Homeschooling oder wozu braucht der „Starke“ den Staat?

Ich bin gerade auf nen Blogartikel bei der Freiheitsfabrik gestoßen, wo auf eine laufende Petition an den deutschen Bundestag in Bezug auf das Homeschooling hingewiesen wird.

Als Argumente für das Homeschooling wird in der Petition vor allem auf die Negativseiten (oder was dafür gehalten wird) öffentlicher Schulen eingegangen wie:

  • unzreichende Vermittlung von ethischen und moralischen Grundwerten
  • Gewalt und Mobbing
  • negative Sozialisation der Kinder
  • fehlende Lernfreude
  • sinkendes Bildungsniveau
  • Unfähigkeit der Schulen zur individuellen Förderung der Kinder
  • etc

Dem gegenüber wird das Homeschooling als DIE Methode dargestellt, die all das vergessen machen kann und außerhalb Deutschlands auch gut erprobt und erlaubt sei.

Ich will nun nicht in die Diskussion über Moralvorstellungen, amerikanische homeschooled Fundamentalisten (gerade im fundamentalistisch-christlichen Umfeld scheint mir dort Homeschooling beliebt zu sein) und dergleichen einsteigen. Meine Frage ist eine Gesellschaftliche:

Wenn die Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder selbst zu unterrichten, diese von der Schule nehmen, was passiert mit den Anderen? Bleiben sie zurück in der „Hölle“ der öffentlichen Schule? Werden Homeschooler weiterhin bereit sein für die öffentlichen Schulen durch ihre Steuern aufzukommen, wo ihre Kinder doch gar nicht mehr dort unterrichtet werden und sie das Geld auch im Haushalt gut gebraucht werden kann, da mindestens ein Elternteil wohl zu Hause bleiben und Kinder unterrichten muß und wie viele Familien können es sich heute schon noch leisten nur noch von einem Einkommen zu leben?

Es gibt Dinge, die hat der Staat im Kollektiv geregelt. Da gibt es einen Standard, der (oftmals mehr schlecht als recht aber immerhin) eingehalten wird und alle zahlen dafür. Das gilt für das Gesundheitssystem, für die Sozialkassen, für Polizei und Feuerwehr und dergleichen mehr. Und es gilt für die Bildung. Der Staat organisiert die Bildung und sorgt dafür, daß alle bis zu einem gewissen Grad daran teilhaben können (wir wissen, da liegt vieles im Argen, nichtsdestotrotz ist es so).

Dabei steht es jedem frei, ein Mehr zu erreichen, als der Staat bietet. Will man also mehr Versicherungsschutz, schließt man eine Zusatzversicherung ab und ist man vom Stoff der Schulen nicht überzeugt, so kann zu Hause durchaus Homeschooling als Addon zum Unterricht an der öffentlichen Schule durchgeführt werden (das geschieht auch häufig und nennt sich oft „Nachhilfe“).

Schwierig wird es bei solchen Systemen immer, wenn einzelne, die sich stark genug wähnen, die Belastung selbst tragen und bessere Ergebnisse erzielen zu können, sich aus dem System ausklinken, oder dies versuchen. Sie spalten damit die Gesellschaft auf. Die Probleme der Anderen sind nicht mehr ihre Probleme, weil sie ihr eigenes Süppchen kochen. Und so verwenden sie ihre Energie für ihr eigenes Süppchen, anstatt sich Gedanken um die Gesellschaft als ganze zu machen.

Das mag im Bereich des Homeschoolings so sein, aber auch wenn es um Privatpatienten geht. Für diese ist es auch eher nachrangig interessant, welche Probleme das Gesundheitssystem so hat, weil sie immer noch mehr bezahlt bekommen als die gesetzlich Versicherten. Man ärgert sich vielleicht, aber man spürt die Not nicht mehr so unmittelbar, und man ist deutlich weniger geneigt, selbst etwas zu tun, um für Besserung zu sorgen (wir leben in einer Demokratie, das heißt: Es ist ein Mitmachspiel). Ob dieses Tun nun im setzen des Kreuzes an einer bestimmten Stelle am Wahltag ist, oder sich auf Eintritt und Engagement in politischen Parteien oder auch NGOs erstreckt ist dabei nebensächlich. Hauptsache ist: Man ist Teil der Gesellschaft und verscht, diese insgesamt nach vorn zu bringen.

