Predigt zu Mt 25, 14-30; 9. Sonntag nach Trinitatis

Lesungen:

Jer 1, 4-10:

Und des HERRN Wort geschah zu mir:
Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.
Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.
Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Phil 3, 7-14:

Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet.
Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne
und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird.1
Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden,
damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.
Das Ziel
Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.
Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist,
und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Predigttext:

Mt 25, 14-30:

Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an;
dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.
Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu.
Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu.
Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.
Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen.
Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen.
Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen.
Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast;
und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.
Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe?
Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.
Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat.
Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.
Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

Liebe Gemeinde,

vor einigen Tagen sah ich im Internet ein Bild von einem Monopoly Spielbrett. Unter dem Bild stand:

Ihr spielt Monopoly. Ein Spieler bekommt am Anfang alles außer der Turmstraße, außerdem dazu noch 95% von der Bank. Von Euch wird erwartet, mit dem, was übrig ist, zu gewinnen. Natürlich verliert Ihr sofort. Warum? Es muß an Eurer Faulheit liegen!

Derartige Äußerungen hört man in den letzten Jahren öfter. Seit vor einigen Jahren die Bank Lehman Brothers pleite ging folgt eine Krise auf die nächste. Viele Menschen verloren ihre Arbeit, und irgendwo muß ein Schuldiger auszumachen sein. Natürlich sind es „die da oben“. Die mit dem Geld, die Banker, das eine Prozent – wie sich die Occupy Bewegung ausdrückte – die sollen schuld sein an der allgemeinen Misere.

Und die Misere ist durchaus mit Händen zu greifen, die Durchökonomisierung unserer Gesellschaft führt zu Veränderungen. Veränderungen, die durchaus auch ihre negativen Seiten haben.

Zum Beispiel die Grünstädter Innenstadt: Immer mehr Geschäfte verschwinden. Viele Läden stehen leer. Als ich hier her zog dachte ich noch: So schlimm ist das doch gar nicht. Ich komme aus Klingenmünster, die nächste Stadt dort ist Bergzabern – und Bergzabern ist, was das Aussterben der Innenstadt angeht, nach meinem Empfinden Grünstadt um einiges voraus. Überhaupt, das Aussterben der Innenstädte hatte ich unter „ist halt so“ abgelegt.

Und was will man auch tun? So ist das Gesetz des Marktes: Wer zu teuer ist oder nur ein kleines Angebot hat, wird auf lange Sicht nicht bestehen können. Also versucht man, den Preis zu drücken. Man geht raus aus der Stadt mit den vergleichsweise kleinen Ladenflächen und den vergleichsweise hohen Mieten. Man zahlt den Angestellten weniger, soweit es geht, oder man lässt sie mehr arbeiten. Das führt natürlich dazu, daß die Angestellten selbst genauer auf den Preis schauen müssen, was wieder die Geschäfte in der Innenstadt benachteiligt, und so weiter. Ein Teufelskreis!

Und am Ende ist es dann so, daß man, wenn man ab einem gewissen Alter nicht mehr so gut zu Fuß ist, keine geringen Probleme bekommt, die grundlegende Versorgung mit Lebensmitteln selbst hinzubekommen. Der Weg in die Supermärkte ist weit, und die Hitze kommt im Sommer noch erschwerend hinzu.

Ein weiteres Beispiel wären die Altenheime – und wieder gehören die Alten mit zu den Leidtragenden. Auch hier muß wirtschaftlich gearbeitet werden, was dazu führt, daß die Pflegekräfte immer weniger Zeit haben, sich um die Menschen zu kümmern, die sie pflegen sollen. Bezahlt wird nur die Pflegeleistung, nicht das freundliche Wort, nicht die Sorge um den Menschen als Menschen.

Dieses System der Wirtschaftlichkeit hat uns mit seiner Radikalität in weiten Teilen gefangen genommen. Manchmal frage ich mich, ob man nicht sogar von einem Götzendienst sprechen könnte, bei dem alles dem Gewinn, dem Mammon geopfert wird, in der Hoffnung auf eine wirtschaftliche gesicherte Zukunft.

