Warum Bertrand Russel kein Christ ist war

Bertrand Russell (1872 – 1970) war englischer Philosoph – und glaubte nicht an Gott. Die Tage stieß ich auf einen Vortrag von ihm mit dem Titel „Warum ich kein Christ bin“. Er hielt den Vortrag am 6. März 1927 vor der National Secular Society in London.

Der Vortrag scheint einige Bekanntheit zu haben, so hat er beispielsweise einen eigenen Wikipedia-Artikel. Beim Durchlesen fielen mir ein paar Ungenauigkeiten auf, die ich hier gerne auflisten will. Es wird dabei wohl keine Widerlegung rauskommen, aber das ist auch nicht mein Ziel. Die „Gründe“, warum jemand an den christlichen Gott glaubt oder nicht, sind je individuell – jedenfalls glaube ich nicht, daß Glaube durch reine Vernunftargumente deduziert werden kann, da muß schon eine existentielle – und damit individuelle – Komponente dazu kommen.

Allerdings halte ich es für eine gute Sache, konstruktiv Kritik zu üben, denn ohne konstruktive Kritik gibt es keine Weiterentwicklung – und das wäre doch schade.

Ich beziehe mich dabei auf die bei atheisten-info.at veröffentlichte deutsche Übersetzung des Textes. Wer den Text im englischen Original lesen möchte, wird hier fündig.

Ziemlich zu Anfang problematisiert Russel den Begriff „Christ“:

Das Wort hat heute nicht mehr die gleiche lebendige Bedeutung wie zu Zeiten des heiligen Augustinus oder des heiligen Thomas von Aquino. Wenn in jenen Tagen jemand sagte, er sei ein Christ, so wusste man, was er meinte. Er erkannte eine ganze Reihe von genauestens festgelegten Glaubenssätzen an und glaubte an jede einzelne Silbe davon mit der ganzen Kraft seiner Überzeugung.

Die Wahrheit sieht wohl doch etwas anders aus. Augustinus setzte sich mit den Donatisten auseinander, die ganz andere Ansichten darüber hatten, was christlich ist und was nicht. Ebenfalls zu nennen wäre die Auseinandersetzung mit Pelagianismus und Semipelagianismus.

Thomas von Aquin lebte zur Zeit der Katharer, die Waldenser existierten auch schon, außerdem gab es schon länger das Schisma mit der Ostkirche (wobei das formal wohl erst im 18 Jahrhundert festgezurrt wurde…).

Die Behauptung, daß ganz klar war,was zu einer bestimmten Zeit von allen Christen geglaubt wurde, gehört eher in der Reich der Phantasie, es sei denn, man will eine Gruppe Menschen künstlich abgrenzen und schert sich nicht um Ungenauigkeiten bei der Bezeichnung. Kann man machen, allerdings läuft man Gefahr, mißverstanden zu werden, womöglich baut man sich gar Strohmänner auf, die zwar den Vorzug haben, von jeder Argumentationslinie genau getroffen zu werden, die andererseits womöglich nicht viel mit der Realität zu tun haben…

Russell braucht für seinen Vortrag eine Definition dessen, was er als Christ versteht, denn er will ja darlegen, wieso er nicht zu dieser Gruppe gehört. Er nennt zwei Kriterien:

  1. Man muß an Gott und die Unsterblichkeit glauben.
  2. Man muß Jesus als den Besten und weisesten der Menschen ansehen.

Man könnte jetzt problematisieren, was Russell unter „glauben“ versteht: Ein für-wahr-halten oder doch eher ein Vertrauen. Und was bedeutet dann Gott für wahr halten? An Seine Existenz zu glauben?

Das würde wiederum auf die Frage lenken, was mit „Existenz“ genau gemeint ist, denn Gottes Sein ist anders als unseres, denn wir sind nach christlicher Lehre Geschöpfe, Er nicht. Bezieht man den Existenzbegriff allein auf uns Geschöpfe, kann man durchaus Christ sein und die „Existenz“ Gottes verneinen – Er ist kein Geschöpf, Er ist der Schöpfer. Für Seine „Existenz“ bräuchte man ein anderes, „höheres“ Wort.

