Getrennter Sportunterricht

Ich würde da Rücksicht nehmen auf religiöse Überzeugungen. Aber da denkt vielleicht jeder anders.

So zitiert der Tagesspiegel den SPD Kanzlerkandidat Steinbrück. Es geht um die Frage der Toleranz, nämlich der Toleranz gegenüber religiösen Forderungen muslimischerseits, Sportunterricht getrennt anzubieten.

Daraufhin ist offenbar ein Sturm der Entrüstung losgebrochen, zu dem an sich schon einiges zu sagen wäre:

Wenn Menschen voneinander getrennt werden, ist das das Gegenteil von Integration.

Meinte etwa der Regierungssprecher. Ob diese Aussage auch auf das dreigliedrige Schulsystem anwendbar ist? Soweit würde ein CDU Mann wohl kaum gehen. Und der bayrische Bildungsminister hat wohl folgendes verlautbaren lassen:

Bei aller Toleranz gegenüber dem Islam dürfen wir nicht die Gleichberechtigung von Mann und Frau infrage stellen.

Daß in Bayern – laut Tagesspiegel – getrennter Sportunterricht sogar vorgeschrieben ist, läßt der Fachminister unter den Tisch fallen.

Nun ist zu bedenken, daß alle diese Zitate nur aus dem verlinkten Tagesspiegel Artikel (also einer einzigen Quelle) kommen. Daher mögen sie zum Zwecke eines bestimmten Bildes so zusammengestellt sein, daß dieses Bild herauskommt. Mir geht es auch gar nicht darum, die Heuchelei der Unionspolitiker aufzuzeigen, sondern um die Frage an sich.

Tatsächlich ist es so, daß ich in meiner Schulzeit ab der 7. Klasse einen nach Geschlechtern getrennten Sportunterricht hatte. Mit Lehrern für die Jungs und Lehrerinnen für die Mädchen. Und ich bin Jahrgang 1980, das Ganze ist also keine Geschichte aus dem 50ern, sondern den 90ern. Nebenbei bemerkt gab es bei uns aufm Land aum Muslime, in meiner Stufe erst ab der 11. Klasse einen. Also daran lag die Geschlechtertrennung auch nicht.

Ich frage mich also, woran das Problem liegt, wenn getrennter Sportunterricht stattfindet. Und ich habe die Befürchtung, daß es sich um eine latente Islamfeindlichkeit in der Bevölkerung handelt. Und ich vermute weiterhin, daß das Ganze, so freiheitlich es sich gibt, auf recht paternalistischen Strukturen beruht.

Hintergrund ist der alte Grundsatz „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“. Wenn die Zuwanderer richtig dazugehören wollen, dann sollen sie sich bitte nicht nur blaue Augen und blonde Haare wachsen lassen, sondern auch ansonsten praktisch unsichtbar in der Gesellschaft werden. Wenn ihre Kinder dann einen getrennten Sportunterricht haben, dann ist das eben so, weil deutsche (oder französische oder amerikanische) Wissenschaftler herausgefunden haben, daß das aus irgendwelchen Gründen auch gut ist (wir sind nämlich Zukunftsoffen und weltgewandt in Deutschland, da werden auch ausländische Wissenschaftler gehört – jahaa) und dient dann eben dem Wohl des Kindes, denn um nichts anderes geht es uns ja. Wenn der Grund für die Trennung aber mit religiösen Traditionen begründet wird, dann ist das sofort Unterdrückung und rückständig und Mittelalter, und die Frauen sind ja ganz arme Opfer, und wenn die Mädchen selbst das auch wollen, sind sie eben indoktriniert und wissen nicht, was gut für sie ist. Wir wissen es besser.

Es ist nur leider so, daß wir nicht in einem Fachwerkhaus, Sauerbraten und Jägerzaundeutschland leben. Die Gesellschaft ist mit all den Zuwanderern viel bunter geworden. Ein Zurück kann es nicht geben, ohne daß weite Teile der Bevölkerung ihre Identität aufgeben müßten. Und wozu? Außerdem: Dieses Jägerzaun und Schützenvereindeutscland gab es so nie. Das (Klein)Bürgertum war immer nur eine Subkultur in Deutschland, und wenn es mal die kulturelle Landschaft stärker als andere prägen konnte, dann kann man noch überlegen, ob das gut oder schlecht war und warum, um Lehren für später zu ziehen, aber es gibt dahin kein Zurück mehr, weil wir nicht mehr dieselben sind. Und die Welt nicht mehr die selbe ist. Es wurde damals schon nicht alles gut, wenn ale zu Kleinbürgern würden, und auch heute nicht.

Wir leben in dieser Gesellschaft zusammen, ob es uns nun paßt oder nicht. Wir können uns nicht aussuchen, wen wir als Nachbarn haben, und wir können uns auch nicht anmaßen, ihn erziehen zu wollen, wo er doch selbst ein mündiger Bürger ist.

Angst vor dem Fremden kann kein Grund sein, dem Fremden das zu verbieten, was wir hier selbst praktizieren. Oder überhaupt etwas zu verbieten. Dazu müßten wir erst einmal nachweisen, daß es Schaden anrichtet. Außerdem müßten wir zusätzlich fragen, wie der Geschädigte selbst das sieht. Wenn Frauen ein Kopftuch tragen möchten, dann ist es vielleicht auch freier Ausdruck ihres persönlichen Willens. Nur weil Anhängerinnen der Frauenbewegung in den 60ern und 70ernihre BHs verbrennt haben, müssen die Frauen der Zuwanderer sich nicht mit ähnlichen Aktionen befreien. Mehr vom Körper zeigen heißt nicht mehr Freiheit.

Was spricht also gegen getrennten Sportunterricht? Eigentlich nur, daß die Muslime das wollen. Und was die wollen, muß ja irgendwie gegen die Freiheit der Frauen gerichtet oder sonstwie unmenschlich sein. Solche Ansichten kotzen mich an. Eine freie Gesellschaft kann nicht nach den Regeln der Borg funktionieren: „Prepare for assimilation.“ Wenn alle sich nach einem Muster (welchem auch immer) zu richten haben, dann ist das nicht mehr eine freie Gesellschaft, sondern eine totalitäre.

Wobei: Wenn die Borg ein Volk assimilieren, dann verändern sich ja auch die Borg dabei, insofern tut dieser Vergleich den Borg Unrecht.

Lernt endlich, daß es in der Gesellschaft nicht darum geht, wer möglichst viele seiner Ideale anderen aufdrängt, sondern wie man möglicht gedeihlich zusammenleben kann. Steinbrück scheint davon mehr begriffen zu haben als Merkel. Ein Grund, wieso ich ihn für kompetenter halte.

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