Dieser Götzendienst ist für manche, meist in anderen Ländern, sogar ein tödliches System. Der Kostendruck sorgt dafür, daß weder die Sicherheit der Arbeiter noch der Schutz der Umwelt und damit die Gesundheit der Bevölkerung beachtet werden. Diamanten und seltene Erden für unsere Elektronik schüren bewaffnete Konflikte.

Bei uns sind die Auswirkungen nicht ganz so schlimm, aber auf jeden Fall spürbar. Und wer sich nicht einfügt, der fliegt raus. Wer keine Leistung bringt, nicht mit schwimmt, nicht verwertbar ist, der fällt durch und muß sehen, wo er bleibt.

Und dann erzählt Jesus ein Gleichnis vom Himmelreich. Nun wissen wir aus anderen Geschichten, daß Jesus ein Freund der Zöllner war und die Zöllner, das war die Geldelite in der damaligen Gesellschaft. Wen wundert es da, daß Jesus sich hier im Predigttext auf die Seite der Reichen schlägt:

Zwei passen ins System, bringen Leistung, handeln, machen Gewinn und werden am Ende gelobt. Welche Geschäfte sie machten, erfahren wir nicht. Auf wessen Kosten die Geschäfte gingen, ob vielleicht jemand seine Arbeit, seine Existenz verlor… nichts! Es interessiert offenbar nicht: Wichtig ist der Gewinn. Wie bei uns. Und dafür gibt es Lob.

Und dann ist da der dritte Knecht. Er war schon von Anfang an benachteiligt, bekam das wenigste Startkapital. Er macht keinen Verlust. Er bringt das anvertraute Geld auch nicht durch. Er nimmt es um vergräbt es in der Erde, damit es sicher ist. Und er ist am Ende der Dumme, der von seinem Herrn gerügt wird und raus fliegt.

So soll das also auch im Himmelreich sein: Wer nicht genug leistet, der fliegt raus. So wie in unserem jetzigen Leben. Wer keine Früchte bringt, der wird abgehauen und ausgerissen.

Es ist ein Unterschied zwischen keine Leistung und nicht genug Leistung. Es ist ja nicht so, daß die Ladenbesitzer in den Innenstädten nicht arbeiten würden, keine Leistung bringen würden. Es reicht halt bloß oft nicht, um mit den Geschäften im Industriegebiet oder den Internetshops konkurrieren zu können.

Der Knecht hier ist aber nicht wie einer der Ladenbesitzer, der schweren Herzens das Geschäft aufgeben muß. Der Knecht hat es nicht einmal versucht.

Dabei weiß er, als Knecht – Sklave würden wir heute sagen – ist es seine Aufgabe, seinem Herrn zu dienen. Und wenn man in dem Fall Geld erhält, um es zu verwalten, dann hat man es zu investieren und zu vermehren, so wie der Herr es tun würde.

Der Knecht tut es nicht, bringt es nicht einmal zur Bank. Er tut so, als hätte er nichts damit zu tun. Als hätte er nichts mit dem Reichtum seines Herrn zu tun, als würde er nicht selbst von diesem Reichtum leben, denn als Sklave bekommt er keinen Lohn. Geht es dem Herrn schlecht, geht es den Sklaven noch schlechter. Geht es dem Herrn gut, dann geht es auch den Sklaven besser. Dem Knecht ist das egal. Er ißt zwar das Brot seines Herrn, nimmt das Gute mit, für das seine Mitknechte arbeiten, tut aber selbst keinen Handschlag dazu. Er spricht zu seinem Herrn noch in famoser Selbstüberhebung davon, daß er ihm „das seine“ gibt. Als ob das vergrabene Geld, und nur das, der Eigentum des Herrn wär. Wenn ich das so lese höre ich da ein „hier, das reicht für dich, mehr brauchst du nicht“ heraus.

Der Knecht hat sich vollkommen heraus genommen aus seinem Umfeld. Er jagt keinem Zielpreis nach wie Paulus es im Philipperbrief beschreibt – das haben wir in der Lesung ja gerade gehört – , er steckt sich nicht nach „dem da vorne“ aus.

