Pegida

In den letzten Tagen, als sich der erste Teil meines Schulpraktikums dem Ende zuneigte, hörte ich in der Presse von der Existenz einer Bewegung, die sich „Pegida“ nennt. Wie wahrscheinlich alle schon wissen steht dies für Patrioten Europas gegen Islamisierung des Abendlandes.

Zuerst fand ich die Bezeichnung ja ulkig: Patriot ist ein Wort, das ich mit dem Konzept des Nationalstaates in Verbindung brachte (patria= Vaterland) und nicht mit einem ganzen Kontinent! Offenbar wird hier „Europa“ als so etwas wie ein Vaterland angesehen (das wäre dann erst einmal ein durchaus positiver Aspekt, vielleicht überwinden wir j mit dem ganzen Populismus auch rechts von der Mitte die nationale Kleinstaaterei), ob und inwieweit hier Länder wie Rumänien oder Bulgarien mitgemeint sind, wäre interessant zu wissen aber führt hier vom Thema fort.

Dann hörte ich immer wieder davon, die Demonstranten würden gegen Zuwanderung und „Islamisierung“ protestieren (wieder so ein Unding: pro testare bedeutet „für etwas Bekenntnis ablegen“, und nicht gegen etwas!), hätten Angst, die Zuwanderung würde sie zu viel kosten und dergleichen, und ich bekam etwas Zorn. Ich kann mich noch gut entsinnen, wie nach der Wende immer wieder die Sprüche kamen, die „Ossis“ seien alles faule Säcke und wären in die Sozialsysteme eingewandert ohne selbt etwas geleistet zu haben oder leisten zu wollen. Außerdem seien die eh alle in der Stasi gewesen, also eigentlich Verbrecher. Daß nun die Einwohner einer Stadt, die damals auf diese Weise diskriminiert wurden auf die Straße gehen sollen und die gleichen dummen Sprüche nun anderen Menschengruppen an die Köpfe werfen, ärgerte mich ohne Maßen.

Gedanken wie „dann bauen wir die Mauer halt wieder auf und nehmen unser Sozialsystem wieder mit, wenn die nicht teilen können“ kamen in mir auf. Dabei unterlief mir der Fehler, die Parole der Demos für bahre Münze genommen zu haben: „Wir sind das Volk“. Das sind sie nämlich nicht. Es sind letztes Mal rund 15.000 Menschen gewesen.  Laut Wikipedia hatte Dresden Ende letzten Jahres 530.754 Einwohner. Nehmen wir der Einfachheit an, das habe sich noch nicht geändert und daß alle Protestler Kontratestler auch aus Dresden stammen und nicht von anderen Städten dorthin getingelt sind, dann sind das von Dresden etwas weniger als 3%!!!

Das Volk sind nicht 3%! Sieht man sich die Situation im Rest der Republik an, dürfte klar werden, es handelt sich um eine verschwindende Minderheit, die hier das Wort ergreift . Daß sie sich für eine Mehrheit halten und bei – wieviel? 2,5% Ausländern? – inDresden von einer großen Überfremdungsgefahr ausgehen, mag zusammenhängen. Wenn 3% die Mehrheit ist, ist 2,5% nicht weit davon entfernt… (man verziehe mir diese Entgleisung ins Satirische)

Im Gespräch mit einem Freund fiel uns auf, daß es ja tatsächlich gar nicht so klar ist,w as die eigentlich wollen. Bei Facebook (ne richtige Internetseite hat Pegida leider nicht) findet man eine Liste mit 19 Punkten, die ziemlich nichtssagend sind, wie Mission Phoenix aufzeigt. Mit der Presse redet Pegida nicht und die Internetkommentare und Leserbriefe in der Tageszeitung können ebensogut Einzelmeinungen sein.

Ich habe ja durchaus Verständnis für das Mißtrauen der Presse gegenüber. Ich habe schon oft gesehen, wie da einfach voneinander abgeschrieben wurde und auch, wie Sachverhalte verdreht dargestellt wurden. Trotzdem ist es schwierig, sich ein eigenes Bidl zu machen, wenn es weder eine Homepage gibt (ich bin nicht bei Facebook, überhaupt ist es recht lächerlich, einerseits auf die Mainstreammedien zu schimpfen und sich dann auf DEM Mainstreammedium zu präsentieren).

