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Jaron Lanier und die Internetreligion

In den letzten Tagen trat Jaron Lanier mit einem Interview und einem Essay in der Online Ausgabe der FAZ auf, ähnliche Aussagen macht er bereits 2006 bei SPON, wie ich bei Martin Recke erfuhr.

Wie bei Georg Klein und Martin Recke erwähnt, gibt es zwar etwas Diskussion zu den von Lanier vorgebrachten Thesen, allerdings nicht gerade übermäßig viel, und meist wird auch wie bei Marcel Weiss auf den Vorwurf der Kostenoskultur eingegangen, also nochmal die Argumente vom letzten Jahr rausgekramt als gewisse bundesdeutsche Kreise (und nicht nur dort) versuchten, das Netz als Hort notorischer Raubkopierer zu brandmarken.

Der netzwertig-Artikel von Marcel Weiss geht die Vorwürfe Stück für Stück durch und macht einen guten Job bei der Widerlegung. Der andere Aspekt, der mit der Internet-Religion, schient mir jedoch etwas stiefmütterlich behandelt zu sein, außerdem interessiert er mich mehr als die Debatte darum, ob man nun einsehen will oder nicht, daß alte Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren, ob man das nun toll findet oder nicht, ob man versucht den Status Quo durch gesetzliche Maßnahmen zu schützen oder nicht, ob diese noch irgendwo verhältnismäßig sind oder nicht (ja, es reizt mich dann doch in den Fingern noch ein paar Worte dazu zu sagen, aber ich werd mich jetzt beherrschen).

Die ganze Religionsgeschichte hat mit dem Schwarm zu tun, den Lanier als negativ erfährt. Bei Wikipedia wird eine Durchschnittsmeinung als Wahrheit verkauft, und auch sonst setzt sich der Mittelwert durch im Schwarm, der sich gegen Abweichler auch zum Mob entwickeln kann (wer jemals in einem Forum etwas kontrovers diskutiert hat, dürfte wissen, wovon ich rede). Ich glaube nicht, daß das Problem von Lanier Meinungsvielfalt ist, wie Marcel Weiss schreibt, sondern viel eher die Etablierung einer Autorität ohne Namen, die später quasi gottgleich die Wahrheit verkündet. Im SPON INterview von 2006 kommt es meiner Meinung nach am Besten um Ausdruck, was er meint. Vielleicht auch deshalb, weil damals die Debatte um die Kostenloskltur noch bevorstand und man sich auch auf andere Punkte konzentrieren konnte.

Er sagt dort, daß ein Schwarm war einen Preis festlegen könnte, wie dies im Markt der Fall ist, daß aber der Schwarm selbst keine Meinung formulieren sollte. Gerade die Idee der überlegenen Meinung des Schwarms, bzw. des überlegenen Wissens begegnete mir gerade letztes Jahr bei der Piratenpartei in Wahlkampf und Forum. Und auch die etablierten Parteien scheinen vor allem auf den Schwarm zu bauen, so kommt es mir jedenfalls vor. Denn ich werde das Gefühl nicht los, daß sie nicht das vertreten, was sie für richtig halten, sondern das, was der Schwarm, also das Wahlvolk, für richtig hält.

Und wir merken: Schwärme gab es schon immer. Das Internet als neues Medium hat dem Schwarm lediglich bessere Organisationsmöglichkeiten gegeben, bessere Vernetzung als früher die Presse, zum Beispiel BILD.

Und schon ist der Schritt vom Schwarm zum Mob ein Kleiner. Und noch etwas wird offenbar: Ein Schwarm ist manipulierbar. Auch das kritisiert Lanier, wobei ich seine Kritik nicht als besonders gelungen erachte. Google hat sich am Markt durchgesetzt, und eine neue Suchmaschine mit besseren Angeboten könnte Google stürzen. Es ist auch nicht so, daß Google Geld verdient während alle anderen kostenlos arbeiten. Wer Geld will für das, was er im Netz veröffentlicht, muß selbst sehen, daß er es bekommt. Googles Wert liegt ja nicht in den Inhalten, die es heraussucht (nach welchen Kriterien auch immer, das wäre ein anderer Artikel), sondern darin, daß es Inhalte heraussucht. Jedes Verzeichnis kostet und kostete Geld und hat einen Mehrwert gebracht. Diesen Mehrwert läßt sich Google wohl relativ gut bezahlen, durch die Werbung. Es steht jedoch jedem offen, es Google nachzutun und auch reich zu werden.

Neben Google gibt es aber andere Kontrolleure des Schwarms. Auch Wikipedia gehört dazu, denn was in der Wikipedia steht, ist für viele Menschen (bei weitem nicht alle) wenn nicht die Wahrheit, dann doch schon sehr nahe dran. Wer also die Wikipedia kontrolliert (und die Relevanzdebatte rund um Mogis hat gezeigt, daß man über die Art der Kontrolle geteilter Meinung sein kann) hat ebenso wie Google eine gewisse Macht. Nur unterscheidet es sich nicht besonders von der Macht, die die alten Medien hatten und zum Teil immer noch haben. Wer zweifelt schon groß an dem, was die Tagesschau berichtet? Oder an den Brockhaus Artikeln? So wie es schon immer Schwärme gab, gab es auch schon immer welche, die den Schwarm kontrollierten, ob durch Qualitätsjournalismus, Hetze oder Gewaltandrohung.

Also auch hier: Nichts Neues unter der Sonne.

Der Schwarm mag seine Vorteile haben, so gibt der Schwarm der Gesellschaft vor, was gesellschaftlich akzeptabel ist und was nicht. Veränderungen in den Akzeptanzsystemen können dann schon kleinen Revolutionen gleichkommen, wie in den späten 1960ern und 1970er Jahren, als die junge Generation alte Traditionen in Frage stellte oder über Bord warf und dafür neue Traditionen implementierte. Früher gehörte es sich nicht, lange Haare zu haben (als Mann), heute gehört es sich nicht, Abfall nicht zu trennen. Und der Schwarm sorgte damals wie heute für die weitgehende Einhaltung der Norm.

Wenn man da an den „Muff von tausend Jahren“ denkt kommt dann auch gleich der Bezug zu früheren Regierungen auf, wo der Schwarm stärker kontrolliert wurde (Kaiserreich) oder mit Gewalt unterdrückt (Drittes Reich).

Das Problem ist, die Kinder so zu erziehen, daß sie alles in Frage stellen: Den Schwarm, die Tagesschau, den Lieblingsbolg, und die Reihenfolge der Treffer bei Google. Der Schwarm mag zwar ein Stück weit Demokratie sein, die Mehrheit setzt sich durch (oder derjenige, der am penetrantesten seine Version der Wahrheit bei Wikipedia wiederherstellt). Aber Demokratie ist nicht alles. Wichtig ist bei aller Demokratie auch, daß die Menschen, oder wenigstens eine breite Mehrheit der Menschen freie Geister sind, die auch Andersdenkende zulassen können und nicht die absolute Konformität einfordern.

Denn ein Schwarm, in dem keiner mehr abweichen kann, ist entweder geschlossen hinter einem Schwarmkontrolleur (und das führt über kurz oder lang mit Sicherheit in den Abgrund), oder er bewegt sich gar nicht mehr und ist tot.

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