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Das Letzte zuerst…

Die römische Kirche hat zur Zeit ein mittleres Imageproblem, das ist bekannt. Durch das Thema Kindesmißbrauch durch Kirchenmänner (und Frauen? ach nee, geht ja nicht…) ist die Kirche in einer Art in den Medien präsent, die sie in keinem guten Licht dastehen läßt.

Natürlich fehlt es nicht an „Kirchenkritikern“ (ich würd eher sagen Kirchenbashern, weil Kritik hat was mit Abwägen und Bewerten zu tun), die nun die Gelegenheit beim Schopfe packen und mal so richtig abziehen über Sexualmoral der römischen Kirche, über Zölibat und was weiß ich noch. Es scheint da irgend so einen Reflex im Menschen zu geben, der auf diese Art funktioniert und somit den Fokus vom eigentlichen Thema nimmt: Es geht nicht um Zölibat oder Sexualmoral. Es geht um sexuelle Gewalt an Schutzbefohlenen.

All das wäre mir keinen Artikel wert, da ich mich zu dem Thema schon mehrfach geäußert habe und auch nicht sehe, daß die Kirchenbasher sich durch irgend etwas beeindrucken ließen, um zum Thema zurückzukommen. Nun habe ich aber bei einem Kirchenbasher, dessen Blog ich hin und wieder lese (fällt das jetzt unter know your enemy? als Feind würd ich ihn nicht bezeichnen) eine Verlinkung gefunden zu einer Äußerung des Bischofs von Regensburg, Herrn Prof. Dr. Müller. Und auch wenn es mich in den Fingern kribbelt, den betreffenden Artikel zu kommentieren, weil er wieder – typisch Kirchenbasher – Die Aussagen des Bischofs so verdreht, daß es in sein Weltbild passt. Ich denke, das führt zu nichts, deshalb lasse ich es hier.

Was ich aber tun möchte ist, mich mit den Äußerungen von Herrn Müller auseinander zu setzen. Diese sind zwar zum Großteil richtig (aus römischer Perspektive wohl alle, aber ich bin kein römischer Christ), aber ich frage mich nach den Beweggründen für solch eine Äußerung gerade zu dieser Zeit.

Bischof Müller geht nämlich nur am Anfang seines Textes auf den Kindesmißbrauch ein und fasst kurz zusammen, wie dieser aus christlicher so wie aus staatlicher Sicht zu beurteilen und zu verurteilen ist. Das ist jedoch nur der Einstieg in ein anderes Thema, der Auseinandersetzung mit den Kritikern. Da wird dann breit erläutert, daß viele Kirchenbasher nun die Möglichkeit ergreifen, auf die Kirche einzudreschen etc, naja, ich geb ihm ja im Grunde Recht. Auch die römische Sexualmoral ist mir nicht so fremd, auch wenn ich sie nicht in allen Punkten nachvollziehe, aber darum geht es mir im Moment nicht.

Er geht noch weiter auf das Thema ein und stellt eine christliche Anthropologie gegen die Atheistische, wie gesagt, viele der Aussagen würde ich so (oder ähnlich) mittragen.

Was ich mich allerdings frage ist: Wieso ist der Bischof so sehr damit beschäftigt, seine Kirche zu verteidigen? Und seine Lehre? Wieso kümmert er sich nicht zuerst um die Opfer? Wahrscheinlich hat er seine Gremien beauftragt, dies zu tun und vielleicht tun sie es auch mit Nachdruck. Aber es gab in letzter Zeit Berichte aus seinem Bistum, daß da einiges im Argen liegt. Und es gibt Hinweise, daß das auch noch vertuscht werden soll.

Angesichts dieser Umstände erwarte ich von einem Bischof, egal welcher Konfession, sich um Aufklärung zu kümmern. Alles hat seine Zeit, aber jetzt ist nicht die Zeit der dogmatischen Auseinandersetzung. Alles hat seine Zeit, aber jetzt muß erst einmal dafür gesorgt werden, daß aufgeklärt wird.

