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Hoffnung, Angst und Minderwertigkeit – diese drei

Der Nachwächter hat einen Artikel geschrieben. Das tut er öfter, und manchmal geht es darin auch ums Christentum, wie auch dieses Mal. Nur dieses Mal hab ich irgendwie Lust, etwas ausführlicher darauf zu antworten.

Der Artikel trägt den Titel „Sklave“ und ausgehend von seiner sonstigen Thematik dachte ich erst, es geht bestimmt wieder um Lohnsklaverei, Versklavung der Arbeitskräfte, der Bürger… kurz: Um den politischen Bereich. Tat es aber nicht, es ging um  die christliche Religion.

Nun hat die duchraus auch mehrere Berührungspunkte mit der Politik, auch wenn Politiker dazu neigen sich zu beschweren, wenn die Kirchen aus ihrer Botschaft auch konkrete politische Inhalte ableiten, aber das nur am Rande…

Nach dem Nachtwächter ist ein Sklave

jemand, der voller Hoffnung darauf wartet, dass jemand kommt und ihn befreit.

Schon hier möchte ich dazwischenrufen: Und was ist mit demjenigen, der versklavt ist und nicht mehr auf Befreiung wartet? Vielleicht einer, der nach nem Ausweg sucht, flüchtet, kämpft? Bleibt er nicht Sklave, bis er die Freiheit erlangt hat, so oder so? Ist er in seinem Sein nicht durch und durch Sklave, durch die ihn gefangen haltende Sklaverei bestimmt? Würde er kämpfen, wäre er kein Sklave? Würde er, ohne Sklave zu sein, Auswege suchen?

Ich meine nein. Ein Sklave ist jemand, der fremdbestimmt ist. Der jemand anderem „gehört“, über den jemand absolute Verfügungsgewalt hat. Und er bleibt so lange ein Sklave, wie diese Verfügungsgewalt nicht gebrochen ist. Also gerade eben auch in der Zeit des Kampfes. Und auch in der Zeit der Resignation bis hin zu seinem Tod. Er stirbt nicht zwangsläufig an „glühender Hoffnungslosigkeit“ sobald er die Hoffnung auf Freiheit verliert. Doch bleibt er in all diesen Fällen Sklave.

Nichts sehen Sklavenhalter bei ihren Sklaven so gern wie Hoffnung, Angst und eine tief gefühlte Minderwertigkeit

so schreibt der Nachtwächter weiter. Und wieder habe ich meine Zweifel: Daß ein Sklavenhalter gerne sieht, wenn der Sklave Angst hat und sich Minderwertig fühlt, kann ich nachvollziehen. Womöglich wäre es sogar besser, wenn die Angst recht klein wäre. Angst lähmt, und gelähmte Sklaven sind nicht so effizient wie ungelähmte.

Hoffnung allerdings würde ich, wäre ich Sklavenhalter, sofort und nachhaltig zu unterbinden suchen. Hoffnung macht Lust auf mehr. Hoffnung ist ein Vorschein des Endes. Wer hoffen kann, dem geht das Minderwertigkeitsgefühl abhanden. Und auch der letzte Rest Angst. Hoffnung bekämpft man, indem man gerade die Angst steigert (Diktaturen versuchen ja oft gerade wenn sie schon fast gestürzt sind, durch Angst aufkommende Hoffnung im Keim zu ersticken). Nein, Hoffnung würde ich als Sklavenhalter bei meinen Sklaven gar nicht erst aufkommen lassen. Das ist der Anfang vom Ende.

Jedenfalls schreibt der Nachtwächter abschließend, daß diese drei, Hoffnung, Angst und Minderwertigkeitsgefühlt „die vollständige psychische Grundhaltung der christlichen Religion“ seien.

Und wieder muß ich widersprechen. Nachdrücklich.

Was eine Rolle spielt, tatsächlich, ist die Hoffnung. Die haben wir Christen tatsächlich. Sie gehört zum subversiven Kern des Christentums.

