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Antwort an die Altbischöfe

Gestern haben die Altbischöfe Eduard Berger, Heinrich Hermanns, Jürgen Johannesdotter, Dr. Werner Leich, Dr. Gerhard Maier, Dr. Gerhard Müller, Dr. Theo Sorg und Dr. Ulrich Wilckens einen Offenen Brief an die Mitglieder der EKD Synode geschrieben mit der Bitte, die Begründung von §39 Pfarrdienstgesetz nicht mit dem Gesetzestext zu beschließen. Leider habe ich nirgends im Internet den Wortlaut der umstrittenen Begründung gefunden (danke evangelisch.de :(), jedoch ist es für mich auch nicht weiter wichtig.

Es geht im Großen und Ganzen, soviel geht as den zitierten Fragmenten und Erläuterungen hervor, um die Haltung der Kirche zu homosexuellen Partnerschaften bei Pfarrern. Mich interessiert hier mehr die theologisch-biblische Argumentation als die verwaltungstechnisch-juristische Umsetzung, denn ich studiere nicht Jura, sondern Theologie, deshalb möchte ich vor allem auf die theologische Argumentation der Bischöfe eingehen.

Ich habe mich in einem anderen Kontext (auch ein offener Brief, damals von Pfarrern an den Präses von Westfalen) schon einmal mit der Thematik befaßt, einige Argumente dürften relemäßigen Lesern (hab ich die überhaupt?) nicht fremd sein.

Die Altbischöfe steigen mit großen Worten in die Begründung ein:

Denn es geht dabei im Grunde um nichts Geringeres als um die Frage, ob evangelische Kirchen darauf bestehen, dass die Heilige Schrift die alleinige Grundlage für den Glauben und das Leben ihrer Mitglieder und für den Dienst und die Lebensführung ihrer ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrer bleibt, oder ob eine Landeskirche nach der anderen eine Angleichung an die in der Gesellschaft üblich gewordenen Lebensformen für so wichtig halten, dass sie dafür die Orientierung an der Heiligen Schrift aufgeben bzw. aufweichen.

Dabei wird unterstellt, die Heilige Schrift würde eine Lebensführng in homosexeller Partnerschaft ablehnen oder verbieten und die Zulassung von homosexuellen Partnerschaften im Pfarrhaus sei somit allein aufgrund einer bibelwidrigen Anpassung an den Zeitgeist erstrebt. Wichtig ist es mir an diesem Punkt festzuhalten, daß die evangelische Kirche kein bischöfliches Lehramt kennt, was also bedeutet, daß man der Vorannahme der Altbischöfe nicht blind folgen darf, sondern sie überprüfen muß, denn das Lehramt tragen wir alle.

Die Unterzeichner des Briefs führen drei Bibelstellen als zentral an:

Röm 1, 26f:

Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen.

1. Kor 6, 9f:

Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.

1. Tim 1, 10:

den Unzüchtigen, den Knabenschändern, den Menschenhändlern, den Lügnern, den Meineidigen und wenn noch etwas anderes der heilsamen Lehre zuwider ist,

Auf all diese Stellen bin ich im damaligen Artikel schon eingegangen. Interessant hier, daß keine Rede von den zwei Levitikusstellen die Rede ist, vielleicht sind die Bischöfe selbst zu sehr zeitgeistgesteuert, um sich hinter die dort geforderte Todesstrafe zu stellen? Denn bei ihren Verständnis der entsprechenden Stellen würde es dabei sicherlich auch um Homosexualität drehen, und dann wären sie durch die Bibel gebunden.

Die Altbischöfe nennen im Zusammenhang ihrer Begründung auch 1. Mose 1, 27f:

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.

Daraus leiten sie, wie ich sie verstehe ab, daß die natürliche Lebensweise die Lebensweise des Verkehrs von Mann und Frau ist. Provokativ könnte man fragen: Sind alleinstehende Menschen dann unnatürlich? Wie paßt das mit den Äußerungen des Paulus zusammen, daß es am besten wäre, alle wären wie er, nämlich ledig (1. Kor 7, 7)? Darin spricht Paulus davon, daß zwar nicht alle die Gabe haben, ledig zu bleiben, aber es doch gut wäre. Ist die von den Altbischöfen genannte natürliche Lebensweise vielleicht doch nicht so natürlich? Oder ist die Natürlichkeit vielleicht gar kein Kriterium? In Epheser 2,3 (kein authentischer Paulusbrief, aber immer noch Heilige Schift) ist die Rede davon, daß Menschen von Natur aus Kinder des Zorns waren. Und diese Menschen wurden gerettet, wohl gegen die Natur. Wieso also sollte die Natur ein Argument sein bei der Homosexualität?

Die Altbischöfe behaupten nun, daß zweierlei nicht möglich ist:

  1. Die Behauptung, es gehe nicht m verantwortungsvolle Homosexalität sondern Verkehr mit Lustknaben im Tempel.
  2. Die Behauptung, es handle sich um zeitgebundene Verbote wie das Predigtverbot für Frauen (1. Kor 14, 34f).

Die zweite Behauptung sei ausgeschlossen dadurch, daß nach 1. Tim 10 und 1. Kor 6 die Homosexellen vom Himmelreich ausgeschlossen wären, was anhand der Überprüfung des ersten Punktes noch gegenzuchecken ist. Doch bevor ich dazu komme muß ich noch einmal meiner Verwunderng Asdruck verleihen.