Auch was die Unsterblichkeit angeht, würde ich ein Fragezeichen machen. Viele Christen sind gestorben, darunter alle Apostel, Kirchenväter etc etc. Und was das ewige Leben angeht, also Auferstehung und Gemeinschaft mit Gott in der Ewigkeit – da gibt es so viele Ansätze und Denkweisen, daß ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen würde, daß es keine Christen gibt, die das verneinen.

Was Jesus als besten und weisesten Menschen angehtkönnte an fragen, nach welchen Kriterien das gehen soll. Jesus hatte keinen Doktor in Quantenphysik  und war wohl auch nicht der weltbeste Badminton-Spieler. Auch wenn sich das „beste“ darauf bezieht, daß Er ein besonders „guter“ Mensch (moralisch gesehen) war, stellt sich die Frage: Nach wessen Moral? Und wer legt fest, daß speziell diese Moral für die Bewertung geeignet ist?

Die „Gottesbeweise“

Beim moralischen Gottesbeweis frage ich mich ein wenig, wieso Gott den „gut“ sein muß. Ich denke auch, daß man für die Unterscheidung von gut und böse ein Kriterium braucht, und daß die Ableitung dieses Kriteriums aus dem Glauben eine Möglichkeit darstellt. Man könnte jetzt auch auf Luther zurückgreifen und sagen „woran Du Dein Herz hängst, das ist dein Gott“ – und dann ist Gott eben nicht immer der christliche Gott, aber immer irgendetwas, aus dem man sein Verständnis von gut und böse ableitet – und wenn es das eigene Gutdünken ist, das beschließt, daß alles was einem gefällt gut ist und alles, was einem nicht gefällt schlecht. Dann ist man halt sein eigener Gott, aber ich schweife ab. Jedenfalls denke ich, daß man über diese Schine zu einer Definition von „Gottheit“ kommen könnte, mit der man weiter arbeiten kann, denn dann hätte jeder ein Gott und wir könnten sie vergleichen. Freilich ist Russell nicht daran gelegen, deshalb betont er die Aussage der „Theologen“, Gott sei gut. Daß das nur eine Zuschreibung von extern sein kann, ist deutlich. Wer die Kriterien einer Gottheit für gut und böse anerkennt, wird diese Gottheit in einem zweiten Schritt als gut bezeichnen, sonst würde er die Kriterien ja nicht anerkennen. Umgekehrt ist es kein Wunder, wenn jemand andere Gottheiten als böse bezeichnet, soweit deren Kriterien denen widersprechen, die man selbst anerkennt. Ein Dortmund-Fan wird Bayern nie für die beste Fußballmannschaft halten, egal wie viele Titel sie gewinnen – und umgekehrt.

Beim „Argument der ausgleichenden Gerechtigkeit“ behauptet Russell, die Ungerechtigkeit in der Welt sei ein moralisches Argument gegen Gott. Und wieder stellt sich die Frage danach, wer das beurteilen will, bzw nach wessen Kriterien hier gemessen wird. Daß Russell den christlichen Gott als böse einstuft ist nicht verwunderlich, siehe oben Bayern und Dortmund. Das ist aber nicht objektiv, sondern subjektiv. Auch die Bezeichnung bestimmter Zustände als „ungerecht“ ist erst einmal subjektiv. Ich finde ja gut, daß Russell Gott – an den er nicht glaubt – in die Pflicht nimmt. Aber ohne alles zu kennen, ohne zu wissen, was nach dem Tod passiert, oder was der Grund Gottes für die Ungerechtigkeiten ist, läßt sich schwerlich ein Urteil fällen. Will man Gott moralisch bewerten, muß man Ihn zunächst anerkennen und damit auch alles, was dazu gehört: Himmel, Hölle, Engel und was sonst noch dazugehört. Und in christlicher Lehre gehört eben dazu, daß der Mensch nicht den Überblick hat und ihm deshalb kein Urteil zusteht: Siehe Hiobbuch. Russell muß sich schon entscheiden, ober Gott verneint, oder ob er moralische Gründe gegen Ihn sammelt.

Im Großen und Ganzen hat Russell jedoch Recht: Gott läßt sich nicht objektiv beweisen – und damit ist die Frage, ob ich an Ihn glaube oder nicht keine Frage von besseren oder schlechteren Argumenten, sondern eine Frage von individuellen Erfahrungen und Vertrauen.