Das sehe ich aber beim Homeschooling gerade nicht, sondern es sieht für mich aus, wie eine Weltflucht. Behaltet Ihr Eure Probleme, ich steig jetzt auch und mach mein eigenes Ding. Damit leistet man Vorschub für die Entsozialisierung der Gesellschaft. Damit wäre die Gesellschaft an sich aufgelöst in viele kleine Inselchen, die nichts oder wenig miteinander zu tun haben, was unweigerlich zum Chaos führen würde, weil keiner mehr mit dem anderen spricht, keiner mehr bereit ist, einen Kompromiss einzugehen.

Homeschooling an sich mag nur ein Rädchen sein im Räderwerk, aber gerade die Schule ist doch ein unglaublicher Faktor für das Zusammenleben der Menschen. In der Schule triffst Du alle und mußt mit allen irgendwie umzugehen lernen. Beim Heimunterricht tust Du das nicht. Du kennst nur Deinesgleichen, kuckst nicht über den Tellerrand hinaus und kannst die Welt um Dich herum nach ein paar Generationen Homeschooling nur noch mit Befremden wahrnehmen. Und wenn keiner den anderen mehr versteht, bedeutet dies über kurz oder lang eben das Ende der Gesellschaft, was dann auch im Ende der staatlichen Strukturen sich niederschlagen wird, denn wozu noch der Staat, wenn jeder tut, was er für gut erachtet. Und so wird es darauf hinauslaufen, daß die Stärksten wieder ganz offen und ohne Einbindung und Kontrolle durch Gesellschaft und Rechtssystem herrschen werden. Die gesellschaftlichen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte wenn nicht Jahrtausende wären dahin und müßten wieder neu erkämpft werden.

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10 Kommentare zu Homeschooling oder wozu braucht der „Starke“ den Staat?

  1. 1000sunny sagt:

    Hallo,

    das meiste sind die üblichen Vorurteile von der „Entsozialisierung unserer Gesellschaft“ – da kannst Du in jedem Soziologiebuch blättern, da brauche ich nicht drauf eingehen.
    Hier ist ein nettes Lied, das diese Vorurteile parodiert:
    http://www.youtube.com/watch?v=II8dMK-CQFs&feature=player_embedded

    Die andere Frage finde ich aber sehr interessant. In den USA machen mittlerweile so viele Homeschooling (aus allen Schichten) und bekommen keine staatlichen Zuschüsse, dass für die öffentlichen Schulen pro Schüler ca. 10% mehr Geld verfügbar sein müsste (nach meinen Infos).
    Der Staat scheint diese aber nicht direkt umzulegen, sondern die Gelder an andere Stellen zu leiten. Das finden dort die meisten Homeschooler sehr fragwürdig.

    Hier noch eine Linksammlung von mir:
    http://freiebildung.wordpress.com/2009/06/22/linksammlung/

    LG
    1000Sunny
    (Ein Unschooler)

  2. bundesbedenkentraeger bundesbedenkentraeger sagt:

    Du meinst also, daß die Schule keine gesellschaftliche Funktion erfüllt, daß all die Konflikte, denen man dort begegnet und mit denen man umzugehen lernt die Schüler nur belasten?
    Was ist dagegen zu sagen, Homeschooling als Addon zum öffentlichen Unterricht zu praktizieren? Die böse Moral, die man an der Schule lernt? Die findet man überall in der Gesellschaft, der kann man nur entgehen, wenn man sich aus- und abgrenzt, möglichst wenig mit der Gesellschaft zu tun hat.

  3. Als Eltern möchte man – im Allgemeinen – seinen Kindern eine gute Bildung ermöglichen. Wenn man diese in der öffentlichen Schule nicht umgesetzt sieht, dann sieht man folglich auch den Aufenthalt in dieser Einrichtung als Verschwendung von Zeit, welche die Kinder ansonsten für gute Bildung nutzen könnten.

    Wenn du der Meinung bist, das eine bestimmte Nahrung dir nicht gut tut, wirst du dich wahrscheinlich auch nicht damit zufrieden geben, dass, wenn du gezwungen bist diese Speise zu essen, du ja danach – als Addon – ja trotzdem noch die Möglichkeit hast etwas anderes zu dir zu nehmen.

    Ich bin immer skeptisch, wenn jemand von gesellschaftlichem Willen, gesellschaftlichem Nutzen oder eben gesellschaftlicher Funktion spricht. Letztlich wird da meistens nur versucht, die eigenen Wünsche und Forderungen mit einem „höheren Ziel“ zu begründen. Letztlich kann „die Gesellschaft“ ja nicht widersprechen.