Hatten die Altbischöfe nicht weiter oben im Brief ihre Sorge ausgedrückt, die biblischen Normen werden verlassen zu Gunsten einer unbiblischen Anpassng an die moderne Gesellschaft? Wie können sie dann das Verbot der Frauenpredigt, wenn sie es denn so auffassen (ich kann nur ein Gebot darin erkennen, bei der Predigt nicht dazwischenzuquatschen) als zeitlich gebunden verstehen, das aufgrund der Nichtnennung bei 1. Kor 6 und 1. Tim 10 nicht gar so verbindlich ist? Sind die Altbischöfe gegen predigende Frauen? Dann sollen sie bekennen, was sie als Wahrheit erachten. Sind sie der Meinung, es handle sich um eine zeitgebundene Regulierung, dann bitte ich darum mir zu erklären, wie sie mit ihrem Bibelverständnis und der Hermenetik, die sie bei der Frage der Homosexualität an den Tag legen dazu kommen!

Nun zum ersten Punkt, der, wenn er fällt Punkt 2 gleich mitnimmt: Laut den Bischöfen schließt der Text in Röm 1 aus, daß bei 1. Kor 6 und 1. Tim 10 Tempelprostitution gemeint sei. Wenn ich mir die Texte ansehe, dann ist bei Röm 1 von Männern und Frauen die Rede, bei den anderen Stellen aber nur von Männern, nämlich Knabenschändern und Lustknaben. Es ist sehr fraglich, ob hier das gleiche gemeint sein kann wenn anderes geschrieben wird.

Alleine die Wortwahl läßt darauf schließen, daß es sich bei 1. Kor und 1. Tim um Abhängigkeitsbeziehungen handelt, in denen der Sex eine Rolle spielt. Knabenschänder sperren wir hete noch mit gutem Grund ein. Und auch bei Kindern und Jugendlichen, die sich prostituieren, verstehen wir dies nicht als Ausdruck ihrer sexuellen Selbstbestimmung, sondern als durch irgendwelche finanziellen oder sonstigen Zwänge begründet, die es abzstellen gilt, damit die Kinder Kinder sein können. Partnerschaftliche Homosexualität auf Augenhöhe unterscheidet sich davon in der Art, wie sich bezahlter Sex mit kleinen Mädchen von einer heterosexellen Partnerschaft auf Augenhöhe unterscheidet. Es fällt mir schwer nachzvollziehen, warum die Bischöfe das nicht sehen.

Zu Röm 1 sei noch einmal auf meinen anderen Artikel verwiesen. Damals schien es mir so, als seien dort eigentlich heterosexuelle Menschen gemeint. Eine andere Erklärung könnte sein, was man aus Therapien öfter hört: Ein Umfeld macht krank und führt dazu, daß einzelne Menschen krank werden, die für das Umfeld nicht verantwortlich sind. Ein Chemieunternehmen verpestet die Luft und die Anwohner, die nix dazu können, bekommen Asthma. Die Menschen verheren die Geschöpfe statt des Schöpfers und darafhin werden einige homosexuell, nicht aus Schuld, sondern als Symptom für die Sünde in der Welt. Die Auslebung der Homosexualität ist – so verstanden – auch keine Sünde.

Festzuhalten bleibt, daß Paulus an keiner Stelle dezidiert sagt: Homosexuelle Handlngen bringen einen in die Hölle. nd auch sonst in der Bibel steht das nicht.

In diesem Sinne kann ich die luthersche Warnung nur an die Altbischöfe zurückgeben: Das Wort sie sollen lassen stahn!

Zu guter Letzt möchte ich auch hervorheben, wo ich mit den Bischöfen übereinstimme: Die freie Gesellschaft muß nicht nur die Ansicht der Befürworter zulassen, sondern auch die der Gegner, beides möglichst ohne viel Polemik (ich hab versucht mich zurückzuhalten in meinem Artikel). Ich stimme den Altbischöfen zu, daß ein Ausschluß von der Ordination nicht bedeutet, man spreche die Menschenwürde ab. Viele Nichtchristen oder auch Angehörige anderer christlicher Konfessionen können nicht ordiniert werden in der evangelischen Kirche, ohne daß dies ihre Menschenwürde antastete.

Und dann hat der Brief noch eien Nachsatz, der so völlig aus allem rausfällt:

Im übrigen sollten Sie auch ernst nehmen, dass mit der Annahme dieses Pfarrdienstgesetzes im Sinne der „Begründung“ jeder Fortschritt zu ökumenischer Gemeinschaft mit der katholischen und den orthodoxen Kirchen sowie auch mit einigen lutherischen Kirchen in der Welt blockiert sein würde.

Ich unterstütze die Ökumene aus vollem Herzen, doch kann ein schwererer Stand in den Gesprächen kein Grund sein die eigene Ordnng zu ändern. Grund kann nur der Wille Gottes sein, den Er in der Heiligen Schrift und durch den Heiligen Geist offenbart.

Daher wundere ich mich über die Maßen, daß Bischöfe der lutherischen Kirche(n) überhaupt den Gedanken fassen können, der Konsens mit Rom und den orthodoxen Kirchen seien ein Argument für oder gegen eine Entscheidung, zmal sie sich in dem Brief schon so sehr auf die Bibel berufen haben. Man bedenke, wenn Luther den Konsens mit Rom über die Bibel gestellt hätte!

14 thoughts on “Antwort an die Altbischöfe

  1. Grund kann nur die Erde, aktuelle örtliche Verfassung (Menschenrechte, Landesrechte) sein.
    Im speziellen auch die WHO = Weltgesundheitsordnung. Berufsmäßige unerlaubte Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung (Heilpraktikergesetz /HeilprG) ist ohnehin untersagt.

