Kirche & Web 2.0, Technik, Theologie

Virtuelle Gemeinden? Tapfer sündigen im Internet?

Das Vikariat und die Vorbereitung zum ÖKT in Speyer fordern mich ein wenig, deshalb bin ich schon lange nicht mehr zum bloggen gekommen. Und beinahe hätte ich zwei interessante Artikel von Ralpe Reimann verpasst, die ich hier jetzt gerne aufgreifen möchte. Und das möchte ich gerne in umgekehrter Reihenfolge tun:

In zweiten Artikel „Eine virtuelle Kirche gibt es nicht, aber Online-Gemeinden schon“ reflektiert Ralpe die Frage, ob und inwieweit es Gemeinden online geben kann. Interessant finde ich, wie sehr die Konfessionalität hier eine Rolle spielt, was man dann auch in den Kommentaren sehen kann: Für die Lutheraner ist CA VII bindend, damit braucht Kirche neben der Wortverkündigug auch Sakramente und die gehen online nicht, also kann es keine Online-Gemeinden geben. Jedenfalls nicht für Lutheraner. Ralpe weist darauf hin, daß andere Konfessionen „Kirche“ anders definieren, aber das hilft den Lutheranern nicht. Und auch die Auslegung, dass es sich bei CA VII nicht um Ausschlußkriterien handelt, überzeugt offenbar nicht alle.

In der Pfalz werden wir ja nicht auf eine Bekenntnisschrift ordiniert, sondern allein auf die Heilige Schrift, was es mir immer etwas schwierig macht, diesen Konfessionalismus (ich meine das jetzt nicht abwertend) zu verstehen – ich mußte mich nie so existenziell mit den Bekenntnisschriften auseinandersetzen.

Von daher sind diese Diskussionen für mich dann immer auch etwas befremdlich, aber ich denke, sie führen auch am Wesentlichen vorbei. Denn Ralpe schreibt ja schon, daß die „Online-Gemeinden“ nicht in Konkurrenz zur Ortsgemeinde treten sollen. So wie es auch Gebetskreise, Diakonie und Seelsorge nicht sind.

Ich erinnerte mich beim Lesen an eine Schrift von Luther: „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“. Darin schreibt Luther (zitiert nach Projekt Gutenberg, was andres hab ich grad nicht zur Hand):

Und damit ichs noch klarer sage: wenn ein Häuflein frommer Christenlaien gefangen und in eine Wüstenei gesetzt würden, die nicht einen von einem Bischof geweihten Priester bei sich hätten, und würden allda der Sache eins, erwählten einen unter sich, er wäre verheiratet oder nicht, und beföhlen ihm das Amt: zu taufen, Messe zu halten, zu absolvieren und zu predigen, der wäre wahrhaftig ein Priester, als ob ihn alle Bischöfe und Päpste geweiht hätten. Daher kommts, daß in der Not ein jeglicher taufen und absolvieren kann, was nicht möglich wäre, wenn wir nicht alle Priester wären.

Luther geht es hierin um die Feststellung der Priesterschaft aller Gläubigen, aber ich denke, man kann die dargestellte Situation vielleicht doch übertragen. Ich denke an Länder, wo das Internet zwar verbreitet, das christliche Bekenntnis aber eine Gefahr für Leib und Leben bedeuten kann, wo vielleicht einzelne Christen im wahrsten Sinne des Wortes meilenweit vorneinander weg wohnen. Sicher werden sich die Glaubensgeschwister am Liebsten an einem gemeinsamen Ort in der Kohlenstoffwelt Gottesdienst feiern wollen, aber sie sind dazu womöglich nicht immer in der Lage. Hier ergeben „Online-Gemeinden“, welchen dogmatischen Status man ihnen auch immer geben mag, durchaus Sinn, auch wenn die Ortsgemeinde das Ziel ist. Ich glaube übrigens nicht, daß es Menschen gibt, die die Online-Gemeinde der Ortsgemeinde tatsächlich vorziehen würden, genausowenig wie es bei Verkündigung und Sakramentenverwaltung zum Chaos gekommen ist. Auch wenn alle es vom Prinzip her können bzw. dürfen, berufen die Kirchen trotzdem bestimmte Menschen dazu, dies auch zu tun.

