nicht mehr nötig oder nicht so nötig wie irgendwelche Sünder, Zöllner oder Homosexuellen.

Einen gesegneten Sonntag.

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Elevator Pitch

Rolf hat ein lustiges Spiel angefangen. Es geht darum, einen Elevator-Pitch für das Evangelium zu verfassen. Was genau das ist, kann man in seinem Artikel nachlesen. Grob geht es darum, in 30 Sekunden bzw 90 Wörtern das Evangelium zu erklären.

Einfach ist das sicher nicht, zumal es durchaus strittig sein dürfte, was genau das Evangelium beinhaltet. Womöglich würden viele Menschen der Zusammenfassung „Gott liebt Dich“ zustimmen, allerdings so platt formuliert, daß man darunter auch alles mögliche verstehen kann: Es wird also zur Projektionsfläche für eigene Wünsche und Vorstellungen, und sagt letztlich nicht nur alles mögliche, sondern nichts aus.

Es scheint also eine Notwendigkeit zu geben, irgendwie die Heilsgeschichte noch mit rein zu bringen, was natürlich Zeit kostet und noch viel mehr Fragen aufwirft als es beantwortet. Und so käme man dann Schritt für Schritt zu nem dogmatischen Entwurf, aber der ist dann lang und kompliziert und eben nicht mehr auf 30 Sekunden oder 90 Wörter begrenzt.

Thomas Jakob hat es anders versucht und den Elevator-Pitch als Werbetext formuliert. Das ist ihm wunderbar gelungen, allerdings stellt sich mir wie auch Karl Heinz die Frage, wo der Inhalt bleibt. Denn Thomas bewirbt das Evangelium wunderbar, sagt aber auch nicht, was genau es ist, selbst wenn er Bibelverse verarbeitet hat, wie er betont.

Allerdings hat auch der darauffolgende Versuch von Karl Heinz seine Schwäche, nämlich daß er dem Menschen unterstellt, sich in einer bestimmten Situation zu befinden. Wer sagt denn, daß das Leben des Angesprochenen mühsam und stressig ist? Außerdem bin ich etwas skeptisch wenn es heißt, man müßte „nur einen Knopf drücken“. Das ist mir zu positiv ausgedrückt, negiert die Möglichkeit der Mühsal, die auch dem Gläubigen begegnen können. Manchmal fühlen sich Gläubige beschissener als Ungläubige, und das ist dann halt so.

Zusammenfassend würde ich sagen, daß so ein Pitch also Inhalt bringen muß, aber nicht von einer Situation ausgehen darf, die vielleicht gar nicht vorliegt (oder zumindest nicht so wahrgenommen wird), er darf sich nicht in Details verheddern und sollte dennoch auch die Realität abbilden, und eben nicht vereifachen von wegen ein Knopf drücken und alles ist gut.

Ein erster Gedanke führt mich dahin, auf die Wirkungen des Evangeliums in der Welt hinzuweisen: Einsatz für Arme und Entrechtete, Gerechtigkeit und Frieden. Jedoch würde das einerseits ausblenden, was an Gräultaten im Namen des Evangeliums getan wurde, außerdem würde es eben auch nicht den Inhalt darstellen.

Und ich stelle mir die Frage: Was ist überhaupt Sinn und Ziel so eines Pitches? Information über das „Produkt“? Das ginge vielleicht noch, wenn es aber Werbung sein soll, so daß man angeregt wird, das „Produkt“ zu kaufen, dann muß es in die Hose gehen, wird doch der Glaube durch Gott geschenkt.

Ich kann also voraussetzen, daß der Angesprochene entweder glaubt, oder daß er mich eh nicht ganz verstehen wird, weil er eben nicht glaubt. Ich kann also dem Ungläubigen das Evangelium so darstellen, wie es sich für Christen darstellt und auswirkt. Und wenn der Angesprochene ein Christ ist, wird er mich verstehen und mir zustimmen – im Idealfall.

Wohlan, ans Werk:

Das Evangelium besagt, daß Gott uns liebt, daß nichts und niemand uns von dieser Liebe trennen kann. Und wenn Gott für uns ist, wer sollte gegen uns sein?

Uns geht es nicht besser als anderen Menschen: Wir kämpfen mit Rückschlägen, Leid und der eigenen Unzulänglichkeit.