    40 Kultusbücher, 10.000 Glaubensparteien, sind den jeweiligen Theaterregisseuren., Ritualmeistern, …mit samt Staubgöttern behalten.

  2. Noch ein kleiner Kommentar zu Röm 1,26ff. Diesem offensichtlich höchst emotionalen Ausbruch eines aufgebrachten Paulus würde ich keinen allzu tiefen theologischen Reflexionsgrad unterstellen.
    Ansonsten teile ich das Argument, dass Paulus sich hier nicht auf homosexuelle Praxis im Allgemeinen und erst recht nicht auf ernsthafte und liebevolle homosexuelle Partnerschaften bezieht.

  3. Danke für deine Mühe, deine Argumentation darzustellen. Mir scheint, dass man genauso gut, wie du hier für die eine Seite argumentierst, für die andere Seite argumentieren kann. Das Problem deucht mir weniger ein exegetisches, denn ein hermeneutisches. Das überzeugendere Argument ist vermutlich nicht das exegetisch bessere, sondern das, welches mit den eigenen Voraussetzungen besser übereinstimmt. Eine für mich tatsächlich überzeugende Argumentation müsste also anders ansetzen (ich finde allerdings, dass du schon deutlich überzeugender angesetzt hast als Christopher. 😉 ).

  4. @Christopher:
    Ich halte Röm 1,26ff nicht für einen Ausbruch, dafür argumentiert Paulus zu sehr und zu stringent. Das ist schon gut überlegt, aber Paulus benutzt die Homosexualität als Beispiel, man erkennt seine persönliche Einstellung vielleicht. Aber in dem Text geht es nicht um Homosexualität, folglich wird sie auch nicht verurteilt, insofern kann man ihn auch nicht heranziehen, wenn man im Sinne eines Verbots der Homosexualität argumentieren will, wie die Altbischöfe es tun. Ich finde persönlich allein die Levitikusstellen geben es her, in diesem Sinne herangezogen zu werden, zumindest wenn man sie übersetzt, wie es traditionell gemacht wurde. Tatsächlich ist es jedoch so, daß die hebräische Fassung der fraglichen Verse viele Rätsel aufgeben, was auch der Titel eines Aufsatzes, den ich vor kurzem dazu gefunden habe, zm Ausdruck bringt: „Who is doing what to whom?“ Nichts davon ist bisher eindeutig geklärt, da ist es schon ein starkes Stück, sich auf die Bibel zu berufen, wie es die Altbischöfe tun.

    @Johannes:
    Ja, es stimmt, das Thema ist sehr emotional und ich bin mir dessen bewußt, daß ich ständig Gefahr laufe, nach meiner Vorüberzeugung zu urteilen und nicht nach Argumentlage. Allerdings fand ich den Brief der Bischöfe schon sehr schlecht in seiner Argumentationslinie, die biblischen Stellen kamen mir eher vor wie das Feigenblatt, das verdecken soll, daß es vielleicht doch eher um kulturell konservative Ansichten geht, und weniger um die Bibel. Interessant fand ich in dem Zusammenhang wie gesagt den Hinweis auf die Ökumene: Wenn wir uns bei der Rechtfertigung und dem Abendmahlsverständnis auf die Bibel stützen und keine Rücksicht af katholische Ansichten nehmen, wieso sollten wir es bei der Homosexualität plötzlich anders machen?

    Ich denke auch, daß es durchaus auch exegetische Argumente gibt. Gerade die Levitikus Stellen sind doch sehr seltsam formuliert: Wieso steht da nicht zweimal Isch, wenn es um den Verkehr von Mann mit Mann gehen soll? Warum steht kein „ki“ beim „Bettlager/Verkehr der Frau“? Es gibt ja keine Vergleichspartikel, was wenn man „be“ ergänzen würde statt „ki“? (Das alles jetzt nur mal aus dem Kopf).
    Sicherlich gibt es dann auch noch das hermeneutische Problem, inwieweit Bibelstellen überhaupt verbindlich sind und wie man sie nun genau intepretiert. Wenn sich Mensche mti Augenkrankheiten dem Altar des Herrn nicht nähern dürfen, könnte man ja auch sagen, wir beiden Brillenträger dürfen keine Pfarrer werden etc, Du kennst die Diskussionen.
    Ich denke aber hier kann man schon auf der exegetischen Ebene die Überzeugung gewinnen, daß die Homosexalität nicht verboten ist (mir geht es jedenfalls so), so daß man in der Frage gar nicht erst über die Hermeneutik nachdenken muß.

  5. Hm, ich weiß nicht, ob man Exegese unter Absehung der hermeneutischen Problems betreiben kann, das scheint mir etwas blauäuig.

    Ich und einige andere, denen Ökumene wichtig ist, nehmen beim Abendmahl durchaus Rücksicht auf andere Konfessionen (nicht nur Katholiken). Das entspricht im übrigen auch dem neuzeitlichen Vorbehalt, dass ich die Wahrheit nie ganz „gepachtet“ habe. Warum also in dieser Frage anders verfahren? Auch in der Exegese ist die „Mehrheitsmeinung“ durchaus ein Argument.
    Dazu kommt, dass Ökumene hier nicht nur interkonfessionell, sondern auch intrakonfessionell verstanden werden muss. Der lutherische Weltbund steht vor einem Bruch.