Der Charakter Jesu

Ich muß Russell zustimmen, daß viele Christen sich anviele radikale Forderungen der Evangelien nicht halten. Ich wundere mich nur, daß er diesen Forderungen zustimmt und gleichzeitig zugibt, sich selbst nicht daran zu halten. Wenn es gute Forderungen sind, wieso handelter nicht danach, wieso tut er frewillig Schlechteres, als er könnte? Sieht er diese Forderungen vielleicht doch nicht als gut an, sondern redet nur so, um Zustimmung zu ernten? Wäre es nicht ehrlicher zu sagen: „Ich lehne diese Forderungen ab, könnte ir aber denken, daß die Welt besser wäre, wenn alle sich daran hielten.“?

Gut finde ich, daß Russell klährt, sich nicht am historischen Jesus zu orientieren, sondern an Jesus, wie Er in den biblischen Evangelien geschildert wird. Besser fände ich, wenn er noch einen Schritt weiter gegangen wäre, und die Texte nicht biblizistisch 1:1 verstehen wollte, sondern sich Gedanken über Aussageintention etc gemacht hätte – denn Literatur ist Literatur und kein Gesprächsprotokoll…

Allerdings weiß er plötzlich genau, wie dieStelle zu deuten ist in der Jesus sagt „sorget nicht für den morgigen Tag“. Russell sieht darin einen Beleg dafür, daß Jesus selbst Anhänger der Naherwartung war, nach der Er noch zu Lebzeiten der damals Lebenden wiederkehren würde. Für meinen Geschmack springt Russell hier ein wenig zu viel zwischen der literarischen Ebene und dem historischen Jesus, mit dem er sich eigentlich nicht beschäftigen will. Denn der literarische Jesus glaubte an gar nichts und wußte nichts. Er ist eine Figur des jeweiligen Autors und in dessen Phantasie entstanden. Wohl gebunden an irgend ein historisches Vorbild, auf das sich Russell aber nicht beziehen wollte – er stellt ja die Historizität Jesu allgemein in Frage.

Er müßte also viel mehr sagen: Die Autoren der Evangelien waren etwas dämlich, daß sie Jesus einerseits so darstellen, als hätte Er die schnelle Wiederkehr erwartet, andererseits aber selbst zu einer Zeit lebten, als man in der Frage umzudenken begann. Einem historisch angeblich inexistenten Jesus kann hier allerdings sinnvoll nichts unterstellt werden.

Aus der angeblichen Unkenntnis Jesu zum Zeitpunkt Seiner Wiederkehr leitet Russell nun ab, Jesus sei nicht so klug wie andere Menschen gewesen und habe keine höchste Weisheit gehabt. Ich meine, das ist ein Fehlschluß, denn um dieses Urteil zu fällen,müßte erst jemand gefunden werden, der behauptete, Jesus würde nicht relativ schnell wiederkehren. Und derjenige müßte es nicht einfach behaupten, also raten, sondern logische Gründe vorbringen, also irgend etwas, was für seine Klugheit und Weisheit spricht.

Dann ärgert sich Russell über den Höllenglauben des literarischen Jesus und seine Verurteilungen seiner Gegner. Das sei kein nettes Verhalten. Man könnte nun einwenden, der literarische Jesus (also eigentlich Matthäus, Markus, Lukas und Johannes) lege nur offen, wennauch emotional, was Sache ist. Ist es denn so ein guter Charakterzug, den Boten schlechter Nachrichten zu köpfen? Denn genau das tut Russell hier, wenn ich es richtig sehe: Er wirft dem Boten die Botschaft vor. Daß er die Botschaft nicht mag ist nur natürlich: Immerhin ist Russell kein Christ und auch der Bayern Fan freut sich nicht über die Botschaft, daß es diese Saison nur für den Meistertitel reichte…

Daß die Höllenlehre Grausamkeiten und für Generationen unbarmherzige Foltern gebracht hätte, hätte ich gern etwas breiter dargestellt. Mir ist nämlich so, als hätte es auch außerhalb des christlichen Kulturkreises Grausamkeiten udn Folter gegeben, die qualitativ und quantitativ dem, was bei uns geschah und geschieht, nicht nachstehen.