Das Evangelium gibt uns die Kraft, immer wieder aufzustehen, denn es gibt uns Hoffnung: Gott liebt uns, also wird Er uns auch jetzt helfen.

Vielleicht verzweifeln wir weniger oder engagieren uns mehr für andere. Aber sicher würden wir das Evangelium gegen nichts in der Welt eintauschen wollen.

Das wäre mein Versuch. Mit dem Ende bin ich noch nicht ganz zufrieden. Mir geht es darum, das pro me auszudrücken, daß der Glaube an das Evangelium mir das Leben lebenswerter macht, daß es womöglich auch Effekte gibt, die sich in der Welt zeigen (die Früchte des Geistes), aber ich will diese hier bewußt in der Möglichkeitsform halten, um nicht so verstanden zu werden, daß Christen bessere Menschen seien. Denn wie sich die Früchte zeigen, ist je verschieden und muß, wenn man eine Bewertungsskala einführen wollte, um holier than thou zu spielen, nicht zu einem Vorteil der Christen vor den Nichtchristen führen. Glaube ist schließlich kein Wettbewerb!

Allgemein, Im Schatten von Barmen

Im Schatten von Barmen – Predigt zum Altonaer Bekenntnis

Diese Predigt habe ich bei eigener Recherche im Bielefelder Archiv für Kirchenkampf gefunden. Ich fand es sehr spannend, zu sehen, wie dort das Handeln der Verfasser des Altonaer Bekenntnisses theologisch reflektiert wurde. Die fett markierten Abschnitte sind Belegstellen für Aussagen in diesem Artikel.

Aus: Das evangelische Mecklenburg, LkA EKvW, Bestandnr. 5.1/597/F1 7 ff

Die Not und Verwirrung unseres öffentlichen Lebens haben 21 Altonaer Pastoren veranlasst, von der Kirche aus ein Wort und Bekenntnis in aller Öffentlichkeit [zu sagen].

Am 11. Januar d. J. sah die große Hauptkirche in Altona eine nach tausenden zählende Gemeinde, die mit Spannung darauf wartete, was die evangelische Kirche zu den mannigfachen Wirrnissen und Nöten dieser Zeit vom Evangelium her zu sagen habe. (…)

Es ist nicht das erste Mal, daß von kirchlicher Seite zu den Fragen des öffentlichen Lebens in programmatischer Weise das Wort genommen wird. Die Kirchentage, als die Sprecher des deutschen Gesamtprotestantismus innerhalb und außerhalb der Reichsgrenzen, sind mehr als einmal in den Kampf- und Sturmjahren seit 1918 mit feierlichen Botschaften an die Oeffentlichkeit getreten. (…) Die dauernde Wandlung und die fortschreitende Ver-wirrung der inneren Lage unseres Volkes erfordern aber eine immer erneute Ueberprüf-ung der Stellungnahme, (…) Und es entspricht der evangelischen Haltung, daß dieser Dienst (…) auch von kleineren Kreisen und freien Gruppen von Geistlichen und Laien geleistet werden kann und geleistet werden muß. Denn unser Volk in seiner abgrundtiefen Not wartet auf ein Wort wirklicher Klärung und Wegweisung, erwartet es von der Kirche. Man kann nur wünschen, daß dem Ruf aus Altona Stimmen aus allen Teilen des evangelischen Volkes antworten möchten, um unserem Volk zu helfen, den Weg zu finden, der es aus dem Dunkel und der Knechtschaft führt.

*

(1)Nachstehend sei unseren Lesern auch die Predigt mitgeteilt, die von Pastor Georg Christiansen (Altona) in dem Gottesdienst vom 11. Januar nach Verlesung des vorstehenden Bekenntnisses gehalten wurde. Das Bekenntnis wird unseren Lesern durch diese Predigt noch wertvoller und klarer werden.