  6. Ich sage ja nicht, man solle keine Rücksicht nehmen. Und sicher hat auch keiner die Wahrheit gepachtet. Dennoch sollten wir doch als Protestanten wissen, daß es nicht überall auf Mehrheitsmeinungen ankommt 😉
    Ich gebe Dir Recht, daß es sich hier m ein schwerwiegendes Problem handelt, und ich bin mir drchaus bewußt, daß der LWB vor einem Bruch steht (ich bin selbst zwar kein Lutheraner aber fühle mich auch nicht als außenstehend).
    Doch stehen alle evangelischen Kirchen auf dem Grund der Bibel, nd wenn wir ehrlich sind, ist es eben nicht die Lutherübersetzung oder irgend eine andere, sondern die ursprachlichen Texte, auf die es im Zweifel ankommt.
    Mehrheitsmeinung schön und gut, aber es muß auch immer wieder Minderheitenmeinungen geben, damit sich die Mehrheitsmeinung weiterentwickeln kann (niemand hat die Wahrheit gepachtet 😉 ). Ich frage mich immer, wo die Diskussionen auf Textebene sind. Ixtheo spuckt bei den AT Stellen um die 9-10 Aufsätze aus, die sich mit den Stellen beschäftigen. Es macht auf mich den Eindruck, als ob theologische Diskussion so gut wie nicht stattfindet (oder sie geht an mir vorbei), sondern vor allem (kirchen-)politische Diskussion. Und das kann es IMHO nicht sein.

    PS: Mir ging es weniger darum, inwieweit man Exegese ohne Hermeneutik betreiben kann, als vielmehr darauf hinzuweisen, daß man sich erst einmal ansieht, was im Text steht, um den gestritten wird. Und da steht eben nichts in der Art lo jalad isch et ha isch ki lo tob (oder ähnlich), sondern es tauchen Adjektive auf, die Männlichkeit beschreiben und es ist von einem Bettlager der Frau die Rede, es könnte aber auch der Geschlechtsverkehr mit der Frau sein etc. Mir ist das zu wenig, um davon abhängig zu machen, ob ich zustimmen kann einem potentiell von Gott ins Pfarramt berufenen Homosexuellen den Dienst zu verwehren, falls dieser seine Sexualität lebt. Jetzt hab ich schon wieder viel mehr geschrieben, als ich wollte… 😀

  7. Gott = gotisch Got-T = Erz = erets=Erde, u. a. auch Münze
    Geist = feuchte Luftbewegung, ist unverkäuflich
    Beides unbelebte Natur.

    Fundament Erde, haben arme unverständige Kinder des Zorns, Geheimniskrämer und Zauberlehrlinge, der kranken Sehnsucht, mit ihren Wunschträumen, lange verlassen. Sie schweben eher in irgendwelchens Wolkenkuckucksäulen, mit abgestandenem Atem. Reflexionsgrad des standortbedingtem Pinkelwasser, Manche stehen auf Bergen, glauben von dort aus den unendlichen Kosmos zu erkennen. Alternativ befinden sie sich in der Teufe – Tiefe, arbeiten dort nach Methoden des Methuslam, ohne GPS und Sauerstoffflasche. mit sprechendem Donnerbummbumm in Hohlorganen.
    Fiktiver Bigboss hat kein Gehirn mit graphischen Zeichen, auf Kultuspayrus/Papier offenbart. Vom Rettungswesen und von Heilkunst verstehen Zauberlehrlinge und Dichter in der Regel genausowenig wie von Rechtswissenschaft, Naturwissenschaft.
    Umsomehr verstehen sie vom stechen in Kultusfettich.

    Und wenn die HEeren Pseudowissenschaftler nicht gestorben sind, leben sie noch heute, mit Bekenntnissen, die keine Geständnisse sind, Behauptungen ohne Er/Beweis, ohne Urtext, Geschehenszeugen, amtliche und allgemeingültiger örtlicher Beglaubigung ihrer Erdichtung und Dichtung.

  8. Bin über einen Artikel auf evangelisch.de auf deinen Blogpost gekommen und möchte ein paar Sachen kritisch anmerken:

    Bei den betreffenden Stellen im 1Kor und im 1Tim kann man in der Tat nicht von Päderasten und Lustknaben auf Homosexuelle schließen (außer bei solchen, die beides betrifft). Da gebe ich dir recht. Ganz anders sieht es aber mit den Unzüchtigen (zu griechisch pornoi) aus, die in beiden Stellen genannt werden. pornoi umfasst alle sexuellen Handlungen, die außerhalb der legitimen Form stehen. In diesem Zusammenhang finde ich es folgerichtig von Röm 1 her auch Homosexualität darunter zu fassen. Denn homosexuelle Praktiken werden in Röm 1,26 als widernatürlich bezeichnet, als jenseits der Norm, die Gott für seine Geschöpfe gemäß seiner Schöpfungsordnung vorgesehen hat. Insofern ist die Natürlichkeit (physis) aus biblischer Perspektive auf jeden Fall ein Kriterium, weil sie von Paulus selbst ins Feld geführt wird.

    Das Argument mit der Ehelosigkeit von Paulus erschließt sich mir nicht. Wieso kann man von ihr aus schlussfolgern, dass dann auch jede andere sexuelle Orientierung legitim ist!? Da wäre ich sehr vorsichtig. Es ist schon schwierig von der Ausnahme auf die Regel zu schließen. Aber noch schwieriger ist es, von der Ausnahme auf alles und jedes zu schließen und zu legitimieren.