    Damit sind wir dann auch wieder bei Meinungen von ganz konkreten Menschen und mit welcher Berechtigung darf jemand seine Meinung anderen Menschen aufzwingen?

    Welche Funktion hat die öffentliche Schule deiner Meinung nach zu erfüllen? Und erfüllt sie diese auch? Erfüllen die Homeschooler diese Funktion schlechter, genauso gut oder sogar besser?

    Homeschooling nutzen nicht nur religiöse Fanatiker, sondern auch solche Menschen, die zwar mit der fachlichen Ausrichtung der öffentlichen Schulen übereinstimmen, die Qualität und Methodik aber als zu schlecht erachten.

    Und einige Homeschooler glauben auch, dass ihre Kinder durch Lernen im Leben, an unterschiedlichen Orten (Museen, Universitäten, Bibliotheken, Vereinen), beim Umgang mit vielen verschiedenen Menschen, unterschiedlichen Alters, Bildungsniveau und sozialer Herkunft besser sozialisiert und gebildet werden, als über Jahre kaserniert im immer gleichen kleinen gleichaltrigen Klassenverband.

    Man mag das anders sehen, aber warum sollten jemand einem anderen seine Meinung aufzwingen dürfen?

  4. bundesbedenkentraeger bundesbedenkentraeger sagt:

    Wenn jemand der Meinung ist, daß unser Bildungssystem schlecht ist, wieso ist er dann so egoistisch und kümmert sich nur um seine Kinder, anstatt sich politisch zu engagieren und das System z verbessern? Er kann sich auch sozial engagieren und ne eigene Privatschule gründen mit besserem System.
    Aber dieser egoistische Ansatz von wegen: Hauptsache meinen Kindern geht es gut, find ich irgendwie… unsozial.

    Beim Essen ist es ja auch so, daß man die Stoffe aufnimmt, die man einnimmt, ohne sie sich nochmal zu überlegen. Bei der Bildung kann man immer noch im Nachhinein überlegen, kritisieren etc. Insofern hinkt der Vergleich ach ein wenig.

  5. Wir würden in einer besseren Welt leben, wenn sich die Menschen zu allererst um sich selbst und den ihnen Nahestehenden kümmern würden, als ständig zu versuchen anderen Menschen ihre Vorstellung eines guten Lebens aufzuzwängen.

    Sozial handelt der, der anderen Menschen Möglichkeiten einräumt selbst zu wählen anstatt ihnen Handlungen vorzuschreiben.

    Menschen, die für die Freiheit zum Homeschooling eintreten, eröffnen bei Erfolg damit auch anderen diese Möglichkeit. Im Gegensatz zu den Befürwortern der Schulpflicht zwingen sie aber nicht den Weg, den sie für richtig halten, anderen auf.

    Wenn jemand der Meinung ist, dass eine bestimmte Methodik besser zum Lernen geeignet ist, ist es doch gut, dass er sie ersteinmal mit seinen eigenen Kindern ausprobieren kann. Wenn sie sich bewehrt, können andere sie übernehmen und auch den öffentlichen Schulen steht es frei von den gemachten Erfahrungen zu profitieren.

    Dieses Verhalten ist für mich sozialer – weil gewaltloser und verantwortungsbewusster – als der ständige politische Kampf, bei dem jeder versucht allen anderen seine Idealvorstellungen aufzuzwingen.

    Auch muss Homeschooling nicht zwangsläufig nur mit der eigenen Familie im eigenen Heim stattfinden (Auch wenn der Name dies suggeriert, weswegen es besser ist von Bildungsfreiheit zu sprechen).

    Viele Homeschooler tun sich zusammen und unterrichten ihre Kinder gemeinsam. Sie binden andere Personen ein, denen sie in bestimmten Fächern mehr Kompetenz einräumen als sich selbst. Sie nutzen gemeinsame Ressourcen, wie Räume, Literatur und Werkzeuge. Kurz: Sie gründen eine Schule. Nur dass dies ohne den ganzen bürokratischen Überhang geschieht und damit wesentlich kostengünstiger ist, was gerade Ärmeren eine bessere Bildung ermöglichen kann.

    Dieses freiwillige Miteinander ist für mich weniger egoistisch als das Bemühen jener, die alle Menschen in eine Einheitsschule zwängen, um ihre Vorstellungen einer Gesellschaft zu verwirklichen.