Die Parteiergreifung für den verfluchten Feigenbaum ist rührend, allerdings fragt man sich, wo das Problem liegt, wenn eine nichts fühlende Pflanze verdorrt. Und natürlich immer wieder das Problem, daß er den literarischen Jesus so behandelt, als wäre es ein historischer, als seien die Evangelien Gesprächsprotokolle…

Plötzlich ist da ein neuer Feind. Die organisierten Kirchen. Gegen diese habe man alle moralischen Fortschritt erkämpfen müssen. Hier muß er freilich den Kunstgriff wählen, das Feindbild leicht anzupassen, denn gerade in England könnte noch bekannt gewesen sein, daß die Abschaffung der Sklaverei auf Pietisten und Quäker zurückging. Allerdings war wohl keiner von ihnen in der Kirchenleitung. Also setzt man „organisierte Kirche“ und Kirchenleitung in eins, verkennt, daß Angehörige eines Glaubens auch Angehörige der organisierten Form dieses Glaubens sind udn hat ein neues, passendes Feindbild.

Daneben wäre ein weiteres Mal zu bedenken, was als moralischer Fortschritt angesehen wird und wer die Kriterien hierfür festlegt. Es mag ja sein, daß die Christen sich nicht moralisch nach Russells Vorstellungen verhalten – umgekehrt könnte es auch so gewesen sein…

Daß Angst die Grundlage der Religion sei behauptet er nur noch, er begründet es leider nicht mehr. Freilich kenne auch ich Beispiele, in denen mittels Angst versucht wird, Leute zum Glauben zu drängen oder im Glauben zu halten – bzw in der jeweiligen Gemeinde oder Gruppe. Aber ich weiß, daß das weder heute noch je die einzige Form von Religion war – ja ich vermute, daß die Rolle der Angst mehrheitlich geringer war. Man könnte dieser Spur nachgehen, hätte Russell hier argumentiert und nicht nur eine Behauptung aufgestellt.

Er formuliert die Hoffnung, daß dieWissenschaften die Welt zu einem lebenswerten Ort machen können.Ich denke, die Hoffnung sollte inzwischen enttäuscht worden sein. Die Wissenschaft ist lediglich ein Mittel, das zu guten oder bösen Zwecken benutzt werden kann. Was gut und böse ist, dafür liefert uns die (Natur-) Wissenschaft kein Kriterium. Russellhängt wohl dem Menschenbild der Aufklärung an, nach dem der Mensch nur richtig aufgeklärt werden muß über seine Irrtümer, damit er stets und immer die guten Zweckeverfolgt und die Welt ein besserer Ort wird.

Ich vermute, daß das christliche Menschenbild, nach dem alle Menschen Sünder sind, der Realität näher kommt…

Russell meint, diese Ansicht sei eines Menschen mit Selbstachtung nicht würdig. Ich verstehe nicht, wieso eine selbstkritische Einstellung unwürdig sein soll. Ich denke,daß nurso zur „freien Intelligenz“ zu kommen ist, die Russell anstrebt. Denn eine Intelligenz, die die eigenen Fehler – das Sündersein – ausblenden muß, um die Selbstachtung zu erhalten, ist durch diese Aufgabe und die damit verbundene Selbstdarstellung als moralisch tadelloser Mensch derart gebunden, daß sie sich kaum frei dran machen kann, die Probleme unserer Welt anzugehen.

 

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4 Kommentare zu Warum Bertrand Russel kein Christ ist war

  1. Thomas Jakob sagt:

    Ich habe den Eindruck, so kommst Du Russell nicht bei. Es hilft nichts, die Verunklarung dessen, was das Christsein ausmacht, weiterzutreiben, um es auf diese Weise der Russellschen Kritik zu entziehen. Das Problem dabei ist, dass Du anschließend mit einer undefinierten und völlig unklaren Position dastehst, die zu nichts mehr zu gebrauchen ist.

    Hinzu kommt, dass Russell ausdrücklich formuliert: „Warum ich kein Christ bin.“ Das ist seine subjektive Sicht, und die muss man ihm zugestehen. In umgekehrter Form wird der Rückzug auf die Subjektivität ja auch von vielen Christen jeder Couleur regelmäßig praktiziert. Ich meine mich zu erinnern, von Dir auch schon mal so etwas gelesen zu haben. Hier plädiere ich dann mal dafür, dass für alle die gleichen Spielregeln gelten.

  2. De Benny De Benny sagt:

    Das ist seine subjektive Sicht, und die muss man ihm zugestehen.