    Deine Auslegung von Röm 1 finde ich problematisch. Dem Argument, Homosexualität sei keine Sünde, sondern nur Folge der Sünde kann ich zwar logisch zustimmen, kann aber die daraus eröffnete Schlussfolgerung nicht teilen. Alles, was aus der Sünde geboren wird, ist Teil von ihr, ist Schuld vor Gott. Oder würdest du – das wäre wenigstens konsequent – auch sagen, dass „Ungerechtigkeit, Bosheit, Habsucht, Schlechtigkeit, voll von Neid, Mord, Streit, List, Tücke; Verbreiter übler Nachrede, Verleumder, Gotteshasser, Gewalttäter, Hochmütige, Prahler, Erfinder böser Dinge, den Eltern Ungehorsame, Unverständige, Treulose, ohne natürliche Liebe, Unbarmherzige“ (Röm 1,29-31) völlig unproblematisch ist und auch durch Pfarrer ausgeübt werden darf?

    Denn das ist der Kontext, in den hinein die Aussagen aus Röm 1 hineingestellt sind. Paulus geht es darum, die völlige Verstricktheit der Menschen in Sünde und Schuld zu offenbaren. Und hier spricht er eben auch von Homosexualität (unter vielen anderen genannten schuldhaften Äußerungen der Ursünde).

    Und da zieht auch das Argument nicht, dass Homosexuelle ja nichts für ihre Homosexualität könnten. In Röm 5 macht Paulus ja gerade deutlich, dass Sünde nicht nicht nur das individuelle Tun ist, sondern wir bereits von Anfang an in Sünde verstrickt sind durch die Sünde Adams, durch die die Verdammnis zu allen Menschen gekommen ist. So ist Sünde und Schuld sowohl etwas überindividuelles, was ungefragt über uns kommt, als auch etwas, was im innersten aus unserem Willen spricht. Christen, die homosexuell fühlen, werden vielleicht Zeit ihres Lebens mit ihren Gefühlen zu kämpfen haben. Hier wird das simul iustus et peccator greifbar, das wir ja auch bei Paulus finden (Röm 7). Sie sollten deswegen insbesondere den Gemeinden, ihrer Hilfe und Fürbitte, anbefohlen sein.

  9. Danke für die konstruktive Kritik. Stimmt, auf die Pornoi bin ich nicht eingegangen. Ich bin da sowieso skeptisch, denn die werden immer dann als Argument gebracht, wenn sonst nichts greifbar ist (beispielsweise auch immer wieder bei „Sex vor der Ehe“). Interessanterweise hat auch jeder gleich eine Definition für die „Unzucht“, die dem entspricht, was er argumentativ untermaern will.
    Eine biblische Definition von Pornoi ist mir bisher nicht bekannt, es wird scheinbar vorausgesetzt, daß jeder es weiß. Dann stellt sich die Frage, ob es vom kulturellen Kontext abhängt. Tut es dies aber, so müßte sich mit dem kulturellen Kontext (also dem Zeitgeist) auch die Definition verändern, dann wäre heute unter Pornoi etwas ganz anderes zu verstehen als damals.

    Im Röm 1 wird gesagt, daß der natürliche Verkehr mit dem unnatürlichen vertauscht wurde und es zu gleichgeschlechtlichem Sex kam. Ist dann aber die Natur das, was man von Natur aus fühlt? Wenn nun jemand homosexuell geboren wird – die Bibel sagt nicht, das gäbe es nicht – wie sieht es dann aus? Meint Paulus homosexuelle Abenteuer von heterosexuell verheirateten Menschen? Oder Menschen, die homosexuell leben und nie anders empfanden?
    Dann ist eben noch die Frage, wie das genau ist mit der Physis, denn sie wird eben bei Paulus auch negativ benutzt, wenn wir nach der Physis Kinder des Zorns sind. Demnach hätte Gott für uns nach der Schöpfungsornung auch die Verdammnis vorgesehen, und zwar von Natur aus und nicht wegen unserer Verfehlungen.

    Mal angenommen, es handelt sich bei Röm 1 tatsächlich um langjährige, verantwortungsvolle homosexelle Partnerschaften: Dann wäre die Lösung doch nicht, die Homosexualität aufzugeben, sondern den Götzendienst aufzugeben, der nach Röm 1 ja Ursache ist. Wenn Du mir nun zeigst, wo Homosexuelle anders als Heterosexuelle Götzendienst betreiben, dann bin ich auf Deiner Seite, die Götzendiener nicht ins Pfarrhaus zu lassen. Dann aber nicht aufgrund der Sexualität, sondern aufgrund des Götzendienstes, der ein Verstoß gegen das erste Gebot ist.
    Wenn aber die Homosexellen nicht des Götzendienstes überführt werden können, gibt es nach Röm 1 auch keine (sündige) Ursache für ihre Homosexualität, also ist Röm 1 in dem Fall hinfällig.

    Interessanterweise gibt es ja bei den frühen Kirchenvätern scheinbar auch keine Aufnahme von Röm 1 im Sinne eines Verbotes der Homosexualität. Ich finde immer nur Verbote von Prostitution (mit Jungen) und dergleichen.

  10. Das Grundanliegen von Exegese sollte sein, biblische Begriffe, wie eben auch das Wort „pornoi“ in ihrem damaligen Sinn zu begreifen und entsprechend auch die biblischen Aussagen auszulegen und ernst zu nehmen. Würden wir die Begriffe nach ihrer heutigen Bedeutung verwenden, dann wäre das eine klassische Form der Eisegese. Sucht man also nach der Bedeutung von pornos bei Paulus, so wird man seinen jüdischen Background nicht leugnen können und dann ist auch Lev 18,22 und 20,13 nicht weit.