Es ist aus meiner Sicht eine grobe Fehlleistung, Anwälte zu beauftragen, damit Ruhe einkehrt. Und falls die Anwälte von Priestern und nicht dem Bistum angeheuert werden, dann erwarte ich, daß das Bistum dafür sorgt, daß aufgeklärt wird. Im Zweifel dadurch, daß es auf eingene Kosten den Anwalt der Gegenseite stellt. Man muß sich mal denken, was hier vorgeht: Jemand weist auf einen Mißbrauch hin und wird platt gemacht. Und sowas von christlicher Seite, ja von der Instanz, über die es in der Bibel heißt (Tit 1, 7-9):

Denn ein Bischof muss unbescholten sein, weil er das Haus Gottes verwaltet; er darf nicht überheblich und jähzornig sein, kein Trinker, nicht gewalttätig oder habgierig. Er soll vielmehr das Gute lieben, er soll gastfreundlich sein, besonnen, gerecht, fromm und beherrscht. Er muss ein Mann sein, der sich an das wahre Wort der Lehre hält; dann kann er mit der gesunden Lehre die Gemeinde ermahnen und die Gegner widerlegen.

Besonnen, beherrscht… erst mit gesunder Lehre die Gemeinde ermahnen (dazu gehören auch die Priester) und dann erst die Gegner widerlegen.

Wie beherrscht sind Abmahnungen gegen Kritiker? Inwiefern passen sie zur Maxime Jesu in der Bergpredigt (Mt 5, 38-41):

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.

In der bisherigen Umgangsform der römischen Kirche mit dem Bekanntwerden der Mißbrauchsfälle habe ich nicht viel bemerkt vom andere Wange hinschlagen. Oder Hemd geben. Oder zwei Meilen gehen. Man verteidigt sich, was verständlich ist, aber eben nicht weiterführt. Die Verteidigung kann warten, bis die Opfer versorgt sind, bis alle Opfer sich trauen, zu reden, und bis man einen Weg gefunden hat, mit den Schuldigen in der Kirche umzugehen (wie der Staat damit umgeht ist erst einmal Sache des Staates). Sicher gibt es Kirchengerichte, die sich damit befassen, und sicher gilt auch da erst einmal die Unschuldsvermutung. Aber es muß in der Kirche doch auch gelten, daß man den Armen und Entrechteten, den Geschundenen beisteht. Und es kann doch nicht sein, daß die Geschundenen sich nicht trauen, sich zu offenbaren, weil diejenigen, die ihnen helfen sollten, sie bedrohen.

Der Bischof kämpft gegen die atheistischen Anfeindungen des Glaubens, oder der speziellen römischen Ausformungen in diesem Fall. Dabei vergißt er den anderen Gegner innerhalb seiner eigenen Kirche. Zumindest wird es nicht klar, wie mit den Betroffenen innerkirchlich umgegangen wird. Es gibt Instrumente, damit umzugehen. Was aber noch schlimmer ist: Diejenigen, die der Kirche nicht ganz so nahe stehen, können nur eine Lieblosigkeit gegenüber den Opfern feststellen, denn wenn der Bischof „nur“ betet für die Opfer, dann sieht das keiner und weiß es keiner. Ich würde mir wünschen, man verhielte sich mehr nach Sprüche 27, 5:

Besser offener Tadel als Liebe, die sich nicht zeigt.

Damit ist nicht Tadel an denen gemeint, die gegen die Kirche aussagen, für die gilt weiterhin der Spruch mit der anderen Wange. Und das ist wohl auch der Grund, warum so viele Menschen auf die Kirchenbasher in den Medien hören: Weil die Liebe der Kirchlichen zu den Menschen und besonders den Opfern ihres Klerus nicht erkennbar ist.

Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe.

So steht es in 1. Joh 4,8. Und welche Relevanz hätte eine Kirche, die Gott nicht erkannt hätte? Das fühlen die Menschen, denn das Gesetz Gottes ist ihnen ins Herz geschrieben (Röm 2,15). Umgekehrt ist es aber doch auch so, daß

Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind (Röm 8, 28)

Nimmt man das ernst, dann kann der römischen Kirche, wenn sie die Mißbrauchsfälle mit Liebe zu den Opfern und nicht mit Selbstliebe und Angst um ihr Bild in der Öffentlichkeit behandelt, gestärkt aus der Geschichte hervorgehen. Indem sie sich, wie es sich für Kirche gebührt, an die Seite der Opfer stellt. Nicht indem sie zeigt, welche Macht sie medial oder in den Gerichten der Welt entfalten kann. So fordert es auch der Apostel Paulus im Brief an die Galater Kapitel 6, 9.10:

Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun; denn wenn wir darin nicht nachlassen, werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist. Deshalb wollen wir, solange wir noch Zeit haben, allen Menschen Gutes tun, besonders aber denen, die mit uns im Glauben verbunden sind.

