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Christentum und AfD

Christentum und AfD, wer ist hier der "echte" Christ? Das Bild zeigt einen Anhänger der "Deutschen Christen" und einen Anhänger der Liste "Evangelium und Kirche" mit umgehängten Wahlplakaten
Kirchenratswahlen Berlin 1933

Auf Twitter äußere ich mich öfters dahingehend, daß weder Mitgliedschaft noch Sympathie mit der sogenannten AfD mit dem christlichen Glauben vereinbar sind. Heute nun wurde mir auf zweierlei Weise widersprochen. Einmal von einem mutmaßlichen AfD Sympathisanten, der meinte, Christentum bedeute vor allem, andere auszugrenzen und das würde bei der Aussage ja auch wunderbar auf mich zutreffen. Dann warf er mir vor, auf die no true scotsman fallacy reinzufallen. Dazu möchte ich zuerst ein paar Worte verlieren.

Dann möchte ich mich mit dem zweiten Einwand beschäftigen, die auf große sowohl personelle wie auch inhaltliche Gemeinsamkeiten zwischen sogenannter AfD und Christen hinwies. Ich versuchte zuerst, auf Twitter in die Debatte einzusteigen, aber das Format war dann doch zu eng. Daher versuche ich nun hier, meine Ansicht zu der Thematik etwas breiter auszuformulieren, als dies auf Twitter möglich ist.

Kein echter Pfälzer

Bei der no true scotsman fallacy geht es darum, daß Voraussetzungen in einem Schluß neu definiert werden. Man nehme die Aussage:

Kein Pfälzer trinkt lieber Bier als Wein.

Voraussetzung ist die pfälzische Identität, Folge ist das Nichtbevorzugen von Bier.

Jetzt antwortet aber jemand:

Mein Onkel Schorsch ist Pfälzer und trinkt gerne Bier, während er Wein gar nicht mag.

Damit wäre die Aussage wiederlegt: Schorsch ist ein pfälze Biertrinker, und wo es einen gibt, kann es auch mehrere geben. Kommt nun aber die Entgegnung:

Kein echter Pfälzer trinkt lieber Bier als Wein,

dann wird an den Voraussetzungen gedreht. Man muß jetzt nicht Pfälzer sein, sondern echter Pfälzer, damit die Aussage stimmt. Die Voraussetzung wird neu definiert, es geht nicht darum, Pfälzer zu sein, sondern eben echter Pfälzer zu sein, was sich ja klar erkennen läßt am bevorzugten Getränkt, oder so.

Dies funktioniert allerdings nur da, wo Begriffe nicht von vorne herein eindeutig definiert sind. Ist etwas definiert, dann funktioniert das so nicht.

Bekenntnis

Ist es bei Christentum und AfD ebenfalls so? Nun, die Zugehörigkeit zur AfD ist eine klare Sache: Entweder man ist Parteimitglied, oder nicht. Auch bei der Anhängerschaft ist das relativ leicht: Entweder man sympathisiert mit der Partei und unterstützt ihre Ziele, etwa durch Wahl oder auch nur Zustimmung zu den Zielen und Methoden, oder eben nicht.

Die Zugehörigkeit zum Christentum ist da schon eine andere Sache. Tatsächlich ist es so, daß es immer wieder – schon in biblischen Zeiten – Abgrenzungen verschiedener sich christlich nennender Gruppierungen voneinander gab. Und von einem außenstehenden Standpunkt mögen alle diese Gruppierungen unter dem Label Christentum subsummierbar sein. In der Innenperspektive – und die habe ich als Christ nun einmal, ist das anders.

Hier gibt es Kriterien, wer dazu gehört und wer nicht. In Krisenzeiten werden oft auch neue Kriterien formuliert, neue Grenzen gezogen. So kam es Ende der 1920er Jahre zu einem regen Verfassen von Bekenntnisschriften, die ihren weitgehenden Abschluß in der Barmer theologischen Erklärung fanden. Zum zeitgeschichtlichen Kontext von Barmen hat mein Koautor Nordlicht übrigens ein paar Artikel hier veröffentlicht, die gerne mehr Aufmerksamkeit bekommen können.