    Natur ist das, was der ursprünglichen Doxa des Menschen entspricht, so, wie er von seinem Gott geschaffen wurde. Diese ist aber durch den Fall des Menschen beeinträchtigt. Davon sind auch die Gefühle nicht ausgenommen. Entsprechend kann auch Paulus in Röm 1,27 von der orexis schreiben, der Begierde bzw. dem Verlangen. Der hier beschriebene sexuelle Akt ist also eine beidseitige Gefühlsregung, die aber dennoch nicht der physis des Menschen entspricht. Es ist also verallgemeinert möglich, etwas zu tun, wobei ich mich gut fühle, es aber dennoch falsch ist.

    Auf die Frage, wie es sich mit Homosexualität verhält, die „angeboren“ ist, habe ich versucht in meinem Abriss über das Verhältnis von Erb- und Individualsünde einzugehen. Auf alle Menschen ist die Sünde Adams gekommen, die den Menschen in eine unendliche Distanz zu seinem Gott bringt. Er ist seines Heiles verlustig geworden. Diese Ursünde schlägt sich nun darin nieder, dass der Mensch nicht seiner ursprünglichen Bestimmung gemäß lebt, sondern als Sünder unter Sündern. Aus dieser ersten Sünde, des Gott nicht als Gott Anerkennens und des wie Gott sein Wollens, kommen all jene Dinge, die Paulus in Röm 1 aufzählt und die ich auch oben zitiert habe. Die Sündhaftigkeit ist dem Menschen somit angeboren. Und damit auch bestimmte Neigungen, Gedanken, Gefühle, etc.. Die Frage ist also gar nicht so weit weg von dem, was Paulus lehrt. Allerdings würde Paulus – auch im Blick auf Röm 5 – nie behaupten, der Mensch trage deswegen keine Schuld. Nicht gegen seinen Willen ist er Sünder, sondern dieser stimmt in das, was ihm von Adam überkommt, willig ein.

    Den Ausweg daraus eröffnet erst das Christusgeschehen mit seiner Befreiung aus der Gefangenschaft der Sünde. Der Christenmensch erfährt Vergebung der Sünde, auch der Erbsünde. Sie wird aber nicht weggenommen. Zeit seines Lebens wird er mit ihr zu kämpfen haben, wovon Röm 7 zeugt. Dies kann aber kein Grund sein, zu sündigen – das macht Paulus in Röm 6 deutlich. „Das sei ferne!“ Angewendet auf das Phänomen der Homosexualität, nehmen wir an einer angeborenen: Vielleicht Zeit seines Lebens wird ein homosexuell fühlender Mensch, der Christ geworden ist, mit seinen homosexuellen Empfindungen zu kämpfen haben, als einer Folge des Gefallenseins dieser Welt. Dieser ist aber kein Grund, dass er diese Gefühle in einer sexuellen Praxis auslebt. Damit würde er in der Sünde beharren, wovor Paulus warnt. Deswegen finde ich eben auch innerkirchliche Bewegungen, wie die HuK so gefährlich. Sie behaupten, praktizierte Homosexualität sei völlig normal, natürlich und von Gott gewollt. Damit sorgen sie gerade dafür, dass homosexuell fühlende Menschen jenen Kampf aufgeben, durch den jedes Christenleben (es wäre hier allerdings mehr als verkürzt, hier nur Homosexualität zu nennen) gekennzeichnet ist, die tägliche Reue und Buße. Es ist sein Kreuz, das der Christ zu tragen hat.

    Eph 2,23 ist hier gar kein Gegensatz – im Gegenteil! Nur wird eben das Wort physis hier in einem anderen Sinn im Vergleich zu Röm 1 verwendet. physis meint in diesem Zusammenhang die Natur des Menschen post lapsum, also unter der Sünde. Es ist quasi das negative Gegenstück zur physis in Röm 1, wo die physis die schöpfungsgemäße Bestimmung des Menschen meint, der er verlustig gegangen ist.

    Den anderen Ball bzgl. Ursache und Wirkung gebe ich gern in umgekehrter Form mal zurück: Auch wenn nach Röm 1 die Gottlosigkeit die Ursache ist (was sicher so richtig ist) – wieso sollten dann die Folgen dieser Gottlosigkeit unproblematisch sein? Also wieso sollte ein Mensch, wenn er Christ geworden, also nicht mehr gottlos ist, ein Leben führen, das dem nicht entspricht? Wie gesagt, ich finde es inkonsequent, wenn man meint, homosexuelle Praktiken könnte man ruhig beibehalten, aber „Ungerechtigkeit, Bosheit, Habsucht, Schlechtigkeit,…“ nicht. Im Gegenteil bedeutet das Gehören zu Gott auch eine Heiligung des Lebens und zwar in allen seinen verschiedenen Dimensionen. Es geht gerade darum, nicht wiederum etwas zu einem Gott zu machen, was einen vielleicht bisher beherrscht hat. Dazu fällt mir Luthers „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“ aus dem Großen Katechismus ein.