Die beiden anderen Knechte stehen ebenso unter dem Schutz ihres Herrn. Sie nehmen das aber nicht zum Anlaß, nichts mehr zu tun, sondern kommen ihren Aufgaben nach. Sie sehen nicht nur auf ihre eigene Person, sondern begreifen sich als Teil eines Ganzen, einer Gemeinschaft, für die sie nach Kräften arbeiten.

Auffällig ist, daß die beiden guten Knechte je 100% Rendite machen. Der mit den 5 Zentnern erwirtschaftet weitere 5, ebenso erwirtschaftete der, der 2 Zentner erhielt weitere 2. Das Himmelreich ist eine Sache von ganz oder gar nicht. Wer sich einbringt, der wird offenbar auch erfolgreich sein, egal, wie sein Startguthaben aussah.

Das griechische Wort, das hier mit Zentner übersetzt wurde, lautet übrigens talentäs, und wenn Ihr jetzt an das deutsche Wort Talent denkt, seid Ihr genau richtig.

Altenpflegerinnen haben heutzutage kaum Zeit, sich über die nötigsten Bedürfnisse hinaus um ihre Klienten – so nennt man die Bewohner des Altenheims, auch ein Zeichen für die Durchökonomisierung der Gesellschaft – zu kümmern, aber sie schaffen es immer wieder, es trotzdem irgendwie zu tun, was natürlich auf ihre eigenen Kosten geht.

Und sicher gibt es auch einige Manager, die trotz Kostendruck und Konkurrenzkampf sich dafür einsetzen, daß die Arbeitsbedingungen in den Entwicklungsländern – und auch bei uns – verbessert werden, wenn sie auch nur kleine Schritte machen können, wegen der Zwänge des Mammonsystems. Aber auch wenn sie kleine Schritte machen, weil sie nur wenige Talente bekommen haben, setzen sie diese doch ein für die Gesellschaft, für die Menschen, für die Kinder Gottes.

Jeremia schätzt sein Talent als Prophet als nicht sehr hoch ein. Er sei zu jung meint er, als er von Gott berufen wird. Letztlich läßt er sich überzeugen, aber stellt Euch vor, Jeremia hätte sein eines Talent auch einfach vergraben…

Gott hat uns mit vielen Talenten ausgestattet. Einer kann singen, der andere ist technisch begabt und wieder jemand anders kennt sich mit Handarbeit aus. Diese Talente sind uns nicht nur zum Zeitvertreib gegeben. Es sind unsere Silberzentner, mit denen wir wuchern können, zum Nutzen aller.

Und wenn wir das tun, wenn wir so wie die Knechte mit unseren Talenten zum Wohle der Gemeinschaft und im Sinne unseres Herren handeln, dann werden wir erfolgreich sein, dann werden wir die Fülle haben, dann sind wir wirklich reich, und der Mammon, der uns Reichtum nur vorgaukelt und uns in seinen Notwendigkeiten gefangen nimmt, kann einpacken.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Dieser Beitrag wurde unter Kirche, Religion, Theologie abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Kommentare zu Predigt zu Mt 25, 14-30; 9. Sonntag nach Trinitatis

  1. Pingback: Predigt zu Mt 25, 14-30; 9. Sonntag nach Trinitatis | Christliche Blogger Community

  2. Thomas Jakob sagt:

    Ich stelle mir vor, wie ich diese Predigt wahrgenommen hätte, wenn ich sie vor Ort gehört hätte. Für mich wäre das Ganze in zwei Teile zerfallen.