 

Der göttliche Anspruch

Lk 3, 1-3; 7-16

Paul Steinmüller erzählt in seinen „Rhapsodien vom Glück“ von einem Kreis von Menschen, unter denen ein feiner Ton und ein inniges gegenseitiges Verstehen herrschten. – Doch der wohltuende Zusammenklang wurde gestört, als der Mann in ihre Mitte trat, der immer und überall recht haben wollte. – Die eigenwilligen und selbstsüchtigen Menschen und Menschengruppen sind eine Plage und ein Verhängnis für die Menschheit. – es Geht ihnen nur um ihr eigenes Meinen. Sie haben immer Recht. – Aber durch diesen Wahn verraten sie ihr Volk, – verraten sie die Menschheit und jede Gemeinschaft, in der sie stehen. (…)

Und nun steht heute ein Kreis Altonaer Pastoren vor euch und im Angesicht der großen Oeffenltichkeit. Unser Propst hat das Wort verlesen, das wir zu der Not und Verwirrung des öffentlichen Lebens zu sagen haben. – (2)So Gott will, soll dies Wort weit hinausschallen und in Kirche und Volk ein Echo finden. – Es will manchen falschen Wahn erschüttern, will schütteln und rütteln an verrosteten Pforten. – Es will ein Hinweis sein auf Hilfe und alleiniges Heil für Volk und Menschheit. –

Da werden uns viele fragen: Das ist doch eine unglaubliche Kühnheit! Wie kommt ihr dazu? Wir hören im Geiste die verschiedensten Stimmen durcheinanderrufen: Da sieht man, wie weltfremd die Kirche ist! Oder: Hier taucht wieder mal, fromm verbrämt, dies alte unaus-stehliche Herrschaftsgelüste der Kirche auf (…) Nun will auch die evangelische Kirche sich vordrängen, und die Altonaer Pastoren bilden sich wohl ein, ein besonderer Stoßtrupp zu sein.“ – Oder: „Nun mühen sich die Besten um die Zukunft unseres Volkes und um seine Einheit, daß all die verschiedenen Geister doch wieder miteinander sprechen in Deutsch-land. – und in dieses zarte Gewebe hinein greift klotzig – die Kirche. (…) – Solche Stimmen werden wir hören.  – Aber nicht nur solche! (…)Wir glauben, daß in allen Ständen, Kreisen und politischen Parteien Menschen sind, die solches Reden der Kirche sich gefallen lassen. (…)– Aber auch sie werden fragen: (3)„Woher nehmt ihr den Mut und die Vollmacht dazu? Wie kommt ihr dazu?“ So wollen wir denn versuchen zu antworten und das Geschehen dieser Stunde zu deuten. Wir stellen es unter das Licht der verlesenen Geschichte. (…)

I) Irgendwo am Jordan steht plötzlich, scheinbar unvermittelt, Johannes der Täufer und beginnt seine Botschaft hineinzurufen in seine Zeit. Er spricht Worte von gewaltiger Wucht und seit Jahrhunderten nicht mehr gehörter Schärfe. Was trieb ihn zu reden? Man könnte ja meinen, daß auch er einer von denen war, die immer und überall recht haben wollen, und daß er nur seine eigene Weisheit an den Mann bringen wollte. (…) Solche Deutung des Geschehens ist unmöglich. So dürfen wir nicht zu erklären versuchen, was dort vor sich ging. – Nein, Johannes hatte eine Botschaft, weil er einen Auftrag von Gott hatte. Es heißt: „Da geschah der Befehl Gottes zu Johannes, des Zacharias Sohn in der Wüste.“ – Das ist ganz wörtlich und ganz ernst zu nehmen. Johannes mochte sich zunächst weigern zu reden, er mochte unter dem Auftrag leiden, er mochte Gründe über Gründe dagegen anführen – es ging nicht. – Er mußte gehorchen. Sein Leben wäre zerstört worden und er selbst innerlich zerbrochen, wenn er nicht gehorcht hätte. – Und so geht er an den Jordan und predigt – auf Befehl!

Wenn die Kirche Jesu Christi ihr Wort sagen will, muß sie eine Sendung haben. – Und wenn Pastoren ein solches Wort wie das heute gesagte verkünden wollen, dann muß es ihnen befohlen sein. – Sonst ist das ganze nur Mache und ein religiöses Kunstprodukt. –

(4) Wir (…) wurden seit dem Altonaer Blutsonntag in ein Müssen hineingeworfen und auf einen Weg gestellt, den wir bis zu Ende gehen mußten, und haben nun in monatelangem Mühen darum gerungen, Gottes Willen zu erkennen. Aber es endete damit, daß wir den Befehl Jesu hörten: „Was ich euch im Geheimen sage, das sprecht öffentlich aus, und was ihr von mir in das Ohr geflüstert hört, das predigt auf den Dächern! – (Matth. 10, 27.) (…) Wir haben gelernt, daß man solches Werk und Geschehen nicht zwingen kann. Es wird einem hingelegt und es kommt der Befehl: nun stell dich hinein mit deiner ganzen Existenz!