Die Minderwertigkeit allerdings, da frage ich mich: Minderwertig gegenüber was? Und überhaupt? Wo bewertet die christliche Religion Menschen (und nicht Handlungen)? Ich könnte jetzt keine christliche Wertigkeitshierarchie unter den Menschen benennen. Die Bibel ist da auch recht eindeutig: Da ist nicht einer, der gerecht ist. Vor Gott sind alle Menschen gleich. Niemand ist minder, alle stehen auf einer Stufe. Wenn Christen das im täglichen Leben nicht umgesetzt kriegen dann nicht, weil die christliche Religion tatsächlich Unterschiede machen würde, sondern weil diese eben auch Sünder sind, die genauso wenig einem Perfektionsanspruch nicht gerecht werden können. Ja, Menschen zu bewerten ist scheiße und ja, das tun auch Christen aber nein: Das ist es nicht, was die christliche Religion fordert, sondern was sie verurteilt.

Der andere Punkt war die Angst. Wovor sollte man in der christlichen Religion denn Angst haben? Spricht Gott und Seine Engel die Menschen in der Bibel nicht ständig gerade mit „Fürchte Dich nicht“ an? Hat nach christlicher Lehre Gott nicht die Menschen mit sich versöhnt, so daß gerade keine Furcht, sondern Freude und Glück viel eher psychische Grundhaltungen der christlichen Religion sind?

Trotzdem gibt es freilich Zusammenhänge zwischen Christentum und Sklaverei. Als Christen verstehen wir uns als Gottes Eigentum. Er hat über uns absolute Verfügungsgewalt. Allerdings unterscheidet uns das nach unserem Verständnis nicht von unseren nichtchristlichen Mitmenschen: Auch sie unterliegen Seiner Gewalt. Sie mögen sich freizukämpfen oder zu fliehen versuchen, bisher hat es noch keiner geschafft, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und selbst bestimmen zu können. Keiner bringt sich selbst zum Leben, keiner bestimmt den eigenen Todeszeitpunkt. Keiner kann morgens festlegen, was ihm den Tag über passiert. Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen, wir sind, was das betrifft unfrei. Christen glauben an einen Gott, der über uns steht, der Nachtwächter eher nicht.

Ein Unterschied besteht nicht. Außer daß die einen ihre Energie für einen Kampf einsetzen, der letztendlich vielleicht gar nichts bringt: Welcher Art soll die Freiheit schon sein? Wo ist ein Atheist freier als ein Christ?

Ich vermute, der Sinn des Artikels des Nachtwächters lag darin, Unmut über Christentum und Kirche o. Ä. auszudrücken. Wenn das alleine das Ziel war, ist es erreicht. Falls es allerdings darum ging, auch inhaltlich etwas auszudrücken, das vielleicht noch einen gewissen Anspruch darauf erhebt, zuzutreffen, habe ich hiermit ein paar Einwände mitgeteilt, die vielleicht Anlaß geben können zu einem Austausch und beidseitigem Dazulernen…

In diesem Sinne: Fröhliche Grüße nach Hannover.

5 thoughts on “Hoffnung, Angst und Minderwertigkeit – diese drei

  1. Auf die Idee, dass das Christentum ein Sklavenreligion wäre, ist doch schon Nietzsche gekommen, oder? Ich habe den Eindruck, dass der Nachtwächter wie so viele andere auch auf einen Vogel schießt, der schon längst weitergeflogen ist. Modernes Christentum hält die Leute nicht mehr mit Angst unter der Fuchtel und ist auch überhaupt nicht mehr in der Lage, dieser Angst eine handgreifliche Dimension zu verleihen wie früher. Das es auch heute noch merkwürdige Spielarten gibt, bei denen man eine kostenlose Zeitreise bekommt, will ich allerdings nicht bestreiten.