Es gibt Meldungen, daß der Kern von Pegida dem rechtsradikalen Bereich zuzurechnen ist (zum Beispiel hier). Eiin wenig stutzig macht mich dabei, daß diese Einschätzung vor allem von Seiten der Politik kommt, die unter Umständen ein Interesse daran hat, die Sache kleinzureden.

Denn es gibt durchaus Hinweise darauf, daß die Politik nicht ganz unschuldig ist am Aufkommen dieser Gruppierung (der Nachtwächter hat dazu eine ganz eigene Meinung). Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sieht einen Grund für die Beteiligung an den Demos in den sozialen Sorgen der Menschen, die dann von einigen Nazis „islamisiert“ würden. Damit hat er wohl nicht ganz unrecht und benennt eben genau eine Verfehlung der Politik in den letzten Jahren.

Auch die Mainstreammedien sind wohl nicht ganz unschuldig, wie der Prollblog nahelegt.

Seit den Anschlägen am 11.9.2001 wurden immer wieder unter Verweis auf die (angebliche) Terrorgefahr Bürgerrechte ausgehöhlt, umgedeutet oder eingeschränkt sowe Kriege geführt. Dabei wurde stets auf die Bedrohung durch (islamische) Terroristen hingewiesen, sowie auf die Notwendigkeit (irgend) etwas zu tun. Diese Saat geht nun offenbar auf und ich denke, wir müssen als Gesellschaft damit umgehen, produktiv umgehen, um es nicht noch schlimmer werden zu lassen (und noch schlimmere Saaten aufgehen zu sehen).

Dazu ist es erst einmal nötig, sich ein Bild von der Lage zu machen. Einiges habe ich schon gesagt: Das Problem der Politik, daß sie sich um Sozialabbau und Angstmacherei kümmert, aber viele Leute in ihren Ängsten und Sorgen abgehängt hat. Es geht vielen wohl darum, lieber Wahlen zu gewinnen, als zum Wohle des Landes zu arbeiten.

Da greift man dann doch lieber bestehende Ressentiments auf, wie etwa bei dem neuesten Unsinn der CSU, die Sprache an den Küchentischen vorzuschreiben (die Türken sollen deutsch reden aber die CSU spricht weiter bairisch) oder vor ein paar Jahren, die Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, die einen gewissen Herrn Koch zum Ministerpräsidenten machte… (dies sind zwei Beispiele, die mir einfallen. Der Leser weiß sicherlich um ähnlichen Unsinn anderer Parteien oder kann diesen im Internet recherchieren)

Und die Medien? Die müssen eben Auflage machen, so ist das im Kapitalismus. Trotzdem denke ich, haben die Medien auch eine ethische Verantwortung. Und da muß man sich dann auch an die eigene Nase fassen, inwieweit man Teil des Problems ist, auch wenn man „nur seinen Job getan“ hat.

Zum Bild von der Lage gehört aber auch die Einschätzung der Pegida Leute. Wie gesagt, das ist schwer. Sascha Lobo spricht von Latenznazis:

Vielmehr kommt mit Pegida ein neuer politischer Bürgertypus auf die Bühne – der unbewusst Rechtsextreme oder Latenznazi.

Also Leute, die rechtsextreme Positionen vertreten, ohne zu wissen oder wissen zu wollen, dass sie rechtsextrem sind.

Für Lobo wirkt der gleiche Unsinn, das eine zu behaupten und das andere zu tun, sowohl bei Pegida als auch sonst in der Gesellschaft: Die Pegida Leute behaupten, sie hätten nichts gegen „Asylanten“ und demonstrierten dann doch gegen sie, ebenso wie in der Politik immer behauptet wird, Deutshcland sei weltoffen, und trotzdem ersaufen tausende an den europäischen Grenzen jämmerlich, weil auch Deutschland sich für geschlossene EU Außengrenzen einsetzt.