Wenn ich nun als Christ die Behauptung aufstelle, AfD und Christentum gingen nicht zusammen, dann ist dies zuerst und vor allem genau das: Ein Bekenntnis, und zwar erst einmal ein ganz privates (auch wenn ich stark davon ausgehe, daß ich nicht der enizige Christ bin, der das so sieht).

Anders kriegt man „Christ“ oder“Christentum“ nicht definiert. Es wird immer abhängig sein von einem Bekenntnis.

Gründe

Natürlich hole ich mir dieses Bekenntnis nicht aus dem hohlen Bauch, sondern leite es aus meinem Verständnis der Lehre Jesu einerseits und den Forderungen, dem Handeln und dem Auftreten der AfD andererseits ab.

Liest man die Bibel, so findet man immer wieder, trotz aller gewalttätigen Stellen, die Liebe Gottes zu den Menschen. Ebenso fordert dieBibel Liebe untereinander, zwischen den Menschen, ja sogar die Liebe zum Feind. Daneben werden gerade auch im AT soziale Forderungen laut nach dem Schutz der Witwen, Waisen und Fremdlinge.

Homophobie, festgefahrenes Rollenverständnis und Ausländerfeindlichkeit

Trotz alledem kann ich natürlich nicht leugnen – und will es auch gar nicht – daß es Schnittmengen zwischen politische rechten Gruppierungen und Fundamentalisten gibt. Teilweise sind diese Fundamentalisten Glieder einer EKD Kirche so wie ich, teilweise stehen sie außerhalb, sind im freikirchlichen Kontext beheimatet.

Und es gibt je nach Thema und Intensität und Art und Weise der vorgebrachten Thesen welche, die ich nicht als Geschwister in Christo erkennen kann, so sehr ich es versuche, und andere, bei denen ich denke, daß man im Gespräch miteinander weiter kommen kann.

Und ich denke, dazu bin ich als Christ auch verpflichtet. Ebenso wie ich verpflichtet bin, anderen zuzuhören. Ich kann mich ja auch irren.

Wer nun tatsächlich Christ ist und wer nicht, das weiß letztlich nur Gott selbst. Wir Menschen sind nun einmal angewiesen auf Äußerlichkeiten, und so haben wir nur die äußere, sichtbare Kirche greifbar, während der Glaube in der inneren, unsichtbaren Kirche existiert.

Christentum und AfD – ein Fazit

Als gläubiger Mensch kann ich nicht ohne den Glauben, so wenig wie der Materialist ohne Physik kann. Als verantwortlicher Mensch gebe ich mir Mühe, diesen Glauben zu reflektieren. Ebenso grenze ich mich qua Bekenntnis ab, wo ich meine, die Grenzen des Glaubens sind überschritten. Etwa wenn statt der Liebe dem Haß gehuldigt wird.

Und mit allem, was dazwischen ist, suche ich das Gespräch, der Mensch braucht schlielich ein Korrektiv.

2 thoughts on “Christentum und AfD

  1. Ich frage mich, ob diese detaillierte Argumentation nicht zu viel der Ehre für die AfD.

    Die blanke Ausländerfeindlichkeit, die man dort findet, reicht doch eigentlich als Argument völlig aus und bringt es auf den Punkt, wieso der politische Auftritt der AfD mit einem ernst genommenen Christentum nicht vereinbar ist. Wenn dann Gegenargumente, Aufweichungsversuche, dialektische Nebelkerzen usw. kommen, kann man noch vorgefundenen Rassismus und tlw. sogar Antisemitismus nachlegen, von dem sich die AfD anscheinend weder befreien kann noch wirklich distanzieren will.

    Das bedeutet ja nicht, dass man mit dem einzelnen AfD-Mitglied nicht mehr spricht, aus der christlichen Tradition heraus, zwischen dem (hoffentlich umkehrfähigen) Sünder und der Sünde zu unterscheiden.

  2. Der Artikel nahm auch ne andere Kurve als ursprünglich gedacht. Eigentlich sollte der wahre Schotte nur kurz kommen und dann länger was zu äußerem und innerem Christentum. Aber zur Zeit bin ich froh, überhaupt zum Bloggen zu kommen. War ja über ein Jahr Funkstille aufm Blog…

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