Der mitleidende Gott

Ein Jesus & Mo Comic, für die Nichtenglischsprecher unter Euch, hiernochmal eine Übersetzung der Konversation:

Bild 1:
Jesus: Ich gebe zu, daß grauenhafte Ereignisse uns manchmal dazu bringen können, die Existenz Gottes anzuzweifeln, aber nach den Anschlägen in Paris habe ich gebetet.

Bild 2:
Jesus: Ich fragte Gott: „Wo bist Du in alledem?“ Und Gott sprach zu mir. Er sagte: …
Barmädchen: Warte!

Bild 3:

Barmädchen: Laß mich raten … sagte er etwas darüber, irgendwo „da“ zu sein in der Mitte von alledem und dann irgendwelche Platitüden darüber, unser Leid zu teilen?

Bild 4:
Jesus: Wie macht sie das?Mo: Gott ist unaussprechlich, aber vorhersehbar.

Es gibt viele von diesen Comics und sie wollen alle den Eindruck erwecken, besonders intelligent Religionskritik zu üben. Manchmal schaffen sie es auch, Mißstände aufs Korn zu nehmen, nur schießen sie dann oft zu weit übers Ziel hinaus und verlieren dadurch.

Wie dem auch sei, dieses Comic nimmt einen Punkt aufs Korn, der mich selbst oft ärgerte. Mir war als Jugendlicher nie eingeleuchtet, was ich davon haben sollte, daß Gott mit mir in irgend einem Leid ist, wenn er mir nicht helfen kann. Wozu jemanden, der mitleidet? Reicht es nicht, wenn es einem dreckig geht?

Ich habe über die Jahre (hört sich wahnsinnig lange an, so alt bin ich gar nicht) zwei ganz verschiedene Zugänge zu dieser Frage gefunden, bzw selbst erlebt.

Gott ist wirklich da

Im Leben bleibt es nicht aus, auch manchmal ziemlich nach unten zu kommen. Und manchmal steht man richtig am Abgrund, und weiß nicht mehr weiter, ist verzweifelt. Ich blieb davon auch nicht verschont und habe erlebt, daß es eine enorme Erleichterung sein kann, nicht auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, sondern jemanden zu haben, dem man sein Leid klagen kann und zwar so oft und so ausführlich, wie kein Mensch es ertragen könnte, zuzuhören. Schon alleine aus zeitlichen Gründen.

Ob und inwieweit Gott mitlitt kann ich nicht sagen, aber es war mir eine Hilfe, daß Er da war, bis ich mich irgendwann gefangen hatte und aus der Verzweiflung raus kam. Womöglich hat es eine Rolle gepielt, daß ich weiß, daß Gott das Leid nicht fremd ist, ging Er doch selbst ans Kreuz. Aber alleine daß ich wußte, es gibt einen Gott, alleine daß ich wußte, Er steht mir bei und läßt mich nicht verloren gehn, komme was wolle, half mir.

Gott leidet nicht nur passiv mit

Jeder Versuch, die Theodizee-Frage, die Frage wieso Gott Leid zuläßt, zu beantworten, wird unweigerlich zynisch. Es ist unsagbar zynisch, wenn man vebsucht, in den Geschehnissen einen tieferen Sinn zu finden. Die Menschen sind tot. Viele andere sind verletzt, physisch und psychisch. Solch schwer zu ertragendes Leid darf man nicht mit irgendwelchen Spekulationen über einen tieferen Sinn wegwischen. Das wäre unanständig und auch unehrlich: Keiner von uns kennt Gottes Plan.

Die Theodizee Frage ist ja auch falsch gestellt. Die Frage ist ja nicht, wieso Schlimme Dinge geschehen, sondern, wieso überhaupt gute Dinge geschehen. Was ist der Grundzustand der Welt? Gehen wir davon aus, daß eigentlich alles gut sein müßte? Oder kommtalles Gute, was uns widerfährt, von Gott? Ist letzteres der Fall,dann war Gott durchaus da bei den Anschlägen und hat konkret geholfen. Keiner der Attentäter kam ins Stadion, der Bataclan wurde relativ schnell gestürmt, die Ärzte waren durch eine kurz vorher abgehaltene Notfallübung ideal vorbereitet.

Sicher kann man jetzt sagen,das war nicht Gott, das war das vorausschauende Handeln der Menschen. Die Sicherheitsvorkehrungen haben geholfen, nicht Gott. So wie das Tischgebet Bart Simpsons:

Lieber Gott, wir danken dir für gar nichts, wir haben alles selbst bezahlt.

Nur ist es dann nicht billig, ausgerechnet das Negative Gott anzulasten? Wenn gute Sicherheitsvorkehrungen für den vergleichsweise glimpflichen Ausgang verantwortlich waren, sind dann nicht auch Menschen für die Anschläge, für das Leid verantwortlich? Schließlich waren es Menschen, die Bomben zündeten, die andere Menschen ermordeten.