Meine Vermutung ist, daß eine gewisse Rechtslastigkeit in der Gesellschaft durchaus vorhanden ist. Und noch etwas scheint mir sowohl bei Pegida als auch sonst in der Gesellschaft verbreitet zu sein: Die zunehmende Unfähigkeit, sich auf andere einzulassen und nach Kompromissen zu suchen (zu einzelnen Aspekten der Problematik habe ich hier und hier schon gebloggt).

Und was kann man tun?

Ich denke, daß eine klare Abgrenzung nötig ist, wie sie etwa der Bamberger Erzbischof Schick oder der ehemalige Bischof von Berlin, Wolfgang Huber. Auch die Redaktion von evangelisch.de hat ihre Form der Abgrenzung gefunden und auf Facebook gibt es wohl schon einige Nachahmer (wie gesagt, ich hab kein Facebook, krieg aber manchmal was mit).

Als Christ ist es für mich undenkbar, Wertigkeiten von Menschen anzunehmen. Ich las des öfteren Äußerungen wie „Wir sind die Gastgeber, die Gäste müssen sich uns fügen, sonst müssen sie gehen“.  Das bringe ich mit dem Christentum nicht zusammen (und damit auch schwerlich mit der immer heraufbeschworenen „abendländischen Kultur“), denn mein Herr, Christus, fordert die Nächsten- und Feindesliebe. Ds bedeutet dann eher, die andere Wange hinzuhalten, anstatt die Gäste rauszuwerfen. „Überwindet das Böse mit Gutem“. Ich kann bei einer Abschiebung nichts Gutes erkennen, das in der Lage wäre, etwas Böses zu überwinden.

Allerdings kann die Abgrenzung in den wenigsten Fällen absolut sein. Diejenigen, die gesprächsbereit sind (falls es die gibt, wie gesagt reden die Pegida Leute mit niemandem, aber sie scheinen im Netz fleißig Kommentare zu verteilen), muß man versuchen zu erreichen. Und dann muß man nachfragen: Was wollt Ihr eigentlich? Und dann kann man antworten, wieso man das für eine schlechte Idee hält oder nicht. Oder man kann, wie Mission Phoenix, darauf hinweisen, daß eine oder mehrere Forderungen ins Leere laufen, weil sie schon umgesetzt sind.

Hier wären auch die Medien und die Politiker gefordert. Dazu müßte man sich aber die Mühe machen, tatsächlich das Gespräch zu suchen, tatsächlich zuzuhören und auch einmal Farbe zu bekennen, wo es weh tut. Also für den Politiker, wo seine Meinung von der Masse abweicht und für die Medien, wo eine Meldung vielleicht nicht die große Auflage bringt.

Das Lächerlichmachen der Pegida Leute müßte man vor diesem Hintergrund als kontraproduktiv ansehen, da es den Graben ja nur vertieft (wobei es wirklich sehr gute Persiflagen gibt). Wichtig wäre diejenigen, die der Vernunft noch zugänglich sind, anzusprechen und sich von den anderen abzugrenzen, sie letztendlich so unter Druck zu setzen, daß sie ihre (angebliche) braune Fratze so offen zeigen, daß die vielen (angeblichen) Mitläufer sich angewidert abwenden.

Epilog

Es ist spät und ich bin nicht ganz zufrieden mit dem Artikel. Ich hätte an einigen Stellen präziser formulieren können und im Ganzen wohl auch straffen müssen. Ich entscheide mich dafür, den Artikel doch zu veröffentlichen und womöglich einen kürzeren, präziseren folgen zu lassen, falls Zeit und Laune es hergeben. In diesem könnte ich dann auch etwaige Kommentare hier verarbeiten: Hab ich etwas übersehen, hab ich falsche Schlüsse gezogen? etc… 😉

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6 Kommentare zu Pegida

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  2. Thomas Jakob sagt:

    Ich beschäftige mich eher wenig mit PEGIDA, so sehr das pro und contral zurzeit angesagt zu sein scheint.

