Geh doch rüber

Ich kann mich ja aktiv nicht mehr daran erinnern, dazu bin ich zu jung, aber es kursiert das Gerücht, daß früher, als die Mauer noch stand und im Osten Europas der real existierende Sozialismus weder von Ochs noch Esel aufgehalten wurde, im Westen diejenigen Menschen, die auch positive Seiten am Sozialismus zu erkennen glaubten, eben jenen Spruch an die Stirn geknallt kriegten:

Dann geh doch rüber!

Natürlich wurde das auch mal gesagt, wenn es gar nicht um Sozialismus ging, aber es wurde zum Totschlagargument: Was Du sagst ist Sozialismus, Sozialismus kannste drüben haben, drüben geht’s den Leuten schlecht, also kann die ganze Idee nix sein.

Eine durchaus einfache Weise, jemanden abzukanzeln, um sich nicht mit seiner Position auseinandersetzen zu müssen. Auch heute kommt es immer wieder zu Revivals des Spruchs und der Methode etwas z brandmarken, das man eigentlich gar nicht kennt. Zum Beispiel im Artikel von Philipp Möller vom 25.4. bei The European.

Der Artikel mit dem Titel „Dummdreistes theologisches Drohszenario“ endet nämlich genauso, wie dargestellt:

Wer sich aber mehr „Gott“ in der Regierung wünscht, dem sei ein Umzug empfohlen – zum Beispiel in den Iran.

Es geht um das ewige Thema der sog. Neuen Atheisten: Kirche und Glaube böse, alle anderen gut, und wer nicht überzeugt ist muß sich nur im Iran umsehen oder sich daran erinnern, was im 11. September 2001 so in New York los war. Achja, Kreuzzüge, Hexenverbrennung und dergleichen mehr, alles nr wegen der Religion.

Diesmaliger Aufhänger für den provokativ gestalteten Text ist das angebliche Drohszenario, das die Kirchen aufbauen würden, daß nämlich ohne Gott alles erlaubt sei. Dabei unterstellt er, wie es fast schon Tradition ist, daß kirchliche Menschen meinten, nur mit Angst vor der Hölle moralisch handeln zu können (wobei er ihnen ja genau das weiter oben abspricht, weil das afrikanische Christentum Kinder als Hexen verfolgen würde und allgemein die Religion ja Frauen unterdrückt etc, die üblichen undifferenzierten und unbelegten Vorwürfe).

Aber zurück zum Thema: Man sieht daß sie Herr Möller wenn, dann nur sehr oberflächlich mit dem Glauben, zumindest dem christlichen, befasst hat. Sonst würde er wissen, daß der Grund für die guten Werke nicht die Angst ist vor der Hölle, sondern eben genau der Umstand, daß man vor der Hölle eben keine Angst mehr haben muß, weil man durch Christus vor Gott gerechtfertigt ist. Die gte Tat des Christenmenschen ist also Reaktion auf die gute Tat Gottes an ihm selbst. Herr Möller muß natürlich nicht glauben, daß es diesen Gott wirklich gibt, aber er sollte doch als Einwohner des Landes der Lutherischen Reformation die Grundbegriffe derselben kennen, wenn er sich schon zu der betreffenden Religion äußern will. Inzwischen gibt es da auch einen (weitgehenden?) Konsens mit der römischen Kirche, und der wurde vor ein paar Jahren, also zu Lebzeiten von Herrn Möller geschlossen.

In einer Sache hat Möller Recht: Man kann auch ohne zu glauben Gutes tun, trotzdem scheint es mir sehr optimistisch, wenn er schreibt:

Er (sc. der von Religion freie Mensch) achtet die Selbstbestimmungsrechte seiner Mitmenschen und erkennt den Sinn des Lebens in dem einzigen Leben, das er hat. Er hinterfragt seine Urteile und lässt sich von keiner religiösen oder politischen Ideologie zum blutigen Kampf für „das Gute“ gegen „das Böse“ verleiten.