Aber wie gesagt, ich finde die Diskussion ist viel zu wichtig, als sie nur dogmatisch zu führen um den jeweiligen Status, dem man dem, was da passiert, geben kann. Viel wichtiger finde ich, zu überlegen, wo die Chancen der „Online-Gemeinden“ liegen können.

Heiko Kuschel hat gerade von der Verscheibung der Gottesdienstzeit geschrieben. In dem Artikel geht er der Frage nach, ob eine Verschiebung des Zeitpunktes des sonntäglichen Gottesdienstes die Besucherzahlen steigen lassen können würde. Er ist da, wie ich ihn verstehe, skeptisch, und ich stimme ihm da zu.

Der „normale“ Gottesdienst am Sonntag morgen ist nicht sonderlich gut besucht, Sondergottesdienste dagegen, ob nun für Familien, für Biker, für einsame Herzen etc erfreuen sich offenbar größerer Beliebtheit. Da fühlen sich die Menschen offenbar angesprochen, oder sind zumindest neugierig. Man kann aber nicht nur noch Sondergottesdienste anbieten. Damit würde man statt einer Gemeinde von ganz verschiedenen Menschen plötzlich ganz viele Gemeinden mit recht einheitlichen Menschen, die alle ein Hobby teilen oder in einer ähnlichen Situation sind, haben. Das ist erstens für den Pfarrer viel Arbeit und hat zweitens auch nicht viel mit dem EINEN Leib zu tun, der wir doch sind…

Meine Vermutung wäre, daß „Online-Gemeinden“ (oder allgemein Online Aktivitäten von Kirchenmenschen oder Christen allgemein) ebenso wie Zielgruppengottesdienste niedrigschwellige Angebote sein können, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen.

Die Parochialstruktur ist eigentlich eine geniale Sache, denn so haben wir an jedem Platz in Deutschland eine ganz klare Zuordnung, welcher Pfarrer in erster Linie zuständig ist. Wenn es online also um etwas geht, was eine lokale Gemeinde braucht, kann sofort nchgesehen werden, in wessen Zuständigkeit das fällt. Andererseits denken die Menschen nicht (mehr?) parochial. Ich sehe das bei mir selbst auch. Ich war in der Zeit meines Studiums der Gemeinde meines Heimatortes viel näher verbunden als den Gemeinden an den Studienorten. Trotzdem bin ich natürlich nicht jeden Sonntag quer durch Deutschland gefahren zum Gottesdienst. Den Gottesdienst habe ich dort besucht, wo ich gewohnt habe, Kontakte und christlichen Austausch habe ich aber in vielen Fällen, neben den Kommilitonen – als Theologiestudent ist man da vielleicht auch im Vorteil – über das Internet mit ganz verschiedenen Christen aus ganz verschiedenen Hintergründen und Ländern gehabt.

Ich denke also, man kann viel online machen, kann dort einen Teil seines spirituellen Lebens ausleben und trotzdem (oder gerade dann) in die Ortsgemeinden gehen und dort auch mitmachen. Ich denke, in Zukunft sind, auch wenn man mal so ein böses Wort wie Mission in den Mund nimmt, beide Strukturen wichtig, wobei meine Vermuntung ist, daß in der Parochie eine wichtige Rolle spielt, daß die Struktur da ist, während online die Privatperson wichtig wird. Ich spreche nicht mit jedem im Netz über mienen Glauben, aber der Pfarrer, der in meiner Ortsgemeinde predigt, ist erst einmal der Pfarrer, und das nehme ich auch so hin, egal, was ich sonst von ihm halte…

Jetzt hat Ralpe ja noch einen ersten Artikel vor dem jetzt lange ausgewälzten zweiten Artikel geschrieben: Sündige kräftig im #Neuland!

Ich habe mich ja vor Jahren schon von Facebook und Twitter zurückgezogen, weil ich einfach meine Daten dort nicht liegen haben wollte, deshalb bin ich beim Lesen des Artikels an der Aufforderung hängen geblieben, gerade dort hin zu gehen:

Wenn wir im Rheinland schwierige Fragen zu klären haben, zitieren wir gerne die Barmer Theologische Erklärung. These III der Barmer Theologischen Erklärung verortet die Kirche „mit ihrer Botschaft … mitten in der Welt der Sünde“, These VI bestimmt den Auftrag der Kirche darin, „an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.“ Volkskirche so verstanden, koppelt den Auftrag der Glaubenskommunikation daran, an alle Menschen gewiesen zu sein.