    Teil 1: Kapitalismus und Gesellschaftskritik. In diesem Teil hätte ich, zumindest innerlich, mit den Fingern getrommelt, und wäre genervt bis gelangweilt gewesen. Ja, diese Probleme gibt es, die Macht der Banken, die verödenden Innenstädte, die Ökonomisierung von Pflege- und anderen Tätigkeiten usw. usw.. Diese Art der Kritik macht es sich m. M. n. zu einfach. Z. B.: Dass dezentrale Handelsstrukturen an Bedeutung verlieren, ist auch eine Wohlstandsfolge. Als ein oder mehrere Autos pro Haushalt noch nicht Standard waren, war man auf dezentrales Einkaufen angewiesen. Oder: Die Ökonomisierung von Pflege ist auch eine Folge des gestiegenen Anteils an Pflegebedürftigen, diese wiederum eine Folge guter medizinischer Versorgung und des demografischen Wandels. Früher war es außerdem so, dass mehr Alte zu Hause gepflegt wurden, meist durch Töchter und Schwiegertöchter zu deren einseitigen Lasten. Wollen wir dahin zurück? Ich könnte zu der ganzen Kritik zehn Seiten schreiben; das würde hier den Rahmen sprengen.

    Teil 2: Biblisches Gleichnis mit den anvertrauten Talenten. Eine großartige Geschichte, die mich immer wieder anspricht und aufrüttelt. Die knallharte Kritik einer defensiv-depressiv-nörgelnden-abwartenden Haltung. Es wird nicht voll allen das Gleiche erwartet, aber von jedem Einsatz im Rahmen seiner Möglichkeiten. Dazu braucht man, finde ich, nicht viel sagen im Rahmen einer Predigt, das spricht für sich.

    Die Teile standen nach meinem ersten Eindruck etwas unverbunden nebeneinander. Bei genauerem Lesen habe ich dann doch die Bezüge gefunden. Beim direkten Hören wäre mir das vermutlich entgangen.

    Ich denke bei diesem Gleichnis seit Jahren auch immer an die Situation der Kirche. Die Kirche verhält sich (in Deutschland) wie Knecht 3. Man bemüht sich, das vorhandene irgendwie zu halten, mehr nicht. Zufluss kommt durch Konfirmanden und Zugereiste, aktive Mission findet so gut wie nicht statt. Statt dessen veröffentlicht man Jahr für Jahr die Abgangsstatistiken und entwickelt eine schleichende Depression dabei.

    Vielleicht ist es gut, dass Du darauf nicht eingegangen bist, und der Predigt stattdessen einen versöhnlichen Ausklang gegeben hast.

    Herzliche Grüße

    Thomas

     

  3. De Benny sagt:

    Danke für Deine Rückmeldung, das hilft mir, Schwachpunkte bei meinen nächsten Predigten in Angriff zu nehmen. An der Kirchentür hört man da leider sehr selten eingehenderes…

    Ich war mit der Predigt auch nicht zufrieden, da ich den Eindruck habe, sie kann sehr schnell in Richtung einer allgemeinen Wirtschaftskritik verstanden werden. Mir ging es darum, daß das Himmelreich keine Leistungsschau ist. Die wirtschaftlichen Zwänge in unserem Leben wollte ich als „ist so“ darstellen, nicht als negativer. Dazu hätte ich wohl Gegenbeispiele aus früherer Zeit gebraucht, aber das fällt mir jetzt, nach Deinem Kommentar ein.

    Ich halte die Zustände wie sie sind durchaus für problematisch – aus den genannten Gründen, aber ich glaube, das liegt daran, um mich mal konservativ-traditionell auszudrücken, daß die Welt eine Gefallene ist. Die Sünde ist in der Welt, wir sind alle Sünder, und deshalb (nicht nur aber auch) leiden Menschen. Sind es heute wirtschaftliche Zwänge, waren es früher vielleicht familiäre Zwänge bzw die Konvention. Die sind jeweils anders, aber besser ist denke ich nichts davon.

    Worauf es mir ankommt ist, diese Zwänge ein Stück weit auszuhalten, ihnen soweit möglich nicht gleich nachzugeben, sondern das zu tun, was den Menschen konkret hilft. Was jeder kann sind seine Zentner, und wenn er das dann auch tut, dann hat er vollen Einsatz gebracht, egal wie klein er auch sein mag, wenn man ihn absolut betrachtet.