(…) Wir stellen das Geschehen dieser Stunde bewußt unter den Satz: „Da geschah der Befehl Gottes an uns!“ Dann wird aber auch klar sein, daß wir hier nicht aus irgend einer politischen oder gar parteipolitischen Einstellung heraus gesprochen haben. Das wäre auch nicht möglich, denn da denken wir zu verschieden. Es wird auch weiter klar sein, daß wir nicht die Spitzen der Behörden eingeladen haben und uns über ihr Erscheinen freuen, weil wir einen Machtfaktor bilden wollen. Ebensowenig haben wir die Obrigkeit zu recht-fertigen, – wir erkennen Sie ja als von Gott gegeben an. Aber wir meinen, auch ihr das Wort sagen zu dürfen und zu sollen, das wir als Kirche zu sagen haben. (…) [Wir] reden dabei einzig und allein von dem Raume aus, wo ein Mensch in Verantwortung vor Gott steht, seinen Willen vernimmt und ihm gehorcht. –

II

Dabei schweben wir aber nicht in der Luft und leben nicht ins Blaue, sondern aus einer ge-gebenen und bestimmten Lage heraus. Gottes Befehle knüpfen an die jeweilige geschicht-liche Lage an, sie sind nicht zu lösen von dem Geschehen in der Zeit. Sie sind nicht blut-leere Theorie. Gott redet nicht in Allgemeinheiten.

Darum ist es mehr als eine historische Bemerkung, wenn es in unserem Texte heißt: „in dem 15. Jahr des Kaisertums Kaisers Tiberius“ … bis zu der Bemerkung: Da Hannas und Kaiphas Hohepriester waren: da geschah der Befehl Gottes.“ – Die bloße Nennung all dieser Namen legt die ganze Hoffnungslosigkeit der politischen, sittlichen und religiösen Lage jener Zeit dar. Welch ein Hin und her von Kräften und Mächten, wieviel Fallen-stellerei und Brunnenvergiftung, wieviel gegenseitige Verketzerung und Verspottung, wie-viel List, Sittenlosigkeit und Grausamkeit! Ja selbst bis ins Herz des Priesterstaates war die Auflösung gedrungen. – Es war ein anormaler Zustand, daß gleichzeitig zwei Hohe-priester ihren Einfluß ausübten: – der eine als Werkzeug des römischen Statthalters, der andere als der Vertrauensmann des Volkes!

(5)Aber auf der anderen Seite wissen wir auch, wieviel bestes Wollen in den Herzen vieler lebendig war. Die Treue gegen Land und Volk war nicht gestorben. Da wurde mit Leiden-schaft gerungen um die Erhaltung der politischen, nationalen, sozialen und religiösen Eigenart.

Und da geschah nun etwas an einer Stelle, an die kein Mensch dachte. Keine der treiben-den Kräfte hatte dies Geschehen in Rechnung gestellt. Aber nun schaltet sich auf Befehl Gottes Johannes der Täufer in den weitverzweigten und verzwickten Strom guter und böser Kräfte ein und ruft ein Wort von Gott her hinein in die Situation. – und was für ein Wort! Ein Wort, das die Menschen dort trifft, wo sie zu Hause sind. Ein Wort, das ihnen Ungeheures zumutet; das Wort vom Bußetun. – Ein solches Wort kann nur auf Befehl Gottes gesagt werden, sonst ist es eine unausstehliche Anmaßung. –

Wenn nun die Kirche durch das Wort ihrer Glieder sich einschaltet in den Strom des Kräfteaufwandes unserer Tage, so ist das ein Vorgang, den wohl auch heute manche nicht in Rechnung stellen. (…) Und doch kann nur sie das Wort sagen, das gesagt werden muß, und zwar allen ohne Unterscheid gesagt werden muß: Das Wort von dem Gott los sein unseres Geschlechts.

Johannes sagte es allen, er nahm jedem seine Selbstrechtfertigung. Er sagte ihnen, die ganze Nation, so wie sie war, stehe in einer großen allgemeinen Abweichung von Gott, denn sie habe ihre großen Güter und Heiligtümer sich zu Götzen gemacht. Sie hätten stolz und selbstherrlich auf ihren natürlichen Zusammenhang mit Abraham vertraut.