Dabei dürfen und müssen wir uns als Kirche auch in Netzwerke begeben, die uns nicht gefallen, um die Menschen zu erreichen, denen diese Netzwerke gefallen. Das heißt für mich: Auch wenn Facebook in der Welt der Sünde ist, hindert mich nichts, dort das Evangelium zu verkünden. Das schulden wir nämlich allem Volk. Wenn über 30 Millionen Deutsche auf Facebook kommunizieren, dann richten wir auch dort das Evangelium aus. Täten wir das nicht, zögen wir uns aus der sündigen Welt zurück und flüchteten uns ins Weltfremde hinter Kirchenmauern. Das aber ist nicht mein Bild von evangelischer Kirche. Bei aller Kritik an Facebook & Co: wir sind – so sehe ich das – von Gott auch in solche Netzwerke gestellt.

(Hervorhebung von mir)

Ich denke, Ralpe hat hier Recht und ich überlege, ob ich mich wieder bei Facebook und Twitter anmelden sollte, zögere aber. Immerhin hbe ich ein Red Matrix Konto und bin dort durchaus als Christ zu erkennen. Und in diese Ecke der Welt gehen wahrscheinlich noch weniger Kirchenleute als zu Facebook oder Twitter…

Was mir dabei wichtig ist: Ich kann zu Facebook und Twitter gehen, um dort die Menschen zu erreichen. Aber ich würde (wahrscheinlich vor allem wegen meiner Ablehnung dieser Dienste, aber die ist ja nicht unbegründet) ein großes Fragezeichen setzen wenn es darum geht, sich dort einzurichten (Macht euch nicht gemein mit der Welt un so…).

Ralpe spricht es an, der Datenschutz dort ist ein Problem und man sollte sich nicht den Anschein geben, als sähe man das nicht so oder wisse nicht darum. Krass ausgedrückt: Wenn man als Seelsorger auf St. Pauli auch mal in die Bordelle geht, um sich der Damen dort anzunehmen, muß man noch lange kein Kunde werden…

Deshalb denke ich, ist es wichtig, daß die Kirche sich hier auch engagiert und auf freie Alternativen aufmerksam macht oder zumindest zum Problembewußtsein beiträgt (das Thema hatte früher schon einmal).

Wie man den Spagat zwischen Verkündigen bei Facebook und Twitter und dem Nichteinrichten dort schaffen kann, ist mir noch nicht ganz klar. Nach der Lektüre von Ralpes Artikel würde ich es zumindest nicht ganz ausschließen, dort (wieder) aktiv zu werden – beruflich (und das ist dann wohl der Knackpunkt der das Nichtgelingen besiegelt). Konfirmandenarbeit oder ähnliches (vor ein paar Wochen hörte ich von einem Presbyterium, das sich per What’sApp abstimmt) würde ich aber wahrscheinlich, wenn überhaupt online unterstützt, nur über Dienste laufen lassen, die entweder von der Kirche oder von mir selbst gehostet werden (bzw wenn die Teilnehmer anderen Servern vertrauen und das Netzwerk Federation unterstützt, ist das auch okay).

5 thoughts on “Virtuelle Gemeinden? Tapfer sündigen im Internet?

  1. Hallo De Benny,
    vieles von dem, was Du schreibst, kann ich nachvollziehen. Ich bin übrigens kein Lutheraner, nur weil ich CA VII für mein Verständnis für Kirche heranziehe. Darin entdecke ich lediglich das, was mir an Kirchesein wichtig ist – und dazu gehören für mich neben der Verkündigung nuneinmal auch die Taufe und das Abendmahl.
    Ich halt es für unerlässlich, dass wir, bevor wir „Online-Gemeinden“ gründen, uns darüber klar werden, was wir damit meinen. Deshalb plädiere ich für den Begriff „Community“ (Kommunität). Natürlich brauchen wir das kirchliche Engagement im Internet, auch und gerade an so fragwürdigen Orten wie FaceBook. Aber dieses Engagement sollte immer einen Rückbezug zu einer Gemeinde im Sinne von CA VII haben.
    Gruß,
    Andreas.