    Das ist ein Textverständnis, mit dem ich klar komme. Denn der Perikopentet hat mir nicht wenige Schwierigkeiten gemacht, da er auch in Richtung Werkgerechtigkeit gelesen werden könnte. Was Du da mit der knallharten Kritik der abwartenden Haltung schreibst ging mir nicht von Anfang an so auf. Ich hab den Text auch bei Red Matrix mal gepostet und rumgefragt, wie das verstanden wird, da kam auch zurück, daß dies ein wunderbarer Text wäre, um alle Querdenker mundtot zu machen.

    Was ich offenbar geschafft habe war, die Aufmerksamkeit der Menschen zu erregen. Das Aussterben der Innenstadt ist hier ein großes Thema, das auch bei Besuchen immer wieder aufkommt. Unter diesem Eindruck habe ich dann die Predigt geschrieben.

    Es stimmt schon, aktive Mission findet wenig statt, allerdings hat das auch damit zu tun, daß selbst viele Pfarrer den Missionsbegriff aufgrund dessen,w as unter diesem Label passiert ist, negativ sehen. Nicht jeder sieht sein Charisma darin, „Menschen für Jesus zu gewinnen“, und ich denke, das ist auch legitim. Ein weiteres Problem das ich zu erkennen meine ist, daß niemand weiß, wie Mission funktionieren soll, wenn man von all den negativen Beispielen, die es gibt, sich distanzieren will.

    Ebenfalls bei Red Matrix las ich vor ein paar Tagen davon, wie Missionare auf Flüchtlinge mit arabischen Bibeln zugehen, sich Null für deren akute Probleme interessieren, davon auch nichts wissen wollen, aber sie müssen jetzt Jesus bekennen. Ich krieg bei solchen Geschichten Brechreiz.

    Was es gibt sind Events, mit denen man versucht, Leute über die Kerngemeinde hinaus anzusprechen. Ich bin sehr skeptisch, was deren Erfolgsquote angeht. Mein Eindruck aus meiner bisherigen (sehr kurzen) Erfahrung, vor allem im Studium, ist, daß dabei Mitarbeiter verheizt werden. Es jagt ein Event das nächste, die Mitarbeiter brauchen immer mehr Ideen, um das alles am Laufen zu halten, aber eine breitere Basis für den ganzen Aktivismus, kann man nicht schaffen.

    Wenn Du eine Idee hast, wie man Mission verantwortet aufziehen kann, bin ich daran sehr interessiert.

  4. Thomas Jakob sagt:

    Ich habe Deine Antwort erst jetzt gesehen. Lange Zeit war die Seite für mich nicht erreichbar, ich war mir nicht einmal sicher, ob mein Kommentar überhaupt angekommen war. Ich benutze Firefox. Soviel zu Technik.

    Bitte erwarte von mir keine zündende Missionsidee in einem Online-Kommentar. Ich halte die Situation für völlig verfahren. Die Volkskirche ist längst tot, lebt aber am Tropf der Kirchensteuer weiter. Jede Art von Mission wird sofort zerredet. Wenn ein Bischof nur die inaktiven Mitglieder per Serienbrief anschreiben will, löst das eine Diskussion aus. Man hat die Trägerschaft für alle möglichen sozialen Einrichtungen, will aber dort nicht missionieren, weil man das übergriffig findet und sich eher zu einer Art staatlicher Neutralität verpflichtet fühlt. Vielleicht ist das sogar übergriffig, aber dann sollte konsequenterweise der Staat diese Aufgaben komplett übernehmen. Eine profillose Präsenz der Kirche ist schlimmer als überhaupt keine.

    Ich denke, die Kirche muss sich wesentlich kleiner setzen, sich auf ihren lebendigen Kern (< 5 % der heutigen Größe) zurückziehen, und von dort aus neu wachsen. Mission ist dabei auch keine Aufgabe nur für Hauptamtliche, sondern für jedes Mitglied im Rahmen seiner Möglichkeiten.

     

  5. De Benny sagt:

    Ich hatte ein wenig Streß mit dem Server. Mir hats meinen Red Matrix Hub zerschossen, seit der stillgelegt ist, geht es wieder und auch der Rest ist wieder erreichbar. Soviel zur Technik, hat mit Deinem Firefox nix zu tun.