    Ob es in Röm 1 um „langjährige, verantwortungsvolle homosexelle Partnerschaften“ handelt, ist offen – das gebe ich zu (dass es Partnerschaften sind, die auf eigener Entscheidung und Wollen beruhen, wird aber durch das orexis und allelous in 1,27 deutlich). Aber ich glaube nicht, dass das tatsächlich der springende Punkt ist, auch wenn er gern in der Diskussion so stark gemacht wird (und zwar von beiden Seiten). Verurteilt wird der Akt an sich – unabhängig von der Häufigkeit und der Absicherung. Dieses Argument, dass die Partnerschaften möglichst auf Dauer und verantwortungsvoll sein sollen, zieht vielleicht im staatlich-gesellschaftlichen Kontext. Ein theologisches Argument ist das m.E. nicht.

    Ehrlich gesagt kenne ich die Kirchenväter zu schlecht, um darüber eine kompetente Aussage machen zu können.

  11. Es ist quasi das negative Gegenstück zur physis in Röm 1, wo die physis die schöpfungsgemäße Bestimmung des Menschen meint, der er verlustig gegangen ist.

    Und hier frag ich eben nach der Herleitung, wieso denn nn in Röm 1 die physis prae lapsum gemeint ist. Ich lese weder in Eph etwas von post lapsum noch in Röm etwas von prae lapsum.
    Ich sehe vielmehr hier die Gefahr einer Eisegese, daß hier reingelesen wird, was man vorher schon als feststehend ansieht, nämlich daß die physis in Röm 1 eine andere ist als in Eph 2, weil sie eben einmal von der eigenen Überzeugung her als gut, ein andermal als schlecht wahrgenommen wird. So kann man aber nicht vorgehen, will man klären, was mit physis gemeint ist. Entweder beschreibt die physis die Schöpfungsordnng, dann wären wir aber nach Eph 2 Kinder des Zorns schon prae lapsm, oder es handelt sich bei der physis um eine innerweltliche Größe, die gut und schlecht sein kann, aber eher kulturell geprägt ist. Fakt ist, daß es Paulus hier nicht um die Homosexualität geht, sondern um die Sündhaftigkeit des Menschen. Und so sollten wir IMHO diese Bibelstelle verstehen.
    Ausgehend von orexis und allelos würde ich noch nicht auf eine Partnerschaft schließen, mehr als der tatsächliche Akt (und das vorausgehende Begehren) wird damit nicht ausgedrückt, und das ist noch einmal ein Punkt: Promiskuität vs feste Partnerschaft, wobei man hier wieder vom derzeitigen Zeitgeist sprechen könnte, daß eine feste Partnerschaft vielleicht nur eine Forderung der modernen Gesellschaft sei, die zu einer anderen Zeit vielleicht gar nicht mehr gilt.
    Ich stimme dem zu, daß mit der Zugehörigkeit zu Gott eine Heiligung des Lebens gehört. Nur, was ist damit gemeint? Leben gemäß bürgerlich-konservativem Verständnis? Das ist grad mal vielleicht 300 Jahre alt, wenn überhaupt. Ich habe meine Zweifel, ob das der Maßstab sein kann. Desto mehr was Christus sagte: Liebe Goptt über alles und Deinen Nächsten wie Dich selbst. Solange sich ein Pfarrer daran hält, kann ich ihm nichts vorwerfen, ach keine Homosexualität. (und nein, es geht jetzt nicht zu sagen, daß der Gott nicht gefällt, der homosexuellen Geschlechtsverkehr hat, denn das würde schnurstraks zur Werkgerechtigkeit führen, und das so aufgestellte – menschliche – Gesetz wäre das, woran das Herz hängt, und nicht Gott selbst).

  12. Ich finde, der Kontext macht deutlich genug, dass physis in einem je anderen Sinn (prae und post lapsum) verstanden werden muss. Beide Stellen zeigen die Sündhaftigkeit der Welt im Allgemein und des Menschen im Besonderen auf.

    Im Eph betrifft das die Verse 2,1-3, die dem Jetzt des Gnadenstandes der Adressaten und des Absenders (V.4ff) gegenüberstellt werden (vgl. das δὲ in V.4). Es würde gar keinen Sinn machen, zu behaupten, die V.1-3 meinen die von Gott gewollte Schöpfungswirklichkeit. Sonst müsste man behaupten, die Sünde sei Teil der Schöpfung und damit auch der Zorn Gottes, der sich gegen die Sünde wendet. Dann würde mich aber die Begründung dafür interessieren. Außerdem: Wovon sollten sich sonst die V.4ff abgrenzen, wenn sowieso alles in Butter ist? physis kann in diesem Zusammenhang nur als das Wesen des Menschen unter der Sünde verstanden werden. Es ist das durch die Sünde veränderte Sein des Menschen, das gekennzeichnet ist durch das Totsein in den Sünden (V.1), durch Ungehorsam (V.2), Begierden des Fleisches und Willen des Fleisches und der Sinne (V.3). Hier ist nichts Gottgewolltes, sondern nur der Zorn Gottes über diesen Abfall der Menschen. Deswegen sind diese auch „Kinder des Zorns“.

    Umgekehrt gilt dies nun auch für Röm 1. Auch hier wird die Situation des Menschen unter der Sünde skizziert. Auch hier markiert durch den Zorn Gottes (V.18). Die Menschen haben Gott nicht als Gott anerkannt und gepriesen. Als Folge beschreiben die V.24ff einen Zusammenhang von Begierde der Herzen und der daraus resultierenden Unreinheit, das Schänden der Leiber und schließlich ab V.26 die als schändlich charakterisierten Leidenschaften, die sich in sexuellen Praktiken von Frau mit Frau und Mann mit Mann äußern. Hier wird nun deutlich gemacht, dass sie den natürlichen Gebrauch der Sexualität vertauscht haben mit einem un- bzw. widernatürlichen. Das Vergehen ist also, dass der natürliche, daher gute, richtige, Verkehr mit einem widernatürlichen, d.h. schlechten, falschen, Verkehr vertauscht wurde. Die physis ist also hier positiv konnotiert, im Gegensatz zur paraphysis, die Teil der Sünde ist. Der Gegensatz zwischen physis und paraphysis wäre nicht verstehbar, wenn es keinen tiefgreifenden Unterschied zwischen den beiden geben würde.