Entweder man gesteht Gott zu geholfen zu haben, oder man braucht ihm auch das Negative nicht zuzurechnen.

Freilich, wenn man sich nun dafür entscheidet, Gott das Positive zuzurechnen, woher kommt dann das Negative? Entweder die Menschen haben eine hinreichende Freiheit, unabhängig von Gott Böses zu tun, oder aber es kommt doch von Gott her.

Viele apologetisch schreibende christliche Blogger, so ist mein Eindruck, ziehen als Erklärung die Freiheit des Menschen heran. Sie schreiben, der Mensch sei frei, Gutes und Böses zu tun, um Gott zu entschuldigen.

Ich halte das für nicht zutreffend. Mir ist ein Punkt sehr wichtig, und zwar daß Gott unbedingt über alles souverän ist. Wir sind Ihm letztendlich ausgeliefert, im Guten wie im Bösen.

Und diese Böse Seite müssen wir aushalten, wenn wir uns nicht in den schon erwähnten Sinnfindungen verlieren wollen. Wir können nicht alles Leid erklären, und das müssenwir auch nicht. Als Christen können wir trotz allem hoffen. Und wer kein Christ ist, wer nicht an Gott glaubt, der stellt auch nicht die Frage, ob Gott nun gut oder böse ist.

Womit sich nun die Frage nach dem obigen Comic stellt. Wenn der Autor nicht gläubig ist, wieso gibt er sich überhaupt mit dem Thema ab. Ich weiß es nicht, aber vielleicht kennt ja jemand von Euch die Antwort.

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7 Kommentare zu Der mitleidende Gott

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  2. Thomas Jakob sagt:

    Womit sich nun die Frage nach dem obigen Comic stellt. Wenn der Autor nicht gläubig ist, wieso gibt er sich überhaupt mit dem Thema ab. Ich weiß es nicht, aber vielleicht kennt ja jemand von Euch die Antwort.

    Ich kann dem Autor natürlich nicht in den Kopf sehen, aber ich versuche mal eine Antwort: Es ist der intellektuelle Reiz, aus einer sattsam bekannten unzulänglichen Argumentation der Gegenseite, die trotzdem immer wieder gebracht wird, auf eine elegante Art und Weise Nutzen zu ziehen.

    Die Theodizee-Frage ist traditionell eine der stärksten Waffen des Atheismus. Sie ist auch nicht primär eine Anklage Gottes, was für einen Atheisten widersinnig wäre, sondern das Aufzeigen von inneren Widersprüchen in den Aussagen von Gläubigen über Gott. Viele Gläubige, selbst hochrangige Theologen, kommen mit dieser Frage schlecht oder überhaupt nicht zurecht. Dennoch ziehen sie oft keine Konsequenzen daraus, sondern reden anschließend weiter wie zuvor über Gott. Intellektuell redlich und im Außenverhältnis glaubwürdig ist das dann nicht mehr.

  3. De Benny De Benny sagt:

    sondern das Aufzeigen von inneren Widersprüchen in den Aussagen von Gläubigen über Gott. Viele Gläubige, selbst hochrangige Theologen, kommen mit dieser Frage schlecht oder überhaupt nicht zurecht. Dennoch ziehen sie oft keine Konsequenzen daraus, sondern reden anschließend weiter wie zuvor über Gott.

    Die Konsequenz, die die Neoatheisten unserer Tage wünschen wäre natürlich, daß der Theologe in Sack und Asche Buße tut und sich von seiner Religion lossagt. Das kann es ja nicht sein, so lange der Glaube besteht, und wieso sollte die Nichtbeantwortung der Theodizeefrage notwendig daran rütteln?

    Was sonst wäre eine für Atheisten annehmbare Position zu der Frage? Was wäre intellektuell redlich?

  4. Thomas Jakob sagt:

    Was sonst wäre eine für Atheisten annehmbare Position zu der Frage?

    Weiß ich nicht. Kommt wahrscheinlich auf den Einzelnen an. Konsequente Atheisten würden wohl erwarten, dass man zu Ihrer Position übergeht und Gott für nicht existent erklärt.

    Was wäre intellektuell redlich?

    Intellektuell redlich wären verschiedene Positionen, z. B.:

    a) Gott ist nicht allmächtig, aber allgütig.

    b) Gott ist allmächtig, aber nicht allgütig.

    c) Ich verstehe nicht, wie Gottes angesichts des Leidens in der Welt gleichzeitig allmächtig und allgütig sein kann. Ich ziehe mich zurück und propagiere das erst wieder, wenn ich es verstanden habe und beschreiben kann.

    d) Ich definiere Allmacht und Allgüte genauer unter Berücksichtigung der unbestreitbaren Tatsache des Leidens in der Welt. Diese Definitionen halte ich dann auch in anderen Zusammenhängen ein.

    e) …

    Damit wäre ein Atheist vermutlich nicht zufrieden. Anderen Glaubenswilligen würde man damit aber Hilfestellung geben.

