Anthropologie

Patriarchat und Freiheit

Durch meine Beschäftigung mit Adolf Stoecker im Zusammenhang mit meiner Examensarbeit sind mir ein paar Gedanken zur patriarchal strukturierten Gesellschaft gekommen, die ich hier zusammenfassen möchte.

Heute wird unter Freiheit weitestgehend verstanden, daß jeder sein eigenen Herr ist und sich um seine eigenen Angelegenheiten selbst in Freiheit kümmert. Dies impliziert, daß jeder auch die Pflicht hat, dieses zu tun. Wer dies nicht leisten kann, hat ein Problem. Er entspricht nicht dem Ideal, und soll möglichst per Bildung in den Stand versetzt werden, bald doch Verantwortung für sich selbst übernehmen zu können (in diesem Zusammenhang würde mich interessieren, ob der Vorwurf, dumm zu sein, in einer vormodernen Gesellschaft überhaupt möglich ist, falls nicht eine gewisse Schläue gefordert wird).

Früher waren die meisten Menschen nicht ihre eigenen Herren. Sie hatten Herren, welchen sie zu dienen hatten, und die dann auch im Idealfall die Verantwortung für ihre Untertanen zu übernehmen hatten. War ein Untertan dmm, so war dies nicht sein Problem, sondern das Problem seines Herren.

Freilich kam es damals zu massig Mißbrauch seitens der Herren. Sie nutzten ihre Stellung as, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, und übernahmen ihre Verantwortung gerade nicht. Dies führte dazu, daß die Dummheit eines UNtertanen doch wieder z seinem eigenen Problem wurde (ich weiß nicht, woher das kommt, aber ich fühle mich hier ein wenig an die Prinzipien des Umgangs mit der Bankenkrise erinnert: Gewinne privatisieren, Verluste vergesellschaften – aber das führt zu einem anderen Thema).

Im Idealfall war jedoch für die „Dummen“ genau so gesorgt wie für die „Gescheiten“. Idealfall heißt hier: Der zuständige „Herr“ wird seiner Verantwortung gerecht.

Heute ist es vielmehr so, daß die „Dummen“ viel eher die Gelackmeierten sind, weil keiner mehr für sie verantwortlich ist, da jeder die Verantwortung für sich selbst übernimmt. nd falls es doch dazu kommt, daß jemand für andere Verantwortung übernimmt, so kommt es oft zu richtigen Entmündigungen. Dann hat der „Dumme“ gar nichts mehr zu melden – selbst wenn er noch mitreden könnte. Dies brigt natürlich wieder die Gefahr des Mißbrauchs.

Man kann also sagen, daß das heutige System davon ausgeht, daß jeder für sich Verantwortung übernehmen kann – was faktisch nicht stimmt (sonst hätten weder Steuerberater noch Anwälte eine Arbeit), während das patriarchalisch verfasste System davon ausgeht, daß ein „Herr“ seiner Verantwortung gerecht wird – was faktisch ebenso wenig stimmt.

Der Vorteil des heutigen Systems scheint mir vor allem darin zu liegen, daß es keinen Mißbrauch mehr gibt. Ohne Herren kann auch kein Herr seinen Untergebenen ausnutzen.

Der Vorteil des damaligen Systems scheint mir darin zu liegen, daß durch die engere Struktur eine größere Verläßlichkeit in den alltäglichen Dingen erzwungen wurde.Statt der Haftpflichtversicherng hat der jeweilige Herr dafür gesorgt, daß seine Untertanen nicht übervorteilt werden – wenn der Herr seiner Verantwortung gerecht wurde. Aber es soll ja auch schlechte Versicherungen geben.

Jedenfalls scheint mir der Vorteil des alten Systems in der Stabilisierung der Gesellschaft gelegen zu haben. Diese Stabilität war hoch erkauft – mit der Freiheit der Menschen. Jedoch kann eine solche Stabilität auch Freiheiten ermöglichen.

So haben Beamte weniger Freiheiten als Angestellte. Sie dürfen etwa nicht streiken. Allerdings sind ihre Arbeitsverhältnisse auch um einiges stabiler als die normaler Angestellter und Arbeiter. Dadurch haben sie auch größere Freiheiten, weil sie sich bedeutend weniger Sorgen um das Einkommen machen müssen, als andere. Trotz der geringeren Freiheiten waren und sind solche Jobs bei Vater Staat recht beliebt.

Nun ist es ja so, daß wir kein rein liberales System haben, also viele meiner Assagen über das heutige System so gar nicht stimmen. (Und wenn ich die letzten Wahl- und Umfrageergebnisse der FDP so sehe, scheint es in dieser Form auch niemand zu wollen.)

In der Tat versuchen wir in Deutschland ja den Spagat: Einerseits jedem die gleiche Freiheit geben, andererseits für diejenigen Verantwortung übernehmen, die nicht (oder zur Zeit gerade nicht) Verantwortung für sich selbst übernehmen können. Daher haben wir die Sozialsysteme. Wollte man es in der Terminologie des alten Systems beschreiben, ist die Gesellschaft der „Herr“ (nicht umsonst spricht man ja von Volkssouveränität), während diejenigen, die nicht auf eigenen Beinen stehen können, gleichzeitig noch Untertanenstatus haben. Sie haben bestimmte Pflichten. Zwar gibt es keinen wirklichen Frondienst mehr, aber wer Hartz IV empfängt muß auch damit rechnen, im Zweifel zum Stadtpark-Rasen-mähen herangezogen zu werden. Und wenn man hört, was Hartz IV Empfänger so alles über sich ergehen lassen müssen, dann ist Rasenmähen wohl eher ein angenehmer Aspekt der Zwangsmaschinerie.

Als Gesellschaft sind wir wohl auch nur ein mittelprächtiger „Herr“ und übernehmen Verantwortung nur insoweit, als daß wir für unsere Untertanen nicht zu viel ausgeben müssen (das funktioniert übrigens nicht nur mit Hartz IV Empfängern, sondern auch mit Asylanten und anderen Gesellschaftsgruppen, die auf Hilfe angewiesen sind).

Deshalb brauchen wir heute, trotz Sozialsystemen, weiterhin Menschen, die Verantwortung für andere übernehmen. Erschwerend kommt hinzu, daß diese nicht wie früher die Herren aus ihrer Position Profit schlagen können. Das ist schon alleine für den Zusammenhalt in der Gesellschaft notwendig, der mir immer mehr zu schwinden scheint. Wo jeder nur für sich selbst sorgen soll und muß, bleibt der Blick auf den Nächsten oft verstellt.

Während früher diejenigen vom System bevorzugt wurden, die für andere Verantwortung übernehmen sollten werden heute diejenigen bevorzugt, die Verantwortung für sich selbst übernehmen können.

Ideal wäre wohl ein System, das diejenigen bevorzugt, die für andere Verantwortung tatsächlich übernehmen. Womöglich ist das gar nicht umsetzbar. Aber hier könnte der Grund für die Poplarität religiöser Tugenden wie der Nächstenliebe ohne Gegenleistung vergraben liegen…

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