    Wenn ein Bischof nur die inaktiven Mitglieder per Serienbrief anschreiben will, löst das eine Diskussion aus.

    Schon allein der Verwaltungsaufwand, zu erheben, wer da alles inaktiv ist, dürfte nicht zu stemmen sein. Wie sollte das auch praktisch laufen. Und klar, da hätte ich auch Vorbehalte. Was will der denen denn schreiben? Wenn das alle ansprechen soll, kommt dabei nicht mehr als blubblub heraus, ein paar nette Worte, das wars, aber erreichen kann man damit nichts.

    Man hat die Trägerschaft für alle möglichen sozialen Einrichtungen, will aber dort nicht missionieren, weil man das übergriffig findet und sich eher zu einer Art staatlicher Neutralität verpflichtet fühlt.

    Naja, alleine schon, diese Einrichtungen zu tragen und da Geld reinzubuttern ist Mission. Müßte man ja nicht tun. Die gbs hat keine Krankenhäuser und keine Beratungsstellen. Es wird jedoch in der Bevölkerung nicht unbedingt als Leistung der Kirche wahrgenommen, das läuft eher unter iss halt so, und angeblich wird ja auch alles vom Staat refinanziert (was bei vielem ja auch zutrifft).

    Vielleicht ist das sogar übergriffig, aber dann sollte konsequenterweise der Staat diese Aufgaben komplett übernehmen. Eine profillose Präsenz der Kirche ist schlimmer als überhaupt keine.

    Das seh ich genau so, ist auch mein Argument wenn gemeckert wird, wenn es irgendwo nur kirchliche Kindergärten oder Krankenhäuser (ohne Pille) gibt. Dann muß der Staat (oder die gbs) halt nachlegen, wenn es da einen Bedarf gibt. Hindert ja niemanden…

    Ich denke, die Kirche muss sich wesentlich kleiner setzen, sich auf ihren lebendigen Kern (< 5 % der heutigen Größe) zurückziehen, und von dort aus neu wachsen.

    So hab ich auch mal gedacht, inzwischen seh ich das ein wenig anders. Ich hab selbst nie zu einer Kerngemeinde gehört, habe aber Theologie studiert, und das mit einem durchaus gefestigten Glauben, und bin jetzt Vikar. Ein Rückzug auf die Kerngemeinde hätte mich außen vor gelassen, und als mir das klar wurde dachte ich: Da stimmt was nicht.

    Heute knn ich es durchaus so sehen, daß es Menschen gibt, die aus welchen Gründen auch immer, nicht beim Kern dabei sind, und sich trotzdem als Christen verstehen, die trotzdem ihren Glauben haben. Wer bin ich, diesen Glauben bewerten zu wollen? Sicher, ich habe selbst klare Vorstellungen davon, was Glaube ist und was nicht, und demnach müßte ich vielleicht auch bei vielen Menschen sagen, daß das, was die haben, kein Glaube ist. Aber das ist meine private Einschätzung und keineswegs objektiv. Also tue ich das, was ich kann oder hoffentlich bald lerne: Den Glauben verkündigen und leben, so wie ich ihn verstehe, und damit werben. Und ja, dazu gehört auch, Ehrenamtliche mehr einzubinden, aber gerade beim Wort Mission, so habe ich die Erfahrung gemacht, schrecken selbst konservativere Ehrenamtliche zurück, die eigentlich genau das wollen.

  6. Thomas Jakob sagt:

    @ Serienbrief: Ich bin nicht der Meinung, dass der viel bringt, ich würde ihn auch einfach an alle Mitglieder schreiben. Mein Punkt ist: In Unternehmen z. B. wird so etwas einfach gemacht und ist dort Teil der Kommunikation mit den Mitarbeitern. Bei Kirchens wird bereits so etwas zerredet.

     

    Gbs? Giordano-Bruno-Stiftung?

     

    Zum Begriff Kerngemeinde: Ich würde niemandem den Glauben absprechen. Christ ist, wer sich selbst so nennt. Aber Leute, die sich darauf beschränken, ihre Kirchensteuer zu bezahlen, die zu Familienfeiern und zu Weihnachten in die Kirche gehen und das Ganze ansonsten mit leicht abschätziger Neutralität betrachten, rechne ich mal nicht zur Kerngemeinde.