  2. Auf die Idee, dass das Christentum ein Sklavenreligion wäre, ist doch schon Nietzsche gekommen, oder?

    Ich glaub schon. Würde mich auch nicht wundern, wenn das schon früher mal aufgetaucht wäre. Der Grund für den Artikel war hauptsächlich, daß ich schon lange nichts mehr geschrieben hatte…

    Modernes Christentum hält die Leute nicht mehr mit Angst unter der Fuchtel und ist auch überhaupt nicht mehr in der Lage, dieser Angst eine handgreifliche Dimension zu verleihen wie früher.

    Ich glaube das ist weniger die Vergleichsebene. Eher so Gott als Sklavenbesitzer und die Christen als dümmlich lächelnde Sklaven, während die ach so intelligenten Atheisten sich befreit haben und nun ein besseres Leben führen…
    Allerdings denek ich daß es leider immer noch genügend Christen gibt, die mit Angst arbeiten. Oder mit sonstigen Tricks. Ich les einige amerikanische Blogs, da schlackern einem manchmal die Ohren…
    Kostenlose Zeitreise ist da schon fast ne Beleidigung für die Vergangenheit. Oder meintest Du die Zukunft?

  3. Ich meine schon die Vergangenheit, wo die Leute mit großen Infraschall-Pfeifen in kalten Kirchen innerlich und äußerlich zum Zittern gebracht wurden und dann eine Höllenpredigt zu hören bekamen, die sie zunächst einmal dem selbsternannten Stellvertreter Christi auf Erden gefügig machte. Wenn das nicht reichte, gab es ja noch die Inquisition, die bereit und in der Lage war, ganz handgreiflich Ketzern die Hölle auf Erden zu bereiten.

    Aber versuch mal, heute in christlichen Internetforen auch in Deutschland die Existenz der Hölle zu hinterfragen. Du provozierst eine Sturm der Entrüstung unter Elitechristen. Zum Glück ist das nicht repräsentativ und das wird von den sog. Brights in ihrer Kritik der sog. Religioten gern übersehen.

  4. @ Thomas Jacob: Benny glaubt zwar an vieles nicht, aber an die Existenz der Hölle wohl schon….oder habe ich da in der Vergangenheit was überlesen….möglicherweise inzwischen vergessen …. oder so? Benny?

  5. Aber versuch mal, heute in christlichen Internetforen auch in Deutschland die Existenz der Hölle zu hinterfragen. Du provozierst eine Sturm der Entrüstung unter Elitechristen.

    Nee, ich versuch immer denen darzulegen, daß biblisch nichts an Homosexualität auszusetzen ist. Da geht auch die Post ab. Mit der Hölle hab ich weniger ein Problem. Wenn ich die Reaktionen mancher Forenteilnehmer bei solchen Diskussionen lese, weiß ich, Sartre hatte vielleicht nen wahren Kern getroffen: Die Hölle, das sind die anderen…

    Zum Glück ist das nicht repräsentativ und das wird von den sog. Brights in ihrer Kritik der sog. Religioten gern übersehen.

    Jaja, die Brights. Ich hab mir ja schon überlegt ob man ne Gegenorganisation gründen sollte: The Dims. Motto: Wenn’s zu hell wird, sieht man nix mehr (oder irgendwas mit „verblendet“, ich bin da noch am Überlegen)… aber die sind ja auch nicht repräsentativ, wahrschienlich sogar noch ne kleinere Minderheit als die Elitechristen. Astro-TV-Gucker dürfte es mehr geben…

    @Christina:
    Hast Recht.Mit der Hölle hab ich weniger ein Problem. Ich neige aber dahin anzunehmen, daß es dort recht leer ist, beziehungsweise würde sie vielleicht eher ins Diesseits verlegen oder als zeitliche EInrichtung ansehen, also eher so was wie das Fegefeuer… Sie spielt in meinem Glauben allerdings auch keine große Rolle, denn mit mir hat sie nichts zu tun. Ich glaube ja, also komm ich da eh nicht hin.

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