Aber alle Ichbegeisterung, alle Selbstherrlichkeit ist Sünde gegen Gott und steht unter seinem Gericht. Nur wenn wir uns bekehren und hineinstellen unter die Vergebung Gottes, können wir Heil gewinnen. – Nur hier liegt die Rettung. Wir leben in einer Zeit, die in einer Weise eisern und männlich ist. Sie ist kampfbereit und kampferprobt. Viele tragen mit einem Heldenmut, der höchste Achtung verdient, ihr Schicksal. In vielen lebt der trotzige Wille: „wir meistern dennoch das deutsche Geschick“.

Aber wir sehen auch das Gegenstück. Es ist wie ein Netz, in das wir alle irgendwie mithin-einverstrickt sind: die äußere und innere Ratlosigkeit und Unsicherheit. Wo haben wir denn wirkliche Sicherungen? Wir sind ratlos, weil alles unsicher ist in Wirtschaft und Politik und auf sittlichem Gebiet. Wir haben kennen festen unverrückbaren Maßstab für unsere Haltung. Und das ist so, weil wir gottlos sind. Darum zerbricht uns das Werk unserer Hände immer wieder. (…) Unser Vertrauen ist weithin Selbstvertrauen und Menschenver-götzung geworden und darum wackelt es an allen Enden. Wo Menschengröße und Men-schenleistung in Sport, Technik und Politik emporgehoben wird bis zu den Sternen des Himmels, da bleibt keine Bereitschaft und keine Fähigkeit zur Anbetung Gottes. Gott aber läßt seine Ehre keinem anderen. Das erleben auch wir in unserer Geschichte, in dem Ge-schehen unserer Tage, und wenn wir nicht hoffnungslos verblendet sind, müßten wir es erkennen. – Bis in die Einzelheiten hinein können wir es seit 1914 sehen, daß uns nichts wirklich gelingen will.

In diese Situation hinein kommt dies Wort der Kirche: „Tut Buße, seht eure Verranntheit, erkennt die Grenzen menschlicher Vernunft und menschlichen Tuns. Seht das Gericht Gottes über uns Menschen !“. – Beugen wir uns unter den Zorn Gottes – Dann wird sich eine neue Haltung anbahnen, die Haltung, in der wir wieder aufblicken zu Gott und rufen: „Herr, kehre dich doch wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig. Erfreue uns wieder, nachdem du uns so lange plagest, nachdem wir solange Unglück leiden!“

III

Die Botschaft Johannes des Täufers hatte ihre Wirkung. – Sie wurde ungeheuer lebendig. Sie traf die Hörer in dem Zentrum ihrer Existenz. Das Volk fragte ihn und sprach: „Was sollen wir denn tun?“(…) Aus all den verschiedenen Lebensordnungen heraus (…) kam die Frage nach der neuen Haltung. – Und Johannes zerstörte ihnen nicht den Zusammenhang zwischen Beruf und neuer Gesinnung (…) – sondern weist jeden zurück in seinen Stand und Beruf. Aber es zeigt ihnen die ewigen Grenzen des Willens Gottes, die kein Einzelner und kein Volk ungestraft überschreitet. (…)

Wo Buße ist, da wird auch heute aus dem Leben heraus gefragt: Was haben wir zu tun? – Und diese Frage wird an die Kirche gerichtet. (…). Sie hat anderes zu sagen als was Welt, Gesellschaft, Presse vielleicht besser zu sagen weiß. (…) Sie verbreitet nicht Privatent-deckungen, sondern Gottes Wort an die Welt. – Sie steht dabei nicht über dem Lärm und Getriebe der Welt, – nein, sie ist mitten hineingestellt. (…) – Aber ihre Botschaft ist Bot-schaft von oben, ist Verkündigung des ewigen Gotteswillens über den Geschlechtern der Erde, – daß die Menschen mit Gott zu rechnen haben als der entscheidenden Instanz ihres Lebens. – Aber das Letzte und Größte hat die Kirche nicht in der Hand. Sie hat die Botschaft zu sagen. Sie hat Zeugnis abzulegen. Weiter nichts! (…)

Aber über aller Not und Verwirrung des Lebens und über dem Wort der Kirche dazu leuchtet das alte und ewig gültige Wort von der Vergebung: „Siehe da, – Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (6)Das ist der größte und schönste Hinweis, den die Kirche zu geben hat: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu, sondern hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns. So bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor. 5, 19-20) Amen!