     

    Nichts korrumpiert Glauben und Kirche so sehr wie Kooperation und Kumpanei mit der weltlichen Macht. Das galt in harter Form im Mittelalter, teilweise auch später noch, und das gilt heute in weicher Form für eine Kirche als quasi-staatliche Organisation, die einfach da ist und den Glauben vollzieht, nach Kirchenrecht mit offiziellem Stempel.

     

    Da kannst Du nicht mehr glaubwürdig mit Bildern wie Salz der Erde und Licht der Welt arbeiten, Vergleiche mit den Vögeln unter dem Himmel und den Lilien auf dem Felde bringen und die Tradition mit den ausgesandten Jüngern beschwören, die ohne Reisetasche und zweites Hemd unterwegs sein sollten.

     

    Eine derart etablierte Kirche, wie wir sie heute haben, steht in der Tradition des damaligen religiösen Establishments, im besten Fall kann sie sich mit Nikodemus identifizieren, der wenigstens fragt und zuhört.

  7. De Benny sagt:

    In Unternehmen z. B. wird so etwas einfach gemacht und ist dort Teil der Kommunikation mit den Mitarbeitern. Bei Kirchens wird bereits so etwas zerredet.

    Unternehmen haben eine klare hierarchische Struktur. Wenn Du das bei Kirchens suchst, mußt Du zu den Katholiken gehen…

    Gbs? Giordano-Bruno-Stiftung?

    Ja.

    rechne ich mal nicht zur Kerngemeinde.

    Ich auch nicht. Aber niemand muß Kerngemeinde sein.

    Nichts korrumpiert Glauben und Kirche so sehr wie Kooperation und Kumpanei mit der weltlichen Macht.

    Wir leben in der Welt, also wird die Kirche immer auch weltliche Anteile haben. Ohne wird es nicht gehen. Das ist bei staatsfernen Freikirchen manchmal sogar noch schlimmer als bei der Siegelführenden Landeskirche mit ihren Beamten…

    Da kannst Du nicht mehr glaubwürdig mit Bildern wie Salz der Erde und Licht der Welt arbeiten, Vergleiche mit den Vögeln unter dem Himmel und den Lilien auf dem Felde bringen und die Tradition mit den ausgesandten Jüngern beschwören, die ohne Reisetasche und zweites Hemd unterwegs sein sollten.

    Stimmt, das ist schwierig. Ich habe größten Respekt vor jedem, der das durchzieht. Aber ich lasse mich auch nicht verunsichern von denjenigen, die das selbst nicht durchziehen und von mir fordern. Was ich für mich da raus nehme ist die Forderung nach Unabhängigkeit und Vertrauen auf Gott und nicht auf irgendwelche weltlichen Sicherheiten. Das ist dann aber mehr ne innere Sache.

    Eine derart etablierte Kirche, wie wir sie heute haben, steht in der Tradition des damaligen religiösen Establishments, im besten Fall kann sie sich mit Nikodemus identifizieren, der wenigstens fragt und zuhört.

    Da hast Du nicht Unrecht. Als Diplom-Theologe bin ich den Sadduzäern näher als Jesus – vom Millieu her gesprochen. Und ich muß gut aufpassen, nicht deren Fehler zu wiederholen. Ich denke aber, wir können mehr tun als nur zuhören. Und überhaupt: Wem zuhören? Wenn wir die Sadduzäer sind und die Zöllner die Banker, wer wäre dann Jesus und die Jünger?

    Jesus predigte in den Synagogen und dem Tempel des Establishments, also ist wahrhaftige Verkündigung dort durchaus möglich. Und das, würde ich sagen, ist unsere Aufgabe als Kirche. Freilich gibt es genug, über da sauch ich den Kopf schüttle. Meine Herangehensweise ist die, in meinem Bereich zu versuchen, das Beste zu tun. So von Wegen Beruf als Berufung und Luther und so.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.