    Die gestehe ich ihm schon zu. Aber was er da tut ist ja nicht nur ein persönliches (Un-) Bekenntnis formulieren. Er wählt zwar die Form eines Bekenntnistextes, übt aber wenn man genau hinsieht Kritik. Und diese Kritik muß ihrerseits der Kritik stellen können.

    In umgekehrter Form wird der Rückzug auf die Subjektivität ja auch von vielen Christen jeder Couleur regelmäßig praktiziert.

    Ginge es ihm darum, kein Problem. Jeder kann glauben, was er will, und ich bin sicherlich der letzte, der jemandem den Rückzug ins Subjektive verbauen will. Aber seine Äußerungen erheben – so verstehe ich ihn – den Anspruch der Objektivität. Damit sind sie kritisierbar. Mir geht es weniger um Russell als vielmehr um die Aussagen, die er macht und die immer noch nachwirken, denn immer noch werden diese oder ähnliche Behauptungen unkritisch übernommen von Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, besonders kritisch zu sein, während sie es gläubigen Menschen absprechen.

    Ich meine mich zu erinnern, von Dir auch schon mal so etwas gelesen zu haben. Hier plädiere ich dann mal dafür, dass für alle die gleichen Spielregeln gelten.

    Das hast Du sicher schon. Aber ich hoffe – jedenfalls ist das mein Anspruch an mich selbst – daß ich da, wo ich Aussagen mit objektivem Anspruch formuliere, ich auch offen bin für Kritik. Ich kann meinen Glauben nicht vernünftig begründen, ich glaube auch nicht, daß das geht. Aber ich glaube, daß es nicht unvernünftig ist, zu glauben, und darüber diskutiere ich gerne – und ganz natürlich ergebnisoffen.

    Es hilft nichts, die Verunklarung dessen, was das Christsein ausmacht, weiterzutreiben, um es auf diese Weise der Russellschen Kritik zu entziehen.

    Naja, Russell baut sich schon ein bißchen einen Strohmann, oder nicht? Und meine Kritik richtet sich ja nicht nur gegen seine Definition vom Christsein, sondern zum Beispiel auch gegen seine Verabsolutierung eines ganz bestimmten (naja, eher diffusen) Bibelverständnisses. Und dann noch Aussage wie die, daß Religion grundsätzlich auf Angst fuße. Steile Behauptung. Ich denke, das kann man anmerken, ohne etwas zu verunklaren.

    Was Russell kritisiert ist natürlich – soweit es das gab oder gibt – zu kritisieren. Was ich kritisiere ist, daß er das Christentum darauf beschränkt und alles andere keine echten Schotten sind.

    Das Problem dabei ist, dass Du anschließend mit einer undefinierten und völlig unklaren Position dastehst, die zu nichts mehr zu gebrauchen ist.

    Ich formuliere gar keine Position, das ist auch nicht mein Anspruch hier. Ich konstruiere nicht, ich dekonstruiere. Wollte ich eine Position formulieren, würde die Überschrift wohl „Warum ich Christ bin“ o.ä. heißen. Wie gesagt halte ich den Grund dafür für sehr subjektiv, damit würde er andere Menschen abgesehen vielleicht von erbaulichen Effekten wenig weiter bringen.

  3. Thomas Jakob sagt:

    Ich bin erst jetzt dazu gekommen, die von Dir verlinkte deutschsprachige Fassung zu lesen. Ich habe das vage in einer längeren Fassung als schmales Buch in Erinnerung, finde aber auch die kurze Version sehr gut.

    Handwerklich logische Fehler sehe ich bei Russell nicht (hätte mich auch überrascht). Er macht Annahmen, was er für Christsein hält und legt diese offen. Der Tatsache, dass es da eine Bandbreite gibt, trägt er durchaus Rechnung, indem er einen Bereich von ausgeprägter katholischer Dogmatik bis zu wenigen, relativ liberalen Kriterien ( 1. Glaube an Gott und Unsterblichkeit 2. Annahmen über Jesus Christus) festlegt. Für sich selbst stellt er fest, dass er außerhalb auch der liberalen Kriterien liegt.

    Wenn er behauptet (als Meinung, nicht als etwas Objektives), dass er auch andere, die außerhalb seiner definierten liberalen Grenze liegen, nicht als wirkliche Christen ansieht, ist er natürlich angreifbar. Aber als Meinung ist das schon vertretbar; auch viele Christen könnten und würden dem zustimmen.