 

Allgemein

Josef der Träumer

Wie ich ja schon schrieb, war eine Tagung, die ich letztens besucht habe, teilweise etwas ermüdend. Hier ist ein weiterer Text, den ich während eines Vortrages geschrieben habe.

Die Kindheit Jesu wäre laut Matthäusevangelium anders verlaufen, wenn Josef nicht geträumt hätte. Josef wird in einem Traum darüber informiert, dass Maria vom Heiligen Geist schwanger ist und aufgefordert, sie zur Frau zu nehmen. Ohne diesen Traum hätte Josef sich von Maria getrennt. Heimlich zwar, und ohne sie in Schande bringen zu wollen, doch Maria wäre vielleicht dennoch zu einer alleinerziehenden Mutter geworden, oder zumindest zu einer Mutter, die mehr als andere auf die Hilfe der Verwandschaft angewiesen gewesen wäre. Das wäre sicher kein leichter Start ins Leben geworden. Josef wird im Traum zur Flucht nach Ägypten aufgefordert. Der erzwungene Gang nach Ägypten rettet und hält die Verheißung am Leben. Schließlich kehrt Josef wiederum nach einem Traum aus Ägypten zurück.

Ein Josef, der träumt und durch dessen Träume die Verheißung Gottes am Laufen gehalten wird – schon im Buch Genesis begegnet dieses Motiv. Auch dort träumt ein Josef – und es sind seine Träume, die ihn erst nach Ägypten und später an den Hof des Pharaos führen. Er erhält nicht nur das ägyptische Volk, sondern auch das Volk Gottes am Leben, sodass die Verheißung Gottes weiter geht. Ich glaube, dass die Leser des Matthäusevangeliums die Geschichte des träumenden Josefs aus Genesis sehr genau vor Augen und Ohren gehabt haben. Mit der Ausgestaltung der Geburts- und Kindheitsgeschichte Jesu und den Träumen Josefs verbindet Matthäus einmal mehr das Evangelium Jesu Christi schon zu Beginn deutlich mit dem TaNaCh.

Allgemein

Mission

Die Mission ist ja so ein Thema, das heutzutage kaum Popularität besitzt in landeskirchlichen Kreisen. Wobei, das stimmt nicht ganz, es gab vor ner Weile mal ein paar offizielle Verlautbarungen zur Mission, daß man die als wichtig ansieht und so fort. Aber daß davon groß etwas in den Gemeinden angekommen wäre kann ich jetzt nicht sagen. Oder es ging an mir vorbei.

Das liegt wohl einerseits an der unsäglichen Geschichte der Mission. So kam es immer wieder dazu, daß Menschen zur Taufe gezwungen wurden, man spricht da auch von Schwertmission. Die Vermischung mit der politischen Ebene spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle, so hat etwa Kaiser Karl, genannt „der Große“, von den vom ihm unterworfenen Sachsen die Taufe verlangt. In dem Fall spiele eine große Rolle, daß dies die Unterwerfung unter eben jenen Kaiser bedeutete, und seine Kirche. Karl hatte übrigens einen Hoftheologen, Alkuin, der Kritik äußerte. Aber wer hört schon auf die Theologen, wenn wichtigere Interessen auf dem Spiel stehen?

Ein anderer Grund, wieso die Landeskirchen beim Thema Mission nicht ganz so im Vordergrund stehen liegt vielleicht an der Abgrenzung gegenüber evangelikaleren Richtungen. Dort führt man die Mission zumindest gefühlt ständig im Munde, und wendet es auch auf Konzepte an, die man schwerlich unterstützen würde, als Landeskirchler. Man hält sich also lieber zurück. Nichts desto trotz gibt es Missionsgesellschaften, die den Landeskirchen nahe stehen. Man schickt dort aber selten Missionare aus, um „die Heiden“ in fremden Weldteilen zu bekehren (wir haben ja auch genug Nichtchristen hierzuland), sondern betreibt eher Entwicklungshilfe.