Sicherlich gibt es Menschen ohne Religion, die all das tun. Aber trifft das auf alle religionslosen Menschen zu? Es gibt sicherlich unreligiöse Menschen, die politischen Ideologien nachlafen und nachliefen, und nter diesen wird man ach welche finden, die ihre Urteile gerade nicht hinterfragen. Religionslosigkeit macht per se nicht zum kritisch denkenden Menschen. Und nicht zum Toleranten. Deshalb bin ich auch bei der Achtung der Selbstbestimmngsrechte skeptisch. Es ist vielleicht nur eine Korrelation, daß es im Osten, wo die Religion schwach ist, Parteien wie NPD und DVU ihre größten Erfolge feiern. Sicherlich, es hat viele Gründe, warum Menschen rechten Ideologien nachlaufen, und Religion hilft da vielleicht gar nicht mal so sehr dagegen, aber ich habe so meine Zweifel, daß alle Nazis religiöse Menschen waren und sind. Wenn aber ach Relgiionslose darunter sind, so stimmt die Rede von der Achtng der Selbstbestimmngsrechte nicht.

Da wir gerade beim Recht sind, sich selbst zu bestimmen: Möller achtet zwar die persönliche Glaubensfreiheit:

Die persönliche Glaubensfreiheit ist „Mensch sei Dank“ durch das Grundgesetz gesichert.

allerdings scheint es auch hier Grenzen zu geben. Denn wenn diese Glaubensfreiheit beinhalten sollte, daß man auch tun können soll, was man für richtig hält, dann hört die Freiheit auf, und mir geht es hier nicht um Gesetzesbrüche aufgrund religiöser Überzeugungen, sondern um Wahlen und Bndestagsabstimmngen:

Der moralische Kompass der Religion, der nur zwischen dem „lieben Gott“ und dem „bösen Teufel“ unterscheiden kann, gehört ins Museum. Nicht in Kitas, Schulen, Universitäten oder Gerichtsgebäude – und schon gar nicht in den Bundestag.

Glaubensfreiheit bedeutet also nicht, daß man seine Kinder nach den eigenen Überzeugungen erziehen darf, etwa indem man sie in eine kirchliche Kita schickt, oder in der Schule für den Religionsunterricht anmeldet (was er mit der Universität meint, versteh ach ich nicht). Und Glaubensfreiheit bedeutet vor allem nicht, das hebt Möller deutlich hervor, daß ein religiöser Bundestagsabgeordneter entsprechend seiner Überzeugung abstimmen darf. Das gesteht Möller wohl nur nichtreligiösen Abgeordneten zu. Die religiösen Abgeordneten würden sich dann wohl der Stimme zu enthalten haben oder gegen ihr Gewissen abstimmen müssen! Das wird weiter unten im Text noch einmal deutlich gemacht, dort fordert er ein System

in dem demokratisch gewählte Volksvertreter im Sinne des Volkes entscheiden – nicht im Sinne ihrer Religion

Interessant fände ich, wie er den Sinn des Volkes ermitteln will, gibt es da irgend ein Zentralkommitee, vielleicht in Form einer Vorhut der KLasse der Religionslosen? Und vor allem, inwieweit der Sinn eines Volkes, das zu 2/3 Mitglied einer der beiden großen Kirchen ist, vom Sinn der Religion des Abgeordneten abweicht, die höchst wahrscheinlich ebenfalls das Christentum ist. Aber freilich, der Text soll provokativ sein, und da kann man auch einmal Forderungen aufstellen, die keinen Sinn ergeben. Neben der Forderung, daß Abgeordnete nach dem (von der gbs festgelegten?) Sinn des Volkes abstimmen sollen statt nach ihrem Gewissen, fordert er noch

Firewall gegen Dogmen, Doppelmoral und Diktaturen

Er benutzt Analogien aus der IT, also nicht wundern, es geht um ein gesellschaftliches System für das 21. Jahrhundert.

Leider bleibt er dann den Entwurf auch schuldig. An sich logisch, denn wie könnte ein System ohne Dogmen auskommen, also ohne feststehende Vorentscheidungen, die nicht relativiert werden? Die Menschenrechte könnten so etwas darstellen, wollte man ein sälulares System formulieren. Das will er aber offenkundig nicht. Alles was er tun will, ist zu polemisieren: Hier die Religionen, die für alles Leid auf der Welt verantwortlich sind (ohne Belege zu nennen, er suggeriert nur) und af der anderen Seite die Möglichkeit, ohne Religion viel besser und in größerer Eintracht zu leben.

Man beachte, daß er auch hier nur suggeriert, daß das möglich wäre, ohne eine tatsächliche Alternative anzubieten. Die müßte sich dann der Kritik stellen und wer weiß, vielleicht ist er sich dessen bewußt, daß er auch kein konkretes System anzubieten hätte, das den einzelnen Religionen überlegen wäre.

