Die Nacht ist vorgedrungen

Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.
Röm 13, 11-12

Diese Verse stellt Jochen Klepper 1938 seinem Weihnachtslied „Die Nacht ist vorgedrungen“ voran.

Wenn man an Jochen Kleppers Leben denkt, so kommt einem vielleicht der Gedanke, daß die Nacht die Naziherrschaft bezeichnen könnte, und der Anbruch des Tages vielleicht auf den 8. Mai 1945 zu legen wäre. Den Tag, als die Wehrmacht kapitulierte und Hitlerdeutschland endgültig zusammengebrochen war.

Jochen Klepper war es nicht vergönnt, diesen Tagesanbruch zu erleben. Er starb inmitten der Nacht, am 11. Dezember 1942, zusammen mit seiner Frau und seiner jüngeren Stieftochter – die ältere Stieftochter konnte noch rechtzeitig vor dem Krieg nach England auswandern – das Leben. So entgingen die Frauen der Deportation in die Vernichtungslager und Klepper der Zwangsscheidung seiner Ehe.

Nicht nur wegen seiner jüdischstämmigen Frau (ihre Taufe 1938 spielte für die Nazis keine Rolle) geriet Klepper in Konflikt mit dem Nazistaat. Auch seine frühere Mitgliedschaft in der SPD war ein Problem. 1937 wurde er aus er Reichsschrifttumkammer ausgeschlossen und stand praktisch ohne Beruf da. 1938 konnte er noch einmal einen Gedichtband herausbringen, mit einer Sondergenehmigung. Der Name des Bandes war „Kyrie“, und er enthält auch „Die Nacht ist vorgedrungen“.

Der dem Lied vorangestellte Bibelvers drückt Optimismus aus: Nicht mehr lange, dann wird es besser, nicht mehr lange, dann wird es Tag. Dann kommt das Heil. Und deshalb laßt uns so leben, als sei es schon soweit, laßt uns die Waffen des Lichts schon am Ende der Nacht aufnehmen.

Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

Die erste Strophe atmet den selben Optimismus: Die Nacht ist so gut wie vorbei, der Morgenstern, der Angst und Pein bescheint, ist schon da und kann, soll, ja muß gelobt werden. Wer der Morgenstern ist, bleibt noch unklar. Man kann Gott dahinter vermuten, da zum Lob aufgerufen wird, aber ist Gottes Handeln mit der bloßen Bescheinung von Angst und Pein gut umschrieben?

Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll’ nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.

Die zweite Strophe wechselt vom Bild des bald anbrechenden Tages zur Weihnachtsgeschichte: Gott wird Kind und Knecht und leistet Sühne. Als Folge daraus müssen die Schuldigen sich nicht mehr verhüllen, können offen und aufrecht dastehen. Sie können auf Rettung hoffen.

Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

Die Rettung, so erfahren wir in Strophe drei, ist im Stall zu finden, dem Geburtsort Gottes als Jesuskind. Dieses Heil, so lernen wir, wurde schon immer verkündet, nun aber geschieht es, daß derjenige, den Gott ausersah, gemeint ist Jesus, und damit Gott selbst, sich mit uns, den Schuldigen, verbündet.

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr.
Von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

In Strophe vier geht es nun nicht mehr um die Weihnachtsgeschichte, und die Nacht ist auch nicht mehr dieses große Übel, das durch die Geburt Jesu gebrochen wird, es ist plötzlich die Rede von vielen Nächten. Die Nacht ist hier nicht mehr die Gottesferne der Menschen, in der sie mit ihrer Schuld ohne Hoffnung alleine gelassen sind, sondern es sind einzelne schlimme Zeiten, wozu Klepper sicher auch die Nazizeit zählte. Der Unterschied zum Zustand vor Weihnachten, bevor Jesus Christus in die Welt kam, um als unser Verbündeter für unsere Rettung zu sorgen, liegt darin, daß Jesus Christus sein Werk vollendet hat. Nun wandert der Stern der Gotteshuld mit uns. Wir sind in der Huld Gottes, also im Einflußbereich Seiner Gnade, stehen in Seiner Gunst. Unsere Angst un Pein sind beschienen durch den Stern, wie Strophe eins aussagt. Und dieser Schein sorgt dafür, daß wir nicht vom Dunkel gefangen sind, das Dunkel hält uns nicht mehr, weil Gott mit uns ist. Von Ihm her kam die Rettung.

Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt!
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt!
Der sich den Erdkreis baute,
der läßt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht!

Die Nacht hat freilich ein Problem mit ihrer Dunkelheit, wenn Gott sie aufsucht, und durch Seine Gegenwart Licht in die Nacht kommt. Das Dunkel wird erhellt, dadurch, daß Gott denjenigen, der im Dunkel ist, den schuldigen Sünder, nicht einfach dort läßt, sondern ihn so richtet, als ob er belohnt werden soll.

Meiner Meinung nach geht es im Zentrum des Liedes um die Hoffnung. Und wahrscheinlich ist das Lied deshalb auch so stark. Hier schreibt einer von Hoffnung, der in der dunkelsten Zeit für seine Familie und sich die Hoffnung nicht verlor. Klepper beging Selbstmord, aber auch das in der hoffenden Zuversicht auf Gott. Die letzte Eintragung in seinem Tagebuch lautet:

Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.

Klepper hält trotz allem an der Hoffnung fest. Die Hoffnung, daß die Nacht dereinst, bald zu Ende sein wird, ist für ihn Grund, schon Gott für das Ende der Nacht zu loben. Er weiß sich von Gott auch in finsterster Nacht beschienen, die Nacht ist keine, und das kann man auch deutlich sagen. Man kann Christus loben, ihm die Ehre geben, auch wenn man in den Tod geht.

Angesichts der damals verbreiteten Ansicht, daß Selbstmörder sicher in die Hölle kommen, ein durchaus starkes Stück Hoffnung. Und so ist Klepper auch derjenige, der zumindest im evangelischen Bereich für ein Umdenken sorgte, was die Bewertung des Selbstmordes angeht.

Auch wenn die Melodie des Liedes eher gedeckt und die Worte nicht so triumphierend sind wie manche Osterlieder kann man es nach meinem Empfinden doch nicht als zurückhaltend beschreiben. Klar ist, daß es Hoffnung gibt, klar ist, das liegt an Jesus Christus und klar ist, daß diese Hoffnung auch in dunkelster Zeit und auch angesichts des Todes trägt.

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3 Kommentare zu Die Nacht ist vorgedrungen

  1. eric djebe sagt:

    Mit Klepper habe ich meine heftigen Probleme, seit ich seinen Roman „Der Vater“ gelesen habe (über den preußischen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm, Vater Friedrichs des Großen). Ein für meine Begriffe scheußliches Ineinander von Leidensglauben, Obrigkeitsvergötzung und vor allem der ständigen Heiligsprechung der eigenen insensiblen Tyrannei mit christlichen Hohlformeln. Der Höhepunkt ist die Hinrichtung Kattes, der mit Friedrich fliehen wollte, vor den Augen Friedrichs. Zu dieser Schweinerei philosophiert Friedrich Wilhelm im Roman, ob Friedrich denn wohl verstehe, dass Katte für ihn gestorben ist, so wie Jesus für die Welt gestorben ist.
    Ein absoluter Drecksglauben das, mit dem man (a) einen Menschen zu Tode bringt, sich dazu (b) einredet, dass das eine christlich gebotene pädagogische Maßnahme ist, um den laschen Sohn auf Linie zu bringen und sich dann noch (c) mit dieser Brutalität neben Gott Vater stellt, der eben auch, leider, leider, wegen der verkommenen Welt Jesus zu Tode bringen musste.
    Sorry, aber mich hat das damals derart abgestoßen, ich war einfach sprachlos. Und Klepper war bestimmt kein Nazi, aber mit dieser Denke zutiefst antidemokratisch und, ich muss es sagen, antihuman.

  2. De Benny De Benny sagt:

    Tja, da sind wir nun nicht auf einem Level. Ich hab den Roman nicht gelesen und kann leider nicht mitreden. Antidemokratisch mag Klepper durchaus gewesen sein, die Demokratie hatte damals nicht viele Anhänger. Auch Bonhoeffer war wohl nicht sehr überzeugt von ihr.
    Jetzt ist mein Interesse am Roman etwas geweckt worden, mal sehen, wann ich die Zeit dazu finde.

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