Aber zurück zu den evangelikaleren Gruppierungen. Dort werden durchaus Missionare ausgesendet, mitunter auch mal in arabische Länder, wo diese dann zu Tode kommen, und hinter allem steht das Ziel, Jünger zu machen, also Nichtchristen (manchmal werden von den fraglichen Gruppen auch Katholiken und Orthodoxe dazugezählt) zu Christen zu machen.

Von den Konzepten solcher Gruppen las ich gerade kürlich wieder in zwei Artikeln englischer Blogs, deren Autorinnen selbst als Missionarinnen nach Südostasien gingen. Sie kennen also das Terrain. Bei Laura geht es darum, wie Missionare versuchen, an die Kinder der Leute heranzukommen, indem man ihnen eine bessere Zukunft verspricht und sie in eigene Schulen bringt, freilich ohne daß es die Eltern etwas kostet, wo die Kinder dann zu Christen erzogen werden. Lana berichtet davon, daß die Menschen Material für den Hausbau bekamen und eine Schulbildung für die Kinder, nur daß sie dafür einmal pro Woche eine einstündige Predigt hören mußten. (für alle die Englisch können sind beide Blogs übrigens sehr zu empfehlen)

Es entspann sich vor allem bei Laura eine Diskussion darüber, ob und inwieweit das okay sei, sich so auf die Kinder einzuschießen.

Die eine Seite (zu der auch ich gehöre) hatte ein Problem damit, daß die Kinder indoktriniert werden und die Eltern entmündigt. Und daß das Evangelium quasi Handelsware, ja noch schlimmer, Bürde wurde. Das Evangelium wurde zu dem Frosch, den die Leute schlucken mußten, wenn sie Hilfe bekommen wollten.

Die andere Seite pochte auf den Missionsbefehl und daß die Menschen verloren wären, wenn sie nicht das Evangelium hörten und sich bekehrten. Stünde doch ganz klar in der Bibel.

In der Diskussion habe ich mich zum ersten Mal seit längerem mit dem Thema Mission auseinandergesetzt und reflektiert, wie ich Mission gut fände.

Ausgehend von der Situation, die in den Artikeln beschrieben wird: Arme Menschen, die teilweise hungern und um Hilfe bitten, bin ich der Meinung, daß das erste, was ein Christenmensch tun sollte ist, Hilfe zu bieten.

Die Hungrigen speisen, die Kranken pflegen. Diese Dinge, also alles, was wir unter Diakonie fassen würden, aber nicht nur institutionalisiert wie hier in Deutschland, sondern auch konkret dem gegenüber, der an die Tür klopft.

Das geschieht nach Aussage von Lana und Laura auch. Aber: Ich denke, das sollte man tun, ohne darauf zu schlielen, wann man jetzt seinen Sermon von der Heilstat Jesu ablassen kann um den Hilfesuchenden vor die Wahl zu stellen: Bekennst Du nun Christum als Deinen Herrn?

Was würde der Hilfesuchende wohl tun? Mit den Lippen bekennen, weil man vielleicht irgendwann wieder Hunger hat und sich nicht die Chance verbauen will, noch einmal Hilfe zu bekommen? Wohl möglich. Oder ehrlich sein sich zum Buddhismus bekennen? Was sollte das nützen? (Womöglich sieht man das mit der Verleugnung der eigenen Religion im Buddhismus auch gar nicht als so schlimm an wie wir im Christentum, aber das weiß ich nicht)

Es besteht also eine wunderbar hohe Chance, daß die Angesprochenen, alleine um konform zu sein und nicht anzuecken, mitspielen. Zumindest, so lange sie sich davon etwas versprechen.

Eien Kommentatorin mit Namen Anna hat bei Laura davon berichtet, daß Jugendprojekte ganz schnell wieder einbrechen und Lana berichtete wo anders davon, daß in Südostasien die Gemeinden oftmals praktisch aufhören zu existieren, wenn die westlichen Missionare wieder verschwinden und das Christentum keinen materiellen Vorteil mehr bringt.

