Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein! Mal wieder…

Der verkohlte Körper von William Brown nach dem Lynchmord

Schlimm genug, daß ein Mädchen ermordet wird. Schlimm genug, daß ein 17-jähriger verdächtigt wird, der sich dann als unschuldig herausstellt. Schlimm genug, daß in der Zwischenzeit zu Lynchjustiz aufgerufen wurde und Name und Adresse des 17 jährigen die Runde machten.

Nun kommt der Internetexperte der EKD, und was er sagt kommt rüber wie eine Abwandlng des allseits nbeliebten „Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein“.

Dabei glaube ich nicht einmal, daß Sven Waske, so der Name des EKD Manns, es so gemeint haben muß, wie es rüberkommt.

Im Netz müssten die gleichen Regeln wie in anderen Bereichen gelten, sagte der Leiter der kirchlichen Internetarbeit am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Hannover: „Wenn wir uns davon verabschieden, verabschieden wir uns von einer menschlichen Gesellschaft und von einem verlässlichen Rechtssystem.“

Natürlich gilt im Netz das gleiche wie anderswo. Gesetze werden sowieso schon afs Netz bezogen, und auch sonst sind wir keine anderen menschen, wenn wir im Netz agieren.

Nun scheint es aber, daß drch diese Aufrufe zur Lynchjustiz nachträglich ein Politiker einer Kleinstpartei noch Recht bekommt, der von einer Tyrannei der Masse sprach.

Ist da vielleicht doch etwas dran? Gleiten wir ab und verabschieden uns vom Rechtssystem?

Ich meine, das Problem liegt darin, daß das Internet etwas offensichtlich macht. Durch das Netz und seine Möglichkeiten alles zu finden, alles weiterzuleiten, wird öffentlich, was sonst im Kleinen geschieht. Und durch die Öffentlichkeit, wird es weiter hochgekocht und auf die Spitze getrieben.

Wer würde denn schon die Hand dafür ins Feuer legen, daß es vor sagen wir 50 Jahren nicht irgendwo an einem Stammtisch jemanden gegeben hat, der in so einem Fall gesagt hätte: „Totschlagen müßte man so einen!“? Wahrscheinlich wäre das nciht nur an einem Stammtisch der Fall gewesen.

Was es damals nicht gab, war eine Vernetzung der Stammtische. Und die Folgen. Denn wo früher sich eine Hand voll Männer bei ein paar Bier gegenseitig hochschaukelten, und dann doch nichts taten, tun wollten und vor allem konnten, sieht es heute anders aus:

Heute gibt es irgendwo im Netz immer jemanden, der nebenan wohnt. Irgendwo gibt es jemanden, der die Adresse rausfinden kann. Irgendwo gibt es sicher auch einen Irren, der gewalttätig wird.

Früher hätten diejenigen an ganz verschiedenen Stammtischen gesessen, heute kriegen sie Kontakt. Die Schwarmintelligenz, von der die Piraten schwärmen, ist oft eben auch nur ein Distributed Stammtisch, inklusive entsprechendem Reflektionsgrad.

Natürlich ist das ein Problem, und es ist wichtig, dies anzsprechen. Aber die Lösung kann nicht sein, das Netz abschaffen zu wollen, oder Klarnamen zu fordern. Klarnamen sind eh nicht durchsetzbar, und wer ihn benötigte hatte früher schon Mittel und Wege, um an einen falschen Paß zu kommen.

Die Lösung liegt eher darin, daß wir das Netz als das anerkennen, was es auch ist: Eine Schule der Demokratie (ja, wirklich!).

Auch wenn wir Stammtischverhalten wahrschienlich nie ganz verhindern können werden, so dürfte es doch möglich sein, das Ganze einzuschränken. Früher hätte niemand am Stammtisch etwas gegen Gott gesagt. Gegen die Kirche meinetwegen, aber es gab eine Grenze. Eine solche Grenze müssen wir gesellschaftlich auch im Netz zu etablieren suchen. Das ist nicht durch Gesetze zu machen, sondern durch Überzeugungsarbeit.

Wir müssen dafür sorgen, daß ein Verständnis dafür entsteht, welche Folgen derartige Hetze hat. Auch muß begriffen werden, was der Unterschied ist zwischen „verdächtig“ und „schuldig“. Es muß begriffen werden, was das Recht auf „Privatsphäre“ bedeutet und dergleichen mehr.

Bei den Folgen, wenn all dies nicht begriffen wird, bin ich mit Waske nicht uneins: Da kommt es dann ganz schnell zu Hexenjagden, da werden Leute verdächtigt und gleich um die Ecke geschafft, sicher ist sicher.

Übrigens: Dieses Umdenken über das Darstellen der Folgen funktioniert im Grnde ach nicht anders als früher, als man die Gotteslästerei unterband. Damals spielte wohl die Angst vorm Zorn Gottes die entscheidende Rolle. Heute spielt auch eine Angst eine Rolle: Nämlich vor den Konsequenzen für die Gesellschaft. Irgendwo auch sowas wie Hölle.

Das läßt hoffen, daß es funktionieren könnte. Und Waske, als Kirchenvertreter und Internetexperte, könnte vielleicht damit anfangen, ein Konzept zu erstellen, wie dieses Umdenken initiiert werden kann. Noch haben die Kirchen ja eine gewisse Reichweite.

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