Die Opfer wären nicht Opfer geworden, wenn es nicht eine Verbindung im Glauben gegeben hätte, zumindest über die Eltern. Und die Täter stellen durch ihr Tun ihren Glauben in Frage, weil sie sich nicht an der Liebe orientieren. Ich will nicht sagen, daß sie ungläubige sind, aber allemal Sünder, die natürlich auch der Vergebung bedürfen, wie alle Sünder, die aber zuerst einmal umkehren, Buße tun müssen.

Die Opfer hingegen, die von der Kirche scheinbar bedrängt werden, haben keine Schuld auf sich geladen durch die Verbrechen, die ihnen widerfahren sind. Diese Binsenweisheiten muß man sich ins Gedächtnis rufen um zu begreifen, was die Kirche tut, indem sie sich auf das Spiel der Medien einläßt in der Diskussion um den Zölibat und die Sexualmoral. Dies zu tun bedeutet, das Letzte zuerst tun. Erst die wahre Lehre vertreten, und dann danach handeln. Dabei täte es Not, danach zu handeln, und dann, im Nachgang, vielleicht gar nur auf Anfrage hin, zu erklären, warum man so gehandelt hat und nicht anders.

Das würde den Opfern gerecht werden, das würde den Medien die Munition nehmen, und vor allem: Es stünde im Einklang mit dem Evangelium.

2 thoughts on “Das Letzte zuerst…

  1. Sicher ist nur, dass die Täuschungen der Kirchen, die kaum prüfen und vergleichen, im Eigeninteresse behaupten, weniger Sicherheit wie der Staat bieten.
    BigBoss (Sternenstaub, Atmosphäre) hat nie etwas gesagt. Allwissender Blödmann der in Herzen schrieb, (Röm 2,15). kannte keine Anatomie (Gehirn) und manches Andere nicht. l
    Ausgenommen Echo in den Bergen, Nachhall im Berg (Burg) folglich unter dem med. Felsenbein. Kupferspiegel, nichts gewesen.

    Bibel (unterschiedlich kanonisiert, kein Urtext, nicht von Geschehenszeugen) ist zunächst grundsätzlich kein Gesetzbuch für mich. Ursächlich gab es auch kein Evangelium. Es hieß Botschaft. Botschaft = Lehre = Regen, Tau, schlicht Wasser in der Wüste. Fett der Erde sind Pflanzen, aber auch Tiere.

    Es ist Wandel, Wechsel, nichts Neues.

    Mit den Kultsprüchen, wahren Glaubenslehren, ob hü oder hott argumentieren, habe ich mir weitgehend abgewöhnt. Es zählen Menschenrechte, u. a. auch Kinderrechte. Sündenfabrik gehört dem Glaubenskult.

    Trotzdem zu Bergpredigt (Mt 5, 38-41)
    Die alte Interpretation findet sich meines Wissens bei konservativen Katholiken, Evangelikalen, ZJ, etc.
    Bezug zum Tanach ist jüdisch jedenfalls anderes Verständnis gewesen.
    Es ging um Ausgleich, Wiedergutmachung. Das manche Gesetze nicht mehr nachvollziehbar sind, steht auf anderem Blatt. Aber das gilt ebenso für christliche Überlieferung. Mein Exschwiegervater (Calvinist) hat bspw. der Jesus unterstellte Selbstverstümmelungsauftrag ernst genommen. Ergebnis: Jahrelanger Aufenthalt in geschlossener Psychiatrie.
    Zu Glaubenslehren, bis Nottaufe, ist wahrscheinlich mehr Info wie zu Möglichkeiten, wie Kinder sich schützen können.
    Ich selbst war Anfang 60er – Anfang 70er betroffen.
    Lehrer wussten, Caritas (Elternberatungstelle) angerufen, ob die auch Kindern helfen, hieß es 9 Monate Wartezeit. Ich äußerte damals resigniert: Bis dahin bin ich tot, legte auf.
    Ich hab´s überlebt, brauche keine geheimiskrämerischen Glaubenslehre mehr.
    Allenfalls interessiert noch, wie alles tatsächlich werden konnte, wie es wurde.

    Gefühle schaffen Botenstoffe, Hormone im Gehirn, über Nahrung, Bewegung, verbale Wiederholungen. Ob ich tanze und singe: „Es ist noch Suppe da“ oder„Getreue Führer gib uns Gott zu Hilf in unsrer großen Not Herr, dessen Allmacht alles kann nun führ du selbst dein Werk voran“, Kirchenlied, Riethmüller“
    ..kann beides Opium fürs Gehirn sein. Ohne Manipulation ist nichts.

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