Deshalb denke ich, auch wenn mir mehrfach entgegengehalten wurde, daß wir das Evangelium verkünden müssen, daß in den Situationen, wo jemand zu uns kommt und um Hilfe bittet, es unsere Pflicht und Schuldigkeit als Christen ist, diesem Kind Gottes zu helfen so gut wir können, ohne zu versuchen einen Profit für uns dabei rauszuschlagen, indem wir anfangen zu evangelisieren. Denn damit ziehen wir die Liebe in Zweifel, die wir eigentlich zeigen wollen und sollen. Sie verkommt zum Lockangebot in einem Kuhhandel: Ich geb Dir essen und Du singst meine Kirchenlieder. Nein! Wer Hilfe sucht soll Hilfe bekommen, ohne seien Religion wechseln zu müssen oder auch nur mit der Frage danach konfrontiert zu werden!

Das bedeutet nicht, daß man nicht verkündigen soll. Was spricht dagegen, jeden Tag einen Gottesdienst zu feiern und jeden, der sich interessiert, zu empfangen? Was spricht dagegen, wenn der Hilfesuchende danach fragt, wieso man diese Hilfe gewährt (vielleicht auch schon über längere Zeit), auf Christus zu verweisen? Steht nicht Christus und Seine Liebe hinter jeder Hilfe, die wir Christen geben? Aber eben: Kein langer Sermon, einfache Antworten auf einfache Fragen. Die Fragen werden kommen, man muß geduldig sein. Und dann liegt es an Gott, einem die richtigen, kurzen Antworten zu geben und das Interesse zu wecken, daß der Betreffende vielleicht irgendwann auch im Gottesdienst oder einer Bibelstunde erscheint. Nicht, weil er irgendwleche Konformitäten erfüllen will oder gar genötigt wurde, sondern weil er selbst es will und sich selbst interessiert.

Das bedeutet sicherlich viel mehr Aufwand. Und viel mehr Unsicherheit. Aber wie viel Sicherheit hat man denn, wenn man jedem gleich das Evangelium um die Ohren haut, der nicht schnell genug davonkam? Man kann sich vielleicht einreden, alles getan zu haben, was man konnte. So nach dem Motto: Gott kann mir nichts vorwerfen, ich hab getan was geht, um Jünger zu machen. Das wäre erstens ein werkgerechter Ansatz (was schon per se wenig evangelisch und damit wohl auch nicht evangelikal wäre) und zweitens erinnert es ein wenig an den Pharisäer im Tempel, der meint, er sei nicht so schlecht wie der Zöllner, der ja gar kein guter Mensch sein könnte…

Christus sagte uns, wir sollten Jünger machen, Er sagte nicht, daß wir dazu kurz das Evangelium umreißen sollen und dann hoffen, daß das schon irgendwie genug sei. Was er aber auch forderte war Liebe für den Nächsten und selbst für den Feind. Das tut sonst keiner und wird auch immer wieder in Gesprächen mit Atheisten als Punkt vorgebracht, der absolut unsinnig sei. Ja, für Atheisten muß das wohl so aussehen. Aber genau deshalb wird es auch irgendwann Fragen provozieren.

Wenn man ein Stück Land bearbeiten will, kann man ja auch nicht einfach die Samenkörner zwischen die Hecken werfen. Das heißt, man kann schon, aber der Ertrag wird geringer sein, als wenn man das Land erst einmal rohdet, die Steine entfernt, pflügt, also quasi: Es urbar macht. Ich denke so muß man auch die Menschen erst einmal auf das Evangelium vorbereiten. Und meine Überzeugung ist, daß dies eben durch Liebesdienste geschieht, die eben nicht danach fragen, wie die Situation nun ausgenutzt werden kann, um das Evangelium anzubringen (vordergründig, um Gott einen Gefallen zu tun, hintergründig dann vielleicht doch eher: um sich selbst besser zu fühlen. Als ob Gott unter Zeitdruck stünde udn Ihm nicht andere Personen zur Verfügung stünden, um dem Menschen das Evangelium zu bringen).

Man muß dabei ein wenig mehr Spannugn aushalten. Denn wenn man möglichst früh den Sermon abläßt, steht es danach eben bei Gott, man hat selbst erst einmal seinen Teil getan. Wenn man auf Fragen wartet, dann muß man sich so lange auch zurückhalten, muß darauf warten, daß Gott in dem Menschen das Interesse weckt. So lange kann man „die Sache“ auch nicht abhaken und zum nächsten gehen. Das ist sicher anstrengender. Aber ich vermute, es ist erfolgversprechender. Und es nähme der Mission vielleicht auch nach und nach ihr negatives Image, was dann bedeuten würde, daß auch mehr Menschen diese Anstrengungen unterstützen.