    Das Thema Angst ist wichtig. Wir müssen es als Christen unbedingt für uns in Anspruch nehmen, einen verlässlichen Weg zu kennen, von den großen und verhängnisvollen Motivatoren Angst und Macht los zu kommen zu der Liebe als Grundlage unseres Lebens und Handelns. In der kirchliche Realität der Vergangenheit und teilweise auch der Gegenwart spiegelt sich das leider nicht ausreichend wieder.

    Die Fragen, die Russell aufwirft, halte ich für sehr ernsthaft. Die Antworten, warum man, anders als Russell, Christ ist und bleiben will, sollte man sich selbst schon positiv geben können, auch wenn man sie nicht unbedingt veröffentlichen und der Dekonstruktion aussetzen muss.

     

  4. De Benny De Benny sagt:

    In der kirchliche Realität der Vergangenheit und teilweise auch der Gegenwart spiegelt sich das leider nicht ausreichend wieder.

    Da gebe ich Dir Recht. Allerdings finde ich eine Aussage wie „Religion stützt sich vor allem auf Angst“ in dieser Absolutheit angreifbar sind und angegriffen werden sollten, gerade auch, weil sie unreflektiert nachgeplappert werden. Ich weiß darum, daß das leider viel zu oft vorkommt. Ich kenne aber auch die andere Seite von Religion, die Angst nimmt und Zuversicht schenkt.

    Die Fragen, die Russell aufwirft, halte ich für sehr ernsthaft.

    Ich bin da wie gesagt hin und her gerissen. Einerseits sind da ernsthafte Fragen, andererseits aber auch ungute Verkürzungen und Holzschnitte.

    Der Tatsache, dass es da eine Bandbreite gibt, trägt er durchaus Rechnung, indem er einen Bereich von ausgeprägter katholischer Dogmatik bis zu wenigen, relativ liberalen Kriterien ( 1. Glaube an Gott und Unsterblichkeit 2. Annahmen über Jesus Christus) festlegt.

    Das ist freilich auch dem Thema geschuldet. Hieße es „Warum ich Agnostiker bin“, müßte er nicht tausende Konfessionen bedenken sondern könnte sein eigenes Verständnis zu Grunde legen, das geht bei Ablehnung eines so schwer zu definierenden Begriffs wie „Christ“ schlecht.

    Ich stoße mich vor allem auch am zweiten Kriterium bezüglich des Charakters Jesus. Ich vermute, daß CS Lewis Russell im Hinterkopf hatte, als er meinte, Jesus sei entweder der Sohn Gottes oder eines der schlimmsten Menschen überhaupt.

    Ich denke, die Frage zum Charakter Jesu führt auf eine ganz schiefe Bahn. Denn wie wollte man die Güte neutral bewerten? Sofern ergibt Lewis‘ Aussage dann Sinn: Je nach Grundüberzeugung ist Jesus dann Sohn Gottes oder ein abgrundtief böser Mensch: den Unterschied macht der Glaube, den Russell nicht hat (ich meine das deskriptiv und nicht als Vorwurf).

    Daß Russell nicht glaubte ist für mich in Ordnung. Du erinnerst Dich an unsere Diskussionen zum freien Willen und zum Mitwirken des Menschen am Glauben. Ich gehe davon aus, daß Glaube allein von Gott gewirkt wird. Hat Gott in Russell keinen Glauben bewirkt, dann ist das so. Hat Gott Glauben bewirkt, dann konnte Russell sich dagegen nicht wehren – wie Paulus.

    Was mich veranlaßte, auf Russels Text hier zu reagieren war, daß ich darin einige Vorurteile gegenüber Christentum und Religion allgemein wiederfand, die mir schon oft begegneten und daß ich den Eindruck hatte, daß Russell hier mehr tat, als schlicht ein (Un-) Bekenntnis abzulegen, er greift Religion und Christentum auch an. Das ist oftmals gerechtfertigt, Du hast ja schon auf Geschichte und Gegenwart verwiesen. Manchmal ist es aber auch einfach Polemik, und auch wenn Russell hier deutlich zurückhaltender ist als heutige „Brights“ oder Neo-Atheisten, meine ich doch einen gewissen Zusammenhang zu erkennen.

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