  6. bundesbedenkentraeger bundesbedenkentraeger sagt:

    Also lassen wir einfach die Bürokratie sein? Wieso dann aber für Homeschooling Werbung machen, wenn man einfach dafür votieren könnte, die Bürokratie für ne Schlgründung zu entrümpeln. Oder machen die ganzen Paragraphen doch Sinn?

    Mit dem Freiheitsargument könnte man im Übrigen auch ganz auf Schooling verzichten. Wozu den Kindern was beibringen, wenn sie bei Daimler am Band nur kapieren müssen wie sie eine bestimmte Schraube festziehen?

  7. Wenn jemand den Wunsch hat, dass seine Kind später nur kapieren müssen, wie sie „bei Daimler am Band […] eine bestimmte Schraube festziehen,“ dann wird er mit der öffentlichen Schule zufrieden sein (obwohl nach einigen Berichten der Industrie die staatlichen Schulen manchmal selbst dieses Niveau nicht mehr erreichen).

    Wem die Bildung seiner Kinder egal ist, überlässt sie zur Verwahrung auch weiterhin den öffentlichen Schulen.

    Jene aber, die ihren Kindern mehr ermöglichen wollen, die ihnen die Welt erklären und verstehen helfen wollen, sollte man meiner Meinung nach nicht daran hindern.

    Aber weil einige wenige Eltern das Potential ihrer Kinder nicht fördern wollen, soll gleich allen Eltern diese Möglichkeit genommen werden?

  8. 1000sunny sagt:

    Ich hab hier mal eine Geschichte geschrieben, die ich ziemlich passend finde auf die Idee „Der Schwache braucht den Staat“:
    http://freiebildung.wordpress.com/2010/05/29/2-enten-auf-dem-teich/

    Vielleicht schreibe ich auch noch etwas zu dem Punkt, dass alle, die Privatschulen gründen/sich leisten keine Egoisten sind, während alle, die ihre Kinder aus der Schule nehmen und sie in egalitären gegenseitig-unterstützenden-umsonst Netzwerken frei unterrichten Egoisten sind.

  9. Asma sagt:

    Als Mensch, der auch von etwas leben muss/will, verstehe ich das jeder sich um seinen Finanzen und seine Zukunft sorgt.
    Wer ist schon gern arbeitslos?
    Trotzdem habe ich kein Verständnis- als Mutter- wenn die Grundschhule sich bemüht so viel Schüler wie möglich in die befreundete Hauptschule zu übergeben, damit deren Schülerzahlen stimmen und niemand über eine evtl. Schließung nachdenkt.
    Klar würde ich als Mutter einer Gymasiasten schief schauen wenn ein jahrzehntelanger Hauptschullehrer mein Kind am Gym unterrichten will. Da frage ich schon nach der Qualifikation.
    Auch kenne ich Lehrer, die geflegt die Füße hochlegen weil sie nur noch wenige Jahre bis zur Pensionierung haben.

    Wenn es einfach und finanziell problemlos wäre mal eben selbst eine Privatschule zu eröffnen, würden das mit Sicherheit viele tun- auch ich- aber so ist es nun mal nicht.

    Aber es gibt da einen wundervollen Spruch: Konkurenz belebt das Geschäft.
    Wenn die Eltern nicht mehr gezwungen wären ihre Kinder in die „vorgegebenen“ Schulen zu schicken, sondern sie ihre Kinder auch daheim unterrichten könnten, würden sicher einige Lehrer mal in Bewegung geraten. Nicht nur das sie endlich mal wieder ihren Job machen, sie würden sich auch überlegen ob sie tatsächlich 30 Jahre alte Methoden anwenden oder mal frischen Wind in den Unterricht bringen.
    Solange ich aber keine Alternative habe, können Lehrer tun und lassen was sie wollen.

    Und seien wir mal ehrlich: Ein dummes Volk ist leichter zu regieren. Welches Interesse haben Politiker also daran, dass das Bildungsniveau steigt?
    Sie füllen sich die Taschen, das Volk interessiert sie nicht, eine Wahl ändert nichts und am Ende sind sie fein raus und das Volk… muss den Staatsbankrott ausbaden (siehe Griechenland)

  10. bundesbedenkentraeger bundesbedenkentraeger sagt:

    Die Lehrer, die beamtet sind, werden auch durch Konkurrenz nicht besser. Meist ist die Bezahlung der Lehrer an Privatschulen auch schlechter als an staatlichen Schulen, da muß man schon Idealist sein, glaub ich.

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