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3 Kommentare zu Geh doch rüber

  1. Mit der Universität meint er natürlich, dass die Theologie nicht dorthin gehört, weil sie keine Wissenschaft sei. Freilich verwechselt er dabei Religion mit Theologie. Und er hat offensichtlich keine Ahnung, was an einer theologischen Fakultät geschieht.

  2. Ich bin mir da nicht so sicher. Denn der aus seiner Sicht fragwürdige moralische Kompass der Religion scheint ja (zumindest bei Kitas und Schulen) für Indoktrination zu stehen. So wie ich die (neu-) atheistische Lehre verstanden hab, geht es beim Theologiestudium jedoch nicht um Indoktrination, sondern um Ausbildung der Indoktrinatere (sagt man das so?). Deshalb irritierte mich die Aufzählung mit den beiden anderen Einrichtungen. Daß er beides ablehnt, ist klar.
    Bei Disput Berlin sagte er, ein Theologiestudium sei ein Rhetorikstudium (so viel Rhetorik hatte ich bisher nicht, nur so an die 0 SWS). Aber es fällt mir schwer mir vorzustellen, daß er wirklich keine Ahnung hat, man informiert sich doch schon alleine als Vorbereitung, wenn man in eine Diskssion einsteigt.
    Das die daraus gewonnene Erkenntnis dann nicht in die eigenen Thesen eingebunden wird ist klar, würde ja das Ganze relativieren, und dann wirkt es nicht mehr so schön.

  3. In Nazizeit waren 98 % Christen. Auch katholischer Hitler glaubte an Schöpfer, Heiland, zudem das Luther (dank Hass/Hetzreden) großer Mann war.

    Heute stimmt die Zahl 2/3 Mitglieder in beiden Kirchen nicht mehr. 66 % war vor etlichen Jahren mal. Nach den Massenaustritten, dank Missbrausfälle usw. , fehlendem Nachwusch, mehr Beerdigungen, wie sonst was, kann das nicht mehr stimmen.
    Davon abgesehen ist die Masse uninteressierte Karteileiche. Interessierte würde ich an Pfarrgemeinderatsbeteiligung ausmachen. Aktivisten an den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern. sind einschließlich Amtspersonen, Vorstand, ca. 5 % . von Gesamtmitgleidern. Von diesen 5 % sind etwa 1/3 auf Linie Deutsche Evangelische Allianz.
    Berücksichtigt man die Leistungen die jeder Steuerzahler dafür erbringen muss, hängt die Sache sehr schief. Von Kirchensteuer werden bei Protestanen 80 % für die Besoldung der Amtspersonen ausgegeben, Verwaltungsaparat für diese kommt hinzu. Die ca 5 % Ausgaben für Soziales dienen vorrangig Kinderdressur. im Eigeninteresse Klerus. Vom Sonderwert irgendwelcher Extrabegasung merke ich nichts.
    Finzskandal Bad Dürkheim, anschließend Empfehlung zum Heiligen Rock zu pilgern.
    Es ist zu viel, was nur noch wie ganz normaler subkultischer Wahn erscheint.

    Weder die EU, noch unsere hiesige Jurisprudenz, beruft sich auf christliches Erbe.
    Religionswissenschaftlich betrachtet ist Religion ein uneindeutiger Begriff..
    Juristisch liegen die Dinge klar. Glauben an parteiische Glaubenswissenschaft (Bezeichnung Verfassungsgericht, Fall Lüdemann) zudem §66 UrhG, anonyme, pseudographische Texte, im Weiteren nicht greifbarer Person Gott, werden keine Klagen gegen Person Gott von Staatsanwälten bearbeitet. Begründung: Nichtexistenz Person Gott, alternativ unbekannter Aufenthalt. Eine staatliche Missionspflicht gibt es nicht.
    Es besteht für niemanden Glaubenspflicht, bzw. sich mit eindeutig Unbewiesenem , alternativ nicht Beweisbarem auseinanderzusetzen. Kinder sind rechtlich kein Eigentum. Ex- Bundespräsident Wulff musste auch in seiner Amtszeit von Pro Christ distanzieren.
    Bezüglich der Freiheit ist keine Grenzenlosigkeit. Fakt ist, dass mit Kirchenrecht die Menschenrechte, GG 1-20 verwirkt werden, angefangen mit Erbsündenlehre.

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