    Ganz interessant fand ich neulich einen Radiobeitrag im WDR mit Anrufern und sachkundigen Studiogästen. Dort kristallisierte sich heraus, dass PEGIDA-Demonstrationen in Westdeutschland fast ausschließlich von Rechtsradikalen besucht werden, während in Ostdeutschland dort auch relativ viele Normalbürger mitlaufen und sich instrumentalisieren lassen.

    Eine angemessene Reaktion auf PEGIDA muss das berücksichtigen.

     

     

     

  3. Erik aka Mission: "Phönix" sagt:

    Danke, dass Du auf mein Blog verweist.
    Ich kann mit allem, was Du hier in dem Artikel geschrieben hast, nur mitgehen.
    Weitermachen 😛

  4. De Benny sagt:

    Danke für den Hinweis, so was Ähnliches habe ich mir auch schon gedacht. Die Warnungen bezüglich der Rechtsextremen in den Reihen der Pegida kam meines Wissens ja auch aus NRW, womöglich bezieht man sich vor allem auf die dortigen Ableger.

    Inwieweit die „Normalbürger“ sich „instrumentalisieren“ lassen weiß ich nicht. Die gehen da hin mit ihren Schildern auf denen ihre Ansichten stehen, dafür sollten sie sich schon verantwortlich fühlen, es handelt sich ja nicht um Unmündige. Und sie sähen auch falls da Forderungen gerufen oder Schilder aufgestellt werden, die deutlicher rechts sind. Dann muß man sich distanzieren, und zwar nicht nur in Worten, sondern auch in Taten, also mindestens abseits der Radikalen stellen oder nach Hause gehen und die Unterstützung entziehen.

    Allgemein bleibe ich dabei, daß ich es für nicht  mit dem christlichen Glauben vereinbar halte, wenn auf dem Rücken von Schwachen Stimmung gemacht wird. Christus fordert Nächsten- und sogar Feindesliebe. Sprich: Im Zweifel soll ich auch dem ISIS Terroristen mit Liebe begegnen. Eine unerhörte Forderung, aber billiger ist Christentum IMHO nicht zu haben.

  5. Nordlicht sagt:

    Also, bei manchen Leuten, die da gestern in einer Dokumentation auf ARD ihre Kommentare abgelassen haben, dachte ich ja spontan: Ok, gleich drankriegen wegen Volksverhetzung. Von den Inhalten die da so kamen, wäre das glaube ich gut möglich gewesen. Und dann ist die Frage, wielange sich diese Bewegung hält, wenn klar wird, dass sie sich eben nicht auf Grundlage des Gesetzes befinden …

  6. De Benny sagt:

    Also, bei manchen Leuten, die da gestern in einer Dokumentation auf ARD ihre Kommentare abgelassen haben, dachte ich ja spontan: Ok, gleich drankriegen wegen Volksverhetzung.

    Ja, das ist halt die Frage, ob die stellvertretend für die Menge stehen, oder ob die ARD die krassesten Idioten, die sie finden konnten, rausgepickt hat. Das ist halt das Problem, wenn man den Medien nicht traut. Ich bin da auch skeptisch, nachdem ich vor 5 Jahren die Zensursula Petition mitgezeichnet hatte und ein gewisser Herr Guttenberg, die älteren mögen sich an den Herren erinnern, die Unterzeichner der Petition auf der Tagesschau unkommentiert in eine Ecke mit Kinderschändern stellte. Die Tagesschau hatte später ausführlicher und fairer berichtet, aber zu dem Zeitpunkt erschrak ich ein wenig, stand doch mein Name auf einer Liste auf einem Server des Bundestages (die Adresse mußte ich mein ich auch hinterlegen) und ein Bundesminister hat so nebenbei alle auf dieser Liste kriminalisiert. Ich war froh, daß die Petition so ein Erfolg war und diese Diffamierung sich nicht halten ließ.

    Ich bin nicht in Dresden, also kann ich nicht sagen, ob das tatsächlich alles Volksverhetzer sind. Deshalb formuliere ich hier vorsichtig. Ich schrieb aber auch, daß es den demokratisch denkenden Menschen (so es diese dort gibt) gut tun würde, sich von solchen Hetzern zu distanzieren und sie aus ihrem Protestmarsch auszugrenzen.

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