    Ich bin natürlich offen für Argumente, die mich von einer anderen Verstehensmöglichkeit überzeugen. Aktuell sehe ich aber eigentlich keine andere Möglichkeit, die Sinn (!) machen würde. Es ist ja an sich nichts außergewöhnliches, dass Begriffe in unterschiedlichen biblischen Büchern unterschiedlich gebraucht werden. Da ließen sich eine Fülle von Beispielen anführen. Daher ist es ja auch wichtig, sich über deren Inhalt im jeweiligen Kontext zu verständigen.

    [quote]“Fakt ist, daß es Paulus hier nicht um die Homosexualität geht, sondern um die Sündhaftigkeit des Menschen.“[/quote]

    Wo wir wieder am Anfang wären. Schade. Es geht Paulus um die Sündhaftigkeit – und um die Homosexualität, die aus dieser folgt – eine Äußerung der Sünde und mit dieser verbunden. Einfach zu leugnen, es gehe in Röm 1,26f um Homosexualität (sexuelles Verhalten unter Personen gleichen Geschlechts), widerspricht offensichtlich dem, was man dort lesen kann. Dann macht jedes exegetische Bemühen keinen Sinn, wenn man nicht will…

    Zu einem geheiligten Leben scheinen die in Röm 1,18ff genannten Vergehen jedenfalls nicht zu gehören. Ein geheiligtes Leben orientiert sich an Gottes Geboten, bringt Früchte des Geistes hervor und meidet, was Gott hasst. Letzteres gehört eben auch zur Liebe gegenüber Gott. Deswegen legt auch Luther die Zehn Gebote durch das „Wir sollen Gott fürchten und lieben“ aus. Und hierein fällt dann auch die Absage an homosexuelle Praktiken.

    Ob man das dann bürgerlich-konservativ nennen muss – keine Ahnung. Eine Standesfrage (Bürgerlichkeit) ist es jedenfalls nicht und beim Konservatismus müsste man fragen, worauf er sich bezieht. Ist es ein Wertkonservatismus, der sich auf Gottes Maßstäbe bezieht, dann ja. Aber an sich ist dieser Begriff zu allgemein, als dass man ihn dafür nutzbar machen könnte.

  13. Mir fällt grad was ganz andres auf:
    Die Götzendiener also entbrannten in gegenseitiger Begierde und taten was nicht richtig war etc. Damit nahmen alle Götzendiener an homosexuellen Handlungen teil. Aber heißt das auch im Umkehrschluß, daß alle, die an homosexuellen handlungen teilnehmen, auch Götzendiener und damit Sünder sind? Warm kommt die Homosexualität nicht in den Lasterkatalogen des Paulus vor? Wer sagt, daß es sich in Röm 1 um eine allgemeine physis handelt, und nicht um die der Betroffenen? In 1. Kor 11, 14 lehrt die physis, daß es eine Unehre ist, lange Haare zu haben. Ist das mehr als kulturelle Eigenart? Was ist dann mit Simson? Was ist mit den Nasiräern? Ordnet Gott an, was unehrenhaft ist für die, die Ihm ihr Leben widmen?
    In Röm 1, 28 lesen wir, daß die fraglichen TUN was nicht richtig/passend/korrekt ist, aber der Sünden sind sie VOLL, Paulus macht eine Unterscheidung: Voll von Sünde tun die Menschen falsche, lächerliche Dinge nd empfangen als Lohn die Schande, die diesem Tun in der damaligen Gesellschaft entspricht.
    Paulus mag die Homosexualität, als Angehöriger der damaligen Kultur, für unehrenhaft halten, wie auch das Tragen langer Haare für Männer, oder das Fehlen der Haare für die Frau. Deshalb kann er in den homosexuellen Handlungen eine Strafe Gottes erkennen für die Tatsünden, deren die Menschen voll sind, vorneweg die Götzenverehrng, und dann noch alles, was in Vers 28 noch aufgezählt wird, dessen die Menschen voll sind.
    Paulus hat damit jedoch nicht gesagt, daß die Homosexualität von Gott verboten ist. E setzt voraus, daß kein Mensch homosexuell verkehren will, weil dies nach seinem Verständnis unehrenhaft (aber eben nicht sündhaft) ist. Wir lernen hier etwas über seine persönlichen Ansichten zu homosexuellem Geschlechtsverkehr. Und es läßt sich sicherlich noch trefflich streiten über die Frage, ob Paulus nun auf Tempelprostitution anspielt, oder auf homosexuelle Liebesbeziehungen zwischen Gleichrangigen.
    Wie dem auch sei, bedeutet dies nun nicht, daß Gott die Homosexalität als Sünde auffassen würde, denn das steht eben nicht da. Statt dessen sind Begriffe im Text, die auf eine Bewertung gemäß des damaligen Zeitgeistes hindeuten, und ich habe Schwierigkeiten bei dem Gedanken, daß Gott sich vom Zeitgeist abhängig macht.

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