     

  5. De Benny De Benny sagt:

    Ich würde vielleicht den Begriff der Güte genauer untersuchen und mich fragen: Wann ist etwas gut und wer definiert das.

    Ob Gott nun allgütig, allmächtig oder allwissend ist, interessiert mich nicht mal sonderlich. Wenn Er zulässt, dass jemand leidet, dann vertraue ich darauf, daß Er weiß, was Er tut.

    Muß ich eine Erklärung haben für alles, was Gott tut, um als intellektuell redlich zu gelten? Ist eine Aussage wie „Gott ist allmächtig“ eine objektiv zu verstehende Definition, oder eine im Glauben ausgesprochene Zuschreibungund Hoffnung?

    Ich vermute, irgendwo in dem Feld liegt der Hase begraben. Letztlich bringt es nichts, wenn ich versuche, Gott nach meinen Maßstäben zu beurteilen, weil diese Maßstäbe ihm nicht gerecht werden können…

  6. Thomas Jakob sagt:

    Möglichkeit e) Ich ziehe mich in Begriffsnebel und Subjektivismus zurück.

    O c’mon, stand up and fight!

    Ich stimme Dir zu, dass man als Mensch nicht jedes Handeln Gottes erklären kann. Ich gehe darin möglicherweise noch weiter als Du. Mit welcher Berechtigung erklärt man zum Beispiel die guten Dinge, die passieren oder die es gibt, damit, dass Gott sie aus Liebe zu den Menschen tut? Das weiß man ja ebenso wenig.

    Letztlich bringt es nichts, wenn ich versuche, Gott nach meinen Maßstäben zu beurteilen

    Nein. Aber es bringt etwas, Begriffe zu klären, wenn mit anderen Menschen darüber diskutieren will, damit man nicht völlig aneinander vorbei redet.

  7. De Benny De Benny sagt:

    Mit welcher Berechtigung erklärt man zum Beispiel die guten Dinge, die passieren oder die es gibt, damit, dass Gott sie aus Liebe zu den Menschen tut? Das weiß man ja ebenso wenig.

    Da hast Du Recht, ich bemühe mich daher, hier auch sehr zurückhaltend zu sein bzw. mache deutlich, daß ich es im jeweiligen Fall so empfinde, ganz persönlich und subjektiv. Mehr geht da IMHO auch nicht.

    Aber es bringt etwas, Begriffe zu klären, wenn mit anderen Menschen darüber diskutieren will, damit man nicht völlig aneinander vorbei redet.

    Das stimmt. Mir ist es zum Beispiel wichtig, den Unsinn der Theodizeefrage aus theologischer Sicht (nicht auf persönlich-existenzieller religiöser Sicht, da kommt die ganz klar immer wieder) aufzuzeigen. Wenn ich mich an Gott ausrichte, wenn Gott über allem steht und festlegt, was gut ist und was nicht, dann muß der Versuch, Ihn an einem eigenen Maßstab zu messen, systemfremd und damit Unsinn sein. Ähnlich der Frage: Wie viele Liter sind ein Kilometer?

    Damit löse ich die Theodizeefrage nicht, damit verpiß ich mich vielleicht auch davor und es ist sicher der falsche Ansatz, wenn jemand in seiner akuten existenziellen Not die Theodizeefrage aufwirft, aber es ist die ehrlichste Antowrt, die ich auf die TheodizeeFRAGE hin geben kann.

    In der existenziellen Notsituation würde ich damit aber nicht antworten, weil es in dem Moment aus meiner Sicht weniger um ein intellektualistisches Problem geht, sondern um eine konkrete existenzielle Situation wie den Tod eines oder mehrerer Menschen. In diesem Fall ist Trost gefragt. Das Aufwerfen der Theodizeefrage ist der (unbewußte) Versuch (so sehe ich es), sich diesen Trost zu verschaffen aus einer Welterklärung, die auch Gott Seinen Platz zuweist und Ihn somit bändigt. Alles soll einen Sinn bekommen, nach einer nachvollziehbaren Regel ablaufen, der auch Gott unterworfen werden soll. Das kann IMHOnicht funktionieren. Jedenfalls nicht bei gleichzeitigem Festhalten an einem souveränen Gott, der im Prinzip tun und lassen kann, was Er will und „dessen Wege höher sind als unsere Wege“ (und damit für uns zumindest aktuell nicht immer ganz nachvollziahbar).

    Trost kann IMHO in der Situation geben, daß Gott vielleicht unsägliches Leid zugelassen hat, daß Er aber trotz allem Herr ist und bleibt und weiter auf unserer Seite steht. Trost kann bewirken, diesem Gott das eigene Leid an den Kopf zu pfeffern im Gebet, gerne auch mit lautem Geschrei und Wehklagen. Daraus wird aber auch ersichtlich: Selbst der Trost ist nicht garantiert. Wir können ihn uns nicht herstellen, es liegt letztlich alles in Gottes Hand.

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