  2. Ich bin übrigens kein Lutheraner

    Da hab ich das Beffchen falsch interpretiert…

    Mir geht es auch gar nicht so sehr um den Status dessen, was da im Internet passiert, IMHO braucht man da keine große Diskussion um das Label, bevor da nicht auch etwas passiert.

    Und die Beispiele von Online-Abendmahlen, die ich kenne, waren soweit ich mich erinnere immer an eine „echte“ Gemeinde gekoppelt.

    Aber Community ist gar nicht so schlecht als Begriff. Bei evangelisch.de hatte sich sowas mal entwickelt, aber das wurde aufgegeben, Ansonsten sehe ich keine Community mit besonderer Bindung in den landeskirchlichen Raum. Freikirchlich ist da mehr los, aber ich bin auch nicht mehr so aktiv wie früher.

    Denkbar wäre ja auch, daß eine solche Community sich einmal jährlich zum User-Treffen trifft, und dann (vielleicht zu Ostern) auch getauft nd Abendmahl gefeiert wird. Und schon hätte man eine „echte“ Gemeinde…

    Wie gesagt, ich finde diese Labels nicht immer hilfreich…

  3. In der Tat, das Beffchen führt da auf eine falsche Fährte …

    Denkbar wäre ja auch, daß eine solche Community sich einmal jährlich zum User-Treffen trifft, und dann (vielleicht zu Ostern) auch getauft nd Abendmahl gefeiert wird. Und schon hätte man eine “echte” Gemeinde…

    Jau, aber das wäre dann gerade keine „Online-Gemeinde“, wie sie zur Diskussion steht, sondern eine „echte“ Gemeinde, die vorzugsweise übers Internet kommuniziert.

    Ich fände es z.B. schon einen gelungenen Schritt nach vorne, wenn Landeskirchen so etwas wie eine landeskirchliche Community initiierten und etablierten. Das ist m.E. schon eine große Herausforderung.

    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sich eine Community durchaus auch mit parochialem Bezug aufbauen lässt. Das erleben wir in unserer Gemeinde gerade über die Konfi-Arbeit. Da wird eine Gruppe gegründet, die dann die Ortsgemeindegrenzen und auch Konfessionen sprengt, getragen wird sie jedoch von denen, die sich auch konkret vor Ort sehen lassen.

  4. Jau, aber das wäre dann gerade keine “Online-Gemeinde”, wie sie zur Diskussion steht, sondern eine “echte” Gemeinde, die vorzugsweise übers Internet kommuniziert.

    Jo, das ist dann wie gesagt der Punkt wo ich denke, die Labels helfen nicht viel. Ob die Leute jetzt miteinander Abendmahl feiern oder jeder in seine Parochie geht und ansonsten sein spirituelles Leben vorwiegend in der Community lebt… Mich interessiert mehr, wie man eine solche Community aufbaut, wie man die Leute erreicht, zusammenbringt etc. Ich denke, da gibt es viele Chancen. Die Anonymität des Internets ermöglicht es, erst einmal sehr unverbindlich zu gucken, wie das so ist. Man kann viel mehr auf das pull Prinzip als das push Prinzip bauen, was zum Beispiel die Katechese angeht etc etc.

    Ich fände es z.B. schon einen gelungenen Schritt nach vorne, wenn Landeskirchen so etwas wie eine landeskirchliche Community initiierten und etablierten. Das ist m.E. schon eine große Herausforderung.

    Ich würde das zum Beispiel gar nicht begrenzen. Sicher muß sowas auf irgend einer Ebene zwischen Parochie und EKD angesiedelt werden, aber man muß es ja nicht auf die entsprechende Ebene begrenzen. Die Grenzen, die es in den Kirchen gibt, spielen bei den Menschen keine Rolle. Auch konfessionelle Grenzen sind da nachgeordnet, weshalb vielleicht die ACK eher der Bezugsrahmen wäre…

    Da wird eine Gruppe gegründet, die dann die Ortsgemeindegrenzen und auch Konfessionen sprengt, getragen wird sie jedoch von denen, die sich auch konkret vor Ort sehen lassen.

    Da bin ich jetzt neugierig. Was passiert in der Gruppe, mit welcher Technik wird das umgesetzt? Facebook Gruppen? phpBB Forum?

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